Beiträge zur neueren
Geschichte Thüringens
Georg Mentz, Historische Kommission für Thüringen
1
i
1
I
(
Digitized by Google
Johann Friedrich
der
Grossmütige
1503—1554
Erster Teil
Johann Friedrich bis zu seinem Regierungsantritt
1503— 1532
Festschrift
zum 400 jährigen Geburtstage des Kurfürsten
namens des Vereins
für Thüringische Geschichte und Aitertumskunde
herau8|{egeben von
der thüringischen historischen Kommission
Bearbeitet von
Dr. Georg Mentz
a. 0. Professor an der üniTersitüt Jena
Mit dem Bildnis Johann Friedrichs als Bräutigam
Veria
1903
Digitized by Goo'^lc
DOCUMENTS
Uebersetzungsrecht Vorbehalten.
Digitized by Google
BildnU Johann Friedrichs I. als Bräutigam, von Lucas Cranach d. Ä.
oiiams j Groüherzogl. Museum zu Wamar.
Nach einer Photographie von Bräunlich in Jena.
Digitized by Google
D])80I
T40.e>4-
Vorwort
Der äußere Anlaß zu der Bearbeitung des vorliegenden Heftes
wurde durch die am 30. Juni dieses Jahres bevorstehende Feier
des 400-jährigen Geburtstages Johann Friedrichs des Großmütigen
gegeben. Die Thüringische historische Kommission glaubte, daß
dieser Tag nicht nur von der Universität Jena festlich begangen zu
werden verdiene, sondern daß er auch Veranlassung geben müsse,
eine der notwendigsten Aufgaben der thüringischen Geschichts-
forschung, die Bearbeitung der Geschichte Johann Friedrichs des
Großmütigen in Angriff zu nehmen. Wer jemals auch nur die Re-
gistranden des Ernestinischen Gesamtarchives zu Weimar durch-
blättert hat, der weiß, welche Massen von Archivalien für dieses
Gebiet dort vielfach noch fast ganz unbenützt liegen, er wird sich
davon überzeugt haben, daß nur, indem man die Person des Kur-
fürsten in den Mittelpunkt stellt, ein Weg durch diese Aktenmengen
gefunden werden kann, er wird aber bei dem Einfluß, den
Johann Friedrich zwei Jahrzehnte lang auf die deutsche Geschichte
und auf die Reformationsgeschichte gehabt hat, hoffen dürfen, daß
dabei auch für diese weiteren Gebiete manche neue Tatsachen und
manche von der bisherigen abweichende Auffassung sich ergehen
werden. Wie sich dabei das Bild des Kurfürsten gestaltet, ist wissen-
schaftlich an sich gleichgültig, doch darf man wohl annehmen, daß
ihm die Erschließung des authentischen Materials über seine Re-
gierung auch etwas zu gute kommen werde. Ist doch über seine
Tätigkeit auf dem Gebiete der Landesverwaltung bisher fa.st nichts
bekannt.
Der Verfasser war, da ihm nur wenige Monate zur Verfügung
standen, für jetzt nicht in der Lage, bis in die eigene Regierungs-
zeit des Kurfürsten einzudringeu, schon das vorliegende Heft wird
726
Digitized by Google
VI
Vorwort.
aber zeigen, daß eine systematische Durchforschung des Materials
noch manches Interessante zu Tage zu fördern vermag. Doch
würde der Verfasser nicht im stände gewesen sein, auch nur dieses
Bruchstück zu vollenden, wenn ihm nicht seine Arbeit durch das
weitgehende Entgegenkommen der Verwaltungen der benutzten
Archive und Bibliotheken zu Coburg, Dresden, Gotha und Weimar,
vor allem aber durch die unermüdliche Hülfsbereitschaft der Be-
amten des Ernestinischen Gesamtarchives zu Weimar erleichtert
worden wäre. Ihnen allen sei an dieser Stelle herzlichst gedankt.
Der Verfasser glaubte den Forschern einen Dienst zu erweisen,
wenn er einige der Hauptbelege seiner Darstellung ihr sofort bei-
fügte. Bei deren Auswahl sind in erster Linie solche Stücke be-
rücksichtigt worden, die als unmittelbare selbständige Aeußerungen
Johann Friedrichs betrachtet werden können. Für die Gestaltung
der Texte sind im wesentlichen die vom dritten deutschen Historiker-
tage aufgestellten Grundsätze maßgebend gewesen, doch war es
dem Verfasser, da der Druck nur kurze Zeit in Anspruch nehmen
durfte, nicht möglich, allen Anforderungen zu genügen, die er
selbst, besonders in Bezug auf sachliche und sprachliche Erklärungen,
an Aktenpublikationen zu stellen geneigt ist.
Jena, im Juni 190.S.
G. Mentz.
Digitized by Google
Inhalt.
SfitJ»
Ereteg Kapitel: Jugend, Erziehung, Vermählung 1 — ^28
Abstammung und erste Jugend 8. 1. Erziehung: Spalotin B. 3.
Krogncr S. 7. Songtigeg über dag Jugendleben Johann Friedrichg
8. 11. Warbeck S. v£ Resultate der Erziehung Johann Friedrichs
S 14. Turniere 8. 16. — Verlobung mit der Habsburgerin Katharina
S. 18. Vermählung mit Bibylla von Jülich-Kleve S. 22. Verhand-
lungen über eine eigene Hofhaltung B. 26.
Zweites Kapitel: Johann Friedrich und die Reformation . 29—^51
Erste Spuren religiösen Empfindens S. 29. Erste Beziehungen zur
Reformation 8. 30. Weitere Beziehungen zu Luther S. 32. Johann
F'riedrieh Mittelpunkt eines streng lutherischen Kreises in Weimar
S. 34. Gegen die Wiedertäufer S. 3<>. Der Reichstag zu Speier 1.526
8. HO. Der von 1529 S. 41. Der Augsburger Reichstag S. 43. Die
l'>iedengYerhandlungen, Johann Friedrich und Luther 8. 48.
Drittes Kapitel: Johann Friedrichs poHtische Tätigkeit
bis zum Nürnberger Anstand 52 — 94
Einfflhrung in die Politik S. 52. Teilnahme an der Lnndesverwaltung
8. 53. an den Verhandlungen mit den Albcrtincrn S. 54, Frieriewald
8. fifi. Reisen in die Rheinlande S. 58. Zusniiimenkiinfte mit Land-
graf Philipp S. 60. Die Packschen Händel 8. 61. Johann Friedrich
Vertreter seines Vaters im Frühjahr 1529 8. 67. Das Bedenken über
die Königswahl 8. 69, andere politische Arbeiten in dieser Zeit 8. 71.
Mitarbeit an dem Bündnis der Evangelischen 8. 73. Augsburger
Reichstag S. 74. Johann Friedrich protestiert in Köln gegen die
Wahl Ferdinands S. 76. Bundesverhandlungen 8. 80. Der Bund
der Wahlgegner S. 83. Die Friedensverhandlungen 8. 84. Schwein-
furt S. 86. yOmberg S. 90.
Schluß S. 03.
Digilized by Google
VIII
AkteDBtüekc. Verzeichnis der abgekürzt zitierten Schriften.
1. Verzeichnis der Bücher Johann Friedrichs 1.^19 Michaeli«
2. Johann au Johann Friedrich. Hiinmielshain 1519 Dez. 24 96
3. Johann Friedrich an Spalatin, Coburg 1520 Dez. 21 97
4. Heinrich PonipoiiiiLs an Johann Frictirich, Weimar 152.5 Marz 24 97
5. Johann Friedrich an Johann 1.V27 Winter 9R
6. Johann an Johann Friedrich 1,^27 Winter 101
7. Johann Friedrich an Johann 1528. Juii 14 102
8. Bedenken wegen der Königgwahl, Weimar 1529 Ende Februar . . . 102
9. Johann Friedrich an Wilhelm von Neuenahr. Weimar 1529 Mira 13 110
10. Johann Frie<irich an Hans von Minckwitz. Weimar 1529 März 22 ■ 112
11. Johann Friedrich an Johann, Weimar 1529 März 2(i 113
12. Der», an dens., Weimar 1529 April 8 114
13. Johann Friedrich an die Herzogin Elisabeth, Weimar 1.V29 April 14 117
14. Albrecht von üfanafeld an Johann Friedrich, Spder 1529 April 14 . 12>)
15. Johann Friedrich an Hane von Minckwitz, Weimar 1.529 April 26 . 121
16. Gutachten Ober da» abzuschließendc Bündnis [1529 Mail 122
17. Bedenken ül)er die sächsische Kriegaverfassung fl529 Mai] 126
18. Johann Friedrich an Wilhelm von Neuenahr, Torgau 1529 Juli 22 . 129
19. Johann Friedrich an Wolf von Schünberg, Torgau 1529 Uez. 18 . . 131
20. Johann Friedrich an die Herzogin Elisabeth, Torgaii 1530 Okt. 8 . . 132
21. Johann Friedrich an Wilhelm von Nassau, 1530 Okt. 24 135
22. Johann Friedrich an Johann. Köln 1.530 Dez. 28 136
23. Johann Friedrich an Wilhelm von Xeiienahr, Weimar 1531 Sept. 29 137
24. Johann Friedrich an Johann, Schweiiifurt 1532 Mai 7 139
25. Johann Friedrich an Johann, Nürnberg 1532 Juni 21 139
26. Hans von Minckwitz an Johann Friedrich, Turgan 1532 Jnli 5 . . 110
27. Johann Friedrich an Johann, Xürntierg 1532 Juli 9 ■ 141
Vorzcloliiils der abirekürzt zitierten Scbrlfteii.
Alu ■=■ Altenburger Ausgalw der Werke Luthers.
Baunigarten, H., (leschichte Karls V. 3 Bde. Stuttgart 1885—92.
Beck, Aug., Johann Friedrich der Mittlere. 2 Btle. Weimar 18.58.
Below, O. V., Landtagsakten von Jülich-Berg. I. Düsseldorf 1895.
Boltc = Die schöne Magclone, übers, von Veit Warbeck , hrsg. von Joh.
Holte. (Bibliothek älterer deutscher TJebersetzungen, hrsg. von Aug. Sauerl.)
Bouterwek, K. W., Sibylle, Kurfürstin von Sachsen. Zeitschr. des Bergischen
Geschichtsvereines. IW. VII. Bonn 1K71.
Burkhardt = Dr. Martin Luthers Briefwechsel, hrsg. von C. A. H. Burk-
hardt. Leipzig 1866.
Burkhardt, C. A. H., Ernestinische Lamlbigsakten. Bd. I (in: Thüringische
Geschichtsquellcn X. F. V). Jena li*02.
Digitized by Google
Verzeichnis der abgekürzt zitierten Schriften.
IX
Burkhardt, C. A. H., Geschichte der sächsischen Kirchen- und Schulvisi-
tationen von 1.524 — 45. Leipzig 1870.
Cordatus, Tagebuch über M. Luther 1537, hrsg. von H. Wrarapelmever.
Halle ISS).
Cornelius X. XIV = C. A. Cornelius, Briefwechsel zwischen Herzog Johann
Friedrich von Sachsen und Graf Wilhelm von Xuenar in den Jahren 1529
bis 153(i. In: Zeitschr. des Bergischen Geschichtsvereines, Bd. X. XIV.
Bonn 1874, 187a '
C. R. =« Corpus Reformatorum. Halle und Braunschweig 1834 ff.
Cyprian, E. S., Nützliche Urkunden zur Erläuterung der ersten Refonuations-
geschichte. I. II. In : W. E. Tentzel, Historischer Bericht vom Anfang und
ersten Fortgang der Reformation. Gotha 1717/18.
Devrient, E., Die älteren Erncstiner. Berlin 1897.
Dithmar, Codex diplomaticus zu Teschenmacher, Annnles Cliviae. Frft. et
Lipe. 1721.
Dom in er , A. v.. Die Lutherdrucke der Hamburger Stadtbibliothek. Leipzig 1888.
Droysen, J. G. , Ueber das Verlöbnis der Infantin Katharina mit Herzog
Johann Friedrich von Sachsen 1519. In den Berichten der Sachs. Ges. d.
Wissensch. Philol.-histor. Kl. V. 1853.
Ehses, St., Geschichte der Packscheu Händel. Freiburg i. Br. 1881.
Enders = Luthers Briefwechsel, l)earb. von E. L. Enders. 8 Brie. Calw und
Stuttgart 1884—98.
Erl. = Luthers sämtliche Werke, Erlanger Ausgabe.
Fabricius, G. F., Origincs illustr. stirpis Saxonicae contin. a. Jac. Fabricio.
Lipsiae 1607.
Faselius, J. A. L., Versuch einer kurzen Lebensgeschiehte Johann Friedrichs
des Großtiiütigen. Weißenfels und Leipzig 1799.
Ficker, Job., Aktenstücke zu den Religionsverhandlungen des Reichstages zu
Regensburg 1532. (Zeitschr. f. Kirchengcsch., XII.)
Försteiuann, I = C. E. Förstemann, Neues T’rkundenbuch zur Geschichte
der evangelischen Kirchen-Rcforination. I. Hamburg 1842.
Försteinan n, U. I. II — C. E. F'örstcmanu, Urkuudenbuch zur Geschichte
des Reichstages zu .\ugsburg im Jahre 1530. 1. II. Halle 1833, 18.35.
Frieden 8 bürg, W., Der Reichstag zu Speicr 1526. (Histor. Untersuchung.,
hrsg. von ,1. .lastrow, V). Berlin 1887.
Derselbe, Zur Vorgeschichte des Gotha-Torgauischen Bündnisses der Evan-
gelischen. Slarburg 1884.
Gillert, Der Briefwechsel des Conradus Miitianua, ges. und bearb. von K.
Gillert (Geschichtsquellcn der Provinz Sachsen, Bd. XVIII.) Halle 1800.
Hain, L. , Repertorium bibliographicum. Stuttgart und Tübingen 1826—1828.
Hoffmann, E. , Naumburg a. S. im Zeitalter der Reformation. (l>eipziger
Studien a. d. Gebiete der Geschichte. VII, 1.) Leipzig 1900.
Hortled er, Fr., Haudlungen und Ansschreilicn von den Ursachen des deutschen
Krieges. Frankfurt a. M. 1617.
Jöchcr. Gelehrtenlexikon.
Kalkoff, P., Die Depeschen des Nuntius Aleander vom Wormser Reichstage
1521. 2. Aufl. Holle a. S. 1897.
Digitized by Google
X
Verzeichois der abgekürzt zitierten Schriften.
Kapp, J. E. , Kleine Nachlese einiger zur Erläuterung der Reformationsge-
geschichte nützlicher Urkunden. I — IV. Leipzig 1727 — 33.
Kawerau, G., Der Briefwechsel des Justus Jonas. (Geschichtsquellen der Fror.
Sachsen. XVII, 1, 2.) Halle 1884 f.
Kius, O. , Das Finanzwesen des Ernestinischen Hauses Sachsen im sechszehnten
Jahrhundert Weimar 1863.
Köstlin, Julius, Martin Luther. Bd. I. 5. Aufl. Fortges. von G. Kawerau.
Berlin 1903.
/ Kolde — Th. Kolde, Friedrich der Weise und die Anfänge der Reformation.
Erlangen 1881.
Kolde I, II — Th. Kolde, Martin Luther. 2 Bde. Gotha 1884. 1893.
Krause, C. , Euricius Cordus. Marburg 1863.
Kronfeld, J. C., Landeskunde des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach.
2 Bde. Weimar 1878,^79.
Laemmer, H., Monumenta Vaticana. Freiburg 1861.
^Lanz, K. , Korrespondenz des Kaisers Karl V. 3 Bde. Leipzig 1844 — 46.
^ Lenz, M., Briefwechsel I^andgraf Philipps des Großmütigen mit Luther, hrsg.
von M. Lenz. 3 Teile. Leipzig 1880. 1887. 1891. (Publ. a. d. Preuß.
Staatsarchiven.)
>^Lcnz, M., Kritische Erörterungen zur Wartburgszeit. Marburg 1883.
Lenz, M., Zwingli und I^andgraf Philipp. (Zeitschr. f. Kirchengesch. III.)
Lith, J. W. V. d., Erläuterung der Reformalionshistorie. Schwobach 1733.
Loesche, G., Analecta Lutherana et Melanthoniana. Gotha 1892.
Luther, M., Tischreden, hersg. von K. E. Förstemann. 4 Bde. Leipzig und
Berlin 1R44— 48.
Mcinardus, O., Der Katzcnelnbogische Erbfolgestreit I. 1. 2. Wiesbaden
1898. (Nassau-Oranische Korrespondenzen. Bd. I.)
Möller, J., Quellenschriften und Geschichte des deutschsprachlichen Unterrichts
bis 1500. Anhang zu C. Kehr, Geschichte der Methodik des deutschen
Volksschulunterrichts. Bd. IV. Gotha 1882.
Müller, J. G., Jugendliche Geschichte Johann Friedrichs des Großmütigen.
Jena 1765.
Müller, J. J., Historie von der evangelischen Stände Protestation und Augs-
burgischen Confession. Jena 1705.
Müller, J. S., Des Hauses Sachsen Annales. Weimar 1700.
Myconius, F., Historia reformatiouis, hsrsg. von Cyprian. 2. Aufl. Leipzig 1718.
Neudecker, Chr. (4., Merkwürdige Aktenstücke aus dem Zeitalter der Refor-
mation. 1. 2. Nürnlterg 1838.
«'Neudecker, Chr. G., und Preller, L., Spalatins historischer Nachlaß und
Briefe. I. Friedrichs des Weisen Leben und Zeitgeschichte. Jena 1851.
Ney, J., Geschichte des Reichstags zu Speier im Jahre 1529. (Mitteilungen des
Histori8<'hen Vereins der Pfalz. VIII.) Sjteier 1879.
Noack, Fr., Die Exception Sachsens von der Wahl Ferdinands I. Progr. Kre-
feld 1886.
Ocrgel, Briefwechsel Erfurtischer Gelehrter aus der Zeit des Humanismus und
der Reformation. (In: Mitteilungen des Vereins für d. Gesch. u. Altcrtumsk.
von Erfurt. Heft XV.) Erfurt 18f)2.
Digitized by Google
Verzeichnis der abgekürzt zitierten Schriften.
XI
P. C. « Politische Cktixeopondenz der Stadt Straßburg im Zeitalter der Refor-
matioD. I. bearb. von H. Virck. II. bearb. von O. Winckelmann. Straß-
burg löfö — 87.
Planitz, H. v. d., Berichte aus dem Reichsregiraent in Nürnltcrg 1521 — 23, ges.
von E. Wüleker, bearb. von H. Virck. (Schriften der süchs. Kommiss,
f. Gesch. III.) Ivcipzig 18ft9.
Posse, O., Die Wettiner. Genealogie des Gceamthauscs Wettin. Leipzig und
Berlin 1897.
Ranke, Deutsche Geschichte. I — VI. 4. Aufl. in den Sämtlichen Werken
Bd. I — VI. Leipzig 1867 — 68.
Ritter, M., Sachsen und der JülicherErbfolgostreit. (Abhandlungen der Münchner
Akad.) 1873.
Rommel, Chr. v., Philipp der Großmütige I — III. Gießen ISIO.
RTA = Deutsche Reichstagsakten. .liingere Reihe. I — III. Gotha 1893. 1896.
1901.
Schade, O.. Satiren und Pasquille aus der Reformationszeit. 3 Bde. Hanno-
ver 1856—58.
Scheu rl, Chr., Briefbueh, hersg. von F. von Soden und J. K. F. Knaake
I. U. Potsdam 1867. 1872.
Schirrmacher, F. W., Briefe und Akten zu der Gesch. des Religionsgespräches
zu Marburg 1599 und des Reichstages zu Augsburg 1530. Gotha 1876.
Schlegel, Chr., Histoha Vitae Georgii Spalatini. Jenae 1693.
Schöppe, Zur Geschichte der Reformation in Naumburg. (Neue Mitteilungen
auf dem Gebiete histor.-antiquar. Forschungen. XX. 19CX).)
Schorn bäum, K., Die Stellung des Markgrafen Casimir von Brandenburg zur ,
reformatorischen Bewegung. Erl. Diss. Nürnberg 19(X).
Schwarz, Hilar, I>andgraf Philipp von Hessen und die Packschen Händel.^
(Historische Studien. XIII.) Leipzig 1884.
Seckendorf, V. L. v., Commentarius de Lutheranismo. 1 — III. fol. Franco-
furti ct Lipsiao 1692.
Seelheim, Ad., Georg Spalatin als sächsischer Historiograph. Halle 1876.
Sleidan, Jo., De statu religionis et rei publicae commentarii. ir>58.
Spalatin , G., Annales reformationis oder Jahrbücher von der Reformation Lutheri ✓
ans Ucht gestellet von E. S. Cyprian. Leipzig 1718.
Spalatin ap. Menck. Spalatin, Annales und V'itae aliquot Electorum in J. B.
Menckenii Scriptores Rcrum Germanicarum. II. Lipsiae 1728.
Stoy, St., Erste Bündnisbestrebungen evangelischer Stände. Ztschr. des Vereins
für thür. Gesch. N. F. VI. 1888.
Ötruve, B. Q., Neu eröffnetes historisch und politisches Archiv. I— III. Jena
1718-19.
Stumpf , A. S., Baierns politische Geschichte. I. München 1816. Mit Urkunden-
buch.
W. A. = Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe. W'eimar 1883 ff.
Weller, E., Repertorium typographicum. (= G. W. Panzer, Annalen. III.)
Nördlingen 1864.
Wette, G. A. de. Historische Nachrichten von Weimar. Weimar 1737 — 39.
Digitized by Google
XII
Sonstige Abkürzungen.
Wette, de, I— VI, = Martin Luthers Briefe, Sendschreiben und Bedenken.
I— V. bearb. von W. M. L. de Wette. VI. bearb. von J. K. Seidemann.
Berlin 1825—28. 1856.
Wilhelm, Lorenz, ßeschreibnng der Stadt Zwickau. Zwickau 1633.
■ Wille, J., Philipp der Großmütige von Hessen und die Restitution Ulrichs von
Wirtemberg 1526 — 35. Tübingen 1882.
Winckelmann, O., Der Schmalkadische Bund 1530—1532 uud der Nürn-
berger Religionsfriedc. Straßburg 1892.
Sonstige Abkürzungen.
Alle mit Loc. beginnenden Citate entstammen dem Königl. Sachs. Haupt-
staatsarchive zu Dresden, alle mit Reg. beginnenden dem Sachsen-Emestinischen
Gesaratarchive zu Weimar, D. = Datum, E. Gn. = Euer Gnaden, E. L. *=■ Euer
Liebden, £. = Fürst und Fürstlich, fr. = freundlich, G. = Gegeben, gf. —
Graf, gn. = gnädig, Hdbf. = Handbrief, eigenhändiges Original, hz. •-> Herzog,
I. = Ihr, kf. ■= Kurfürst und Kurfürstlich, Konz. = Konzept, 1. = lieber, m ■=
mein, m. gn. h., m. gn. f. -= mein gnädiger herr, meine gnädige Frau, Or. ■=
Original, rt. = reichstag, S. Gn., S. L. = Seine Gnaden. Seine Liebden, utg. =
untertänig.
Digitized by Google
Kajjitel I.
Jugend, Erziehung, Vermählung.
Wer nach (iründen sucht, weshalb in Norddeutschland die
Hohenzollern und nicht die Wettiner zur Vorherrschaft {'elangt
sind, der wird bei aller Bedeutung, die er dem AVirken einzelner
genialer Herrschernaturen zuschreiben mag, doch auch nicht umhin
können, hervorzuheben, daß 12 .Jahre, nachdem die Dispositio
Achillea der Teilungsmöglichkeit des hohenzollernschen Besitzes
gewisse Grenzen gesteckt hatte, die Wettiner Ernst und Albrecht
sich nach 24-jähriger gemeinsamer Kegierung entschlossen, den
testamentarischen Bestimmungen ihres Vaters widersprechend, ihre
Besitzungen untereinander zu teilen. Da nicht wieder, wie in
früheren . ähnlichen Fällen , ein günstiges Ge.schick eine baldige
Wiedervereinigung des ganzen Besitzes herbeiführte, wurde diese
Teilung zu einer dauernden. Noch verstärkt aber wurden ihre
verhängnisvollen Wirkungen dadurch, daß nicht zwei Gebiete ge-
schaffen worden waren, deren jedes eine selbständige Existenz
zu führen im stände war, sondern daß beide Linien an fast sämt-
lichen Besitzungen des Hauses Anteil erhalten hatten, so daß ein
scherenförraiges Gebilde entstanden war, zwischen dessen beiden
Gliedern es an Reibungen nicht fehlen konnte. Bestimmt, die Ab-
surdität der Teilung zu zeigen, diente diese durch Mitglieder der
[.andschaft veranlaßte verzwickte Grenzgestaltung ‘) tatsächlich nur
dazu, eine sich in den nächsten Jahrzehnten immer steigernde
Feindseligkeit zwischen beiden Linien zu erzeugen, die schließlich
im schmalkaldischen Kriege zu einer gewaltsamen Regulierung zu
Gunsten der jüngeren Linie führte. Schon deren Ahnherr, Albrecht
1) Vpl. Brand eil bürg, Moritz von Sach.«en, I, S. 4 f.
Bdlräice *ur neueren GescbU'btc Tbüringens 1.
Digitized by Google
2
Kapitel I.
der Beherzte, hatte auch die richtige politische Erkenntnis besessen,
daß jede weitere Teilung seines Hauses eine weitere Schwächung
bedeute, und ein Erbfolgegesetz, das dem entgegen wirken sollte,
erlassen. Bei den Ernestinern hat es noch Jahrhunderte gedauert,
bis sie sich zu dieser Höhe politischer Weisheit aufschwangen, doch
hatten nach dem Tode Emsts, des Gründers der älteren Linie,
seine beiden Söhne Friedrich und Johann wenigstens für sich per-
sönlich die Teilung vermieden, und auch wenn Friedrich der Weise
sich entschloß, auf eigenes Eheglück zu verzichten, so wird der
Grund dafür vielleicht nicht nur in getäuschten Hoffnungen oder in
der Liebe zu Anna Weller zu suchen sein, .sondern auch in der
Erkenntnis, daß eine weitere Gebiets- und Machtzersplitterung bei
Begründung zweier Linien unvermeidlich sei. Er überließ also
seinem Bruder Johann die Fortpflanzung des Hauses, und es ist
daher begreiflich, daß die Freude am Torgauer Hofe groß war, als
diesem nach mehrjähriger Ehe am :K). Juni 1.50i5 ein Sohn geboren
wurdet). Da die Mutter. Sophie von Mecklenburg, schon am 12. Juli
desselben Jahres starb ^), ruhte auf ihm viele Jahre lang die Zu-
kunft des ernestinischen Hauses.
Man hatte dem Prinzen in der Taufe den Doppelnamen Johann
Friedrich verliehen, und es ist wohl glaublich, daß darin zum Aus-
druck kommen sollte, daß er gewissermaßen zwei Väter habe, daß
er zum Erben sowohl seines Vaters Johann, wie seines Onkels
Friedrich be.stimmt sei *). Tatsächlich wird man wohl eher seinen
Vater als seinen Onkel in ihm wiederfinden, und wenn er ihn an
Hartnäckigkeit und Eigensinn noch übertraf, ja, wenn er auch von
Anwandlungen von Jähzorn nicht ganz frei war, so ist darin viel-
leicht ein Erbteil seiner Mutter zu sehen, über die uns zwar so gut
wie nichts überliefert ist'*), die aber doch die Schwester einer Anna
von Hessen und einer Katharina von Sach.sen war. Jeder persön-
liche Einfluß Sophies auf ihren Sohn wurde allerdings durch ihren
frühen Tod unmöglich gemacht, und so erhielt er eine im wesent-
lichen männliche Erziehung. Wenn nun auch die Personen, die
1) Posse, Die Wettiner, Tafel 7, No. 9.
2) Ebeiafa Tafel 7, No. C.
3) lS|)äter gab das zu allerhand poetischen und philosophischen Betrach-
tungen Anlaß. Vgl. Euricius Cordus, Epigranimata, über VI, S. 185.
‘1) Berbig, Die (reinahlinncn der liegouteu des gothaischeu Landes, 8. 8 fl.
Dort auch ihr Bildnis.
Digitized by Google
Jugend, Erziehung, Vermählung.
3
ihn aus der Taufe hoben, der Landvogt zn Sachsen Heinrich
Loser, der Pfarrer zu Torgau Magister Koberger, und Anna Metzsch,
die Witwe des Kaspar Metzsch*), auf eine gewisse bürgerliche
Einfachheit der Hoflialtung Johanns schließen lassen könnten, so
wurde es andererseits doch für notwendig gehalten, dem jungen
Prinzen sofort eine Art Hofstaat einzurichten. Ein thüringischer
Adliger, Ernst von Isserstedt-), wurde zu seinem Hofmeister
ernannt, ein Diener Dietz, eine Frau und ein Kindermädchen
standen ihm zur Seite, während die Amme Barbara die Nahrungs-
bedürfnisse des Knaben befriedigte '’). Aus einigen erhaltenen
Rechnungen geht hervor, daß über die Ausgaben im Gemach oder
, Frauenzimmer“ des jungen Herrn sogar besonders Huch geführt
wurde*). Anscheinend hat er die ersten Jugeudjahre in Torgau
und Lochau zugebracht und die vielfachen Reisen seines Vaters
nicht mitgemacht. 1.t08 wurde er in Wittenberg vorgestellt. An
schmeichlerischen Begrüßungen des künftigen Landesherrn fehlte
es nicht, doch werden wir aus den schwungvollen lateinischen
Versen des Sibutius®) wohl kaum etwas Positives über Johann
Friedrichs damaliges Wesen und seine äußere Erscheinung ent-
nehmen können. —
Dem Wert, den sowohl Friedrich der Weise wie Johann auf
die Studien legten und den sie ja eben durch die Gründung der
Universität Wittenberg zum Ausdruck gebracht hatten, entsprach
es, wenn sie auch dem Erben ihrer Staaten eine klassische Bil-
dung zu geben wünschten. Der Kurfürst, der den Prinzen wohl
gelegentlich in Briefen an Johann als „unsren Sohn“ oder als
-E. L. und meinen Sohn“ bezeichnet®), ließ sich selbst die Wahl
eines geeigneten Lehrers angelegen sein. Daß dabei von vornherein
1) (Joth. Bibi. Cod. chart. fol. V>2, Bl. 287. .1. G. Müller, Jugendliche
Oeschichte Johann Friedrichs, 8. 7.
2) In den Akten steht Eysserstädt. Da nur eine bayrische Familie Eiser-
stetten liekannt, dagegen ein Emst von Isserste<it 1483 bezeugt ist (Krön fei d ,
Landeskunde, II, 8. 272), wird wohl dieser gemeint sein. (Ich verdanke diesen
Hinweis Herrn Dr. Gritzner in Weimar.)
3) Reg. Bb. 4185. 4188.
4) Reg. Bb. 5138. 5139.
5) Ad illustris.s. 8a.xoniae Princii)cm, magnificentis. ducis loannis filium
pro prinio .suo adventu in urbera Albiorenam Georgii Sibuti . . . carmen et
licprecatorium j)ro prospera valctudiue. Impr. Albiburgii 1508.
6) z. B. Förstemann, Neues Urkundenbuch, ,8. 4. R T I, 67fi.
1*
Digitized by Google
4
Kiipitel I.
die Absicht bestand, der neuen liumanistischen Richtung Rechnung
zu tragen, kam darin zum Ausdruck , daß man sich an den ange-
sehenen Mutianus Rufus in Gotha um Rat wandte. Voll .lubel
konnte dieser im Herbst 1508 an Ilerebord v. d. Marthen melden,
daß unter vielen Kandidaten der von ihm vorgescblagene Spalatin
den Sieg davongetragen habe. Für sich und seinen ganzen Kreis
knO])fte er die glänzendsten Hoffnungen an die.se Beförderung seines
Freundes. Dieser selbst war weniger erbaut, nur ungern vertauschte
er das stille Waldtal von Georgenthal mit dem gefährlichen Boden
des Hofes, und es bedurfte dringender Ermahnungen seiner älteren
Freunde, um ihn zum Antritt seiner Stelle zu bestimmen*). Um
Michaelis 1508 scheint er .sich an den Hof begeben zu haben, den Un-
terricht bei dem Prinzen hat er aber jedenfalls erst 15UÖ begonnen ■).
Als Sold waren ihm jährlich 20 Ü. ausgesetzt, außerdem zweimal jähr-
lich ein neues Kleid. Zusammen mit dem Prinzen sollten sechs adlige
Knaben erzogen werden. Von ihnen hat sich bis jetzt nur einer.
Wolf von Hirschfeld, namentlich feststellen lassen*), doch möchte
man vermuten, daß mancher der später so einflußreichen Räte
und Freunde .lohann Friedrichs schon seine Jugend mit ihm verlebt
habe '). Auch über die Erziehungsweise Spalatins wissen wir bisher
leider nicht allzu viel. Wenn Mutian in dem erwähnten Briefe den
Herebord um die Fabeln des Laureucius Abstemius *) und um Plutarchs
Buch über Kiudererziehung ®) bat, wenn er also auch selbst sich
jetzt mit Pädagogik beschäftigte, so liegt die Vermutung nahe, daß
er dem jungen Prinzenerzieher mit seinem Rate zur Seite stehen
wollte. Jedenfalls hat er die Tätigkeit Spalatins auch weiterhin
mit Interesse verfolgt, freudig berichtet er am 17. Januar 1500 von
dem vorzüglichen Eindruck, den dieser am Hofe gemacht habe’),
bald aber batte er dann gegen eine gefährliche Mißstimmung, die
sich des Freundes bemächtigt hatte, zu kämpfen. Spalatin war
mit dem Hofe nicht so zufrieden, wie der Hof mit ihm, er fühlte
sich dort nicht an seinem Platze, kam sich wie eine Verbannter
1) MutiaiiH BripfwechsG, ed. Gillert I, 147 ff.
2) Nach seinem eigenen Zeugnis Keg. O. No. 155 z. .f. 1.509.
3) V'ergl. G. V. Hirachfeld in den Ueiträgen zur siirlis. Kirchengcsch. II,
154 nach dem Maniiskr. Spalatins in der Weira. Kibl. fol. 219, S. 3.5/3Ö, 170.
4) Vergl. auch S. 12.
5) Vergl. Hain, Kep. bibl., No. 26.
6) Ue hbcri.s eciucandi». Hain, No. 13134.
7) Gillert 1, 164 f.
Digitized by Google
Jugend, Erziehung, Vermahlung. 5
vor. körperliche Beschwerden gesellten sich hinzu, vor allem fand
er in seiner eigentlichen Aufgabe nicht die erwünschte Befriedigung.
Er hatte bei seinem Erziehungswerk keine vollkommen freie Hand
und geriet bald in Differenzen mit dem alten Hofmeister de.s Prinzen,
unter dem wir jedenfalls niemand anders als Ermst von Isserstedt
werden zu verstehen haben. Nun mag dieser ja ein etwas eigen-
sinniger und pedantischer Herr gewesen sein, auch gehörte er
vielleicht zu einer Partei am Hofe, die auf die Gelehrten und die
Geistlichen mit Geringschätzung herabsah: einen großen Teil der
Schuld an dem Konflikte, der schon l.öOS) zu fast völligem Bruche ge-
führt zu haben scheint, trug doch auch Si>alatin. Auch er wollte mit
dem Kopf durch die Wand und ohne Kücksicht auf ihre künftigen
Aufgaben und ihre Gesundheit seine Zöglinge zu jungen Gelehrten
machen. Mit Recht .setzten Mutian und Urban ihm in ihren Briefen aus-
einander, daß so vornehme Knaben nicht nur Latein und Moral lernen
müßten, sondern auch ein ihrer Stellung entsprechendes Benehmen,
auch sei für Lehrer wie Schüler Erholung und Bewegung im Freien
zwischen der Arbeit von Nutzen. Wenn Spalatin an seinen bis-
herigen Grundsätzen festhalte, sei es nicht zu verwundern, wenn
die Knaben sich mehr zu dem Hofmeister hingezogen fühlten, der
in ihrer Gegenwart auch einmal lache, als zu ihm *).
Vollen Erfolg scheinen auch diese Ermahnungen noch nicht
gehabt zu haben, Mutian mußte sich selbst an den Hof begel)en,
um zum Rechten zu sehen. Er fand Spalatin in miserabler Laune,
.Tohann F'riedrich machte ihm einen vortrefflichen Eindruck, der Hof-
meister erschien ihm als ein wackerer, aber etwas mürrischer, der
Wissenschaft abgeneigter Mann, dagegen fand er bei den fürst-
lichen Brüdern das beste Verständnis für seine Ratschläge. Fried-
rich der Weise äußerte die Absicht, .seinen Neffen nach Wittenberg
zu schicken, wo dann S]>alatin mit ihm zusammen studieren könne*).
Daraus ist wohl nichts geworden, lölü finden wir Lehrer und Schüler
in Ei.senach *).
Allmählich scheint Spalatin doch in eine etwas ruhigere Stimmung
gekommen zu sein, somst würde er wohl nicht bis zum Herbst 1511
ausgehalten haben; allgemein beneidete man ihn um seine Stellung
üillert I, S. Iö8 ff. 228.
2) Ebcuda S. 25;t.
3) Ebenda II, S. 36.1. Vergl. über Spnlatins Lehrtätigkeit auch Seel heim,
Georg Spalatin als sachs. Historiograph, S. 1.1 ff.
Digitized by Google
6
Kapitel I.
und Johann Friedrich um einen solchen Lehrer’). Auch dieser
selbst soll später sejn Bedauern darüber ausgesprochen haben, daß
er nicht noch länger den Unterricht Spalatins genossen habe*).
Leider können wir über die Art dieses Unterrichts, abgesehen von
den schon erwähnten mehr äußerlichen Punkten, kaum etwas sagen.
Nur ein Bücherankauf für den Prinzen fällt noch in die Zeit der
Erziehungstätigkeit Spalatins: auf der Leipziger Ostermesse l.oll
wurde ein jedenfalls für den Religionsunterricht bestimmtes „Seelen-
gärtlein“ gekauft ■'’).
Aber im ganzen zeigte sich doch immer mehr, daß Spalatin
nicht der geeignete Mann war, um sich mit so elementaren Dingen,
wie dem Unterricht eines achtjährigen Knaben, mochte dieser auch
zu den besten Hoffnungen berechtigen ’), zu l)eschäftigen. Wohl war
er schon seit lölO im Aufträge des Kurfürsten historiographisch
tätigt), wohl übersetzte er für diesen lateinische Schriftstücke: als
im Herbst l.öll die Neffen des Kurfürsten, Otto und Ernst von Lüne-
burg, die Universität Wittenberg bezogen, erschien es doch als ein
erwünschter .\usweg aus allen Schwierigkeiten, ihnen Spalatin als
Begleiter mitzugeben. „Es hatte sich erwiesen, daß der junge
Prinz für die Spalatinsche Erziehung noch zu jung sei““). Nur
dies werden wir als Grund der Entfernung Spalatins annehmen
dürfen, denn wenn er auch noch am 21b Mai 1.Ö12 über die Feinde
der Wissenschaft am Hofe klagt ’), .so haben wir doch keine genügen-
den Beweise dafür, um auzuuehmen, daß er einer Adelspartei habe
weichen müssen, die wünschte, daß der junge Herzog nicht zu viel
lerne, dagegen ist es nicht ausgeschlos.sen, daß die Kämpfe zwischen
Spalatin und Isserstedt in den Aeußerungen Luthers in den Tisch-
reden ihren schließlichen Niederscldag gefunden haben “). Von
einem Siege der Gegner der Wissenschaft kann auch schon des-
wegen nicht die Rede sein, weil ilie Erziehung Johann Friedrichs ja
ganz in dem bisherigen Sinne weiter geführt wurde. Allerdings
1) Scheu rl, Bridbuch, I. 65, 76 f.
2) Cordatus, Tagebuch, No. 1609.
3) Hortulus aniiimc Keg. Kb. 1212.
4) Als optimae s|x>i princi|)eni liezeichnet Spalatin den Prinzen in einem
Briefe an laing vom 20. April 1512. (ioth. Bibi. Cod. chart. 399, fol. 272 ff.
5) Keg. O. No. 155.
6) Schciirl a. a. O. 1, 91.
7) In dem Briefe an Lang.
8) Cord at US, No. 671, 1609. Försteman n , Luthers Tischreden, IV, 474.
Digitized by Google
.Tugend, Erziehung, Vermählung.
7
war es nicht ganz leicht, einen geeigneten Ersatz für Spalatin zu
finden. Sein nächster Nachfolger, Magister Kaspar Lichtem (■/),
wurde noch in demselben Jahre durch Kaspar Rot aus Oelsnitz
ersetzt. Auch dieser aber scheint keinen Beifall gefunden zu haben,
und erst 1.Ö12 fand man dann an Magister Alexius Krosner aus
Colditz, der sich daher nach der Sitte der Zeit Colditius nannte,
eine brauchbare Persönlichkeit '). Einer der erstgenannten wird es
gewesen sein, der veranlaßte, daß am 2f). November 1511 für den
Prinzen die 12 Bücher Donats*), ein Remigius^) und ein Alexander^)
gekauft wurden ‘); der wahrscheinlich schon von Spalatin be-
gonnene lateinische Unterricht wurde also eifrig fortgesetzt. Reich-
licher fließen unsere Quellen erst, nachdem Krosner seine Tätigkeit
begonnen hatte*). Er scheint nicht mit solchen Schwierigkeiten
zu kämpfen gehabt zu haben wie Spalatin, denn Isserstedt war
am 27. November 1511 mit einem Jahrgeld von 30 fl. und 2 Maltern
Korn pensioniert worden ’), und sein Nachfolger in der Hofmeister-
steile, Heinrich von Bünau*), scheint den neuen Erzieher frei
haben schalten und walten zu lassen.
Auch Krosner war humanistisch gebildet, auch er scheint sich
zunächst ein etwas hohes Ziel gesteckt zu haben, denn die Ge-
dichte, die er 1513 an den Prinzen richtete, nahmen doch auf
des.sen Jugend etwas gar zu wenig Rücksicht, und auch die Gründe,
mit denen er ihn von der Notwendigkeit der Erlernung des
Griechischen zu überzeugen suchte, werden auf den Knaben schwer-
lich einen großen Eindruck gemacht haben ■'). Immerhin wurde
auch mit dem Griechischen mutig begonnen, wie uns das uns er-
haltene Schulheft Johann Friedrichs aus dem Jahre 1513 zeigt ‘®).
1) Nai-h einer Notiz in Neudeckers Nachlaß in der Ooth. Bibi. Cod. chart.
A 1289, 2 fol. 85.
2) Doch wohl die Ars gramnmtica, sie hat allerdings nur 3 Bücher.
3) Itemigius per figuras oder die Regulae, Vergl. Hain, Repertorium,
No. 138.56 ff. J. Müller, Quellenschriften, S. 259.
4) Wahrscheinlich Alexander de Villa Dei. Vgl. Köstlin, Luther, P, S. 36.
5) Reg. Bb. 4214.
6) Leber seine frühere Geschichte vergl. Bauch in der Zeitschr. f. Kirchen-
gö«h., Xnil, 402.
7) R^. Bb. 4215. 4223. Bis 1.520 hat er dies Jahrgeld noch genossen.
8) Zuerst Dezember 1513 genannt mit einem jährlichen Sold von 50 fl.
Reg. Bb. 4238.
9) Gedruckt in J. G. Müllers Jugendl. Gesch., S. 35 — 38.
10) Weim. Bibi. Msc. Q. IS*.
Digitized by Google
8
Kapitel I.
Die Ansprüche, die der Lehrer dabei an seinen Zögling stellte,
waren allerdings sehr gering. Nachdem der Prinz das griechische
Alphabet mit einigen lateinischen Erläuterungen über die Quantität
der Vokale niedergeschrieben hatte, wurde zur Aufzeichnung einiger
’Awoyt^^iiata twv 'EXXy]vu)v in griechischer, lateinischer und deutscher
Sprache übergegangen , es folgte ein kurzer Abschnitt über die
Accente, und dann hieß es bereits t4Xo? töjv YpaiijjiaTov eXXrjvov (!).
Danach reihten sich als weitere Uebungsstücke jedoch noch das
Vater Unser und der Englische Gruß griechisch und lateinisch an.
Schwerlich wird Johann Friedrich von diesen „Rudimeuta Graecanica“
allzu viel Nutzen gehabt haben.
Den zweiten Teil des Schulheftes bildet eine deutsch-lateinische
Spruch-sammlung: Dicteria, ex quam plurimis auctoribus Latinis
collecta, in der alte Griechen und Römer, Kirchenväter und
Humanisten friedlich nebeneinander stehen , Hieronymus neben
Buschius und Bebelius, Colditius und Joannes Fridericus neben
Solon und Terenz. Johann Friedrich selbst figuriert mit den
Sprüchen: Virtus et ars praecellit omnes gemmas et aurum, Tugend
und Kunst übertrefTend alle edelgstein und Golt und foelices omnes
homines, qui humiles sunt. Selig sein alle Menschen, die demütig
sein. Im übrigen ist bei der Auswahl der Sprüche eine Rücksicht
auf den künftigen Beruf des Prinzen unverkennbar, schon mitten
in der griechischen Grammatik findet sich der Satz : Ain furst und
edel niensch sal nummer verge.ssen rumlicher und redlicher thate,
er esse odir spil, sonder sal alezeit enczwar selb.st eczwas grosses
tliun odir der ihenen gedencken, die redlich that gethan haben.
Sjiäter scheint sich dann der Unterricht auf die Behandlung
eines einzelnen Schriftstellers beschränkt zu haben, und das konnte
kaum ein amlerer sein als Terenz. Der Prinz mußte zunächst
dessen Vita niederschreiben, dann eine kurze Abhandlung de
comoedia, (juid ipsa sit und endlich deutsch das Argumentum Andrie,
daran schloß sich dann die Lektüre dieses Stückes, denn unter
dem Titel : Sententiae et orationes ex Terencio deceri>te erhalten wir
nun eine Art Präparationsheft oder eine Phrasensammlung zur
Andria.
Von Terenz ging man zu Ciirtius Rufus über. Aus dessen
sechstem Buche wurde die liCgatio Scytharuin ad Alexandrum
Magnum ut a bello contra eos suscepto desistat al)gcschrieben, mit
allerhand Bemerkungen versehen und ins Deutsche übersetzt.
Digitized by Google
Jugend, Erziehung, Vernnihlung.
9
Die nächste Stufe bildeten Fabeln Aeso]»s in der Ueber-
setzung des Laurentius Valla'). Daran reihte sich endlich als Ab-
schluß des Heftes die lateinische Confessio des Prinzen, in die die
fünf Sinne, die sieben Todsünden und die zehn Gebote in deutscher
Sprache eingereiht wurden.
Bei aller Reichhaltigkeit des hiermit zergliederten interessanten
Büchleins wäre, da Colditz bis 1.^19 als Erzieher Johann Friedrichs
tätig war, es doch etwas dürftig, wenn wir in ihm den Nieder-
schlag seines gesamten Unterrichtes zu sehen hätten. Mit Ver-
gnügen werden wir daher noch ein zweites Aktenstück heranziehen,
das uns erfreulichere Ausblicke auf die Bildung, die dem Prinzen
zu teil wurde, erölfnet. Im Jahre 1.Ö19, als Colditz seine Stellung
bei Johann Friedrich verließ, wurde ein Inventar aller Kleinodien,
Kleider und anderen Habe des Prinzen aufgenoinmen*), in ihm er-
halten wir auch ein Verzeichnis der Bücher, die sich damals in
seinem Besitz befanden, und er verfügte doch immerhin schon über
19 lateinische und 18 deutsche Bücher. Allerdings wurden dazu
gerechnet auch ein von dem Prinzen selbst gesebriebenes Tirociuium
optimi principis und die uns schon bekannten Kudimenta Graecanica.
Auch in den „praecepta grammatica lateinisch und grekisch von
Mro. Alexio Crosnero Coldicio gemacht“, in den ,,eleinenta Principis“
und in einem „vocabularius“ haben wir wohl eher Schreibhefte als
Bücher zu sehen. Terenz ist in einer großen und einer kleinen
Au.sgabe vertreten, daneben sind aufgeführt die institucio Christiani
principis von Erasmus, die epi.stolae des Libanius. die institucio des
Aldus, die Grammatik des Brassikanus, dagegen scheinen Donat,
Remigius und Ale.xauder inzwischen verloren gegangen zu sein.
Unter den deutschen Büchern steht „Der I’ürsten Regel" an erster
Stelle, ferner sind Livius und Terenz in deutscher Ueber.setzung
vorhanden; Vegecius’ Buch von der Kriegskunst, der Parzival.
das Heldenbuch, eine türkische Chronik und ein Fechtbüchlein
zeigen, wohin sonst die Interessen des Prinzen gingen. Alle übrigen
Bücher sind religiösen Inhalts und werden uns später noch zu be-
schäftigen haben.
Auch mit den angeführten sind jedoch die Bücher nicht er-
schöpft, die durch die Hände des Prinzen gegangen sind, denn
1) Hain, No. 320—323.
2) Reg. L>. 148. Ich bringe dies interessante istück unter den Aktenstücken
unter No. 1 zum Abdruck, gebe dort mich die nötigen Erlänternngen.
Digitized by Google
10
Kapitel I.
Michaelis 1515 wurde für ihn ein Tristan gekauft'), zu Neujahr
1516 außer dem Titus Livius drei Almanache und ein deutscher
Amandus*), zu Ostern desselben .lahres ein Textus sententiarum*)
und ein Rationale divinorum^) und etwa um dieselbe Zeit'’) ..ein
Buch, die alte Weise genannt, mitsamt der Beichte“ ®), der Rosen-
kranz ^ und die polnische Schlacht“). Schon in seiner .lugend
scheint also .Johann Friedrich die Vorliebe für das Sammeln von
Büchern gehabt zu haben, die ihm daun sein Leben lang treu ge-
blieben ist, schon jetzt finden wir neben den Klassikern Bücher,
die ein gewisses Interesse für das Rittertum, für Zeitereignisse
und für religiöse Erbauung bekunden.
Sicher war dem Prinzen Gelegenheit gegeben, allerhand zu
lernen, Colditz scheint aber keine großen pädagogischen Fähig-
keiten besessen zu haben, wenigstens hat sein Unterricht in der
Erinnerung des Prinzen selbst keinen guten Eindruck hinterlassen,
Johann Friedrich scheint der Meinung gewesen zu sein, daß der
Lehrer ihn etwas strenger hätte behandeln müssen “). An Gehalt
erhielt Colditz jährlich 40 fl.'®), dazu noch gelegentliche Extragaben ").
Neben ihm war ein Baccalaureus für 4 fl. Sold tätig **), des.sen Namen
ich aber nicht habe feststellen können. Ob der Unterricht Johann
Friedrichs auch jetzt noch von anderen Knaben geteilt wurde, läßt
sich auch nicht mit voller Sicherheit angeben. Hirsclifeld war jeden-
falls schon 1513 ausgeschieden "’). doch werden noch Neujahr 1514
1) Rc)r. Bb. 4252. Die I^esart ist nicht ganz sicher.
2) Vielleicht Amadis?
3) Ob sequentiamm textus? Hain, No. 14(582 ff.
4) Reg. Bb. 4200. Jedenfalls: Duranti, Rationale divinoruni officiorum.
Hain, No. 64(51 ff. Ein Handbuch der Liturgik.
6) Reg. Bb. 1269.
6) Vielleicht auch ein liturgisches Buch.
7) Ein Roscnkrantz von unser lieben frauen. Welche Ausgabe gemeint
ist, läßt sich nicht bestimmen.
8) Die Bchlaclit von dem Kunig von Poln un mit dem Moscowiter gescheen
am tag Marie gepurt MCCCCCXIIII. Weller, No. 8bl.
9) non est bene de me meritus, Cordatus a. a. O., No. 1009.
10) Reg. Bb. 4238. 4280.
11) z. B. bei seiner ersten Messe am 1. Juni 1517 zu Weimar 20 fl. Reg. Bb. 4268.
12) Reg. Bb. 4238, auch er erhielt bei seiner ersten Messe in Zwickau am
2.5. April 1518 ein Geschenk von 10 fl. Rig. Bb. 4277.
1.3) Im März 1513 ritt des Hirschfelds Bruder ,,der bei m. gn. jungen herrn
gewe.sen ist“ mit Pfeffingcr an den kaiserlichen Hof. Reg. Bb. 4222.
Digitized by Google
.Iup;eDd, Erziehung, Vermählung.
11
vier Schreibzeuge für die ^Knaben“ des jungen Herrn gekauft '). und
von seinen „Gesellen“ ist öfters die Rede. Michaelis lf)19 galt der
Unterricht als beendet, und Colditz trat nun die ihm schon löK!
übertragene Kanonikusstelle in Altenburg an-). —
Abgesehen von dem wissenschaftlichen Unterricht läßt sich
über das .lugendleben .Johann Friedrichs nur wenig sagen. Durch
die zweite Vermählung seines Vaters mit Margarethe von Anhalt
am U). Nov. l.ol3 scheint keine große Veränderung in seiner
Lebenswei.se herbeigeführt worden zu sein, doch finden wir ihn
jetzt oft in der Umgebung seiner Stiefmutter. Da erst jetzt
Friedrich und .Johann ihre Hoflialtungen trennten, wird wohl auch
jetzt erst der ständige Wohnsitz des Prinzen von Torgau nach
Weimar verlegt worden sein, noch im März 151.3 intercedierte er
am Hofe Friedrichs des Weisen zu Gunsten angeklagter Eisenacher ’).
Der Aufenthalt in Weimar wurde durch häufige Reisen, meist mit
den Eltern zu.sammen, unterbrochen, im Mai 1514 finden wir den
Prinzen in Gotha, im August in .Jena, während .Johann sich in
.Vltenburg auf dem Landtage befand, im Oktober in Koburg*).
Die Fastnacht des Jahres 1515 wurde in Zwickau gefeiert *). dort
brachte der Hof auch fast das ganze Jahr 1518 zu*), das Jahr 1516
brachte Reisen nach Jena und ins Kurfürstentum, auch wurde Johann
Friedrich im September dieses Jahres vielleicht zum ersten Male mit
nach Trockenborn genommen D- Auch 1517 ließ ihn der Vater wieder
dorthin kommen“) und dort und in Hummelshain wurden nun über-
haupt fast in jedem Herbst einige Wochen zugebracht, jedenfalls der
Jagd wegen. Demselben Zweck wird auch die meist in den August
fallende Reise nach Eisenach gedient haben, und der Sommer brachte
meist einen Besuch bei Friedrich dem Weisen in Torgau und Lochau,
wobei es dann selten ohne einen mehrtägigen Aufenthalt in Witten-
berg abging’'). Dem Studium werden diese häufigen Reisen, wenn
1) Reg. Hb. 4272.
2) Spalatin ap. Mencke, Sp. 592.
3) Gillert I, 328 f.
1) Reg. Bb. 5535. 4242. 4220.
5) Lorenz Wilhelm, Beschreibung der Stadt Zwickau, S. 210, Ixwtätigt
durch Reg. Bb. .5538.
6) Wilhelm S. 211 ff.
7) Reg. Bb. 554.5.
8) Ebenda .5547 und Reg. D. 28b.
9) Alles nach Reg. Bb.
Digitized by Google
12
Kapit«! I.
auch der Magister in einem Wagen mitgenommen wurde, nicht allzu
dienlich gewesen sein, doch lernte Johann Friedrich Land und Leute
seiner künftigen Staaten dabei kennen, ln seine Lebensweise, seine
Gewohnheiten und Liebhabereien in dieser Zeit erhalten wir einen
kleinen Einblick durch ein etwa ins Jahr 1515 oder 1516 gehöriges
Ausgabebuch ')• Neben den fast täglich wiederkehrenden Almosen
und „Opfern“ in der Kirche fallen darin die häufigen Gaben für Jung-
frauen, Schüler u. s. w. auf, die den jungen Herrn angesungen
hatten. Wir werden dadurch an die in allen alten Lebensbeschrei-
bungen Johann Friedrichs wiederkehrende Anekdote erinnert, wo-
nach er als 8— D-Jähriger Knabe eine besondere Vorliebe für den Kate-
chismusunterricht in der Kirche gehabt und sich von seinem Vater
Erlaubnis erbeten habe, daran teilzunehmen -). Ob ihr irgend ein
wirklicher Vorgang zu Grunde liegt, vermögen wir nicht zu sagen.
Au spätere Zeiten erinnert es uns, wenn in jenem Ausgabe-
buch des Dreizehnjährigen das Spiel .schon eine nicht unbedeutende
Rolle sjjielt. Meist handelt es sich ja nur um 2 — 3 Groschen, aber
einmal verliert er im Spiel mit seinen Eltern und dem Fürsten
von Anhalt in Pößneck doch auch schon 12 Groschen, und am
27. Mai 1514 werden sogar einmal schon 1 fl. 16 gr. als Spielverlust
des jungen Herrn gebucht*). —
Die eigentliche Erziehung Johann Friedrichs galt offenbar mit
der Entlassung von Colditz als abgeschlossen, ein Magister des
jungen Herrn wird seitdem nicht mehr genannt, nur seine „Ein-
ros.ser“ werden seit 1520 in den Quatemberrechnungeu aufgeführt.
Es sind Heinrich und Günther von Bünau, Nickel vom Ende,
Wolf von Raschkau und Rotha. seit August 1.523 auch ein Witz-
leben '). Man könnte geneigt sein, in ihnen auch die einstigen
Mitscliüler des Herzogs zu sehen, doch läßt sich ein Beweis dafür
nicht erbringen. Sie bildeten von jetzt an die ständige Umgel)ung
des Prinzen, begleiteten ihn auch meist auf seinen Reisen.
Aber wenn auch Johann Friedrich als erwachsen galt, er hatte
doch noch mancherlei zu lernen, und besonders, nachdem er im
Jahre 151!> mit der Habsburgerin Katharina verlobt worden war,
schien es erwünscht, daß er sich auch einige Kenntnisse in der
1) lieg. im. 4269.
2) Vgl. etwa .1. G, Müller S. 19 f.
3) Reg. Bb. Ö5S5.
4) Ebenda 4296. 4297. 4318,
Digitized by Google
Jugend. Erziehung. Vermahlung.
13
französischen Sprache erwerbe. Ihm diese beizubringen, scheint die
Aufgabe des Magisters V'eit Warbeck gewesen zu sein. Dieser')
war, nachdem er 1009 in Paris die Magi.sterwürde erworben hatte.
1.Ö14 nach Wittenberg gekommen. Durch seine Kenntnis des Fran-
zösischen erregte er die Aufmerksamkeit Friedrichs des Weisen,
und dieser ließ daher seinen natürlichen Sohn Sebastian von Jessen
durch ihn in dieser Sprache unterrichten. Im August 1517
hatte Warbeck den Hof wieder verlassen und lebte, wie es scheint,
wieder in Wittenberg, Friedrich der Weise zog ihn in den nächsten
Jahren aber noch häufig auch zu Aufgaben politischer Art heran,
nahm ihn auch 1519 mit nach PYankfurt-). Am Hofe Johanns des Be-
.ständigen erscheint der Magister seit dem Ende des Jahres 1519'*),
ohne daß sich aber mit völliger Sicherheit sagen ließe, welche Stel-
lung er dort bekleidete'). Auch sein Verhältnis zu Johann Friedrich
war nicht ganz genau bestimmt, ich mochte an eine Art Sekretär-
>telle bei ihm denken*). Sein Sold betrug 40 H. jährlich®), am
2.5. Juni 1.524 wurde er entlassen'), scheint aber nun eine ähnliche
Stellung, wie bisher bei den sächsischen Herzogen, bei Herzog
Franz von Braunschweig-Lüneburg eingenommen zu haben*). Da
ilieser sehr häutig am weimarischen Hofe weilte, blieb Warbeck
auch mit Johann Friedrich in engster Verbindung, vermittelte
dessen Beziehungen zu Spalatin und anderen Gelehrten und ver-
sah ihn mit französischen Büchern"). Ihm hat er dann auch im
1) Vergl. Bolte in der A. D. B. und in der Einleitung zu seiner Ausgabe
der schönen Magcllone. Holstein in der Zlschr. f. d. Philol., XVIII, S. 191 f.
2) Schlegel Vita Spalatini, S. 201 ff.
3) Reg. N. 806, in den Quatemberre<!hnungen wird er zuerst am 28. 1'cbr. 1520
genannt. Reg. Bb. 4296.
4) Er gelbst bezeichnet sich als Kaplan Johanns, und so nennt ihn auch
Ijmg in einem Brief vom 19. Sept. 1523 jirincipalis sacellanus Vimariensis. (ioth.
läbl. Cod. chart. B. 26, S. 12. Vergl. Orgel, S. 21. Hofj>rediger war aber eigent-
lich Wolfg. Stein.
5) „qui es illustri principi adulescentiori a caliculis“ schreibt ihm Hieronymus
Candelphus am 14. Dez. 1523, Goth. Bibi, ebenda S. 23—25. Johann drückt sich
sehr unbestimmt aus, wenn er am 29. Dez. 1526 an das Altenburger Kapitel
schreibt, daß Warbeck seinem Sohne Johann Friedrich ..auch diene“. Spalatin,
ap. Mencke, Sp. 664.
6) Reg. ßb. 4296.
7) Reg. Bb. 4324.
8) Das zeigen Spalntins Briefe an ihn bei Schlegel.
9) Vergl. Bolte, S. XXIX. Schlegel, 8. 219.
Digitized by Google
14 Kapitel I.
Jahre 1527, vielleicht als Hochzeitsgeschenk, seine Uebersetzung
der schönen Magellone gewidmet ‘)-
Daß Veit Warbeck den jungen Herzog auch im Französischen
unterrichtet habe, hat man aus diesen späteren Beziehungen wohl
mit Recht gefolgert, denn wir vermöchten nicht anzugeben, wo
Johann Friedrich sonst Französisch gelernt haben sollte. Einen
Einblick in die Art und Weise des Unterrichts gewährt uns
möglicherweise eine interessante Handschrift der Coburger Biblio-
thek*). Dort findet sich das französische E.xemplar der schönen
Magellone, das Warbeck seiner deutschen Uebersetzung zu Grunde
gelegt hat. Es ist mit einer wortgetreuen lateinischen Interlinear-
übersetzung versehen, und in Anmerkungen am Rande wird auf
gewisse charakteristische Unterschiede der lateinischen und fran-
zösischen Sprache aufmerksam gemacht, einige Male auch das
Deutsche zur Erklärung herangezogen. Trotz einer genauen Ver-
gleichung der Hamlschrift wage ich aber nicht mit Bestimmtheit
zu behaupten, daß diese Interlinearübersetzung von Warbeck her-
rühre, und es ist auch durchaus nur eine Hypothese, wenn man
annimmt, daß Warbeck die lateinischen Kenntnisse .seines Zöglings
benutzt habe, um ihn ins Französi.sche einzuführen, und daß er
ihm dann sjiäter seine Uebersetzung des Werkes gewidmet habe,
daß er einst seinem Unterrichte zu Grunde gelegt hatte. —
Fassen wir die Resultate der wissenschaftlichen Erziehung Jo-
hann Friedrichs ins Auge, so ist gewiß nicht zu leugnen, daß
sic ein lebhaftes wissenschaftliches Interesse in ihm erweckt hat.
Die.ses trat zunächst in seiner Bücherliebhaberei hervor. Zwar ver-
mögen wir nicht zu bestiuimen, wie viele der Bücher, die er später
besaß, schon in seiner Jugend von ihm angeschatft worden sind, man
hat aber den Eindruck, daß er keine Gelegenheit vorübergehen ließ,
seine Bibliothek zu bereichern, und he.«onders .seine zahlreichen fran-
zösischen Bücher und Handschriften *) werden doch wohl meist in der
Zeit Veit Warbecks ange.schafft worden sein, und dieser starb schon 15;W.
Auch aus dem .lülichschen brachte Johann b’riedrich als Erbschaft
Philipps von Cleve, eines Großonkels seiner Braut, wertvolle fran-
zösische Werke mit. Wenn wir daher vielleicht einiges Recht haben,
1) Die Origimilhaiuischrift in der (iothacr Kit)Iiotbek. Cod. chart. B. 437,
herauKj^eben von Bolle.
2) S. IV, 2.
3) Bolle hal ihren Katalog vcröffentlicJil,
Digitized by Google
Jugend, Erziehung, Vermählung.
15
diese französischen Bücher zu benutzen, um den Geschmack des
Herzog.s in dieser Zeit zu bestimmen, so ist zu erwähnen, daß
nelten religiösen Erbauungsbüchern und Uebersetzungen der
Klassiker Ritterromane eine große Rolle si)ielen.
Das wissenschaftliche Interesse Johann Friedrichs tritt ferner
hervor in der Aufmerksamkeit, die er schon früh der Wittenberger
Universität schenkte. Luther glaubte 1525 in ihm am Hofe ein
Gegengewicht gegen die bildungsfeindlichen Hofschranzen finden zu
können, und täuschte sich nicht in dieser Hoffnung ').
Neben der Theologie ist es von den einzelnen Wissenscliaften
wohl schon in seiner Jugend be.sonders die Geschichte gewesen, für
die sich Johann Friedrich, ähnlich wie Friedrich der Weise, inter-
essierte, vor allem verfolgte er Spalatins historiographische Tätigkeit
mit Aufmerksamkeit. Zwar mögen die Verbesserungen, die er in
dessen Geschichte Friedrichs des Weisen vornahm, erst aus späterer
Zeit stammen *), Spalatin tat aber keine Fehlbitte, wenn er ihn schon
jetzt um Auskünfte und Nachforschungen, z. B. in genealogischen
Dingen, bat-'*). üebcrhauj)t blieb Spalatin stets mit ihm in brief-
licher Verbindung B, im Jahre 1520 schon widmete er ihm seine
Uebersetzung von Plutarchs Buch vom Unterschiede des Freundes
und des Schmeichlers^), später war es Warbeck, der den Verkehr
vermittelte, aber auch die direkte Verbindung des Gelehrten mit
seinem einstigen Zögling ist nie ganz unterbrochen worden. Daß
er mit dessen wissenschaftlichem Intercs.se zufrieden war. zeigt
sein Brief vom 1. Dez. 1.526: ,Placet mihi, ejus cordi sic curae
esse bouas literas. bona ingenia, sicut sane principes decet . . . .
Utinam bouus princeps pergat iil amandis et honorandis iugeniis,
ita enim magnus evadet *').
Schw’ercr als über die wis.senschaftlichen Interes.sen kann man
über die Kenntnisse Johann Friedrichs ein Urteil abgeben. Ihm
selbst genügten sie später nicht. Von dem Lateinischen und dem
1) Luther an Joh. Friedr. 1.025 Mai 20. de Wette II, 064 f. Erl. .53, 302.
Joh. Friedr. an Luther, 1525 Juni 1. Enders V, 18.5 f.
2) Vergl. über aie Neudecker und Preller, Sjmlatin» historischer Nach-
lall, varie. Seelheim S. 23 f. 37. 52.
3) Schlegel, S. 239. 241 f.
4) Das zeigen z. B. seine Briefe an Warlieek vom 29. Nov. 1524 und 21. Febr.
1525. Goth. Bibl. Cod. chart. B. 26, fol. 135. 141.
5) Vergl. A. D. B., XXXV, S. 19.
6) Schlegel, S. 241 f.
Digitized by Google
16
Kapitel I.
P'ranzüsischen, das er gelernt liatte. liat er wohl sjtäter nicht allzu
viel Gebrauch gemacht, seine außerordentlich zahlreichen deutschen
Briefe und Denkschriften sind zuweilen etwas umständlich, aber
iin ganzen in gutem und klarem Stile geschrieben. —
Mit alledem haben wir erst eine Seite der Ausbildung Johann
Friedrichs, die geistige, erledigt; ihr ging aber, wie es schon
die DilTerenzen zwischen Spalatin und Isserstedt gezeigt haben,
eine körperliche zur Seite. Mutian hatte ganz recht, wenn er
der Meinung war, daß auch diese nicht vernachlässigt werden
dürfe, und manchem Herrn vom Hofe mag die Ausbildung des
jungen Prinzen im Rennen , Stecheu und Turnieren wohl wich-
tiger erschienen sein als die ganze Spalatinsche Gelehrsamkeit.
Auch Johann der Beständige besaß für diese Dinge ein lebhaftes
Interesse und wird gewiß dafür gesorgt haben, daß die Erziehung
seines Sohnes in dieser Beziehung nicht vernachlässigt wurde.
Nälieres über derartige Uebungen des Prinzen ist uns jedoch aus
seiner früheren Jugend nicht überliefert, nur 1518 soll er einem
Turnier in Zwickau beigewohut haben '). Erst vom Jahre 1.521 an
sind wir besser unterrichtet, ln der Dresdener Bibliothek sind
uns niimlicli zwei prächtig ausgestattete Turnierbücher erhalten -).
eins von Johann dem Beständigen über die .Fahre 1487 — ^1527 und
eins von Johann Friedrich über die Jahre 1521 — 1554. In farl)igcn
Bildern werden uns darin sämtliche Turniere des Herzogs aus
diesen Jahren dargestellt, und zwar erblicken wir die Kämpfer
immer im Momente der Entscheidung. M'enn auch die Namen
nicht immer beigeschricben sind, so i.st doch der Herzog stets zu
erkennen, so daß wir also hier seine ganze ritterliche Laufliahn
verfolgen können. Das Buch beginnt zu Worms 1521. und in tler
Tat scheint, wie uns der Bricfweclisel Fricilrichs des Weisen und
Johanns zeigt, das geplante Turnier für den jungen Herzog den
Hani)tanziehungsi)unkt des Reichstags gebildet zu haben. Schon
im Januar stellte er an einem hölzernen Manne Vorübungen an“),
am S. Februar traf er mit seinem Vater in Worms ein. und zu
Fastnacht fanden daun die üblichen Turniere statt. Es war otleu-
1) Wilhelm a. a. O. S. 212. Man heaehte auch die in Aktenstück 1 iiuf-
geführton Waffen !
2) .1. 15, 1«.
3) Försteinann, Neues Urkundenbneh, I, 6, 8. Kolde, Friedrich d. W.
und die .Anfänge der Reformation, S. -43.
Digitized by Google
Jugend, Erziehung, Vermählung,
17
bar (la.s erste öffentliche Auftreten .Johann Friedrichs*), und daß
es gleich vor versamnicltem Reichstage erfolgte, war gewiß ein
großes Ereignis. Der Ausgang war sehr /ufriedenstellend. .lohann
Friedrich furnierte mit Anark von Wildenfels dreimal. Da.s erste
Mal tiel dieser, das zweite Mal blieben beide sitzen, das dritte Mal
fielen beide-). Der Eindruck auf die Zuschauer war so gut, daß
Karl V. den jungen Herzog nach seiner Abreise bitten ließ, ihm
sein Rennzeug zu scliicken, weil er sich desselben bedienen wolle.
Der Wunsch wurde natürlich gern erfüllt-*).
Sclion im Mai hatte sich der Herzog mit einem neuen Reuu-
zeug versehen *), die Pferdedecke trug jetzt den Siu uch : „Mein
Glück gehet auf Stelzen'* und jene Zeichen, wie sie Müller mit
demselben Spruch und der .Jahreszahl 1521 von dem Herzog in
einer Wand in Naumburg eingeschnitten fand -'’). In der Tat wurde
.lohann Friedrich in den fünf Rennen, die er 1.521 noch wagte,
viermal geworfen, nur einmal siegte er. Sein Eifer ließ deswegen
nicht nach. 1.522 brachte er es dahin, nur viermal zu fallen, acht-
mal seinen Gegner zu werfen, und von Jahr zu Jahr scheint er nun
ein gefürchteterer Kämj)fer geworden zu sein. Seine Gegner waren
meist sächsische Adlige, 1522 erscheint zum ersten Male Philipi)
von Rraumschweig, 1.523 Wolf von .-Vnhalt. Das Turnier mit ihm
in .Saalfeld nahm einen unglücklichen Verlauf. Johann FTiedrich
„fiel mit dem Gaul und brach den Schenkel, spürte das bis an sein
Eude", ein Ereignis, das er für wichtig genug hielt, um es eigen-
händig in Spalatins Zeitgeschichte einzutragen'*). Auch mit Philipp
von Hessen hat sich der Herzog seit 152(i oft gemes.sen. Be-
sonders reich an Turnieren war das Jahr 1.527, am interes.sante-
sten von ihnen allen war dem Herzog offenbar der Kampf mit dem
„großen Beheim“ Bernhard Schneschke oder Zschoschkau. Daß er
ihm erlag, mag ihn zu neuem Eifer angespornt haben, und im
Jahre 152H schon brachte er es dahin, nicht nur selb.st im Sattel
1) .\n zwei Turnieren, die 1519 in Weimar stattfanden, nahm der junpe
Herzog noch nicht teil. Reg. D. 120.
2) Förstern ann I, 81 und das Turnierbuch J. 15.
3) Seckendorf, Historia Lutherani.smi supplem. ad indic. I, No. XXXIX.
Eörstemann I, 10 ff. 10. Kolde, S. 48.
4) Förstemann, 1, 19.
5) J. G. Müller, Titelblatt und S. 31 ff.
b) Neudecker und Preller, S. 172. Vergl. auch Kolde, S. 52.
Beitraf^ *ur nmcrco Geschichte Thüringen.^ I. 2
Digitized by Google
18
Kapitel I.
ZU bleiben, sondern auch den gefürchteten Gegner halb zu Fall zu
bringen. Im ganzen zählen wir für die Jahre 1521 — 15.^ 146 Tur-
niere Johann Friedrichs'). Jedes solche Turnier war natürlich zu-
gleich eine Veranlassung zu geselligem Beisammensein für benachbarte
und befreundete Fürsten, auch politische Fragen wurden dabei er-
ledigt, und die Anwesenheit der Damen bot Gelegenheit zur An-
knüpfung zarter Beziehungen. In alleroffiziellster Form luden z. B.
am 25. Nov. 1522 Johann Friedrich und Wolf von Anhalt Herzog
Georg und seine Söhne auf Fastnacht 1523 nach Naumburg zu „Ritter-
schimpf, Rennen, Stechen, welschem Thorner“ ein. ihr Kommen
solle ein Beweis der Einigkeit des Hauses Sachsen sein, auch seine
Gemahlin und seine Töchter „sambt ihrem Frauenzimmer mit andern
hübschen Frauen und Jungfrauen“ solle der Herzog mitbringen.
Georg lehnte aber ab, da er zum Reichstag nach Nürnberg müsse,
auch sonst zu viel zu tun habe*).
Auch für die zweite fürstliche Hauptbelustigung der Zeit, die
Jagd, hat es Johann Friedrich an Interesse gewiß nicht gefehlt.
Die alljährlichen Aufenthalte in Lochau, Hummelshain, Trockenborn-
Wolfersdorf und Eisenach gaben reichlich Gelegenheit, sie auszu-
üben. Direkt bezeugt ist uns seine Teilnahme an einer Jagd auch
erst im Jahre 1.521 •’). im folgenden Jahre ließ dann Kurfürst Friedrich
eine Jagd Johanns und Johann Friedrichs sogar schon in einem
Gemälde dar.stellen und sandte es mit einer Beschreibung an den
Pfalzgrafen Friedrich '). In den Briefen Johann Friedrichs ist von
Jagdangelegenheiteu im ganzen selten die Rede, Johann scheint
mehr Interesse dafür gehabt zu haben als er. Hervorgehoben zu
werden verdient vielleicht, daß er seinem Sohne am 23. Sept. 1526
aus Trockenborn melden konnte, daß eine Frau 3 Bären gesehen
habe '').
Man hat vielleicht nicht mit Unrecht angenommen, daß der
französische Unterricht Johann Friedrichs dadurch veranlaßt worden
.sei, daß für ihn eine Frau in Aus.sicht genommen war, die der
deutschen Sprache nicht oder nur mangelhaft mächtig war: Kafha-
1) Arch. f. d. Ȋohs. tiesch., XV, :lll.
2) Diese Korresi)ondenz im Loc. 10520.
0) Spalatin ap. Menckc, II, 607.
4) Planitz, Böichte, S. 2-10 f.
.5) Reg. E. No. 58 I, Hdbf.
Digitized by Google
Jugend, Erziehung, Vermählung.
19
rina, die Schwester Karls V'. Denn Veit Warbeck trat ja gerade in
der Zeit in die Dien.ste Johanns, wo diese Verbindung in der Tat
viel Aussicht auf Verwirklichung hatte. Es war nicht die erste
Partie, die für Johann Friedrich geplant wurde'). Schon 1514
und dann 1517 ist in den Weimarer Akten*) in allerdings sehr
unbestimmter Weise von einer Heirat zwischen zwei noch sehr
jungen Leuten die Rede, was auf Johann Friedrich und Sibylla von
Jülich-Kleve, seine spätere Gemahlin, bezogen wird. Ernstlicher ins
Auge gefaßt wurde der Plan erst im Jahre 1518*). Die Verbindung
.schien sich besonders deswegen zu empfehlen, weil auf diese Weise
am einfachsten die Lehnsstreitigkeiten zwischen Sachsen und Kleve *)
beseitigt werden konnten. Auch Kaiser Maximilian nahm sich der
Sache an, und in Jülich-Rerg legte man sie schon dem Landtage
vor*). Dann wurde plötzlich alles still davon: eine noch aussichts-
vollere Möglichkeit hatte sich eröffnet®). Karl V., der die Unter-
stützung Friedrichs des Weisen für seine Wahl brauchte, glaubte, da
der sächsische Kurfürst kein Geld nahm, vielleicht dadurch Eindruck
auf ihn machen zu können, daß er die \'ermählung seiner Schwester
Katharina mit Johann Friedrich anregte, wenigstens werden Mark-
graf Kasimir von Brandenburg und Graf Heinrich von Nassau, die
die Sache „von sich aus als gute Freunde“ vorbrachten, wohl jeden-
falls der Zustimmung Karls sicher gewesen sein^. Nun ließ sich
zwar auch dadurch Friedrich nicht bestimmen, gegen das Prinzip
der freien Wahl zu verstoßen, aber sowohl von ihm wie von Johann
wurden doch offenbar diese Anträge sehr gern gehört. Bei der Wahl
kam die Sache zum Abschluß ®), wurde in den nächsten Jahren all-
seitig ratifiziert, und es stand nun der V’ollziehung der Heirat nichts
1) Auf die französischen Anerbietungen RT.\. I, S. 51. 53. 136. 490. 829.
838, II, 123 ff. gehe ich nicht weiter ein, ebenso nicht auf die angeblichen Pläne,
den Prinzen mit Anna von Ungarn zu vermählen, ebenda S. 241. 447.
2) Reg. 1). 58 I.
3) Ebenda.
4) V>rgl. über diese Ritter, 8. 3 ff.
5) RTA. I, S. 121 ff. Below, Landtagsakten, I, 8. 87.
6) .\llcs Folgende, soweit nicht andere Quellen angeführt, nach J. J. Müller,
Historie der Augshurgischen Konfession, 8. 688 — 092. Er benutzte Akten lin
Reg. D. fol. .30, die zum Teil jetzt nicht mehr vorhanden zu sein scheinen.
Vergl. auch Droysen, Verlöbnis, S. 168 ff.
7) Vergl. Olwr die ersten Verhandlungen RTA. I, S. 554. .566. 671. 676.
600 ff. 703. 734. 797. Die französischen gingen ihnen beständig zur Seite, ebenda.
8) RTA. I, 860. Droysen, Verlöbnis, S. 174 f.
2*
Digitized by Google
20
Kapitel I.
mehr im Wege, ja sie wäre viellcieht tatsächlich erfolgt, wenn man in
Sachsen die Kosten einer Heirat durch Prokuration nicht gescheut
hätte. Der Aufenthalt Johanns und seines Sohnes in Worms und
die unbestimmten Andeutungen in seinem Briefwechsel mit Friedrich
mögen wohl auch zu der Vermählungsfrage in Beziehung zu setzen
sein. Karl V. versprach .schließlich, daß er die Braut (! Monate
nach seiner Rückkehr nach Spanien dem Bräutigam senden wenle *).
Diese Sendung erfolgte aber nicht. Ob wirklich der Widerstand der
Mutter Johanna die Ursache war, oder ob <ler religiöse Gegen-
satz, der sich in Worms gezeigt hatte, die Vermählung jetzt uner-
wünscht erscheinen ließ, bleibe dahingestellt -). Jahrelang mußten
sich die wettinischen Brüder mit Vertröstungen und Versprechungen,
wie auch iu anderen Punkten, begnügen ■*). Eine gewisse Scheu,
die Sache zu berühren, tritt hervor.
Die erste bestimmte Aeiißerung, aus der zu entnehmen war,
daß aus der Heirat wahrscheinlich nichts werden würde, über-
mittelte Planitz dem Kurfürsten am 27. Juli 1523^), durch Christian
von Dänemark erfuhr man dann, daß Katharina den König von
Portugal heiraten solle“). Doch war noch alles in der Schwebe,
manchmal scheint man auch auf seiten der Habsburger noch daran
gedacht zu haben, die Vermählung zu benutzen, um die Sachsen
für die Wahl Ferdinands zum römischen Könige zu gewinnen '’)•
Auch am Anfänge des Jahres 1.Ö24 wagte der Kaiser den Kur-
fürsten noch nicht über seine veränderten Absichten aufzuklären,
sein Bevollmächtigter auf dem Nürnberger Reichstage, Hannart,
sollte erklären, daß der Kaiser die Heirat „mit dem ersten“ wolle
vollziehen lassen und daß nur der Krieg mit Frankreich es bisher
verhindert habe ’). Auch der Kurfürst hatte damals durchaus noch
nicht die Absicht, so mir nichts dir nichts zu verzichten *), ja er
dachte daran, wegen der Heirat einen Gesandten an den Kaiser
zu schicken”).
1) RTA. II, S. 833. 844.
2) Ueber das Verhalten der Braut vergl. RTA. II, S. 833 f.
3t Planitz, S. •223 f. 313.
4) Ebenda S. 503.
5) Neudccker und Preller, S. 111.
6) Friedensburg. Rt zu Speier, S. 21.
7) Förstemann, I, 8. 143.
8) Neudecker und Preller, 8. 62.
9) Förstemann I, 8. 179.
Digitized by Google
Jugend, Erziehung, Vermählung.
21
Immerhin wird man in Sachsen schwerlich mehr allzu ver-
wundert gewesen sein, als dann die Aufkündigung der Verlobung
erfolgte. Hannart. der auf Wunsch Ferdinands auf dem Reichs-
tage lieber gar nicht über die Sache gesprochen hatte und. als der
Kurfürst ihn beim Abschied fragte, wie die Sache stünde, vorgegeben
hatte, erst Nachricht darüber vom Kaiser zu erwarten *), hatte,
als er nach dem Reichstage nach Norddcutschland reiste, die Auf-
gabe, die Sache möglichst glimpflich zu erledigen. Am 14. Mai
traf er beim Kurfürsten ein *). Den genauen Inhalt seines An-
bringens kennen wir nicht, doch entwickelte er die Schwierigkeiten,
die sich der Verbindung in den Weg stellten, und bemühte sich.
Ersatzvorschläge zu machen. Er wies hin auf die Tochter des
Königs von Dänemark, die des Königs von Neapel und die des
Königs von Polen, der Kaiser werde gern die Werbungen des
Prinzen unterstützen, auch eine ansehnliche Summe Geldes bei-
steuern ’). Sachsen soll eine ziemlich schroffe Antwort gegeben
lind erklärt haben, daß es die Ehe eigentlich als ge.<chlossen be-
trachte und die Verantwortung für ihre Trennung dem Kaiser und
seiner Schwester überlasse^). Im ganzen aber fand sich Friedrich
in die Sache mit Würde, wie sein Trostlirief an seinen Rruder
vom 4. Juni 1.524 zeigt“). Johann scheint weniger ruhig geblieben
zu sein, lieber das Verhalten des Bräutigams erfahren wir nichts.
Auffallend ist, daß gerade am 25. Juni 1524 Veit Warbeck entlassen
wurde. Sollte man den französischen Unterricht jetzt sofort für
unnütz gehalten haben V
Ganz zur Ruhe kam die Heiratsfrage übrigens noch nicht. Aus
dem August 1.524 liegen einige geheimnisvolle Notizen vor, aus denen
hervorzugehen scheint, daß jetzt König Ferdinand Interesse für die
Verbindung hatte •’). Balthasar Wolf von Wolfsthal verhandelte da-
mals in seinem Aufträge mit dem Kurfürsten ’). Auch in Sachsen
hat man vielleicht noch eine Zeit lang au die Möglichkeit der
1) Lanz, Komwpomlenz Karls V., I, 8. 11.3 ff.
2) 8palatin ap. Mencke, II, Sp. C3.’>.
3) Ob die Erzählung 81eidans, S. 92b, Haiinart habe erklärt, Ketzern
hrauehe man keine Treue zu halten, richtig ist, vermag ich nicht zu entscheiden.
4) J. J. Müller, a. a. O., Lanz, I, 8. 109.
!i) Neudccker und Preller, S. 02.
C) Förstemann, I, S. 214 f. Lenz, 1, 8. 113 ff. paßt auch dazn.
7) Wolf kam am 0. August und blieb bis znm 19. 8]>alatiti scheint be-
müht gewesen zu sein, dafür zu sorgen, daß er nicht gar zu unhöflich behandelt
Digitized by Google
22
Kapitel I.
Heirat gedacht, erst als man dann im November 1524 erfuhr, daß
die Schwester des Kaisers dem Könige von Portugal zum Weibe
gegeben sei*), mußte man die Hoifnung endgültig aufgeben.
Sehr bald kam man nun wieder auf den alten Plan der Ver-
mählung mit Sibylle zurück. Die Grafen Wilhelm von Nassau,
Wilhelm von Neuenahr und Philipp von Solms nahmen sich der
Sache an und sorgten dafür, daß kein anderer Bewerber dem
sächsischen Prinzen den Rang ablief*). Im Juni 1525 wurde auch
Luther um Rat gefragt. Er riet zum Abschluß, da es nicht gut
sei, eine Sache zu verschieben ®). Ein Brief, den er darüber an
den Kurfürsten Johann schrieb, ist uns leider nicht erhalten, auch
an Johann Friedrich zu schreiben, hielt er nicht für nötig, da der
Prinz erklärt hatte, daß er sich ganz dem Willen seines Vaters
füge*). Das war in der Tat die Haltung Johann Friedrichs. Wie
bei der Verlobung mit Katharina, so trat er auch jetzt zunächst
gar nicht hervor, ließ über sich verfügen. Erst einige Briefe aus
den Jahren 1527 und 1528*) klären uns über seine persönlichen
Stimmungen auf; es lag ihm wenig daran, schon zu heiraten, und
er fügte sich nur dem Wunsche seines Vaters, zugleich in der
Hoffnung, daß er durch die Heirat eine freiere, selbständigere
Stellung, vielleicht sogar eine eigene Hofhaltung gewinnen werde.
Die offiziellen Heiratsverhandlungen ®) begannen im April 1526
mit einer Beratung der beiderseitigen Räte in Bensberg. Die
Heirat hatte ja vor allem einen politischen Zweck, und es kam
nun darauf an, die obwaltenden Differenzen in einer beide Teile
befriedigenden Weise beizulegen. In der Tat einigte man sich
wurde. (Spal. ap. Meucke, II, Sp. 636 f., an Warbeck 1524 Aug. 17. Schlegel,
8. 211.) Auch im Dezember 1524 wurde Wolf noch einmal zum Kurfürsten
gesandt , am 22. Februar 1525 ist Spalatin bei eiucr legatio Ferdinand! zu
Tisch. (Försteraann, I, 225. Spal. an Warbcck 1525 Febr. 22. Goth. Bibi.
Cod. chart. B. 26, fol. 141). Um die Heirat kann es sich damals allerdings
nicht mehr gehandelt haben.
1) Kohle, Friedr. d. W. und d. Anf. der Bef., S. 54 ff.
2) Reg. U. No. 581.
3) Enders, V, S. 190. Ich möchte diese Stelle mit Köstlin, I, S. 732,
gegen Enders auf die geplante Vermählung Johann Friedrichs beziehen.
4) Enders, V, S. 189.
5) Vcrgl. S. 26 f.
6) Sie sind eingehend dargestcllt von Bouterwek, Zeitschr. des Bergischen
Gcschichtsvcreins, Bd. VII, S. 112 ff. Ich folge ihm im wesentlichen.
Digitized by Google
Jugend, Erziehung, Vermählung.
23
dahin, daß im Falle des Aussterbens der jülich-klevischen Dynastie
die vereinigten Herzogtümer an die Ernestiner fallen sollten, dafür
mußten diese aber auf ihre Lehnsansprüche auf Jülich verzichten.
Nunmehr konnte die , Besichtigung** vor sich gehen, in Köln
traf am 13. April der Herzog mit Sibylle und ihrer Mutter zu-
sammen. Vor allem kam es wohl darauf an, ob er der Herzogin
Maria gefiel. Das war der Fall, sie fand „ein gut Gefallen an dem
Fürsten“. Daß die noch nicht vierzehnjährige Sibylle einen großen
Eindruck auf Johann Friedrich gemacht haben wird, ist kaum an-
zunehmen. In einem Briefe, den er am 19. April seinem Vater
schrieb, heißt es sehr kühl : „In der Sachen, wie E. Gn. wissen, bin
ich zu Collen gewessen und die Sachen dermassen befunden, das ich
ir hab gefallens gehabet und ist in dem handel so fil forgenommen,
das ichs for beschlossen halde“. Er fügt hinzu : „Jedoch sollen die
rette von waiden (beiden) tailen zusammen kommen und sich von
etlichen anhangenden artikel weiter undirreden“ ‘).
Die Artikel, um die es sich hier handelte, hatten bei den
jülich-klevischen Räten die höchste Aufregung hervorgerufen. Johann
Friedrich hatte nämlich für seine Person die besten Versicherungen
gegeben, aber in Bezug auf die sächsischen Lehnsansprüche erklären
müssen, daß .sein Vater ohne Herzog Georg in dieser Sache nichts
vornehmen könne und daß daher auch er nichts ohne seinen Vater
bewilligen könne. Auch im Namen seines Vaters schrieb er am
13. Mai aus Torgau, daß man, was man zu fordern habe, nur auf
gütlichem oder rechtlichem Wege suchen wolle, womit doch auch
nichts anderes gesagt war, als daß man auf seine Ansprüche nicht
verzichte. Die Räte der Gegenpartei waren der Meinung, daß da-
mit die Vorteile der Heirat überhaupt illusorisch gemacht seien, und
rieten der Herzogin, die V'erhandlungen abzubrechen, sie aber wollte,
nachdem man einmal so weit gekommen war, nicht wieder zurück,
schon im Juni ließ sie die Sache ihren Landtagen vorlegen *).
Die Verhandlungen wurden dann am 20. Juli in Köln wieder
aufgenommen und Anfang August in Mainz fortgesetzt, auch hier
war aber keine weitere Nachgiebigkeit Sachsens zu erzielen. Ohne
daß ein sächsischer Verzicht stattfand, wurden die Ehepakten am
8. August abgeschlossen und am 9. vom Kurfürsten und seinem
1) Reg. D. 58 1. Hdbf.
2) Below, I, S. 88 f.
Digitized by Google
24
Kapitel I.
Sohn in Speicr unterzeichnet Audi die Eltern der Braut mach-
ten keine Schwierigkeiten. Die wichtigste Bestimmung des Ver-
trages war*), daß im Falle des Aussterbens des jiilich-klevischen
Mannesstammes Johann Friedrich und Sibylle oder ihre männlichen
Nachkommen die ganze Erbschaft erhalten sollten, während die
anderen Schwestern Sibylles mit Geld abgefunden werden sollten.
Durch Zustimmung der Stände und Bestätigung durch den Kaiser
sollte dieser Vertrag größere Festigkeit erhalten. Johann Friedrich
setzte der Braut eine „Leibzucht“ von ötKX) Gulden aus, während
sie ihm 2.ÖO10 Gulden Heiratsgut mitbringen sollte. Dieses sollte
eigentlich am Hochzeitstage bezahlt werden. Da sich dem aber
Schwierigkeiten in den Weg stellten, verzichtete Johann Friedrich
darauf, um die Hochzeit nicht zu verzögern. Er hatte sich Ende
August zu seiner Braut begeben, und es scheint auf seine Veran-
lassung ge.schehen zu sein, wenn nun schon am S. oder 1*. September
in Burg a. d. Wupper das Beilager stattfand *). Der junge Herzog
verweilte dann noch einige Wochen bei seinen Schwiegereltern, reiste
mit ihnen und seiner jungen Frau nach Stockheim zum Grafen
von Rabenstein und traf erst am 11. Oktober in Weimar wieder
ein ^). Er kam allein, denn wenn man auch die Hochzeit beschleu-
nigt hatte, die Heimführuug sollte verschoben werden, bis alle Ver-
handlungen über die erbrechtlichen Verhältnisse, die Zustimmung
der Stände, die Bestätigung durch den Kaiser zu Ende geführt
waren. Noch viel wurde deswegen hin und her geschrieben, im
Januar machte sich Johann Friedrich noch einmal selbst nach den
Rheinlanden auf den Weg“). Er brachte einen Entwurf mit für
die dem Gesandten an den Kaiser mitzugebende Instruktion ®),
doch ist es erst nach Jahren gelungen die Bestätigung des Ver-
1) Spalatin ap. Mcncke, II, Sp. 050.
2) Dithmar, Cod. diplom. zu Teschenmachcr, Annalea Cliviae, No. CVI.
Ueber den Widerspruch zwischen dieser Bestimmung und der gleichzeitigen Wah-
rung der älteren sächsischen Ansprüche, vergl. Ritter S. 7.
3) Die Stellen bei Bouterwek, S. 116 ff. Spal. ap. Mencke, Sp. 662 er-
geben den 8. September, dagegen würde man nach einem Briefe, den Johann
Friedrich am 11. September 1526 seinem Vater schrieb, auf den 9. kommen.
(Reg. D. .58 I, Ildbf.) Vielleicht liegt ein V'erschen Johann Frietlrichs vor.
4) Spalatin ap. Mencke, Sp. 662. Brief Johann Friedrichs vom ll.Scpt.
5) Die Reisereohnung hat Heß veröffentlicht in der Ztschr. f. thür. Gcsch.,
N. F. X, S. 511 ff.
6) Kopie z. B. in Loc. 10561.
Digitized by Google
Jtigrnd, Erziehung, Vermählung.
25
trags vom Kaiser zu erlangen'), (lünstiger verliefen die Verhand-
lungen mit den Landshänden. Naelidem sich der Kurprinz und
seine (.Temahlin verpflichtet hatten, einen Revers zu unterschreiben,
in dem sie die .Privilegien, Gewohnheiten und Rechte“ der Land-
tage zu beobachten gelobten, stellten -diese der Anerkennung des
Successionsvertrages keine großen Schwierigkeiten in den Weg. Am
17. März kam man in .lülich-Herg, am 15. Mai auch in Kleve-Mark
zum Abschluß -). .lohann Friedrich hatte ihn nicht abgewartet, er
war schon Mitte März nach IIau.se zurückgekchrt. nachdem vor-
her noch verabredet worden war, daß die Heimfahrt seiner Frau
am Sonntag vor Pting.sten (2. Juni) stattfinden sollte. Am 7. Mai
machte sich dann auch die Herzogin auf den Weg, um ihre Tochter
ihrem fiemahl zuzuführen. Wenn sie auch gegen den Willen Jo-
hann Friedrichs inkognito und über Eisenach reiste, so tat er doch
alles mögliche, um den Empfang „unangesehen aller kosten“ würdig zu
gestalten "). Er und sein Vater kamen den Damen erst unmittebar
vor Torgau zur Begrüßung entgegen. Dort schlossen sich dann
au.«gedehnte Festlichkeiten au, zahlreiche Fürstlichkeiten waren zu-
sammengekommen , Turniere fanden statt , auch der alte Kurfürst
nahm zum letzten Mal in seinem Leben daran teil. Die Kosten
der Heimfahrt betrugen nicht weniger als 11)2.50 tl.').
Nachdem man genug gefeiert hatte, wurden die Verhandlungen
wieder aufgenommen. Am 1). Juni übergab die Herzogin dem
Kurfürsten das Ehegeld von 25000 rhein. Goldgulden, am 10.
übermittelte sie das Silbergeschirr, und am 12. fanden mit der
Unterzeichnung des Reverses für die Stände durch den Kurprinzen
und seine Gemahlin alle Formalitäten ihren Abschluß®). —
Wer damals den hünenhaften Johann Friedrich neben der
schmächtigen , kaum dem Kindesalter entwachsenen Sibylle sah,
mochte wohl meinen, daß hier die Politik ein recht ungleiches
Paar zu.sammengefügt habe, und der Ehe kein günstiges Progno-
stikon stellen. Derartige Befürchtungen erfüllten sich nicht. Es
1) In Innebrurk und Augsburg fanden l.äSO lange Verhandlungen deswegen
■■tatt. Lanz, I, S. 39-1 ff. Beeten dorf, II, S. 194. J. .1. M üller, S. 673 ff.
2) Below, I, B. 89—91.
3) Johann Friedrich au Anark v. Wildenfels 1527 Mai 21. Hdbf Reg.
A. 236.
4) Reg. D. 58, II-V. ßb. 4.342.
5) Dithmar, No. CVIII.
Digitized by Google
26
Kapitel I.
erwies sich, daß die Charaktere der Gatten ausgezeichnet zu-
einander paßten, .lohann Friedrich und Sibylle haben sich, soweit
wir zu beurteilen vermögen, trefflich aneinander gewöhnt, so daß
Luther später die Ehe des sächsischen Kurfürsten als Muster hin-
stellen konnte; auch die Briefe Sibyllens an ihren gefangenen Ge-
mahl zeugen von einem sehr herzlichen Verhältnis*).
Viel wird zum glücklichen Ausgang der Heirat beigetragen
haben, daß die 1527 noch bestehende Verschiedenheit im Glauben
bald beseitigt wurde. Johann Friedrich hatte ja auch als Bräu-
tigam nie aus seiner evangelischen Gesinnung ein Hehl gemacht,
stets hatte Myconius ihn nach den Rheinlanden begleitet und täglich
vor ihm gepredigt, er hatte auch am 8. September das Brautpaar einge-
segnet, trotzdem war aber Sibylle noch als Anhängerin des alten
Glaubens nach Torgau gekommen. Bald aber ist es dann ihrem
Gemahl gelungen, sie zu bekehren, 1.528 trat sie in Torgau zur
lutherischen Kirche Ober*), und ihre späteren Briefe, vor allem
ihre Beziehungen zu Luther zeigen uns, daß es aus innerster
Herzensüberzeugung geschah. Schon vom 14. Januar L52!) stammt
ihr erster Brief an Luther, den wir besitzen, er ist geschrieben
wenige Tage, nachdem sie am 8. Januar ihres ersten Sohnes Johann
Friedrichs des Mittleren genesen war“). Der Brief zeigt uns, daß
sie damals auch schon persönlich zu Luther in Beziehungen ge-
treten w'ar, zugleich ist er schon ein erster Beweis für das gute
Verhältnis, das unter den Gatten bestand. Doch auf diese Fa-
milienverhältnisse wird später zurückzukommen sein, jetzt sei nur
noch ein Punkt berührt.
Johann Friedrich hegte, als er sich zur Ehe entschloß, die
Hoffnung, daß er nun eine selbständige Hoflialtung erhalten würde.
Er war bisher etwas knapp gehalten worden und hoff’te, daß ihm
nun bestimmte eigene Einnahmen zugewiesen werden würden. So
hatte er denn seinem Vater vor der Hochzeit erklärt, es sei ihm
1) HerauBgegeben von Burkhardt in der Ztechr. des bergiechen Geschichte-
vereins, Bd. V.
2) Gr ul ich, Denkwürdigkeiten der . . ReBidenz Torgau, S. 43.
3) EnderB, VII, 8. 40. Die Schwierigkeit der Datierung erledigt sich wohl
dadurch, daU Johann Friedrich der Mittlere tatsächlich in Weimar, nicht in Torgau
geboren wurde, wonach Beck, Pose und Devrient zu berichtigen sind. Reg.
O. No. 1511, fol. 68 und Loc. 9604, de vita ducum Saxoniae fol. 9b.
Digitized by Google
Jugend, Erziehung, Vermählung.
27
noch ganz ungelegen, sich zu verheiraten, doch wolle er seinem
Vater gehorsam sein, bitte dann aber um „etwas eignes“, wovon
er .seinen Unterhalt haben könne. Würde ihm das nicht gewährt,
so wolle er sich von dem Ehegeld in .Jülich oder Kleve etwas ver-
schaffen. Der Kurfürst hatte darauf durch den Kanzler und den
Herrn von Wildenfels mit ihm verhandeln lassen und schließlich
die Erklärung abgegeben, er werde sich ihm gnädig erzeigen, er
und seine (lemahlin sollten am Hofe so gehalten werden, daß sie
keinen Grund zur Klage haben würden. Neue Verhandlungen hatten
nach vollzogenem Beilager stattgefunden, wieder war der Prinz aber
mit allgemeinen Versicherungen abgefunden worden. Da auch ein
neuer \'orstoß einige Tage nach der Heimfahrt keinen besseren Er-
folg hatte, reichte er schließlich im Winter 1527 eine ausführliche
Denkschrift ein ‘). Er wiederholte darin seine Bitte, ihm „ein eigenes
Wesen einzurichten“, und drohte, wenn das nicht geschehe, unter
die Leute gehen d. h. borgen zu müssen, weil er von seinem Vater
nicht genug bekomme. .Johann, dessen Haltung wohl durch die
schwierige Finanzlage seiner Staaten bestimmt wurde *), ließ sich
aber auch dadurch nicht erschüttern, widerlegte einzeln alle Punkte
der Denkschrift seines Sohnes und schloß mit der Erklärung, dieser
habe keinen Grund zum Klagen, und mit der Aufforderung, sich
genügen zu lassen ®). Erst nachdem dann in einem Briefe vom
14. .Juli 1528*) der Kurprinz seine Wünsche noch einmal wieder-
holt hatte, erzielte er ein gewisses Resultat: vom Quatember cruc.
exalt. des Jahres 1.528 an wurde sein vierteljährliches Deputat von
.50 fl. auf 125 fl., das seiner Gemahlin von 75 fl. auf 100 fl. er-
höht®). Eine getrennte Hoflialtung und Rechnungsführung aber
vermochte Johann Friedrich auch jetzt nicht zu erreichen. Bis
1.532 blieb er mit seiner Familie dem Hofstaat seines Vaters ein-
gegliedert®), und erst im Juli 1.532 scheint eine Aenderung geplant
gewesen zu sein. Denn bei der Wichtigkeit, die der damaligen
Reise der Kurprinzessin und ihrer Söhne nach Coburg beigelegt
1) Beg. D. 58 II ohne Datum. Aktenst. No. 5.
2) Vergl. Barkhardt, Landtagsakteo, Einleitung.
3) Reg. D. 58 V Kone, ohne Datum. Aktenst No. 6.
4) Ebenda 58 V, eigenh. Aktenst. No. 7.
5) Reg. Bb. 4344.
6) Vergl. etwa Keg. Bb. 4352.
Digitized by Google
28
Kapitc-l I.
wird*), scheint es, daß es sich dal)ci um eine wirkliche Trennung
der Hoflialtung handelte*). Es war wenige Wochen, ehe der Tod
Johanns dem Kurjirinzen die ersehnte Selbständigkeit im vollsten
Maße gewährte.
1) Vergl. (len Brief de« Hans von Minidcwilz an Joh. Friedr. 1532 .luli 5,
Torgau, Reg. A. 247. Aktcnst. No. 26.
2) Darauf scheint auch die Bemerkung des Kabricius, VIII, S. 30 hinzu-
weisen: Elector filium . . . Coburgi in Francia aliquandiu habitaturum a se
dimiserat.
Digitized by Google
Kapitel II.
Johann Friedrich und die Reformation.
Gern sucht man im Leben des Kindes Spuren der späteren
Eigenschaften des Mannes. So sind uns denn auch aus der .Jugend
Johann Friedrichs des Großmütigen mehrere Anekdoten überliefert,
die bewei.sen sollen, daß der fromme Sinn, der ihn später aus-
zeichnete. ihm schon damals eigen war. Leider tauchen sie aber
alle erst so spät auf, daß man nicht recht wagt, von ihnen Ge-
brauch zu machen. In das Charakterbild des Fürsten passen sie
sehr gut. Die Umgebung, in der Johann Friedrich aufwuchs, war
im ganzen recht geeignet, ihn fromm zu machen im Sinne seiner
Zeit. Sein Vater sowohl wie besonders sein Onkel waren Männer,
(fie die kirchlichen Gebräuche ihrer Zeit voll Eifer initmachten,
keiner kam Friedrich dem Weisen in der Reliquienverehrung und
-Sammlung gleich. Es vergeht kaum ein Tag, ohne daß in den
Ausgabebüchern beider Fürsten „Opfer“ zu verzeichnen wären,
und Johann Friedrich folgte, soweit er Gelegenheit dazu hatte,
ihrem Beispiel. Ob eine Tradition, daß er seinem Vater sogar zu
fromm gewesen sei ‘)i irgend welchen Anspruch auf Glaubwürdig-
keit hat, läßt sich nicht entscheiden, ein Brief Johanns vom
24. Dezember 151!)-) würde eher dagegen sprechen.
Die etwa vorhandenen frommen Neigungen des Prinzen werden
durch seine Erzieher verstärkt worden sein. Spalatin und Colditz
1) In dem allerdings erst aus späterer Zeit stammenden illustrierten Bürh-
leiu : Das ganze Leben und Historia des aller theuersten und werten Mannes Her-
zogen Johann Friedrichen heißt es unter dem 4. Bilde;
Sein ratter sprach zu seinem sun
Ach du wilt nur sein gar zu frum,
Wer also gar bald glauben wil,
Muß in seim leben leiden vU.
2) Vergl. 8. 30.
Digitized by Google
30
Kapitel II.
waren beide Theologen, und wenn sie auch der humanistischen
Richtung zugetan waren, so haben sie doch gewiß die religiöse Er-
ziehung ihres Zöglings nicht vernachlässigt. Diese bewegte sich
natürlich zunächst in dem üblichen Geleise. In dem Inventar von
1519 finden wir unter anderem auch verzeichnet; „Ein silbern marien-
bild an ein paternoster zu hengen, ein vergult sand Annen Zeichen“
u. dgl., und unter den Büchern begegnen wir dem hortulus auime
einem Cursus Sancti Bonaventurae, mehreren Passionen und Heiligen-
legenden, wie sie geeignet waren, dem traditionellen Religions-
unterricht als Grundlage zu dienen. Daneben aber erscheinen, und
das ist das Interessanteste an dem Aktenstück, schon zahlreiche
Schriften Luthers: Die Acta Augustana, die sieben Bußpsalraen,
die Auslegung des 110. Psalms, ein Sermon der Betrachtung des
Leidens Chri.sti, die Predigt vom hochwürdigen heiligen Sakrament.
Wir werden darau.s, soweit wir nicht an eine eigene Initiative
Johann Friedrichs glauben wollen — Luther predigen zu hören,
wird er im September 1518 in Weimar Gelegenheit gehabt haben ‘) —
schließen dürfen, daß es ein Verdienst des Colditius war, wenn
sein Zögling schon als Knabe mit dem Geiste Luthers erfüllt wurde.
Tatsächliche Beweise für die lutherfreundliche Gesinnung Johann
Friedrichs liegen uns allerdings erst au.s dem Jahre 1.520 vor, denp
wenn ihn sein Vater am 24. Dezember 1519 *) ermahnte, zum Sakra-
ment zu gehn, so kann mau daraus ebensowohl auf religiöse Gleich-
gültigkeit oder auf zu große Gewissenhaftigkeit schließen wie auf
Zweifel, die durch die neue Lehre hervorgerufen wurden. Immer-
hin ist es bemerkenswert, daß sich Luther im März 1520 schon
überlegte, ob er den Sermon von den guten Werken dem jungen
Herzog widmen solle ®). An Veit Warbeck fand d.amals seine Lehre
einen neuen eifrigen Anwalt bei dem Prinzen. Von direkten Be-
ziehungen zu Luther erfahren wir zuerst iin Oktober 1520^).
1) Kost Iin, Luther, 1, S. 201.
2) Aktenstücke, No. 2.
3j Luther an Spalatin 1520 Mär/. 2,5. Enders, 11, S. .Sllti.
4) Den Brief Veit Warbecks vom 22. Okt. wage ich nicht recht, heran/u-
ziehen. Cyprian , Nützliche Urkunden, I, 454 — 457 läßt ihn an Joh. Friedrich ge-
richtet sein, ihm sind andere gefolgt, nur Bolte, S. XXV — XXVII, betrachtete
Johann als den Adressaten. Da der Brief, wie mir Herr Prof. Ehwald gütigst
mitteilt, keine Adresse hat, läßt sich die Frage schwer entscheiden. Einige Sätze
des Briefes klingen etwas schulmeisterlich, auch hatte .Tohann Friedrich ja tat-
sächlich damals an Friedrich den Weisen geschrieben. Luthers Brief vom 30.
Digitized by Google
Johann Friedrich und die Reformation.
31
Johann Friedrich schrieb damals an den Reformator einen leider
bisher nicht wieder aufgefundenen Brief, in dem er ihn seines
Wohlwollens versicherte, große Neigung zu seiner Lehre zu er-
kennen gab und ihm mitteilte, daß er auch den Kurfürsten zu
seinem Gunsten zu beeinflussen suche ’) , ja er übersandte ihm
Abschrift seines Briefes an diesen *). Luther antwortete am 30. Okt.,
bekannte seine Furchtlosigkeit trotz der Bulle und sprach die Be-
fürchtung aus. daß man die Universität Wittenberg von Leipzig her
schädigen wolle ’). Er bekam nun erst recht Lust, dem jungen Herrn
eine Schrift zu widmen, und ersah dazu die Auslegung des Lobgesanges
Mariae, des Magnitikat '•). Freudig konnte ihm dieser dann am 20. Dez.
1520 melden, daß er auf sein Schreiben vom Kurfürsten '*) eine für
Luther sehr günstige Antwort erhalten habe. Außerdem bekannte er
sich auch in diesem Briefe wieder aufs entschiedenste zu Luthers
Lehre, er bezeichnete ihn geradezu als seinen „geistlichen Vater“ ®).
Ob diese entschiedene Stellungnahme des 17-jährigen Prinzen durch
seinen Vater veranlaßt worden ist ’j, läßt sich nicht mit Sicherheit
behaupten, wohl aber dürfen wir neben dem Einfluß Warbecks einen
solchen Spalatins annehmen. In einem eigenhändigen Briefe vom
21. Dez. 1520 aus Coburg dankt ihm Johann Friedrich für ein ihm
dediziertes Büchlein **) und beteuert am Schluß : „Ich wil auch euer bit
guedig eingedenk sein und ubir dem ewangelio fest halten“ Und
wenn Friedrich der Weise am 16. Januar 1.521 .seinen Bruder beauf-
tragte, Johann Friedrich mitzuteilen, daß man alle Tage wider Doctor
an Joh. Friedrich berührt sich vielfach mit dem Warbecks, aber die Bannbulle
ist von Eck an Johann und schwerlich auch an Johann Friedrich gesandt worden,
1) Der Inhalt ergibt sich aus I.uthers Antwort.
2) Das geht aus dem Briefe des Prinzen vom 20. Dez. herv or.
3) de Wette, I, .^18 f., VI S. 586, Anm. 2. Erl. .53, 52.
4) Spalatin an Kurf. Friedrich 1520 Dez. 3. Wal tz,Zeit.schr. f. K.G., II, S. 121.
.5) Daß es der Kurfürst und nicht Herzog Johann war, mit dem Johann
Friedrich damals korrespondierte, geht eigentlich schon aus Luthers Aeußerung
bei Ende rs III, 8. 74, vom IG.Jan. an 8pal. hervor. Da Ko Ule, Friedrich d. W.,
S. 26, aber für möglich hält, daß Luther sich hier geirrt habe, sei noch darauf
verwiesen, daß nach den Rechnungen Johann und sein Sohn in den letzten Monaten
des Jahres 1520 offenbar fast bettändig beieinander waren. Reg Bb. 55.58.
6) Enders, III, S. 22 f.
7) Becker, Kf. Johann v. Sachsen und seine Beziehungen zu Luther, S. 8.
8) Vergl. S. 15.
9) Goth. Bibi. Cod. chart. A 378, fol. 2. Ich bringe den Brief unter No. III
zum Abdruck.
Digitized by Google
32
Kapitel II.
M:irtinu.s Rat halte ') . so ist das doch wohl auch als ein Beweis
dafür zu betrachten, daß gerade dieser als Verfechter der Sache
Luthers am Hofe galt.
Aus dieser lutherfreundlichen Gesinnung hat der Prinz dann
offenbar, auch als er sich im Februar in Worms aufliielt, kein Hehl
gemacht, und Aleander war gewiß gut unterrichtet, wenn er am
28. Februar nach Rom berichtete, der Neffe des Kurfürsten sei
noch viel ketzerischer als der Oheim, wie alle Welt wisse*). Es
war wahrlich wohlverdient, wenn dem Prinzen von Luther im Früh-
jahr 1521 die Verdeutschung und Auslegung des Lobgesanges Mariä
gewidmet wurde, zugleich als Dank für seinen Brief vom 20. De-
zember. Die Schrift ist allerdings erst auf der Wartburg fertig
geworden, schon am 10. März aber schrieb Luther seinen Wid-
mung.sbrief au den jungen Herzog. Er benutzte die Gelegenheit,
um einige auf dessen künftigen Herrscherberuf bezügliche Er-
mahnungen anzuknüpfen: anderer menschen tun bringet nur ihn
selb oder gar wenigen leuten frummeu oder schaden, aber herrn
sein nur darzu gesetzt, daß sie ander leuten schädlich oder nützlich
sein, so viel mehr, so viel weiter sie regieren etc., Sätze, die gewiß
nicht oline Eindruck auf das fromme Gemüt des Prinzen geblieben
sein wer<len*). Die Antwort .lohann Friedrichs auf diesen Brief
ist uns nicht erhalten, aus dem nächsten Briefe Luthers an ihn
vom 31. März geht aber hervor, daß er damit einige Anfragen an
Luther verbunden hatte Ober die guten Werke Christi und über seinen
Schlaf. Es war ihm aufgefallen, daß im Evangelium nur einmal
erwähnt sei, daß Christus geschlafen habe. Luther antwortete, das
genüge, um die natürliche wahre Menschheit Christi in diesem
Punkte zu beweisen. In Bezug auf Christi Werke stimmte er mit
dem Prinzen darin überein, daß Christus stets nach des Vaters
Wohlgefallen getan habe, denn dieser sehe nicht auf die Werke,
sondern auf den Willen in den Werken. .lohann Friedrich scheint
ferner noch die Frage aufgeworfen zu haben, ob Christus am Kreuz
den ganzen Psalm Deus, Deus meus, respice gebetet habe. Luther
erklärte, es sei gleichgültig, ob man das glaube oder nicht, da in
der Schrift nichts darüber stehe*). Der Brief Johann Friedrichs
1) Förstemann, Neues Urkb., I 8. 5.
2) K a I k 0 f I , Dc|)eschen A leanders, S. lOG.
3) de Wette, I, S. 571—573. Erl. 5.3, .5811. W. A. VII, 544 f. .
4) Erl. 53, 63 ff.
Digitized by Google
Johann Friedrich und die Reformation. 33
muß ein interessanter Beweis dafür gewesen sein, in wie eingehende
theologische und biblische Studien er sich damals schon vertieft
hatte, er zeigt zugleich aber auch, in was für Spitzfindigkeiten er
sich dabei verlor.
Mit seiner Antwort übersandte Luther dem Prinzen die ersten
Bogen des Magnificat, die Weiterarbeit daran wurde dann durch
die Reise nach Worms unterbrochen. Die Vorgänge dort wird
.Johann Friedrich gewiß mit lebhaftem Interesse verfolgt haben;
durch Veit Warbecks Briefe an seinen Vater wurde er auf dem
Laufenden erhalten. Auch Spalatin glaubte mit Recht, das Interesse
des Prinzen zu finden, wenn er ihm das Pasquill „Dr. Martin
Luthers Passion“ übersandte -). Und daß Johann Friedrich es auch
nicht versäumte, nach den Wormser Vorgängen an Luther zu
.schreiben, zeigt dessen Brief an Spalatin vom 10. Juni l.b21
offenbar wußte auch er aber nichts über Luthers Aufenthalt, und
Luther antwortete ihm auch lieber nicht, um diesen nicht zu ver-
raten. Wir haben auch keinen Grund, anzunehmen, daß Johann
Friedrich, als er dann vom BO. August bis (5. September mit seinem
Vater in Eisenach weilte^), über Luthers Aufenthalt auf der Wart-
burg unterrichtet worden sei. Johann benutzte sein Zusammen-
treffen mit Luther, um sich über eine theologische Frage bei ihm
Rats zu holen, durch die die Weimarer Franziskaner bei ihm
1) Zwar ist bei allen diesen Briefen in Rt^. K die Adresse verletzt, vor-
läufig müssen wir aber doch wohl an nehmen, daß sie an Johann und nicht an
.lohann Friedrich gerichtet sind. RTA II, 8!j0, Anm. 1 erweckt allerdings Be-
denken.
2) Joh. Frieilr. an Spal. Cyprian II, 2.Ö9. Vergl. Lenz, Kritische Er-
örterungen zur Wartburgzeit, 8. 29, Anm. 2. Schade, Satiren und Pasquille, II,
S. 106 ff., aber erst in den Sommer gehörig. RTA II, 896.
3) Enders, III, S. 171 f.
4) Reg. Bb. 5560. Daß sich Johann in größerer Begleitung nach Eisenach
begab, ist zugleich wohl ein neuer Beweis dafür, daß er bis dahin selbst über
den Aufenthalt des Reformators nichts gewußt hatte. tVergl. Luther an Spal.
SepL 9. E n d ers, III, S. 230.) Auf keinen Fall haben wir Grund, besondere Hinter-
gedanken bei seinem Besuch anzunehmen; dieser ist durchaus nicht auffällig,
da der Herzog fast in jedem Jahre im August einige Tage nach Eisenach ging.
5) So möchte ich die grisaei pharisaei et hypearitae bei Enders, III, 8. 234,
erklären mit diesem gegen Lenz, S. 45. Vom Hofe Friedrichs d. W. ist schwer-
lich die Rede, dazu war die Verbindung beider Höfe damals zu gering. Was für
Schwierigkeiten aber die Weimarer Franziskaner dem Herzog machten, zeigt ihre
Eingabe bei Cyprian II, S. 240—252, nach Luthers Brief an Stein bei Enders,
IV, 8. 29 ff., ins Jahr 1522 gehörig.
Beiträge zur neueren Geschichte Thüringens I.
Digitized by Google
34
Kapitel II.
Skrupel zu erregen suchten, und nach dem, was wir bisher über
Johann Friedrichs theologische Studien erfahren haben, werden wir
gewiß annehraen dürfen, daß auch er sich an den Debatten über
derartige Fragen mit Eifer beteiligte. Das nächste positive Zeugnis
über seine religiöse Beschäftigung entstammt allerdings erst aus
dem März 1522. Die Vorgänge, die sich während Luthers Ab-
wesenheit in Wittenberg abgespielt hatten, hatten auch ihn erregt,
und er wandte sich nun an Luther und bat ihn um Auskunft über
die Frage des Empfanges des Sakramentes unter beiderlei Gestalt,
über die Notwendigkeit, es mit den Händen zu ergreifen, und über
das Fleischessen an Fasttagen. Er scheint dabei eine gewisse
Neigung zu radikalen Neuerungen zu erkennen gegeben zu haben,
denn Luther glaubte ihn in seiner Antwort zurückhalten zu müssen.
Mit der großartigen Freiheit und Duldsamkeit, die ihn damals noch
auszeichnete, .setzte er ihm auseinander, daß jene Dinge unwesent-
lich seien: ,,Wir sind nicht davon Christen, daß wir das Sacrament
angreifen oder nicht, sondern darumb, daß wir gläuben und lieben.'*
Gewiß sei es ja besser, das Sakrament unter beiderlei Gestalt zu
nehmen, aber man müsse vorläufig noch auf die schwachen Ge-
wissen Rücksicht nehmen *).
lieber die Wirkung dieses Briefes auf Johann Friedrich wissen
wir nichts, es vergeht wieder ein halbes Jahr, ohne daß wir etwas
über seine religiöse Entwicklung erfahren. Im September läßt
ihm Luther auf V'eranlassung Lukas Cranachs und Christian Dörings
durch Spalatin ein Exemplar seines neuen Testamentes zugehen,
im Oktober war der Prinz zugegen, als Luther am 19., 24., 25. und
21). sechs Predigten in Weimar hielt®), in denen er unter anderem
von den Pflichten der weltlichen Obrigkeit sprach.
Mehr und mehr wurde dann Johann Friedrich in der nächsten Zeit
der Mittelpunkt eines streng lutherischen Kreises in Weimar. Wenn er
sich auch von allzu radikalen Neuerungen künftig anscheinend fern-
gehalten hat, so ließ er sich doch davon nicht abhalten, für die
Verbreitung der neuen Lehre tätig zu sein. In welcher Weise er
wirkte, diis hat uns ein weimarischer Franziskaner, der spätere
weimarische Ilofprediger Johannes V’^oyt berichtet. Er wurde durch
1) Der Brief Johann FriedrieJis ist nicht erhalten, sein Inhalt ergibt sich
ans Luthers Antwort vom 18. Jlärz. Erl. 53, 1 18 f. Vergl. auch Luther an
Bpalatin. März 24. Enders, III, 8. 317 f.
2) Köstlin, I, 8. .521. Reg. Bb. .5581.
Digitized by Google
Johann Friedrich und die Reformation. ,3ö
den Prinzen im geheimen mit lutherischen Büchern versehen, die
er dann mit Friedrich Mekum u. a. im Kloster las. Als die
mei.sten Anhänger des Evangeliums dann aus dem Kloster entfernt
wurden, hielten ihn Herzog Johann, seine Gemahlin und sein Sohn,
weil sie ihn gern predigen hörten. Durch ein Provinzialkapitcl in
Weimar wurde ihm darauf das Predigen verboten, doch predigte
er auf besonderen Wunsch der Fürsten noch einmal an einem
Neujahrstage*). Diese Predigt ist in Zwickau zu Michaelis lö23
gedruckt worden, hat also vermutlich zu- Neujahr 1523 stattgefunden,
ein Provinzialkapitel in Weimar wurde im August 1.521 abgehalten ®),
die zweite Gemahlin Johanns starb am 8. Oktober 1521. Die pro-
pagandistische Tätigkeit Johann Friedrichs im Weimarer Franzis-
kanerkloster muß also mindestens bis ins Jahr 1521 zurückreichen.
Kein Wunder, daß alle Anhänger der neuen Lehre vertrauens-
voll auf den jungen Prinzen blickten und Fühlung mit ihm suchten,
Euricius Cordus pries ihn in einem zuerst 1522 gedruckten Gedicht
als Beschützer der Reinheit des Evangeliums®), Jonas ließ sich
im September 1523 durch Lang bei Warbeck entschuldigen, daß er
ein eben erschienenes Büchlein <) nicht Johann Friedrich gewidmet
habe, es sei das wegen der darin enthaltenen Schmähungen nicht
geschehen, die für einen so frommen und milden Fürsten nicht ge-
paßt hätten, bei nächster Gelegenheit werde er aber das Warbeck
gegebene Versprechen erfüllen ®). Tatsächlich widmete er dann dem
Prinzen im Jahre 1.524 seine Auslegung der Apostelgeschichte®).
Auch Lang selbst läßt sich in jenem Briefe dem jungen Herzog
empfehlen und bittet um eine tunica grisea, um endlich den häufigen
Aufforderungen Johann Friedrichs, daß er sich etwas von ihm er-
bitten möge, zu entsprechen *). Melanchthon endlich widmete 1525
dem jungen Herzog seine Schrift: Salomonis sententiae ver.sae ad
hebraicam veritatem mit einem Widmungsbrief, in dem er besonders
1) Ra bi, Historien der Märtyrer, II, Buch IV, Kap. VII, Bl. 318a, b.
2) Kapp, Kl. Nachlese, II, S. 471 ff.
3) Krause, Cordus, S. 83. Cyprian, II, 259.
4) Wohl die Schrift gegen Faber Kawerau, Der Briefwechsel des J. Jonas,
I, 8. 87 f.
5) Lang an Warbeck 1523 Sept. 19. Goth. Bibi. Cod. chnrt. B. 26, S. 12—14.
Oergel, S. 21.
6) Kawerau, I, S. 91 f.
7) In dem angeführten Brief. Siehe Anm. 5.
3*
Digitized by Google
36 Kapitel II.
die Pflicht der Fürsten, für Kunst und Wissenschaft zu sorgen,
hervorhob ‘j. —
Besonders wertvoll ist für Luther und sein Werk die Unter-
stützung Johann Friedrichs geworden, als seit dein Jahre l.o23 die
schwärmerischen und wiedertäuferischen Bewegungen immer mehr
um sich gritfen. Auch der Prediger in Eisenach, Jakob Strauß,
und der weimarische Hofprediger Wolfgang Stein waren unter
ihren Einfluß geraten. Während Strauß be.sonders gegen den
Zinskauf agitierte, entwickelte Stein die Theorie, daß das mosaische
(lesetz wieder eingeführt werden müsse, daß es einem Christen
nicht gebühre, den kaiserlichen Cesetzen zu gehorchen. Es gelang
dem Einfluß des Hofpredigers, bei Johann mit seinen Ausführungen
Eindruck zu machen. Johann Friedrich und der Kanzler Brück,
die den gesunden Menschenverstand vertraten, hatten einen schweren
Stand bei dem alten Herrn, sie erschienen ihm als Widersacher
des göttlichen Wortes, und es blieb ihnen schließlich nichts anderes
übrig, als Luthers Unterstützung anzurufen. Durch Veit Warbeck
ließ ihm der Prinz im Juni 1Ö24 jene Fragen zur Entscheidung
vorlegen. Luther antwortete am 18. Juni im Sinne Johann Friedrichs
und des Kanzlers, was diesen dann auch bei Johann den Sieg über
die beiden Prediger verschaffte. Luther benutzte die sich ihm
bietende Gelegenheit nun aber gleich, um sich, vielleicht auch durch
eine Frage des jungen Herzogs veranlaßt, über die Schwärmer im
allgemeinen, über Karlstadt und Münzer auszusprechen.
Die Antwort des Prinzen vom 24. Juni zeigt uns, wie fest er
auf die Wittenberger Theologen vertraute. Stein sollte selbst nach
Wittenberg gehen und sich ,.die hörner des Mosischen gerichts halben
ablaufen“, und auch Strauß hätte er gern zu einer Disi>utation mit
Luther und Melanchthon genötigt, Strauß verstand es aber, bei Herzog
Johann mit Erfolg dagegen zu arbeiten. Auch Johann Friedrich
ging dann schließlich in seinem Schreiben auf die Schwärmer über,
er klagte über ihre Menge: ,es sind, leider, der Schwärmer, Gott
sei es geklagt, allzuviel und machen uns hieoben gar viel zu schalTen.“
Er glaubte, kein besseres Mittel dagegen angeben zu können, als
daß Luther von einer Stadt im Fürstentum nach der anderen zöge
und wie Paulus sähe, „mit was Predigern die Städte der Gläubigen
versehen wären. Ich glaub, daß ihr bei uns in Duringen kein
1) C. R. I, 774 ff.
Digitized by Google
Johann Friedrich und die Refornmtion.
37
christlicher Werk thun möchtet. Welche Prediger denn nicht tüg-
lich, hättet ihr mit Hülf der Oberkeit zu entsetzen Der Ge-
danke der Kirchenvisitation war damit ausgesprochen *).
Im Kleinen wurde der Vorschlag Johann Friedrichs schon im
August desselben Jahres ausgeführt. Am 1. oder am 13. Juli
hatten Johann und Johann Friedrich in Allstedt eine Predigt
Münzers gehört®), sie hatten sie Luther zusenden lassen, der da-
durch zu seinem „Briefe an die Fürsten von Sachsen vom aufrühre-
rischen Geist“ veranlaßt wurde, außerdem hatten sie aber Münzer
zu einem Verhör nach Weimar geladen. Es fand am 1. August
statt und hatte zur Folge, daß Münzer sich freiwillig aus dem
Lande entfernte *). Um so erwünschter erschien es nun aber, auch
gegen das andere Zentrum der schwärmerischen Bewegung, gegen
Orlamünde, von dem aus Kahla, Neustadt und Jena angesteckt waren,
vorzugehen. Und wenn sich jetzt Luther im August selbst in diese
Städte begab, so dürfen wir das vielleicht als eine Wirkung jenes
Vorschlags Johann Friedrichs betrachten. Stein war inzwischen
zur Vernunft gekommen und begleitete den Reformator. Die wei-
marischen Fürsten kann Luther vor seiner Reise nicht mehr ge-
sjtrochen haben, da sie erst am 23. von einer Reise nach Eisenach
zurflckkehrten, auf der Rückreise aber hat er Johann Friedrich
über seine Erlebnisse, über die „tragoedia Orlamundensis“ Bericht
erstattet und ihm und Brück auseinandergesetzt, daß man ein Recht
habe, Karlstadt aus Orlamünde zu entfernen ®). Auch weiterhin
scheint diese Angelegenheit vor allem von Johann Friedrich ge-
leitet worden zu sein. Ihm hat Luther gesagt und geschrieben,
was Karlstadt auf seine Bitte vom 11. September um ein Verhör und
eine Disputation zu antworten sei ®), an ihn wandte sich Luther am
22. September auf Veranlassung des neuen Pfarrers Dr. Caspar Glatz,
damit er die endliche Entfernung Karlstadts aus Orlamünde be-
ll Luther an Joh. Friedrich, 1524 Juni 18. Erl. 53. 244 ff. Enders, IV.
S. 354 f. Joh. Friedrich an Luther, Juni 24. Enders, IV, S. 356 ff.
2) Burkhardt, Gesch. der sächs. Kirchen- und ischulvieitationen, S. 3.
3) Reg. Bb. .5563. Der Kurfürst war nicht dabei. „Beide m. gnädige Herrn**
hcfleiitet in den Reisebwhern Johann und Joh. Friedrich. Der Kurf, ist der „gnä-
digste** Herr. Auch am 1. waren die Herzoge in Allstedt. Das hat Kolde
G. G. A. 1902 S. 763 übersehen.
4) Vergl. etwa Köstlin, I, S. 678.
.5) Luther an Spalalin 1524 8ept. 13. Enders, V, S. 23. Vgl. \V. X V S.328
6) Luther an Stein. Erl. 53, 268.
Digitized by Google
38
Kapitel II.
wirke *), bei ihm beklagte sich dann auch Glatz selbst in einem
vielleicht erst ins Jahr 1.Ö25 gehörigen Briefe über die Schwierig-
keiten, die er in Orlamünde finde, und bat ihn, gegen den Rotten-
geist dort einzuschreiten ®). Es kann keinem Zweifel unterliegen,
daß gerade Joluinn Friedrich als ein besonderer Feind der schwär-
merischen Bewegungen angesehen wurde, ja manches spricht dafür,
daß damals die weimarische Kirchenpolitik im wesentlichen von
ihm geleitet wurde: Auf seinen Betrieb wurde in den ersten
Monaten des Jahres 1.Ö2.Ö von Jakob Strauß und Burkhardt Hund
ein erster Versuch mit der Visitation im Eisenachischen gemacht^),
bei ihm erhob am 24. März 1.Ö2.5 der Weimarer Franziskaner
Heinrich Pomponius in einem merkwürdigen Briefe Einspruch da-
gegen, daß den Mönchen das Predigen verboten worden sei ‘), ihm
berichtete endlich auch Philipp von Hessen im März l.ö2n über
seine Versuche, seinen Schwiegervater Georg von Sachsen zu be-
kehren *), und auch als der Landgraf im Sommer l.ö2ti noch einmal
auf diese Versuche zurückkam. trat er vor allem mit Johann
Friedrich in Verbindung®). Wenn es auch vielleicht zu weit gehen
würde, wenn man aus alledem schließen wollte, daß Johann die
Regelung aller dieser kirchlichen Fragen seinem Sohne ganz über-
lassen habe, so ist doch wohl daraus zu entnehmen, daß die Zeit-
genossen der Ueberzeugung waren, daß das Wort des Prinzen in
diesen Angelegenheiten sehr viel zu bedeuten habe. —
Johann Friedrich verstand es gut. zwischen der reinen Lehre
Luthers und ihren radikalen Auswüchsen zu unterscheiden. Daher
bestand bei ihm auch keine Gefahr, daß er durch die Erhebung der
Bauern an der Wahrheit der neuen Lehre irre gemacht werden würde.
Entschieden wahrte er, als er Ende Mai lö25 mit Kurfürst Johann und
Herzog Georg im Lager vor Mühlhausen sich aufhielt, seinen luthe-
rischen Standpunkt. Der Albertiner bekam manches Wort von ihm
zu hören, das er lieber nicht gehört hätte Auch über den anti-
1) En der«, V, S. 25 f.
2) Qoth. Bibi. Cod. chart. Bd. 26, fol. 104 b ff., zwischen den Briefen Luthers
tin .Toh. Friedrich vom 1.5. und 20. Mai 1525.
3) Burkhardt, Visitationen, S. 3 f.
4) Reg. N. No. 19. Vergl. Aktenstücke No. 4. Ueber das Predigtverbot
vom 19. März handelt Wette, Histor. Nachricht, I, S. 44 ff.
5) Bei der Zusammenkunft in Kreuzbuig. Vergl. etwa Friedensburg,
Vorgeschichte, S. 40 f.
6) Ich komme demnächst an anderer Stelle auf diese Versuche zurück.
71 Seidemanu in der Ztschr. für histor. Theol., N. F. XI, S. 643f.
Friedensburg, V'orgcsch., S. 8. Rommel, Philipp von Hessen, II, S. 85.
Digitized by Google
Johann Friedrich und die Reformation.
39
evangelischen Charakter des Dessauer Bündnisses war sich Johann
Friedrich keinen Augenblick im Unklaren und gab dem in einem Briefe
an Markgraf Kasimir von Brandenburg entschiedenen Ausdruck '). So
mag ihm denn vielleicht auch ein gewisser Anteil an dem Ent-
schlüsse seines Vaters zuzuschreiben sein, sich im Uegensatz zu
der Zurückhaltung, die Friedrich der Weise stets beobachtet hatte,
offen zum Evangelium zu bekennen ohne Rücksicht darauf, ob und
bei wem man dadurch Anstoß errege*). Die Gegner waren zum
Teil in der Umgebung des Kurfürsten selbst, im sächsischen Adel
zu suchen, doch vermögen wir nicht anzugeben, auf wen die
häufigen Klagen und Anspielungen in Luthers Briefen gehen *).
Außerdem aber mußte vor allem Herzog Georg durch das Ver-
fallen seiner Vettern aufs heftigste gereizt werden, der Gegensatz,
der schon seit der Teilung zwischen beiden Linien wegen mancherlei
territorialer und rechtlicher Differenzen bestand, wurde durch das
verschiedene Verhältnis zu Luther aufs äußerste gesteigert. Es
war ein Zustand, der auf ernestinischer Seite nun doch recht lästig
empfunden wurde, und es kann wohl als ein Beweis dafür be-
trachtet werden, wie sicher sich der Kurfürst und sein Sohn in
ihrem Glauben fühlten, wenn sie im Jahre 152ö und 1526 immer
wieder auf den Gedanken eines Religionsgespräches zwischen den
beiderseitigen Theologen zurückkamen, um dadurch das Haupt-
hindernis jeder Einigung, die religiöse Differenz, zu beseitigen.
Georg ließ sich auf derartige Sonderverhandlungen nicht ein. Als
eine kursächsische Gesandtschaft ihm im Juli 1526 die Sache noch
einmal vortrug, verwies er auf den Reichstag^).
Als nun dieser Reichstag zusammentrat, galt offenbar Johann
Friedrich noch immer als eine Hauptstütze des Evangeliums am
Hofe seines Vaters: an ihn wandte sich Spalatin durch Warbeck am
26. März®), damit er bei Johann gegen die Beibehaltung der
papistischen Zeremonien auf dem Reichstage wirke, deren Duldung
Zweifel an der Ueberzeugungstreue des Kurfürsten erwecken könne,
1) V. d. Lith, S. 111 f.
2) Priucipes noBtri evangclium pafam confitentur et eequuntur. Luther an
Stiefel, 1525 Sept 29. Enders, V, S. 248.
3) Vergl. etwa Enders V, S. 225. 271 f. 278 f. 328 ff.
4) Nach zerstreuten Akten im Emest. Ges.-Arch. Ich komme auf diese
Verhandlungen zurück. Karstens’ Darstellungen in Zeitschr. f. Thür. Gesch.
N. F. IV. bedarf mancher Ergänzung.
5) Schlegel, S. 244.
Digitized by Google
40
Kapitel II.
durch ihn erwirkte sich firaf Wilhelm von Ilenneberg ein Gut-
achten Luthers über die Klostergelübde ihn bat auch Philipp
von Hessen am 17. Juni, dafür zu sorgen, daß das Gefolge des
Kurfürsten auf dem Reichstage nicht durch unsittliches Benehmen
das Evangelium in Mißkredit bringe O- Johann Friedrich erfüllte
alle diese Wünsche gern, denn er ließ ja keine Gelegenheit, zu
Gunsten der Lehre Luthers zu wirken, vorübergehen. Nach Köln
z. B. ließ er sich von Myconius als Prediger begleiten und gleich
nach der Rückkehr schickte er dem Grafen Wilhelm von Neuenahr,
mit dem er dort und in Dillenburg zusammengewesen war, luthe-
rische Bücher, ,.um einen guten Christen aus ihm zu machen“ ").
Auf dem Reichstage selbst scheint dann aber Johann
Friedrich gar nicht hervorgetreten zu sein, und auch als dann nach
dem Reichstage auf Grund von dessen Beschlüssen in Sachsen und
Thüringen mit Eifer an die Organisation der neuen Kirche ge-
gangen wurde, hielt er, der doch selbst die erste Anregung zur
Visitation gegeben hatte, sich zurück. Er mag zunächst durch seine
Hochzeit und die damit verbundenen Reisen genügend in Anspruch
genommen worden sein, doch versäumte er nicht, sich auch jetzt
wieder stets von seinem Prediger begleiten zu lassen, und die Dis-
putation, die Myconius am 19.* Februar 1.Ö27 mit dem Kölner Mönch
Johannes Korbach veranstaltete*), wird gewiß sein lebhaftestes Inter-
esse gefunden haben. Ueberhaupt liegt es wahrscheinlich nur an der
Lückenhaftigkeit des Materials, wenn wir aus den nächsten Jahren
nur spärliche Zeugnisse für die religiös-kirchlichen Interessen des
Kurprinzen erbringen können, und die vorhandenen genügen
immerhin, um zu zeigen, daß auch in dieser Zeit in dieser Be-
ziehung keine Wandlung in ihm vorgegangen ist. So fand Luther
z. B. bei ihm volles Verständnis, als er noch im Jahre 1526 sich
bei ihm über die Art und Weise beschwerte, wie durch den hab-
gierigen sächsi.schen Adel gegen die Klöster und ihre Bewohner
verfahren würde*). Daß sich der Prinz mit den Visitationsange-
legenheiten beschäftigte, zeigt Luthers Brief an ihn vom 1. April
1528®). Und wenn das Verhalten Johann Friedrichs in den Pack-
irEnders V, S. 333 f. Erl. 53, 379.
2) Seckendorf, II S. 45 f. Fri ed eu 8 b u rg Sjx’ier, S. 291 f.
3) Meinardiis, I, 2, S. 178 f.
4) Myconius, S. 51 f. Beckendorf II. 91 f.
5) Luther an Bpalatin 1.527 Jan. 1. Enders VI, S. 3.
6) Erl. 53, 442 f.
Digitized by Google
Johann Friedrich und die Reformation.
41
sehen Händeln auch besser an anderer Stelle behandelt wird, so
sei doch schon hier hervorgehoben, daß er in seinen Briefen au
seinen Vater immer wieder aufs entschiedenste betonte, daß er in
nichts willigen werde, was wider Gott und das Gewissen ginge.
Reichlicher fließen unsere Quellen erst wieder seit dem Früh-
jahr lö2it. Während damals der Kurfürst mit dem größten Teile
der Räte in Speier weilte, war .Johann Friedrich in Weimar zurück-
geblieben, um die Regierung zu führen Dadurch bekam er Gelegen-
heit, sich mit den mannigfaltigsten Fragen der kirchlichen Verwal-
tung zu beschäftigen, Visitationsangelegenheiten Besetzung von
Predigerstellen 2), Bestrafung von Wiedertäufern“) mußten erledigt
werden, und in allen schwierigeren Fragen wandte er sich an Luther
um Rat. Schon trat auch eine Frage an ihn heran , die ihm später
noch viel Sorgen machen sollte: er mußte Stellung nehmen zu der
Reformation in Naumburg, und der Gedanke, das schon jetzt in
allerentschieden.ster Form zu tun, hat ihm zum mindesten nicht
fern gelegen ‘).
Doch während Johann Friedrich mit diesen Fragen der inneren
Kirchenpolitik beschäftigt war, schweiften seine Blicke auch fort-
während nach Speier und verfolgten die dortigen Vorgänge mit
dem regsten Interesse. Der Kurprinz hegte die Befürchtung, daß
dort vor altem die Frage der Wahl Ferdinands zum römischen
König verhandelt werden würde, und er hielt es für ilie Haupt-
aufgabe der sächsischen Politik, dessen Wahl zu verhüten, denn
der König von Böhmen und Ungarn galt ihm nach den Erfahrungen,
die man bisher in seinen Erblanden mit ihm gemacht hatte, als
1) Johann Friedrich an Luther u. a. 1529 März 12 Enders, VII, B. fiö f., ,
an Kötteritzsch, Kawerau, I, S. 124, an Kurfürst Johann März 21, Reg.
A. 241.
2) An Luther April 13, Endcr.s, VII, S. 83 f. Luther an Johann Fried-
rich April 23, Erl. .54, Ö7 f.
3) An Luther u. a. März 21, Enders, VII, S. 75 f.
4) In Reg. H. p. 10. L. fol. 85/80, eine Notel, welcherlei gesthalt der rat
von wegen ir und gemeiner sthat die ainung des gotlichcn Wortes halben wai den
knrfürsten, fürsten und botschaften derselbigen ainigung verwant . . . suchen
sollen. Konz., von der Hand Johann F'riedrichs. Naumburg sollte danach um
Aufnahme in den Bund bitten und sich verpflichten , es dann mit Verkündung
des göttlichen Wortes u. s. w. dergestalt zu halten, wie es im Kurfürstentum
durch die Visitation verordnet sei. Vermutlich vom 25. März oder 3. April, doch
scheint der Rat nicht darauf eingegangen zu sein. Vergl. Hoff mann, S. 66 f.
Schöppe, B. 345.
Digitized by Google
42
Kapitel II.
höchster und größter Feind und Verfolger des göttlichen Wortes;
als einen Tyrannen, einen Wüterich wider Seele und Leib be-
zeichnete er ihn. Es erschien ihm geradezu aus religiö.sen Gründen
nötig, alles zu tun, um sich der Wahl Ferdinands zu widersetzen.
Selbst den Türken, meinte er, könne man dagegen verwenden *).
Der Wunsch Johann Friedrichs, daß Kursachsen die Gelegen-
heit des Reichstags benutzen solle, um eine Opposition gegen die
Wahl Ferdinands zu bilden, ging nur in sehr beschränktem Maße
in Erfüllung, auch sonst war er mit dem Verhalten seines Vaters
und der Räte nicht immer zufrieden. Man hielt ihn nicht genug
auf dem Laufenden, auch war er in beständiger Furcht, daß man
in den Sachen des Glaubens nicht fest und standhaft genug sein
werde *). Schließlich mußte er sich jedoch davon überzeugen , daß
das unbegründete Befürchtungen seien. Johann ließ sich weder
von der Verletzung der katholischen Gebräuche noch von der Ab-
haltung evangelischen Gotte.sdienstes zurückhalten und erzielte damit
die schönsten Erfolge. Mit Freuden erfuhr das der Kurprinz : „Hab
mit besundern erfreuten gemüt vernommen, das got lob noch leut zu
Speiher sain, die gotlich wort mit genaitem gemut hören, und got
geh, das der anhenger gotliches wertes durch gehörte predig in E. Gn.
herberge meher werden“ ®). Auch mit der Protestation gegen den
Reichstagsbeschluß war Johann Friedrich vollkommen einverstanden:
„Hab mit besundern freuden vernommen, das der almechtige got
E. Gn. und den andern fürsten und sthenden die genade verlihen,
das E. Gn. und dieselhigen durch die übergebene schrieft got und
sein gotliches wort vor meniglichen frei und on alle scheue bekant
haben und das sich E. Gn. mit sampt den andern haben vernemen
lassen, dawei zu bleiben und sich durch menschenwerk nit darvon
abfureu lassen, der almechtige got wolle E. Gn. mit sampt den
andern hinforder in sulcher besthendigkeit gnediglichen erhalten und
alweg bis in ewigkeit bleiben lassen“ ^).
Der Gegensatz gegen die alte Kirche war für Johann Friedrich
oflenbar damals noch durchaus der Hauptgegensatz, aber während
1) Vergl. 8. 09 ff. and AktenetOckc, No. 8.
2) Briefe an Kurfürst Johann vom 26. März, an Anhalt vom 4. April, an
Minckwitz vom 23. März.
3) An den Kurfürsten April 4. Bcg. E. fol. 37a No. 83. Bl. 76 f. Or.
4) An den Kurfürsten April 26, ebenda Bl. 100. Vergl. Seckendorf, II,
,S. 129. Jage mann, Joh. d. Beständige, S. 32.
Digitized by Google
Johanu Friedrich iind die Kcfomiation.
4:5
des Speierer Reichstages erhielt er doch auch schon Gelegenheit,
sich mit der großen Spaltung innerhalb der protestantischen Partei
zu beschäftigen. Minckwitz berichtete ihm aus Speier, daß eine
Zusammenkunft Luthers und Melanchthons mit Zwingli und Oeco-
lampadius in Nürnberg geplant sei. Der Kurprinz war sehr
damit einverstanden. Schwerlich gab es für ihn einen Zweifel, auf
welcher Seite der Sieg .sein würde; indem er Zwingli und Oeco-
lami)adius kurzweg als die beiden Stürmer bezeichnete, brachte er
-seine Stellung zu ihnen schon genügend zum Ausdruck '). Einen
vollen Begriff von der Größe des Gegensatzes scheint der Prinz
damal.s noch nicht gehabt zu haben, da er in seinem Bundesentwurf
vom Mai 1520 die Aufnahme der Eidgenossenschaft für leicht
möglich hielt®).
Aus jenem Plane eines Religionsgespräches in Nürnberg wurde
nichts. Als ihn dann Philipp von Hessen in anderer Form wieder
aufnahm, wandte sich Melanchthon am 14. Mai 1520 an den Kur-
prinzen, damit dieser seinen Vater veranlasse, den Wittenberger
Theologen die Teilnahme an dem geplanten Religionsgespräch zu
verbieten. Johann Friedrich hat diesen Wunsch bereitwillig erfüllt“).
Welche Stellung er dann aber weiterhin dem Marburger Gespräch,
.seinen Vorbereitungen und seinen Resultaten gegenüber ein-
genommen hat, darüber ist uns bis jetzt nichts bekannt “). und wir
können höchstens vielleicht daraus, daß ihm Luther im Februar
oder März 1530 seine Uebersetzung des Propheten Daniel widmete und
in dem Widmungsbriefe seine Lust und Liebe zur heiligen Schrift
und jeglicher Weisheit rühmte und seine geringe Liebe zu Streit
und Schaden „mit welchen gedanken itzt täglich umbgehen, die am
allerfürstlichsten geberden wollen“ ®), schließen, daß Luther keinen
Grund hatte, mit der Haltung des Prinzen unzufrieden zu sein.
Ob der Gegensatz, in den Johann P'ricdrich auf dem Augsburger
Reichstag zum Landgrafen Philipp geriet '% irgend etwas mit der
Spaltung in der evangelischen Kirche zu tun hatte, vermag ich
1) Minckwitz an Job. Friedr., März 30. Reg. E. fol. 37a, No. 83, Bl. 72 f., Or.
Job. Friedr. an Minckwitz, .■Vpril 12, ebd. Bl. 222b— 22.J, eigenb. Konz.
2) Vergl. S. 73.
3) C. R. I, 1064 ff. 1077 f.
4) Vergl. Lenz, Bricfwecbael Pbilippe, I, S. 13.
5) Erl. 54, 134 ff. Endcra, VII, S. 233.
6) Melancbtbon an Lutber 1530 Mai 22. Ender«, VII, S. 343. Vergl.
C. R. II. 52. Laemmer, S. 36.
Digitized by Google
44
Kapitel II.
nicht zu sagen. Jedenfalls bot aber dieser Reichstag dem Kur-
prinzen Gelegenheit, seine evangelische Ueberzeugung bei den ver-
schiedensten Gelegenheiten zu betätigen. Schon als man am
kursächsischen Hofe darüber beriet, ob der Kurfürst den Tag
überhaupt besuchen solle, vertrat der Kurprinz mit Brück den
Standpunkt, daß dieser Besuch entschieden zu raten sei, und er
setzte .seinen Willen durch '). Gemeinsam mit seinem Vater traf
er dann am 2. Mai in Augsburg ein, ja er würde sich nicht ge-
scheut haben, noch weiter in die Höhle des Löwen einzudringen
und dem Kaiser bis Innsbruck entgegenzureisen, wenn der Kur-
fürst es ihm erlaubt hätte-). Er vertraute wohl auf die guten
Verbindungen, die er in der Umgebung des Kaisers hatte, schickte
er doch sogar an den kursächsischen Gesandten Hans von Dölzig
lutherische Bücher, Exemplare der „Vermahnung an die Geistlichen“,
damit er sie an geeignete Personen verteile^.
Ueber den Anteil Johann Friedrichs an den Verhandlungen
nach dem Eintreffen des Kai.sers in Augsburg läßt .sich zunächst
nicht allzu viel fe.ststellen : Am 16. Juni vertrat er seinen Vater,
der sich nicht wohl befand, bei der Erteilung der ablehnenden
Antwort an den Kaiser wegen der Teilnahme an der Fronleichnams-
prozession '). Zur Beratung über die kaiserliche Proposition zog ihn
Johann neben Brück und Melauchthon mit zu“). Während der
Verhandlungen, die der Ueberreichung der Augsburgischen Kon-
fession vorhergingen, scheint er mit Melanchthons weitgehendem
h]ntgegenkommen nicht einverstanden gewesen zu sein. Melanchthon
beschwerte sich über ihn bei Luther und bat die.sen, an den Kur-
prinzen zu schreiben, damit man etwas entgegenkommender gegen
den Kaiser sei '*). Luther hat darauf tatsächlich einen Brief an den
Prinzen aufgesetzt, ihn aber wieder zerrissen, um ihm nicht un-
nütze Gedanken zu machen ’). Auch der herzliche Brief, den er
dann wirklich am 30. Juni an Johann Friedrich schrieb, läßt aber
den Einfluß jener Aufforderung Melanchthons nicht verkennen,
1) Vcrgl. etwa J. J. JI üller, 6. 43J ft.
2) C. R. II, 48 f.
3) An Dölzig 1530 Juni 10. Förste mann, U. 1, S. 239—241.
4) M üll er, S. 527. Förs temann I, S. 270. Schirrraacher, 8. 59 f.
5) Müller, 8. 508.
6) Enders, VIII, 8. 20. Kolde, Luther, II, 8. 592 f.
7) Luther an Melanchthon, Juni 29. Enders, VIII, 8. 43.
Digitized by Google
Johann Friedrich und die Reformation.
45
wenn es in ihm heißt: ^Zwar der kaiser ist ein fromes herz, aller
ehren und tugend wert, dem seiner person halben nicht mag zu
viel ehre geschehen . . . umb gottes und des lieben kaisers willen
wird E. F. Gn. geduld haben“ *).
Inzwischen war die Konfession bereits, auch mit Johann
Friedrichs Unterschrift versehen, übergeben worden. Nachdem
gegen sie die katholische Konfutation ergangen war, trat zunächst
eine etwas schwüle Zeit des Wartens ein. Man mußte auf ent-
schiedene Schritte des Kaisers gefaßt sein, leicht fand jedes dahin
gehende Gerücht Glauben -). Da man auf protestantischer Seite einen
völligen Bruch aber doch nicht wünschte, ist es begreiflich, daß Johann
Friedrich in sehr gehobener Stimmung nach Hause zurückkehrte,
als er am 5. August bei einem der „großen Herren“ gehört hatte,
daß Hotfuung auf einen Waffen.stillstand sei®). Tatsächlich ließ der
Kai.ser die Verhandlungen in der Form von Ausschußberatungen
wieder aufnehmen. Dem zweiten dieser Ausschüsse, dein der 14.
gehörte protestantischerseits auch Johann Friedrich an und erhielt
dadurch Gelegenheit, seine Schlagfertigkeit, Bibelkenntnis und Be-
lesenheit zu zeigen, deun die Anekdoten, die wir darüber besitzen,
sind gut genug überliefert, um als historisch betrachtet werden zu
können. Sagt doch Spalatin, der den Verhandlungen zum Teil bei-
gewohnt hat, der Herzog habe sich „fast christlich, bestendiglich
und wol gehalten“ D. Menius in seiner Leichenpredigt auf Johann
Friedrich spricht sich sogar folgendermaßen aus: es sei vielen, die
damals mit in dem Gespräch gewesen, „wissentlich, das S. Kf. Gn.
also zun suchen geredt, das die papistische Sophisten Eck und
andere gleichwol darüber schamrot worden und uusersteils gelerten
sich mit freuden darüber verwundert haben.“
Im einzelnen sind es drei Geschichten, die auf uns gekommen
sind, alle drei gut bezeugt: Einmal machte der Prinz auf einen
schreienden Widerspruch zwischen Eck und Cochläus, den beiden
Hauptwortführern der Gegenpartei, in ihren Aeußerungen über die
II Erl. 54, 157 f. Enders, VIII, S. ü2.
2) Eil der«, VIII, S. 275, Aimi 2. Keim, Schwab. Rcformatiousgesoh.,
S. 1H8/189 über die von dem Pfarrer Schneid verbreiteten Gerüchte und ihre
Wirkung.
3) Jonas an Luther, Aug. 6. Enders, VIII, S. 177.
4) Annales ed. Cyprian, S. 189.
Digitized by Google
46
Knpit«! II.
Heiligenverehrung im alten Testament aufmerksam ’)■ Ein ander-
mal, als Eck ein ihm von Cochläus geliefertes Zitat aus einer
Schrift Luthers Ober die Beichte vortrug, wo sich Luther in ganz
katholischem Sinne geäußert hatte, wußte Melanchthon nichts zu
antworten, der Kurprinz aber sagte; „Ja, das hat er irgend vor 10
oder 12 Jahren geschrieben“ *). Und als bei der Verhandlung über
die Gewährung des Kelches Eck die Stelle Matth. 26: Omnes ex
hoc bibite nur auf die (ieistlicheii bezog, da omnes so viel heiße,
wie sacerdotcs, war Johann Friedrich sofort mit dem Einwurf bei
der Hand, dann müsse die Stelle Mundi cstis, sed non omnes auch
bedeuten: Ihr seid rein und fromm, aber nicht die Priester und
Pfaffen »).
Zu einem Resultat führten auch diese Verhandlungen nicht,
und nachdem auch die eines engeren Ausschusses von sechs Per-
sonen gescheitert waren, hatte der Aufenthalt auf dem Reichstag
keinen Zweck mehr. Die Fürsten begannen abzureisen, auch der
Kurfürst hätte sich gern entfernt, ließ sich aber durch den Kaiser
immer wieder festhalten. Für Johann Friedrich lag kein Grund
zum Bleiben mehr vor. Denn die Verhandlungen, die unter der
Hand noch .stattfanden und in die auch er noch einmal hineiuge-
zogen wurde, als Heinrich von Braunschweig in einer geheimen
nächtlichen Zusammenkunft ihm und Brück vorschlug, die Kloster-
güter sollten bis zu einem allgemeinen Konzil in die Hände des
Kaisers gelegt werden, hatten kaum noch irgend welche Aussicht
auf Erfolgt). Als auf den Gegenvorschlag der Protestanten, die
Güter 2 Jahre lang edlen und rechtschaffenen Männern in Se-
questration zu geben, die ablehnende Antwort des Kaisers eintraf,
hatte Johann Friedrich sich bereits auf den Heimweg gemacht.
Er reiste über Coburg, wo er am 14. September mit Luther zu-
sammentraf. Als ein Zeichen seiner Anhänglichkeit überreichte er
ihm einen Siegelring, den er während des Reichstages hatte her-
steilen lassen *), forderte ihn auch auf, mit ihm nach Hause zu
reisen. Luther zog cs aber vor. den Kurfürsten und seine Begleitung
1) Ziicrst in Luthers „Warnung an meine lieben Deutschen“. Erl. 2.Ö, 8. 41.
2) Von Cochläus selbst Iwrichtet in „Herzog Georgs Entschuldigung wider
Luthers Verantwortung' 1.Ö33. Bl. 12. Cyprian, Hist der Augsb. Conf., 8.200/1.
3) Luthers Tischreden. Erl. 01, S. 304.
4J Hortleder, II, S. 242. Müller, 8. 857-862.
5) Enders, VIII, S. 27 f. 30. 87.
Digitized by Google
Johann Friedrich und die Reformation.
47
ZU erwarten ‘). Freudig berichtete der Kurprinz am 15. seinem
Vater, daß Luther frisch, gesund und fröhlich sei und einen so
großen Bart bekommen habe, daß man ihn kaum mehr wieder-
erkennen könne, er glaubte aber auch diese Gelegenheit nicht vor-
übergehen lassen zu dürfen, ohne den Kurfürsten zur Standhaftig-
keit in den das göttliche Wort betreffenden Sachen zu ermahnen*).
Seine eigene schließliche Meinung über den V^erlauf des Augs-
burger Reichstags und besonders auch über das Verhalten der
Evangelischen dort hat Johann Friedrich niedergelegt in einem
Briefe an die Herzogin Elisabeth von Sachsen vom 8. Oktober “) und
einem an Graf Wilhelm vom Nassau vom 24. Oktober*). In jenem
spricht er sich vor allem über die Frage der Klostergüter aus und
leugnet aufs entschiedenste, daß die Verhandlungen an ihr ge-
scheitert seien, und in diesem setzt er auseinander, daß man so
weit wie irgend möglich entgegengekommen sei und nun die Zu-
kunft Gott überlassen müsse, denn man wolle lieber einen un-
gnädigen Kaiser als einen ungnädigen Gott haben.
Tatsächlich fällt ja in jene Monate nach dem Augsburger
Reichstag eine wichtige Wandlung in den am kursächsischeu Hofe
herrschenden Anschauungen, indem man sich von der Notwendig-
keit und Berechtigung des Widerstandes gegen den Kaiser über-
zeugte®). Ob man dagegen auch von Johann Friedrich behaupten
kann, daß er jetzt erst seine Abneigung gegen ein Zusammen-
gehen mit den Oberländern überwunden habe, scheint mir gegenüber
seiner Denksclirift vom Mai 1529 zweifelhaft. —
In der nächsten Zeit sind es in erster Linie politische An-
gelegenheiten, die den Prinzen in Anspruch nehmen, sein oberster
Grundsatz dabei bleibt, daß man nur das tun dürfe, was man vor
(«Ott und seinem Gewissen verantworten könne, und unsere Auf-
gabe würde nun hier noch sein, zu bestimmen, was der Kurprinz
dafür hielt. Während da nun kaum irgend welche Aeußerungen
vorliegen, aus denen man über das Verhältnis des Prinzen zu den
Zwingliauern etwas entnehmen könnte *‘), bleibt ein scharfer Gegen-
li Luther an Melanchthon 1530 Sept. 15. Enclers, VIII, S. 258 ff.
2) Förateniann, U. II, 450f.
3) Reg. A. 241, cigenh. Konz. AktenM. No. 20.
4) Reg. E. fol. 37 a. No. 88, cigenh. Konz. Aktenst. No. 21.
5) Winckelmann, S. 36.
6) Ala iin April 1531 in SchnialkaUien die Frage der Aufnahme der Eid-
genoeaen in den Bund ziu" Verhandlung kam, erklärte er, erat an aeinen Vater
Digitized by Google
48
Kapitel II.
Satz zur röinischeu Kirche bestehen. Als er sich z. B. im Dezember
15;J0 in Köln befand, um gegen die Wahl Ferdinands zu pro-
testieren, ließ er sich auch durch den lebhaft ausgesprochenen
Wunsch des Kai.sers nicht bestimmen, die evangelische Predigt ein-
zustellen oder sich an Fasttagen des Fleisches zu enthalten ').
Auch die schroffe Behandlung, die ihm der Kaiser nach einem
römischen Bericht soll haben zu teil werden lassen *), wird schwer-
lich Eindruck auf ihn gemacht haben. Auch gegenüber den An-
trägen der Grafen von Dessau und Neuenahr im Augu.st 1531 be-
harrte er fest auf der augsburgi.scheu Konfession, und in Schwein-
furt beobachtete er im April 1532 mit Vergnügen den Erfolg der
Predigten Spalatins ”), wie denn auch dieser der religiösen Haltung
des Herzogs .sein volles Lob spendete*).
Seine evangelische Ueberzeugung hinderte Johann Friedrich
aber nicht, zur Erlangung des Friedens bedeutende Zugeständnisse
zu machen. Konnte er doch dabei auf die vollste Zustimmung des
Reformators rechnen. Gerade die.se F’riedensverhandlungen führen
uns nun überhaupt auf die Frage, wie groß Luthers Einfluß auf
Johann Friedrich in dieser Zeit war, ob dessen Meinung für den
Kurprinzen in jeder Beziehung maßgebend war. Und da verdient
es doch hervargehoben zu werden, daß er sich durchaus nicht
scheute, seine al)weichende Ansicht gelegentlich aufs entschiedenste
zu äußern. Sehr unzufrieden war er z. B. mit dem Streit, der im
Jahre 1529 zwischen Luther und Herzog Georg im Anschluß an
die Pakschen Händel ausgebrochen war, er bezeichnete die Schriften
beider als Schmälischriften und wunderte .sich, daß sie bis au den
Rhein zum Grafen von Neuenahr gedrungen waren, da sie ihm so
vieler Ehre gar nicht wert .schienen *). In einem Briefe an Dölzig
darüber berichten zu inüfwen (W inckcl uia nn , S. 2Ü4X Ob er an der schroffen
Instruktion, die dann Minckwitz und Dölzig für den Frankfurter Tag erhielten
(Torgau Mai 24., Reg. H. p. 52, No. 8, fol. 52 ff ), irgend welchen Anteil hatte,
habe ich nicht featatellen können. Winckelmann, S. 123.
1) Spalatin ap. Mencke, II, 8. 1121.
2) G. Heiue, Cartas al ein(xrador Carlos V., S. 100 ff.
3) An Johann April 1. Reg. H. p. 63, No. 16, vol. I., fol. 105 ff. Or.
Seckendorf, III, 8. 20.
4) Verpoortenn i US, sacra anaiccta, 8. 68f.
5) An Neuenahr l.'V20 März 13. Reg. E. fol. 37a, No. 83, Bl. 210 — 212,
eigenh. Konz. Aktenst. No. 0. Vergl. auch die Briefe an Johann vom 12. April, ebenda
Bl. 22.'), und an die Herzogin Elisabeth vom 14. ApriL Reg. A. 240. Aktenst. No. 13.
Digitized by Google
Johann Friedrich und die Reformation.
49 .
Spricht er einmal seine Unzufriedenheit darüber aus, daß alle Briefe
erst nach Wittenberg geschickt würden, ehe man einen Beschluß
darüber fasse, da müsse natürlich alles langsam zugehen '). Und
auch während der Friedensverhandlungen war er der Meinung, daß
Luthers Nachgiebigkeit doch etwas gar zu groß sei.
Zwar wenn sich .Johann Friedrich überhaupt nach Schweinfurt
begab und diesen Schritt auch gegen den Landgrafen und andere
verteidigte, so konnte er dabei der Zustimmung Luthers gewiß sein,
dagegen war er durchaus nicht der Meinung, daß man aus lauter
Friedensliebe in der Wahlfrage nachgeben müsse, wie Luther das
riet*). Ebenso scheint dann der Kurprinz während der Schwein-
furter Beratungen der Ansicht gewesen zu sein, daß man nicht weiter
nachgeben könne, als mau in den Vorschlägen, die man den Ver-
mittlern gemacht hatte, getan hatte, daß vor allem eine Preisgebung
aller künftigen Anhänger der evangelischen Lehre nicht stattfindeu
dürfe *). Doch veranlaßte er dann selbst, nachdem über diese Frage in
Schweinfurt nichts Definitives entschieden war, daß Johann unmittel-
bar nach seiner Rückkehr Luther, Melauchthon und andere Witten-
berger Theologen zu einer Besprechung über die Friedensvorschläge
nach Torgau berief*). Schon am 13. Mai hat diese Verhandlung
stattgefunden, und die zahlreichen theologischen Gutachten, die wir
besitzen, werden daher wohl auch in diese Zeit gehören“). Die
Theolojgen waren sämtlich der Ansicht, daß man aus Rücksicht auf
den Frieden sich auch damit zufrieden geben müsse, wenn er den
jetzigen Bekennern des Evangeliums gewährt würde. Der Kurfürst
schloß sich dieser Ansicht an*). Johann Friedrich, der auch 2 Tage
in Wittenberg weilte, in heiterster Stimmung war und stundenlange
Gespräche mit den Theologen hatte*), scheint ebenso wie Brück,
nicht ganz mit deren Ratschlägen einverstanden gewesen zu sein.
Vielleicht waren er und der Kanzler es, die die Mitnahme der
1) Förstemann, U. II, S. 735 ff.
2) Erl. 54, 271 ff.
3) Job. Friedrich an Johann April 24, Reg. H., p. 03, No. IG, vol. 3,
fol. 31 — 36, an Neuenahr Mai 4, Cornelius, X, ß. 137, Vergl. Winckel-
mann, 8. 187 — 209.
4; An Johann Mai 7. Reg. H., p. 63, No. 16, vol. 3, fol. 109, Or. Aktenst.
No. 24.
5) de Wette, IV, 8. 369 ff. 372 ff. Burkhardt, 8. 205.
6) Johann an Ldgf. Philipp Mai 26, Torgau. Reg. H., p. 70, No. 19, Kopie.
7) Melanchthon an Jonas Mai 20. C. R. II, 590 f.
Beiträge zur neueren Geschichte Thüringens I. A
Digitized by Google
• 50
Kapitel II.
Theologen zu den weiteren Friedensverhandlungen in Nürnberg
verhinderten ■). Die kursächsischen Vertreter scheinen dort dann
zwar Luthers Meinung ihren Aeußerungen zu Grunde gelegt zu
haben, sie waren aber wohl nicht allzu verwundert, daß sie wenig
Anklang damit fanden. Die Gutachten, die von anderen Seiten
mitgebracht wurden, lauteten ganz entgegengesetzt, man war der
Meinung, „das dasjhenige, so doctor Martinus und die andern ge-
lerten zu Wittenberg in irem ratschlag und bedenken zugelassen,
mit got und gewissen nit bewilliget noch angenomen muge werden“.
Doch hoffte man noch zu einem Vergleich zu kommen *). In der Tat
blieb die Einigkeit der Protestanten zunächst gewahrt, indem sie
einfach ohne Rück.sicht auf die Wittenberger an ihren Schwein-
furter Beschlüssen festhielten. Dabei scheinen Johann Friedrich
und Brück sich nun aber doch nicht ganz wohl gefühlt zu haben,
und am 21. Juni bat der Kurprinz daher seinen Vater, die über-
sandten Kopien der Nürnberger V^erhandlungen Luther und den
anderen Wittenberger Gelehrten zu schicken und sie von neuem
um ihr Gutachten zu bitten, damit er sich danach richten könne ®).
Johann leistete diesem Wunsche bereitwillig Folge *). Der Erfolg ent-
sprach aber durchaus nicht den Ilofl'nungen Johann Friedrichs. Das
Bedenken, das Luther und Jonas erstatteten und das der Kurfürst
unter Erklärung seiner vollsten Uebereinstimmung seinem Sohne
bereits am ik). Juni zusenden konnte, war fast noch entgegen-
kommender als die früheren *). Die Theologen rieten darin, eigent-
lich alle Forderungen der Kaiserlichen zu erfüllen, und das ging
doch auch den nachgicbig.sten protestantischen Ständen zu weit.
Obgleich Luther am 29. Juni auch noch direkt an Johann Friedrich
einen mit ernsten Friedensmahnungen erfüllten Brief geschrieben
hatte“), machte dieser doch von seiner abweichenden Ansicht kein
Hehl. Am 9. Juli schrieb er seinem Vater, daß „kein gesandter
der mitverwanten und weder die marggrevischen noch die von
Nürnberg, ap sie wol auch sere gelinde in dieser handlung sein,
1) C. R. II, 591.
2) Job. Friedrich an Johann Juni 9, Nürnberg. Reg. H., p. 65, No. 17,
vol. 1, fol. 16. 21.
3) Kbcnda vol. 2. fol. 42 — 44. Akten»!. No. 25.
4) ßurkhardt, 8. 205 f.
5) de Wette, IV, 8. 380. Johann an Joh. Friedrich Juni 30. Beg. H.,
p. 65, No. 17, vol. 3, fol. 2/3.
6) de Wette, IV, S. 384 f. Erl. 54, 8. 315.
Digitized by Google
Johann Friedrich und die ßeforination.
51
dieselbigen artickel dafür mugen ansehen, das sie ane Verletzung
gotlicher glori anzunemen gewest weren“ '). Auch Brflck äußerte
an demselben Tage. Luther würde wohl, wenn er über alles genau
unterrichtet wäre, selbst anderer Ansicht sein *).
Man kann nun eigentlich nicht sagen, daß die Protestanten
von dieser bestimmt ausgesprochenen Ansicht nachträglich doch
wieder abgewichen seien, daß also Luthers Meinung schließlich
<loch obgesiegt habe®), denn die Verhandlungen hatten inzwischen
ja einen ganz anderen Charakter angenommen. Man verhandelte
nicht mehr über einen wirklichen Vergleich, sondern über einen
Stillstand, einen Landfrieden *), und für diesen waren neue Vorschläge
vom Kaiser eingetroffen, die die Vermittler am 4. Juli den Pro-
testanten vorlegten. Insofern mögen allerdings Luthers Wünsche
gewirkt haben, als man sich entschloß, der Annahme der neuen
kaiserlichen Vorschläge trotz des hessischen Widerspruches keine
zu großen Schwierigkeiten in den Weg zu legen. So wurden die
vVrtikel zwar mit einigen, zum Teil von Johann Friedrich selbst
herrührenden Verbesserungsvorschlägen zurückgegeben, aber man
war von vornherein entschlossen, den Frieden nicht an diesen For-
derungen scheitern zu lassen''’). Der Kurfürst billigte diesen Stand-
punkt durchaus und etwa auf dieser Grundlage ist ja dann auch
der Friede geschlossen worden. Johann Friedrich glaubte mit dem
Erreichten zufrieden sein zu können, er hatte jedenfalls nach bestem
Wissen und Gewissen gehandelt”) und zur Erreichung eines Zieles
l>eigetragen, das doch auch für die Reformation als nicht ganz ohne
Nutzen bezeichnet werden kann.
1) Reg. H. ebenda fol. .58 — 60. Aktenst. No. 27. Vergl. Seckendorf,
III, S. 22. Winckelmann, S. 233. 236.
2) Reg. H. ebenda fol. 65.
3) Winckelmann, S. 236.
4) Vergl. Job. Friedrich an Neuenahr Cornelius, X, S. 149 f. Ranke,
III, S. 296 Anm.
5) Reg. H., p. 65, No. 16, vol. 4, fol. 111, eine Kopie des Entwurfs der
Kurfürsten vom 4. Juli mit eigenhändigen Verbesserungen Johann Friedrichs.
Vergl. Seckendorf, III, S. 21.
6) Johann Friedrich an Johann Juli 9. Vergl. Anm. 1.
7) An Johann Friedrich, Juli 14. Reg. H., p. 65, No. 17, vol. 3, fol. 78,79.
8) Seine Auffassung ist besonders deutlich au.sgesprochcn in dem Brief an
Neuenahr vom 28. Juli bei Cornelius, X, 8. 149 f.
4*
Digitized by Google
Kapitel III.
Johann Friedrichs politische Tätigkeit bis zum Nürn-
berger Anstand.
Die erste Einführung Johann Friedrichs in die Welt der
Politik fand statt, al.s am 21). April lö20 die .sächsischen und
hessischen Fürsten in Xordhausen zusainmenkainen, um ihre Erb-
verbrüderung zu erneuern. Es kam zu höchst interessanten und
zum Teil erregten Debatten, doch läßt sich nichts davon bemerken,
daß Johann Friedrich schon irgend welchen Anteil daran gehabt
hätte. Das war ja auch nicht zu erwarten. Er hatte aber hier
Gelegenheit, seine jungen Vettern Johann von Sachsen und Philipp
von Hessen kennen zu lernen und Freundschaft mit ihnen zu
schließen, wurde außerdem wohl selbst in die Erbverbrüderung auf-
genommen '). In einen größeren Kreis trat er dann ein, als er am
8. Februar 1521 mit seinem Vater in Worms eintraf, am 10. hatten
beide Audienz bei Karl V.*). Noch konnte sich ja Johann Friedrich
als dessen Schwager betrachten. Der Grund der Anwesenheit der
beiden Fürsten war außer der allgemeinen Verpflichtung Johanns,
am Reichstage teilzunehmen, der Wunsch, die Lehnsempfängnis beim
Kaiser zu betreiben und über die jülichschen Ansprüche der
Wettiner zu verhandeln. Es wäre aber doch zu kostspielig ge-
worden, wenn man auf die Erledigung dieser Dinge hätte warten
wollen, daher verließen die beiden Fürsten Worms bereits am
23. Februar wieder“), indem Johann seinem Bruder Vollmacht hinter-
ließ, ihn in jenen Fragen zu vertreten*). Gar nicht ist in dieser
Vollmacht von der Ileiratssache die Rede, wir dürfen aber wohl
1) Reg. D. 495. Müller, Annalen, S. 73.
2) RTA II, 787.
3) Ebenda 804. 808.
4) Febr. 21. RTA II, 8. 808.
Digitized by Google
Jobami Friedrichs politische Tätigkeit bis zum Nürnberger Anstand. 53
vermuten, daß auch diese Frage einer der Gründe für die Reise
Johanns und seines Sohnes nach Worms war.
Johann Friedrich war damit in die große politische Welt ein-
geführt. Wichtiger aber war doch zunächst, daß er die Regierungs-
geschäfte in den Gebieten, die er einst regieren sollte, kennen
lernte. Wann dazu der Anstoß gegeben wairde, können wir ganz
genau bestimmen, denn am 25. März 1.521 sprach Friedrich der
Weise .seinem Rruder den Wunsch aus, daß, da er nicht mehr so
leistungsfähig sei wie früher und die Räte zu wenig zustande
brächten, Johann selbst mit Zusehen möge, auch möge er seinen
Sohn „zu den Händeln ziehen“, damit er sehe, wie es zugehe. Er
sei nun groß genug, und es handle sich ja auch um seine eigenen
Angelegenheiten *). Einen Beweis dafür, daß Johann diesem
Wunsche seines Bruders Rechnung getragen hat, vermag ich aller-
dings nicht zu erbringen. Ueberhaupt finden sich noch für viele
.lahre nur sehr unbedeutende Spuren einer Mitwirkung Johann
Friedrichs bei der Regierung der ernestinischen Staaten. An den
Landtagen nimmt er 1523 und 1.525 teil *), ohne aber irgendwie
hervorzutreten; richterlich fand ich ihn 1525 gelegentlich tätigt),
und auch in der Instruktion für die Reise nach Friedewald erteilte
Johann ihm Vollmacht, Supplikationen der Untertanen entgegenzu-
nehinen und zu entscheiden^). Daß er über Verwaltungsange-
legeuheiten nachgedacht hatte, zeigt, seine Denkschrift vom Mai
l, 529, in der er empfahl, nach dem Muster des herzoglichen
Sachsens auch das ernestinische Gebiet in eine Reihe von Haupt-
m. annschaften zu teilen ®). Und besonders seit dem Jahre 1530 hat
er dann auch an den Landtagsverhandlungen einen regen Anteil
genommen, er hat selbst zum Teil die Verhandlungen mit den Ständen
geführt ®), wichtige Fr.agen, wie die Finanzreform, wurden auch ihm
zur Begutachtung vorgelegt ’), und auch wenn er sich außer Landes
1) Företemann, N. U, I, S. 13,
2) Burkhardt, Landtagaakten, S. 153, und Reg. Bb. 5564.
3) Loc. 8233, fol. 112b, 146b, Loc. 8786. Faselius, S. 8.
4) Reg. H., p. 2, B.
5) Keg. H., p. 10, L. fol. 81 — 84. Siehe Aktenst., No. 17.
6) Burkhardt, Landtagsakten, S. 239. 243. 256 — 262.
7) Ebenda S. 196. 218 220.
Digitized by Google
54
Kapitel III.
befand, verfolgte er die Landtagsangelegenheiten, wie seine Briefe
an Johann zeigen, mit Aufmerksamkeit').
In innigster Verbindung mit den Fragen der inneren kur-
sächsischen Politik stand stets das Verhältnis zu den Albertinern.
Wie weit Johann Friedrich in diese außerordentlich verwickelten
Streitigkeiten eingeweiht war, vermag ich nicht zu sagen, einige
seiner Briefe zeigen aber, daß er bei aller Empörung gegen das
Verhalten Herzog Georgs *) doch immer wieder bereit war, die
Hand zum Frieden zu bieten. Er war sehr damit einverstanden,
daß immer wieder „Zusammeuschickungen“ der Räte stattfanden,
um Ausgleichsversuche zu machen, und auch als ihm Wolf von
Schönberg im Jahre 1.52!) vorschlug, daß er selbst sich ins Mittel
legen sollte, war er gern dazu bereit“). Eine Zusammenkunft
zwischen ihm und Georgs Sohne Johann wurde geplant, damit sie
sich über die zur Versöhnung ihrer Väter geeigneten Mittel und
Wege unterredeten. Ob sie stattgefnnden hat, habe ich nicht fest-
stellen können, von einer Anteilnahme Johann Friedrichs an dem
grimmaischeu Machtspruch, der dann doch wenigstens eine gewisse
Beilegung der Differenzen brachte, findet sich keine Spur. —
Mehr als für die Landesverwaltung und für die nachbailichen
Streitigkeiten scheint sich Johann Friedrich für die große Politik
interessiert zu haben. Hans von der Planitz hielt ihn schon im
Juni 1522 für reif, seinen Onkel im Nürnberger Reichsregiment zu
vertreten, Friedrich selbst allerdings zweifelte daran '). Die poli-
tische Tätigkeit Johann Friedrichs scheint daher auch noch einige
Jahre darauf beschränkt geblieben zu sein, daß er von seinem
Vater zu verschiedenen Fürstenzusammenkünften mitgenommen“)
1) Briefe an Johann I.')31 Jan. 6, Hambach, Loc. 10671 „Schreiben und
Bedenken“, fol. 166 — 167, 1531 Slürz 28, Weimar. I{^. H., p. .59, No. 13, foL 207,
April 5, Georgeuthal, eteida fol. 25 f. , 1532 Juni 25, Nürnberg, Keg. H.,
p. 65, No. 17, vol. 2, fol. 53—56, u. g. w.
2) Diese kommt vor allem in den Briefen an die Herzogin Elisabeth von
14. April 1529 und 8. Okt. 1530 zum Ausdruck. Siehe Aktenst., No. 13 und 20.
3) Joh. Friedrich an Wolf von Schönberg 1.529 Dez. 18, Torgau, Reg.
A. 242, Iteinentw. Aktenst. No. 19.
4) Planitz, Berichte, S. 161. 176. 181.
5) Im Oktober 1522 in Naumburg Zusammenkunft der beiden sächsischen
Linien, des Kurfürsten von Brandenburg, der Fürsten von Anhalt, Spalatin ap.
Mencke, Sp. 616, Reg. Bb. 5561; im Oktober 1523 in Jüterbogk mit dem Kur-
fürsten von Brandenburg, König Christian von Dänemark und anderen Fürsten,
Digitized by Google
Johann FriedrichR politische Tätigkeit bis zum Nürnberger Anstand. 55
und an verschiedenen Höfen vorgestellt wurde*); erst das Jahr
152.5 brachte ihm Gelegenheit zu selbständiger Betätigung.
Landgraf Philipp war es, der seinem Vetter Anlaß gab, sich
seine politischen Sporen zu verdienen. Schon im März hatte er
ihn nach Kreuzburg zu einer Zusammenkunft eingeladen; da er
aber geschrieben hatte, daß es ihm auch recht sei, wenn Herzog
Johann niitkäme, hatte auch dieser an der Konferenz teilge-
nommen. Wir wissen auch nicht sicher, welche Fragen politischer
^Vrt dort neben den religiösen verhandelt wnrden, eine gewisse
Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß man sich mit den Bewegungen
in der Bauernschaft beschäftigte^). Während des Bauernkrieges
scheint Johann Friedrich keine Gelegenheit zu selbständiger Aktion
gegeben worden zu sein, wir finden ihn beständig in der Umgebung
seines Vaters^), dessen beide Feldzüge, bei denen gleichzeitig die
Huldigung für den neuen Kurfürsten entgegengenommen wurde,
machte er mit*). Wie Johann, scheint auch er von versöhnlicher
und milder Gesinnung gegen die Bauern erfüllt gewesen zu sein *').
Auch nur im Gefolge seines Vaters befand sich Johann Friedrich,
wenn er vom 6. — 8. August 1,525 an der Zusammenkunft mit den
Markgrafen Casimir und Georg von Brandenburg in Saalfeld teil-
uahm*), und ebenso bei dem Zusammentreffen mit Herzog Georg
in Naumburg vom 11. — 13. August’).
gpalatin ebd. Sp. 631, Endera, IV, S. 258, Reg. Bb. 5562. Vergl. auch
Spalatin, Sp. 633. 635 f.
1) Im Jouuar 1525 in Ilmenau und in Arnstadt, im Januar und Februar
in Bcrbn und Stettin. Reg. Bb. 55&1.
2) Vergl. über die Kreuzburger Zusammenkunft Seckendorf, II, S. 35 f.
Friedensburg, Vorgeschichte, S. 40/41. Stoy, S. 26. Seidemann in der
Zeitschr. f. hist. Theol., N. F. XIII, 1849, S. 175ff. Friedensburg im N. A. f. s.
Gcsch., VI, S. 118 ff. Job. Friedr. erwähnt in seinem Briefe an den Landgrafen
vom 4. April (Reg. N. 39, fol. 4), daß er ihm eine Schrift über den zehnten
Pfennig zugeschickt habe, woraus ich auf Erörterung derartiger Fragen schließen
möchte. Beziehung auf das Dessauer Bündnis vom Juli 1525 (Enders, V,
S. 147) ist natürlich ausgeschlossen.
3) R^. Bb. 5564.
4) Ebd. und Spalatin ap. Mencke, II, Sp. 1113. Struve, III, 8. 103.
Fabricius, VIII, S. 26 f.
5) Das zeigt Mühlpforts Brief an Roth bei Kol de, Analecta Lutherana,
S. 64 ff., und der Brief Johann Friedrichs an Katharina von Sachsen vom 8. Juli
bei Seidemann, Schenk, S. 120 ff.
6) Friedensburg, Vorgesch., S. 11. Schornbaum, 8. 73 ff. Reg.
Bb. 5564.
7) Friedensburg, S. 18 f. Reg. Bb. 5564.
Digitized by Google
56
Kapitel III.
Am 5. Oktober hatte dann aber Landgraf Philipp seinen
Kammermeister Rudolf von Waiblingen an Johann geschickt und
ihm ein gemeinsames Vorgehen auf dem auf Martini nach Augs-
burg ausgeschriebenen Reichstag und gemeinschaftliche Abwehr aller
anf dem Gebiete der Religion drohenden Gefahren vorgeschlagen ‘),
und da sich Johann vollständig damit einverstanden erklärt hatte *),
hatte der Landgraf ihn dann weiterhin gebeten, zum Zwecke weiterer
Verabredungen seinen Sohn zu ihm auf sein Jagdschloß Friedewald
zu schicken. Der Kurfürst willigte ein’), und am 1. November
machte sich dann Johann Friedrich, von Hans von Minckwitz
begleitet, von Torgau über Leipzig, Naumburg, Weimar, Gotha
und Eisenach nach Friedewald auf den Weg*). Dort ist dann aber
durchaus nicht nur über die Beschickung des Reichstages verhandelt
worden. Einen zweiten Verhandlungspunkt bildeten die Dinge,
die das göttliche Wort und das heilige Evangelium betrafen.
Philipp hatte Ende Oktober in Alzey eine Zusammenkunft mit den
Kurfürsten von der Pfalz und von Trier gehalten, und Johann
Friedrich erhielt daher von .seinem V'ater den Auftrag, sich zu er-
kundigen, was der Landgraf über deren Stellung zur religiösen
Frage in Erfahrung gebracht habe.
Die Friedewalder Zusammenkunft stand ferner im Zusammen-
hang mit der von Herzog Georg vor Mühlhausen angeregten Fürsten-
vereinigung zu gegenseitiger Unterstützung gegen Erhebungen der
Untertanen. Johann und Philipp hatten es damals übernommen,
diesem Bunde neue Mitglieder zu werben. Sehr bald hatten sie sich
allerdings davon überzeugen müssen, daß Herzog Georg dem Bunde
einen antievangelischen Charakter zu geben suchte, sie hatten aber
trotzdem ihre Bemühungen fortgesetzt und so die Grundlage für einen
Bund der evangelisch gesinnten Fürsten geschaffen. Johann Friedrich
sollte nun dem Landgrafen berichten, welche Fürsten, Grafen und
Städte der Kurfürst zu gewinnen hoffe, ihm außerdem aber auch
über den Stand der Verhandlungen mit Herzog Georg Mitteilung
machen. Zu weiterer Besprechung dieser Dinge sollte er eine
Zusammenkunft zwischen dem Kurfürsten und dem Landgrafen Vor-
schlägen. Noch entschiedener als der Kurfürst betonte der Landgraf
1) Frieden sb urg, S. 41 f. Rommel, Urkb., S. 10 ff.
2) Friedensburg, 8. 43. Ranke, VI, 8. 125 f.
3) Job. an Phil. Okt. 30. Friedensburg, Speier, 8. 63 Anm.
4) Reg. Bb. 5r>04.
Digitized by Google
Johann Frietlrichs politische Tätigkeit bis zum Kürnbcrger Anstand. 57
in den Vorschlägen, die er dem Kurprinzen in Friedewald vorlegte,
den (redankcn einer Einigung der Evangelischen. Er hotfte, auch
die Kurfürsten von der Pfalz und von Trier dafür zu gewinnen,
dachte schon an die Aufnahme der bedeutendsten süddeutschen
Städte und schlug vor, daß nach Weihnachten eine Zusammenkunft
der einverstandenen h'ürsten und Stände statttinden solle'). .Johann
Friedrich scheint sich der Meinung des Landgrafen vollkommen
angeschlossen zu haben, und auch in Torgau hat man die Friede-
walder Verabredungen ohne Hedenken gebilligt *).
Auch hiermit ist aber der Inhalt dieser Verhandlungen noch
nicht erschöpft. Es gab Punkte, über die man nur mündlich
miteinander verhandelt hatte“), und wir haben Grund zu der
Annahme, daß es sich dabei besonders um die Frage der römi-
schen Königswahl handelte. Schon im .Jahre 1524 hatte König
Ferdinand dies Ziel ins Auge gefaßt und daran gedacht, Sachsen
durch die Vermählung Johann Friedrichs mit Katharina dafür zu
gewinnen'). Im Herbst 1525 müssen dann auch wieder Mitteilungen
Ober die bestehenden Pläne an Kurfürst Johann gelangt sein, er
trat darüber mit Landgraf Philipp und durch diesen mit Kurfürst
Ludwig von der Pfalz in Verbindung und schlug eine Zusammen-
kunft zwischen ihm und Ludwig deswegen vor“). Da dieser Brief
schon in den Oktober fallen muß, ist es sehr wahrscheinlich, daß
auch .Johann Friedrich in Friedewald mit Philipp über die Sache
zu sprechen hatte. Auch an der regen Korrespondenz zwischen
1) Vergl. Hauke II 8. 17t;FriedcuBburg, Vorgeschichte, 8. 46 {., 8peicr,
S. 110 f. 114. Baumgarten, II, 8. .ö48f. 8toy, 8.311. Die luBtruktion für
Joh. Friedr. in Reg. H., p. 2 B, unvolUtändig gedruckt hei Ranke, VI, 8. 126.
Johann FriedrichR Aufzeichnung über die Verhandlungen bei Ranke, VI, 8. 126f.
V'ergl. Friedensburg, Vorgesch., 8. 48 ff. Auf einige für uns hier neben-
sächhehe Punkto gehe ich nicht ein. Vergl. Friedensburg, Vorgesch., 8. 120ff.,
Speier, 8. 80, Anm. 1.
2) Joh. an Phil. Nov. 21. Reg. H. p. 2 B, Konz. Friedens bu rg ,
V'orgesch., S. 58f.
3) Von einem mündlichen Bericht seines Sohnes spricht Johann in dem
Briefe an Philipp vom 21. November 1525. Reg. H. p. 2, Lit. B, Konz. Friedens-
burg, Vorgesch., 8. 58 f. Dass es sich dabei um die Wahlsache handelte, zeigt
ein Brief Johann Frie<irich8 an Philipp aus Torgau vom 26. Nov. Loc. 10671
.^Schreiben und Bedenken“ fol. 16 f. eigenh. Konz.
4) Friedensburg, Speier, 8. 21.
5) Das ergibt Ludwigs Brief an Philipp vom 3. November 1525. Loc. 10671
„Schreiben und Bedenken“, fol. 13, Kopie. Friedensburg, Speier,8. llOAnm.l.
Digitized by Google
58
Kapitel III.
Ludwig von der Pfalz, Philipp und dohann, die nun in den nächsten
Monaten geführt worden ist und in der teils in versteckten An-
deutungen, teils in besonderen Briefen immer w ieder auch die Wahl-
frage berührt wurde, hat.Iohann Friedrich einen nicht unbedeutenden
Anteil gehabt '), auch hat er die Frage der Wahl Ferdinands zum
römischen König seitdem, wie wir sehen werden, nicht wieder aus
den Augen verloren.
Ueberhaupt war gerade die Friedewalder Zusammenkunft vor-
züglich geeignet, ihn mit den wichtigsten h>agen der Politik seiner
Zeit bekannt zu machen. Unser Material reicht jedoch nicht aus.
um uns zu der Behauptung zu berechtigen, daß er mit demselben In-
teresse, wie die Wahlfrage, nun auch den Gedanken des evangeli.schen
Bundes verfolgt habe. Bei den Verhandlungen, die dem Gotha-Tor-
gauer Bündnis vorliergingen, tritt er in keiner Weise hervor, nur bei
der Magdeburger Tagung ist er zugegen gewesen. Erst durch seine
persönlichsten Angelegenheiten, durch seine Verlobung mit Sibjlle er-
hielt er wieder Gelegenheit zu politischer Betätigung. Und wenn die
Heiratsverhandlungen so vollständig zu Gunsten Sachsens endeten,
wenn dieses eigentlich nichts von seinen Rechten preisgab, so scheint
das doch vor allem dem Kurprinzen zu danken gewesen zu sein“).
Die wiederholten Reisen .lohann Friedrichs in die Rheinlande
gaben ihm aber auch sonst Gelegenheit zu Anknüpfungen von Be-
ziehungen mannigfaltiger Art und haben sicher viel zur Erweiterung
seines Gesicht-skreises beigetragen. Die Grafen von Nassau, von
Neuenahr und von Solms waren es gewesen, die die Verbindung
zwischen ihm und Sibylle vermittelt hatten, mit ihnen ist er ver-
mutlich schon im April 152(5 in Köln zusammengetroffen, er be-
gleitete dann Wilhelm von Nassau auf das oranische Schloß Dilleuburg,
und wenn ihn mit diesem sowohl wie mit Wilhelm von Neuenahr
eine langjährige Freundschaft verband, eine Freundschaft, der wir
zahlreiche interes-sante Briefe verdanken, so wird der Anfang dazu
wohl in diesen Tagen der Brautschau zu suchen sein. Es war
eine Verbindung, die für den Herzog besonders auch wegen der
nahen Beziehungen der beiden Grafen zum kaiserlichen Hofe von
großem Werte war.
1) Daß ew sich iiin die Wahlfnige handelte, ergeben einige der Konzepte
mit Sicherheit. Loc. lOUTl „Schreiben und Bedenken“. Keg. H. p. 2. B. Friedens-
bnrg, Sj>eier, S. 1171.
2) Bouterwek, 8. 1131.
Digitized by Google
Johann Friedrichs politische Tütiurkeit bis zum Nürnberger Anstand. 59
Schwerlich aber war es in jener Zeit möglich, mit Wilhelm
von Nassau zusammen zu sein, ohne daß der große Streitfall be-
rührt wurde, in den er und sein Hruder Heinrich nun schon seit
vielen Jahren über den Besitz der Grafschaft Katzenellenbogcn mit
dem Landgrafen Philipp von Hessen verwickelt waren. Tatsächlich
bat der Graf, unterstützt von der Herzogin von Jülich, den säch-
sischen Kurprinzen, die Vermittelung in dieser Frage zu über-
nehmen. Da Johann Friedrich auf der Heimreise den Landgrafen
besuchte, hatte er sofort Gelegenheit, ihm diesen Vorschlag vor-
zutragen. Philipp hatte nichts gegen die sächsische Vermittelung
einzuwenden und wies auf den bevorstehenden Reichstag als einen
geeigneten Moment dafür hin, ein Vorschlag, der dann wieder von
Johann Friedrich an den Grafen Wilhelm übermittelt wurde und
auch dessen Billigung fand. Der Graf ist dann später doch am
Besuche des Reichstags verhindert gewesen. Verhandlungen haben
dort aber unter Vermittelung des Kurfürsten von Sachsen und
seines Sohnes stattgefunden, allerdings ohne daß es gelang, den
Frieden zu stände zu bringen ‘). Auch in den nächsten Jahren ist
in den Korrespondenzen Johann Friedrichs immer gelegentlich
wieder von dem katzenellenbogenschen Erbstreit die Rede, und
es war gewiß keine leichte Aufgabe für ihn, der mit beiden Parteien
in so regen Beziehungen stand, so unparteiisch zu bleiben, daß er
bei keiner Anstoß erregte
Eine Angelegenheit, die auch jedesmal, wenn Johann Friedrich
in den Rheinlanden weilte, seine Aufmerksamkeit erregte, waren
die dort fast beständig im Gange befindlichen Werbungen®), und
als nun im September 1.Ö2G auch Johann ihm von Rüstungen und
Werbungen in Niedersachsen berichtete, beunruhigte ihn das im
höchsten Grade. Er war der Meinung, daß, falls sie nicht etwa für
den vertriebenen König von Dänemark oder gegen Albrecht von
Preußen bestimmt seien, man nur an Pläne gegen Anhalt oder
1) MeinarduK, I, 2, S. 175 f. 178f. —
2) Ara 15. Oktober 1531 riet ihm Wilh. von Neuenahr, sich „des jungen
moettigen mans Sachen so rill zu entslagcn als moegellich“;, um es mit den
einflußreichen Grafen von Nassau nicht zu verderben. Reg. H. p. 50, No. 5,
fol. «6.
3) Joh. Friedr. an Joh. 1526 April 19, Dillenburg, Reg. D. No. 58 I, Hdbf.
Digitized by Google
(50
Kapitel III.
Kursachsen denken könne, daher müsse man Gegenmaßregeln
treffen und vor allem Wittenberg im Auge behalten ‘).
Von den im Jahre lo2G im Gange befindlichen politischen
Aktionen der Protestanten war es die geplante Gesandtschaft nach
Spanien, die das Interesse Johann Friedrichs in besonders hohem
Grade gefunden zu haben .scheint, in fast allen seinen Briefen ist
von ihr die Rede, im Januar 1527 hatte er direkt den Auftrag, mit
dem Landgrafen darüber zu verhandeln*). Ueberhaupt können
wir annehmen, daß bei den häufigen Zusammenkünften mit diesem,
zu denen die Reisen Johann Friedrichs an den Rhein (ielegenheit
gaben, alle wichtigen politischen Fragen der Zeit werden durchge-
sprochen worden sein. An Meinungsverschiedenheiten zwischen
den beiden jungen Fürsten wird es dabei wahrscheinlich schon
damals nicht gefehlt haben. So war Johann Friedrich z. B. durch
die Reise Heinrichs von Braunschweig nach Spanien im Frühjahr
1526 vom] tiefsten Mißtrauen gegen diesen erfüllt worden. Philipp
aber stand mit Heinrich damals noch in freundschaftlichem Ver-
kehr und ersuchte den Kurprinzen, sich nicht gegen ihn eiunehmen
zu lassen*). lEin andermal bemühte sich Johann Friedrich, die
.\ufnahme Albrechts von Preußen in das evangelische Bündnis zu
erreichen, fand dafür aber beim Landgrafen wenig Neigung^).
Dafür mag dann wieder der Kurprinz Philipps Wunsch, Sachsen
zu einer Unterstützung Ulrichs von Württemberg zu bestimmen,
nur geringe Sympathien entgegengebracht haben, doch liegt irgend
eine Aeußerung von ihm über diese Frage nicht vor, jedenfalls hat
er nichts dagegen gehabt, daß Philipp den vertriebenen Württem-
berger zu seinen Heimfahrtsfeierlichkeiten mit nach Torgau brachte.
Dort wurden die Verhandlungen bekanntlich eifrig fortgesetzt,
doch ist nichts über die Teilnahme Johann Friedrichs daran be-
kannt®). —
1) Job. Fricdr. an Job., 1526 Sept. 22, Hanibacb, Reg. H, p. 3. C, fol. 44
bis 47, Hdhf.
2) Job. Friedr. an Wilb. von Nassau 1526 Mai 16, Torgau, Meinardua, I, 2,
S. 178 f., an Job. iSept. 11, Reg. D. No. 58. I, an Job. 1527, Jan. 31, ebenda II.
3) Job. Friedr. an Job. April 1!), ebenda I, Philipp an Job. Friedr. 1526
Juni 16, Reg. N. 50, Ildbf.
4) „mich deucbl der buntnus sein so fil, das s. 1. wil zu schwer werden", an
Job. 1.527 Jan. 31, a. a. O.
5) Vergl. Stoy, S. 189 ff., Wille S. 29 f.
Digitized by Google
Johann Friedrichs politische Tätigkeit bis zum Nürnberger Anstand.
Bei eben dieser Gelegenheit fielen dann einige jener Aeußerungen
von katholischer Seite *). die ein solches Mißtrauen und eine solche
Nervosität bei den Protestanten erzeugten, daß sie im folgenden
Jahre dein Packschen Betrüge zuin Opfer fielen. An den dadurch
hervorgerufenen Verhandlungen hat Johann Friedrich einen ganz
hervorragenden Anteil gehabt. Zuerst bekam er wohl mit der
Sache zu tun, als er vom ,ö. — 7. Februar in Eisenach der Ver-
handlung .seines Vaters mit dem Landgrafen beiwohnte^), dann
reiste er Ende des Monats im Aufträge des Kurfürsten nach Kassel,
um bei Philipp Erkundigungen, vermutlich über dessen Verrich-
tungen in Dresden einzuziehen®). Der Landgraf und seine Räte
hatten aber keine Lust, offen mit ihm darüber zu sprechen, veran-
laßten ihn vielmehr, seinen Vater zu einer Zusammenkunft mit dem
Landgrafen in Weimar aufzufordern. Johann Friedrich erfüllte
diesen Wunsch, gleichzeitig sandte er Dölzig nach Torgau ab, damit
er dem Kurfürsten über alles, was in Kassel vorgegangen sei,
Bericht erstatte. Er selbst reiste direkt nach Weimar^). Dort
hat dann am !f. März die Zusammenkunft zwischen Johann und
Philipp stattgefunden, die znni Abschluß eines ziemlich offensiven
Gegenbündnisses gegen den angeblichen kafholischen Bund führte.
In die Teilnahme Johann Friedrichs an den Verhandlungen er-
halten wir dadurch einen Einblick, daß von einer Modifi-
kation der hessisch-sächsischen Erbverbrüderung, die der Land-
graf und Johann damals verabredeten, ein Exemplar von .seiner
Hand vorliegt®). Vielleicht dürfen wir vermuten, daß diese Ver-
handlung so geheim geführt wurde, daß nur noch der Kurprinz
davon Kunde erhielt und als Protokollführer diente. Dagegen
findet sich gar keine Spur davon, daß Johann Friedrich an den
Verhandlungen, die dann auch sächsischerseits im März und April
zur Gewinnung weiterer Mitglieder für das Weimarer Bündnis ge-
führt wurden, irgend welchen Anteil gehabt hätte*).
1) Schwarz, 8. 12.
2) Reg. Bb. 5567.
3) Philipp muß also von Dresden, von wo er am 18. Februar abreiste, erst
noch nach Hause zurückgekehrt sein. Am 20. war er in Altenburg (ßb. 434-t).
4) Alles dies nach dem Briefe .Toh. Friedrichs an Johann, 1528 Febr. 27,
Cassel Reg. H. fol. 22. D, Hdfb.
5) Ich gedenke an anderer Stelle Näheres darüber zu bringen.
6) Schwarz, 8. 47—50.
Digitized by Google
62
Kapitel III.
Nur mit den sächsi.schen Rüstungen finden wir ihn gelegent-
lich beschäftigt '), außerdem verfolgte er von Torgau aus mit Auf-
merk.samkeit die Vorgänge in den Gebieten der Gegner, besonders
im Braudenburgischen und Braunschweigischen, und erstattete dem
Landgrafen über alle verdächtigen Symptome Bericht -). Dieser
benutzte freudig die ihm dadurch gebotene Gelegenheit, um seine
Bereitwilligkeit zur Hülfsleistung zu versichern, andererseits aber
auch den Kurprinzen zu bitten, bei seinem Vater zu Gunsten der
gemeinsamen Sache tätig zu sein War doch beim Kurfürsten
unter dem Einfluß der Ratschläge seiner Theologen eine gewisse
Ernüchterung eingetreten. Wie weit auch .Johann Friedrich dadurch
beeinflußt wurde, läßt sich, da wir seine Briefe aus dem April an
Philipp bis jetzt nicht besitzen *), nicht feststellen. An der zweiten
Weimarer Zusammenkunft vom 28. April bis 2. Mai“) hat Johann
Friedrich krankheitshalber nicht teilgenommen. Sie brachte insofern
eine Milderung der Verabredungen vom 9. März, als man beschloß,
dem Angriff auf die Gegner eine Aufforderung an die Bischöfe von
Wörzburg und Bamberg und den Erzbischof von Mainz vorher-
gehen zu lassen, sich zum Frieden und zu einer „Sicherung“ des
Friedens zu verpflichten“). Kaum hatten sich aber der Kurfürst
und der Landgraf wieder getrennt, als zwei Ereignisse eintraten,
die jenem eine völlige Veränderung der Lage herbeizuführen
schienen. Noch in Weimar erschien Graf Ho3’er von Man.sfeld
bei ihm im Aufträge König Ferdinands, um ihn vor den Umtrieben
des Landgrafen zu warnen '). Außerdem erfuhr er jetzt, daß das
1) Burkbardt, I.andtafp(akten, S. 1871. No. 353. 3,54.
2) Da» ergibt »icb au.« dem Briefe Philipp» an ibn vom 23. April. Reg. H.
fol. 22. D, Or.
3) Schon am 27. März schreibt er ihm : forder die »ach. es gilt dir und ddm
Vater eil>en »o woll die haut als mir, ich hoff das ding zu krigen, al» du woll
wist. Iteg. H. fol. 22. D, Or. eigenh. P.S. Auch am 23. April verspricht er
wieder sein Möglichstes des Originals halben zu tun: het man zu Weimar gefolgt,
es wer itzt woll da. Ebd. Vergl. Ranke, III, 8. 31 Anni.
4) Auch in Marburg sind »ie nach einer gütigen Mitteilung der dortigen
Archivverwaltung nicht vorhanden.
5) Burkhardt, Zeitschr. f. kirchl. Wisscnsch., III, 8. .591.
6) Seckendorf, II, 8.95. Schwarz, 8. 50. Näheres über die Weimarer
Verabredung demnächst an anderer Stelle.
7) Instruktion für Joh. Friedr. ca. Mai 10. Reg. H. fol. 24. E. 24 ff. und
112 ff. Ehse»,S. 52.
Digitized by Google
Johann Friedrich» politische Tätigkeit bis zum Nürnberger Anstand. (53
Reichsregiment Philipp seine Vermittelung angeboten habe *). Zu-
sammengehalten mit den Mitteilungen des Kurfürsten von Mainz an
den Landgrafen schien ihm dies alles Aussicht auf Frieden zu
erwecken, und seine Theologen werden ihn in der Ansicht bestärkt
haben, daß er keine derartige Gelegenheit vorübergellen lassen
dürfe. So sandte er denn etwa am 10. Mai seinen Sohn , von
-\nark von lYildenfels begleitet, an den Landgrafen ab. Er sollte
diesem den Wunsch des Kurfürsten aussprechen, die Sendung an
die Bischöfe zunächst noch zu unterlassen und für jetzt nur an
das Regiment eine Gesandtschaft zu schicken, um dieses zu ver-
anlassen, seinem Erbieten entsprechend einzuschreiten, Gesandte
an die Bischöfe zu schicken und sie zum Frieden und zur Friedens-
sicherung zu bestimmen. Den Bescheid des Regiments und auch
die Antwort König Ferdinands auf die an ihn ergangene kur-
sächsische Gesandtschaft müsse man erst erwarten, ehe man weitere
Schritte tue, um sich nicht ins Unrecht zu setzen. Nur wenn das
Regiment .sich parteiisch zeige, habe man ein Recht zu eigen-
mächtigem Vorgehen. Auch die Bemühungen der Magdeburger Räte
für den Frieden bei Kurmainz erweckten ja die besten Hoff-
nungen. Kurz man war in Torgau schon beinahe sicher, daß der
Friede erhalten bleiben würde. Immerhin erhielt der Kuriirinz
die Erlaubnis, eventuell auch in die gleichzeitige Sendung an das
Regiment und an die Bischöfe zu willigen^).
Genau diesen Vorschriften entsprechend ist der Prinz verfahren.
Er hat, nachdem er am Morgen des lü. Mai in Kassel eingetroffen
war, noch an dem.selben Tage dem Landgrafen in Gegenwart
Ludwigs von Boyneburg, Tyle Wolffs, Friedrich Trotts und anderer
hessischer Räte die Aufträge seines Vaters entwickelt. Philipp
wies demgegenüber auf die Schwierigkeiten hin. die es ihm machen
würde, seine Truppen so lange zu unterhalten, berief sich auch auf
die Weimarer Verabredungen, und darauf blieb dann dem Kur-
prinzen nichts anderes übrig, als zu erklären, daß auch sein Vater
1) In der genannten Instruktion ist von einer Werbung des Regiments an
den I.andgrafen die Rede. Dies wird etwas anderes sein, als das Mandat, das
das Bedenken bei d e Wette, III, S. 332 ff., hervorrief.
2) Sch warz, S. 62.
3) Vom 11. Mai liegt bereits ein Brief Johanns an seinen Sohn vor. Reg.
H. fol. 24. E.
4) jVlles dieses nach der Instruktion Johann Friedrichs.
Digitized by Google
Kapitel III.
(>4
daran festhalten wolle, und in die Ausfertigung der Vollmachten
für die nach Bamberg und Würzburg zu schickenden Räte zu
willigen, doch wurde gleichzeitig auch an das Reichsregiment eine
schriftliche Mitteilung und eine Anfrage gesandt ').
Doch es würde zu weit führen, wenn wir nun hier die Casseler
Verhandlungen an der Hand der zahlreichen Briefe .lohann
Friedrichs in allen ihren Einzelheiten verfolgen wollten. Fassen
wir nur die Hauptpunkte ins Auge, so ist zunächst nicht zu be-
zweifeln, daß irgend ein Grund Vorgelegen haben muß, den Prinzen
für kriegerisch gesinnt zu halten. Darauf scheint der Brief hin-
zudeuten, den Luther und Melanchthon am 18. Mai an ihn richteten*),
das zeigt der Brief Melanchthons an Camerarius vom 15. Juli 1528*).
und das geht endlich aus den Mahnungen hervor, die der Kurfürst
während seines Casseler Aufenthaltes an ihn richtete. Worauf
diese Anschauungen beruhten, wissen wir nicht, während er in
Cassel war. hat Johann Friedrich, wie schon Melanchthon richtig
bemerkte*), keinen Grund zur Klage gegeben, und er und Wil-
denfels hatten ganz recht, wenn sie derartige Befürchtungen etwas
gekränkt zurückwieseu, bat doch der Kur])rinz einmal sogar, man
möge ihm den Kanzler schicken, damit er alles richtig mache ‘‘).
Allerdings war er über die einzuschlageude Politik gelegentlich
anderer Meinung als die kursächsische Regierung, er bat z. B.
wiederholt aufs dringendste um den sächsi.schen Entwurf des ge-
planten Ausschreibens ins Reich, um dadurch den Landgrafen davon
abzuhalten, seinen Entwurf, den Johann Friedrich für sehr ungereimt
hielt, zu verötfentlichen. Er erhielt ihn nicht, weil man in Sachsen
fürchtete, daß cs dann zur Publikation eines gemeinsamen Ent-
wurfes kommen würde, die man für jetzt nicht wünschte, konnte
nun aber den Landgrafen schließlich nicht mehr hindern, den
seinigen ausgehen zu lassen. Auch daß der Kurj)rinz Philipp nach
Schmalkiilden begleiten wollte, billigte Johann zunächst nicht, weil
er fürchtete, daß er sich dann schließlich werde mit in den Feldzug
1) Joh. Friedr. an Job. Mai 17. Reg. H. fol. 24. E. Bl. 15. 16. 19.
2) de Wette, III, S. :t23. Erl. r>4, 8. 5 f.
3) C. R. I, 987 : Nonter priiiceps, et quod mireris, fiUus eCiam valdc
abhorruerunt a bello.
4) a. a. O. Vergl. auch C. R., IX, 8. 662.
5) Vergl. Joh. Friedr. an Joh. 5Iai 22. Reg. H. fol. 24. E. Bl. 107 — 110.
WildenfeU an Johann, ebd. Bl. 88 f.
Digitized by Google
Johann Friedrichs politische Tätigkeit bis zum Nürnberger Anstand.
hineinziehen lassen. Johann Friedrich aber erklärte, es geschehe
wahrlich nicht aus Vorwitz, wenn er mit dorthin gehen wolle, es
sei nicht so lustig, als man vielleicht denke, und er wäre lieber
weit davon ‘). Wir werden ihm wohl glauben dürfen, daß er der
.Sache des Friedens dadurch zu dienen glaubte, und auch Johann
hat schließlich seine Einwilligung dazu gegeben. Man durfte es ja
auch mit dem Landgrafen, solange man des Friedens nicht völlig
.'icher war, nicht verderben. Auch die Kriegsvorbereitungen, die in
den Briefen Johann Friedrichs eine nicht unbedeutende Rolle
spielen, konnten vorher nicht gut eingestellt werden.
Und wenn wirklich etwa die Friedensneigung beim Kurprinzen
nicht ganz so groß war wie bei seinem Vater, wenn er hie und da
dem Landgrafen etwas stark nachgegeben hat, so war er vielleicht
eben gerade deshalb die geeignetste Persönlichkeit, um diese
schwierigen Verhandlungen zu führen, denn Philii)p scheint sich in
einer nichts weniger als rosigen Stimmung befunden zu haben.
Schon am 18. war Johann Friedrich einmal nahe daran, die Ver-
handlungen abzubrechen *), der Landgraf sei, so schreibt er am 20.,
so schwer zu halten, wie ein Hund am Strick, der Wildbret sähe®),
ja Anark von Wildenfels erklärte am] 22. sogar, jedes w ilde Tier
.sei leichter zu zähmen als er^). Es war gewiß ein V'erdienst
Johann Friedrichs und seines Begleiters, daß sie trotz alledem bei
Philipp aushielten, und sie mögen wohl mäßigend auf ihn gewirkt
haben. Zwar gelang es ihnen, wie schon erwähnt, nicht, die
Sendung an die Bischöfe zu verhindern. Ebensowenig vermochten
sie zu verhüten, daß der Landgraf seinen Landständen Mitteilung
von dem katholischen Bündnis machte daß er an Herzog Georg
über die Sache schrieb®) und daß er das Ausschreiben ins Reich
ergehen ließ. Aber sie sorgten doch dafür, daß er die Antwort
der Bi.schöfe trotz unliebsamer dabei eingetretener Verzögerungen
abwartete "), und beruhigten ihn in der Frage der Kosten seiner
1) An Johann, Mai 23. Ebd. Bl. 102 — 10t.
2) An Johann, Reg. H. fol. 22/23 D. Bl. 54/55.
3) Ebd. fol. 24 E. Bl. 2<J f.
•4) Elxl. Bl. 88 f. Vergl. Schwarz, S. 66.
5) Ebd. Bl. 79.; ein zweiter Brief Johann Friedrichs vom 20. Mai.
6) Diese V'erzögeriing wurde dadurch hervorgerufen, daß die sächHischen
Räte, die in Kömhild ihre Instruktionen erwarten sollten, ohne Erlaubnis von
dort nach Hause gereist waren. Brief Joh. Frieelrichs an .lohann vom 18. Mai.
Briträlce zur neueren Geschichte Hiüriogcns 1. ^
Digitized by Google
66
Kapitel III.
BQstungen dadurch, daß sie ihm Aussichten darauf machten, daß
Sachsen die Hälfte dieser Kosten übernehmen würde *). Als die
Antwort der Bischöfe dann nicht ganz befriedigend lautete, wurde,
da man auch vom Regiment noch immer keine Antwort hatte, die
Stimmung in Kassel wieder sehr kriegerisch, auch der Kurprinz
meinte ’), daß man eine Friedensversicherung wohl von den Bischöfen
verlangen könne, in Torgau aber war man inzwischen zu der Ueber-
zeugung gelangt, daß die Bischöfe überhaupt unschuldig seien, der
Kurfürst begann zu fürchten, daß am Ende das katholische Bündnis
gar nicht existiere *), und wünschte, so gut wie möglich wieder aus
der Sache herauszukommen : „Dann so S. L. das original selb doch
(dort?) nicht gesehen, wie uns S. L. zu Weimar erstmals anzeigte,
so were uns in warhait ängste und wang (— bang) darbei, dann
das S. L. nhun vill abschriften haben wil“) und damit allein ver-
mainte, den handel scheinlich zu machen und kein weiter anzaigung
des volzogenen buntnuss halben hete, damit wold wenig auszurichten
sein“ ’). Tatsächlich waren inzwischen auch beim Landgrafen auf
1) Schon in seiner Instruktion hatte Joh. Friedrich Auftrag erhalten, Ober
diesen Punkt mit dem Landgrafen zu verhandeln. Gerade darüber kam es am
18. zu heftigen Debatten, schließlich sandte der Kurprinz seinem Vater die
Forderung des Landgrafen, daß Sachsen die Hälfte der Kosten Obcmchmen sollte,
wenn die Gegner nieht für die Zahlung zu haben seien. Der Kurfürst war bereit
dazu, beauftragte seinen Sohn jedoch, genaue Erhebungen über die tatsächlichen
Aufwendungen des Landgrafen anzustclien. Das versprach der Prinz, Philipp
gegenüber hielt er mit Jener Mitteilung noch zurück, um erst die Entscheidung
der Bischöfe abzuwarten. Am 31. Mai hat dann in Breitungen eine Tagung
sächsischer und hessischer Räte stattgefunden, bei der sich Sachsen bereit erklärte,
die Hälfte der Kosten zu übernehmen, wenn man mit den Bischöfen nicht zu
einem Vertrage darüber käme. (Reg. H. fol. 24 F.j Natürlich war es für
Sachsen nun ein kleineres Opfer, für sich allein den Bischöfen gegenüber auf
Kostenerstattung zu verzichten. (Schwarz, S. 165 f.)
2) .loh. Friedr. an Joh., Mai 24. Reg. II. fol. 22 E. Bl. 131 ff.
3) Es waren ein Brief Herzog Georgs (wohl vom 21. Jlai. Vergl. Schwarz,
S. 85) und einige geheimnisvolle Briefe, deren Absender ich noch nicht habe er-
mitteln können, die in dem Kurfürsten diese Vermutung erweckten. Vergl. seine
Briefe an Joh. Friedr. vom 20. Mai aus Eisenberg, vom 23. und 25. .Mai aus
Weimar. Reg. H. fol. 21, E. Bl. (i3 — 66. 120 — 124. 139—140.
4) Der Landgraf ließ sich durch V^ennittlung des Kurj)rinzen Abschriften des
Dessauer Bündnisses, der kaiserlichen Instruktion für Heinrich von Braunschweig,
des Briefes des Kaisers an die Grafen von Nassau und Königstein u. dgl. schicken.
Brief des Kurprinzen vom 23. Mai aus Rotenburg, ebd. Bl. 128 f.
5) Aus dem Briefe Johanns vom 25. Mai.
Digitized by Google
Johann Friedricha politische Tätigkeit bis zuin NOrnberger Anstand. ß7
sein Ausschreiben hin so viele entrüstete Erklärungen der Gegner
und so viele Vermittelungsanträge eingelaufen, daß er an seinen
Kriegsplänen nicht mehr festhalten konnte und die Hand zum
Frieden bieten mußte. Auch Johann Friedrich war bei den
Friedensverhandlungen, die am 31. Mai in Schmalkalden begannen,
zugegen, über seine Haltung dabei ist aber nichts Näheres be-
kannt. Auch an dem polemischen Briefwechsel, der sich an den
Packschen Handel noch anschloß, scheint er nicht teilgenommen zu
haben. Nur Ober seine eigene Haltung hat er sich gelegentlich
noch ausgesprochen, so vor allem in einem Briefe an die Herzogin
Elisabeth vom 14. April 1529. Er weist darin unter anderem die
Beschuldigung zurück, daß er daran schuld sei, wenn der Landgraf
an Pack so fe.sthalte. Philipp habe seit langer Zeit nicht mit ihm
Ober die Sache gesprochen, nur bei seiner letzten Anwesenheit in
Weimar, und was er ihm geraten hätte, das könne jeder wissen,
denn es sei nichts Unehrliches gewesen, sondern was der Landgraf
mit Ehren und Fug werde verantworten können. Mit Entrüstung
wendet er sich dann gegen die Behauptung, daß er den Landgrafen
verführe, nie habe er ihm etwas Unehrliches geraten *)• —
Zunächst trat für den jungen Herzog nach der Beilegung der
Packschen Händel wieder eine etwas ruhigere Zeit ein. Eine große
Aufgabe schien ihm allerdings im Herbst 1528 bevorzustehen:
Schon im Februar 1527 war einmal der Gedanke aufgetaucht, ihn
zur Lehensempfängnis zu König Ferdinand zu schicken *). Festere
Gestalt gewann der Plan im September 1.528. Die Teilnehmer
an der Reise waren schon alle bestimmt, Agricola sollte als Prediger
mitgehen*), ja man hatte sich sogar schon auf den Weg gemacht
und war bis Altenburg gelangt, dort kehrte dann aber der ganze
Zug wieder um *), weil der Bericht der nach Prag vorausgesandten
Räte über Ferdinands Bedingungen nicht zufriedenstellend lautete.
Zu einer außerordentlich regen politischen Tätigkeit erhielt
dann Johann Friedrich im Frühjahr 1.529 Gelegenheit. Als nämlich
der Kurfürst mit den Räten zum Reichstag nach Speier reiste,
1) Reg. A. 240. Akteiwt. No. 13. Da» von Seckendorf, II, S. 90, zitierte
Schreiben .Joh. Friedrichs an Neuenahr vom Jahre 1537 hat« ich bisher nicht auf-
finden können.
2) Stoy, 8. 191, Anin. 1.
3) Enders, VI, 8. 3b6 ff.
4) R^. O. No. 24, fol. 133. Reg. D. 436.
5*
Digitized by Google
68
Kapitel III.
wurde Johann Friedrich zur Regierung des Landes in Weimar zu-
rückgelassen. Die gefährlichen Zeiten schienen das zu erfordern*).
Wildenfels und vier andere Räte wurden ihm zur Unterstützung bei-
gegeben ^). Doch geht aus einigen Briefen des Kurprinzen hervor,
daß er nicht vollkommen mit seiner Zurücklassung einverstanden
war und seine Anwesenheit in Speier für notwendiger gehalten
hätte •*). Wir verdanken seinem Zurückbleiben eine außerordentlich
große Zahl von eigenhändigen Briefen und Gutachten, die uns nicht
nur über seinen geradezu staunenerregenden Fleiß unterrichten,
sondern auch über seine politischen Anschauungen auf den ver-
schiedensten Gebieten*). Mit welchem Interesse er die Verhand-
lungen über die religiöse Frage verfolgte, haben wir schon beobachtet,
auch die Spuren seiner Verwaltungstätigkeit schon zusanimengestellt,
die Frage, die ihn am allermeisten beschäftigte, scheint aber die der
römischen Königswahl gewesen zu sein. Sie war seit dem Jahre 1525
nicht wieder zur Ruhe gekommen *’), vom 6. März 1.527 lag mir ein
geheimes Gutachten Albrechts von Mansfeld an den Kurfürsten vor,
worin er auseinandersetzte, daß die Wahl des „Widerchristen“
Ferdinand, die zur Erblichkeit der Krone im Hause Oesterreich
führen würde, unter allen Umständen verhütet werden müsse. Man
müsse die Gegnerschaft Bayerns dagegen benutzen und mit den
Kurfürsten von der Pfalz, von Köln und Trier Beziehungen an-
knüpfen. Lasso dann der Kaiser Freiheit der Wahl, so sei vielleicht
Hotfnung, daß man einen christlichen König wählen könne und daß
„das rommi.sche reich aus haudeu der fürsten von Österreich, welliche
der gebürt nach nicht vor deuczc gerechent mögen werthen, an deutz
fürsten wider bracht mocht werden“”).
Größerer Fluß kam in diese Dinge dann erst wieder infolge
der Verhandlungen des Propstes von Waldkirch, Balthasar Merkle’.s,
der im Jahre 1528 im Aufträge des Kaisers Deutschland bereiste*).
Er hatte unter anderem auch den Befehl, für die Wahl Ferdinands
1) Joh. Friedrich nn Neuenahr 1.520 Mürz 13. Keg. E. fol. 37a, No. 83. Konz.
AktensL No. 9.
2) Nach einem Verzeichnis der Räte, die mit nach Sj>cier gingen, und derer,
die zurückblichen, in Reg. E. ebenda RI. 10 — 21.
3) z. B. Brief an Anhalt, April 4.
4) Diese Akten finden sich größtenteils in Reg. E. fol. .37a, No. 83 und in
IxK. 1U671 „Sohreilten und Be<lcnkcn“.
.')) Vcrgl. z. B. Stoy, S. 13."». 185. 211. 232 ff. 2~>X
6) Luc. 10671, 1.527 .März 6., Allstedt, eigenhändig.
7) Vcrgl. Ranke, III, 8. 81. Baumgarten, III, 8. 23.
Digitized by Google
Johann Friedrichs politische Tätigkeit bis zum Nürnberger Anstand. 09
zum römischen Könige tätig zu sein ')• Schon im Juni traf er mit
dem sächsischen Kurfürsten in Schmalkalden zusammen, dann
scheint er im Oktober noch einmal in Weimar gewesen zu sein^.
Seine Bemühungen erregten die größten Bedenken Johann Friedrichs,
sie erweckten in ihm die Vermutung, daß auf dem Speierer Reichs-
tag vor allem diese Sache hetriehen werden würde, und als nun
im Februar 1529 die letzten Vorbereitungen für den Reichstags-
besuch getroffen wurden, schrieb er seine Ansicht über die Frage
der Königswahl in einem ausführlichen „Bedenken* nieder“). Es
klingt in einigen Punkten an das Gutachten Mansfelds von 1527
an. Auch Johann Friedrich war der Meinung, daß die Wahl Ferdi-
nands zu verwerfen sei, 1) weil man dadurch zum Erbkaisertum
komme, und 2) wegen seiner feindlichen llaltnng gegen die Evan-
gelischen. Jetzt habe man unter dieser h’eindschaft noch nicht zu
leiden, aber wenn man ihn wähle, so mache man ihn zur Obrigkeit,
der man nach der heiligen Schrift untertan sein müsse. Die einzige
Möglichkeit, sich gegen ihn zu schützen, sei daher die Verhinderung
seiner Wahl. Eigentlich sei diese ja auch dem Kaiser nicht zu
raten, da das Reich dadurch entweder zwei Herren bekomme oder
er seinem Bruder die Reichsregierung ganz überlassen müsse und
dann nur noch als König von Spanien erscheinen werde. Außer-
dem setze er sich der Gefahr einer Doppelwahl und allen ihren
gefährlichen Folgen aus, die Gegenpartei könnte ja auch auf den
Gedanken kommen, den „gemeinen Mann“ aufzurufen oder sich an
England, an Frankreich oder gar an den Türken anzuschließen.
Für den Fall, daß der Kaiser doch auf seinen Absichten be-
stände, meinte der Kurprinz, müsse Sachsen in folgender Weise
Vorgehen: Es müsse zunächst die anderen Kurfürsten zu gewinnen
suchen, damit sie gemeinsam dem kaiserlichen Orator eine ab-
schlägige Antwort erteilten und überhaupt in dieser Sache nur ein-
heitlich handelten, eventuell an den Kaiser eine Botschaft schickten,
um ihn an die goldene Bulle und seine Wahlkapitulation zu er-
innern. Sollten die Kurfürsten zum Teil oder alle nicht dafür zu
haben sein, so müsse Sachsen sich an einige vertraute Fürsten
1) Ney, S. lö.
2) Wenigsten» war er am 2/3. Oktober in .Tenn. Reg. Bb. 4344. 5.Ö68.
3) Loc. 10671 „König Ferdinandi Wahl“ betr. I.ö31, cigonh. Konz, und Kopie,
ebenda „Schreiben und Bedenken . . Kopie. Ich gebe hier nur die Haupljmnkte
und verweise im übrigen auf die Aktenstücke No. 8.
Digitized by Google
70
Kapitel III.
wenden und veranlassen, daß die Fürsten den Kurfürsten Vorstellungen
machten und sie ihrerseits an die Bestimmungen der goldenen
Bulle erinnerten. Die Fürsten müßten erklären, sie seien bereit,
die Kurfürsten zu unterstützen, wenn ihnen aus ihrem Widerstand
Gefahren entständen. Eventuell könne man auch die Städte mit-
heranziehen. Auf diese Weise werde es, so hoffte Johann Friedrich,
vielleicht möglich sein, die Wahl zu verhüten.
Während des Aufenthaltes des Kurfürsten in Weimar hatte
Johann Friedrich keine Gelegenheit mehr, ihm seine etwas revolutio-
nären Ansichten vorzutragen , er ließ das Bedenken daher ab-
schreiben und sandte es ihm nach Gotha nach, indem er ihn gleich-
zeitig bat, die Sache mit dem Fürsten von Anhalt und den Räten
zu besprechen ‘). J ohanu scheint der Sache etwas skeptisch gegen-
übergestanden zu haben, er bezweifelte, daß die von Johann
Friedrich genannten Fürsten „den Sinn hätten“, den er bei ihnen
voraussetze *). Doch versprach er. sein möglichstes zu tun. Wirk-
lich legte er dann in Frankfurt das Bedenken dem Fürsten von
Anhalt, Hans von Minckwitz, Ludwig von Boyneburg, den beiden
Kanzlern Brück und Beier und Melanchthon zur Durchsicht und
Erwägung vor, lobte .seinerseits den Fleiß des Kurprinzen “); als er
dann aber in Speier eingctroifen war und bemerkte, daß von einer
Verhandlung über die Königswahl gar nicht die Rede war, daß
niemand mit ihm über die Sache .sprach, glaubte er, sie auch seiner-
seits nicht berühren zu sollen '). Das war aber nicht die Meinung
des Kurprinzen. Mit vollem Rechte setzte er .auseinander, daß man
mit Kursachsen natürlich erst verhandeln werde, wenn alle übrigen
Kurfürsten gewonnen seien, daß Sachsen also vorbauen müsse.
Das Anbringen Waldkirchs gebe genügenden Grund, mit den Kur-
fürsten in Verhandlung zu treten, man solle nur erst einmal mit
Pfalz und Trier beginnen, Köln könne Wilhelm von Neuenahr son-
dieren. Habe man diese drei erst gewonnen, so sei der Sache
ja schon geholfen ; seien auch sic nicht zu haben, dann müsse man
allerdings die anderen früher entwickelten Wege einschlagen ®).
Johann Friedrich ahnte schon, daß sich .sein Vater auch durch
1) An Johann, Fcbr. 26, Loc. 10671, König Ferdinands Wahl betr., 1531, Or.
2) An Joh. Friedrich, Febr. 27, Gotha, Reg. E. Bl. 40. ür.
3) An Joh. Friedrich. März 14, Speier, Beg. E. Bl. 47. Or.
4) An Joh. Friedrich, März 30, Speier, ebenda BL 74. Hdbf.
5) An Johann, April .S. Reg. E. Bl. 228 — 230, Hdbf. Aktenst. No. 11.
Digitized by Google
Johann Friedrichs politische Tätigkeit bis zum Nürnberger Anstand. 71
diese Auseinandersetzungen aus seiner Ruhe nicht werde heraus-
bringen lassen, er fürchtete, inan werde zu lange harren, man werde
am Tische sitzen und das Essen verschlafen ‘). Auch den Kanzlern
traute er nicht*). Zwar hätte er ja dann seine Hände in Unschuld
waschen können aber er hielt es doch für seine Pflicht, da er
selbst nichts tun konnte, wenigstens durch seine Freunde auf dem
Reichstage arbeiten zu lassen. Hans von Minckwitz, Albrecht von
Mansfeltl, Wilhelm von Neuenahr mußten die Sache in die Hand
nehmen. Tatsächlich haben dann Verhandlungen mit dem Kur-
fürsten von Trier und mit kölnischen Räten stattgefunden, ja es
kam sogar zu Besprechungen der beiden geistlichen Kurfürsten
mit Johann. Beide zeigten sich nicht ganz unzugänglich und wenig
für die Wahl Ferdinands eingenommen. Der Kurfürst von der Pfalz
dagegen , kannte keinen Sachsen“, und auf Mainz war erst recht nicht
zu rechnen *). Eine weitere Aktion der Art, wie der Kurprinz sie in
seiner Denkschrift entwickelt hatte, scheint nicht stattgefunden zu
haben, sie hätte wohl auch schwerlich viel Aussicht auf Erfolg ge-
habt. Für uns aber sind diese Aeußerungen Johann Friedrichs
interessant, weil sie uns zeigen, wie gründlich er sich mit diesen
Fragen beschäftigt hatte und zu wie kühnen Ideen er sich verstieg.
Gegenüber der Schwerfälligkeit Johanns macht er uns in jener Zeit
den Eindruck einer außerordentlichen Regsamkeit und Lebendigkeit.
Die römische Königswahl war durchaus nicht die einzige
große politische Frage, auf die er von Weimar aus Einfluß zu ge-
winnen suchte. Seine Vertrauten in Speier mußten noch in ver-
schiedenen anderen Beziehungen für ihn tätig sein. So erhielt
Minckwitz am 22. März eine große Denkschrift zugesandt für Ver-
handlungen, die er mit dem Propst von Waldkirch führen sollte'’).
Dieser hatte bei seinem Aufenthalt in Weimar dem Kurprinzen
einige Mitteilungen über die Verhandlungen Heinrichs von Braun-
schweig in Spanien im Jahre 1526*) gemacht. Unter anderem hatte
1) An Minckwitz, April 12, ebenda Bl. 222b— 224, eigenh. Konz.
2) An Minckwitz, März 22, ebenda fol. 63 — 6.^ Hdbf. Aktenet. No. 10.
3) An Minckwitz, April 12. Vergl. Anra. 1.
4) Minckwitz an Joh. Friedrich, April 13. Hdbt. Beg. E. Bl. 87. Mansfeld
an Joh. Friedrich, April 14. Or. ebenda Bl. 89— 92. Aktenst. No. 14. An der Aufrich-
tigkeit der Kurfürsten von Köln und Trier darf man nach den Erklärungen, die sie
schon 1526 abgegeben batten, zweifeln. Vgl. Friedensburg, Speier, 8.143, Anm.2.
5) Beg. U. p. ü. E., eigenh. Konz, und zwei Kopien.
6) Vergl. S. 60.
Digitized by Google
72
Kapitel 111.
er die Vermutung Johann Friedrichs, daß der Herzog dem Kaiser
berichtet habe, die Evangelischen wollten ihre Lehre mit Gewalt
ausbreiten, bestltigt. Da das nun aber von Heinrich entschieden
abgeleugnet wurde, obgleich es aus der Instruktion des Kaisers
für ihn und aus dem kaiserlichen Briefe an die Grafen von Nassau
und Königstein *) aufs klarste hervorging, so wünschte Johann
Friedrich weitere Erklärungen des Propstes herbeizuführen, ja, wo-
möglich eine Art Konfrontation Waldkirchs und des Braunschweigers
in Speier. Aus der weiteren Korrespondenz des Kurprinzen mit
Minckwitz geht hervor, daß sich Waldkirch jetzt sehr zweideutig
benahm und nicht recht mit der Sprache heraus wollte, so daß
Johann Friedrich schließlich die Verhandlungen abbrechen ließ.
Sie zeigen uns, daß sein Gegensatz gegen Heinrich von Braun-
schweig seine Wurzeln schon in dieser Zeit hat, außerdem tritt
eine gewisse Neigung zur Rechthaberei in ihnen unverkennbar
hervor.
Von den Reichstagsverhandlungen interessierte Johann Fried-
rich, abgesehen von den religiösen Dingen, am meisten die Frage
der Türkenhülfe. Er war der Meinung, daß auch diese Forderung
des Kaisers durch König Ferdinand veranlaßt sei, er erwog, ob
man die Türkengefahr nicht benutzen solle, um Zugeständnisse auf
religiösem Gebiete zu erlangen, denn Voraussetzung der Türken-
hülfe sei Friede und Recht im Reiche*), und sandte endlich auch
über diese Frage „etliche Artikel"* an den Fürsten von Anhalt,
Graf Mansfeld und Minckwitz*).
Von dem sonstigen Inhalt der Briefe des Kurprinzen aus
dieser Zeit ist vielleicht noch hervorzuheben, daß die Nachricht
vom Tode der Frau des Grafen Wilhelm von Nassau sofort den Ge-
danken in ihm erweckte, ihn mit seiner ältesten Schwester Marie zu
vermählen. Er hat diesen Plan, der ihm sowohl für das Haus Sachsen
wie für die evangelische Kirche, wie endlich für die Beilegung des
„hessischen Handels“ vorteilhaft erschien, nicht wieder aus den
Augen verloren, bis ihm dann Graf Wilhelm von Neuenahr im
1) Beide» vom 23, März 1526. Kopien in Reg. p. 6. E. Vergl. Friedens-
burg, Speier, 8. 84, Anm. 2.
2) An .Johann März 26. Reg. E. fol. 37a, No. 83, Bl. 69/70. Hdbf. Aktenst. No. 11.
3) An die drei Genannten April 4, an Johann April 8, Aktenst. No. 12, an
Minckwitz April 12. Reg. E. a. a. O. Bl. 221 — 224. 229. Die „Artikel“ habe ich
noch nicht wieder auffinden können.
Digitized by Google
Johann Friedrichs politische Tätigkeit bis zum Nürnberger Anstand. 73
Oktober 1.531 mitteilte, daß sein V'^etter sich anderweitig vermählt
habe '). —
Der Reichstag zu Speier hatte mit einer Protestation der
evangelischen Stände gegen Majoritätsbeschlüsse in Glaubenssachen,
mit einer entschiedenen Spaltung des Reiches geendet. Johann
Friedrich stimmte vollkommen damit überein, er war sich aber auch
darüber klar, daß die Protestanten jetzt ihre Bundesbestrebungen
mit verdoppeltem Eifer wieder aufnehmen, daß sie sich vor einer
„Uebereilung“ durch die Gegner hüten müßten. Sofort war der alle-
zeit Schreiblustige mit einigen „Bedenken“ darüber bei der Hand,
Denn Ranke setzt wohl mit Recht das undatierte kurprinzliche
„Bedenken der Einung des Evangeliums halber“ ln den Mai 1529 *).
Das Interessante an diesem Gutachten Johann Friedrichs ist,
daß er zwar von der Berechtigung des Widerstandes gegen die
anderen Stände überzeugt war, da sie ja nicht als Obrigkeit der
ihnen gleichstehenden protestantischen Stände betrachtet werden
könnten, daß er des Kaisers aber gar nicht gedachte. Ferner ist
hervorzuheben, daß er die Zuziehung der oberländischen Städte
und der Eidgenossenschaft für erwünscht und leicht möglich hielt
und daß in den Artikeln über die Ausgestaltung des Bundes ein
gewisser Gegensatz gegen den Landgrafen Philipp hervorzutreten
scheint, wenn Johann Friedrich davor warnte, einen zu „jähen“
Fürsten zum Hauptmann zu wählen. Am meisten Interesse hatte
er offenbar für die militärische Seite der Frage, über sie verbreitete
er sich am ausführlichsten, und er zog auch sofort die Konseejuenzen,
die ein solcher Bund für die einzelnen Stände haben mußte, wenn er
in einem zweiten Schriftstück die für Sachsen dadurch nötig wer-
denden militärischen Maßnahmen erörterte^). Seine Vorschläge in
dieser Beziehung sind wohldurchdacht und zeigen, daß er auch
an den sächsischen Verwaltungseinrichtungcn manches für ver-
besserungsbedürftig hielt. Auch scheint mir aus den beiden Gut-
achten des Kurprinzen hervorzugehen, daß die Schwierigkeiten, die
Kursach.sen damals der Bundespolitik machte, mehr auf den Kur-
G An Johann April 4. P. 8. an Anhalt April 4 Reg. K. a. a. O. RI. 76 f. 243 f.
Verzeichnis, was mit graf Phili|>p von Solms zu reden, ebenda Bl. 231 f., an
Neuenahr 1531 Sept. 29. Reg. H. p. 50, No. 5, fol. 89 f. Aktenst. No. 23.
Neuenahr an Joh. Friedrich 1531 Okt. 15, ebenda fol. 91 — 93.
2) Ranke, III, 8. 117. R^. H. p. 10. L. fol. 75 ff. .\ktenst. Na 16.
3) Reg. H. p. 10. L. fot 81—84, eigenh. Konz. Aktenst. No. 17.
Digitized by Google
74
Kapitel III.
fürsten Johann als auf seinen Sohn zurückgingen '). An den Ver-
handlungen dagegen, die damals sächsischerseits mit den Habs-
burgern gepflogen wurden und über die wir immer noch nichts
Rechtes wissen*), scheint auch Johann Friedrich nicht ganz unbe-
teiligt gewesen zu sein, wenigstens liegt eine Instruktion von ihm für
Christoph Groß an Heinrich von Nassau mit Loyalitätserklärungen
gegen den Kaiser vor, die in diese Zeit zu gehören scheint *). So-
lange wir nichts Näheres über diese Verhandlungen wissen, werden
wir annehmen können, daß es sich dabei um die immer noch nicht
erledigten Fragen der sächsischen Lehensempfängnis und der Be-
stätigung der Ehe Johann Friedrichs gehandelt hat. War doch im
August 1529 wieder eine Reise des Kurprinzen nach Prag geplant^).
P'erner könnte seine Absicht, sich am Türkenkriege zu beteiligen, zu
Erörterungen Anlaß gegeben haben. Denn nach Spalatins Bericht
sollte er ja im Herbst 1529 an der Spitze von einigen tausend Mann
gegen die Türken ziehen^). Deren Abzug vereitelte den Plan.
So gut wie gar keinen Anteil scheint der Prinz an den Bundes-
verhandlungen der Evangelischen in den Jahren 1529 und 1530
genommen zu haben, oder wir wissen wenigstens nichts darüber,
denn an Interesse für diese Sache hat es ihm, wie sein Gutachten
vom Mai zeigt, ja sicher nicht gefehlt, auch wurde sein Bedenken
der sogenannten Schwabacher Notel und der Sächsischen Instruktion
für den Schwabacher Tag zu Grunde gelegt“). Persönlich wird er
nur bei der Zusammenkunft der Protestanten in Schmalkalden vom
28. November bis 3. Dezember 1529 erwähnt. Zu größerem Hervor-
treten gab ihm erst der Augsburger Reichstag wieder Gelegenheit
1) Eb verdient hervorgehoben zu werden, daß die Fordeningen Johann Fried-
richs zwar in der Instruktion der Hächsischen Räte für Schwabach wiedcrkohren,
daß die religiösen Itedingungcn für die Aufnahme in den Bund aber dort erst neu
auftauchen. J. J. .Möller S. 281 ff. Vergl. auch Kol de in den Beiträgen zur
Reformationsgesoh. S. Ü8 ff.
2) Lenz, Zwingli, S. 25U. Bauingartcn, III, 8. 16. 21 f.
3) Reg. E. fol. 37a, No. 83, BL 233 f. Die Datierung ergiebt sich wohl aus
dem Anfang des Briefes Neuenahrs vom 8. Juli 1520, bei Cornelius, X, 8. 156.
•l) Beier sollte ihn als Rat, Schürf als Arzt begleiten. Nach dem Briefe
Rörers an Roth vom lü. Aug. 1529 bei Buchwald, Zur Wittenberger Stadt-
und Universitätsgeschichte, 8. 63.
5) Spalatin ap. Mcnck., 8p. 1117. Struve, III, 8. 165. Ranke, III,
8. 142. In Reg. O. No. 24, fol. 83 ist die betreffende Stelle übrigens durchstrichen.
6) P. C. I, 8. 414 ff. Anra. J. J. Müller, 8. 285 ff.
7) Unter den Akten, die nach Augsburg mitgenommen wurden, finden wir
auch seinen Ratschlag des Türken halben. Förstemann, U. I, 8. 135.
Digitized by Google
Johann Friedrichs politische Tätigkeit bis zum Nürnberger Anstand. 75
Doch möchte man fast bedauern, daß er persönlich daran teilnahm,
da uns nun eine so vorzügliche Quelle, wie sie uns 15211 seine
Briefe boten, entgeht. Die religiöi5en Fragen standen wohl auch bei
ihm tliesmal durchaus im Vordergrund des Interesses, und da wir
ihre Behandlung auf dem Reichstag und Johann Friedrichs Anteil
daran schon erwähnt haben, bleibt hier nur noch wenig zu sagen.
Zunächst dürfte man wohl erwarten, daß der Kurprinz in
Augsburg nun eine eifrige Agitation gegen die Wahl Ferdinands
entfaltet hätte im Sinne seiner Gutachten von 1529. Das, was er
schon damals gefürchtet hatte, trat ja jetzt tatsächlich ein : der Kaiser
benutzte den Reichstag, um die katholischen Kurfürsten für die
Wahl zu gewinnen ‘). Wenn sich nun keine Spur von irgend einer
(iegenwirkung Johann Friedrichs findet, so kann das ja an der
Lückenhaftigkeit unseres Materials liegen, oder der Prinz mag sich
bald von der Aussichtslosigkeit solcher Versuche überzeugt haben,
außerdem ist aber auch nicht unberücksichtigt zu lassen, daß nur
die beiden Kurfürsten pensönlich anwesend waren, bei denen von
vornherein gar keine Hoffnung auf Erfolg war: der Mainzer und
der Brandenburger, auch fanden die Hauptverhandlungen über die
Wahlfrage erst nach der Abreise Johann Friedrichs vom Reichstage
statt. Der damals erwogene Gedanke der Aus.schließung Sachsens
wird gewiß auch des Kurprinzen höchste Entrüstung erregt haben,
denn wir können die Beobachtung machen, daß er während des
Reichstages streng darauf achtete, daß die zeremoniellen Rechte des
Hauses Sachsen nicht verletzt würden. Vor allem beim Einzuge
des Kaisers mußten sie gewahrt werden *), der Prinz selbst an der
Spitze des sächsischen Gefolges eröffnete den Zug, und als bei
der Eröffnung des Reichstages der Kaiser aus der Kirche ins Rat-
haus zog, gingen die Kurprinzen von Sachsen und von Branden-
burg vor ihm her®). —
Nach seiner Rückkehr vom Reichstag warf sich Johann Fried-
rich sofort wieder auf die Aufgaben, die sich aus den Reichstags-
vorgängen ergaben. Der Kaiser begann zu rüsten, man mußte auf
das Schlimmste gefaßt sein. Auch der Kurprinz fing an sich mit
Rüstungs- und Werbungsplänen zu beschäftigen. Haus von Dölzig
übersandte ihm aus Augsburg ein Gutachten darüber '), und Johann
1) Vergl. W i nc kelmann, 8. 13 f.
2) Joh. Friedrich an Dolzig Mai 11. C. R. II, 48 f.
3) J. J. Müller, 8. 562. Schirrraacher, S. 75. Ranke, III, 8. 168.
4) Vom 1. Oktober. Reg. H. p. 46, No. 4, fol. 112 — 122 und 123 — 138.
Digitized by Google
76
Kapitel III.
Friedrich erwiderte darauf, daß man, wenn es nötig sei, allerdings
tun müsse, was man vor Gott und seinem Gewissen verantworten
könne'). Noch vor einem Jahre würde er geschrieben haben: „vor
Gott und Kaiserlicher Majestät“. Inzwischen hatte er sich aber
davon überzeugt, daß auch der Widerstand gegen den Kaiser nicht
zu vermeiden und auch rechtlich zu verteidigen sei*). Infolge-
dessen gewannen natürlich auch die Bundesverhandlungen neues
Interesse. Zunächst trat aber eine andere Aufgabe an Johann
Friedrich heran. Zum 21. Dezember war sein Vater vom Kaiser
zu einer Beratung über wichtige Reichsangelegenheiten nach Köln
eingeladen worden, und zum 21>. hatte er außerdem vom Kurfürsten
von Mainz eine Zitation zur Wahl eines römischen Königs eben-
dahin erhalten. Es war vorauszusehen, daß auch am 21. nur über
diesen Punkt beratschlagt werden sollte, und da sich der Kur-
fürst vollkommen darüber klar war, daß auch durch seine persön-
liche Anwesenheit an der Wahl Ferdinands nichts mehr werde ge-
ändert werden können, so entschloß er sich, die mancherlei Ver-
stöße gegen die reichsrechtlichen Bestimmungen, die bei dem Ver-
fahren mitunterliefen, zu benutzen, um gegen die Wahl zu pro-
testieren und sie für ungültig zu erklären*). Es lag nahe, mit
dieser Aufgabe den Kurprinzen zu betrauen, der sich schon seit
so langer Zeit gerade mit diesem Thema beschäftigt hatte.
Am 4. Dezember machte er sich, von Hans von Minckwitz,
Hans von Dölzig, Taubenheim. Groß und Spalatin begleitet, auf
den Weg, in S])angenberg wurde am 11. und 12. Dezember beim
Landgrafen von Hessen Halt gemacht. Johann Friedrich ließ ihm
durch Minckwitz über die Wahlangelegenheit ausführlich berichten,
und Philipp sprach seine Freude darüber aus, daß es doch noch
einen frommen Kurfürsten im Reiche gebe*). Am 1'.). Dezember
traf der Kurprinz in Köln ein, schon am 20. hatte er eine Audienz
1) Okt 14. Förstcraann, U. II, 8. 735 ff.
2) Win ck et m an n , 8. 36.
3) Vergl. älter die Wahlangelegenheiten Noack, Die Eareption Sachsens
von der Wahl Ferdinands I., Progr. Krefeld 18HC, und W inckelmann, S. 19 ff.
58 ff. Beide bedürfen mancher Berichtigung und Ergänzung. Ich benutze die
Instruktion für Johann h'ricdrich vom 4. Uez., Loc. 10671 „König Ferdinandi
Wahl betr.“ 1.531, ferner den ausführlichen sächsischen Wahlbcricht, ebenda
, Schreiben und Bedenken“ und die Briefe Johann Friedrichs an Johann, ebenda.
4) Instruktion für die Verhandlungen mit Philipp, Loc. 10671 „König Ferdi-
nands Wahl betr.“ Bericht eines der Räte über die Verhandlungen, ebenda.
Winckelmann, S. 50.
Digitized by Google
JohADD Friedrichs politische Tätigkeit bis zum Nürnberger Anstand. 77
beim Kaiser in Gegenwart König Ferdinands, des Kardinals von
Lüttich, Pfalzgraf Friedrichs, des Markgrafen von Arschot, des
Herrn von Praet und des kaiserlichen Sekretärs Alexander Schweiß.
Hans von Minckwitz führte für Sachsen das Wort und setzte ausein-
ander, daß der Kurfürst, da er die FAuladung erst am 28. November
erhalten habe, bei der Weite des Weges, seinem Alter und seiner
Kränklichkeit nicht selbst habe kommen können und daß daher
.Johann Friedrich und er ihn vertreten sollten. Man hatte sächsi-
scherseits gefürchtet, daß dem Kaiser diese Entschuldigung nicht
genügen würde, Karl ließ aber nach kurzer Beratung den sächsischen
Gesandten durch den Pfalzgrafen Friedrich erklären, daß er sie zu
den Verhandlungen mit den Kurfürsten zuziehen würde. Die.se be-
gannen am 24. Dezember, und die Vermutung, daß es sich auch dabei
nur um die Wahlfrage handeln würde, erwies sich sofort als richtig.
Der Kaiser ließ den versammelten Kurfürsten auseinandersetzen, daß
er wegen seiner anderen Länder nicht immer im Reiche sein könne,
daß sich in seiner Abwesenheit in den jetzigen gefährlichen Zeiten
aber „viel Unguts“ ereignen könne und daß er sie deshalb
bitte, seinen Bruder Ferdinand zum römischen König zu wählen.
.\uf eine Bitte, die die Kurfürsten ihm am 2(>. Dezember Aus-
sprachen ‘), daß er doch lieber im Reiche bleiben möge, wieder-
holte er seinen Wunsch, und nun trafen die katholischen Kurfürsten
in die Beratung über die Wahlangelegenheit ein. Wenn sie nun
da auch pro forma beschlossen, den Kaiser um freie Wahl zu
bitten (in Wirklichkeit waren sie ja alle längst für Ferilinand ge-
wonnen), so war doch jetzt schon die Grenze erreicht, bis zu der
die sächsischen Gesandten ihrer Instruktion entsprechend mitgehen
konnten. Sachsen stellte sich auf den streng reichsrechtlichen
Standpunkt, daß der Kaiser einen Wahltag nicht anzuberaumen
habe. .Johann Friedrich und Minckwitz hatten daher nur Voll-
macht, an einer Beratung über andere Reichsangclegenheiten sich zu
beteiligen, soweit diese von den Kurfürsten ohne die übrigen Stände
erledigt werden konnten, nicht aber an einer Beratung über die
Wahl. Davon ließen sie sich natürlich auch durch alle Vorstel-
lungen des Kaisers nicht abbringen. Er.st die schließliche Bewilligung
1) Zwischen dem 24. und dem 20. könnten Sondervcrhandlungcn .Johann
Friedrichs mit den Kurfürsten stattgefunden haben. Er war in seiner Instruktion
angewiesen, solche mit Pfalz und Trier zu führen, in dem säch-sischen Wahl-
bericht ist aber nicht davon die Rede.
Digitized by Google
78
Kapitel III.
der freien Wahl durch den Kaiser ermöglichte den sächsischen
Vertretern die Teilnahme an der Beratung, da man nunmehr ja
nicht mehr mit dem Kaiser über die Wahl verhandelte. Diese
Beratungen begannen am 28., und hier brachte nun natürlich Kur-
sachsen die Bedenken gegen die Vornahme einer Königswahl vor,
wie sie zum Teil schon im Jahre 1.Ö29 von Johann Friedrich ent-
wickelt worden waren ; die Nichterwähnung der römischen Königs-
wahl in der goldenen Bulle, die es zweifelhaft mache, ob sie über-
haupt zu den Rechten der Kurfürsten gehöre, die Verletzung der
kaiserlichen Wahlkapitulation, in der sich der Kaiser verpflichtet
hätte, im Reich zu bleiben, die Gefahr, daß gelegentlich einmal
der Kaiser und der König gleichzeitig für verschiedene Zwecke
die Hülfe des Reiches in Anspruch nehmen könnten, die Schwierig-
keit, die es hätte, zwei Herren dienen zu müssen, und die gefähr-
lichen Folgen, die jedes ungesetzliche Vorgehen in der so schon
so aufgeregten Zeit haben könne.
Diese Vorstellungen hatten natürlich keinerlei Erfolg, vielmehr
wurden auf Beschluß der übrigen Kurfürsten die nötigen Schritte
getan, um die Wahlhandlung am nächsten Tage zu beginnen. An
diesem Tage trat nun der zweite Teil der Instruktion der sächsischen
Gesandten in Wirksamkeit. Sachsen konnte ja nur dann mit
seinem Widerstand gegen die Wahl etwas ausrichten, wenn es sich
an ihr überhaupt nicht beteiligte und sie dann für ungültig erklärte.
Durch das Verfahren der Gegner wurde ihm das erleichtert. Es
brauchte sich gar nicht auf die Behauptung zu versteifen, daß in
der goldenen Bulle von der Wahl eines römischen Königs bei
Lebzeiten des Kaisers nicht die Rede sei, dagegen hatte ja einst
Karl IV. selbst verstoßen. Auch bei der Zitation Sachsens durch
den Mainzer Kurfürsten waren die Formalitäten verletzt, die vor-
geschriebene I'rist von 8 Monaten war nicht gewährt. Dazu
kam noch die willkürliche Verlegung des Wahlorts. Daher erklärte
Sachsen die Zitation für nichtig, es sei so gut. als sei der Kurfürst
gar nicht eingeladeu, und die Kurfürsten müßten daher die Wahl
unterlassen. Würden sie dennoch zur Wahl schreiten, so erkläre
Sachsen sic für ungültig und protestiere dagegen.
Das war der Inhalt der kursächsischen Exzeption und Protesta-
tion, die Johann Friedrich und Minckwitz am 29. Dezember dem Kur-
fürsten von Mainz überreichten und die sie würden haben verlesen
lassen, wenn die anderen Kurfürsten ihnen nicht trotz dreimaliger
Digitized by Google
Johann Friedrichs politische Tätigkeit bis zum Nürnberger Anstand. 79
Bitte die Erlaubnis dazu verweigert hätten. Sie mußten sich nun
mit einer mündlichen feierlichen Exzeption und Protestation be-
gnügen. Durch diese ließen sich die Kurfürsten zwar von der
Vornahme der Wahl nicht abhalten, doch mag das Vorgehen Kur-
sachsens der Grund gewesen sein, weshalb sich diese noch bis zum
5. Januar I.Ö31 verzögerte*). Natürlich konnten aber alle Gegen-
proteste. Erklärungen und Bündnisse der Kurfürsten, über die in der
Zwi.schenzeit verhandelt worden sein mag *), Sachsens rechtlich wohl
begründete Protestation nicht aus der Welt schatfen, und der Kurprinz
trug dafür Sorge, daß sie in möglichst weiten Kreisen bekannt wurde.
Schon am 30. schickte er eine Abschrift an den Grafen Wilhelm von
Nassau und bat ihn, sie auch Graf Wilhelm von Neuenahr, Philipp
von Solms u. a. mitzuteilen, denn es sei erwünscht, wenn recht viele
Leute davon Kenntnis erhielten^). Auch den nürnbergischen Ge-
sandten in Köln Tetzel und Koler scheint Johann Friedrich das
Aktenstück mitgeteilt zu haben. Sie schickten ,,die Schrift“ nach
Hause und sprachen die zuversichtliche Erwartung aus, daß man
sie von dort an die anderen Städte versenden werde*)- Ueberhaupt
hatte Sachsen durch sein Vorgehen nun einen festen Recht.sboden
gewonnen, von dem aus es weiterhin mit gutem Gewissen Fer-
dinand seine Anerkennung verweigern und den Mittelpunkt der
Opposition gegen ihn bilden konnte.
Werfen wir noch einen Blick auf die persönliche Haltung
Johann Friedrichs in Köln, so war ihm ja insofern nicht allzuviel
Gelegenheit gegeben, henorzutreten, als Hans von Minckwitz im
Namen Kursachsens das Wort führte. Doch das war wohl in zere-
moniellen Gewohnheiten begründet, an der vollen Uebereinstimmung
des Kurprinzen mit der von Sachsen eingeschlagenen Politik kann
kein Zweifel sein. Das zeigen uns seine Briefe aus dieser Zeit.
Aus ihnen geht auch hervor, daß er keinen Augenblick im Zweifel
darüber war, daß Ferdinand gewählt werden würde, und daß er sich
auch über die Gründe dafür vollkommen klar war, das Reich er-
1) Die „Freietellung“ batte schon am 27. stattgefunden, sie kann also die
Wahl nicht verzögert haben. Die Nürnberger Gesandten waren der Ansicht, daß
die sächsische Protestation schuld sei.
2) Noack, S. 12. Auch an Verhandlungen über die Wahlkapitulatiou
könnte man denken.
3) Loc. 10671, König Ferdinands Wahl betr., 1531.
4) 1.t31 Jan. 3, Tetzel und Koler an Job. Friedr., ebd. Or.
Digitized by Google
80
Kapil«! III.
schien ihm als „elendiglich verkauft“, mit den Bemühungen um die
freie Wahl wolle man nur „ein nassen machen“ '). In der Tat
macht gegenüber der Heuchelei der Kurfürsten die Haltung Sachsens,
die von eigennützigen Motiven fast ganz unbeeinflußt war, einen
wohltuenden Eindruck, auch gehörte unverkennbar einiger Mut dazu,
dem Kaiser in so direkter Weise Widerstand zu leisten. Ob aller-
dings das Gerücht, daß dem Kurprinzen unmittelbar nach seiner
Abreise von Köln nachgestellt worden sei*), auf Wahrheit beruhte,
habe ich nicht feststellen können.
Johann Friedrich und Minckwitz reisten schon am 29. Dezember
von Köln ab, ein Entschuldigungsschreiben an den Kaiser*) zurück-
lassend. Sie begaben sich nach Hambach zu den Schwiegereltern
des Kurprinzen. Von dort aus hat dieser dann noch auf die
weitere Entwickelung der Wahlsache Einfluß zu gewinnen gesucht.
Er verbot dem Marschall Georg Wolf von Pappenheim, dem Könige
Dienste zu leisten ^), wird damit aber wohl schwerlich große
Resultate erzielt haben. Ueber die Vorgänge in Aachen bei der
Krönung erhielt Nikolaus Meier ihn auf dem Laufenden *).
Seine Haujjtaufgabe in Hambach aber war, seinen Schwieger-
vater zu einer bestimmten Stellungnahme in dem jetzt vielleicht
jederzeit zu erwartenden Konflikt zu veranlassen, doch vermochte
er ihn nicht weiter als zu der wenig besagenden Erklärung zu
bringen, daß er, wenn der Kurfürst unbilligerweise beschwert
werde, mit seinen Landschaften sprechen und tun werde, was ihm
gebühre"). Auch in der Wahlangelegenheit konnte Johann Friedrich
keine irgendwie verbindliche Aeußerung des Herzogs von Jülich-
Kleve erlangen '). Von Hambach ist Johann Friedrich dann
durch Hessen nach Hause zurückgekehrt, wo er noch rechtzeitig
eintraf, um dem Zwickauer Landtage beizuwohnen. Das Haupt-
1) An Johnnn Dez. 28, Loc. 10671 ,, König Fordinandi Wahl betreffend“,
1531, lldbf. Akteni*t. No. 22.
2) Loeschc, Analc<'ta, S. 197, No. 302. Der Kurprinz erwähnt in seinen
Briefen nichts derart.
3l Französisch l>ei Lanz, Korresp., I, S. UI f., deutsch in dem sächsichen
Wahll«?richt.
4) An Joh. 1531 .lan. 6, lx)c. 10C71 „.Schreiben und Bedenken“.
öl Meier an Joh. Friedr. Jan. 13, Loc. 10672, „Schriften zwischen Sachsen,
Bayern u. a. w.“
6) Below, I, S. 201 ff.
7) Joh. an Wildenfels 1531 April 29, Torgau, I<oc. 10672 „Schriften . . .“ Or.
Digitized by Google
Johann Friedrichs politische Tätigkeit bis zum Nürnberger Anstand. 81
Interesse nahm jetzt aber der Ab.schluß des i)rotestantiscben Bundes
in Ansprudi. Johann Friedrich hatte, als er nacli Köln reiste, dem
Landgrafen die Autforderung zu einer Zusammenkunft der Evan-
gelischen in Schmalkalden überbracht, diese hatte dann gerade
während der Kölner Verhandlungen stattgefunden, und der Kurprinz
hatte ihre Beratungen auch von Köln aus mit Interes.se verfolgt.
Wegen der Konzilsgerüchte und gewisser drohender Aeußerungen
Ferdinands erschien ihm eine „Verfassung zur Gegenwehr“ jetzt
dringend nötig *), und er empfahl, wenn man jetzt noch nicht zum
Ziele kommen könne, noch vor dem sächsischen Landtage einen neuen
Tag anzusetzen und dort abzuschließen, denn man „dürfe jetzt nicht
feiern“ ^). Die Erfüllung dieses Wunsches war aus Rücksicht auf
die Botschafter der Städte nicht möglich ’’), schon im Februar 1.Ö31
sind dann aber die protestantischen Stände von neuem in Schmal-
kalden zusammengetreten, und nun ist am 27. der .schmalkaldische
Bund zum Abschluß gelangt. Johann Friedrich hat ihn luitunter-
zeichnet. über seinen Anteil an den letzten Verhandlungen ist uns
nichts bekannt.
Um dem Bunde eine weitere Ausgestaltung und Organisation
zu verleihen, waren in der nächsten Zeit zahlreiche Bundestagungen
nötig, auf ihnen hat Johann Friedrich mehrmals als Vertreter seines
Vaters funktioniert, aber eben deshalb war er meist streng an die
ihm erteilten Instruktionen gebunden, und wir können aus seinen
Handlungen nicht mit voller Sicherheit auf seine Meinung schließen.
Das gilt z. B. von der schon im vorigen Kapitel behandelten Frage
nach der Aufnahme der Schweizer in den Bund. Daraus, daß zu dem
Schmalkaldener Tage, der im Ajiril 15,31 stattfand, der Kurfürst seinem
Sohne noch eine besondere Warnung mitgab, sich auf Rüstungen
und Trui>penwerbungen nur einzulasseii. wenn alle Bunilesmitglieder
einverstanden seien, damit mau nicht durch den Landgrafen unter
dem Schein der Gegenwehr in einen Aufruhr geführt werde ‘), darf
man aber vielleicht schließen, daß der Prinz am kursächsischen
Hofe immer noch als Vertreter der Kriegspartei betrachtet wurde.
1) An Johann Dec. 28, Loc. 10071 „König Ferdinand! Wahl betr.“ Akten-
stück No. 22.
2) An .Tobann, Dec. 28 und 29, ebd. „Schreiben und Bedenken.“
3) Johann an Joh. Friedrich, Jan. 1, Ix>c. 10071 „König Ferdinandi Wahl
I)etr. 1531“.
4) Johann an Johann Friedrich März 25, Torgau. Beg. II. p. 40, No. 4,
fol. 38/.39.
Beiträge zur neueren Geschichte Thüringens 1, ^
Digitized by Google
82
Kapitel III.
Tatsächlich hatte er schon im Januar während seines Aufenthaltes
in Hambach mit Reitern angeknüpft, er hatte auch 410 fl. dort hinter-
legt. so daß nun Gangolf von Heilingen, der am 3. April in der
Wahlsache nach Jülich geschickt wurde, leicht die weiteren Ver-
handlungen führen konnte '). Auch sonst weist manches darauf
hin, daß der Prinz besonders die militärische Seite der Bundes-
angelegenheiten als sein Metier betrachtete. Vom 11. und 13. No-
vember 1531 sind uns einige „Bedenken“ von ihm erhalten -), in
denen er sich fast ausschließlich mit den militärischen Anordnungen
beschäftigt, die die Bundesverfassung in den sächsischen Gebieten
nötig machte. Man hegte, wie es scheint infolge einiger Briefe des
Landgrafen, damals Kriegsbefürchtungen, ja am 14. November er-
gingen sogar schon die Befehle an die Hauptleute und Amtleute,
sich in Bereitschaft zu setzen •’). Auch iu Bezug auf die Bundes-
verfassung selbst waren es die militärischen und finanziellen Fragen,
die Johann Friedrich in erster Linie interessierten, nur mit ihnen
beschäftigen sich wenigstens einige Artikel über die „Verfassung
zur Gegenwehr“, die der Prinz gegen Ende des Jahres 1.531 auf-
gezeichnet hat. Größere Promptheit in der Aufbringung der monat-
lichen Beiträge der Bundesgenossen im Kriegsfälle und deren Er-
höhung ist das Ziel des etwas dunkeln Schriftstücks^). Aus alle-
dem werden wir aber nicht mehr schließen dürfen, als daß diese
Seiten der Verhandlungen den Kurprinzen besonders zu eigenen
Meinungsäußerungen anlockten, in welcher Weise er durch Teil-
nahme an den Bundestagungen und an den Sitzungen der sächsi-
schen Räte und durch sonstige mündliche Aussprache bei der Or-
ganisation des Bundes mitgearbeitet hat, entzieht sich unserer
Kenntnis. Wenigstens über den Wert der Verfassung des schmal-
kaldischeu Bundes aber hat er sich einmal auch schriftlich ausge-
sprochen und erklärt, daß „nicht wohl eine bessere V'erfassung“
als sie ausgedacht werden könne. Er war daher der Meinung, daß
mau sie auch bei der Gründung des Oppositionsbundes gegen die
Wahl Ferdinands zu Grunde legen solle ^).
1) Loc. 10(i72 „Schriften u. g. w.“ Joh. Friedrich an Johann, 1531
April 5, Gcorgenthal. Keg. H., p. .59, No. 13, fol. 25 f. Antwort Johanns vom
8., ebenda p. 46, No. 4, fol. 107 f.
2) Reg. II., p. 54, No. 9.
3) Loc. 10671 „König Ferdinandi Wahl betr. 1531“.
4) Reg. H., p. 61, No. 14, fol. 39—41.
5) Nach der noch zu erwähnenden Instruktion für Minckwitz und Dölzig
vom 19. Okt. 1531, Loc. 10671 „König Ferdinandi Wahl betr. 1531“.
Digitized by Google
Johann Friedrichs politische Tätigkeit bis zum Nürnberger Anstand.
Am liebsten wäre es wohl den Leitern der sächsischen Politik
gewesen, wenn sich alle Mitglieder des schmalkaldischen Bundes
zugleich auch als Gegner der Anerkennung Ferdinands erklärt
hätten. Da nun dafür aber die Städte nicht zu haben waren, und
da außerdem die Wahl auch von den streng katholischen Herzogen
von Ba)ern angefochten wurde, so ergab sich die Notwendigkeit,
neben den schmalkaldischen Bund einen besonderen Bund der Wahl-
gegner zu stellen. Die Verhandlungen darüber ‘) waren bis zum
Herbst 1.Ö31 so weit gediehen, daß auf einer für den Oktober nach
Saalfeld berufenen Ge.sandtenzusammenkunft der Abschluß des
Bundes zu erwarten war. Als es .sich nun darum handelte, sächsi-
scherseits die für die Vorbereitung des Saalfelder Tages nötigen
Schritte zu tun, schlugen die allein eingeweihten sächsischen Räte
Minckwitz, Brück und Dölzig dem Kurfürsten vor, auch seinen
Sohn zu einem Gutachten zu veranlassen *). Dem verdanken wir
den eigenhändigen Instruktionsentwurf Johann Friedrichs für die
nach Saalfeld zu schickenden Räte Minckwitz und Dölzig®). Wir
ersehen aus ihm, daß der Wahlbund dem Kurprinzen durchaus als
eine Erweiterung des schmalkaldischen Bundes erschien, wie er ja
auch empfahl, ihm dessen Verfassung zu Grunde zu legen, daß er
in Bezug auf die Wahlfrage auf dem streng reichsrechtlichen Stand-
punkt verharrte und jede Wahl eines Gegenkönigs ablehnte, da ja
eben die Wahl eines römischen Königs der goldenen Bulle nicht
entspräche, daß er aber durchaus geneigt war, zur Unterstützung
der Opposition gegen die Wahl weitgehende internationale Be-
ziehungen, vor allem mit England, Frankreich und Dänemark, an-
zuknüpfen.
Mit nicht sehr wesentlichen Aenderungen ist der Entwurf Jo-
hann Friedrichs der Instruktion, die die beiden Gesandten dann
tatsächlich erhielten, zu Grunde gelegt worden, und auch in dem
Saalfelder Bundesvertrage vom 24. Oktober^) finden wir vielfach
die Vorschläge Johann Friedrichs wieder. So war es zum Teil
1) Nähen» darüber bei Winckclmann.
2) Memorial der drei Genannten vom 2. Oktober, aus Loc. 10071 ?
3) Isjc. 10671 , König Ferdinand! Wahl betr. 1531“, eigenh. Entw. Ixx-.
106?2 , Schriften . . Ausfertigung, benutzt von Wi nckelma n n.
4; Bei Stumpf, Politische Geschichte Bayerns, I, Anhang, No. IV, 8. 16.
Neudecker, Merkwürdige Aktenstücke, 8. 68 f.
6*
Digitized by Google
84
Kapitel III.
sein eigenstes Werk, an dem weiter zu arbeiten er im Frühjahr
1.Ö32 Gelegenlieit erhielt. Liefen doch nicht erst seit dem Tode
seines Vaters, sondern schon seit dem Mürz 1.Ö32 die Fäden der
gesamten sächsischen Politik in seiner Hand zusammen. Das. was
ihm diese hervorragende Rolle auf der politischen Bühne ver-
schaffte, waren die schon seit dem Frühjahr des Jahres 1.Ö.31 in
Gang befindlichen Friedensverhandlungen mit dem Kaiser. —
Karl V. hatte sich schon sehr bald, nachdem er durch die
Vorgänge in Köln in den schärfsten Gegensatz zu Kursachsen ge-
raten war, davon überzeugen müssen, daß die allgemeine Weltlage
ihm ein gewaltsames Vorgehen gegen die Protestanten vorläufig
unmöglich mache, ja daß sogar der Abschluß eines Vergleiches
mit ihnen erwünscht sei. Daher ging er nicht ungern auf den
Vorschlag der Kurfürsten von Mainz und von der Pfalz ein, die
Vermittelung zu übernehmen '). Ihrer Aktion ging eine zweite der
Grafen Wilhelm von Nassau und Wilhelm von Neuenahr j)arallel,
die wegen der nahen Beziehungen, in denen sie zu beiden Parteien
standen, zur Herstellung des Friedens besonders geeignet schienen.
Wenn auch ähnliche Versuche, die sie schon im Jahre ITkIÜ ge-
macht hatten, durch Schuld der kaiserlichen Politik gescheitert
waren, so ließen sie sich doch im Sommer 1531 gern bereit finden,
ihre Bemühungen, allerdings nur auf Grund einer genauen In-
struktion-), zu wiederholen. Sie sowohl wie die beiden Kurfürsten
hatten die Aufgabe, in der religiösen Frage und in der Wahlange-
legenheit einen Ausgleich herbeizuführen. Vor allem auf ilie Ge-
winnung Sachsens und Hessens kam es an, und da waren die Ver-
mittler angewiesen, ebensowohl mit dem Kurprinzen wie mit dem
Kurfürsten von Saclusen zu verhandeln, ein Beweis für den Einfluß,
der jenem jetzt schon zugeschrieben wurde. Gleich im Beginn
.sind dann auch die Verhandlungen zum Teil durch seine Hand ge-
gangen. Anfang Juni hatte er eine Zinsammenkunft mit den beiden
Kurfürsten oder ihren Gesandten •'). und im August war er zugegen,
als die beiden Grafen in Weimar dem Kurfürsten die Anträge des
Kaisers übermittelten, ja Johann hat ihm die Verhandlungen zum Teil
1) I.anz , Korresp. I, S. 429 ff. 444. 447.
2) Lanz, ebenda I, S. .010 — .OlC.
3) Ich entnehme da.s au« Rnrkhardt, Landtagsakten, I, S. 247, No. 4.00,
vermag aber nicht« Nähere» darüber zu sagen.
Digitized by Google
Johann Friedrichs politische Tätigkeit bis zum Nürnljcrgcr Anstand. g5
ttberlasseu. und wir können annchmen, daß die Antwort, die den
(irafen erteilt wurde, durchau.s auch seiner Meinung entsprach. In
seinem Charakter lag es ja ebensowenig wie in dem seines Vaters, sich
durch jtersönliche Zugeständnisse gewinnen zu lassen, und die Be-
mühungen des Kaisers in dieser Hinsicht konnten um so weniger
Erfolg haben, als er gerade in der Frage der Heiratsbestätigung,
an der Johann Friedrich am meisten gelegen sein mußte, verlangte,
daß sein Wohlwollen erst durch ein dauerndes Wohlverhaltcn Kur-
sachsens gewonnen werden müsse. Daß der Kurfürst aufs ent-
schiedenste jede Verbindung mit den Wiedertäufern ablehnte, war
gewiß durchaus im Sinne Johann Friedrichs; wenn als Bedingung
des Reichstagsbesuchs freie Predigt und Erlaubnis des Fleischessens
an Fasttagen verlangt wurde, so entsprach das ganz den Forde-
rungen. die Johann Friedrich schon in seinen Briefen von l.ö2t> ge-
billigt hatte; die Erklärung, daß an Gewährung einer Türkenhülfe nur
nach vorheriger Sicherung des inneren Friedens zu denken sei. er-
innert direkt an die Aeußerungen des Kurprinzen in jener Zeit, und
daß er an irgend welche Nachgiebigkeit in der Wahlfrage nicht dachte,
ist selbstverständlich ')•
So war es gewiß auch dem jungen Herzog mit zu danken,
wenn die beiden Grafen völlig unverrichteter Sache abreisen mußten.
Trotzdem wurden aber die Verhandlungen nicht aufgegeben. Die
Kurfürsten von Mainz und von der Pfalz setzten sie fort, fanden
bei den Protestanten aber auch weiterhin ein .sehr geringes Ent-
gegenkommen. Als am 1. September eine Gesandtenkonferenz in
Schmalkalden stattfand, hatten die protestantischen Vertreter nur
Vollmacht zu hören und zu berichten-). In Sachsen scheint man
aber doch für möglich gehalten zu haben, daß der Kaiser die
sächsischen Bedingungen für einen Besuch des Reichstags bewilligen
werde, denn in einem Briefe, den Johann Friedrich am 29. Sep-
tember an den Grafen von Neuenahr richtete und in dem er sich
über den Stand der Verhandlungen mit dem Kaiser erkundigte,
wies er auf gewisse Warnungen wegen auf dem Reichstag drohender
(iefahren hin und l>at den Grafen, Nachforschungen darüber anzu-
1) Bleidan, fol. 125/26. Neudecker, Merkwürdige Aktenstücke, I,
8-58—06. Lanz, Korr., I, 8.512 — 516, .523— .528. Winckelinann, 8. 138 ff.
Eine sächsische Aufzeichnung über die V'erhandlungen in Reg. H. p. 50, No. 5,
fol. 60 — 65.
2) Lanz, Korr., I, 8. 530— .533.
Digitized by Google
86 Kapitel III.
Stellen '). Dieser antwortete am 1.5. Oktober, daß ihm und dem
Grafen von Nassau nichts über diese angeblichen Gefahren bekannt
sei, daß er aber aufpassen werde, in der Handlung mit dem Kaiser
sei noch nichts wieder geschehen, der Kaiser hoffe auf den Reichs-
tag und auf die Tätigkeit der beiden Kurfürsten’). Diese setzten
ihre Bemühungen tatsächlich während des ganzen Winters fort,
doch brauchen wir hier auf sie nicht weiter einzugehen, da .Johann
Friedrich dabei in keiner Weise hervortrat’). Das endliche Resultat
war, daß eine Zusammenkunft der Evangelischen mit den beiden
Kurfürsten für den ilO. März in Schweinfurt verabredet wurde. Dort
sollte ein Versuch gemacht werden, den Frieden zu stände zu
bringen. Und da nun die Gelegenheit benutzt wurde, um gleich-
zeitig die letzte Hand an den Ausbau der schmalkaldischen Bundes-
verfassung zu legen, da ferner von Schweinfurt aus die Verhand-
lungen mit den bayrischen Herzogen über den Wahlbund und seine
Erweiterung eifrig fortgesetzt wurden, so trafen hier die drei großen
politischen Aktionen, an denen Kursachsen beteiligt war, an einem
Punkte zusammen, und Johann Friedrich, der seinen Vater bei allen
diesen Verhandlungen vertrat, wurde zu einer sehr wichtigen Persön-
lichkeit.
Allerdings war ihm auch jetzt wieder seine Haltung durch eine
ausführliche Instruktion genau vorgeschrieben, und wir wissen nicht,
ob er an ihrer Ausarbeitung irgend welchen Anteil gehabt hat, doch
hatte er Vollmacht, vorkoinmenden I'uHs mit den anderen V’er-
bündeten zusammen zu bewilligen und abzulehnen, soweit es ohne
Beschwerung der Gewissen geschehen könne; nur wenn er sich
entschließen sollte, zu dem Reichstag zu gehen, den der Kaiser in-
zwischen nach Regensburg berufen hatte, sollte er es vorher dem
Kurfürsten melden *). Dort war Sachsen zunächst nur durch Ge-
sandte vertreten, auf Wunsch Johann Friedrichs wurden sie an-
gewiesen, ihre Befehle von ihm zu empfangen*). Die Einheitlich-
keit der sächsischen Politik sollte dadurch gesichert werden. Von
welchen Grundsätzen diese l)eherrscht wurde, das zeigt nun eben
die Johann Friedrich mitgegebene Instruktion, und sie beweist zu-
1) Eigenh. Konz. Reg. H. p. 50, No. 5, fol. Ö9/D0. Aktenst. No. 23.
2) Hdbf., ebenda fol. 91—93. 95.
3) Vergl. Winckelmann, S. 175 ff.
4) Vom 20. März, Loc. 10672 „Schwcinfurtische Handelung“, fol. 1 — 30, Or.
.5) .loh. Kriedrich an Johann, April 1. Reg. II. p. 63, No. 16, vol. 1,
fol. 105 ff. Antwort Johanns April 7, ebenda vol. 2, fol. 29 — 31.
Digitized by Google
Johann Friedridifi politische Tätigkeit bis zum Nürnberger Anstand. gj
gleich, daß die Befürchtungen, die besonders der Landgraf hegte,
daß Sachsen sich zu nachgiebig erweisen würde, unbegründet waren.
Der Gedanke lag ja allerdings nahe, dem Kai.ser in der Wahlfrage
entgegenzukoinmen , um dadurch Zugeständnisse auf religiösem
Gebiete zu erlangen; den vielleicht nur allzu korrekten und ge-
wissenhaften sächsischen Politikern lag er vollständig fern. Johann
Friedrich wurde angewiesen, jederzeit die Trennung beider Ver-
handlungen zu verlangen, weil ja an der Opposition gegen die
Wahl auch Bayern beteiligt sei, und er hat das strikt durchgeführt
und schließlich auch die Vermittler genötigt, sich seinen W'ünschen
zu fügen.
Da wir nun die Hauptpunkte der Verhandlungen über die
Beilegung des religiösen Streites schon anderweitig behandelt haben,
sei hier zunächst auf die Wahlangelegenheit noch etwas ein-
gegangen. Der Kurprinz hatte auch über diesen Punkt sehr
ausführliche Anweisungen erhalten. Danach sollte er zunächst ver-
langen, daß der König sich seiner Würde, da er sie durch unrecht-
mäßige Wahl erlangt habe, wieder entkleiden solle. Wünsche dann
der Kaiser eine Wahl, so solle er zunächst die in der goldenen
Bulle in dieser Beziehung enthaltene Lücke ausfüllen, indem er
mit den Reichsständen Zusätze zu ihr mache. Sachsen werde
dabei gern mitwirken, ja es wurde sofort ein Entwurf für diese
Erklärungsartikel ') in die Instruktion des Prinzen eingefügt.
Ließe sich der Kaiser auf die Kassierung der Wahl nicht ein, so
sollte ein unparteiischer Austrag den Streit entscheiden. Sei auch
das nicht zu erreichen, so möchten die beiden Kurfürsten dem von
Sachsen die Erlaubnis erwirken, in öffentlicher Audienz vor ver-
sammelten Ständen die Gründe darzulegen, weshalb er die Wahl
nicht approbieren könne. Doch war man schließlich auch bereit,
einer Bitte des Kaisers, daß man ihm zu Ehren und um des
Friedens willen, da cs nun einmal so weit gekommen sei, die Wahl
approbieren solle, dann nachzugeben, wenn die übrigen Mitver-
wandten einverstanden seien und wenn jene Erklärung zur goldenen
Bulle erginge. Auch diese Approbation sollte aber nicht eigentlich
eine Anerkennung der Wahl Ferdinands sein, sondern man wollte
ihm nur als Koadjutor des Kaisers gehorsam sein und ihm nach
dem Tode des Kaisers Pflicht tun.
1) Bei Goldast, Politische Reichshäudcl, S. 144/145, zu finden (bis: in
keinerlei weise brauche/.
Digitized by Google
88
Kapitel III.
Johann Friedrich hat nicht allzu viel Gcleg;enheit gehabt, von
diesen Anweisungen Gebrauch zu machen, da Bayern sich nicht
zur Teilnahme an dem Schweinfurter Tage bereden ließ und er da-
her nur ganz unverbindliche V’erhandlungen mit den Kurfürsten
über die Wahlfrage führen konnte. Auch ein Versuch der beiden
Kurfürsten, Sachsen durch Erfüllung seiner speziellen Wünsche in
Bezug auf die Lehnserteilung und die Gründung eines Jahrmarktes
in Gotha zu gewinnen, blieben ohne p]rfolg. Denn es lag Johann
Friedrich gänzlich fern, .sich von seinen Verbündeten zu trennen.
Wohl aber war er der Meinung, daß in der Wahlfrage nicht durch
den Widerspruch eines einzelnen Mitgliedes des Bundes ein Ver-
gleich gehindert werden dürfe. Er geriet darüber mit dem Land-
grafen, der sich einem Majoritätsbeschlüsse nicht fügen wollte, in
eine erregte Korrespondenz. Im ganzen war es ein zweckloser
Streit, da der darin vorausgesetzte Fall gar nicht vorlag, vielmehr
sollte erst auf einer Zusammenkunft der Wahlgegner in Nürnberg
über das weiter zu beobachtende Verfahren Beschluß gefaßt werden.
Werfen wir, ehe wir auf die.se späteren Vorgänge eingehen, noch
einen zusammen fas.senden Blick auf die Tätigkeit Johann Friedrichs
in Schweinfurt, so ist zunächst hervorzuheben, daß er sich mit ent-
schiedenem Eifer an den schwierigen Verhandlungen beteiligt hat,
auch in den Ausschüssen, die bei verschiedenen Gelegenheiten ge-
wählt wurden, arbeitete er mit. Seine Stimmung war anfangs wenig
hoffnungsvoll. „Wir haben wenig trostes, das ichtwas fruchtbars allhie
gehandelt wirdet werden“, schreibt er am 1. April •). Mitte des Monats
besserten sich die Aussichten *). aber am 24. gebrauchte er wieder
fast dieselben Worte "). Mit dem schließlichen Ausgang der Ver-
handlungen war er nicht unzufrieden '). Denn wenn man auch
nicht zu einem Abschluß kam, so war doch Hoffnung, daß auf dem
neuen Tage, der in Nürnberg stattfinden sollte, die Kurfürsten mit
weitergehenden Instruktionen Karls versehen sein würden.
Nur wenig läßt sich über die Teilnahme Johann Friedrichs an
den Verhandlungen, die in Schweinfurt über die Organisation des
schmalkaldischen Bundes geführt wurden, sagen. Daß die „Verfassung
1) An .Tohaun. Reg. H. p. 63, No. 16, vol. 1, fol. 105 ff.
2) Instruktion für Minckwitz vom 19. Reg. A. JSo. 247.
3) An Johann. Reg. H. ebenda vol. 3, fol. 31—36.
4) An Neuenahr, Mai 4. Cornelius, X., 8. 137 f. An .Tohaun, Mai 7.
Iteg. H. ebenda fol. 1Ü9. Aktenst. No. 24.
Digitized by Google
Johann Friedrichs politische Tätigkeit bis zum Nürnberger Anstand. 89
zur Gegenwehr“ hier endlich zum Abschluß kam, wird ihn sicher
gefreut haben, und auch seine Wahl zum Ilauptmann nebeu Philipp
von Hessen war bei seinen militärischen Neigungen gewiß nach
seinem Geschmack ').
Die Zwischenzeit bis zur Wiederaufnahme der Friedensver-
handlungen benutzte der Kurprinz zu einer Reise nach Torgau und
Wittenberg und zu den schon behandelten Reratungen mit den
Theologen. Außerdem wurden aber in die.ser Zeit mit den Mit-
gliedern des Wahlbundes eifrige Konferenzen gepflogen. Aus der
geplanten Zusammenkunft .lohann Friedrichs, des Landgrafen und
der Herzoge von Ravern oder ihrer Gesandten in Nürnberg wurde
nichts, diigegen versammelten sich die V'ertreter der drei Fürsten
am 8. Mai zu Königsberg in Franken. Sachsen wurde durch Rrück
und Minckwitz vertreten. Die Verhandlungen ergaben für die Or-
ganisation des Rundes wichtige Resultate, man sprach über die Re-
ziehungen zu Johann Zapolya und zu Frankreich und entwarf eine
„Verfassung zur Gegenwehr“, von den Friedensverhandlungcn wurde
gar nicht gesprochen ®). Am wichtigsten war von allen diesen An-
gelegenheiten zunächst die Verhandlung mit Frankreich. Minckwitz
und Rrück hatten dafür aber keine Vollmacht, und so mußte der
Abschluß auf eine neue Zusammenkunft in München verschoben
werden. Hans von Minckwitz reiste dorthin, während Rrück sich
nach Torgau begab. Von dort wurde Minckwitz dann eine In-
struktion nachgesandt, an der nach Rrücks Zeugnis Johann Fried-
rich mitgearbeitet hat*). Interessant au ihr ist. daß man Vor-
kehrungen treffen zu müssen glaubte, um nicht durch den Rund
mit Frankreich in dessen egoistische Restrebungen verwickelt oder
gar in einen Angriffskrieg getrieben zu werden. Ferner tritt das
sächsische Verlangen nach einer Weiterführung der Friedens-
1) Vergl. P. C. II, S. 134. 136 ff. Winckelmana, S. 210f. Reg. H. No. 16,
vol. 3, fol. 104—108.
2) Instruktion für Minckwitz und Brück, Loo. 10672 „Handlung und Ab-
schied zu Königsberg“. Protokoll über die Verhandlungen l>ei Stumpf, Ur-
kundenb. No. V, S. 20—28. Bericht von Minckwitz und Brück an Joh. Friedrich
vom 11. Mai, im Loc. 10672 a. a. O.
3) Brück an Minckwitz, Mai 18. lieg. H. p. 65, No. 17, vol. 1, fol. 5. Die
Instruktion in Die. 10672 „Handlung und Abschied“ ür. Das von Winckel-
mann Anm. 433 erwähnte Exemplar von Johann Friedrichs Hand habe ich
nicht auffinden können.
Digitized by Google
90
Kapitel III.
Verhandlungen in der Wahlsache wieder entschieden hervor. Der
Gesandte sollte dahin wirken, daß man einen definitiven Entschluß
fasse, „worauf man entlieh der königlichen walsachen halben gedenke
ungeverlich zu verharren oder was mittelung man darinnen leiden
mug und wolle“.
Wie weit Minckwitz diese Aufträge erfüllt hat, wissen wir nicht,
da uns über die Verhandlungen, die vom 26. Mai au im Kloster
Scheiern bei München geführt wurden, nichts Näheres bekannt ist.
Es kam besonders am 28. und 29., sowohl unter den deutschen
Bevollmächtigten, wie zwischen ihnen und dem französischen Ge-
sandten Dubellay zu recht erregten Debatten '). Schließlich einigten
sich doch am 31. Mai“) die Wahlbundfürsten mit Frankreich zu
einem Bunde zur „Verteidigung und Erhaltung deutscher Freiheit“.
Da die Wahlangelcgenheit dabei gar nicht erwähnt wurde, können
wir uns kaum denken, daß Sachsen so recht mit diesem Vertrage
einverstanden gewesen sei, der doch zu gefährlichen Konsequenzen
führen konnte.
Johann Friedrich erhielt den Bericht Minckwitz’ schon in Nürn-
berg, wo er am 3. Juni zur Wiederaufnahme der Friedeusverhand-
lungen eingetroffen war. Die wichtigste Seite dieser Verhandlungen,
die religiöse, haben wir schon behandelt. Die Wahlangelegenheit
wurde überhaupt kaum weitergeführt, da Bayern wieder nicht ver-
treten war, doch war es ein entschiedener Erfolg der sächsischen
Politik, daß der Kaiser sich jetzt entschloß, in die völlige Trennung
dieser Frage von der Verhandlung über den Religionsfrieden zu
willigen. An der Erweiterung des Wahlbundes wurde noch gear-
beitet, doch fanden ilic von Sachsen unterstützten Bitten des Herzogs
Albrecht von Preußen um Aufnahme in den Bund bei den Ilerzögeu
von Bayern keine Sympathie^). Mit deren und des Landgrafen
von Hessen Bestrebungen, mit Johann Zapolya zu einem Abschluß
zu gelangen, stand dagegen wieder die Neigung Johann Friedrichs
zur Beteiligung am Türkenkriege in einem eigentümlichen Wider-
spruch. Er war der Meinung, daß die Protestanten, wenn es zum Frieden
D Nach Minckwitz’ Bericht vom 30. Mai, lax;. 10072 „Handlung und
Abschied“.
2) Freitag nach Cor]X)ri.s Christi, nach einer Abschrift des Vertrages, ebd.
3) Joh. Friedr. an die Herzoge von Bayern Juni 17, Keg. H. p. 65, No. 17,
vol. 1, fol. 113 f. Kopie, an Johann Juni 14, ebd. fol. 90—94 Or. Die Herzoge
von Bayern an Joh. Friedr. Juni 21, ebd. vol. 2, fol. 407 Kopie, und öfter.
Digitized by Google
Johann Friedrich» politische Tätigkeit bis zum Nürnberger Anstand. <)1
mit dem Kaiser käme, die Türkenhülfe billigerweise nicht mehr
ablehnen könnten, ja er empfahl schon vor dem Frieden die nötigen
Vorbereitungen dafür zu treffen, sandte ausführliche Gutachten
über die zu ergreifenden Maßregeln an den Kurfürsten, .schickte
Albrecht von Belzig in die Donauländer, damit er sich über die
Lage dort unterrichte, und beschäftigte sich auch selbst mit den
Werbungen ’)• Sehr politisch war dieser Eifer wohl nicht, da den
Gegnern ja gerade an der Unterstützung der Protestanten im
Türkenkriege sehr viel gelegen war*) und man daher durch größere
Zurückhaltung auf diesem Gebiete noch manches Zugeständnis hätte
von ihnen erreichen können.
Johann Friedrichs Verhalten dabei ist wohl auch dadurch beein-
flußt worden, daß ihm die Hoffnung vorschwebte, selbst im Türken-
kriege eine Rolle spielen zu können, er rechnete auf eine Befehl.s-
haberstelle und war etwas gekränkt, als man sie ihm kai.serlicherseits
nicht anbot®). Vielleicht waren dies die „anderen Sachen'*, die den
hessischen Kanzler Feige veranlaßten, an der Uneigennützigkeit der
.sächsi.schen Politik zu zweifeln '). Mit mehr Recht konnte der Vorwurf,
daß er sich durch Fragen beeinflussen ließe, die zu den vorliegenden
Verhandlungsgegenständen nur in indirekter Beziehung standen, doch
Philipp von Hessen gemacht werden, .lohann Friedrich und Brück
waren sich keinen Augenblick darüber im Zweifel, daß Hessens Wider-
stand gegen den Frieden sofort bedeutend abnehmen würde, wenn
die württembcrgische und die nassauische Sache beigelegt wären ®),
1) Fa»t in allen Briefen Johann Friedrichs an .fobann im Juni und Juli ist
auch TOD den Türken die Rede. Vergl. außerdem Instruktion lür Belzig vom
19. Juni, Reg. H. p. ö5, No. 17, vol. 2, fol. 29 — 31. Instruktion für Minckwitz
an Joh. vom 2(1. Juni, ebd. fol. 57 — 66.
2| Vergl. etwa Ficker, S. 604 f. 618, Lanz, Korresp., I, S. 679 — 681.
3) Johann Friedr. an Neuenahr Juli 28, Cornelius, X, S. 151. V'ergl. auch
Rommel, I, H. 313.
4) Wille, S.'Bl f. Die Bemühungen des Kardinal» von Trient, Johann
Frietirich zu gewinnen (Förstemann, U. II, S. 125 ff.), kamen natürlich schon
zu spät.
5) Vergl. außer Wille, S. 71 f., den Brief Brücks an Johann, April 9,
Schweinfurt: Ich glaub, het die Nassischc und Wirtembergischc Sache ein andere
gestalt, so wurde alsdan der andern hcndel hallter nimandes milter sein den mein
her landgraff (Reg. H. p. 63, No. 16, voL 2, fol. .54, Hdbf.). Joh. Friedr. an
.loh., Juli 9, Nürnberg: Ich glaube aber, wan die Nassisch sach in solchen
triden mit eingezogen, wurde die handlutig nit beschwerlich bei s. I. sein. (Reg. H.
p. S). No. 17, vol. 3, fol. 58 — 60, Or.) Aktenst. No. 27.
Digitized by Google
92
Kapitel III.
und eben diese ihre Auffassung der hessischen Politik erklärt es,
daß die hessischen Zweifel an ihrer Bundestreue, die Vorwürfe in
den Briefen Philipps und die Schwierigkeiten, die des.sen Räte
ihnen bei den Verhandlungen machten, sie so sehr erbitterten.
Ihnen galt der Landgraf nicht ganz mit Unrecht als (iegner
jedes Friedens, und infolgedessen verloren die Bedenken, die er im
einzelnen erhob, etwas an ihrer Wirkung.
Es ist bekannt, daß dieser Gegensatz im Sommer des Jahres l.'>32
zu einer sehr scharfen Korrespondenz zwischen Philipp uud Johann
Anlaß gegeben hat '). Ein Briefwechsel zwischen dem Landgrafen und
Johann Friedrich ist ihr zur Seite gegangen. f]r beginnt im März mit
Bemühungen Philipps, den Herzog von dem Besuche des Schwein-
furter Tages zurückzuhalten, sein Kanzler Feige erhielt am 25. März
eine sehr merkwürdige Instruktion, in der er unter anderem Johann
Friedrich sogar auf die römische Königs würde Aussicht machen sollte*).
Dieser Versuch scheint aber auf den Kurprinzen ziemlich wirkungslos
geblieben zu sein*), ln Schweinfurt waren es dann besonders die
hessi.schen Räte, die der sächsischen Politik Schwierigkeiten machten,
doch ging auch ein Briefwechsel zwischen Philipp und Johann
Friedrich Ober die Gültigkeit von Majoritätsbeschlüssen in der
Wahlsache nebenher. Aus einer im Mai geplanten Zusammenkunft
beider Fürsten wurde nichts, was im Interesse der Einigkeit wohl
auch ganz gut war, und im Sommer wurde Johann Friedrich dann
bald in den Briefwechsel seines Vaters mit dem Landgrafen mit-
hineingezogen. Wir finden, daß Johann von .seinem Sohne und den
Räten in Nürnberg die Anwort auf ein Schreiben des Landgrafen
entwerfen läßt, das nach Johann Friedrichs Ausdruck „etzlicher viel
unbequemen wort* enthielt*). Von Ende Juli an i.st dann die Kor-
respondenz von Johann Friedrich selbst übernommen worden. Aus-
führlich suchte er am 2tb Juli die Haltung Sachsens zu rechtfertigen.
Die Antwort war ein sehr charakteristisches, aber auch sehr grobes
Schreiben des Landgrafen*). Johann Friedrich glaubte, die darin
1) Seckendorf, III, S. 22 f.
2) Instruktion für Feige März. 25, Eeg. II. p. 63, No. 16, vol. 1.
3) Instruktion Job. Friedrichs für Annrk von Wildenfels vom 5. April, ebd.
vol. 2, fol. 11 — 18, Konz, von Brücks Uand.
4) An Johann Juni 14, Keg. H. p. 65, No. 17, vol. 1, fol. 90. 94, Or.
5) Beide Briefe in Kopien in Keg. H. p. 70, No. 19. Vergl. Seckendorf
a. a. O. Als ungeschickt, unfreundlich, zornig und unglimpflich bezeichnet
Johann Friedrich den Brief Philipps. An Johann, .\ug. ä.
Digitized by Google
Johann Friedrichs ]X>Iitische Tätigkeit bis zum Nürnberger Anstand. 93
enthaltenen Beleidigungen nicht unerwidert lassen zu dürfen, aber
er war sich auch darüber klar, daß eine Fortsetzung der Korre.si>on-
denz nur zu unertiuicklichen Weiterungen führen könne, und schlug
daher schon am 5. August seinem Vater vor, den Streit durch die
beiderseitigen Räte beilegen zu lassen ‘). Die Ausführung die,ses
Gedankens ist eine der ersten Aktionen Johann Friedrichs nach
seinem Regierungsantritt gewesen, und wir werden später darauf
zurückzukommen haben.
Unsere Darstellung hat schwerlich ein vollständiges Bild von
der Tätigkeit Johann Friedrichs vor seinem Regierungsantritt ge-
geben, nicht über alle Fragen, die aufgeworfen werden könnten,
gibt das vorhandene Jlaterial uns Auskunft, aber sie wird doch
das Eine gezeigt haben, daß der Herzog am 16. August 1.Ö32 den
sächsischen Kurstuhl in jeder Beziehung gut vorbereitet bestieg.
Er be.saß Verständnis und Interesse für die geistigen Bestrebungen
seiner Zeit, er hatte in der IIauj)tfrage, die die Gemüter bewegte,
der religiösen, eine bestimmte Ansicht und Stellung gewonnen, ohne
doch vollständig auf seine Selbständigkeit gegenüber den Meinungen
der Theologen zu verzichten, er hatte sich auf dem Gebiete der
Politik eine vielseitige Erhihrung, eindringende Kenntnis aller
Hauptfragen und eine umfangreiche Personenkenntnis erworben.
Unmittelbar nach dem Tode Johanns des Beständigen soll
Luther ein merkwürdiges Urteil über den neuen Kurfürsten ausge-
sprochen haben : „Mit Herzog E'riedrich ist die Weisheit, mit Herzog
Johannsen die Frömmigkeit gestorben, und nun hinfort wird der
Adel regieren, so Weisheit und ETömmigkeit hinweg ist.“ Der
junge Herr habe einen eigenen Sinn und gebe nicht viel auf die
Schreibfedern. Er habe zwar Klugheit genug, aber durch seinen
F.igensinn und den Einfluß des Adels werde ein gefährliches
Gegengewicht gegen sie gebildet werden*). Fragen wir uns, wie
weit unsere bisherigen Untersuchungen dieses Urteil des ja sicher
gut unterrichteten Luther bestätigen, so ist es gewiß unleugbar,
daß Johann Friedrich nicht die seinem Onkel eigentümliche Art
weiser Bedächtigkeit besaß, mehr werden wir uns darüber ver-
wundern, daß Luther ihm auch die Frömmigkeit absi)richt. Wir
1) Reg. H., p. 63 No. 16, vol. 4, fol. 125-26.
2) Mt. Tom. V, S. 1010.
Digitized by Google
i)4
Kapitel III.
werden vielleicht vermuten dürfen, daß in diesem Urteil das auf
den bisherigen Erfahrungen beruhende Gefühl Luthers zum Aus-
druck kam, daß der Einfluß der Theologen unter dem neuen Kur-
fürsten geringer sein werde als bisher. Die Meinung Luthers, daß
der Adel auf Johann Friedrich einen allzu großen Einfluß habe,
scheint auch Johann der Beständige geteilt zu haben, wenn er in
seinem Testament vom 2ö. August 1529 seinen Sohn davor warnte,
sich nicht von „teuflischen Räten“ verführen zu lassen *). Fragen
wir nach ihrer Berechtigung, so ist zunächst merkwürdig, daß
Johann P’riedrich in bezug auf seinen Vater gelegentlich ganz ähn-
liche Meinungen aussprach*), wie er ja überhaupt oft mit dem
„alten Regiment“ nicht zufrieden war, es ging ihm da alles zu
langsam, und diese Bedächtigkeit erregte seine damals durchaus
noch nicht schwerfällige, sondern eher etwas stürmische und un-
geduldige Natur. Daß er zu einigen der adeligen Räte seines
Vaters, zu Hans von Miuckwitz, Hans von Dölzig, vielleicht auch
Anark von Wildenfels in besonders vertrauten Beziehungen stand,
hatten wir Gelegenheit zu beobachten, doch läßt sich nichts davon
bemerken, daß er sich in einer gefährlichen Abhängigkeit von ihnen
befunden hätte. So wird erst die Geschichte der eigenen Re-
gierung des Kurfürsten uns darüber aufklären können, inwieweit
jenes Urteil Luthers zu recht bestand. Um aber nicht mit einem
so trüben Ausblick in die Zukunft zu schließen, dürfen wir dem
Urteil Luthers vielleicht das eines anderen guten Kenners des
jungen Herzogs, des Grafen Wilhelm von Neuenahr, entgegenstellen,
der dem Prinzen am ß. Juni 1.Ö32 schrieb, er möge auf seinen
christlichen und alten deut.schen ehrbaren und Ehre bringenden
Wegen bleiben. „Dan wir haben leider keinen minschen, den wir
für einen vatter des duisschen vatterlandz in gotlichen und mins-
lichen .Sachen achten mögen dan allein u. f. g. heren vatter und
u. f. g.“ *).
1) Reg. D. 141.
2) Job. Friedr. an Brück, 1.129 März 20, Loc. 10071 „Schreiben und Be-
denken“, fol. 28, cingeh. Konz.
3} Cornelius, X, S. 141.
Digitized by Google
Aktenstücke.
1. Verzeichnus m. gn. jungen hern hz. Hansen Friderichs kleinoten
kleidern und andern im abscbied magister Alexus Colditzs ver-
banden gewest. [1519 Michaelis.]
Reg. D. No. I48. Benutzt: S. 9 und S9.
Zunächst irerdcn allerhand Kleinodien anfgexähll , darunter
ein silbern marienbild an ein patcrnoster ze bengen, ein klein pater-
noster, daran sein fünf ubergulte kerner und fünf carnioll mit
einem routen teffelin, daran der engeliscbe grues, ... ein vergult
sand Annen zcicben. Von der übrigen Habe sind vielleicht be-
merkenswert: Ein klein vergult verdeckt kepflin uf der decke ein
eicbel, daraus m. gn. junger ber teglich pflegt zu trinken, 2 degen,
drei fuerscbwert, X webir korzs und lang, darunter sechs mit
silbern ortpendern, ein pirscbstaell mit der winde.
Den Schluß bilden meines gnen. jungen bern bucber lateinische
und deutzsche.
Lateinische bucber.
Biblia, Terencius gross, Terencius klain ‘), institucio christiani
principis Erasmi Roterodami ‘^), epistolae Libanii praeceptoris divi
Cbrysostomi *), postilla evangeliorum ^), institucio Aldi ®), grammatica
Brassicani *), tirocinium optimi principis, bat m.gn. junger ber mit
aigener band geschriben, rudimenta graecanica et parasinthcta, hat
m. gn. junger her auch mit seiner gnaden selbst band geschriben.
praecepta grammatica lateinisch und grekiscb von magistro Alexio
Crosnero Coldicio gemacht, elementa principis, vocabularius, cursus
rhoinanae curie 0. bortulus anime "), cursus Sancti Bonaventurae "),
passio doniiui nostri Jesu Cbri.sti cum tiguris*), acta doctoris Martini
Luter apud Augsjjurgium '®).
1) Die Aufgaben trerdtn «ich danach kaum beeihnmen iofaen,
2) Ememu« , Injtiüutio honi jtrineipi«, Ba«ci 1518.
3) Gekauft yUchaeli« 1518, Reg. Bb. 4t5S. Hain, Rep. No. 10060.
4) Vielleicht Hain, No. 1S806, Pari« 1500,
5) AlduJt Manutiu«, Instiluthnum grammaticarum libri quatuor. 1516, J. Müller,
8. S57.
6) Joh. BrasHcanuSylnetitutionc« grammatieae 1508 und öfter, Jöcher, I, S, 284t.
J. 3fÜller, S. 269 f.
1) Vielleicht ein liturgUche« Werk.
8) In «o vielen Ausgalten vorhanden, daß eine nähere Bestimmung nicht
««Bglich ist.
9) Vielleicht ** Cursus de passione dcanini. Vgl. Oudin, eomm. de script. eccl.
III, 887.
10) W. A. II, 8. 1 ff.
Digitized by Google
96
No. 1-2: 1519 Dez. 24.
Summa X\'IIII lateini.sclie buclier. Unter disen buchern sollen
ir noch drei gebunden werden, die werden gesteen XVIII gr.
Deutzsche bucher.
Der fürsten regel mit braunem sammet ubirzogen und mit
silbern clausuren ’), zwue deutzsche passion mit; figuren, ain deutzsch
passion mit figuren *), legenden der lieben hailigen winter und
Sommer tail, sein zwai bucher*), plenarium des evangelii und des
ambts der hailigen messe *). siben bussitsalm doctoris Martini Lother
zu Wittenberg ^), ausleguug des psalms dixit dominus doniino meo
doctoris Martini®), ain sermon der betrachtung des leidens Christi
in XV artickel gctailt doctoris Martini“), Verantwortung etzlicher
artickel doctoris Martini augustiners ’), ain sermon doctoris Martini
von dem hochwirdigen hailigen sacrament und der betrachtung des
leidens Christi’'), Livius der romer geschichtschreiber“), Vegecius
von kriegsnbung “’), Parcifall, der hehlen buch*'). Türkisch chro-
nica '-’), ain fechtbuchlcin *“), Terencius deutzsch gross “).
Summa XNTII deutzsche bucher.
2. Hrrxofi •Johann an IIcrxo(i JoJiann Friedrirh. IltunmeMiuin
löUt Dexentbm' 24. l'Jrnmhnnny xum hrithjen Sahrament xn
(jehrn *®).
Hdbf. Heg. No, 806. Benutzt: Ä S9 /.
Freuntlicher lieber son. wir liaben Dir geschrieben, das Du
auf morgen zeu dem hochwyrdigen und heyligen sacrament wollest
geheen, dan Du west, das Du es ein gutte zeeit alher gethan hast
und so Du nuhe verstendiger und elder wyrdest, wyltu es nuhe
underwhegeu lassen, das yst got zeu rilche [rückeV] gelebct. Er
Veil") meint auch. Du sollest kegen got einnen gutten wyllen
haben und Dyr du sonde lassen leydt sein und zeu dem heiiigen
sacrament geheen. who aber nit. das Du doch des begerest, dan
keyner under uns armen menschen auf (besser werdlt wyrdt numm-
1) Hahr ich noch nicht identißzicren können.
2) In tu vielen Au*ifahen uerhnntlen , daß eine nähere Bestimmung nicht
möglich ist.
Weller, Xo, 1070, Das Plrnnrinm oder Evangrlibueh . . . Base! 1517.
4) Dummer, So, i. ^ S9. W. A. I. S. 154 ff.
5) Kbenda So. 40- H’. A. I, S. €87 ß'.
(i) Kheitdn Xo. 61 — 65. H*. -I. II, S. 131 ß\
T) Vielleicht „Dr. Martin Luthers f'ntcmcht auf etl ich Artikel“. IT. A. II, S. 66 ff'.
8) Wohl = Do m mer , Xo. 15 - 17: ein gute tntstliche predig u, s. w. ]r. .1. 1, SS5 ff.
9) Mainz 1514.
10) De re TOi7i7<ir», sonst unter dem Titel: „von der RitUrschafl“ übersetzt,
Hain, Xo, 15916.
11) Vgl. Goedeke, Grundriß P S. f73 ff\
13) Die Turckisch ('hrtniica, Htmßhnrg 1.^16, Weller, Xo, 991.
13) Dies Buch vermag ich nicht näher zu hesfimmen.
14) Vielleicht ^ Hain, Xo. I.'i434 von 1499, ßd.
I.*i) Ich gehe dies Schreil»en und dtts folgende ohne Veränderung der drtlutgraphie.
10) Krste Erirähnung Veit Warhreks am Hofe Johatms.
Digitized by Google
No. 3—4: 1520 De*. 21 — 1525 Mär* 24.
97
her so wol geschieht da.s heylige sacrament wyrdiglichen zeu em-
pfahen, werd auch sicli solches dünchen lest, freuhet [<nlcr treuchet?
= trüget] sich selber, das wyl ich Dyr als der vater dem son
gutter und getreuher maynung angetzeiget haben. Meint halben
soltu nit im dem heyligen sacrament gehen, wan Du es nit thuen
wyldt in gotlicher liebe, so yst es besser lass underwegen. Welches
ich Dyr freundlicher maynung nit habe wollen verhalten. Dyr zeu
dienen, bin ich geneit und bitt got vor mich, das wyll ich auch
thun. Geben zeu Hümmels am crist abend XV« und ym XV'IIII.
3. IIx. Johann Friedrich an Sjmlatin. Coburg 1520 Dexember 21.
Hdbf, ohne Unterschriilf Goih, Bibi. Cod, ehart. A. S78, fol. t, BenuUt:
’s. Sl.
Hans Fridrich herzog zu Sachssen.
Meyn grus und genedigen willen beuuor lieber magister. Ich
hab Ewer schreyben ubirlessen und gar genediglichen versthanden,
bedanck mich auch gar genedigklichen des buchleyns, das Ir mir
hat zu geschyeben. Nem auch das selbige mit sampt dem andern
gar genetliglichen an mit erbietiing, das selb gar genediglichen
zuekennen. Ich hab dem hochgebornen fürsten, meynem genedigen
hern und vater angezceygt, wie Ir seynen genaden der buchleyn
exemplar gerden ') het zcugeseh3gt Ever erbiettung weitter etc.
Das hat seyn genad gar genediglichen angchort, nimpt auch Ewern
untertenigen willen zeu genaden auff. Ich wil auch Ewer bit ge-
nediglichen ayngedenck seyn und ubir dem evangelio fest halten.
Dat. Coburgk an Sanct Tomae tag im XV® und XX jar.
4. Heinrich Pomponius *) ans GerstUdt oder Gera (’f) an Ilerxog
Johann Friedrich, [Weimar] 1525 Marx 24. Bittet den Ilerxog
unter ansführlieher Begründung, das an die Weimarer Mönche
ergangene. Predigtverbot u'ieder aufxuheben.
Or. Reg. S. *Vo. 19, Benutzt: S. S8.
Ich Henricus Pomponius einer von den unzeitigen un.sers heren
Jesu Cristi bin bewegt, E. f. Gn. aus rechter cristlicher liebe zu
schreiben, wünschen damit E. f. Gn. die gunst und allerhöchste
guttigkeit des almechtigen gottes, wiewol ich sunder zweifei gleub,
das E. f. Gn. sollichs für ein narheit und künheit mir zurechnet
und in sunderheit, dieweil ich melde die suchen der munche zu
Weimar, das inen ire i)redigen von wegen E. f. («n. magister und
predigen wirt unterdrückt durch fürstlichen bepfel, des ich zu E. f.
Gn. nit hoffe. Dan wan solchs geschehe, hat E. f. Gn. zu ermessen,
was daraus vom gemein volk E. f. Gn. wurde entsprissen, dieweil
doch die munche mit irem predigen des evangelion noch bestehen
für allen E. f. Gn. predigern, die allein aus hass und neid solche
verpittung und hinderung des evangeli treiben, aber ich wolt E. f.
1) So sehreibl Johann Friedrieh fatti zteU für g^rn.
2) yäherrt über ihn habe ich nicht /esteteUen können.
3) Wohl Wol/gang Stein. Das I*redigtrerbot erging am 19. März. IVeUe, S. 44 f»
Beitrag« zur neueren (»rachichte Thüringens I.
Digitized by Google
98
No. f>: lö‘J7 Winter.
Gn. Kleubte nit leiclitlich solchen unpelerten leuten, die keinen Rrund
in der Schrift wissen, als dan E. f. Gn. magister einer ist, wie ich
dan zum theil seiner sermon etlich uf dem schloss zu Weimar ge-
hört hab, das mich wundert, wie E. f. Gn. solchs hören mag. Ich
habe auch E. f. Gn. magister etliche briflFe zugeschickt, aber mir
kein antwort geben ; was die Ursachen ist, wil ich kürzlich hernach-
mals anzeigen. Ich gleube, er forchte sich oder weiss villicht nichts
aus der schrift aufzubringen, hilft nit, das er sagt, ich ssei ein narr,
ist nicht gnugsam zu einer antwort, ich weiss aber wohl, das narren
und thoren die warheit sagen, darum!) bitt ich umb gottes und des
rechten evangelions willen, E. f. Gn. wolle eine zeit lang die miinche
das evangelium lassen ulfentlich j)redigen, uf das ssolchs E. f. Gn.
nit zum nachtheil vom gemein volk wirt gerechnet, sprechende ;
Sihe die fürsten wollen haben, man sol das evangelium predigen,
und verpitten doch das den munchen nit zu thun, woher kompt
das, dan allein aus ueid, hass, zank etc. Solte E. f. Gn. magister
bestehen kegen leute, die etwas wissen oder gelesen haben, furwar
er wurde sich bald ausdrehen, es solte ime auch noch wol zulest
auf das armbrust regen. Deshalb so vermaiie ich E. f. Gn. aus
cristlicher hebe und treu, das E. f. Gn. solche verpittuiig des evan-
geli, das von den munchen göttlich und cristlich wirt gc])redigt,
nit zulassen, damit E. f. Gn. und andern nit werde furgeworfen.
wie Capernaum, Corazin, Bethsaidan und irer gleichen, dcnselbigen
die hohe gnade gottes des evangeli erschinen und ssie sich der-
selbigen also bosswilliglich und übel gebraucht haben, damit E. f.
Gn. nit in der unsseligen schar getzelt werde, die sich werden
ärgeren in Cristo. Ich bit und vermane hiemit, das E. f. Gn. dise
meine schrift nit verachten wollen von deswegen, das s.solche ver-
manung von mir, als von einem schlechten gesellen geschehe, dan
die cristliche warheit ssol von den cristen, die ssich des taufs
vericheu(y), nit veracht werden, ob schon ssollichs durch die aller-
geringste creatur gesagt und ausgesprochen wurde, damit nit ge-
sagt werde, das wir verschmacht haben die gutten retthe von wegen,
das dieselbigen uns durch die geringe personen von gott geben
seint. Der almochtige gott hat sein gotliche weissheit fiir den
weisen und klugen verporgen und hat ssolchs geoffenbart den kleinen
und demuttigen, waruinb sollen wir dan die gotliche unzweifliche war-
heit der schrift nit annemen, die uns von (len munchen gleichförmig
dem evangelio wirt vorgetragen V Und auch nit weiter begeren. von
irer lere anzunenien. den sso vil in der göttlichen waren schrift ge-
gründet und durch den mund der warheit Cristum .Jesum bestettigt ist.
G. am 24. tage Martii anno etc. XXV.
E. f. Gn. williger Henricus Poinponius Gerapolitanus.
5. Ihrxof) .Johann Fricflrifh an Kurfürst .Johann, o. O. 11527
Winter] '). Unter ausführlicher Wicderholunfi früherer Ver~
, 1) />!> Datierung ertjibl $ich daraus, daß Johann Friedrichs Beilager über ein
Jahr zurüeklieyl, und aus seinem Briefe vom 24> Juli lüiiS. JVo. 7.
Digitized by Google
No. 5: l.i27 Winter. 9<T
hrmdlungen bittet er seinen Vater nochmals dringend um Oe-
icähmng einer selbständigen Hofhaltung.
Eigenh. AVwtJ. Ärp. /), J^o. 58 V, Benutzt: S. tf>f.
Wiewol ich mich in alweg, so fil niugelichen gewest, geflissen,
E. Gn. mit mainen aigen Sachen nit zu bemiigen, wie ich dan .suches
noch gerden tuen wolt, so werd ich doch aus mainer notturft ge-
ursacht, E. (in. mit diesser schrief zu ersuchen und bit. E. Gn. wollen
unbeschweret sain, dieselbige nach der lenge zu ferlessen.
Und, gn. h. und vatter, ist das die sache, das sich [E. Gn.] an
zeifel *) nochmals erinnern, welcherlei gesthalt ich E. Gn. vor ainem
jar selbst muntlich ansprach und erzelung tat. wie E. Gn. ver-
laufener zeit durch den canzler mir aus selbst eigem bedenken
eher anzaigen la.ssen, das E. Gn. gemut, das ich mich in elichen
stliant begeben solt, nun hetten E. Gn. allenthalben sich be-
dacht und fleissig nachdenken gehabet, wohin E. Gn. mich am
bekemmesten und das cs landen und leuten zu guttem ge-
raichen mocht, verhairathen solt. es weiten mir aber E. G. nit
bergen, das E. Gn. von graff Phillipsen von Sohnes wer formeldet
worden, wie das der hz. von Clewe ain tochter, die fast erwachsen,
von guttem geberde und Sitten, auch zimlicher schonhait : nachdem
dan die verhairattung landen und leuten an dem ort am tröst-
lichsten, auch so es zu fal geraichen solt, das der almechtige got
nach sainem willen schicken wolt, dem hausse von Sachsen zu er-
honung geraichen worde, wer E. Gn. begern, ich wolt E. Gn. dar-
innen als der son verfolgen.
Darauf ich E. Gn. antwort geben, wie sich an zeifel E. Gn.
auch der canzler zu erinnern und under andern hab ich die ant-
wort darauf geben, das mir noch zur zait ganz ungelegen mich zu
ferelichen, so es aber E. Gn. ihe wolten von mir gehabet haben,
wolt ich E. Gn. als m. gn. hn. und vatern aus kintlicher pflicht . . .
verfolgen, aber er der canzler hette zu bedenken, wie ich auch
wolt gebetten haben, solches E. Gn. zu fermelden, das mir ganz be-
schwerlichen zu bewaiben, so ich nit auch wiessen solt, was ich
haben solt, darauf ich main Unterhaltung zu haben, dan ich bust
[wüßte] nichtes zu bergen, das ich ganz nit bedacht, mich zu fer-
elichen, E. Gn. wolten mir dan etwas aigens aingeben, darauf ich
bleiben kont und main Unterhaltung darauf haben; wolt derhalben
E. Gn. also verfolgen und auf den weg. so ich des hz’en von Cleveff
tochter besichtiget und sie mir getil, das mir E. Gn. alsdan etwas
aigens E. (in. gefallens aingeben, darauf ich mich erhalten mocht,
oder so E. (in. das nit gefallen wolt, wolt ich das forgeschlagen
habfen], wan ich die besichtigung getan und sie mir gefellig wer, das
ich mich alsdan uutersthehen wolt zu handeln, ob ich am egelt
aber*) sunst was in den landen Cleufl'e aber Gulch aiubekummen
1) &> tchrriht Johann Friedrirh meüt für zweifei, ebenso bescherunjf für be-
Bchwerung «. dgl. m.
2) So meist für oder,
7 *
Digitized by Google
100
No. 5: 1527 Winter.
mocht, darauf ich mich mit mainer gemal zu unterhalten. W o aber
E. Gn. das auch nit gefellig, wolt ich E. Gn. gepetten haben, keinen
misfallen zu haben und mich verschonnen noch zur zait zu bewaiben.
Darauf sich allerlai hin und wiederrede und handelung begeben durch
den canzler, auch folgent dem von W’ildenfels, wie sich solches E. Gn.
zu erinnern, und sonderlichen haben E. Gn. beschwerung getragen,
das ich suchen tete, mich von E. Gn. zu sondern.
Dieweil ich aber auf dem ain zait lang besthanden, so E. Gn.
maine forschlege nit gefellig, das mich E. Gn., wie formals gepetten,
verschonen wolt, E. Gn. zu ferfolgen in dem, das ich mich be-
waiben solt, auf solches ist mir von E. Gn. wegen durch den von
W'ildenfels angezaiget worden, ich solt E. Gn. in dem ferfolgen.
E. Gn. weiten sich mainer Unterhaltung halben gnlichen. erzaigen
und dermassen, das main gemal und ich am helfe wai*) E. Gn.
unterhalten von E. Gn. sollen werden und dergesthalt, das wir
kaine clage haben sollen . . . W'^iewol mir nun ganz hochlichen
beschwerlichen gewessen, E. Gn. in dem zu ferfolgen und den ver-
trauen genzlichen dermassen in E. Gn. zu setzen und gar kain
Wissens zu haben, worauf es allenthalben mit mainer Unterhaltung
bleiben solt, aber solches alles unangesehn hab ich doch dis alles
hindan gesetzt und E. Gn. verfolget . . . und folgent mit E. Gn.
rat )ind gefallen main wailager gehabet und in dem allen an waiter
anregung mainer underhaltung E. Gn. allenthalben darinnen ge-
horsamlichen E. Gn. gefallens verfolget.
^■1« das alles habe ich E. Gn. erinnert and Sie damals gebeten,
mich xn verständigen, worauf mir E. Gn. main und mainer gemal Unter-
haltung sthellen wollen, und E. Gn. wollen in dem bedenken, das
es main hohe notturf wer, das ich, woroban (wovon) main Unter-
haltung sthehen solt, wie.ssens hefte. E. Gn. triifUcn sich xu erinnern,
wie Sie mit Ihrem Ilrudcr in ungeteiltem, aber gesemdm-tem Regiment
gestanden and irie Sie, als Sie meine Fraa Matter genommen hätten,
ain sunderlich gelt zu erhaltung E. Gn. frauenzimmer und E. Gn.
selbst diener gehabet. Bei mir sei das erst recht nötig, da ich
nicht .selbst xu schaffen oder xu gebieten hätte, das ich nit auch, wie
der jung margraff .Jochim wai E. Gn. getan, wai mainen hern und
freunden uinb darsthreckung geldes . . . ansuchen must . . .*).
Auf solches . . hat mir E. Gn. ungeferlichen diesse antwort
geben, das ich E. (Jn. in dem, das ich auf E. Gn. beger mich be-
waibet, zu gefallen getan, E. Gn. wollen auch main gemal, so sie,
got wolt, zu lande kemnie, dermassen und nit anders halten, dan
E. (in. gemal selligen getan, auch mich dermassen, wie bisher ge-
schehen, das ich kainen mangel gehabet.
Als ich meine Bitte erneuerte, daß E. Gn. mir selbst ein ge-
nantes xum Unterhalt geben möchten, antworteten E. Gn., Sie. wollten
1) = hei. Johann Friedrich ivhreihl oft ir atiUt b, andrereeiU auch b naU tr.
2) Feber diese Ikirtehn tcrgl. Kiu», S. C9,
Digilized by Google
No. 6: 1527 Winter.
101
weiter darüber nachdenken und, wenn ich wieder aus dem Lande
XU Jülich käme, antworten.
Ich habe es darauf beruhen la.ssen bis ungeferlidien etliche
tach nach der heiinfart und habe keine, weitere Anregung tun wolleyi
in der Iloffnimg auf eine gnädige Antwort, hab auch auf solches
utges. und kintliches vertrauen E. (in. niain ehegelt als die XXV
taussent gülden zugesthelt in zufersicht . . E. (in. worden mich
sunster /= desto] gnediger main unterhaldung ver.schafTen.
Dann halw ich durch den von Wildenfels und Johann Ilicstel')
nochmals um Antwort bitten lassen, habe aber nur zur Antwort erlangt,
E. (ln. bilden mich und main gemal dermassen, das wenig curfürsten
oder fürsten ire sone mit iren waiwern so erlichen und wol unter-
hilden und das E. (ln. sulches nit zu andern bust, E. (ln. hildens
auch darfor, ich solt sulches willig zu dank annemen.
DieAse Antwort habe ich mit nicht geringer Bekümmernis em-
pfangen, denn bei meiner Bitte handelte es .dch ja um einen .selb-
ständigen Unterhalt otler wenigstens um, ein „Genuuntes'j davon
ich mein Gemahl, das Frauenximmer u. s. w. unterhalten könnte.
Xur unter dieser Voraussetxung habe ich geheiratet. Zuin andern
wie ander kfen. und fürsten ire .sone das merer tail underhalden,
wais ich nit besunders von, aber das wais ich, das ire etlicher unter-
haltun[gj hoher sthehet, dan E. (ln. mir geben, und das dannach
sie müssen entlenen, auf das sie sich erhalten niugen.
Xfwhmals bitte ich E. Gn., sich mir als gnädiger Vater zu
xeigen. E. (ln. wollen auch zu gemut und herzen furen, das
sich E. Gn. kegen andern in dergleichen Sachen freuntlichen
erzaiget haben als kegen dem jungen marggraffen , welchen sain
her vater nit hat geben, das S. L. sich hat folkommenlichen er-
halten mugen, haben im E. (ln. dargesthreckt und goligen, de.s-
gleichen mit graff Hairichen von Schwarzburg zu Arnstat, wie wol
im sain vatter auch zai [= zwei] hundert gülden geben, wie E. (ln.
mir geben, hat doch E. (ln. for billich und gleich angesehen, auch
den von Schwarzburg dahin mit handelung geweisset, das er sainem
son etwas aigens hat aigeben, darauf er sich hat underlialten mugen.
Bitte E. Gn., sich nun auch gegen mich, der ich (loch alles, was
ich in diessem handel getan, auf E. (In. begeren und als ain ge-
horsamer son gehorsamlicheu getan und verfolget, gnädig zu erzeigen
und es nicht dahin kommen zu lassen, das ich mich auch under die
leut geben mus und anzaigen, das mir E. (ln. nich so fil geben,
das ich mich erhalden muclit und derhalben main hern freunt und
gesellen umb darsthrecknng ansuchen niuste. Bille um eine gnä-
dige Antwort. D. etc. XXVII. jar.
(i. Kurfürst Johann an Johann Friedrich, undat. [1527 Winter],
Antwort auf Xo. 5. Ablehnung seines Ge.suehes.
Äonar. lieg, />. iVb. 5S V, BrnuiTt S. 27.
1) V^ielUicht Riede»el,
Digitized by Google
102
No. 7—8: 1528 Juli 14 — 1529 Febr. 25.
Freitag Abend ist mir Dein Brief ül)ergeben worden . Mir
scheint auch jetit noch nicht bequem, Dir und Deine)- GemaJtliti
ein eigen wesen cinx/urichtcn, und auch nicht, daß Du bei >nir
Dein F)-auenx immer seihst unterhalten solltest. Deine Oemahlin
U)xd ihr Frattenximmer haboi keinen (hnnd xu klagen, denn üJt
halte sie ebenso, wie meine xweite Oemahlin, Dir und den Deinen
gebricht es auch an nichts. Der Hinweis auf mich xur Zeit meiner
ersten Ehe. jtaßt nickt, weil ick ein mither *) war. Zu der Hand-
lung mit Graf Güntlwr ism Schwarxhurg rerajilußtc mich die be-
stehende K)itxweiung zwischen Vater und Sohn, die leicht schädliche
Folgen luiben konnte. Dem jungen Ma}-kgrafen hohe ich das Geld
einfach geliehen unter der Vorau.ssetxung, daß ich es wiederbekonime,
ohne mich weiter inn die Verhältnisse zu bekümmern, sie Hegen in-
dessen, .so fiel ich rernehme, doch ganz anders als bei Dir. Du hast
keine Ursache zur Klage und wollest Dir genügen las.sen.
7. Herzog Johann Friedrich an Kurfürst Johann, o. 0. 1528 Juli 14.
Ei^eiih. Konz. Rrtf. I). No. 58 V. lienulzt: S. S7.
Erinnert an sein im Winter rorigen Jahres eingercichles Schreiben
wegen des Unterhalts und erneut seine lütte um eine gnädige Ant-
wort, damit er sich nicht auf die darin angedeutete Baku begehen
müsse. D. dinsUxg nach Margarethe iin XXVIII.
8. Etlieh bedenken des reichtages halben zu Speier und sonder-
lichs des konigs, undatiert f Weimar 152U ca. Februar -•5*)7-
Darlegung der Gründe, tceshalb Ferdinand nicht zum römi-
schen König gewählt werden dürfe. Auseinandersetzung ülwr
die Art und Weise, wie Sachsen auf dem Heichstag rorgehen
mü.s.se, um die Wahl zu verhindern.
Kigenh. Koiis. Isoc. 10671 „König Fcrdxnandi Wahl httr. 168V*. Kopien eben-
da und in deuutflhen Ijoeat „Schniben und Bedenken**, fol.
Kopien herrecht einige Verwirrung, da die BUi/ter det KoniepU durcheinamler
geraten e-ind. Ich Jolge im weecntliehen dem Konz., dat allerdinge auch nicht
ohne Unklarheiten ist. Benuttt: S. 41/-» 69 f.
In gottes nahmen amen.
Erstlichen, nachdem zu bedenken, das auf den kunftichen reichs-
tag fuernemlich zu handeln wirdet understanden werden, das kg.
Ferdinandus von Hungarn und Behem als ain erzherzog zu Öster-
reich zu ainem römischen konig mocht erwelct werden,
dargegen wil zu ermessen sein, das [wenn] solchs, welchs der
warmherzig got gn. verhueten wold, zu Vorgang geraichen solt, das
das heilig reich der freien walh genzlich beraubet und aus der frei-
heit, die das heilig reich und sonderlich deutsche nation bishieher
gehabt, ain ewige dinstbarkeit und erbkaisertum gemacht wmrd.
Dann leichtlich zu erwegen, nachdem das haus Österreich nu in die
"hundert jhar unge verlieh das reich in regierung gehabt, so nu dieser
1) Mithrrr,
2) Uebenandi mtl einem Briefe an Johann «»« Weimar, rom 26. Februar 1529.
Loc. 10671 „König Ferdinandi UaA/ betr. 1531**, /#>/. 25 f. JIdbf.
Digitized by Google
No. 8: 1529 Febr. 25.
ia3
von Oesterreich solt zugelassen werden, das zu ewigen gczeiten und
so lang der staiii weret, nit von dannen, menschlich zu reden,
mocht gebracht werden an beschwerlich unruhe. Neben dem wie
tirannisch mit den Stenden des heiligen reichs wurd zu handeln
understanden werden, wil aus teglicher erzaigung, so itziger zeit
wei den konigreich Ungern und Beheni, auch wei den erblanden
furgenohmen, leichtlich zu erwegen sein, was auf künftige zeit im
reich auch erfolgen mocht. So seind sonsten viel und mancherlei
bewegend Ursachen für der hand, die zu erzeilen unbequem.
Derhalben den kurfursten von hohen noten sein wurd, ire
pflicht, domit sie dem heil, reich zugetan, höchlich zu erwegen,
soliche suchung nit einzureumen.
Zu dem allen ist am höchsten zu ermessen, das durch kg. Ferdi-
uandum wurd furgenommen werden, wie dann solichs in seinen
erblanden schon vor der hand ist, ainen ieden zu dringen, wes
Stands ehr auch were, dasjhenige zu glauben und für christlich an-
zunehiueu, das im gefiele, es wer von im selber oder vom bapst odder
teufel erdacht worden. Wie hoch ain jeder solichs in seinen gewissen
zu bewegen hat. wirdet ainen jeden seine gewissen, ob gott will,
leren ‘).
Ob nu furfallen worde, das solichs wai den kfen. aber *) fürsten
ganz nit wolt zu erhalten sein, sondern das der gemein nutz im
heil. rö. reich nit wolt angesehen werden, sondern das der aigen
nutz, der einem iderm daraus entstehen mocht, hoher wolt ge-
achtet werden, das doch zu gott zu hotfen, er werde die kfen. und
fürsten so weit nit fallen lassen, wehr alsdann soliche handlung,
die des kgs. halben vor der hand were, den gemeinen stenden auch
anzuzaigen und sonderlich den stetten und wer innen, wie oben
von fürsten gemelt, die freiheit des reichs, di zum erbe wolt ge-
macht werden, anzuzaigen, fürder den stetten, das in solcher walh
nit anders gewelt werde, dann der rechte Turk, dann der Turk kunt
den christlichen gläubigen und das wort gottes nit hoher verfolgen
und mit den christgleubigen tirannischer handeln, wie dann dieser
konig bereit tette.
Was nu dem gotlichen wort und denen, die im anhingen, an
solcher walh gelegen, wil leichtlichen zu ermessen |sein]. Dann wiewoll
öffentlichen und am tage, das gott gebeut und haben will, das aller
oberkeit gehorsam soll geleist werden, so weit es leib und gutt an-
tritft. dieweil aber dieser nochmals über diejhenigen, die im reich sein,
keine Obrigkeit ist und doch, so er gewelt wird und sulchs durch
göttliche hilf nit furkomen, des reichs oberkeit werden wirdet.
Wie schwer nu ainem jeden furfallen wol, ainen tyrannen und
Verfolger gotlichs worts zu ainem herrn zu haben, wolle ain jeder.
1)
d4mkens.
2)
Die Kopien bringen aui
« oder.
Vereeken hier gleich den Schluß des gamen
Digitized by Google
104
No. 8: 1.^29 Febr. 25.
eher es im zu haus komt, bedenken, dann wo ehr zu ainem konig
Wirt, ist da nichts mehr wieder ine zu handeln.
Dann da stehet gotts wort: Bis der oberkeit undertan, sie sei
boss oder gutt. Wollen wir nu Christen sein und sich christi wort
rumen, so müssen wir alle Verfolgung des gotlichen worts halben,
auch sunsten alle zeitliche tiranei von im leiden. Sucht mau nun
nach Wegen, U'ie man sich dieses Wüterichs gegen Seele mul Leib
er wehren kann, so ist zunächst (iott zu bitten, er wolle uns gnad,
Weisheit und sterk verleihen, das wir uns solchs tirannen und Ver-
folgers gotiiehs Worts zun herrn erweren mögen und das dann ain
jeder, der dem göttlichen wort anhengig, sein leib und gutt und
alles vermögen darstreck, das wir uns des tirannen erweren mögen.
Dann wer wil nit anders sagen, das vor gott und der weit christ-
licher, erlicher und besser wehr, in solichem christlichen werk er-
schlagen und umbkomen zu sein, dann von dem Türken, dan der
Turk begert nort die eusserliche herrschaft über leib und gutt, aber
dieser wutrich begert die seile dem teufel zu geben und mit dem
gut seins gefallens zu gebahren.
Das miHfe jeder sich zu Herzen nehmen. Ist er erst gewählt,
dann ist Mühe und Arbeit verloren. Solehes möchten die Gesandten
der Städte nit anders dann vertreulicheu, auch christlichen und
wolgemeint verstehen und in dem bedenken, was sie inen selbs,
iren weibern und kindern, auch iren gemeinen in Stetten zu tun
selbst schuldig wehren und sich hierinnen irs gemuets vernehmen
lassen.
So wehren die fürsten, graven und von der ritterschaft, die
dem göttlichen wort anhengig, erbutig, so es nit anders gesein
mocht und durch kein andere wege sulche wal nit kont furkomen
werden, das sie doch zu gott hoffen wolten, er wurde andere weg und
mittel schicken, das sie dann ire leib und gut, solchs zu verhindern,
treulich wolten wei inen zusetzen.
Wenn gott nu gnad gebe, das man sich kainer forcht annimet
und nit bedenket: Ei wen ich .solche Sachen handeln soll und er
werde konig, wie heftig werde er mich unib solche handlungen, die
ich im zugegen getan, straffen.
Es will aber mehr zu bedenken sein, das man für gott und
der weit zu tun schuldig ist, aus dem, ob gleich die andern kur-
und fürsten wieder er noch treu, aide noch ])flicht, domit sie dem
reich zugetan, bedenken wolten, das dannocht darumb von andern,
die es verstehen und wissen, was für unwiederbriugender schad
dem reich daraus entstehen wurd, nit unterlassen, iren vleis in dem
zu tun, es gehe, wie gott wil.
So ist' zum andern, man were oder nit, wirdet er konig, kann
er dann alle, die dem gotlichen wort anhengig. von lamlen und
leuten verjagen und vertreiben, .so wert ers gleich so wohl tun, als
werct man aufs heftigist, dardurcli hoff ich, will ich dem, das man
sich nit furchten darf, genug getan haben.
Digitized by Google
No. 8: 1529 Febr. 25.
105
So nun solchs werk dergestalt auf allen arten wei kfen.. fürsten
und gemeinen stenden, [auch] wei den steten gesucht wert, iglichs
nach seiner bekemniskeit, wie es dann wol wert bedacht werden,
ist mir gar kein zweivel, wen nur muhe und vleis mit bitten gottes
gnad furgewandt, es solt dardurch verkohmmen werden, das Ferdi-
nandus noch keiner, der dem göttlichen wort zu entgegen, zu
konig soll geweidet werden. Will aber der keines sein, so geschehe
der will des almechtigen gottes, dem die und alle andere Sachen in
seinen gütlichen willen zu befellen, der mach es nach seiner ere
und glore. Amen.
Bedenken warumb in itzigen leuften und wie allenthalben die
Sachen im reich stehen, nit gut sei, ein röm. kg. zu machen.
Erstlicheu will zu bedenken sein, das kai. M' als dem rechten
herru in kainem weg zu ratten sein will, ainen nebenherrn als
ainen rö. künig wei sich zu haben *),
aus volgenden Ursachen, das ain unmuglich ding i.st das zwen
hern wei einander regieren können, so ist viel unmugelicher, das
die undertanen als die stende des reichs zwaien hern zugleich
dienen können und derselben gebot und verbot zugleich halten mögen.
Soll nu solchs verkoraen werden, so kann es durch keinen
andern weg gescheen, dann das kais. M‘, dem rö. konig alle bot-
messigkeit im heilgen reich mit sampt aller herligkeit genzlichen
abtrit und sich des reichs volgend nichts annimi)t, sunderu den
konig genzlich seines gefallens im reich machen les[tj.
So nu solles beschehen sol, wert kais. Mt. in reich genzlich
nichts mehr geachtet, söndern von den verwanten des reichs mer
vor einen konig von Hispanien, dan vor einen rö. Kaiser geacht
werden, das derhalben erfolgen wirdet, das kais. Mt. aller kaiser-
licher ehr genzlich entsalzt werden worde. Nachdem aber in aus-
schreibung itziges reichstags unter anderm verleibt, das von einem
gemeinen freien christlichen concilio general oder nacional .soll
geredt werden, dieweil dann kein concilium wol mag gehalten
werden -), es sei general aber national, es sei dann das der rö.
kaiser darwei sei. soll nit ungutt sein, das ein anstand des rö. Königs
halben geben bis zu ende des consiliums. ab alda, so kais. Mt
ankemme, die wege mochten gefunden werden, das sein Mt. selbst
im reich were und in demselbigen regirete.
Es will auch aus fillen bewegenden Ursachen ganz nit zu tun
[sein], itziger zeit in die befarnus sich in der wal eines rö. kg’s.
einzulassen und sonderlichen aus dem, nachdem wissen[d|, wie
oftmahls in der wähl ains rö. kg's. zissma under denn kfen. und
1) Am Hand« im Kont. Nota. It€m zu gedenken, da» kai». M‘ »on hat und
»o »ein M‘ walle nacblasaen »olt, da» zu tvaorgcn, da» da» reich hinfort nimmer
meher an »einer M' geblultc, da» von in herkoiumen wer, zu sulchen kai«. eren
kommen werd.
2) Am Rande im Korn, in deutzer nacion.
Digitized by Google
106
No. 8: 1529 Febr. 25.
fürsten endstanden, das zum oftern zwenn kg. zugleich gewelet
sein worden, und jeder von kfen., fürsten und stenden des reichs
seinen sundern anhank gehabt hat, daraus dann zwitracht, krieg,
blutvergiessen und alles ungelick ini reich entstanden i.st.
Dieweil dann sulchs in forigen Zeiten wei den forforen of-
roahls entstanden, wil es zu diessen sorkfeldigen gezeiten fil hoher
und grosser, das solchs forfallen luocht, zu bewegen sein, und ist
sunderlich das zu bewegen, wie gar hoch itziger zeit der gemein
man zu der aufrur wieder die oberkeit geneigt ist und leichtlichen
aus einer wal, so sie beschwerlichen vorfil, sulche aufrur zu fer-
mutten. So ist neben dem wissentlich, wie fast alle kfen. und
fürsten, auch gemeine sthendc des reichs im wort gottes und
glauben genzlichen getrent sein, und das sich jeder teil zum andern kein
anders versihet, welche partei auf irem teil und forteil einen rö. kg.
kriget, das sie den andern tail ausreuten wollen, daraus leichtlichen
zu ermessen, das kein partei erleiden kan aber mag, das iiiner von
der andern wiederwertigen parteihen konnig werden soll, und ehe
sie sulches erdolden wolden, werden sie er ir leibe und got solchs
zu ferkohmmen, in wagnus stehen, daraus aber nichtes anders zu
bedenken, dan das großer blutfcrgissen im reich forfallen werde, den
jhe gehört werd worden.
So wil weiter zu bewegen stehen die sorge, die des Torken
halben forstehet, und sunderlichen so er, das der almechtige gott
mit genaden verhüt, sulche unainigkeit im reich gewar werden
worde.
Was will doch weiter, das daraus folgen mack, zu bedenken
sein, dan das ganz Deutzland in drummer gehen must, da got for sei.
Es wehr auch weiter zu erwegen, so ain kg. gemacht worde,
der ainer partcihe im reich entkegen wer, das sie selbige parteihe
den gemeinen pauersman an sich hengen mocht, ircs gefallens genem
konig zu entkegen ainen aigen konig zu machen, wei wem sie
vermeinten schütz zu finden, es wer Franckreich. Engelandt aber der
Turk selber, derhalben w ill hoch und gros von notten sein, sulches
alles, das eutsteheu und forfallen mocht, zu erwegen und sunderlichen
aus erzelten und andern melier fortreffentlichen Ursachen von dem
abzustehen, ainen konig zu machen, aber allen vleis durch bot-
schaft und sonsten durch utg. ansuclmng wei kais. M‘ tun, auf das
sich Ir. M‘ selber in reich in ansehung der beschlwjerung, so im
heiligen rö. reich stehen und sich teglichcn zu fermueten weiter
entstehen werden, kommen und in sulchem ainsehung forwenden
und getiieu etc., dann an das will unmugelichen sein, das dem
Türken ainiger widerstant aus dem reich geschehen mag aber das
friden und recht im reich mag erhalten werden ').
Derhalben und aus fil melier Ursachen des heiligen reiches
ewige und zeitliche wolfart belangen, wil die hoche notturft er-
1) liier brechen die Kopien ab, dae Folgende nur im Konzept.
Digitized by Google
No. 8: 1529 Fcbr. 25.
107
fordern, das der almechtige got gebetten werde, sulches fornenien
abznwenden . . . und das wei dem auf menschliche anschlege und mittel
sulches zu ferkommen auch gedacht worde, dan wir sollen die
erwait haben, so wert gott das gedaihen verlaihen.
Und wolt erstlichen zu bedenken sein, das Hais forgewant
worde. das in ankunf des reichtages die curfürsten persönlichen
und allain an rette aber botschaft zusammen keinen und sich von
der Sachen ainen römischen konnig belanget auf die suchung, so
von wegen kais. M‘ durch den orator beschehen, treulich und iren
pflichten nach underretteu und aines idern gemut. was er in den
dingen genaiget, erlert worde und mit lleis dorauf geerbet {i/mrheitet],
das in dem kais. M' auch dem koiiig ein abschlegeliclie antwort
worde aintrecktiglichen durch alle kfen. geben.
Auf die aber [oder] ain ander mainung, wie zu bedenken : das
die kfen. kais. M* aus utgkeit, und den pflicliten nach, damit sie dem
reich zugetan, zu irem und des ganzen römischen reiches kaisser
und hern erwelt hetten, dofor sie auch Ir M‘ haben und halden
wolten, weren auch kaines andern hern aber koniges bedorftig,
weiten auch kainen andern den I. kais. M' zu irem hern kais.ser
und konigen am libesten haben , weren auch der zufersicht,
I. M' worde auch ir ainiger kaisser und her sein und bleiben und
sie, nachdem sie I. M‘ allain zum hern begerten, an kainen andern
hern aber konnig kommen lassen, dan jhe war, das sie in an-
sehung irer pflicht, das Ir. M' inen zum hern und kaisser täglichen,
Ir. M‘ frai an alle pflicht aber gedrengnus aus lauterm utgen. willen
zum römischen konig und kaiser erwelt hetten in utger. zufersicht
I. kais. M‘ werde wei innen und andern sthenden des reiches in
heiligen raich als ir ainiger kaisser und her sein und bleiben,
wie dan sie die kurfursten von wegen der andern stende I. M‘
wolten angesucht und gebetten haben, und I. kais. M‘ wolten
gnediglichen sie die kfen. mit solcher suchung. das sie I. M‘ bruder
zu ainen römischen konig wellen sollten, verschonen und von sulchem
in ansehung, das sulches wieder ire pflicht wer, damit sie dem
reich zugetan, abstehen und I. M' wollten ir Sachen darauf richten
und sich seihest in aigener person in das heil, reich verfugen und
in dem selbst regiren, irer der kfen. und ander fürsten und stheude
des reiches genedigister kaisser und her sain. die obligende und
be.schwerliche Sachen, die allenthalben in reich sthunden ablenen
und fride und recht, pollicai und Ordnung in reich aufrichten
und erhalten und sich in dem allen, wie sich I. kais. M‘ ampt nach,
das ir von got geben, gebürt, erzaigen. Ir. M' wolten sich in dem
erzaigen, wie sie die kfen. sulches, sucheten .... Wie nun solche
antwort, die allain zum argement bedacht, waiter zu bedenken
sain solt.
So nun der orator von wegen der kais. M‘ doran gesetiget,
hette es sainen weg, wo aber nit, wer erstlichen dorauf zu handeln,
(las sich die kfen. kegen ainander verpflichten, das sich kainer
Digitized by Google
108
No. 8; 1529 Febr. 25.
an den andern in keine handelung nach antwort begeben wollen und
alle handelung und antworten semlichen handelten und tuen weiten.
So dan weiter von orator etwas seit darauf ge[d]rungen, das
kais. M‘ weiten gelobet haben, das ir bruder zu ainem römischen
konig soll gewelt werden und das zu solchem allerleihe Ursachen
darton worden, wer alsdan die erste antwort etwas zu erhellen und
dan anzuzaigen, das die kfen. in kainen zaifel wercn, kais. M‘,
so sie ire antwort gehört, I. M' werde derselbigen gefallen
haben, und sonderlichen aus dem, das sulche suchung iren pflichten
entkegen, aucli das sie Ir kais. M‘ als iren rechten natturlichen
hern gerden wai sich haben und nissen wollen, sich auch aller utgkeit.,
so wit ir leip und gut strecket, gegen I. M‘ halten. Dan die kfen.
wollen dem orator nit bergen, das ir pflicht auch die gülden bulle
vermocht, so es zu ainer wal aines romiss koniges kommen solt,
das sie niemandes zu wellen ainigen vertröst tuen sollen, sondern
sollen wellen, wen sie in irem gewissen befunden, der dem heil,
reich zu der regirung am nutzten und bekemmesten sein mocht.
Derhalben kais. M‘ sie die kfen. ires ferhotfens über ir pflicht
auch die gülden bulle nit tringen worde [Am Ramie: Nota die fer-
schreibung, so kais. M' dem reich ubergeben, die gedruct zu besehen]
und I. M' worden bedenken, so über sulche anzaigung, die sie getan
und I. M‘ derselbigen bericht worden, sie sollen waiter gedrungen
werden, das kais. M‘ iren pflichten nach, die I. dem reich
getan, hierinnen zugegen handeln worde, das sie sich nummer melier
zu I. M‘ versehen wollen.
Demnach wollen die kfen. gunstlichen an orator begert haben, er
wolle S. M‘ sulches nach der lenge berichten und I. M‘ von iren-
wegen utg. bitten, ir der kfen. weiter in dem in bedrachung irer
pflicht zu ferschonen, wolle aber I. M‘ über das jhe ainen rom. kg.
haben, das doch die kfen. am libesten, das es ferbliebe, sehen wollen,
dan I. M‘ wollen sie, so es ge.sain mocht, for iren ainen hern
keisser und konnig jhe gern in reich haben. Wo aber sulches
I. kais. M‘ nit gefellig sein wolt und jhe ainen kg. im reich haben
wolt, wollen sie gebettcn [haben], kais. M' wollen sie die kfen.
ainen waltag laut der gülden bollen Kais. Corels des virden haben
lassen und aldo ungez(wjungen iren pflichten nach wellen, wen ain
ider in sainem gewissen und wie ers vor got verantworten wold,
welchen er for ainen romissen kg., der dem heil, reich am nutzten
und zu der re]g]irung am bekemmesten achtet, wellen wold, so wollen
sich die kfen. in solcher wal, wie denen getreuen kfen. iren
pflichten nach geburet, mit verlaihung gotlicher hulf erzaigen und
halten.
Wer nun der orator bedacht, sulches forderlichen in aigener
person kais. M‘ zu berichten, so wollten die, Kfen. es dahci heruhen
lassen. U'ure es aber dem Orator ungelegen, .so wären die Kfen. be-
dacht, fdrderlieh.st ihre Botschaften an Kais. xn schicken and
.solches und was sonsten die Xottnrft .sein wollte, Kais. J/' vorxutragen.
Digitized by Google
No. 8: 1529 Fcbr. 25.
109
IVetin hei den Kfcu. .solche Kinträchtigkeit zu erreichen itd, so
trdre für diesmal genug dafür getan, daß Ferdinandus nicht xum
röm. Kg. enrählt ivird.
Merkte tnafi aber, daß die Kfen. xum Teil oder alle auf dem
Wege nieJit he.stehen wollten, sondern daß sie von Ferdinand underwauet
seien, ihn xum Kge. xu wählen, so wäre in folgender Urne dagegen
XU verfahren: Nenilich das etlichen fürsten, den mocht vertrauet
werden, in hohem vertrauen sulches angezaiget word, als mkgf.
Jorgen von Brandeburk, hz. Pillipsen uncl hz. Ernsten von Braun-
schweig, hz. Heirich von Meckelburck und dem lantgraifen, item dem
bischof von Ossenbruck, dem von Anhalt. Nachdem nun zu ferhoffen,
das Pfalz sulcher wal auch zu entkegen sein werd, so het Pfalz es
auch etlichen fürsten anzuzaigen, die auf dem reistag sein mochten,
als hz. Wilhelm und hz. Luwigen von Wayern, hz. Fridrich von
Bayren, hz. Ottheirich von Baj’ern, etlichen bischotfen, die sein
bruder weren. als der bischof von Speyr, bischof von Regens-
purck, bischof Freisingen, bischof von Wurms etc. und das darauf
prakticirt worde, das die genanten weltlichen fürsten erfordern im
allain zu sich an weisein rette aber botschaften, desgleien geistlichen,
die benent, die andern geistlichen fürsten auch sunderlichen an rette
aber poschaft. und zaigen itlicher tail den sainen an als die geist-
lichen den geistlichen, die weltlichen den weltlichen, das sie glau-
lichen angelangt, wie das wieder den alten löblichen gebrauch durch
Unterhauung, .so hei etlichen Kfen. ge.sehrhen, ein römischer König ohne
freie Wahl gewählt werden sollte und das Haus Oesterreich Erhherr
des Reiches hleilmi wollte. Das hätten sie ihnen, nachdem .sie es mit
Schreck ersehen, nicht unterlassen wollen anxuxcigen, in der Hoffnung,
daß sie bereit seien, es mit ihnen abxuwenden . Käme es nun dahin,
daß der genannten Fürsten Bedenken xuer.st gehört werden wollte, so
.sollten .sie ihren Ratschlag darauf steUen : Da es vor allem auf die Kur-
fürsten nnkäinc, .so sollten etliche der ülte.sten und fähigsten Fürsten xu
den Kurfürsten geschickt werden und ihnen anxeigen, daß solches an sie
gelangt icäre. Sic .sollten sich dann bei ihnen darüber heschweren und
erklären, daß man zwar in ihrem Wahlrecht .sie nicht be.sehränken
wolle, alter sie doch an die Bestimmungen der goldenen Bulle erinnere.
Wenn sie diese verletzten, müßten die Fürsten dafür sorgen, daß
Schaden verhütet werde. Sie hofften aber, daß> es dabin nicht
kommen werde und daß sie sich halfen ivürdcu, wie ihnen gezieme
und ') iren pflichten nach gebueren und in dem nichts auseheu, es
wer, das sie bedrauet wurden, beschwert zu werden, oder aber,
das innen vil und gros zu geben verheissen wurd oder was es
gesein mocht, dan sie weiten sich erboten haben, so sie sich der-
gestalt hielten, so innen dan darueber beschwerung zuzefuegen
wolt understanden werden, das sie wai inen als den kfen., die das
römisch reich treulich und woll mainten, mit darstreckung
l) Von hi^ an auch in den Kopien, Vertjl, S, lOS.
Digitized by Google
110
No. -9: 1529 März 13.
ires leibs und guets nit verla.ssen, sondern treulich bei ihnen zu-
setzen.
Wolten sich dcrhalben versehen, sie wurden solch ir anzaigung
nit anders vermerken, dann dieweil es dergestalt an sie gelangt, das sie
es ir pflichten nach nit hetten unterlassen mögen, inen anzuzeigen,
und tetten sich zu inen als zu ircn freunden versehen, sie wurden
in dem des reichs nutz und wolfart bedenken und dergestalt
darinnen erzaigen, das sie die kfen. nichts einreumeten, das dem
reich nachteilig und zu ewigem beschweren raichete, das wolten
sie neben dem, das sie for gott und der weit zu tun schuldig, auch
ires Vermögens freundlich verdienen etc. alweg befunden werden.
Nu ist kein zweifei, wann dergestalt die handlung vorgenommen,
es worde den andern fürsten, die die freiheit des reichs lieben,
solche antragung an die kfen. auch gefallen, und wer dardurch zu
gott zu verhotfen, es solt dardurch soviel ausgericht werden, das
furkomen, das Ferdinandus nit konig worde. Got geb sein gnad
darzu amen.
9. Ilrrxoff Johnnn Krirdrirh an Graf Wilhelm von Neuenahr,
Weimar 1529 Marx 18. Reise Johanns xnm Reichstag, Anf-
forderung, dorthin xti kommen and seine geheimen Naehrichien
Minckwitx mitxntcilen. Der Kurfürst ron Köln. Gründe des
Ikiheimbleibens Johann Friedrichs. Geldrische Angelegenheiten .
Die unterbrochene Reise nach Rühmen. Ilerxog Georgs und
Luthers Schmüh.schriftcn. Angebliche Reise des Kaisers ins
Reich, die geidante röm. Königsirahl. NenenaJns Dienste bei
König Ferdinand. [Antwort auf Brief des Grafen vom 31. Jan.
1529. Cornelius X, 8. 153 — 155.]
Eigrnh. Konz. Heg. E. fol. No. SS^ JU. SIO — SIS. Bejuitzt: S. 4^, fIS.
Dank für die Gratulation. Ich und mein Gemahl hatten Euerem
vorigen Schreiben nach eigentlich Kueren Hesneh erwartet.
Dank für das Erbieten xum Reichstag xu kommen, wenn ich da-
hin gehe. Ihr werdet wohl schon wissen, daß mein Vater inxwischen
auf dem Rt. angekommen ist, hat mit sich von S. Gn. vertrauten
retten gf. Albrechten von Mansfelt, er Hans von Minckwitz und
doctor Brucken S. Gn. alden canzler, und wil derhalben euch
gebetten haben, Ir wollet Euch nichtes ferhindern lassen, zum
förderlichsten dahin zu raiten und dasgenige, das Ir von notten
achtet S. Gn. zu wissen. S. Gn. seihest anzaigen, das weren S. tln.
zu besundern gefallen von Euch ferinerken, was Ir aber mir wolt
zu wissen tuen, das sich nit wil schreiben lassen, das wollet er
Hanssen von Minckwitz fertreulich berichten, mir sulches forder zu
fennelden.
Nachdem ich auch in Euerni forigen schreiben vermerket, das
m. 1. her und freund der kf. von Collen ein gntter Sachs sai, wie
ich auch S. L. ihe nit anders befonden habe, nun bilde ich es ganz
for gut zu sain, das Ir, wie Ir wol zu tuen wist, auf die wege ge-
Digitized by Google
No. 9: 152fl März 13.
111
handelt hette[tj, das S. L. und in. gn. h. und vatter in besunder
freuntlich bekentenus und frcuntlichen fertrauten willen kemnien,
da.s solt zu til Sachen gut sain, so wert es auch an meines gn. hn
und vatters tail meines fersehens ganz kainen mangel haben.
Ich wil auch an Euch mit gnaden begert haben, das Ir mein
hern von Köllen m. fr. dinst sagen wolt und so es S. L. an gelück-
lichem christlichem zusthande an seile und leibe geluckselliglichen
erginge, das ich es ain besondere freude hab zu erfarcn, und wollet
mich S. L. . . . befellen.
Ich bin itziger zait aus befarung der geschinde leuft daheimet
blieben, auf das auch imant im lande .sei, wan es aber an das wer.
wolte ich auf diesem reicztag ganz gerden sain und lieber dan ich
noch nie auf kainem gewest, dan ich achtes darfur, das fil selzammer
bracktigken verbanden sain werden, als sie neulichen gehört sain
worden.
Das die Brabander und der hz. von Geldern so in gutter ainig-
keit sthehen. höre ich nit ungerden, wan es nort ainen besthand
bette, ich hab aber sorge, es wer der wek nit haben; so aber etwas
m. hn. von Collen, m. hn. vattern dem hz. von Cleve und Gulch
n. achteiliges daraus entstehen solt. wer es mir ganz treulichen lait,
wüste ich auch etwas zu ratten und helfen zu abbendung desselbigen
und ich derhalben ersucht worde, wolde ich es freuntlicheii und
treulichen tuen.
Aus was Ursachen ich wieder umbkeret von wegen m. hn.
und vatters und anderer fürsten von Sachssen die leben wai kön.
W'*' von Beben zu entpfaheii. wert Euch er Hans von Minkwitz nach
notturft zu berichten wissen und wie gleich es dem haus von
Sachssen von dem Behemmen forgeleget ist worden.
Das main vettern hz. < Jorgen und des Lutters schmcschrift,
so sie wieder einander getan. Euch auch ist zukommen, ist mir
wol etwas bunderlich, dan ich hette nit geinainet, das waide schrieften
so fil ere wert weren. das sie so weit gefurt solten werden, dan
in Waiden wenig guttes zu befinden, und wer fil besser gewessen
von allen tailen underlassen dan getan, es ist auch zu ferhuttung
crgers dem Lutter von m. gn. hn. und vattern ferbotten worden
mit der Sachen zu schreiben sthillc zu sthehen.
Das kais. M' den summer aus Ispanien in das Deutzland
kommen solt, das wer ich auf das höhest erfreuet, und kunt auch
dem reich nit wol aus fillen Ursachen ain grossr nutz und wolfart
beschehen mugen, dan das wir Deutzen unssern rechten kaisser
und hern wai uns betten, ich hab aber aus der gemainen sage, die
hie zu lande zu reden gehet, grosse sorge, es werd nichtes sain.
dan die gemain sage ist. kai.s. M‘ wolle sich des reiches verzaihen
und der von Waltkirche hab befel, mit den kfen. sunderlichen und
semptlichen von wegen kais. M‘ zu handellen, das sie I. M' bruder
kg. Ferdinandus zum roinissen konig machen sollen, man wil auch
sagen, das derhalben am maisteu diesser reichstag ausgeschrieben
Digitized by Google
112
No. 10: 1529 März 22.
sai worden, so nun dem also, ist sich schwerlichen zu femiutten.
das kais. M* in das reich kommen soll.
Was aber Euern dinst wai konig Ferdinandus anlangen tuet,
hab ich Euer schreiben nit anders dan gner. mainung versthanden,
hab Euch dazumal von Aldenburck aus darauf allenthalben main
geinut angezaiget, dorauf ich es beruhen las, dan Ir wert Euch in
dem, was Euch am besten bedeucht, wol zu halden wissen. Ich
muss Euch aber aus einen vollen bussen schraiben, ich hoff, wan
der konig Ferdinandus romisser konig wird und Ir S. kon. W“*'
hoffmaister, Ir werd mich doch der alden treue genissen lassen, das
ich nit for der tur sthehen darf, sundern mir helfen, das ich walt
/= ImiIiI] zu gner. audienz kommen mag.
Was mit Euch aber von koniges wegen weiter gehandelt, wollet
mir auch unferhalden sain lassen. D. Waimar, am sonnabent nach
Letare im .\XVIIII. jar.
10. llerxotj Johann Frirdrivh an Hanx von Minckintx, JVeimar
152!) Marx 22. Fleischesscn und 15-edujen auf dem Reichstay.
Die Räte sollen dafür sorycn, daß der Kf. fest hteibt. Hans
r. d. Planitz soll nicht alle Aufträge des Königs an den Kfen.
annehmen. Franz von Lüneburg. Hcrxog Georgs Antirort an
Mincku'itx. Das Bedenken wegen der Königswahl. Herxoy
Georg kommt nicht xnm Reichstag, auch der Kf. von Branden-
burg nicht. Bestellungen an Taubenheim und Planitz.
Iltllf. Reg. E, fol. S7a, So. Jol. 6S — 65, eigenh. Kom. ebda. fol. SIS — S17,
Benutzt: S, 71.
Dank für Deinen ausführlichen Bericht, kann nicht auf alle Artikel
antworten. Freude, daß alle gesund in Speier angekommen sind.
Das dem kounigk so fil am flei.sessen und predigen gelegen,
nimet mich nit bunder, dan ich gleube, das der teuffei in inen und
sain hoffesinde in der Sachen mit gewalt reitet und das der teufel
meint, wan es auf diessem reistag auch erhalden worde, als ich zu
got hoffen wdl. es mocht ain veijarung ainfuren, wan man es auf
itzigem reistag leiden muste.
Ich hoff aber Ir und andere m. gn. h. rette wert nit ander.s
ratten, dan das S. Gn. auf dem. das gptlich wort mit sich bringet,
feste stehe, es gehe doruber, wie got wil. dan ich weis, das m. gn.
h. des geuiuttes nit ist, davon abzutretten, es worde dan S. Gn.
mit schonen Worten, wie man wol tuen kan, anders geratten, des
ich mich doch zu Euch allen von retten ganz nit versehen wil.
Mich bedeuch auch, es solt gut sein, das es Haussen von der
Planitz undersaget worde, das er sich enthilde, dergleichen Sachen
an m. gn. hn und vattern von des konniges wegen anzutragen, das
er sich entscholdiget. er wer m. gn. hn. diener, das in kön. M‘ do-
mit verschonen wolt und es durch andere S. kön. M‘ diener und
rette mit S. Gn. handeilen lassen, bilde ich es darfur, es solte til
sulchcr suchung nachbleiben.
Digitized by Google
No. 11; 1529 März 26.
113
Hx. Franx i'07i Lüneburg kommt nicht xum Bt. Die Ur.sachcn
mündlich, auch der lüneburgisehc Kanxlcr wird sie Euch wohl an-
xcigen können, sie sein aber so gut, als sie sein mugen.
Das Euch herzog Jorge so ungeschickt antwort geben, gefeit
mir ganz nichtes. es wer aber clannoch nit ungut, das Ir sulches
an konnigk als an den rechten lehenhern gelangen list und seiner
kön. M' rat darinnen bettet. Was main bedenken belangen tuet,
hör ich gerden, das in rat kommen ist, ab doch got wolt genad
geben, das etwas guttes dorinnen mecht ausgericht werden, es wer
aber ein gutte lueiuung gewessen, das ir rette dargegen bedenken
geschrieben bettet, ab wir nichtes zu tuen, dan übel gegen ein-
ander zu schreiben, auf das die zait dannit vertriben word und
die Sachen dardurch verlastet. das dornach die schult dorauf ge-
welczt werde, man bette warten müssen, bis main bedenken wieder
kommen wer. ich kenne die doctorrenke wol. got lob das nach-
blieben ist. So hab ich m. gn. hn. u. vattern auf S. Gn. schreiben
wieder geschrieben *) mit mainer bossen hant der Sachen halben,
wie Euch an zeifel wert angezeiget werden, und hab kainen zeifel,
Ir wert es an nichtes, was Ir getuen kunt, erwinden lassen, das wir
den man nit zum hern haben dürfen. Graflf Albericht wert nun
ankommen sein, dem wollet main bedenken lessen lassen und helfen,
das nichtes verseumet wirt, dan es wil meines bedenkens zeit sain
die Sachen mit den kfen., wie main bedenken anzeiget, anzufahen,
dan man mocht leicht zu lang harren . . . D. W'eymar, am montag
nach palmaruni im XXVIIII. jor.
[F. S. fol. 61\ mein vetter hz. Jorge hat auf den reistag eigner
person gewolt, ist aber sein liebe, da sie haben auf sain wollen, krank
worden und .schigken Hans von Schonbergk und doctorn Wertem
tlahin. So kan der marggraff von huren aus der harniskammer nit
kommen-) und wert, als mein kuntschaft laut, den bischof von
Lebus daliin verordenen.
Grüßet Christoph von Taubmheim und entschuldigt mich bei
ihm. daß ich ihm nicht wieder .schreibe.. Den schwarzen edlen er
Hans wolt mir auch grussen und im sagen, der sol der bossen
Sachen, die im der konnigk betilt, nuissig gehen, ober wil in, wan
ich zu im komme, in wasser werfen.
Besorgt mir xwei große lederne gepichte Flaschen.
11. Herxog Johann Friedrich an Kurfürst Johann, Weimar 1.529
Marx 20. Antwort auf den Brief Johanns vom 17., dessen
Inhalt sich fast völlig aus dem vorliegenden ergibt. Vermutung,
daß die Artikel über die Türkenhülfe und das Begiment auf
Ferdinand xurückgehen. Ermahnung xum Widcr.stand gegen
die Aufhebung des vorigen Beich.sabschieds.
1) Am 2t. Hört. Hdbf. in Reg. E. fol. S7a, 2fo. SS, fol. 61, ohne mehlige
neue A’nehriehten.
2) Bezieht »ich auf da» Verhältni» .foaehim» zur Frau Hornung».
Beitr^K« zur neueren OcKhiebte ThurLn^^ns I. g
Digitized by Google
114
No. 12: 1529 April 8.
Hdbf. R^g. E. fol. S7a, Ao. gS^ Bl. 69 f., eigenh, Kom. fbemla Bl. tl7Sl9.
Bcnnizt:'S. 42, 72.
Ich hab E. Gn. schreiben verlessen und . . das der reistag
angefangen, hab ich gerden gehört, got geh das etwas, das zu got—
lichein lob dinstlichen und zu wolfart des reiches nützlichen aldo
gehandelt w erd , aber die artickel , die von wegen kais. M‘ den
sthenden des reiches sain angezaiget. saint etwas heftig, und ist
wol daraus abzunemen, das sie am meisten von konnigk von Behem
herkommen, achtes auch ganz wai mir darfur, das sulche artigkel
von konnigk dergesthalt kais. M* uberschigkt und den befel also
dorauf ausbracht ist worden, oder aber das sie der konnigk als
stathalder im heiligen reich heftiger gesthellt und verlessen haben
lassen, dan kais. M‘ dieselbigen aus Ispanien befollen haben, es ist
leichtlichen abzunemen, den die zene /= xueil, artigkel die turken-
hulf und underhaldung regimentes und kammergerichts belangent
kommen niemandes zu gut den dem konnig allain, dan der Turk
leit im am hertesten an. dieweil sich sain kön. M‘ des uberzoges
versehen mus, so hat sein kön. M‘ befor das regiment von iren
er[b]lauden erhalden müssen, welches nun auf die sthende des
reiches wil gewelzt werden.
Nachdem ich aber aus E. Gn. schreiben vermerk, das der Spey-
risch abschit auf forigem reistag von kfen., fürsten und sthenden des
reiches aufgericht, darain auch kg. Ferdinandus als sthathalter kais.
M', desgleichen die veordenten fürsten, die dazumal commissarien ge-
wessen sein, gewilliget haben, nunmals auf diessem reistag ganz dot
und ab sein sal, ist etwas erschrecklichen zu hören, das nun wil umb-
kert werden, und ist daraus wol zu ermessen, was das folk im sin hat,
got maches nach seinem gotlichem willen, es wil aber sulches nit ain-
zureumen am meisten, nach der weit zu reden, an und wei E. Gn.
sthehen, das E. Gn. mit denen, die dem gotlichen wort anhengig,
die wiederwag halden mus.sen und sunderlichen mit den Stetten, dan
wan E. Gn. allain fest halden und die andern an sich zihen und
mit innen sich ganz nit abwenden lassen, werd mit Verleihung got-
licher geuad der forige abschit aber ain bessers wol erhalten werden
und sunderlichen wan E. Gn. des beschlus erwarten *)•
Und das mir E. Gn. ain repir geschigket haben, tue ich mich
ganz utglichen. bedanken und gefeit mir fast wol, wil es auch umb
E. Gn. hinwieder als umb m. gn. hn. und vattern verdienen.
Ich weis E. Gn. nichtes besunders von Zeitung anzuzeigen, dan
das am palmsontag E. Gn. alder getreuer diener Marckus Schart
zu Gessen (V) gestorben ist . . . D. Weimar am karfreitag ganz eilenz
im X.WIIII jar.
12. Ilerxog Johann Friedrich an Kurfürst Johann, Weimar 1529
April 8. Antwort auf Brief vom 30. Marx. Auseinander-
1) Im A’onz, hier noch ein AbAchnitt, in dem empfohlen wird, die. Glanhenefrage
vor der Türkenhülfe voreunehmen, um Ferdinand in ereterer wichgiebiger xu machen.
Digitized by Google
No. 12; 1529 April 8.
115
xelxung, daß Sachsen in der Wahl frage Vorgehen muß, auch
wenn nichts darüber an den Kurfürsten gelangt. Rat, es xu-
nächst mit Pfah, Trier und Köln xu versuchen. Sind diese
nicht XU luibcn, dann muß man die früher empfohlenen anderen
Wege einschlagen. P. S. Einige Bedenken icegen der Türken-
hülfe .'find an Anhalt, Mansfeld und Minckieitx geschickt.
ßdbf. Reg, E. fol. SJa, No. SS, Bl. SS8 — SSO; eigenh. Konz. vom. 6. Aprile
Ia>c. lOGllf ffSchreihen und Bedenken’*, fol. S1 /. Benutzt: S, ?0, 72.
Ich hab E. Gn. wiederschreiben mit ainer /= eigner] haut die
Sachen halben, bie E. Gn. bewust, belangen!, welches datum sthehet
Speier dinstag nach ostern, hab ich montag nach (luasiniodogeiiiti ent-
pfangen und . . . versthanden, und das E. Gn. meiner nachtrachtung
zeu vetterlichem gefallen angenommen, hab ich mit besundern freuden
vermerkt, und zceifelt mir ganz nit, E. Gn. weren sich in betrachtung
der wolfart des reiches und E. Gn. seihest wol zeu halten und
unferweislichen zeu erzeeigen wissen. Ich fermerk aber neben dem
aus E. Gn. schreiben, das derhalben nach zeur zcait nichtes mit
E. Gn. gehandelt und geret sei worden. Nun wil ich E. Gn. allein
das erinnern, das im E. Gn. weiter nachzeugedenken, es wil zeu
besorgen sain, das E. Gn. deshalben nichtes werd vermelt werden,
es sai dan sach, das wai den andern kfen. sulches nach allem willen
bereit erlanget sain, wolt dan alles, was E. Gn. forwenden solt,
beschwerlicher zeu handeln und etwas fruchwars auszcurichten sein,
dan so zeufor von E. Gn. etwas mit den kfen. aus den dingen
geret und geratschlagt wer worden, so inugen E. Gn. meines törichten
bedenkens wol darzu kommen, (las E. Gn. kegen niemandes mit
gründe verdacht mug aufgeleget werden aus folgenden Ursachen :
Dan E. Gn. hetten den kfen. anzcuzccigen, welcherlei gesthalt
von kais. M‘ orator den von Hildesheira aber Waltkirchen von wegen
kais. M' wai E. Gn. suchung getan, das Ir. M‘ bruder zeu (besser
Sachen solt gemacht werden, dieweil dan E. G. nit zceifelt, es
werde dergleichen suchung an I. L. auch gelangt sein, hettens E. Gn.
innen . . sulches nit onangezeeigt wollen lassen, aus dem das es
E. Gn. dafür hilden, nachdem das ein wichtiger und dapfer handel
wer, diewail nun I. L. auch E. Gn. aldo wai einander, das sich I. L.
und E. G. mit einander davon underret hetten, auf das ein ider,
so weiter suchung beschehe, Wissens hette, was sich I. L. und E. Gn.
underret, was zeu antwort zeu geben wer, die von ainem kfen. als
von andern gefil, und ain gleichheit in den dapfern Sachen sich ver-
einiget und verglichen werde.
Nun werde sulche aber dergleichen anzeeigung, wie sie von
E. Gn. zeu bedenken sein werde, von niemand mit Willigkeit mugen
verarget werden, sondern E. Gn. must til melier das lob geben
werden, das E. Gn. die wolfart des reiches treulichen erinnert.
Bedechten aber E. Gn., das nit gut sein solt, mit allen kfen. zeu-
gleich von den dingen zeu reden, und das E. Gn. etwas dorinnen
bedenken hetten, so haben doch E. Gn. besthendige Ursachen, wei
8*
Digitized by Google
116
No. 12: ir)29 April 8.
Trier und Pfalz anzcuregen, nachdem ain tag kegen Folda aber
(lelenhaussen hat gemacht sollen werden '). das die zcene kfen. und
E. Gn. aldo hin kommen und sich von den dingen zcu underreden
gehabet hetten. und wiewol Pfalcz denselbigen tag abgeschrieben
mit dem anhangk, so fil ich mich zcu erinnern von E. Gn. gehört,
das S. L. mit E. Gn., und dem bischof von Trier auf dem reistagk
von den dingen reden und handeilen woll: auf dem haben E. Gn.
gcnuczamme bckemmickeit zu benigesten mit den zceihen kfen.
vertreulichen von den dingen zcu reden.
So achte ich ganz darfur, dieweil graff Wilhelm von Neunahr
zcu Speiher ist, das E. Gn. als mit Irem rat und diener darvon
in vertrauen zcu reden haben, dan er wert E. Gn. in dem und
andern ganz gehainier (?) sein, und sunderlichen das der von
Neunahr sich fuglichen am kfen. von Collen erkunde und S. L.
gemut, was S. L. in dom genaiget, erlernet worde. Wie nun E. Gn.
sulches durch des von Neunahr handelung befunden, hetten E. Gn.
darnach die Sachen an Collen zu gelangen aber zcu underlassen,
dan ich achtes ganz darfur, E. Gn. weren nit anders wai mein hn.
von Collen befinden, dan das S. L. gotlichen wort wolgenaiget sain
Wirt for ainen bischof und E. Gn. mit allem freundlichen willen
mainen.
Wan nun E. Gn. mit gotlicher hulf wei denen dreihen kfen.
die handelung rechschaffen befunden, und das sich I. L. ain-
trechtig mit E. Gn. ainer christlichen und erlichen antwort fer-
glichen, hetten E. Gn. alles, das aus der suchen entsthehen mocht,
men.schlichen zcu reden, verkommen.
Befunden E. Gn. aber die suchen anders, das got mit genaden
abwenden wolle, hetten E. Gn. auf die andern wege zcu trachten
und gedenken, und hab solches aus utgem. gemut freundlicher und
treuer mainung als der sorkfeldige E. Gn. nit verhalden wollen
mit bit, das E. Gn. nit anders dan wie ich es treulichen maine,
versthehen wollen .... D. Weimar am donnerstag nach quasi-
modogeniti im XXVIIII jar.
Jin Qr. auf Bl. 229 nrtch ein P. S.
.... Als mir auch E. Gn. der turkenhulf halben geschrieben,
darauf wil ich E. Gn. nit bergen, das ich als der sorkfeldig der
türkenhiilf halben etliche bedenken hab sthellen lassen, allain zu einer
erinnerung, und hab sulche meinem ohem von Anhalt, gf. Alberichten
von Mansfelt und er Han.ssen von Minkwitz zugeschick, denselbigen
weiter nachzugedenken, dan ich hab es nit wirdig geachtet, das
ich E. Gn. darmit bemühen solt. So aber E. Gn. wai obgenanten
mainen ohem von Anhalt und den andern befunden, das etwas
darinnen, das wirdig. damit E. Gn. bemühet solt werden, so haben
E. (in. wai I. L. und inen zu erfordern.
. . . . D. ut supra.
1) Ob nich tiat au/ die Verhandlungen von 15tS/tti beiiehtt
Digitized by Google
No. 13: 1Ö29 April 14.
117
13. Herzog Johann Friedrich an die Herzogin Elittabelh von Sachsen,
Weimar 1.529 April 14. Erklärung, iresludh er so selten schreibe.
Herzog Georgs und Luthers Streit. Das Bündnis 7ind der
Des.saucr Abschied. Back. Unberechtigte Klagen Georgs. Zu-
rückweisung der Behauptung, daß er lAindgraf Philipps Fest-
halten an Pack bewirke, den Landgrafen überhaupt schädlich
beeinfhisse. Die Schuld, daß es zwischen Georg und Kurf.
Jolmnn nicht zu einer Versöhnung kommt, trägt nicht Johann,
sondern Georg. Erfolge der evangelischen Ih'cdiger auf dem
Reichstag.
Eigtnh. Kt>nz. Reg. A, HO. Hennizi: S. 4^, 54» ^7.
Wenn ich E. L. so lange nicht geschrieben habe, so ist es nicht,
wie E. L. meinen , deswegen geschehen , iceil ich E. L. zürnte,
sondern ist aus dem ferblieben, wie ich E. L. foruias oft hab an-
gezaiget, mit was sorgen ich almal E. L. schraibe, so sehen E. L.,
wie es iezt mit den briefen .selczani zugehet und ich nit wol wissen
mag, wen ich mit Überreichung der briefe trauen sol. dan der traue
ist icziger zait ganz mislichen, so kan gelt wol schelke machen.
Aus dem und kainen andern Ursachen hab ich main .schraiben an
E. L. underlassen, so es aber E. L. über das haben wollen, das
ich E. L. schreiben sol, die brief kommen in andere hende aber nit,
und E. L. kain nachtail doraus entstehet, ist es nit ain schlechte
Sache, dan was ich schreibe, es kumme, vor wen es wolle, werd ich
es wenig scheue haben, wan es sunst gut sain sal.
Was mir aber E. L. negst doctor Lutters schraiben halben,
das er wieder main lieben vettern hz. Jorgen von Sachssen hat
ausgehen lassen, geschrieben, darauf mag ich E. L. mit warhait
.schraiben, das ich waide schriefte. die wieder ainander ausgangen
sain. nit gerden gehört habe und hette leiden mugen, es wer von
Waiden tailen ferblieben, was aber m. gn. h. und vatter zu tuen solt
in dem scholdig sain und sthralf kein Lutter forwenden, hat S. L.
wai m. gn. h. zu melier mallen gesucht, aber S. (in. haben S. L.
darauf wieder antwort geben, dawai es S. L. mit einer mas hat
bleiben lassen, wie E. L. an zeifel der suchung und antwort genuck-
sam wert Wissens haben, derhalben ich E. L. damit nit bemühen
wil, waiter ferraeldung E. L. darvon zu tuen.
Wie es aber umb das buntnus gelegen und was ich E. L. der-
halben geschrieben, weis ich mich got lob desselbigen wol zu er-
innern, was sich auch E. L. derhalben erkondet und sunderlichen
des Desissen abschides halben, wie es derhalben gelegen, wais ich
ganz wol, den main lieber vetter hz. Jorg hat denselbigen Desissen
abschit m. gn. hn. und vattern zu der Nauburg auf aiuem tag kurz
darnach gehalden, schriftlichen ubergeben, wie nachmals verbanden
ist und wenig fridliches darinnen zu betinden.
Es ist auch nochmals wol verbanden, was for ain schrieft von
kais. M‘ aus Ispanien an die zene graften graft’ Wilhelm von Nas.sau
Digitized by Google
118
No. 13: 1529 ÄprU 14.
und graff Ebliarten von Kunsthain (= Königstein) ist ausgangen,
darinnen kais. M‘ anzeiget, wie sie und von wem sie bericht sai,
welcherlei gesthalt etliche curfürsten ain bunnus furgenommen,
nemlichen der Cardinal und erbisclioff von Maincz und Maideburck,
hz. Jorg von Sachssen, hz. Heirich von Bruns weig mit etlichen
andern curfursten, fürsten und sthenden des reiches zu verhuttung
wieder die Lutterissen, ob sie sich untersthunden, mit list oder ge-
walt immandes zu innen in iren Unglauben zu dringen, einer bunnus
halben mit ainander furgenommen und gehandelt etc. daraus sich
allei (allerlei't) in zu erkunden und zu ersehen, und nit unglewlichen
ist Waides (weil cs't) kais. M* schreiben mit sich bringet, das an
dem buntnus, darvon solches schreiben meldet, etwas sain wirt.
Was aber Pack von dem bunnus gesaget, auch fordern E. L.
von dem von Wirtenberk, graft’ Albrechten von Mansfelt und mir
gesaget, las ich auf im seihest bleiben, dan was er E. L. ange-
zaiget, darf keiner Verantwortung, dan sain aigen aussage, so er
uffentlichen for aller fürsten retten, die dazumal zu Cassel gewest,
getan, zeiget genucksam an, das er E. L. unwarheit und ungrunt
ding bericht hat.
Welcherlei gesthalt aber main lieber vetter hz. Jorge E. L.
geklagt, das S. L. von m. gn. hn. und vattern nie het erlangen
mugen, das S. Gn. S. L. hette geschrieben, das S. Gu. S. L. der
Sachen eutwissen (V) wollen mit Bock etc. dorauf wil ich E. L. nit
unangezaiget lassen, das ich mich zu erinnern wais, das S. L. wai
m. gn. hn. und vattern derhalben suchung getan, dorauf S. Gn.
S. L. zu allen mallen dermassen antwort geben, die S. (in., ab got
wil, wai inenlichen unporteis unferweislichen sain werden, und auf
das E. L. derselbigen antwort wissen mugen haben, bitten E. L.
iren her vatter, das S. L. E. L. diesselbige antworten wol sehen
lassen, weren E. L. nichtes unbillighes dorinnen befinden.
Das aber S. L. mich mit darein zihen tuen, das ich S. L.
sulches nit verwissen wolt. mag ich E. L. mit warheit schraiben,
das S. L. derhalben mir nihe geschrieben aber angesucht, hab ich
S. L. derhalben kain antwort geben. Das ich und graft’ Albrec.ht
müssen das creucz tragen, das alle scholt unsser sain sol, hör ich
gerden, das so gutte leut wai E. L. sain, die uns sulches ungrunt
auflegen. Ich wais aber, das der graff und ich, auch andere m. gn.
hn. und vatters rette nit anders S. Gn. ratten, dan wie wir der
ferwantuns nach, darmit wir S. Gn. zugetan, cs schuldig sain und
das nit anders ist, dan christlich, erlich und das S. Gn. fug und
recht haben. Ich gleube aber, das ich ain frummer vetter sain
worde und die anileru getreue rette, wan wir ritten, das m. g. h.
vatter alles das tette, das main lieben vettern gefiel, und darumh
wieder got noch gewissen ansehen und ganz S. L. knechte weren,
was S. L. haben wolt, das wir ritten, dies m. gn. h. und vatter
tuen must.
Digitized by Google
No. 13: 1529 April 14,
119
So aber über das imant von E. L. retten aber wer sie sain,
uns anders auflegen, bitte ich fruntlichen, E. L. sagen innen, das
sie sulches nit E. L. sagen sundern uns. das wir es ferantworten
mugen, wollen wir, ab got wil, uns dergestlialt mit antwort vernemen
lassen, das die, die sulches erdichten, schamrot sthehen mussten.
Das E. L. angezaiget, das Ir vermclt sai, das die schult main
sai. das E. L. bruder über Packen so fest heldet etc. ich mus leiden,
was mir die frommen leut kegen E. L. und sunsten autlegen, dan
ich wais nit, wer sie sain, die mich dermassen austragen, E. L.
machen sie aber mir namhaftig, das ich mit innen dorvon reden
mag, und E. L. sehen zue, wer worhait aber unworhait anzaiget.
Aber ich mag E. L. mit worhait schreiben, das main lieber
bruder der lantgraff in langer weil nichtes mit mir darvon geret
hat, dan negst alhie. Was ich dan S. L. dorinnen geratten hab,
mochte ich leiden, das E. L. und iderman bust, dan ich hab S. L.,
wie man mir schuld giebet, nichtes unerliches geratten, sundern das
sain liebe mit eren und fug verantworten muge.
Das mich aber E. L. etwas hart anzihen, das mir E. L. aus
notturf anzeigen mussten, dan E. L. hetten nur aineu bruder, das
nun derselbige solt ferfurt werden, das er under die leut ausge-
tragen worde etc., darauf wil ich E. L. nit bergen, das ich nit
wenig beschwert, das mich E. L. . . dergesthalt anzihen sollen, nnge-
hort mainer antwort, als verfurt ich E. L. bruder, dan ich hoff zu got,
E. L. haben mich dergesthalt erkennet, das ich dergleichen Sachen,
die unerlichen sain sollen melier feint dan anhengig bin, fil weniger
das ich imandes in unerliche und unerbare ding furen solt, nit be-
fonden, dan ich zu got vertraue, ich hab mich main tag, an rum
zu schreiben, dermassen gehalden, das mir sulches billiehen nit
solt aufgeleget werden, wiewol ich wol gleube, das E. L. schraiben,
wie sie berichtet sain werden, aber dannoch solt ich nit unbillichen
mit dem ferschonet bleiben. Dan E. L. haldes aigentlichen darfur,
das ich E. L. bruders unfal und so sein 1. mit ichten beschwert
worden, gewislichen .so ungern sehen wolt, als E. L. ader imands,
das selbige auch zu ferkommen wolt ich auch ab got nach maiuem
fermugen so fil darwai tuen, als die E. L. und S. L. gutte wort
geben und grosse sorge haben, wie S. L. mochten ferfurt werden,
dan ich wais mich got lob frai, daß ich S. L. nichtes geratten, wan
ich an S. L. sthat gewesen, ich wolt es auch seihest getan haben
und S. L. haben tuen helfen.
Das aber E. L. waiter anzaigen, wie gerden E. L. her vatter mit
mainem gn. hern und vattern genzliehen und freuntlichen vertragen
sain wolt und wie gleich S. L. es unsserm teil forheldet etc., darauf
wil ich E. L. das berichten, das m. gn. h. und vatter alweg nit
anders gesucht, suchet auch nochmals nit anders, dan das S. Gn.
gerden mit E. L. hern vattern genzliehen und von herzen vertragen
sain wollen, und das E. Gn. wissen mugen, wes sich S. Gn. und main
lieber vetter wiederumb zusammen versehen sollen, welches E. L.
Digitized by Google
120
Mo. 14: 1529 April 14.
her vatter ganz nit tuen wil. Und auf das E. L. der Sachen waitern
bericht haben mögen, tue ich E. L. hiemit uberschigken, was m.
gn. h. und vatter derselbigen vettern landschaft, do sie die han-
delung am negsten bei S. Gn. landschaft gesucht, vor antwort geben
haben *), daraus E. L. befinden werden, wer es dem andern am
gleichsten furleget, den es wirt m. gn. h. und vattern gleich forge-
leget, wie es der Wende dem Deuczen forleget, der Deucz solt
eule behalden, so wolt der Wende den hassen behalden, ader der
Wende wolte den hassen behalden und dem Deuczen die eulen lassen.
So get man mit S. Gn. auch umb und wil darnach sagen, wie gleich
es S. Gn. forgeleget wirt und S. Gn. wollen kains annehmen, wan
wir aber auf unsserm tail sollen den hassen haben, wollen wir walt
sagen: Seit vertragen, hör Euch die eule.
Ich wolt nit weniger gcrden wai E. L. sain, dan E. L. schraiben,
und mich von den dingen mit E. L. underreden, wan es gesain mocht.
Vor Zeitung E. L. beger nach wais ich E. L. nichtes zu schraiben,
dan das m. gn. h. und vatter mit den sainen frisch und gesunt zu
Spciher auf dem reistag ist, und wie wol man S. Gn. das fieis zu
essen in der fasten hat weren wollen, auch die brediger des got-
lichen Wortes, aber S. Gn. habens mit gotlicher hulf erhalden und
gehen of in S. Gn. prediger und maines lieben bruders des lant-
graffen ainen tag ain se.\ aber acht taussent menschen, wan des
tages zcaimal geprediget wirt Gott wolle E. L. erkentnus seines
gotlichen wertes ferleihen und folgen! darinnen erhalden. D. Weimar
mitwochen nach misericordias doinini im XXVIIII jar.
14. Graf Alhrccht von an Hcrxoij Johann Friedrich
fSpeier] 1529 April 14. Bedauern, daß er nicht auf dem
Bcich.dag ist. Bericht über die in der Frage der Königsicahl
mit Trier und Köln geführten Verhandlungen, auf Pfalz keine
Hoffnung. Der kölnisch-jülichsche Streit.
Jllibj. Reg. R. fol. S7a, No. 8i(, Bl. 89 — 9S. BennUt: & 71.
Durch Hans von Mincku'üx werden E. f. Gn. erfahren haJwHj
rras bisher verhandelt ivorden ist, der Kanzler will auch E. Gn. Ab-
schrift aller Handlungen schicken.
E. f. Gn. werthen meins verhoffen keinen reichstag hinfurt
nicht meher haben, auf wellichem E. f. G. so nottorft als auf dissem
gewesen, di handelung wirt E. f. G. solchs zum teil anzeihen, so
seind die Ursachen durch Schrift nicht zu vermelden.
Di handelung ein rommischen konnig belangen! hab ich
mich fast bei einer stunde mit dem bischof von Dreiher (= Trier)
in underrete gelassen, wellichs kflich Gn. mich dan gnediglichen
gehört und einen weitschweiffenden mau funden, wiewol ich sein kf.
Gn. feil umbstede vermelt, doch die Sachen letztlich darhin bracht,
das er im mit m. gusten. hn. E. f. Gn. hn. vatern daraus zu uuder-
reten angenommen, befinde doch S. kf. Gn. gemut zu dem man
• 1) Vergl. Burkhardt, Lnndtaij»aktcn, /, S. 188 ff.
Digitized by Google
No. 15: 1529 April 26.
121
nicht gewilliget, aber die forcht ist gross, dergleichen dass der
man, so gern konig were, dem vermeinten geistlichen anhenigk
ist etc. und so in der underrete m. gnster. h. noch immanz zu
im nemhe, so es anders Vorgang gereicht, wolt ich hoffen, es solt
etwas fraucht [frucht] schaffen, sunst ist meglich, das es nicht sonders
vertreglich sein werte. Dermassen stehen auch die sachen mit Köllen
dan der von Morss. der bischof bruder, der von Manderstadt sampt
er Hansen und mir haben uns auf ein meinung underrett. aus
dem der bischof an kappittel und lantschaft in kein verstand nicht
gehen dorfe, das es allein auf einer fruntlichen underrete stund.
Demnach haben er Hans und ich ein korz verzeichniss, woherauf
di muntlich underrete stehen sold, begriffen, den beiden hern,
welliche es forder an den bischof getragen, zugestelt, aber ob der
bischof des also gesindt. entlieh antwort nicht erlangen mögen,
allein stehet es auf dem, das der bischof mit meinem hn. dem kf.
zu Sachssen, wan es S. kf. Gn. gefelligk. in feit zeihen und mit S.
kf. Gnen. selbst underreten wil, hab noch gestern m. gnsten. hn. des-
halben angerett, wils forder tun und schigke demnach E. f. Gn. Ver-
zeichnis der zedeln, so den beiden graffen in der sachen zugestellt.
Mit Pfalz hab ich nichts gehandelt, dan er kein Sach.sen nicht
kendt, kan es sich aber mit fugen zutragen, solchs sol nicht
underlassen bleiben. Ich wil weider erkondung haben und E. f. Gn.
solchs nicht verhalden und, so feil an mir, deis nicht sparen. Mit
beiden kfen. als Treiber und Kolln ist gehandelt, aber mit Köllen
nicht sonders.
Und in allem, so mir möglich das vor zu wenden E. f. Gn.
zu wolfart und gefallen reichen mocht, sol ich leib und gut nicht
sparen, trage kein zweifei E. f. Gn. werten m. gn. h. sein und
bleiben, dan mit den verhabenden sachen werte ich mich nicht
verdinnen etc. Privntanyckijenheiten. ... D. in eil mein hant
14 tage aprilis im 29.
\Zcttcl fol. ’JO\. Auf die gehaltene unterrede wird es dahin
verstanden und also, es sohlen sich beide kfen. Köln und Sachs.sen
in ungutem nicht gegen einander vermögen lassen, sovill auch ein
romi.schen konig belangt, von ein person vergleichen und stehen.
In den irrungen zwischen Köln und Gulch will der kf. zu
Sachssen im falh, da durch Köln und Gulichs rete oder lantschaft
den irrungen nicht mass fanden, gütlich handlung zu gestatten auch
ansuchen, und so S. kf. Gn. handlung, wie auf S. kf. Gn. ansuchen
ilurch Köln beschehen, von Gulich auch eingereumbt, alsdann
handlung vorwenden, so aber S. kf. Gn. eigner person sulchs for-
zuwenden verhindert, durch S. kf. Gn. son tun lassen.
15. Herxog Johann Friedrich an Hann von Minckiritx ( Weimar)
1529 April 2(i. Klayr nher.neine Schreihfaniheit.
Kigenh. Aont. Reg. E. fol. S7a, No, 81^ BL SSS f.
Dank für Brief, aus meines Vaters Bchreihen h(d/e ich Bericht
über die Angelegenheit des Erangeliums erhalten, wiewol ich befor
Digitized by Google
122
No. 16: 1529 Mai-Juli.
auf mein aigen kunschaft, er es mans mir geschrieben hat, sulches
auch erfaren hab.
Ich schreibe dem von Anhalt, graff Alberichten und Euch fil
briefe, ich krige aber wennig antwort, wie es zugehet, kau ich nit
wissen, ab Euch die briefe nit werden oder ab Ir zu seher auf den
abent trinket, das Ir nit schreiben muget, mir ist von Euch, sieder
das Hutten kommen ist, kein briff worden, dan gestern wei Euers
brudern knaben, der von Anhalt hat mir fast in dreihen wochen
nichtes geschrieben.
OcldaiKiclrgculieiten. Johann Friedrich leiht für Minchritx
2000 Gulden.
D. monta nach cantate im XXVIIII jar.
16. Etliche artigkel, die nach gelegenhait icziger gesch[w]inder
leuf zu bedenken von notten sain wollen. 1520 [Mai — Juli] ‘).
Gntachlen über das abxnschließende evangelische Bündnis.
Eigenh, A^f^ei4;knung JoJiann Friedrich» Reg. U. p. 10 L, Jvl. 76 ff. Benutzt:
S. 7S /. Ranke, III, S. 117.
Erstlichen nachdem sich auf dem itxigen vergangenen Beielmtag
des 20. Jahres ein Ziriespalt ergelmi hat, indem der meher tail von
gemelten kfen., fürsten und sthende haben wai dem alten gebreuchen
von menschen erdacht und erfunden pleiben wollen und dasselbige,
das von den alden vettern geschrieben und verordent ist worden,
vor christlich und recht halden und gleuben, und daher auch den
vorigen Beichstugsbesehlaß der Instruktion des Kaisers entsprerhend
für ungültig erklärt haben, nachdem aber der ander tail . . . die der
wenigiste tail zu diessem mal gewessen, haben wai menschen ver-
ordenung und Satzung nit ruhen aber bleiben wollen, sondern allain
wai dem claren und hellen wort gottes, das kain menschen leher wai
im leiden mag, und haben das erfurgesaezt, das sie got meher dan
dem menschen gehorchen und gehorsam sain wollen, und daher bei
dem vorigen Speierer Abschied bleiben trollen, so i.si es -xur Pro-
testation gekommen. Man hat von den Gegnern nichts Gutes xu er-
warten, es ist XU besorgen, das fil bossr praktigken und biintnus von
innen gemacht und aufgericht werden, unser tail zu uberziheu und
von landen und leuten zu ferjagen und genzlichen auszureuten.
Da nun dieselbigen konig, kfen., fürsten und sthende unssers tails
hern oder uberkait nit sain. sie auch von got zu kainer oberkait über
die unssern geseezt sain, sundern unsser tail i.st innen in aller ober-
kait und j)Otmessigkait gleich und ebenbortig, und also das uns.ser tail
1) Ein Vergleich diese» Stücke» mit der „Schteabucher EoleV* (P. C. I, S. mff.)
und der Instruktüm der hursuch». und brandenhurg. Räte zum Srlnrabacher Konvent
(J. J. Müller, S. Ü61 ß\) ergibt, daß die Ratschläge de* iViruen nicht unberücksichtigt
blieben. Entstanden sind sie jedenfalls vor dem für Aug. 9. geplanten Schtrabacher
Tage, icahrseheinlich aber auch vor dem Rotacher Tage (Anfang Juni), da auf dessen
Beschlüsse ja gar nicht Bezug genommen irird. Interessant ist, daß in Johann
Friedrichs Aufzeichnung von den religiösen Bedingungen für den Eintritt in den
Bund, die die Instruktion bei Müller aufweist, noch nichts zu ßnden ist.
Digitized by Google
No. lü: 1529 Mai-Juli.
123
nit weniger kfen., fürsten und sthende des reiches sain als sie,
nachdem dan unsser tail von got so wol als innen Untertanen geben,
dieselbigen wieder Unrechten gewalt zu schuczen: wil derhalben er-
folgen, das uns.ser tail for got schuldig sai, ire Untertanen kegen
dennen, so sie als die Untertanen, auch die oberkait von gotlichem
wort mit dem schwert dringen wollen, dargegen hanthabung und
schucz der Untertanen und kegenwer irer seihest halben forzunemen.
UV// U'ir dann ancli gegen den Artikel üher die Tiirkenhülfe
protestiert haben und daher wuht, wenn der Türke durch Polen,
Schlesien und die Lausitx gegen Sachsen xiige, ron den a/uleren
Ständen auch keine Hülfe xu erwarten haben, so ist nötig, in diesen
beiden Punkten folgende Artikel vorxunehinen : 1) Auf den Knnxeln ist
Gott uni Frieden xn bitten. Wollen die Widersacher seines Wortes,
seien es nun Papisten oder Türken, Unfrieden haben, so möge Gott
uns Vernunft und Weisheit etc. verleihen, ihnen Widerstand xu
leisten. 2) Muß man auf Menschenanschlüge denken, wie man sich
forschen kann, um nicht übereilt xu werden.
Und wer erstlichen forzunemen, daß die Stände des Reiches,
die dem göttlichen Wort anhängig sein wollen, sich vereinigen sollen,
daß, wenn einer überxogen wird, ihm auf eines jeden Kosten und
Schaden mit aller Macht und Vermögen solle geholfen werden, das
sich .solches ferglichen werde auf zene wege, erstlichen zu ainer
eilenden hulf und folgent zu ainer ganzen hulf mit aller macht, das
werend und bleibent sain solt.
Zu der eilenden hulf solt fast das ain weg und das best sain,
das in gcheiniet und verschigenhait ain heutman verordent worde.
welcher Jiin furst sain must, der des versthandes darzu wer und
nit zu ihehe oder poltern wer, der allemal auf ain jar zu seczen
und zu ordenen wer, und wan das jar umb wer, das alsdan der
zuzulassen, so er der geschiglickeit wer. oder ainander zu machen,
wai der ainigesverwanten willen und gefallen sthunde; demselbigen
musten ti krigesrettc zugeordent werden, als nemlichen 3 von des
curfursten und fürsten wegen, ainer von der graflfen wegen und
zeen [= xwei] von wegen der stette, als ainen von der oberlendissen
stette wegen und den andern von der Seczissen sthette wegen, an die
der heuptman nichtes, doran gelegen, zu handellen oder zu schaffen
haben solt, es sulten auch dem heuptman über das zugelassen
werden, zene sainer rette alweg wai sich im krigesrat zu haben,
welche doch kain sthimmen haben sollen.
Derselbige furst, der zu ainem heu])tman auf die masse. wie
gehört, gemacht solt werden, must ain gelt, wie sulches weiter die
anzal zu bedenken, geordent werden, welches nit fil ober gros .sain
dorft, damit er allenthalben durch das reich und in andere umb-
sthossende land sain kuntschaft zu besthellen und sthatlichen zu
verordenen hette, und wan sich zutruge. das dem heuptman ain
kuntschaft ankemme des Turcken halben, aber sunst, die das anseheu
hette, das sich etwas aufruris oder krigeshendel zu vermutten, die
beschwerung unsserm teil auf im haben mocht, das alsdan der
Digitized by Google
124
No. 16: ir)29 Mai-Juli.
furst, der heui)tman wer, die fi krigesrette zu erfordern, innen
sulches, was die kuntschaft mit sich bringet, anzeiget, iren rat und
bedenken darinnen zu hören.
Auf das nun sunster weniger Übereilung geschehen mocht,
soll gut sain, das ain gelt hinderlegt worde, also das auf lOiXKl knecht
und 2000 pferde zcene monat solt als nenilichen von den kfen.
und fürsten Sachssen, Brandeburck und Hessen mit sampt den
Frenckissen und andern graffen, der ort gesessen, ir antail kegen
Coburck, die uberlendisse sthette ir antail kegen Nurenberck zu
hinderlegen, die andern fürsten als Ossenbruck, hz. Phillips von
Braunsweick, hz. Ernst von Luneburck, hz. Heirich von Meckeln-
burck, Woltf fürst von Anhalt und was der seczissen graffen weren,
erlegten ir gelt mit sampt den seczissen sthetten kegen Magdeburck
oder Braunsweick oder wo es sunsten hin zu bedenken.
Wan nun der heuptman die kriegesrette erfordert und befunde
in rat, das die eile so gros verbanden, das die kegenwer must
forgenommen werden, sol der heuptman macht haben, mit sampt
den krigesretten zu verordenen, sulches gelt, das hinderleget, an-
zugreifen und die 10000 knecht und die 20(X) pferde anzunemen
und zu besthellen.
Es solt auch der heuptman mit den krigesretten zu thuen
haben, das sie zu sulcher eilender hulf idelichen fürsten, graffen
und stat zu schreiben, ain anzal krigesfolkes, wie er sulches aines
idern macht nach und der gelegenhait der Sachen bedenken worde,
zu erfordern, und wie sulche erforderung vom heuptman geschehe,
sult in dem im gehorsam geleistet werden und demselbigen nach-
kommen.
Es solt auch der heuptman von sthunt nach erforderung
und aufnemung der krigesleut die fürsten, graffen und sthette auf
ainen besuudern platz, der fridlichen gelegen, beschaiden und mit
innen beratschlagen, wie auf den fal, so die not vorhanden, die
grosse und beharliche kegenwer forgenommen solt werden.
Sollten der Hanptmann mul die Kriegsräte fhuteii, daß die
Oegemeehr nietit so eilig sei, so sollen sie erst die Fürsien etc. zur
ISemtschtngmig ' erfordern , damit man mit höchstem Fleiß den
Frieden suche.
Man muß mich heratschlagen, wie das Geschütz zur eileiulen
Hülfe aufgebracht werden kann, bis daß die Fürsten etc. ihr Geschütz
xusammenbringe.n können.
Der Hanidmann und die Kriegsräte müssen für ihre Dienstzeit
besoldet werden. Etliche Rittmeister und Hauiitleute über die
Reiter miLssen auf Wartegcld bestellt werden, damit sie etwa
2000 Reiter in versprach auf halten. Etliche müssen auch verpflichtet
werden, bei Bestallungen, die sie annchmen, die Stünde un.sers Teils
auszunehmen. Ebenso muß mit Ilauptleuten der Knechte gehandelt
werden, sie müssen etwa 8000 Knechte bereithalten.
Weiter solt gut sain, das des kfen., fürsten, graffen und sthette
aines und ainer idern macht und vermugen mit reutern, knechten.
Digitized by Google
No. 16: l.")29 Mai-Juli.
125
ge.schucz mit sampt aller zugehorung zu deniselbigen mit gelt,
profiant, heuptleuten, puczeumaistern und anderm, das dem krig
anhenigk, versehen wer anzuzeigen aines idcn vermugen, nach dem
ain anschlack zu machen, wie stark die beharliche kegenwer mocht
vermocht werden, auch wie lang dieselbige erhalden kont werden.
Nachdem dan etliche sthette die prode.staccion geheilet, das
derhalben sie vor unsser tail genzlichen zu halden sain, dieselbigen
weren an zaifel zu diessen handel sich ainzulassen kain beschwe-
rung haben, die betten mit den andern sthetten zu handcllen, sie
zu fermugen, zu diessem versthennus sich zu begeben.
Nachdem die von Cocznitz, die von Sant (iallen und andere
sthette, die mit den aitgenossen in verbuntnus stehen, ihn die
prodestacion auch aingelassen haben, wer, so es sunsten for gut be-
dacht. mit denselbigen zu handelen, das sie forder mit der ge-
niainen aitgenosseuschaft handelten, nachdem sie .sich zu dem wort
gottes bekennen, das sie sich in solches versthennus auch ainlissen.
Neben dem allen ist for nottig zu sain bedacht worden, in
gehaim mit etlichen zu handeilen und in diesse verainung zu
bringen, als nemlichen den neuen konnig von Dennemarck mit sampt
ilen sehestetten, so fil derselbigen mochten zu wegen zu bringen
sain. So wer mit etlichen meher zu handellen als nemlichen mit
dem konnig von Pollen, dem curfürsten von Collen, den palzgraffen,
den curfürsten, dem hzen. von Jullich und Cleveffe, hz. Fridrichen
von der Ligenicz, <leni hzen. von Pommern und andern, die mit got-
licher hulf zum tail dahin zu bringen weren, das sie sich ainliessen in
ainung, was leib und gut antretfe und wo ainer von dem andern recht
leiden mocht, wie ainer dem andern helfen solt und sulches wer zu
dem gut. das sunster meher von den wiedertail abgezogen worden,
das zu ferhoffeu menschlichen zu reden, das sich das wiedertail, so
innen die taffem leute abgezogen, sunster weniger in den krig ain-
lasscn oder begeben worden.
Dn niemund iri.sseii inaij, wir der Krieg verläuft, tuuß man
sich aueh auf eiue Niederlage gefaßt maeheu und darum mit einigen
Städten handeln, damit die dem göttliehen Wart anhängigen Fürsten
ete. offenuug wai denselbigen sthetten betten, das mit reutern und
knechten darain gezogen mocht werden, als nemlichen wai Nuren-
berck, wai Ulm, wai Sthrasburck von uberlendi.sse sthette und for
seczi.sse sthette Braunsweick, Magdeburck und Hildeshaim etc.
So wer mit etlichen graffen auch zu handellen, als mit graff Wil-
helm und graff Bertolt von Henneberck. graff Jorgen von Werteim,
der von Scliwarczenburck. Heidcck und andern graffen zu Francken.
So haben die graffen am Rein und die Niederlendissen graffen
ain gros verbuntnus mit ainander als Nassa, Ilannau, Konsthain,
Solmes, Eissenberck mit Neunarn, Westerstet. Manderstet, Mors.
Reiferstet ') und derselbigen ganz fil, mit denen auch handelung for-
zunemen wer auf wege, wie weiter zu bedenken.
1) ass yojiitftu, I/anau , Königstfin, Solmä ^ I»enhurg , 3Vii/*ntiAr, \Ve$tfi'tturg,
Manderncheid, Mör», Reiffenbrrg(f).
Digitized by Google
126
No. 17: 1529 Mai-JulL
Nachdem auch formals in hamlelung ge wessen, etliche Bemisse
hern in versthennus zu bringen, das demselbigen auch weiter nach-
gcdaclit werde, als Rossenberck, Bersthain, die Schlicken, Hassen-
stain, Schiro ') und andere melier.
Der xnm Hniiptmaiin rerordnete Fürst mit den Krkgsräten
und anderen xuzuxichenden Leuten hätte xn beratschlagen, was
weiter noch xu tun wäre.
Es sul auch von dem heuptman und krigesretten ain kriges-
regiment gesthelt werden, und wan dasselbige ferfestiget, sol es der
heuptman bis mans bedürfen werde, wai im behalden.
Die ainung, so mit den obengemelten und andern aufgerichtet
solt werden, must aul ain zait jare gesthelt werden, das nit for ain
ewige verainung zu halden.
(iot geb zu dem allen sain gütliche genad. Amen.
17. Bedenken, nach dem unssern gnsten. hn. dem kfen. von Sachssen
diesse last am höchsten obleit, wie S. kf. Gn. lant solt besthelt
und versehen werden. 1529 [Mai-Juli].
Eigenh. Ai^zeichnxing Jok. Fritdrich* Reg. II. p. 10. L. /ol. 81 — 84. Benutzt:
S 5S, 7S.
Erstlichen das im furstentumb, wie in der ersten verzainus
vermeldet*), das folk vermanet werde, got umb genad zu bitten.
Folgent weil die grosse notturf erfordert, das der hoff alweg
sthatlichen mit retten versehen sain, in ansehung wie beschwer-
lichen allen tag neue Sachen und hendel forfallen, derhalben ist
bedacht, das under acht retten zu hoffe nit sain solten, auf das die
schweren und taffem Sachen mochten ausgeriebt werden und dem-
nach (dannoch V) dem armut die gerechtigkait auch schleunig mack
mitgefailet werden.
Nun halden S. kf. Gn. zaihe hofflager als Torga und Weimar,
dieweil dan die rette, die zu Weimar mugen gebraucht werden,
nit allemal zu Torga gesain mugen, desgleichen erw’ieder, ist der-
halben ain underschicht zu machen, wer in idem lager zu ge-
brauchen, und das der ander ort landes auch bcsthalt wer:
Als zu Torga wer zu gebrauchen: In Weimar wer zu gebrauchen ;
Der maister von Lichtenberck Der von Wildenfels
Er Hans von Minckwicz Er P’ridrich Thun
Er Hans von der Plawnicz oder Er Wolff von Weissenbach
Er Hans von Weissenbach Ludewick von Beumelburck
Er Guntter von Bunan zu Alden- ^ [Hogneburg]
burck Nickel von Ende
Hans Meezt [Mehseh] Christoff von der Plawnicz
Ditterich von Storstedel [Starsehe- 1 Eiwalt von Brandestain
Benedicktus Pauli [del] Doctor Sachssen [v. d. Sachsen] .
Caspar von Minckwicz i
1) •= Kotenhurg, Pfnulrin, SeUiek, Hatmieinff), Sehiroir.
2) -= No. 10.
Digitized by Google
No. 17 : 1529 Mai-Juli.
127
Darzu weren die iczigen teglichen hoffrede *) als Er Christoff
von Taubenhaim, doctor Bruck, Hans von Dolczigk, doctor
Christianuus der canzler.
Mit dennen retten wer S. kf. Gn. hofflager, auf welcbeui tail
er lege, erlichen und notturftiglichen versehen.
Sulche rette, die ain tail musten ausgezogen werden, dan an
not, das sie alle die gehaimetten Sachen wissen sollen, hetten S. kf.
Gu. zu befellen, ain ordenung zu sthellen, wie S. kf. Gn., so es die
not der gegenwer belangen worde, wie in eile S. kf. Gn. mocht
versehen werden, als nemlichen, wie die graffen und die von der
ritterschaft in ru.stung erhalden mochten werden und das verzainet
gemacht, wiefil reisiger pferde S. kf. Gn. in eile aufbringen mocht.
forder wie die sthette und ampt, der graffen und ritterschaft leute
versehen weren mit krigesfolk zu fiis.se zu schigken.
So von wegen des die lantleute des kriges nit geubet sain,
knecht an ire stat wollen aufgenommen werden, wie die stelle und
ampt mit sampt der graffen und ritterschaft leuteu versehen mochten
werden, mit ordenung der auflage, die dem gemaiuen man zu er-
tragen, das an ir stat und, das sie stilsiczen mochten, das gelt er-
leget mocht werden zu gebrauchen.
Weiter ain nachdenken zu haben, wie ain ordenung gemacht,
das in den sthetten und ampten und wai der graffen und adels
untersassen ain profiantkasteu gemacht worde, dorein nach ides
vermuglichkait von leuten etwas hinderleget worde, in der forfallenden
not zu gebrauchen, und wan sulches ain jar aber etliche, so got
friden gibet, gethan wert, sult zu hoffen sain, das ain grosse Pro-
liant von dreide und anderm in den landen liegen soll.
Solches wer auf zene wege zu gebrauchen: den ersten, so die
krisgesnot forfelt, der ander, so frid ist und teurung forfil, das got
mit gnaden verhütten wolle, das dem armut umb ain zimlich gelt
und kauf in Stetten und ampten und von der graffen und adels
Untertannen damit geholfen worde, sulches gelt, das daraus gekauf
worde, hinderlcget, wan der krig forfil, wer das gelt zu befinden,
wer aber friden, hette mans in gutten frochwarn jaren, sulches gelt
wiederumb anzulegen, und genüge, das verkauf wieder zu entseczen.
Wie die herwegen in landen geschigkt, musten auch besthehen
[besehen?] w'erden, ob etwas be.ssers darmit mocht gesuch werden,
zu beratschlagen. Wie das geschucz mit seiner zugehorung ver-
sehen, must überleget werden, und was nit verbanden und doch
von notten wer zu haben, hetten die rette auch zu bedenken.
Nachdem auch das geschucz, .so das hofflager zu Weimar nit
ist, ganz übel und unforwart aldo sthehet, wolt zu bedenken sain,
wohin das geschucz zu ferordenen und wie es zu bcsthellcn, auf
das kain schade ainest darzu geschehe.
I) Vergl. Burkbardt, Landtagsakten, 1, S. 220.
Digitized by Google
128
No. 17 : 1529 Mai-.TuIi.
Und was susten zum kriege gehorigk und von notten sain wil
in beraitscliaft zu haben, betten die rette zu beratschlagen und zu
bedenken, das von S. kf. Gn. zu befellen und zu ferordcnen wer.
Die orte landes wollen auch von notten sain zu besthellen, der-
halben ist bedacht, so das hofflager zu Torga sein werd, das ain
heuptman in dem lande zu Doringen zu ferordenen — , wie sulches
von herzog Gorgen icziger zeit besthalt ist — , der in eile und eher
sulches kegen Torga augezaiget mocht werden, verordenung zu thuen
hette bis auf waiter befel S. kf. Gn.
Zu sulchem wer der von Wildenfels zu gebrauchen, und weren
im zu krigesretten zuzuferordenen Ludewick von Beumelburck.
Nickel von Ende und Cuncz Gottman [Ootxmann].
In der Voitlant wer er Wolffen von Weissenbach ain befel zu
geben, aufsehung über die andren amptleut zu haben.
Kegen Coburck wolt von notten sain. das ain pflcger ferordent
worde oder sunsten imandes, der die fersehung aldo hette, wie sul-
ches waiter, wer derzu zu gebrauchen, zu bedenken, der hette in
forfallenden Sachen Er Ilanssen von Scherreuberck und Gotman zu
gebrauchen, so Gottesman nit von dem von Wildenfels gefordert
worde.
So etwas im curfurstentumb Sachssen forfil, wer gf. Albericht
von Mansfelt. nach dem er Alstet amptesweisse inhat, zu befellen
und im zu krigesretten zuzuferordenen Hans von Minckwicz und
Hans Meczen heuptman zu Wittenberck.
Das ain krigesregiment von ojjgemelten retten gesthelt worde.
wie alle ampt in ainem zöge und mit wem solten besthelt sain, das
allemal in der eile zu gebrauchen wer.
Mit buchsenniaistern wer von notten waiter versehen zu sain,
dan scliwerlichen kan man ir in der not und erbet genuck haben.
Nachdem wenig im lande die gewaldige heuptmanschaft über
reuter gehabet haben, wolt hochvonnotten sain, das nach ainem ge-
trachtet worde. der sie under S. kf. Gn. genenzlichen thette und bliebe,
dem zu vertrauen wer, als Jost von Steinberck oder ain ander,
der darzu tuglichen sain mocht.
So auch etwas taj)fers auf Josten von Steinberck geleget solt
werden, das er dergesthalt wie gemeldet, zu bekommen wer, solte
es zu ratteu sain.
Es sult auch gut sain, das am hoffe von gerusten pferden auf
das wenigest ain zeehe hundert pferde underhalden worden, wan
etwas fortil, weren sie nuczer dan sunsten vierhundert und ob gleich
etwas ain kosten darauf gehen wolt, musten etliches unnucz gesinde
dargegen ausgemustert werden und sich in anderen Sachen sunster
geneuer aingezogen werden.
Nachdem auch S. kf. Gn. lant mit befestigung ganz nit versorgt
ist auserhalben Wittenberck, ist bedacht, das S. kf. Gn. zene plecze
nochmals befestigen solt, als Coburck das schlos. dem liederlichen
lleirhtj und mit geringen kosten zu helfen wer, und darnach noch ainen
Digitized by Google
No. 18: ir>29 Juli 22.
129
placz im lande zu Doringen, wo derselbige am besten hin bedacht
werde, es wer Gotha oder ain anders. Sulcher placz mocht mit hülfe
des lantfolkes zu machen sain, das S. kf. Gn. nit ainen grossen
kosten darauf legen dorf, sunderlichen so allain das schlos zu Gotha
forgenommen werde mit sampt dem sthift.
So ist das im besten zu erinnern, dieweil Erfurt ganz im fursten-
tumb gelegen, auch S. kf. Gn. vor iren lehen- und landesfursten
bekennet, das auf bekemme wege mit der zait gedacht werde, wie
die wege zu schuczen, das mit gotlicher hulf ain otTenung darinnen
mocht erlanget werden, wan die not verbanden und ain Verlust, das
got gnediglichen verhütten wolle, in landen forfil, das Erfurt als-
dan als ain gelegenner fester placz mitten im lande gelegen, zu ge-
brauchen wer, und wer verhofflichen, das aus ainem sulchem festen
placz ain ganz laut, wan es ferloren wer, widerumb zu gewinnen
sain solt.
18. Herzog Johann Friedrich an Graf Wilhelm von Neuenahr,
1529 Juli 22. Antwort auf .seinen Brief vom 8. Juli (Cor-
nelius, X, S. 155 ff.). Fumiliennachrichten, die nassauische
Streitsache, Philipp von Solms, die Werbungen. F-eude über das
gute Fin vernehmen xieisehen Köln und Saclweti auf dem Reichs-
tag. Besuch bei den Schwiegereltern. Beilegung der Streitig-
keiten Neuenahrs mit Lothringen und Geldern. Neuenahrs
Verhältnis zu Ferdinand. Nachrichten von den Türken. Die
lothringische Heirat.
Eifjtnh. Konz. Loc. 10671 ,t$chreiben und Bedenken**, fol. — S7.
Dank für Brief, Familiennnchriehten. Das Ir aus Er Haussen
uberschickung bericht entpfangen meiner Unschuld in der Nasissen
Sachen, hör ich ganz geren, hoff auch zeu got Ir habt mich neben
weiden meinen freuntlichen lieben ohmen dem markgraffen und graff
Wilhelm zeu Nassau nie anders befunden, dan das ich die gleichheit
auf weiden teilen zeu hinlegung und freuntlichen vertrag gerden ge-
sehen hette, auch was wei mir gewes.sen, am fleis nit erwinden lassen.
Aber der almechtige got wolle nochmals nach seinem gotliclien willen
das gedeihen darzu ferleihen, was ich dan nochmals tuen solt, das
zeu hinlegung dinstlichen, solt wei mir nichtes gespart werden.
Was ich graff Phillipssen von Solniis befohlen, meinem ohem
gf. Wilhelm von Nassau von mainetwegen an forwissen meines ge-
nedigen hn. und vaters anzuzeeigen, hör ich ganz gerden, das Ir
solches wissen entpfangen hat, dan ich weis, das Ir zeu sulchen
Sachen fil lieber ferdert, dan hindert, ich mus Euch aber clagen,
das ich nochmals auf sulche main gutte und treuliche wolmeinung,
die ich doch nit anders dan treulichen, freuntlichen und wol ge-
maint hab, kein antwort uberkommen, aus wassen Ursachen es aber
bis anher verplieben, kan ich nit wissen ‘).
1) Bezieht zieh vielleicht auf die geplante Vermdhlung Wilhelma mit der /Vin-
^^#111 Marie.
Beiträge zur nruerco Gesebiebte HiUringen» I. 9
Digitized by Google
130
No. 18: 1529 Juli 22.
Das ich Er Haussen weiter befollen mit gner. erbietung Euer
person halben, auch das er von meinetwegen weihe /= hei] Euch
suchen solt, so etwas neues, auch ainiges reuters geberbe vorhanden,
das Ir mir sulches, wie ich mich zcu Euch verstrost, vermelden wolt,
sulches weis ich mich, das ich es Er Haussen dermassen befollen,
wol zcu erinnern und tue mich mit besundern genaden hegen Euch
bedanken, das Ir demselbigen, so die Sachen dergesthalt gelegen
gewesseu, das behuflf hette, wolt folge getan haben, auch das Ir mich
jetzt mit Euerm schreiben und zceitung ersuchen thuet.
Diewil sich aber aus gottes genaden die Sachen dergesthalt,
wie Ir melden thuet, neigen, das zcu unssern forteil sich zugetragen
und geschickt hot, ist dem almechtigen got zcu danken, das er die
und andere Sachen nach seinem gotlichera willen uns zcum besten
geschickt hot, so auch den, die in der not zcu unsserm teil zcu-
stossen wollen und ire best wei uns tuen, daß unsser teil nit über-
eilet Word. Der zcuk, den graff Felicken von Werdenbruck mit
sampt andern hauptleuten kais. M‘ zcum besten tuen sol, da geb
got kais. M' und den iren geluck und heil zcu, das Ir M‘ geluck-
lichen und wol ausrichten und den sich hegen iren widerwertigen
mit freden erlangen mugen.
Das mein her und freunt von Collen mit m. gn. hn. und vattern
dem kfen. von Sachssen sich dergesthalt freuntliche underret haben
und in vertrautem willen zcusaninien kommen sein, bin ich zcu
hören hochlichen erfreuet, und ist got und folgent Euch zcu danken,
das Irs auf die wege gerichtet hot, und wan got genad gebe, das
ir genaden und lieben melier wei einander weren, wolt ich hoffen,
got solt genad verleihen, das sie in mehren freuntlichen und fer-
trauten willen sein und bleiben sollen.
Zu einer Keine nach Jülieh und Kleve, um dort die alte künde
XU erneuern, hätte ich wohl Lust, wenn ich von meinem Vater ah-
kommen kann, ich wage aber nicht, ohne Einladung zu kommen.
Vielleicht könnt Ihr eine solche veranlassen.
Das Euer Sache mitte dem hz’en. von Luttringen vertragen und
mit dem von Geldern in handelung .sthehet, hör ich ganz gerden,
untl wolt Euch das zcu mir versehen, das ich Euer wolfart zcu
hören nit weniger erfreuet bin, als ginge es mich selbst an.
Das es Euch mit dem koniiig von Behem dermassen forfallen,
gunne ich Euch nit. ober dieweil Ir gottes wort for der weit be-
kant, must Ir auch etwas ain ferfolgung darrumb leiden ; wan dan
jhe aine sein sol. so ist die bes.ser dan aine andere, das Ir auch
umb Christi willen etwas erleiden must und einen keczer gescholden
werdet.
Ich tue Euch hiemit etliche zceitung den Turcken belangen
uberschicken ; die victorien, die ganz, so fil ich des bericht bin, ge-
wis sein und ainem fürsten durch ainen glaubirdigen zeugeschrieben
sein, auch die besthellung und feraidung der heuptleut. die von
reiches wegen kegen dem Turcken gebraucht sollen werden, des-
Digitized by Google
No. 19: 1529 Dez. 18.
131
gleichen der Schweizer aufs]schreiben und vertrag, die sie kegen ain
ander thon haben.
Nach dem ich auch aus Euerra schreiben vermerk, das der
hz. von Lutteringen icziger zceit wieder in genaden kais. M‘ sei,
derhalben ich verlangen hab, zcu wissen, ob kais. M' des lotringi-
schen heirattes mit meiner gemal Schwester auch nochmals unge-
fallen und besch[w]erung hette. Demnach wil ich an Euch mit
genaden begert haben, wan Ir sunsten wieder botschaft zcu mir tut,
Ir wollet mir schreiben, wie es derhalben gelegen ist und ob Ir
Euch fersehet, das derselbige heirat walt (ia/dj mocht wirklichen
mit dem weilager volzogen werden. Neben dem ist mein bitliches
gnes. begern, so Euch etwas weitern von zeitung oder anderm zcu-
kommet. das Euch nottick deucht mir zcu wissen, Ir wollet mir
solches unferhalden sein lassen und . . . D. Torga am tag Marie
Magdalena XXVIIIP.
19. Herzog Jolia/in Friedrich an Wolf von Schönberg, Amtmann
zu Meißen, Torgan 1529 Dezember 18. Ist bereit, seinem Vor-
schlag entsprechend, mit seinem Vetter Johann xusammeyi Bei-
legung der Streitigkeiten ihrer Väter zu versuchen.
Reinentw. Reg. A. Benutzt: S. 54-
Als Ir neg.st zu Torgau auf unsers turknechts und lieben ge-
treuen Wolfen von Rascha, Euers Schwagers, beilager uns ange-
zaigt, wie Ir vor gut anseghet, das sich jemands in die Sachen
schlüge, darumb sich irrungen zwuschen unserm gnen. 1. hn. und
Vater an ainem und fr. 1. vetern hg. Jorgen zu Sachssen am an-
dern tail hielten, und Ir es dafür hieltet, das es nimants bass
zu thun sold haben, dann wir, darauf wir Euch aber allerlai be-
denken angezaigt zu dem, das es uns vor ain thorhait geacht mocht
werden, so wir solchs suchen solten, diweil wir aber gleichwol ver-
merkten, das es von Euch woll gemaint wurde, wo unser veter
hz. Johans sich in die Sachen zu lassen und sich mit uns derhalben
zu unterreden genaigt were, sold uns nicht beschweren, mit seiner
lieb zusamen zu körnen. Und wiewol es von Euch dazumal dafür
gehalten, wo wir solchs an gemelten unsern vetern gelangen Hessen,
das es bei S. L. kainen mangel haben wurde, so ist doch der ab-
schied zwuschen uns baiden dieser suchen halben gewest, das wir
dem handel weiter weiten nachgedenken, und wo wir befunden, das
es zu tun sein wold, das unser veter und wir uns in dieselb sach
schlugen, als weiten wir Euch derhalben schreiben, das Ir den
handel und was wir auf obgemelte Eur getane anzaigung vor gut
angesehen heten, bei S. L. antragen und fordern soltet, und wo Ir
alsdann befinden wurdet, das es S. L. gefellig und mit uns zu der
handlung genaigt were, das alsdau S. L. ainen tag ansezte zu unser
baider zusamenkunft, uns davon und wie der handel furzunemen
sein solte, mit einander zu unterreden etc. Als wollen wir Euch
nhun nicht bergen, das wir auf obberurte Eur utge. anzaigung
9*
Digitized by Google
132
No. 20: 1530 Okt 8.
denn Sachen nachzugedcnken nicht unterlassen, und nachdem wir
dann hirvor alwegen vermarkt und nochmals nicht anders spuren,
dann das unser herr und vater mit unserm vetern hz. Jorgen aller
irer gebrechen gern mocht fruntlich vertragen sein, so begern wir
derhalben an Euch gn., Ir wollet solchs, wie wir Euch nechst
alhie zu Torgau angezaigt, bei unserm vetern hz. Johansen auch
antragen und fordern, das uns S. L. beschaide, wollen wir bei S. L.
darauf gern erscheinen und uns mit S. L. von den Sachen, welcher
gestalt bei baiden unsern hn. vetern derwegen suchung zu tun und
wie die handlungen furzunemen sein solten, fruntlich unterreden.
Und wes sich S. L. darauf vernehmen lassen und dieselbige zu tun
genaigt sein wirdet ader nicht, das wollet uns darnach unverzüglich
durch Eur schreiben zu unsern aigen handen herwider zu erkennen
geben und sambt dem, das Ir die ding nechst an uns utger, wol-
mainung getragen, erzaigt Ir uns daran zu genedigem gefallen . . .
D. Torgaw sonabent nach Lucie anno dn* etc. XXIX®.
20. Hrrxog Johann Friedrich an die Herzogin Eiimbeth von
Sachsen, Torgau 1530 Oktober 8. Dank für Brief iwu
5. Oktober. Die angeblichen Umtrietje Herzog Georgs, die
Lehen des Kurfürstentums zu erlangen. Verteidigung seiner
Haltung in Augsburg. Verhandlungen dort über die Klostergüter.
Verteidigung seines Verhaltens gegen seinen Vater. Darlegung,
daß nieht er Ursache zum Unfrieden gehe, sondern daß die.
Ursaehe bei Herzog Georg zu suchen sei. Pillen gegen die.
Pe.stilenz. Luthers vier Ecangelisten und Propheten.
Eigenh. Konx. Reg. A. Benutzt: S. 47, 54-
Ich hab E. L. schreiben, welches datum sthehet mitwochen nach
michahellis, heut dato entpfangen und nach verlessung von E. L.
freuntlichen vermerket, verneme auch daraus nit anders, dan wie
E. L. anzeigen, das es von ir . . . wol gemeint wirt, thue miches
auch kegen E. L. bedauken und was erstlichen belangen thuet, wie
geret solt worden sein, das sich mein vetter hz. Jorg zu Sachssen
betleissigen solt, wei kais. M' die lehen des kurfurstentumbs zu
Sachssen zu erlangen etc., darauf wil ich E. L. das anzeigen, das ich
zu Auspurck nit besunders glewliches darvon gehört hab, versehe
mich auch nit, das sulches von S. L. sei forgenommen worden, in
ansehung das sulches den geschworen und verbrifften erbverbru-
derung und erbeinung zuwieder und entkegen wer, sundern S. L.
weren fil melier schuldick, denselbigen nach m. gn. hn. und vattern
zu S. Gn. lehen und anderm, das S. Gn. zu gutteni kommen solt, zu
fordern, dan zu hindern.
Zu dem andern vermerke ich aus E. L. schreiben, das mir die
schult geben wirt, als hab ich zu Auspurck geweret, das man das
nit angenommen, das doch gar nit wieder die schrieft und zu
frieden und einickeit gedinet hette, und solt allein des eigennutzes
der geistlichen gutter halben beschehen sein und doran der fei
Digitized by Google
No. 20: 1530 Okt. 8.
133
sein, das dieselbigen man nit wieder geben weit, dorauf wil ich
E. L. nit unangezeiget lassen, das diegennigen, die E. L. sulches be-
richt haben, der Sachen werden nit notturftick bericht gewessen
sein oder haben E. L. forsetzlichen unworheit anzeigen wollen, dan
so E. L. auch mennicklichen hören werden, was aller artickel halben
den glauben, die gewissen und mispreuch belangen gehandelt ist
worden, werden E. L. befinden, das sich die Sachen des eigennuczes
oder der closter gutter halben nit gesthossen hat, sondern der
Sachen halben, die mit got und gewissen nit zu bewilligen gewest
sein, wie zu gelegcnner zeit mit got wol an tag wert gebracht
werden. Mach auch E. L. worlichen berichten, das der artickel die
closter gutter belangent, do ich noch zu Auspurk gewessen, von
kais. M' nie gedacht oder etwas derhalben, wie es mit denselbigen
gehalden solt werden, unsserm teil anzeiget ist worden, so ist auch
in kais. M' artickeln, die, unssere artickel zu verlegen, verlessen sein
worden, derselbigeu closter gutter auch nit gedacht worden und
zum dritten ist im geordenteu ausschus der XIIII personnen des-
selbigen artickels zu handeln auch mi ^e\ser\i [— encent?] worden,
bis so lang das nach abreissen herzock Heiriches von Ikau-
schweiges') mein fr. 1. vetter herzock Jorg von Sachs.sen in sulchem
ausschus kommen ist, hat S. L. aus besunderu freuntlichem willen,
den er zu m. gn. hn. und vattern und uns andern treget, von sthund
an den closterartickel erreget und auf die bau bracht, auch seinem
kopp nach wollen gehandelt haben, das auch diesse un andere
seiner liebe ungesthumme handellung die ganze handellung zer-
sthossen hat: das derhalben nit mit fugen mir aufgeleget mack
werden, das ich etwas verhindert, das zum friden dinstlichen und
mit got und gewissen beschehen hette mugen. Kan auch E. L. mit
warheit anzeigen, das mir von unsserm teil seihest ist aufgeleget
worden, ich hette melier eingerenmet. dan ich billichen .solt gethan
haben, daraus, hoff ich, werden E. L. unssers teils Unschuld be-
finden. auch das E. L. zu fil ungrundes von mir angezeiget ist
worden, dan so E. L., wil got, einest hören werden, was sich von
unssern teil der closter halben erbotten ist, werden E. L. befinden,
das wir uns.sern eigen nucz nit gesuchet haben, sondern alles
das einreumen wollen, das allein mit got und gewissen hette be-
schehen mugen.
Zum tritten, was mir kegen E. L. m. gu. hn. und vatters
halben aufgeleget. wie ich mich kegen S. Gn. halden solle und
S. Gn. regiren wollen etc., sulches und anders, das mir zu Unschulden
kegen E. L. aufgelet, müsse ich geschehen lassen und got ergeben,
dan man kan ein idern unwarhaftiges muH nit stupjien, .sie liegen,
so lang sie wollen. Wer hie ist oder wo ich wei m. gn. hn. und
vattern bin, der wert wol scheczen, wie ich mich kegen S. Gn.
balde oder nit. und ob es war ist, wie E. L bericht ist worden
1) U^ber dififr HeUt vergl. Schirrmacher , S. 21S. Sie erfolgte am lü, Augiuty
r. K. II, 848.
Digitized by Google
134
No. 20: 1530 Okt. a
oder nit, darwei wil ich es zu dissem mal bleiben lassen und got
befellen.
Zum virden vermerke ich, als hab man in E. L. hoff meinet-
halben grosse bescherung, als suchte ich alles, das zu Unfrieden
und entporung solt dinstlichen sein, und sunderlichen solt ich zu
meiner ankunft dasgenige aufhebcn, das von m. gn. Im. und vatters
retten beschlossen werd, auch fechte ich etliche geleite und zolle
an und wolle es nun anders haben, dan es vor XXX.\ jaren ge-
wessen wer etc. Darauf wil ich E. L. freuntlicher meinung nit
bergen, das ich mich nit genuck verbundern kan, wovon die leute,
die es so beschwerlichen angeben, darzu die Ursache nemeu. dan
ich kan wei mir auch aus dem schreiben, das ich an meinen vettern
hz. Fridrichen von Sachssen gethan hab, der geleite und zolle halben
nit befinden, das sie ainige ur.sach darzu haben mugen, dan ich
nichtes anders geschrieben, dan das: Nachdem ich mich zu erinnern
wüst, das dis ein artickel wer, der den gebrechen, die sich zuschen
m. gn. hn. und vattern und m. vettern hz. Jorgen von Sachsen etliche
vil jar irrick gehalden und noch unausgeortert under den andern
anhengik, so wolt mir abwes.sens m. gn. hn. und vatters aus allerlei
bedenken nit gelegen sein, an S. Gn. vorwissen hirinnen ichtwas zu
vorschalfen, ich wolt ober solches S. Gn. zu erkennen geben und
wer sunder zeifel, S. Gn. werden sich darauf geburlichen und
unferweislichen erzeigen. Aus dies.ser antwort soltjhe nit billichen
ursach genommen werden, mir aufzulegen, ich suchte krick und
Wiederwillen auch sum. Solt mein schreiben den olden er[b]teilung
und vertrugen entkegen sein, nachdem ich sie mit dem wenigisten
wort nix angeruret, das denselbigen zu entkegen wer, allein das ich
an m. gn. hn. und vatters forwissen darinnen nichtes zu ferschaffen
wist, welches wei leuten, die versthant haben wollen, jhe nit so
weschwerlichen zu achten oder darvon zu reden sein solt, so sie
anders frieden und erwarkeit seihest libetten und nit seihest den
Unfrieden .suchen und dieselbigen ire hern seihest gerden zum Un-
frieden bewegen wollen, dan es ist jhe got lob aus meinem
schreiben oder sunsten kein Ursache da, das man mir mit warheit
und gründe auflegen darf, als suchte ich ainigen Unfrieden oder
das von m. gn. hn. und vattern oder imandes unssers theiles Ur-
sache zum krige und Unfrieden geube (!). Wan ich aber E. L. hin-
wieder anzeigen solt. was von E. L. her vatter meinem vetter ber-
zogen [Jorgen] m. gn. h. und vattern begegent und gewaldige forent-
haldung beschiet wieder die erteilung und sunsten wieder alle ver-
einung und vertrege, mit forenthaldung der Silber, die in seiner
liebe furstentumb gebonnen und doch in. gn. h. und vattern die
helf zugeteilet, mit was gewalt und an recht die.selbigeu S. Gn.
forenthalden werden, auch wie mein vetter wai kais. M' angehalden
und gefleisiget, das I. M' m. gn. hn. und vattern beschweren und
vertreiben solt mit erbietung, das S. L. Ir. M' mit allem vermögen
darzu helfen und zuseczen wolte, auf das I. M' unssern glauben
No. 21: 1530 Okt. 24.
135
und haldung des heiligen gotlichen Worts nit ungestrafft liesse etc. ;
ob nun solches gewaldige entwerung, — die uns wieder recht und die
teilung beschit mit dene silbern, auch das wieder erbverbruderung
und erbeinung, die vermugen einnander mit treuen und freunt-
lichem willen zu meinen etc. und darüber zu fleisigen w'ei kais. M*
beschwert zu werden und sich darzu erbieten, als fermugen darzu
darstrecken, — nit Ursache zu unfre|u]ntlichen willen krick und blut-
vergissen geben solt meher dan die Ursache, die mir aufgeleget,
als solt ich es ursach sein, haben E. L. leichlichen zu ermessen.
Ich wil aber, ob got wil, an merkliche Ursachen und ubermessige
Imschwer nit darzu ratten, das von unsserm teil krich angefangen
oder billiche Ursache darzu geben werd, wie dan m. gn. h. und
vatter got lob nochmals nie anders befonden ist worden, wil oder
/— aber] darüber mein vetter herzock Jorg etwas anfahen, als ich
mich nit versehen wil, so wollen wir auf unsserm teil got zu hulf
nemen, auch unssr gerechte sache und auch das wir kein ursach dazu
geben haben und, ob got wil, S. L. kriges genuck geben, aber E. L.
holdes eigentlichen darfur, das mein gemut nit ist, wie ich auch
weis, das m. gn. hn. und vatters auch nit ist, meinem vettern das-
genige zu entzihen, das S. L. zusthehet und die teilung oder ver-
trege geben, allein wolt ich auch nit gerden, das m. gn. hn. und
vattern etwas entzogen solt werden, das S. Gn. der teilung, auch
aller billickeit und rechten nach zusthunde und geburet.
Ich habe auch von E. L. for diessem schreiben noch eines vou
Hans Spigeln entpfangen und was die billen for die pestilenz be-
ruret, die ich E. L. schicken solt, hat mir Hans Spigel keinen be-
richt gethan, was vor pillen sein sollen. Wan ich aber weis, wie
sie sein sollen und ich ir zu bekommen weis, wil ich sie E. L.
gerden schicken.
Was die fier ewangelisten und die profetten belanget, die doctor
Martinus in neulickeit sol haben ausgehen lassen, darvon weis ich
nochmals nichtes, wan ich sie aber bekomme, wil ich sie E. L. zum
foderlisten zuschicken, und hab E. L. solches auf Ir schreiben nit ver-
halden wollen D.Torga am sonnabent nach Francisci im XXX. jar.
*J1. Herzog Johann Friedrich an [Graf Wilhchn von Nassan]\
1530 Oktober 24. Rechtfertigung der Haltung der Erangelischen
auf dem Reich.stag.
Eigcnh. Kom. Reg. E. fol. S7a, No. S8. Benutzt: S, 4"^,
Hochgeborner fr. 1. ohem. Mir zeifTelt nit, E. L. sein nunmeher
bericht worden, welcherlai gesthalt m. gn. h. und vatter der kf. und
wir andern zu Auspurck abgeschieden sein und was wir in Sachen
got und sein gotlich wort belangent, an zeifel durch forderung
unsser misgunstigen for einen beschwerlichen unchristlichen abschit
erlanget haben, wie mir nit zeifelt E. L. genuksamen bericht weren
1) Daß dieser der Adressat ist, ergibt sich aus seiner Antwort vom S4. November.
Digitized by Google
136
No. 22: 1530 Dez. 2a
entpfangen haben, und das uns sulches über hlfeldige unssr hohe
erbieten dermassen beschwerlichen forfelt, mit ra. gn. hn. und vattern,
auch mir ein fr. und getreuliches mitleiden haben. Dan jhe an
allem dem, das von unsserm teil mit got und gewissen hette be-
schehen mugen, got lob an uns kar kein mangel gewessen, das
unsser wiederteil auch selbest het bekennen müssen, das unssr
ubergeben confession gottes wort und dem heiligen ewangelium nit
entkegen wer, allein wan es von innen als die, die christliche kirche
sein wollen, zufor angenommen und besthetiget worden, es recht
wer, auch zufor also gehalden, das wir also got lob ir eigen be-
kennus haben und unsser gewissen darmit trösten mugen, das
unsser wiederwertige unsser bekennus in gütliche wort müssen
gegrünt sein lassen, allein das sie gerden an eher dem got und
sein wort sein wolten. Dieweil nun dem allen also, so müssen wir
dem üben . . . got entpfellen und in machen lassen, nachdem wir
alle untertenickait gesuchet, und lieber einen ungenedigen keisser
dan ungnedigen got haben. Dan wiewol in kais. M* hant und
vermugen sthehet, so es im got zulest, uns leib und gut zu nemen,
so gehet doch sein gewalt über unsser seile nit. got kan uns aber
leib, seile und gut nemen und in das ewige feuer werfen. Den
wollen wir mit seiner hulf melier furchten dan allen weltlichen
gewalt. Nachdem ich aber wol denken kan, das wir von unssern
wiederwertigen kegen E. L. und desselbigen bruder, auch m. fr. 1.
ohem diesser und anderer Sachen halben zum hohesten verun-
gelimpt werden weren, so ist an E. L. mein bitte, ab etwas an E. L.
derhalben gelangen werde. E. L. wollen im ungehort unssers teils
antwort keinen glauben geben, ob auch dergleichen an E. L. bruder
gelangen worde und E. L. sulches in erfarung kemme, dergleichen
von meinetwegen auch fr. bitten, dan auf alles das, so an E. L.
bruder und E. L. m. gn. hn. und vatters und meinetwegen gelangen
mag zu ferungelirapeu, so wir sulches Wissens entpfahen, sollen
weide E. L. unsserm bericht dermassen befinden, das uns zur un-
billickait, was uns kegen E. L. zu ferunglimpen aufgeleget ist
worden ... D. mein eilends hant am montack denn X.VIIII tack
octobris ini XXX jar.
23. Ihrxog Johann Frmlrich an Kurfürst Johann, Köln 1530
Jkxrniher 28. Allerhand Xruigkeiten aus Köln.
Ildbf. Ia)c. 10671 „A'omV? Ftrdiuandi Wahl betr. 153V*. : S. 79 ff.
Winckelmann, S. 69.
E. Gn. .schreiben von Schmalkaln aus liab ich heut dato ent-
pfangen und tue mich kegen E. Gn. bedanken, das E. (in. auf mein
ansuchen mich, mein genial und kinder in vetterlichem . . . befel
haben wollen und bins kegen E. Gn. zu ferdienen utg. erbottick.
Wie allenthalben die suchen alhie stehen, werden E. (in. aus
r> Ein Wort vertrucht.
Digitized by Google
No. 23: 1531 Sept. 29.
137
andern meinen schreiben *) hiewei zu fernemen haben, es sthehet
aber allenthalben auf dem, das augenscheinlichen zu sehen und zu
befinden, das reich elendicklichen dem konnick von Behem hin-
geben und verkauft wirt, wie wol man iin mit der suchung der
freihen wal wil ein nassen machen, es ist aber leider doch dieselbige
lueinung.
Frau Margaretha, die regentin in Niederlant, ist versthorben,
und w'iewol kais. M' und der konnick seher trauern und fil schwarz
tragen, siet es doch nit, als wer gros innerlich leit verbanden.
Der kronrock sol bereit erneut sein und alle Sachen zugericht,
dan man ist der Sachen gewis.
Des Fockers facktorn liegen alhie, haben fil taussent gülden
wei sich, wan das werk verpracht, auf das die verheissene be-
lonnung erfolget.
Das concilium sol von pabst in Italien angesezt sein und der
konnick hat im rat heut seihest geret, kais. M' werden in reich bis
zu dem consilio pleiben, und ist alles dazu gericht, E. Gn. mit iren
verwanten zu übereilen und meher fuges darzu zu suchen, dan sie
nachmals haben. Derhalben wil die unmeideliche notturft erfordern,
die Sachen nit zu ferlassen, sundern in gutter acht und verfaster
kegenwer zu haben, wie im E. Gn. der notturft nach wol nach-
gedenken werden. Darmit tue ich E. Gn. von got dem almechtigen
ein glückseliges christliches und guttes neues jar wünschen . . .
D. mein eilend hand zu Collen am Rein am mitwochen nach wei-
nachten im XXXI. jar.
‘JJ. Herzog Johann Friedrich an Graf Wilhelm von Xeaenaiir,
Weimar 1531 September 29. Erkundigung über die Verhand-
lungen mit dem Kaiser. Eingegangene Warnungen vor dem
Ileichstagbesuch . Zettel, Weimar Oktober 1: Empfehlung der
Vermählung Wilhelm.s von Kassau mit der Prinxessin Marie.
Eigtiüi. Konx. Reg. H. p. SO, iVb. 6, foU SdjdO, 94- Benutzt: S. S5 /,
Nachdem junst alhie von meinem 1. ohem gf. Wilhelm von
Nassau und Euch allerlei ist angenommen worden von wegen
m. gn. hn. und vatters an die röm. kais. M‘ auf S. L. und Euer
abfertigung wiederumb gelangen zu lassen, wie mir dan nit zceifelt,
das sulches von S. L. und Euch allenthalben zum besten ausgericht
sei worden, worauf aber sulche handellung nunmeher beruhen tuet,
davon hat m. gn. h. und vatter auch ich nachmals kein Wissens.
Ich kan aber wei mir wol bedenken, das der mangel wei S. L.
und Euch nit ist, sundern ander Ursachen haben, derhalben bis
anher nachmals kein antwort gefallen i.st. Ich wil Euch aber nit
bergen, das fil und manchfaldig vertraut Warnung m. gn. hn. und
vattern. auch mir beschehen ist, das S. Gn. oder ich auch auf
1) Dieze^ mit einem anefnhrlicken Bericht über die WahlverhatuUnngen ebenda
„Schreiben unti Bedenken*^ fol. 1S6 — I4I, Or.
Digitized by Google
138
No. 23: 1531 Sept. 29.
fergleitung nit vertrauen solten, den reischtag durch S. Gn. oder
mich zu besuchen, dan es an besorckliche for [= gefahr'^] und bo-
schwerung nit abgehen werde etc., und wiewol ich nit weis, was
durch m. 1. ohem und Euch in dennen artickeln, auf welche, so sie
erlanget worden, von m. gn. hn. und vattern bewilliget, den reisch-
tack persönlichen zu besuchen oder durch mich zu beschicken, aus-
gericht, so hab ich Euch doch solches nit wollen unangezeiget
lassen und nachdem mir sulche hlfeldige ansehenliche warnung nit
wenick bedenken machen, auch sulche besuchung des reischtags,
so die ubergeben artickel bewilliget, auf mich am ersten kommen
mochten, so wille ich mich wei m. 1. ohem gf. Wilhelm und Euch
unserm vertrauen nach zum höchsten versehen, S. L. und Ir wert
mit allem fleis am hoffe, wie Ir zum besten zu tuen wis, derhalben
erkonden nemen und, so Ir befondet, das über das geben gleit ein
untrau und misglaube zu besorgen, das Ir mich in dem nit werdet
unferwarnet lassen, wie ich mich dan des und alles gutten zu S. L.
und Euch versehen tue . . . D. Weimar am freitag nach michahelis
im XXXI. jar.
Zettel ebenda fol. 94, Okt. 1 Weimar,
Neben dem zeifelt mir nit, Ir wis Euch wol zu erinnern,
welcherlei gesthalt ich for etlicher verloffner zeit mit euch rede
gehabet von wegen, ab ein ehebededink zuschen m. 1. ohem gf.
Wilhelm von Nassau und meiner Schwestern einer mocht gehandelt
werden, und .so ich vermerket, das m. 1. ohem gf. Wilhelm etwas
willens darzu hette, das ich, als der die freuntschaft gerden sehe,
auch graff Wilhelm mit allem fr. willen geneigt werhe, es mit allem
fleis wei m. gn. hn. und vattern auch m. 1. Schwester einer, zu
welcher gf. Wilhelm gefallens hette, zu fordern geneiget werde. Ich
hab aber graff Wilhelms gemut nie eigentlichen erkundigen mugen,
dan anders, das sich S. L. hetten vernemen lassen, das sie zu alt
sich andersweit zu ferheiratten, dawei ich es dan bis anher auch
habe beruhen lassen. Ich wil Euch aber ferner nit bergen, das in
kurz ansuchung gedachter m. 1. Schwestern halben wei m. gn. hn.
vattern geschehen ist und von leuten, die dannach nit wol zu
ferschlagen, ich hab es aber bis anher wei m. gn. hn. und vattern
aufgehalden, nachdem ich, so von weiden teilen, als wei m. 1.
ohem gf. Wilhelm und m. 1. Schwestern einer, da.s gemut darzu
sthunde und geneiget weren, aus besundern fr. willen es lieber
an dem dan an keinem andern ort sehen wolde. Derhalben hab ich
Euch solches nit wollen unangezeiget la.ssen und ist derhalben an
Euch mein begern, Ir wollet Euch for Euch seihest wei m. 1. ohem
gf. Wilhelm nochmals S. L. gemut in dem erlernen, nachdem S. L.
weide m. 1. Schwestern nunmals gesehen, und wie Ir S. L. gemut
in dem befindet, mich vertreulichen versthendigen. So dan S. L.
darzu geneiget ist, so sollen S. L. an mir einen fr. und getreuen
hendlern darinnen befinden . . . D. Weimar am sontag nach Mi-
chaelis im XXX (!).
Digitized by Google
No. 24—25: 1532 Mai 7 — Juni 21.
139
34. Ilerxog Johann Friedrich an Kurfürst Johann, Srhweinfurt
1532 Mai 7. Bericht über die letzten Verhandlungen in
Schiceinfurt. Bitte, die Theologen auf den 13. abends zu einer
Beratung nach Wittenberg zu berufen.
Or. Reg. //. 3o. 16, rol. fol. 109. Benutzt: S. ^9.
Sonntag oder Montag teilt ich in Torgau sein. Die Sachen
haben sich jetxt so angelassen, das ich etwas trost habe, als sollen
die Sachen, so die religion belangen, zu guetem ende und crist-
Uchen frieden geraichen. Mithvoch teird teohl die letzte Verhand-
lung statt finden. In Nürnberg soll ein neuer Tag abgehalten irerden,
die Kurfürsten werden bis dahin Kais. M‘ die Mittel, über die wir
uns Mittwoch einigen, vorlegen ... so achte ich von noten sein,
das E. Gn. der theologen zu Wittenberg bedenken vor entlichem
beschloß darin hören lassen, wan aber die nodturft erfordert, inen
aller artickel gelegenheit gründlich zu berichten. So ist mein guet-
bedunken und fr. biet, E. Gn. wolle doctor Martinum, den Pommer,
dieweil er weiter zu Wittenbergk sein soll. Philippen und den
Jhonas zu ir gein Torgaw erfordern lassen, also das sie uf negsten
montag gegen abend doselbst einkomen, damit ir bedenken in
solchen großwichtigen Sachen gehört, wie sie die artickel befinden,
das sie mit got und gewissen annhemlich sein oder nit, darnach
wo es bei denselbigen artickeln pleiben wurde, endlich geschlossen
und die richtung mocht angenomen werden . . . D. Schweinfurt
dinstagen Vocem Jocunditatis gegen abend anno d»* XXXII.
25. Herzog Johann Friedrieh an Kurfürst Johann, Nürnberg 1532
Juni 21. Bitte, die Theologen zu einem Guiachten über die.
Friedensrerhandlungcn zu veranlassen. Sendung Belzigs in die
Donaulünder.
Kunz. Reg. H. p. 65, No. 17, vol. 3, fol. 4? — 44- Benutzt: S. 50,
Antwort auf z wei Briefe vom 11. Juni. Die Erfurter Angelegen-
heit. Bericht über die Verhandlungen in Nürnberg, sie sind noch
nicht sehr aussichtsvoll. Und ist dem allen nach mein bedenken,
das E. Gn. die handelung, so uf dem itzigen tage alhie algerait
ergangen sein, davon E. Gn. ich copeien uberschickt und sonder-
lich aus dieser Ursachen, weil der theologen und gelarten dieses
tails bedenken, so alhie einkomen, an einander vhast widerwertig
befunden, doctor Martin Luther und den andern gelerten zu Witten-
berg furderlich ubersenden lassen, dasselbige weiter zu bewegen
und E. Gn. darauf ir ferner bedenken anzuzaigen. Und wan solchs
bescheen, wolle E. Gn. mir dasselbige hieher zufertigen . . . damit
ich mich sampt den andern mitverwandten im beschluß deist pas
\desto />c.vser] darnach habe zu richten.
Welcher gestalt ich auch Albrecht von Belzk gegen Wien,
Preßburg und nach Mlieren, sich der Türken halben zu erkunden,
auch sonsten erforschung und besichtigung der gelegenhait und
nodturft nach furzuwenden, hiedannen apgefertiget, tue E. Gn. ich
Digitized by Google
140
No. 26: 1532 Juli 5.
himit abschrift ubersenden. Uebersendung ron neuen Zeitungen
über die Türken aus Venedig.
D. Nurmbergk freitag nach Viti 1532.
20. Hans ron MineJacitx an Herzog Johann Friedrich, Torgau 1532
Juli 5. Kundschaft der Türken wegen. Geplante Zusammen-
kunft Johann Friedrichs tnit dem Ijandgrafen, Werbungen.
Ausschußtag zu Zwickau. Reise der Kurprinzessin. Geschenke
an Luther und an den Kurfürsten. Georg Späte. Befestigung
Wittenbergs. Zettel: Zahlungen Frnsts von Braunschweig. Be-
finden des Kurfürsten.
Hdbf. Heg, A. BrnuUt: S. S7 /.
Auf bevhel E. f. Gn. bin ich am nesten montage anher zu m.
gnsten. hn. körnen und gn. gehört wurden.
Und sovill die kunstschafft in Polen, Preussen, Schlesien,
Lausitz etc. belangen tutt, hab ich mit aller nott erhalten, das der
gleitzman von Her.sberg abgefertigt ist, der soll es an allen enden
ausrichten, man wil alhie wider von des Turgken noch andrer un-
kristen anzugk gleuben.
Der zusamenkunft E. f. Gn. und des lantgraffen zu Schmal-
kalden sint S. kf. Gn. wol zufriden. So haben S. kf. Gn. das
anlaufen der knecht, auch das schreiben so E. f. Gn. den heubt-
Icuten gethan, nit angcfochten. allein bedenken S. kf. Gn. das vor-
sichtigklich in dem mit den knechten gehandelt wurd, damit der
lantgratf kein ufruhr macht.
Die XII verordnete der lantschaft sint uf den sonntag nach
Margarethe, wie E. f. Gn. ane zweivel wissen, gegen Zwigkau er-
fordert. Alle andre artigkcl, so E. f. Gn. der besichtigung und
ander halben nach der Schlesien bedacht und in mein instruction *)
furfast, müssen ruhe haben, bis der gleitzman von Hersberg wider
ankombt oder schreibt.
Die artigkel. so Nigke! vom End und Hanns Metsch aufrichten
sollen, wollen auch nit von statt, dann m. gnster. h. will Nigkel vom
End nit erfordern und Hans Metzschen nit zu ime reisen lassen,
wiewol es in gemeinem rat vor nott und gutt ange.sehen, so sint
S. kf. Gn. in dreien malen daran erinnert.
Belangend das reisen E. f. Gn. gemalh, m. gn. f., den jungen
hn. und E. f. Gn. gesind etc. das sint m. gnster. h. zufriden, S.
kf. Gn. haben auch bewilligt, wann E. f. Gn. schigken ader
schreiben und fodern werden, m. gn. f. mit fhurn und anderm zu
versorgen.
So thun S. kf. Gn. hibei dem scho.sser und castner zu Coburg
schreiben und vcrzeichnus ubersenden, was E. f. Gn. sie aus dem
ambt lauts der abrede antworten und sunsten keufen sollen, so
wollen S. kf. Gn. etzlich stugk mit von hinnen und auch von Weimar
1) Heg, JJ. />. So. 77, rul. 2, fol. 57 — Kont.
Digitized by Google
No. 26 — 27: 1532 Juli 5 — Juli 9.
141
verordnen. Zudem haben S. kf. Gn. den schossern zu Voitsberg
und Arnshaug geschriben, E. f. Gn. die putter folgen zu lassen,
nemlich der schosser zu Voitsberg XV fo.ss geschmelzt putter und
der schosser zum Arnshaug L halbe thonnen ungeschmelzte putter.
Abe die post zu legen hab ich auch nit erhalten können, son-
dern derselb artigkel ist auf E. f. Gn. ankunft wils got ver.schoben.
Meiner gnedigen frauen hab ich E. f. Gn. briff geantwort und auch
dabei allerlei bericht I. f. Gn. belangend im besten gethann, es
ist auch I. f. Gn. folgk mit vorwissen m. gnsten. hn. angesagt, sich
zu der reiss zu richten, eczlich sint frolich, aber etzliche traurigk.
Doctor Martinus hab ich E. f. Gn. geschengk zugeschigkt und dabei
geschriben, aber mir ist noch nit antwort worden.
So hab m. gnsten. hn. ich das cleinod und den nachtstein auch
utglich überantwort, welchs S. kf. Gn. fruntlich von f. Gn. an-
genhomen. aber ich kan nach nit wissen, ob S. kf. Gn. das cleinot
behalten wollen oder nit.
In Georg Speten sach hab ich auch nichts ausrichten können,
aber sovill merk ich, das m. gnster. h. leiden mocht, wo E. f. Gn.
ine unden sambt dem weibe zu Frangken unterhalten mocht, wie
ichs auch Speten angezeigt, der wil sich sambt dem weib uf die
reiss mit m. gn. f. richten.
Der bau zu Wittenberg geht noch von statt, m. gnster. h. hat
neulich 11. hinab geordnet, so wil ich, ob got wil in wenigk
tagen selbs hin und von denn greben und anderm mit dem heubt-
man reden, wie E. f. Gn. bevholen .... eilend mein hand zu
Torgau freitag nach Visitationen! Marie 15[3]2.
Zettel: E. f. Gn. gebe ich auch utg. zu erkennen, das m. gn.
h. hz. Ernst gestern IIII^ VIII*^ LXXII 11. an gold. die wollen
S. f. Gn. jhe den gülden zu XXV gr. gerechent haben, anher ge-
schigkt. als hat mein gnster. h. das geld nit annhemen wollen. Sün-
dern mir bevholen. dasselb zu entpfahen und gegen Coburg zu
verordnen. Derhalben sol es bis auf E. f. Gn. bevhel oder Zukunft
wil got alhie in verwarung enthalten werden. Um des hinterstelligen
haben S. f. Gn. abermals geschriben und m. gnsten. hn. gebeten
ufzuhalten, bis uf zeit der not, aber m. gnster. h. ist uf voriger
antwort beharret und dieselb verneuet, wie E. f. Gn. zu Nurmberg
bedacht und S. kf. Gn. zugeschriben.
Es ist alhie so lustigk, das ich wünschen wohl, ich were bei
E. f. Gn. zu Nurmbergk. M. gnsten. hn. fuß ist heil, aber S. kf.
Gn. können nit gehen und. wie man sagt, uf das gute bein übler
dann uf das böse treten. S. kf. Gn. sind etlich mal uf die jagt
gefaren und noch gestern, aber man mus S. kf. Gn. auf den wagen
und von dem wagen tragen. D. uts.
- 27. Herxog Johann Friedrieh an Knrfiirst Johann, Nib'nherg 1582
Jnli 9. Niemand ist mit dem Gutachten Luthers und Jonas’
einverstanden. Verhandlungen mit den Iwiden Kurfürsten . Ab-
Digitized by Google
142
No. 27 : 1532 Juli 9.
neigvng der hessischen Bäte gegen den Frieden. 1. Zettel: Wer-
bungen. 2. Zettel: Empfehlung eines Oetreideamfuhrverbots.
Or. Reg. H. p. 65, No, 17, vol. 3, foL 58—60. Benutzt: S, 50 f. 91. Winekel-
mann, S. 333; 336.
Mitteilungen über die Vorschläge der beiden Kurfür.sten vom
4. Juli. Und wiewol E. Gn. mir negst doctor Martinus und des
probstes zu Wittemberg*) ferner bedenken berurter vorigen kais.
M‘ artickel lialben uberschickt, die es dafür angesehen, als solten
dieselbigen artickel zu bewilligen gewest sein, so hat doch kein
gesandter der mitverwanten und weder die marggrevischen, noch
die von Nurmberg, ap sie wol auch sere gelinde in dieser handlung
sein, dieselbigen artickel dafür mugen ansehen, das sie ane Ver-
letzung gotlicher glori anzunenien gewest weren.
An den Vorschlägen der beiden Kurfürsten habe ich mit den
aiulern einige notwendige Verbesserungen vorgenornmen *) und sie
ihnen wieder xuge.stcllt. Sie haben einen Zusatz, dazu gemacht und
die Artikel am Sonntag dem Kaiser wieder xugesandt. Wenn nun
auch der Kaiser die xugesetzten Worte betreffend die Abstellung der
Prozesse nicht bewilligen sollte, .so meine ich doch, daß man die Ar-
tikel annchnien .solle, wie sic von den Kurfürsten am Donnerstag
[d. 4.J übergeben irorden sind, wiewol . . des lantgrafen rete darwider
sein werden, die dan, dafür ichs anseghe, lieber weiten, das sich
der fride zerschlüge, dan das er solt aufgericht werden, dan es
haben sich negst zwuschen mir sampt meinem vettern hz. Franzen
und inen etwas herter disputacion zugetragen. Ich glaube aber,
wan die Nassisch sach in solchen friden mit eingezogen, das S. L.
des rechten oder der exemcion mochte vertriig haben, wurde die
handlung nit beschwerlich bei S, L. sein.
Streitigkeiten des Kaüsns mit den Ständen zu Begensburg. Die
Türkengefahr. Personalien. . . D. Nürnberg dinstags nach Kiliani
anno domini XVC XXXII.
1. Zettel fol. (ilf. Büstungsangclcgenheiten. Es empfiehlt sich,
die ge.sammelten Knechte noch einige Zeit unter den Waffen zu halten,
da nachher schwer Ersatz zu schaffen ist.
2. Zettel fol. 68 f. Empfehlung, das Verbot der Getreideausfuhr
wegen der gefährlichen Zeiten zu erneuern. Die oberdeutschen Städte
klagen nämlich über große EntblÖßntig von Uetreidevorrtiten, auch
aus anderen Gründen ist große Teuerung zu befürchten. Man muß
dem xurorkommen. Auch den beiden Herren von Gern, den Grafen
zu Schwarzburg u. s. w. muß man Beachtung des Verbots einschürfen,
an die Amtleute schreiben.
1) JuztuJi Jonas. Da* Bedenken findet eich bei de ir ette, IV, S. S80j,
2) Reg. II. No, 16, rot, 4» fol Ul-
Fromounnaebt Buchdnickfrri (HvmuDQ Pohl«) ln Jena, — f5lS
Digitized by Google
Yerlag ron UnstaT Fischer in Jena.
JoMdd Plili m ScHori
KurfOrst von Mainz, Bischof von Würzburg und Worms
1605-1673.
Ein Beitrag zur Geschichte des siebzehnten Jahrhunderts.
Von
Dr. Gieorg Mentz,
;a. 0. Professor an der Universität Jena
Brater TeU. 189G. Preis: 4 Mark.
Zweiter Teil. 1899. Preis: 7 Mark 50 Pf.
Beiträge
zur
Geschichte der Reformation
in Oesterreich.
Hauptsächlich nach bisher unbenutzten Aktenstücken des
Regensburger Stadtarclüvs.
Von
Dr. Eduard Böhl.
1902. Preis: 9 Mark.
Einführung in die Kunstgeschichte
der Thüringischen Staaten.
Von
Dr. Paul Lehfeldt,
weil. Prof, in Berlin.
Mit 141 Abbildungen im Text
1900. Preis; brosch. 4 Mark, i;eb. 5 Mark.
zur
oeoerea Gesdiidite ThOnageis
Band 1
Johann Friedrich der Grossmiitige
1503—1554
Zweiter Teil
Vom Regierungsantritt
bis zum Beginn des Schmalkaldischen Krieges
Namens des Vereins
ffir Thfiringische Geschichte und Altertumskunde
herausgegeben von
der thüringischen historischen Kommission
Bearbeitet von
Dr. Georg Mentz
a. o. Professor an der Universität Jena
Jena
Verlag von Gustav Fischer
1008
Digitized by Google
Johann Friedrich
der
Grossmütige
1503-1554
Zweiter Teil
Vom Regierun^fsantritt
bis zum Bej^nn des Schmalkaldischen Krieges
Namens des Vereins
ffir Tbfiringtscbe Geschichte und Altertumskunde
herausgegeben von
der thüringischen historischen Kommission
Bearbeitet von
Dr. Georg Mentz
a. o. Professor an der Universität Jena
Jena
Verlag von Gustav Fischer
1908
DOCUMENTS DEPARTMENT
OCT 5 1961
LIBRflRy
UNIVERSITY OF CALIrORNffl
Digitized by Google
DOCUMENTS
Alle Rechte Vorbehalten.
Digitized by Google
Der
Universität Jena
zur Feier
ihres 350jährigen Bestehens
fiberreicht vom
Verein für ThOringische Geschichte
und Altertumskunde
Digitized by Google
Digitized by Google
Vorwort.
Die Schwierigkeit einer Geschichte Johann Friedrichs des Groß-
mütigen liegt nicht darin, daß sein Charakter etwa besonders große
Rätsel aufgäbe, sondern in dem Mangel an Vorarbeiten und in der
Massenhaftigkeit des vorhandenen Materials. So angenehm der
Verfasser es bei seiner Arbeit beständig empfand, daß wir Werke,
wie die politische Korrespondenz der Stadt Straßburg, die des
Kurfürsten Moritz und Lenz’ Briefwechsel Landgraf Philipps des
Großmütigen mit Bucer besitzen, wirkliche Aufklärung über die kur-
sächsische Politik konnte er doch nur aus dem ungedruckten Material
zu erlangen hoffen, und dieses ist für die Zeit Johann Friedrichs
in einer solchen Fülle vorhanden, daß eine gewisse Auswahl schon bei
der Stoffsammlung unumgänglich war. Der Verfasser hat geglaubt,
daß es den Aufgaben der Thüringischen Historischen Kommission,
in deren Auftrag und mit deren Unterstützung er arbeitete, am
meisten entspräche, wenn er sich vor allem bemühte, die allerdings
unerschöpflichen Schätze des Emestinischen Gesamtarchives in
Weimar nach Möglichkeit anszunutzen, und Materialien aus anderen
Archiven nur, soweit es dringend erforderlich war, heranzog. Das
galt zunächst für das Königl. Sachs. Hauptstaatsarcbiv zu Dresden,
da sich dort zahlreiche Akten Emestinischen Ursprunges befinden.
Die Beziehungen des Kurfürsten zu König Ferdinand und die zum
Erzbischof von Magdeburg z. B. sind ohne diese Dresdener Be-
stände gar nicht aufzuklären. Eine zweite notwendige Ergänzung
bildeten die Akten des politischen Archives des Landgrafen Philipp
in Marburg, besonders da sich dank Küchs unschätzbarer Tätigkeit
dort jetzt manches schneller finden läßt, als in Weimar. Andere
.Archive und Bibliotheken wurden nur hier und da zur Ergänzung
herangezogen, so das Augsburger Stadtarchiv, das Braunschweiger
Digitized by Google
VIII
Vorwort.
Stadtarchiv, das Haus- und Staatsarchiv zu Eoburg, das Haus-
und Staatsarchiv zu Stuttgart, das Staatsarchiv zu Wiesbaden, die
Bibliotheken zu Dresden und Weimar. Für die Erleichterungen, die
die Verwaltungen aller dieser Anstalten, vielfach auch durch umfang-
reiche Aktensendungen seiner Arbeit zuteil werden ließen, spricht
der Verfasser ihnen auch an dieser Stelle seinen wärmsten Dank
aus. Er darf wohl auch der Verwaltung der Jenaer Universitäts-
bibliothek dabei gedenken, die die Sendungen vermittelte, aber
auch durch manche wertvolle Anschaffung ihr Interesse an dem
Fortgang seiner Arbeit bekundete.
Wie dem ersten Teile sind auch den beiden vorliegenden eine
Anzahl von Aktenstücken beigegeben. Sie sollen zunächst dazu
dienen, für die Auffassung des Verfassers, soweit sie abweicht von
der bisher herrschenden, die Belege zu geben, sie liefern ferner
einige neue Beiträge zu dem Verhältnis Johann Friedrichs zu den
Reformatoren, sie lassen endlich auch einige Hauptratgeber des Kur-
fürsten, wie Brück, Eberhard v. d. Thann u. a., zu Worte kommen.
Daß auch einige besonders charakteristische Briefe des Landgrafen
Philipp mitaufgenommen sind, wird man hoffentlich nicht übel
vermerken.
Zum Schluß bittet der Verfasser, die am Ende des dritten
Teiles befindlichen Berichtigungen zu berücksichtigen, da sie einige
nicht ganz unwesentliche Punkte betreffen.
Jena, im Juli 1908.
Mentz.
Digitized by Google
Inhalt.
Seite
Einleitung 1 — 4
forte« KspIteL Bund nnd Beleb: Die Jahre des Tertranens 15S2— 1596 5 — 96
Der Nürnberger Anstand, Strat mit dem Landgrafen, Tag zu Mühl-
hausen 8. 5. Die Wahlfrage, Tag zu Eoburg (Febr. 1533) 8. 7.
Vermittlung der Grafen von Nassau und Neuenahr S. 10. Nürn-
berger Zusammenkunft (April 1533) 8. 10. Beziehungen zu den
Habsbuigem 8. 12. Bundesangelegenheiten 8. 13. Das Konzil 8. 16.
Bundestag zu 8chmalkaldcn (Juni 1533) 8. 18. Verhältnis
zum Kammergericht 8. 19. Die Wahlsache 8. 21. Eisenacher Zu-
sammenkunft mit dem Landgrafen 8. 24. Mainzische Bundespläne
8. 24. Zusammenkunft io Halle, die württem belgische Angelegen-
heit nnd die Wahlsache 8. 27. Tag zu Augsburg (Jan. 1534), zu
Koburg (März 1534) 8. 31. Die mainzische und die herzoglich säch-
sische Vermittlung 8. 33. Die Verhandlungen zu Annaberg 8. 39. 42.
Bundestag zu Nürnberg (Mai 1534) 8. 40. Der Kadaner
Friede 8. 46. 8öne Auslührung 8. 49. Die Wahlfrage 8. 54.
Neue Verhandlungen 8. 56. Bundesangelegenheiten 8. 58. Die
Wiener Reise 8. 60. Der Wiener Friede 8. 64. Bundestag
zu Schmalkalden (Dez. 1535) 8. 68. (Frankreich 8. 74, Eng-
land 8. 79.) Die I.age nach dem Bundestage 8. 86. Bundestag
zu Frankfurt (April 1536) 8. 90. Die Lage im Sommer und
Herbst 1536 8. 92.
Zweites Kapitel. Band and Reich: Die Jahre der Sorge nnd der
Datemehmangslast 1536— 1&41 97—312
Die Umstimmung des Kurfürsten 8. 97. Die Gesandtschaft an
Künig Ferdinand 8. 97. Die an den Kaiser 8. 103. Bundestag
zu Schmalkalden (Febr. 1537) 8. 105. (Das Konzil 8. 105.
Zusammenkunft mit dem Landgrafen in Eisenach 8. 110. Der
Bnodestag 8. 113. Heids Sendung 8. 114. Verhandlungen mit
ihm 8. 115. Verhandlung mit dem Nuntius 8. 119. Separatver-
Digitized by Google
X
Inhalt.
handlangen des Kurfüreten mit Held 8. 120. Buudesangelegen-
heiten S. 121. Beligiösee B. 124.) Ausführung der Bundesbeschlüsse
durch den Kurfürsten 8. 125. Beine Auffassung von der Lage
8. 128. Versammlung der Kriegsräte in Koburg (Aug.
1537) 8. 133. Stimmung des Kurfürsten in der nächsten Zeit 8. 1.3.5.
* Bundestag zu Braunschweig (März/April 1538) 8. 1.37.
(Dänemark S. 138. Bundeeangelegenheiten 8. 14.3. Jülich 8. 147.
Frankreich 8. 151. England 8. 1.57.) Stimmung im Sommer 1538
B. 161. Frage der Türkenhilfe 8. 162. Bundestag zu Eise-
nach (Juli 1538) 8. 16.3. (Die branden burgische Friedensvermitt-
lung 8. 16.3. Andere Bundesverhandlungen 8. 168.) Stimmung nach
dem Tage bis zum Anfang des Jahres 1539 8. 169. Die Friedens-
vermitllung 8. 176. Bundestag zu Frankfurt (Februar bis April
1539) 8. 181. (Die Friedensrerhandlungen 8. Iffl. Der Anstand
8. 1^. Die Wahleache 8. 191. England 8. 191.) Die Lage im
Sommer 1539 8. 195. Bundestag zu Arnstadt (Nov. 1539)
8. 198. (Vorberatung zu Berka 8. 199. Verhandlungen mit katho-
lischen Ständen 6. 201. Frage der Gegenwehr 8. 203. Geistliche
Güter 8. 205. Eingland 8. 206. Jülich 8. 211.) Stimmung, Ge-
sandtschaft au den Kais«- 8. 212. Verhandlungen mit katholischen
Ständen 8. 216. Vorbereitungen zum Beligionsgespräch 8. 219.
Bundestag zu Schmalkalden (März 1540) 8. 221. (Kirch-
liches 8. 221. England 8. 222. Stimmung der Protestanten 8. 224.
Jülich, Paderboroer Zusammenkunft 8. 225. Rüstungen 8. 235.
Der Kaiser 8. 237. Bundeeangelegenheiten 8. 238. Die Gesandt-
schaft der Grafen 8. 238. Planitz’ neue Aufträge 8. 240.) Die
Stimmung 8. 241. Tag zu Hagenau (1540) 8. 242. Der große
Bundes- und Gesandtachaftsplan des Kurfürsten 8. 249. Frankreich
8. 2.50. Die Doppelehenangelegenheit 8. 253. Einwirkung auf die
Bundespläne 8. 265. Der Kurfürst setzt diese trotzdem fort 8. 267.
Verhandlungen mit Frankreich und Jülich 8. 268. Bundestag
in Naumburg (Dez. 1540) 8. 272. Der Wormser Gesprächstag
8. 276. Der Regensburge r Reichstag (1541) 8. ^4. 8onder-
verhandlungen mit dem Kurfürsten 8. 296. Die Türkengefahr 8. 301.
Heinrich von Braunschweig und die Entwicklung des Gegensatzes
zu ihm 8. 303. Wendung in der Politik des Kurfürsten, Torgauer
Vertrag 8. 310.
Drittes Kapitel. Bund und Reich: Die Jahre der ünaieherheit 1542
bis 1546
Betrachtungen 8.313. Der Reichstag zu Speier (1542) 8. 314.
Der TUrkenkri^ 8. .319. Kammergerichtsvisitation, Bundestag zu
Speier 8. .319. Reichstag zu Nürnberg (1542) 8. 322. Die
braunschweigische Angelegenheit 8. Der Reichstag 8. 328.
Weitere Entwicklung der Braunschweiger Angelegenheit 8. 333.
Bundestag zu Schweinfurt (Nov. 1542) 8. 3.35. Metz 8. 338.
Nürnberger Reichstag (1543) 8. 339. Die Wahlsache 8. 340.
Seite
313-463
Digitized by Google
Inhalt.
XI
Jülich, Frankreich S. S44. Teilnahme am Kriege S. 354. Ver-
handlungen S. 357. Nürnberger Reichstag B. 360. Bayern S. 362.
Bnndesyerhandlungen 8. 368. Stimmung nach dem Tage B. 372.
Bundestag zu Schmalkalden (Juni/ Juli 1543) S. 373. (Däne-
mark S. 376. Die braunschweigische Angelegenheit S. 378.) Jülich
S. 379. Kleinmut des Kurfürsten S. 381. Die Gesandtschaft an
den Kaiser S. 383. Türkenbilfe, Bundestag zu Frankfurt
(Sept-/Okt 1543) S. 384. Bpeierer Reichstag (1544) B. 388.
Die braunschweigische Sache B. 392. Verhandlungen mit König Fer-
dinand S. 394. Bundeeberatungen 8. 397. TagzuGotha(Juli 1544)
S. 399. Oeeandtschaft an den Kaiser B. 399. Stimmung des Kur-
fürsten, Fortführung der Verhandlungen mit den Habsburgern
S. 401. Der Wormser Reichstag (1545) B. 402. (Die Frage
der Anschläge, Kreistage S. 404. Bedenkliche Nachrichten B. 407.
Türkenbilfe B. 406. Bundesangelegenheiten S. 409. Rcligionsver-
handlungen B. 412. Das Konzil B. 414. Der Reichstag B. 415.
Der Abschied S. 417. Die braunschweigische Angelegenheit S. 417.)
Die Lage und die Haltung des Kurfürsten seit dem Sommer 1545
S. 419. Köln S. 423. Der Braunschweiger Krieg von 1545 S. 427.
Der Frankfurter Bundestag (Dez. 1545 bis Febr. 1546) S. 431.
(Besuch S. 431. Bundesangelegenheiten B. 433. Die braunschweigische
Angelegenheit S. 436. Verhandlungen mit den Konfessionsver-
wandlen, Köln S. 437. Stellung zum Konzil B. 439.) Ausführung
der Frankfurter Beschlüsse S. 441. (Gesandtschaft an den Kaiser
S. 441. Die Vergardnngen S. 442. Rüstungen B. 443.) Das
Regensburger Kolloquium S. 443. Die Stimmung der Protestanten,
die Bpeierer Zusammenkunft zwischen dem Landgrafen und dem
Kaiser B. 446. Der Wormser Bundestag (April 1546) B. 449.
Der Regensburger Reichstag (1546) S. 453. (Bundesange-
legenheiten S. 454. Die braunschweigische Frage B. 456. Die
Reichstagsverhandlungen B. 457.) Die Lage und die Haltung des
Kurfürsten S. 459.
Tlertes Kapitel. Das Verhältnis Johann Friedrichs zn den Albertinem
und zum Knrfttrsten von Mainz
Betrachtungen S. 464. Der grinunalsche Macbtspruch und seine
Ausführung. Vertrag vom 18 Nov. 1533 B. 465. Luther und die
Leipziger S. 466. Friedenazeit S. 467. Der Hopfgartensche Streit
und Luthers Gebet B. 468. Verhandlungen S. 471. Voller Bruch
S. 473. Neue Verhandlungen B. 474. Der Naumburger Vertrag
vom 3. Juni 1536 B. 478 Schenk und die Freiberger Reformation
S. 479. Do' Erbeinigungstag in Zeitz (März 1537) 8. 480. Georg
und Heinrich B. 481. Zwist Johann Friedrichs mit den Frei-
bergern B. 485. Georgs letzte Versuche B. 487. Die Nachfolge
Heinrichs, Reformation in Sachsen B. 489. Neue Entfremdung
8 492. Nachbarliche Irrungen S. 493. Anknüpfung mit Moritz
8. 497. Verhandlungen über die nachbarlichen Gebrechen 8. 498.
Seite
4ö4— 562
Digitized by Google
XII
Inhalt
Warzen S. 499. Leidliches Verhältnis 8. 505. Der Erfurter
Btrafienstreit 8. 507. Magdeburg und Halberstadt 8. 506.
Der Kurfürst und Albrecht von Mainz 8. 508. Die Hallenser
Protestanten 8. 509. Das Burggraftum, Verhandlungen 8. 509. Der
Zeitzer Tag (März 1537) 8. 513. Das Eingreifen des Kaisers 8. 514.
Fortführung der Vennittlungsverhandlungen 8. 514. Scheitern der
Verhandlungen, Pause 8. 521. Abfindung oder Schutzbündnis mit
Halle? 8. 521. Der Vertrag mit der Stadt 8. 527. Die Pläne der
Albertiner 8. 527. Neue Verhandlungen Johann Friedrichs mit
dem Kardinal 8. 528. Dessen Vertrag mit den Albertinem 8. 532.
Emestinische Gegenwirkungen 8. 533. Ruhe 8. 535. — Verhand-
lungen über nachbarliche Irrungen mit den Albertinem 8. .536.
Verhandlungen und Vertrag mit dem Koadjutor Johann Albrecht
8. 545. Weitere Beziehungen zu Moritz 8. 548. Weitere Ent-
wicklung der Magdeburger Angel^enheit 8. 554. Urteil 8. 561.
Digitized by Google
Verzeiclmis der in Teil II und III benutzten abgekürzt
zitierten Schriften.
Auiberelninger fra det kongelige GeheimeaichiT, udgiToe af C. F. Wegeaer. IV.
KjobenhavD.
Acta Bonuaica, Denkmäler der PreuS. StaateTerwaltung. Oetreidehandelepolitik. II.
Berlin 1901.
AlbinuB, MeiSnische Land* und Bergchronika. Dresden 1590.
ARG. = Archiv lür Beformationsgeschichte.
Armsarong, Edw., The emperor Charlee V. II. London 1902.
ASG. = Archiv für die Sächsische Geschichte.
Asham siehe Katterfeld.
Avila j Zufiiga, Luis de, Comentario de la guerra de Alemania. (Biblioteca de
antoree espidloles. Tomo XXI.) Madrid 1%3.
Barge, H., Die Verhandlungen zu Linz und Paseau imd der Votrag von
Passau (1552). Stralsund 1893.
Banmgarten III = Baumgarten, H., Geschichte Karls V. 6d. III. Stutt-
gart 1892.
Banmgarten, Briefwechsel -- Sleidans Briefwechsel, hrsg. von Baumgarten.
Strafiburg 1881.
Banmgarten, HZ. 36 — Baumgarten, H., Zur Geschichte des Schmal-
kaldischen Krieges. (Historische Zeitschr. fid. XXXVI.) München 1876.
Baumgarten, Leben = Banmgarten, H., lieber Sleidans Leben und Brief-
wechsel. StraSburg 1878.
Beck, Aug.. Johann Friedrich der Mittlere, Herzog zu Sachsen. I. II. Weimar
1858.
Below, G. V., Landtagsakten von Jülich-Berg, hrsg. von. I. Düsseldorf 1895.
Berbig, Q. u. D. V = Quellen und Darstellungen aus der Geschichte des Bo-
fonnationsjahrhunderts. V. Spalatiniana hrsg. v. Dr. G. Berbig. Halle 1908.
Berbig, ZVThGA. XXV = Berbig, 29 Briefe des Kurfürsten Johann Friedrich
des Großmütigen aus der Gefangenschaft 1547 — 1552. (Zeitschr. d. Ver. f.
thür. Geech. und Altertumsk. XXV. 1906.)
Berbig, G., ZWTh. L = 25 Briefe des Kurfürsten Johann Friedrich des Groß-
mütigen, mitgeteilt von G. Berbig. (Zeitschr. f. wissensch. Theologie. L.
1908.)
Beyer, C., Geschichte der Stadt Erfurt. Fortges. von J. Biereye. Erfurt 1900ff.
Digitized by Google
XIV Verzeichnis der in Teil II n. III benntzten abgekürzt zitierten Schriften.
Bezold, Fr. t., Greechichte der deutschen Reformation. Berlin 1890.
Bind seil I — III = M. Luther, Colloquia, meditationes ... ed. H. £. Bind-
seil. I — III. Lemg. et Detm., 1863—66.
Bind seil, H. E., Philipp! Melanchthonis epistolae, judicia etc. Halle 1874.
Bittner, L., Chronologisches Verzeichnis der Österreichischen Staatsverträge.
I. Die österreichischen Staatsverträge von 1526—1763. (Veröffentlichungen
der Kommission iür neuere Oeechichte Oesterreichs.) Wien 1903.
Die böhmischen Landtagsverhandlungen und Landtagsabschiede. Bd. II. 1546 — 57.
Prag 1880.
Bolte = Die schöne Magelone, übers, von Veit Warbeck, hrsg. von Joh. Bolte.
(Bibi, älterer deutscher Uebersetzungen. I.) Weimar 1894.
de Boor, Albert, Beiträge zur Qeschichte dee Speierer Reichstages vom Jahre
1544. Strafiburg, Dies. 1878.
Bourrilly, V. L., Guillaume du Bellav, seigneur de Langey (1491 — 1543).
Paris 1905.
Bouterwek, K. W., Anna von Cleve, Gemahlin Heinrichs VUI. (Zeitschr.
des Bergischen Geschichtsvereins. IV.) Bonn 1867.
Brandenburg, E., Herzog Heinrich der Fromme von Sachsen und die Re-
ligion sparteien im Reiche (1537—1641). (Neues Archiv für Sächsische Ge-
schichte und Altertumskunde. Bd. XVII.) Dresden 1896.
Brandenburg 1 — Brandenburg, E., Moritz von Sachsen. Erster Band: Bis
zur Wittenberger Kapitulation (1547). Leipzig 1898.
Brandenburg, DZG. N. F. I = Brandenburg, E., Luther, Kursacbsen
und Magdeburg in den Jahren 1541 und 1542. (Deutsche Zeitschr. f. Ge-
schieh tsw. N. F. Bd. I. Freiburg i. B. und I,eipzig 1897.)
r. Brandt, Asverus v.. Die Berichte und Briefe dee, hrsg. von Dr. Adalb. Bezzen-
berger. Heft I. II. Königsberg i. P. (1904. 1907).
Bruns, Fr., Die Vertreibung Herzog Heinrichs von Braunschweig durch den
Schmalkaldischen Bund. I. Vorgeschichte. Marburg. Dies. 1889.
Bucholtz, F. B. V., Geschichte der Regierung Ferdinand dee Ersten IV — IX.
Wien 1833— 183a
Buch Wald, ThStKr. 1894 => Buchwald, Jenaer Lutherfunde. (Theol. Stnd.
und Kritiken. Jahrg. 67. 1894.)
Buchwald, ZKG. XIV = Buchwald, Lutherfunde in der Jenaer Universitäts-
bibliothek. (Zeitschr. f. Kirchengeech. XIV. Gotha 1894.)
Bngenhagen, Historie, wie es uns zu Wittenberg ergangen, bei Hortleder, II
S. 586-577 bis.
Burkhardt, C. A. H., Dr. Martin Luthers Briefwechsel, hrsg. von. Leipzig 1866.
Burkhardt, C. A. H., Die Gefangenschaft Johann Friedrichs des Großmütigen
und das Schloß zur „Fröhlichen Wiederkunft“. Weimar 1863.
Burkhardt, C. A. H., Emestinische Landtagsakten. Bd. I. Die Landtage von
1487—1532. (Thüringische Geschichtsquellen. N. F. V, 1.) Jena 1902.
Burkhardt, C. A. H., Geschichte der sächsischen Kirchen- und Schulvisitationen
von 1524—1545. Leipzig 1879.
Burkhardt, ASG. IV = Burkhardt, C. A. H., Die Wurzener Fehde. (Arch.
f. Bächs. Geech. Bd. IV.) Leipzig 1866.
Digitized by Google
Veneichnis der in Teil II u. III benotzteo abgekürzt zitierten Bchriften. xy
Burkhard t, ASO. VIII — Burkhardt, C. A. H., Die Schlacht bei Mühlberg
und der Prozeß gegen den kurfürstlichen Kämmerer Hans von Ponickan.
(Arch. f. <L Sachs. Ueech. Bd. VIII.) Leipzig 1870.
Burkhardt, ü. A. H., Die Belagerung von Leipzig 1547. Grenzboten. 1873. II.
Barkhardt, ThStKr. III = Burkhardt, C. A. H., Die Judenverfolgungen im
Kurfürstentum Sachsen von 1536 an. (TheoL Stud. und Kritiken. 70.
Jahrg. 1897. Heft III.)T
Burkhardt, ZbergQ. V •= Briefe der Herzogin Sibylla von Jülich-Cleve-Berg
an ihren Gemahl Johann Friedrich dem Großmütigen hrsg. v. C. A. H. Burk-
hardL (2^itschr. des Bergischen Geschichtsvereine. Bd. V.) Bonn 1868 — 70.
Burkhardt, ZKWL. VI = Burkhardt, G. A. H., Briefwechsel zur Gesch. der
Reformatoren. Zeitschr. f. kirchl. Wissenschaft und kirchliches Leben. 6.
Jahrg. 1885. S. 545 ff.)
Burkhardt, ZKWL. X — Burkhardt, C. A. H., Keue Mitteilungen zur Kor-
respondenz der Reformatoren. (Zeitschr. f. kirchl. Wissensch. und kirchl.
Leben. 10. Jahrg. 1889.)
Caemmerer, Herrn, v., Das Regensburger ReUgionsgespräch im Jahre 1546.
Berlin. Dies. 1901.
Cardauns, L., Zur Kirchenpolitik Herzog Georgs von Sachsen, vornehmlich
in seinen letzten Regiemngsjahren. (Quellen und Forschungen aus italienischen
Archiven und Bibliotheken. Bd. X.) Rom 1907.
Christ mann, C., Melanchthons Haltung im Schmalkaldischen Kriege. (Histo-
rische Stadien. Jahrg. 31.) Berlin 1902.
Clemen, O., Georg Helts Briefwechsel. (Arch. für Reformationsgesch. Er-
ginzungsbd. II.) Leipzig 1907.
Codex Augustens oder neu vermehrtes Corpus juris Sazonici von J. Chr. Lünig
I. II. Leipzig 1724.
Collier, Jeremy, An eoclesiastical history of Great Britain. II. 1714.
Collischonn, P., Frankfurt a. M. im Schmalkaldischen Kriege. Strafiburg.
Diss. 1890.
Condlium Tridentinum. Diariorum etc. nova coUectio ed. societos Goerresiana.
Tom. IV. Actorum pars prima ed. Steph. Ehses. Friburgi Brisg. 1904.
Cor datu 8 = Tagebuch Ober Luther, geführt von Konrad Cordatus 1537, hrsg.
V. H. Wrampelmeyer. Halle 1885.
Cornelius, X. XIV = Cornelius, C. A., Briefwechsel zwischen Herzog Johann
Friedrich von Sachsen und Graf Wilhelm von Neuenahr in den Jahren
1529—1536. (Zeitschr. des Bergischen Gescbichtsvereins. Bd. X. XIV.)
Bonn 1874/78.
C. R. » Corpus Reformatomm. Halle und Braunschweig 1834 ff.
Danz, J. T. L,, Franz Burckard aus Weimar. Weimar 1825.
Dittrich, F., Nnntiaturberichte Giovanni Moroms vom deutschen Königshofe
1539—40, bearb. v. Paderborn 1892. (Quellen und Forschungen a. d. Ge-
biete der Gesch., hrsg. von der Görresgeeellschaft. I, 1.)
Oöllinger, J. J. J., Beiträge zur politischen, kirchlichen und Kulturgeschichte
der sechs letzten Jahrhunderte. I. R^ensburg 1862.
Drews, P., Die Ordination, Prüfung und Lehrverpflichtung der Urdinanden in
Wittenberg 1535. (Deutsche Zeitschr. f. Kirchenrecht. XV. 1905.)
Digitized by Google
XVI VoMiclmia der in Teil II u. III benutzten abgdiirzt zitierten Schriften.
Drews, ZKG. XIX = Drewa, Spalatiniana. (Zeitechr. f. Kirchengesch. XIX.
Gotha 1889.)
Dreyhaupt, Joh. Chr., PagUB Neletici oder BeechreibuDg dea . . . Baal-
crejses. I. Halle 1749.
Druffel I— IV = Briefe und Akten zur Geschichte des sechzehnten Jahr-
hunderts, mit besonderer Rücksicht auf Bayerns Fürstenhaus. I — IV. Bei-
träge zur Reichsgeechichte 1546— 51. 1552, bearb. v. A. v. Druffel. München
1878—82. Bd. IV 1553 — 15-55, bearb. von K. Brandi 1896.
Druffel, Abb. bayr. AK. I = Druffel, Aug. v., Kaiser Karl V. und die römische
Curie 1544 — 46. (Abhandlungen der historischen Klasse der Kön. bayr. Akad.
der Wissensch. XIII, 2.) München 1877.
Druffel, SB. 1882 = Druffel, A. v., Beitrag zur militärischen Würdigung des
Schmalkaldischen Krieges. (Sitzungsber. d. phiL-hist. KL der Münchener
Akad. 1882.)
Duller, Ed., Neue Beiträge zur Geschichte Philippe des Großmütigen. Darm-
stadt 1842.
Egelhaaf, Gottlob, Deutsche Geschichte im sechzehnten Jahrhundert bis
zum Augsburger Beligionsfrieden. II. (1526—1555.) Stuttgart 1892. (Bibliothek
deutscher Geschichte.)
Egelhaaf, Gottlob, Archivalische Beiträge zur Geschichte des schmalkaldischen
Krieges. Stuttgart. Progr. 1896.
Ehwald , R., Zur Erinnerung an Johann Friedrich den Großmütigen. (Mitteilungen
der Vereinigung für Gothaische Geschichte und Altertiunsforschung. 1903.)
E 11 in ge r, G., Philipp Melanchthon. Berlin 1902.
Emminghaus, O., Die Hofratsordnung des Kurfürsten Friedrichs des Weisen
und Herzogs Johann von Sachsen, von 1499. (Zeitschr. d. Ver. f. thflr.
Gesch. und Altertumsk. Bd. II. Jena 1855.)
Enders - Luthers Briefwechsel, bearb. von K L. Enden. Bd. IX — XI. Calw
und Stuttgart 1903—1907.
Erl. c= Luthen sämtliche Werke, Erlanger Ausgabe. Bd. LV. LVI. LXl. Frank-
furt und Erlangen 1853/54.
Ernst, V., Briefwechsel des Herzogs Christof von Württemberg, hrsg. von
V. Emst Bd. I. U. Stuttgart 1898, 1900.
Falckenstein, J. H., Civitatis Eirffurtensis historia critica et diplomatica . . .
Erffurt 1739.
Faleti, H., Prima parte della guerra di Alamagna. Vinq;ia 1552. Ich benutze
die üebenetzung bei Hortleder, II, 642 ff.
Falke, Joh., Die Geschichte des Kurfünten August in volkswirtschaftlicher Be-
ziehung. (Preisschriften der Jablonowskischen Gesellschaft. XIII.) Leipzig 1868.
Falke, Die Bteuerbewilligungen der Landstände im Knrfüntentum Sachsen bis
zum Anfang des 17. Jabrbs. (Zeitschr. f. d. gee. Staatsw. XXX. 1874.)
FDG. = Forschungen zur deutschen Geschichte.
Fellner-Kretscbmayr <=> Veröffentlichungen der Kommission für neuere
Geschichte Oesterreichs. V. Die österreichische Centralverwaltung I, 1 von
Th. Fellner und H. Krelschmayr. I, 2 Aktenstücke. Wien 1907.
Fiedler, Joseph, Relationen venetianischer Botschafter über Deutschland und
Oesterreich im sechzehnten Jahrhundert. (Fontes Rerum Austriacarum,
zweite Abt- Bd. XXX.) Wien 1870.
Digitized by Google
VeneichDie der in Teil 11 u. 111 benutzten abgekürzt zitierten Schriften, xvil
Fischer, Franz, Die ReformationsTerauche des Bischofs Franz von Walileck
im Fürstbistum Münster. (Beiträge für die Geschichte Niedersachsens und
Westfalens. Heft VI.) Hildesheim 1907.
Fischer, K., Die Stifter Magdeburg und Halberstadt im Schmal kaldischen
Kriege. Berlin. Diss. 1805.
Förstemann IV •» M. Luther, Tischreden, hrsg. v. K. E. Förstemann. IV.
Leipzig und Berlin 1848.
Freher, Marq., Germanicarum rerum scriptores. 111. Editio tertia ed. B. G.
Strure. Argent. 1717.
Gachard, Trois annöes de l’histoire de Charles-Quint (1543-46). (Bulletins de
TAcadömie royale de Belgique. 2. Sör. Tom. XIX. Bruxelles 18fö.)
Geiser, K,, Ueber die Haltung der Schweiz während des Schmalkaldischen
Krieges. (Jabrb. f. Schweiz. Geech. Bd. XXll.) Zürich 1897.
Glagau, H., Landgraf Philipp von Hessen im Ausgang des Schmalkaldischen
Krieges. (Histor. Vierteljahrsschr. Bd. Vlll. Leipzig 1906.)
Godoi, G. de, Comentari della guerra fatta nella Germania da Carlo V. imper.
Vinegia 1548. Ich benutze die Uebersetzung bei Hortleder, 11, S. 1931 ff.
Greta chel, C., Geschichte des Sächsischen Volkes und Staates. Bd. 1. Leipzig
1843.
Guzmann, zu finden bei Buscelli, Lettere di Principi. 111. Venetia 1577.
Häberlin, Fr. D., Teutsche Beichsgeschichte. Bd. Xll. Halle 1774.
Hahn, K., Herzog Johann Wilhelm von Weimar und seine Beziehungen zu
Frankreich. (Zeitschr. d. Ver. f. thür. Gesch. und Altertumskunde. Bd. XXVI.
1907.)
Harpprecht, J. N. Frhr. t., Geschichte des keyserl. u. Reichs-Kammergerichts.
Teil V. Frankfurt a. M. 1767. Teil VI. 1768.
Hasenclerer 1 — Hasenclever, Adolf, Die Politik der Schmalkaldner vor Aus-
bruch des schmalkaldischen Krieges. (Historische Studien. Heft XXlll.)
Berlin 1901.
Hasenclerer 11 <= Hasenclever, Adolf, Die Politik Kaiser Karls V. und Land-
graf Philippe von Hessen vor Ausbruch des schmalkaldischen Krieges. Mar-
burg 1903.
Hasenclever, Naves — Hasenclever, Adolf, Johann von Naves aus Luxem-
burg, Beichsvizekanzler unter Kaiser Karl V. (Mitteilungen des Institute
für österr. Geschichtsforsch. Bd. XXVI. 1905.)
Hasenclever, A.. Die kurpfälzische Politik in den Zeiten des Schmalkaldischen
Krieges. (Heidelberger Abhandlungen zur mittl. und neuer. Geech. Heft X.
Heidelberg 1905.)
Hsssebrauk,G., Heinrich der Jüngere und die Stadt Braunschweig 1514 — 1568.
(Jahrbuch des Geschichtsvereins für das Herzogtum Braunschweig. V.)
Wolfenbüttel 1906.
Heide, G., Die Verhandlungen des kaiserlichen Vizekanzlers Held mit den
deutschen Ständen 1537 — 38. (Hist.-Polit. Bll. CIL 1888.)
Heidrich, Paul, Der geldrische Erbfolgestreit 1537 — 43. (Beiträge zur
deutschen Territorial- und Stadtgeschichte. I, 1.) Kassel 1896.
Hei neman n , O. V., Geschichte von Braunschweig und Hannover. II. Gotha 1886.
Beiträge zur oeaereo Geschichte ThQringent I, 9, XI
Digitized by Google
XVIII Verzeichnis der in Teil II u. III benutzten abgekürzt zitierten Schriften.
Heling, Beinh., Pommerns Verhältnis zum Schmalkaldischen Bunde. (Baltische
Studien. NF. X. XI. Stettin 1906. 1907.)
Uerberger, Th., Sebastian Schertlin von Bnrtenbach und seine an die Stadt
Augsburg geschriebenen Briefe. Mitget. von. Augsburg 1852.
Hering, H., Libellus fundationis academiae Vitebergensis. Hall. Univ.-Progr.
1882.
Herminjard, A. L., Correspondance des räformateurs dans les pays de langue
franfaise. III. Genfcve 1870. V. 1878. VII. 1886.
Hertzberg, G. F., Geschichte der Stadt Halle an der Saale. Bd. II. Halle a.S.
1891.
Herzog, E., Geschichte des Klosters Grünhain. (Archiv für die Sächsische Ge-
schichte. VII. Leipzig 1869.)
Heyd, L. F., Ulrich, Herzog zu Württemberg. I— III. Tübingen 1841 — 44.
Hintze, O., Hof- und Landesverwaltung in der Mark Brandenburg unter
Joachim II. (Hohenzollemjahrbuch. Bd. X. 1906.)
H. J. = Historisches Jahrbuch.
Hoffmann, E., Naumburg a. S. im Zeitalter der Reformation. (Leipziger
Studien aus dem Gebiet der Geschichte. VII, 1.) Leipzig 1901.
Holländer, A., Strafiburg im Schmalkaldischen Kriege. Strafiburg 1881.
Hortleder, I, 1. 2. = Hortleder, Fr., Handlungen und Ausschreiben von den
Ursachen des teutschen Krieges. Frankfurt a. M. 1617.
Hortleder, 11 = Hortleder Fr., Handlungen und Ausschreiben von Rechtmäfiig-
keit, Anfang, Fort- und endlichen Ausgang des teutschen Kri^ies. Gotha 1645.
Hülfie, Fr., Der Streit Kardinal Albrechts mit dem Kurfürsten Johann Fried-
rich von Sachsen um die magdeburgieche Burggrafschaft. (Geschichtsblätter
für Stadt und Land Magdeburg. 22. Jahrg. 1887.)
Isaacsohn, S., Geschichte des preufiischen Beamtentums. I. Berlin 1874.
Iss leib, ASG. NF. V. = Issleib, S., Herzog Moritz von Sachsen und der
braunschweigische Handel 1545. (Arch. f. d. Bäche. Gesch. NF. Bd. V.)
Leipzig 1879.
Issleib, S., Der braunschweigische Krieg im Jahre 1545. (Mitt. des K. Sächs.
Altertumsver. XXVI.) Auch Leipz. Dies. Dresden 1876.
Issleib, Jahrbuch 1903 = Issleib, S., Philipp von Hessen, Heinrich von Biaun-
Bchweig und Moritz von Sachsen 1541 — 47. (Jahrbuch des Geschichtsvereins
für das Herzogtum Braunschweig. 2. Jahrg. Wolfenbüttel 1903.)
Issleib, NASG. VI. VII. = Issleib, S., Moritz von Sachsen gegen Karl V.
(Neues Arch. f. sächs. Gesch. und Altertumsk. Bd. VI. VII.)
Issleib, NASG. VIII. = Issleib, S., Von Passau bis Sievershausen. (Neues
Arch. f. sächs Gesch. und Altertumsk. Bd. VIII.)
Issleib, NASG. XII. = Issleib, S., Die Wittenberger Kapitulation von 1547.
(Neues Arch. f. sächs. Gesch. und Altertumsk. Bd XII.) Dresden 1891.
Issleib, NASG. XXIV. = Issleib, 8., Moritz von Sachsen und die Emestiner
1547 bis 1553. (Neues Arch. f. sächs. Gesch. und Altertumsk. Bd. XXIV.)
Dresden 1903.
Issleib, NASG. XXVI. = Issleib, 8., Die Jugend Moritzens von Sachsen,
. 1521 — 1541. (Neues Arch. f. sächs. Gesch. und Altertumsk. Bd. XXVI.)
Dresden 1905.
Digitized by Google
Venseichnis der in Teil II u. III benutzten abgekürzt zitierten Schriften. xiX
Janssen, Job., Geschichte des deutschen Volkes seit dem Ausgang des Mittel-
alters. Bd. III. 17. und 18. Aufl. Freiburg i. Br. 1899. Bd. VIII. 14. Aufl.
1903.
Jen. Lat. IV = Luther, Opera omnia. Tom. IV. Jenae 1583.
Jenkins, The remains of Thomas Cranmer. I. 1833.
Kan nengiesser, P., Karl V. und Maximilian Egmont, Graf von Büren. Frei-
burg i. B. und Leipzig 1895.
Kannengiesser, P., Der Reichstag zu Worms vom Jahre 1545. Straßburg
1891.
Kapp, I. E.. Kleine Nachlese einiger zur Reformationsgeschichte nützlicher
Urkunden. III. Leipzig 1730.
Karl V., Comm. = Commmentaires de Charles-Quint publ. par lebaron Kervyn
de Lettenhove. Bruxelles 1862.
Katterfeld, Alfr., Rogar Ascham. Sein Leben und seine Werke. Straßburg
1879.
Kawerau, I. II. = Der Briefwechsel des Justus Jonas. Ges. und bearb. von
Gustav Kawerau. I. II. (Geschichtsqnclleu der Provinz Sachsen. XVII, 1. 2.)
Halle 1884/85.
Kawerau, G., Johann Agricola von Eisleben. Berlin 1881.
Kawerau, G., Ucber Berechtigung und Bedeutung des landesherrlichen Kirchen-
regiments. Kiel 1886.
Kern, A-, Deutsche Hofordnnngen des 16. und 17. Jahrhunderts. (Denkmäler der
deutschen Kulturgeschichte, hrsg. v. G. 8teinhausen. II. Abt. Bd. I. II.)
Berlin 1905,07.
K i u 8 , O., Das Finanzwesen des Ernestinischen Hauses Hachsen im sechszehnten
Jahrh. Weimar 186.3.
Kius, O., Das Htipendiatenwesen in Wittenberg und Jena unter den Emcslinem
im 10. Jahrh. (Zeitschrift f. d. historische Theologie. XXXV. Gotha 1865.)
Kleinwächter, E., Der Metzer Reformationsversuch 1542 — 43. Teil I. Mar-
burg. Diss. 1894.
Knieb, Ph., Geschichte der katholischen Kirche in der freien Reichsstadt Mühl-
hausen. (Erläuterungen und Ergänzungen zu Janssens Geschichte des deutschen
Volkes. V, 5.) Freiburg i. Br. 1907.
Könneritz, ASG. VIII. = Könneritz, J. T. J., Erasmus von Könneritz indem
Kriegszuge gegen die Türken 1542. (Arch. f. d. Sachs. Gesch. Bd. VIII.)
Leipzig. 1870.
Köstlin • Kawerau II. = KÖstlin, Julius, Martin Luther. 5. Aufl. von G.
Kawerau. II. Berlin 1903.
Kolde, Th., Anacleta Lutherana. Gotha 1883.
Kolde, Th., Der Kanzler Brück und seine Bedeutung für die Entwicklung der
Reformation. Gotha 1874.
Kolde, Th., Martin Luther. I. II. Gotha 1884—93.
Koldewey , Fr., Heinz von Wolfenbüttel. (Schriften des Vereins für Refor-
mationsgeechichte. II.) Halle 1883.
Koldewey, ZHVKieders. 1868 = Koldewey, F., Die Reformation des Herzog-
tums Braunschweig-Wolfenbüttel unter dem Regimente des Hchmalkaldischen
Bundes. (Zeitschr. d. Hist. Ver. f. Niedersachsen 1868.)
II*
Digitized by Google
XX Verzeichnis der in Teil II n. III benutzten abgekürzt zitierten Schriften.
Körte.. Aug., Die KonzUspoIitik Karls V. in den Jahren 1538— 1.’>43. Gött. Dies.
Halle a. S. 1905. (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte. Heft 85.)
Kretschmann, C. G., Gesch. des kurf. sächs. Oberhofgerichto zu Leipzig.
Leipzig 1804.
Kroker = Luthers Tischreden in der Mathesischen Sammlung. Hrsg, von E.
Kroker. Leipzig 1903.
Küch, Fr., Politisches Archiv des Landgrafen Philipp des Großmütigen von
Hessen. I. (Publ. a. d. K. Preuß. Staatsarch. Bd. LXXVIII.) Leipzig 1904.
Lacom bl et, Th. J., Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins. Bd. IV.
Düsseldorf 1858.
V. Langen n, I. II = Langenn, Fr. A. v., Moritz, Herzog und Kurfürst zu
Sachsen. I. II. Leipzig 1841.
Langenn, Fr. A. v., Christoph von Carlowitz. Leipzig 1854.
Langenn, Fr. A. v., Doctor Melchior von Ossa. Leipzig 18.58.
Lanz IL III = Correspondenz des Kaisers Karl V. Mitgeteilt von Dr. Karl
Lanz. Bd. II. III. Leipzig 1845/46.
Lanz, K., Staatspapiere zur Geschichte des Kaisers Karl V. (Bibliothek des
Literar. Vereins in Stuttgart. XL) Stuttgart 1845.
L. a. P. = Letters and papers, foreign and domestic of the reign of Henry VIII.
London.
Lauterbach, A., Tagebuch auf das Jahr 1538, hrsg. von J. K. Seidemann.
Dresden 1872.
Lehfeldt-Voß, XXXIII Bau- und Kunstdenkmäler Thüringens, bearb. von
P. Lehfeldt und G. Voß, Heft XXXIII. Jena 1907.
Lenz I — III “ Briefwechsel Landgraf Philippe des Großmütigen von Hessen
mitBucer. I— III. (Publikationen a. d. Preuß. Staatsarchiven. Bd.V. XXVIII.
XLVII.) Leipzig 1880. 87. 91.
Lenz, HZ. 49 = Lenz, M., Die Kriegführung der Schmalkalden^' gegen Karl V.
an der Donau. (Hist. Zeitsebr. Bd. XLIX.) München und Leipzig 1883.
Lenz, Max, Die Schlacht bei Mühlberg. Gotha 1879.
Lenz, RB — Lenz, M., Der Rechenschaftsbericht Philippe des Großmütigen über
den Donaufeldzug 1.546 und seine Quellen. Marb. Univ. Progr. 1885.
Liliencron,R.v., Die historischen Volkslieder der Deutschen. IV. Leipzig 1869.
Lobe, Ad., Ursprung und Entwickelung der höchsten sächsischen Gerichte.
Leipzig 1905.
Loesche, G., Analecta Lutherana et Melanthoniana. Gotha 1892.
Lünig, Job. ehr.. Des teutschen Reichsarchivs partis specialis continuatio II.
Leipzig 1712.
Matbesius, Job., Luthers Leben in Predigten. (Werke hrsg. von G. Loesche.
Bd. III.) I>rag 1898
Maurenbreeber, W., Karl V. und die deutschen Protestanten 1545 — 1555.
Düsseldorf 1865.
Meinardus, O., Der Katzenelnbogische Erbfolgestreit. I 1. 2. II 1. 2. Wies-
baden 1898. 1902. (Nassau-Oranisebe Korrespondenzen. Bd. I. II.)
Meinardus, FDO. XXII — Meinardus, O., Die Verhandlungen des Schmal-
kaldischen Bundes vom 14.— 18 Febr. 1539 in Frankfurt a. M. (Forschungen
zur deutschen Geschichte. Bd. XXII.) Göttingen 1882.
Digitized by Google
VerzeicboiB der in Teil II u. III benutzten abgekürzt zitierten Schriften, xxi
Mejer, O., Zum Kirchenreebt de« ReformationsjabrhundertB. Hannover 1891.
Mencken III — IlUtoria belli Smalcaldici in Mencken, J. B., Scriptorea Ker.
Qerm. III. Lipxiae 1730.
Mentz, G., Die Wittenberger Artikel von l.’iSö, brsg. von. (QucIIenBchriften zur
Geschiebte de« ProtestantiBrans. Heft 2.) Leipzig 1905.
Merriman, R. B., Life and Letters of Thomas Cromwell. I. II. Oxford 1902.
Meyer, A. O., Die englische Diplomatie in Deutschland zur Zeit Eduards VI.
und Mariens. Diss. Breslau 1900.
Meyer, Chr., Die Feldbauptmannschaft Joachims II. im Türkenkriege von 1542.
(Zeitschr. f. Preuß. Gesch. und Landesk. XVI. Berlin 1879.)
Meyer, FDG. XVIII = Meyer, Chr., Kurfürst Joachim II. von Brandenburg im
Schmalkaldiscben Kriege. (Forsch, z. Deutsch. Gesch. Göttingen 1878.)
Möllenberg, W., Die Verhandlungen im Schmalkaldischen Lager vor Giengen
und Ijindgraf Philippe Rechenschaftsbericht (Zeitschr. des Ver. f. hees.
Gesch. und Landesk. X. F. Bd. XXVIII.) Kassel 1904.
Mögen, L. G., HistoriacaptivitatisPbilippiMagnanimi (diariura Oünderrodianum).
Francofurti et Lipeiae 1766.
Mobs, W., Die Wittenberger Kapitulation von 1547. Progr. Schwerin 1905.
Moses, Rcinh., Die Religionsverbandlungen zu Hagenau und Worms 1540 und
1541. Jena 188^.
M. P. C. ■= Politische Korrespondenz des Herzogs und Kurfürsten Moritz von
Sachsen, hrsg. von Erich Brandenburg. I. II. Leipzig 1900. 1904.
Müller, J. J., Des heil. Röm. Reichs Reichstags-Theatrum, wie selbiges unter
Kaiser Maximilians 1. Regierung gestanden. II. Jena 1719.
Müller, Job. Seb., Des chur- und fürstlichen Hauses baebsen Annales. Weimar
1700.
Müller, Ludw., Die Reichsstadt Nördlingen im schmalkaldischen Kriege. X^örd-
lingen 1877.
Müller, Xik., Die Besuche Philipp Melanchtbons am kurfürstUch branden-
burgischen Hofe 1535 und 1538. (Jahrbuch für Brandenburgische Kirchen-
geschiebte. 2. und 3. Jabrg. 1906.)
Xik. Müller, JbBKG. IV Müller, Xik., Zur Geschichte des Reichstags von
R^ensburg 1541. (Jahrbuch für Brandenburgische Kirchengeschichte. 4. Jahrg.
1907.)
Muffat, K. A., Korrespondenzen und Aktenstücke zur Geschichte der politischen
Verhältnisse der Herzoge Wilhelm und Ludwig von Bayern zu König Johann
von Ungarn. (Quellen und Erläuterungen zur Bayerischen und deutschen Ge-
schichte. Bd. IV.) München 1857.
Mugnier, F., Faictz et guerre de l’empereur Charles V. dans la guerre d’Alle-
magne (1546 — 47), publ. par. Paris 1902.
Mutber, Theod., Aus dem Universitäts- und Gelehrten leben im Zeitalterder Re-
formation. Vorträge. Erlangen 1866.
Mutber, Theod., Zur Geschichte der Rechtswissenschaft und der Universitäten in
Deutschland. Jena 1876.
My conius, F., Historia reformationis 1517 — 42. MitgeL von E. S. Cyprian.
Leipzig 1718.
Mylius, Constituüonum Marchicarum corpus. II, 1. Berlin und Halle.
Digitized by Google
XXII Verzdchnis der in Teil II u. III benatzten abgekürzt zitierten Schriften.
M y li US , J. Ch., Memorabilia bibliothecoe academiae Jenensis. Jnnae et Wääen-
fels 1746.
N. B. I. II. IV. VIII. IX. X. = Nuntiaturberichte aus Deutschland nebst er-
gänzenden Aktenstücken. Erste Abteilung 1533 — 1559. Bd. I. II. IV. \T^II.
IX. X. bearb. von W. Friedensburg. Gotha 1892. 93. 98. 99. 1907. Bd. XII.
bearb. von 6. Kupke. Berlin 1901.
Nebelsieck, H., Beformationsgeschichte der Stadt Mühlhausen. (Zeitschrift
des Vereins für Kirchengeschichte in der Provinz Sachsen. 2. Jahrg. 1905.)
Neudecker, Chr. G., Merkwürdige Aktenstücke aus dem Zeitalter der Refor-
mation. 1. 2. Nürnberg 1838.
Neudeck er, Chr. G., Die handschriftliche Geechichte Ratzebergers über Luther
und seine Zeit. Jena 1850.
Neudecker, Chr. G., Urkunden aus der Reformationszeit, hrsg. von. Kassel
1836.
Neudecker, Chr. G., und Preller, L., Spalatins historischer NachlaQ und
Briefe. 1. Friedrichs des Weisen Leben und Zeitgeschichte. Jena 1851.
Ossa, Melchior v.. Handelsbach. Manuskript in der Dresdener Bibliothek.
Paetel, G., Die Organisation des hessischen Heeres unter Philipp dem Groß-
mütigen. Berlin 1897.
P a s 1 0 r , L., Die kirchlichen Reunionsbestrebungen während der Regierung Karls V.
Freiburg 1879.
P. C. II. III. = Politische Korrespondenz der Stadt Straßburg im Zeitalter der
Reformation. Bd. II. III. bearb. von ü. Winckelmann. Straßburg 1887 —98.
Planitz, Gerb., Zur Einführung der Reformation in den Aemtern Rochlitz
und Kriebstein. (Beiträge zur Sächsischen Kirchengeschichte. XV^II.) Leipzig
1904.
Posse, O., Die Lehre von den Privaturkunden. Leipzig 1887.
Posse, 0., Die Wettiner. Leipzig 1897.
Raab, C. v.. Das Amt Pausa bis zur Erwerbung durch Kurfürst August von
Sachsen im Jahre 1569 und das Erbbuch vom Jahre 1506. Plauen i. V. 1903.
Raab, C. r., Das Amt Plauen im Anfang des 16. Jabrhs. und dos Erbbuch vom
Jahre 1506. Plauen i. V. 1902.
Ranke, L. V., Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. I — VI. (Sämt-
liche Werke. Bd. I — VI. 3. Gesamtausgabe.) Leipzig 1894.
Ratzeberger siehe Neudecker.
RE -= Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche. 3. Aufl.
I.eipzig 1896 ff.
Redlich, O. R., Jülich- Bergische Kirchenpolitik am Ausgange des Mittelalters
und in der Reformationszeit. I. Bonn 1907. (Publikationen der Gesellschaft
für Rheinische Geschichtskunde. XXVIII.)
Rchtmeyer, Phil. Jul., Historiac ecclesiasticae inelytae urbis Brunsvigae.
Pars III. Braunschweig 1710.
Reitzenstein, K. v., Briefwechsel des Kurfürsten Johann Friedrich des Groß-
mütigen mit seinem Sohne Johann Wilhelm im Dezember 1546. Weimar 1858.
Ri hier, Lettres et m5moires d’Estat des roys etc. 1537 — 59. I. II. Paris 1666.
Richter, L., Geechichte der evangelischen Kirchenverfassung in Deutschland.
Leipzig 1851.
Digitized by Google
Veraeichnis der in Teil II u. III benutzten abgekürzt zitierten Schriften. XXIII
Rieker, K., Die rechtliche Stellung der evangelischen Kirche Deutschlands.
Leipzig 1893.
Riezler, S., Qeschichtc Baiems. Bd. IV. Ootha 1899.
Riezier, Abh. bayr. Ak. XXI = Riezler, S., Die bayerische Politik im schmal-
kaldischen Kriege. (Abhandlungen der histor. Kl. der bayer. Ak. d. W. XXI.)
München 1898.
Rockwell, W. W., Die Doppelehe des Landgrafen Philipp von Hessen. Mar-
burg 1904.
Roeder, De colloquio Wormatiensi. Nürnberg 1744.
Kogge, B., Johann Friedrich, Kurfürst von Sachsen, genannt „der Großmütige“.
Halle a. S. 1902.
Rommel, Christoph v., Philipp der Großmütige. 1 — III. Gießen 1830.
Rosenberg, W., Der Kaiser und die Protestanten io den Jahren 1537 — 1539.
Dies. Breslau. Halle a. S. 1903. (Schriften des Vereins für Reformations-
gesch. Heft 77.)
Rosenthal, Ed., Die Behördenorganisation Kaiser Ferdinands I. Wien 1887.
Rosenthal, Ed., Geschichte des Gerichtswesens und der Verwaltungsorganisation
Bayerns. I. Würzburg 1889.
Roth, ARG. I — Roth, F., Zur Kirchengüterfrage in der Zeit von 1538—1540.
(Arch. für Reformationsgesch. I. Berlin 1904.)
Ruble, baron de, Le mariage de Jeanne d’Albret (1528 — 1548). Paris 1577.
Sagittarius, Caspar, Saaifeldische Historien. Hrsg, von E. Devrient II.
Saalfeld a. S. 1904.
Sammlung, neue und vollständige, der Reichsabschiede von J. J. Schmause und
H. Ch. von Senckenberg. II. Frankfurt 1747.)
Sattler, Chr. PV., Geschichte des Herzogtums Württemberg unter der Regierung
der Herzogen. III. Ulm 1771.
Schäfer, D., Geschichte von Dänemark. IV. Gotha 1893.
Schertlin von Burtenbach, Sebastian, Lebensbeschreibung. Hrsg, von
0. F. A. Schönhnth. Heilbronn 1858.
Schmidt, G. L., Justus Meoius, der Reformator Thüringens. I. II. Gotha 1867.
Schmidt, O. E., Kursächsische Streifzüge. Leipzig 1902.
Schneider, M., Zur Geschichte des Gymnasium illustre in Gotha. Ans der
Heimat. I. Gotha 1897/98.
Schneider, M., Das Coenobium am Gymnasium illustre zu Gotha. Gotha 1895.
Schnell, H., Heinrich V., der Friedfertige, Herzog von Mecklenburg. (Schriften
des Vereins für Reformationsgesch. Heft 72.) Halle 1902.
Schuchardt, Chr., Lucas Cranach des Aelteren Leben und Werke. I — III.
Leipzig 1851. 1871.
S c b n 1 1 e s , J. A. V., Sachsen-Coburg-Saalfcldische Landeegeschichte. Coburg 1818 ff.
Schwarz, J. C. E., Das erste Jahrzehnd der Universität Jena. Jena 1858.
Schweizer, P., Der Donaufeldzug voh 1546. (Mitt. d. Instituts f. Österreich.
Gesch. XXIX. 1908.)
Seckendorf, V. L. v., Commentarius de Lutheranismo. I — III. fol. Franco-
furti et Lipsiae 1692.
Seeliger, G., Das deutsche Hofmeisteramt im späteren Mittelalter. Innsbruck
1885.
Digitized by Google
XXIV Verzeichnis der in Teil II u. III benutzten abgekürzt zitierten Schriften.
Sehlin g, £., Die evangelischen Kirchenordnungen des XVI. Jahrhunderts. I, 1.
Leipzig 1892.
Seide mann, Joh. K., Beiträge zur Reformationsgeschichte. Heft I. II. Dresden
1846. 1848.
Seidemann, Joh. K., Dr. Jacob Schenk. Leipzig 187.^.
Senckenbetgische Sammlung von ungedruckt- und raren Schriften. I — IV. Frank-
furt a. M. 1751.
Singer, Pani, Beziehungen des schmalkaldischen Bundes zu England im Jahre
1539. Greifsw. Diss. 1901.
Sleidanus, Joh., De statu religionis et reipublicae Carolo quinto Caesare
commentarii ed. Boehme-am Ende. II. III. Frankfurt 1786.
Spalatin, G., Annales reiormationis ans Licht gestellet von E. S. Cyprian.
Leipzig 1718.
Spalatin ap. Menck. = Spalatin. Annales und Vitae aliquot electorum in J.
B. Menckenii Scriptores Berum Germanicarum. II. Lipeiae 1728.
Springer, Jar., Beiträge zur Geschichte des Wormser Reichstages 1544 und 1545.
Leipzig. Diss. 1882.
Stern, Alfr., Heinrich VIH. von England und der Schmalkaldische Bund 1540.
(Forschungen zur deutschen Geschichte. Bd. X.) Göttingen 1870.
Stintzing, R., Gesch. der deutschen Rechtswissenschaft. Bd. I. (Gesch. der
Wissensch. in Deutschland. XVIIl.) München und Leipzig 1880.
Stölzel, Ad., Die Entwicklung des gelehrten Richtertums in deutschen Terri-
torien. 1. Stuttgart 1872.
St. P. = State Papers, publiahed ander the authority of her Majestys oommission.
vol. VII. 1849.
Strobel, G. Th., Beiträge zur Literatur besonders des sechszehnten Jahr-
hunderts. I. Nürnberg und Altorf 1784.
Strype, John, Eoclesiastical memorials. VI. 1822.
Stampf, A.S., Baierns politische Geschichte. 1. München 1816. Mit Urknndenbnch.
Todd, H. J., The life of Arch. Croumer. London 1831.
Trant, Herrn., Kurfürst Joachim II. von Brandenburg und der Türkenfeldzag
vom Jahre 1542. Gummersbach 1892.
Trefftz, J., Kursachsen und Frankreich 1552 — 57. Diss. Lripzig 1891.
Tschackert, P., Urkundenbuch zur Reformationsgeschichte des Herzogtnms
Preußen. II. III. (Publicationen a. d. K. Preuß. Staatsarchiven. 44. 45.)
Leipzig 1890.
Varrentrapp,C., Hermann von Wied and sein Reformationsversach in Köln.
I. II. Leipzig 187K
Ven. Dep. I. II = Venetianische Depeschen vom Kaiserhofe. I. II. (bearb. v.
G. Turba.) Wien 1889/92.
Vetter, Paul, Die Beligionsverhandlungen auf dem Reichstage za Begensbarg
1541. Jena 1889.
Vetter, NASG. XIV. = Vetter, P., Eine kursächsische Gesandtschaft nach
Frankreich im Jahre 1.540. (Neues Archiv für Sächsische Geschichte und
Altertumskunde. Bd. XIV.) 1893.
Vetter, ZKG. XUI. = Vetter, P., Witzele Flacht aus dem Albertiuischen
Sachsen. (Zeitschr. f. Kirchengeschichte. Bd XIII. Gotha 1892.)
Digitized by Google
Verzeichnis der in Teil II u. III benntzten abgekürzt zitierten Schriften. xXT
Viglins van Zwichem, Tagebuch des Schmalkaldischen Donaukrieges. Hrsg.
V. A. V. DruffeL München 1877.
Virck, ZKG. XII = Virck, H., Lübeck im Jahre 1536. (Zeitschr. f. Kirchen-
gesch. XII. Gotha 1890.)
Virck, ZKG. XIII = Virck, H., Zu den Beratungen der Protestanten über die
Konzilsbuile vom 4. Juni 1536. iZeitechr. f. Kirchengesch. XIII. Gotha
1892.)
Vogel, H., Die Beichsstadt Augsburg im schmalkaldischen Kriege. I. Augs-
burg 1880.
V ogt, 38 — Vogt, O., Dr. Johannes Bugenhagens Briefwechsel (Baltische Studien.
Jahrg. 38. Stettin 1888.)
Voigt, G., Moritz von Sachsen, 1541 — 47. Leipzig 1876.
Voigt, ASG. XI = Voigt, G., Die Belagerung Leipzigs 1547. (Arch. f. d. Sachs.
Geech. Bd. XI.) Leipzig 1873.
Voigt, Joh., Markgraf Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach. I. II.
Berlin 1852.
Wagner, E., Die Reichsstadt Schwäbiech-Gmünd in den Jahren 1546 — 48. (Würt-
tembergische Vierteljahrsh. IX.) Stuttgart 1886.
Waitz, G., Lübeck unter Jürgen Wullenwever und die europäische Politik.
I— III. Berlin 1855/56.
Walch XVI— XVII = D. Martin Luthers sämtliche Schriften. Hrsg. v. Joh.
G. Walch. Teil XVI. XVII. Halle 1745.
Weichselfelder, Joh. Mich., Leben . . . Johann Friedrichs des Großmütigen.
Frankfurt a. M. 1754.
Weiße, ehr. E., Geschichte der chursächsischen Staaten. III. Leipzig 1805.
Weiße 11 — Weiße, Chr. E., Lehrbuch des Kön. Sächs. Staatsrechts. Bd. II.
Leipzig 1827.
Weissenborn, H., Philipp Melanchthons Briefwechsel über Gründung der Uni-
versität Jena. Jena 1848.
Wenck, Kapitulation = Wenck, W., Die Wittenberger Kapitulation von 1547.
(Historische Zeitschr. Bd. XX.) München 1868.
Wenck, W., Albertiner und Emestiner nach der Wittenberger Kapitulation.
(Arch. f. d. Sächs. Gesch, Bd. VIII.) Leipzig 1870. *
Wenck, FDG. XII = Wenck, W., Kurfürst Moritz und die Emestiner in den
Jahren 1.551 und 1552. Forsch, zur deutsch. Gesch. Bd. XII. 1872.)
Wenck, ASG. N. F. III. = Wenck, W., Des Kurfürsten August Verwicke-
lungen mit den Emestinem und dem Markgrafen Albrecht von Brandenburg-
' Kulmbach beim Antritte der Regierung. (Arch. f. d. Sächs. Gesch. N. F.
Bd. III.) Leipzig 1877.
Wette, de, Martin Luthers Briefe, Sendschreiben und Bedenken. IV. V. Berlin
1828. VI. Bearb. von J. K. Seidemann. Berlin 1856.
Wille, J., Philipp der Großmütige von Hessen und die Restitution Ulrichs von
Wirtemberg 1,526—35. Tübingen 1882.
Wille, ZKG. VII = Wille, Zum Religionsartikel des Friedens von Kadan 1534.
(Zeitschr. f. Kirchengesch. VII. 1885.)
Winckelmano, O., Der Schmalkaldische Bund 1530—1532 und der Nürnberger
Religionsfriede. Straßburg 1892.
Digitized by Google
XXVI
Sonstif^e Abkürzungeo.
Winckelmann, Jahrbuch — WinckehnauD, O., Der Anteil der deutschen Pro-
teetanten an den kirchlichen Beformbeetrebungen in Metz bis 1543. (Jahr-
buch der Qesellschaft für lothringische Geschichte und Altertumskunde. IX.
1897.)
Winckelmann, ZEG. XI • Winckelmann, O., lieber die Bedeutung der Ver-
träge von Kadan und Wien (1534—1535) für die deutschen Protestanten.
(Zeitschr. f. Eirchengesch. XI. 1890.)
WM. = Wurzener Manuskript. Siehe Teil II, 8. 482, Anm. 3.
Wolf, G., Deutsche Geschichte im Zeitalter der Gegenreformation. I. Berlin 1899.
Wurm, C. F., Die politischen Beziehungen Heinrichs VIII. zu Marens Mejer
und Jürgen WuUenwever. Progr. Hamburg 1852.
ZGO. = Zeitschr. f. Gesch. des Oberrheins.
ZKG. = Zeitschr. f. Eirchengesch.
ZVThGA. = Zeitschr. des Vereins für thüringische Geschichte und Altertums-
kunde.
Sonstige Abkflrzongen.
Alle mit Loc. beginnenden Zitate entstammen dem Eönigl. Sachs. Haupt-
staatsarchive zu Dresden, alle mit Beg. beginnenden dem Sachsen-Emestinischen
Gesamtarchive zu Weimar. Mit P. A. bezeichne ich das politische Archiv des
Landgrafen Philipp in Marburg. Ich zitiere nach Nummern, soweit Efichs
Publikation reicht, sonst nach den gegenwärtigen Aktenautschriften.
VergL im übrigen Teil I, S. XII.
Digitized by Google
Einleitung.
Wenn man einer Persönlichkeit wie Johann Friedrich dem
Großmütigen gerecht werden will, muß man sich vor allem davor
hüten, mit rein politischen Maßstäben an ihn heranzutreten. Man
darf nie vergessen, daß für ihn alle solche „zeitlichen“ Sachen
erst an zweiter Stelle standen, daß als das Wesentlichste ihm stets
die Uebereinstimmung seiner Handlungen mit den Forderungen
seines Gewissens erschien, und daß dieses seine Richtlinien ent-
nahm aus dem Evangelium und aus den Glaubenssätzen des Luther-
tums, wie sie in der Augsburgischen Konfession niedergelegt waren.
Hier und da kamen daneben auch die weltlichen Rechte und ge-
wisse sittliche Grundanschauungen richtunggebend in Betracht. Ein
Paktieren aber gab es für den Kurfürsten nicht. Weder eigenes
Leiden noch ein der Sache des Protestantismus drohender Nach-
teil konnte ihn bestimmen, auch nur einen Schritt von dem ab-
zuweichen, was sein Gewissen ihm vorschrieb. Hierin lag seine
Stärke sowohl wie seine Schwäche. In der Gefangenschaftszeit
waren weder Drohungen noch Versprechungen imstande, ihn zur
Unterwerfung unter das Konzil oder zur Annahme des Interims
zu veranlassen. Aber auch alle Schäden, die die Doppelehen-
angelegenheit des Landgrafen dem schmalkaldischen Bunde und
dem Protestantismus zuzufügen drohte, vermochten Johann Fried-
rich nicht zu bestimmen, für die Verteidigung einer Sache ein-
zutreten, die er für ungesetzlich hielt. Gerade bei dieser Gelegen-
heit zeigte er, daß durchaus nicht nur die Bibel oder die Lehre
Luthers das für ihn Maßgebende war. Rechtsüberzeugungen, die
er sich gebildet hatte, Verträge, die er geschlossen hatte, galten
ihm auch als eine unverletzliche Norm. Auch dadurch wurde seine
Politik zuweilen in verhängnisvoller Weise beeinflußt.
Bdtrlige zar neuereo Gczciiicbte ThtLringens I, i, 1
Digitized by Google
2
Einleitung.
Es ist bekannt, wie schwer es den kursächsischen Politikern
geworden ist, sich zum Widerstande gegen den Kaiser zu ent-
schließen, gegen den traditionellen Gehorsam gegen das Oberhaupt
des Reiches zu verstoßen. Auch das hing mit dieser Gewissen-
haftigkeit und Vertragstreue zusammen, und wir werden Gelegen-
heit haben, zu beobachten, wie groß auch bei Johann Friedrich
das Verlangen war, auf gutem Fuße mit dem Kaiser und über-
haupt mit den Habsburgern zu stehen. Man würde aber doch
irren, wenn man dieses Treuverhältnis des deutschen Fürsten
zum deutschen Kaiser, des Lehnsmannes zum Lehnsherrn etwa als
die Quintessenz der staatsrechtlichen Anschauungen Johann Friedrichs
betrachten würde. Höher ging ihm doch wohl noch die „Libertät“
der deutschen Fürsten, die Aufrechterhaltung der Sonderstellung,
die sie dem Kaiser gegenüber einnahmen, der Wunsch, dem Reich
seinen Charakter als Wahlreich zu wahren, seine Verwandlung in
eine Erbmonarchie zu verhüten. Schon als Kurprinz war er bei
der Wahl Ferdinands I. mit der Neigung der Habsburger, sich
über die Reichsverfassung hinwegzusetzen, zusammengestoßen.
Er ist in den nächsten Jahren dann zwar eifrig bemüht gewesen,
durch Verträge mit Ferdinand und durch Ergänzung der Lücken
in der goldnen Bulle diesen Gegensatz zu beseitigen. Gerade
die Erfahrungen, die er bei diesen Bemühungen machte, belehrten
ihn aber immer wieder über die absolutistischen Neigungen des
Hauses Oesterreich, und er hat dann oft seine abweichenden An-
sichten über die Reichsverfassung in scharfer Weise zum Aus-
druck gebracht und die Verteidigung der Freiheiten des Reichs
als eine seiner Hauptaufgaben betrachtet. Er sah sie z. B. nach
einer Darlegung von 1538 bedroht durch die Vorgänge bei der
Wahl Ferdinands, durch die Hindernisse, die der Kaiser und der
König einer Vermittelung deutscher Fürsten zwischen ihnen und
den Königen von Ungarn und Frankreich in den Weg legten,
durch die wiederholten Versuche der Habsburger, einzelne Fürsten
und Stände zur Hilfe gegen Franki-eich und gegen die Türken
zu veranlassen ohne vorherige ReichstagsbewiUigung, und durch
das Umsichgreifen des Hauses Burgund am Niederrhein und in
Westfalen*). Johann Friedrich scheute sich nicht, diesen Gefahren
1) Nach der Spezialinetruktion der sächaigchen Gesandten an Frankreich
1538 ca. April 15, Reg. H. p. 163, No. 77.
Digitized by Google
Einleitung.
3
gegenüber auch mit auswärtigen Mächten in Verbindung zu treten.
Ein näher liegendes Mittel war aber doch der Zusammenschluß
der deutschen Fürsten. Er war zwar durch den religiösen Gegen-
satz erschwert, aber Verhandlungen deswegen etwa zwischen den
Führern des schmalkaldischen Bundes und Bayern ziehen sich
doch durch viele Jahre hin, die Verteidigung der Freiheiten des
Reichs wird dabei auch stets in den Vordergrund gestellt. Ans
dem Jahre 1546 ist uns ferner ein interessanter eigenhändiger
Entwurf des Kurfürsten für eine Reform der Kurfürsteneinung
erhalten. Auch hier finden wir Gedanken wie den, daß die goldne
Bulle aufrecht erhalten werden müsse, daß man das Erblichwerden
der deutschen Krone dadurch verhindern müsse, daß man nie den
Sohn eines Kaisers wähle, daß deutsche Abkunft Bedingung für
die Wahl sein müsse u. dgl. m. ^). Man wird, wenn man die
Gesamtheit der Aeußerungen Johann Friedrichs auf diesem Gebiet
überblickt, zu dem Resultat kommen, daß diese Fragen der
deutschen Verfassung ihm kaum weniger wichtig erschienen, als die
Angelegenheiten des Glaubens. Noch im Dezember 1546 wollte
er lieber auf sein Land verzichten, als sich durch Verletzung
seines Knrfürsteneides und Mitwirkung bei der Erblichmachnng
des Reichs den Frieden vom Kaiser erkaufen*).
Eine ebenso große Hartnäckigkeit wie bei der Verteidigung
seiner religiösen Ueberzeugungen und bei dem Schutze der Frei-
heiten der deutschen Nation hat nun aber der Kurfürst auch ge-
zeigt, wenn irgend eins seiner wirklichen oder vermeintlichen fürst-
lichen Rechte durch seine Standesgenossen oder andere Stände ver-
letzt wurde. Hier war es der Gedanke der Landesherrlichkeit, den
er den noch widerstrebenden Gewalten gegenüber, häufig im Wett-
bewerb mit Nachbarn, die gleiche Ziele verfolgten, zur Geltung zu
bringen suchte. Ein großer Teil der nachbarlichen Differenzen, in
die er verwickelt wurde, wurde dadurch hervorgerufen, daß er sich
als Landesherrn der Bischöfe, Grafen, Herren und Städte be-
trachtete, die innerhalb seines Territoriums und unter seinem
Schutze gesessen waren.
Aus diesen drei Motiven: seinen religiösen Ueberzeugungen,
seinen Anschauungen von der Reichsverfassung und seinen landes-
1) Beg. E. p. 59b, No. 123a.
2) Au Ldgf. Dez. 4, Reg. J. p. 662, Aa No. 4, Kodz.
1*
Digitized by Google
4
Einleitung.
herrlichen Ansprüchen wird man die politische Haltung Johann
Friedrichs fast durchweg erklären können. Man wird daneben nur
noch berücksichtigen müssen, daß seine Politik häufig eine gewisse
Schroffheit erhielt durch seine an Eigensinn grenzende Hartnäckig-
keit, die ihn zwar zu der bewundernswerten Ausdauer der Ge-
fangenschaftszeit befähigte, die ihn aber auch zuweilen veranlaßte.
mit kleinlicher Pedanterie an dem, was er für sein Recht hielt,
festzuhalten, ohne Rücksicht darauf, ob das, was er dadurch ge-
wann, im Verhältnis stand zu den Feindschaften, die er sich da-
durch erweckte. Wir werden zu beobachten haben, wie besonders
sein Verhältnis zu den Albertinem, aber auch zu anderen Nach-
barfürsten, z. B. dem Kurfürsten von Mainz, durch diesen seinen
StaiTsinn beeinflußt wurde und wie dadurch Gegensätze erzeugt
wurden, die von verhängnisvollster Einwirkung auf sein Geschick
waren, denn nur allzu gut verstand es ja der Kaiser, sie auszu-
nutzen. Es wäre besser gewesen, wenn der Kurfürst durch das
Verhältnis zu diesem und überhaupt zu den Habsburgern seine
Politik noch mehr, als es der Fall war, hätte beeinflussen lassen.
In hohem Grade hat er es getan, und es wird trotz der außer-
ordentlich großen Mannigfaltigkeit der politischen Beziehungen, in
denen Johann Friedrich gestanden hat, doch im wesentlichen die
Abwandlung seines Verhältnisses zu den Habsburgem sein, die
auch uns die Gliederung unseres Stoflfes geben wird.
Digitized by Google
Kapitel I.
Bund und Reich: Die Jahre des Vertrauens 1532 — 1536.
Der Regierungsantritt Johann Friedrichs des Großmütigen fällt
zusammen mit einer gewissen Ruhepause in der Entwickelung des
Protestantismus, die gegeben war durch den Nürnberger Anstand.
Dieser sicherte den sämtlichen Reichsständen Frieden bis zum Konzil
oder bis zum nächsten Reichstag und gewährte außerdem im ge-
heimen den jetzt im schmalkaldischen Bunde Vereinigten Sus-
pension der Kammergerichtsprozesse in Religionssachen, allerdings
mit der Verpflichtung, in jedem einzelnen Falle darum nachzu-
suchen. Johann Friedrich hatte, wie wir sahen ‘), an dem Zustande-
kommen dieses Anstandes einen starken Anteil gehabt, und er
stimmte mit seinem Vater und den Wittenberger Theologen durch-
aus darin überein, daß man mit dem Erreichten zufrieden sein
könne, da es mit dem Gewissen und dem Landfrieden im Einklang
stände *). OflFenbar empfand man am sächsischen Hofe das Bewußt-
sein des Friedens mit dem Kaiser so angenehm, daß man gern
weitergehende Wünsche zurücktreten ließ. Anderer Ansicht war
Landgraf Philipp von Hessen. Nur schwer entschloß er sich, nach-
träglich seine Zustimmung zu dem in Nürnberg Verabredeten zu
geben, da der Friede ihm wegen seiner unsicheren Dauer und
wegen der Beschränkung auf die bisherigen Anhänger der neuen
Lehre geradezu gegen das Gewissen ging*). Indem er nun aber
diesen Standpunkt den Sachsen etwas deutlich klar machte und
.Abweichungen davon als unchristlich und unbillig und als einen
1) Vergl. Teil I, 8. 48 ff. 84 ff.
2) Ad Ldgf. 1532 Juli 29, Sept. 11, Reg. H. p. 70, No. 19, Kop.
3) Ldgf. an Kf. 1532 Aug. 30, ebenda Kop. Ldgf. an Kf. Johann 1532
•Mai 31. Rommel III, 4d. 49.
Digitized by Google
6
Kapitel I.
Bruch der gegen ihn eingegangenen Verpflichtungen bezeichnete,
erregte er den größten Unwillen der selbstgerechten Emestiner
und gab Anlaß zu der schon erwähnten ‘) gereizten Korrespondenz,
die bis zum August so scharfe Formen angenommen hatte, daß
Johann Friedrich es für ratsam hielt, sie gleich nach seinem Re-
gierungsantritt abzubrechen. Es entsprach ganz seiner etwas for-
malistischen Denkweise, wenn er jetzt vorschlug, durch eine Zu-
sammenschickung von je vier Räten beider Parteien einen Vergleich
herbeizuführen und dies Verfahren gleich zu einer ständigen Ein-
richtung für künftige ähnliche Vorkommnisse zu machen*), er war
sich also offenbar darüber klar, daß Konflikte zwischen ihm und dem
hessischen Vetter bei der Verschiedenheit ihrer Charaktere unver-
meidlich seien. Dem Landgrafen erschien die Verhandlung zwar
eigentlich unnötig, da der Streit durch den Abschluß des Friedens
schon erledigt sei *). Da er aber gleichzeitig die Richtigkeit seines
Verhaltens stark betonte, wäre doch vielleicht ohne eine Erörterung
und Entscheidung der Rechtslage beim Kurfürsten ein Stachel
zurückgeblieben, denn ihm kam in solchen Fällen ja immer sehr
viel darauf an, festzustellen, wer angefangen habe. Auch er hielt
in der trotz des in Aussicht stehenden Vertrages in etwas ge-
mäßigterer Form fortgesetzten Korrespondenz durchaus an seinem
Standpunkt fest, daß der Abschluß des hViedens notwendig ge-
wesen sei, daß der Landgraf ihn ohne genügenden Grund ver-
kleinere und Gott Wege genug habe, ihn zu verlängern*). Auch
diese spätere Korrespondenz hat hie und da noch zu kleinen Rei-
bungen geführt, im wesentlichen überließ man die Frage nun der
Entscheidung der Räte.
Ihre Zusammenkunft hat erst zwischen dem 15. und 21. De-
zember in Mühlhausen stattgefunden“). Ueber den Gang ihrer Ver-
handlungen ist uns nichts Näheres bekannt, auch hüteten sie sich,
den Streit zu Gunsten des einen oder des anderen Fürsten zu
1) TeU I, S. 92.
2) An Ldgf. 1532 Aug. 24, R^. H. p. 70, No. 19, Kop.
3) Ldgf. an Kf. Aug. 30, ebenda, Kop.
4) An Ldgf. Sept. 11, ebenda, Kop.
5) Von kuiBäcbaischer Seite waren Albrecht von Manafeld, Wolf von Weifien-
bach, Nickel vom Ende und Hana von Dölzig anwesend, von hessischer Ludwig
von Bojneburg, Adolf Bau, Hermann v. d. Malsburg und Friedrich Trott Das
Wort für den Kf. führten Hans von Minckwitz und Ewald von Brandenstein,
für den latndgrafen Siegmund von Boyneburg und Werner von Waldenstein.
Digitized by Google
Bund and Reich: Die Jahre dee Vertrauene 1532 — 1536.
7
entscheiden. Es war gewissermaßen eine Verurteilung des Be-
nehmens beider, wenn in dem Schiedsspruch vom 21. Dezember
bestimmt wurde, daß sämtliche gewechselten Schriften an die acht
Räte ausgeliefert werden und als vernichtet gelten sollten *). Wich-
tiger war die Bestimmung, daß im Falle künftiger Mißverständnisse
die beiden Fürsten persönliche Erörterungen vermeiden und nur
durch die Räte ihre Meinungen austauschen sollten.
Die Versammelten hatten die richtige Erkenntnis, daß es vor
allem auch darauf ankommen werde, Difterenzen ihrer Herren in
Angelegenheiten des schmalkaldischen Bundes zu verhüten. Sie
rieten deshalb in einem Gutachten vom 19. Dezember*), daß nie-
mandem erlaubt sein solle, andere Bundesmitglieder auf seine Seite
za ziehen, sondern daß man es ganz auf die Mehrheitsbeschlüsse
der Bundestage ankommen lassen solle; sie empfahlen ferner, daß
auch die beiden P'ürsten ihre Vertreter bei den Bundesverhand-
Inngen nicht mit gemessenen Befehlen ausstatten, sondern ihnen
Vollmacht geben sollten, sich auch ohne neue Weisungen der Mehr-
heit anzuschließen. Wir hören nichts davon, daß diese Vorschläge
zur Ansführnng gekommen seien. —
Nicht erledigt war durch den Nürnberger Vertrag die Frage
der Anerkennung der Wahl Ferdinands zum römischen König, ja
man hatte sie bei den Friedensverhandlungen ausdrücklich von der
Religionssache getrennt. Es konnte daher auch bezweifelt werden,
ob auch die Wahlgegner auf Frieden zu rechnen hätten; der
sächsische Kurfürst war geneigt, da nun doch dem Frieden zu ver-
trauen, während die Herzöge von Ba3'em die Lage schon Ende
August sehr bedenklich ansahen und Johann Friedrich teils direkt,
teils durch den Landgrafen zu Verteidigungsmaßregeln, ja eventuell
zu einem offensiven Vorgehen gegen Ferdinand zu bestimmen
suchten *). Man dachte wohl daran, gerade frei gewordene dänische
Knechte zu diesem Zwecke zu verwenden*). Johann Friedrich
1) Kop. in Reg. H. p. 70, No. 19.
2) Bowohl in Weimar wie in Marburg sind nur Kopien dea Briefwechsels
Torhanden. Veigl. auch Seckendorf, III, 8. 22 f.
3) Kopie in R^. H. p. 70, No. 19.
4) Korrespondenz zwischen dem Ldgf., den Hzen. von Bayern und Eck in
P. A. Bayern 1532. Wille, 8. 89.
5) Ldgf. an Eck 8ept. 1, P. A. a. a. O. Muffat, 8. 247 ff. Kg. Fried-
rich von Dänemark hatte die Knechte den Verbündeten schon im Sommer an-
geboten. Reg. C. No. 811.
Digitized by Google
8
Kapitel I.
blieb diesen Plänen gegenüber sehr zurückhaltend and besonnen,
hatte jedoch nichts dagegen, daß man diplomatische Schritte täte,
um sich Klarheit über die Lage zu verschaifen, und daß man den
Wahlbund weiter auszubauen suche. Er selbst ratifizierte schon im
August den Vertrag von Scheiern *) und war auch ganz damit einver-
standen, daß man Anfang 1533 außer Frankreich auch England heran-
zuziehen sich bemühe*). Es entsprach ferner seinen Wünschen,
daß man jetzt eine seit langem geplante Protestationsschrift gegen
die Wahl Ferdinands ergehen ließe auf Grund eines Eatschlags
der sächsischen Gelehrten, und als dann ein neues Mandat des
Kaisers eintraf*), in dem zum Gehorsam gegen den König auf-
gefordert wurde, schien ihm eine Schrift oder eine Gesandtschaft
an den Kaiser empfehlenswert*). Stets aber wandte er sich
gegen jedes gewaltsame Vorgehen oder gar die Einsetzung eines
anderen Königs, da man dann ja selbst die Ungesetzlichkeiten be-
gehen würde, wegen deren man die Wahl Ferdinands angefochten
habe.
Um über alle diese streitigen Fragen zu beraten, war schon
für den November 1532 eine Versammlung der Wahlgegner in
Nürnberg geplant gewesen, erst im Februar 1533 hat sie in der
Form einer Zusammenschickung der Räte in Koburg stattgefunden.
Der Kurfürst und der Landgraf hatten sich vorher auf einer Zu-
sammenkunft in Weimar über die einzuschlagende Politik geeinigt,
wobei Philipp seine mehr mit den bayrischen übereinstimmenden
energischeren Wünsche hinter den friedlicheren Ansichten des Sachsen
zurücktreten ließ*). Infolgedessen hatte der ba}Tische Gesandte
Weissenfeider in Koburg mit seinem Vorschlag einer Koalition für
einen nach der Abreise des Kaisers nach Spanien vorzunehmenden
1) An Ldgf. 1532 Aug. 29, P. A. Sachsen, Ernestinische Linie, 1532, Or.
2) Bedenken an Ldgf. 1533 Febr. 19, ebenda 1533. Kf. empfahl jedoch,
mit den Verhandlnngen mit England noch zu warten, bis man des französischen
Oeldes gewiß sei. Nach Brief an Ldgf. vom 2. März wünschte er auch über die
Haltung Bayerns erst noch klarer zu sehen. Loc. 10672 „Handlung und Ab-
schied zu Lübeck .... 1532—34“.
3) Ein anderes war schon vor fast 2 Jahren ergangen.
4) Loc. 10672 „Handlang und Abschied zu Lübeck . . . 1532 — 34“.
5) In seiner ersten Instruktion für Koburg vom 9. Januar 1533 erklärte
sich Philipp für gewaltsamen Angriff, wenn Bayern und Ulrich von Württem-
berg vorher vertragen wären. P. A. No. 313. Anders dann Ldgf. an Feige 1533
Jan. 26, P. A. No. 312, Konz.
Digitized by Google
Bund und Bdch; Die Jahre des Vertraaens 1532 — 1536.
9
.\ngriflf gegen Ferdinand keinen Erfolgt). Andererseits vermochte
man aber auch weder für den sächsischen „Ratschlag“ *) noch für
die Schrift an den Kaiser die sofortige Zustimmung Bayerns zu ge-
winnen, ja auch den Vorschlag, daß zur Erledigung aller dieser
Fragen am Sonntag Misericordias domini (April 27) eine persön-
liche Zusammenkunft der beteiligten Füi-sten in Nürnberg, Schwa-
bach oder Bamberg stattfinden solle, konnte Weissenfeider nur ad
referendum nehmen und Antwort bis Oculi (März 16) versprechen.
Nur in dem Gedanken, England, Dänemaik und den Herzog von
Geldern für den Bund zu gewinnen, war man einig”).
Die Koburger Verhandlungen hatten also nur dazu gedient,
die Gegensätze unter den Verbündeten klar zutage treten zu
lassen. Sie lagen nicht nur darin, daß Bayern kriegerischer ge-
sinnt war als Sachsen, fast störender war, daß der bayrische Ge-
sandte bei den Detailfragen, z. B. bei der Schrift an den Kaiser und
der Fürstenzusammenkunft, die größten Schwierigkeiten machte*).
Dadurch wurde das beim Kurfürsten gegen die Herzöge bestehende
Mißtrauen noch gesteigert”). Hörte er doch auch beständig von
ihren dü’ekten Verhandlungen mit dem Kaiser®). Was Weissen-
felder und auch Herzog Wilhelm selbst’) zur Verteidigung dieser
Beziehungen vorbrachten, genügte ihm nicht, und heute wissen wir,
daß sein Mißtrauen sehr wohl begründet war. Allerdings fanden
ja auch zwischen ihm und dem Kaiser direkte Verhandlungen statt,
diese hatten aber mit der Wahlsache nichts zu tun, der Kurfürst
wies vielmehr den Gedanken, etwa die Belehnung vom Kaiser durch
.Anerkennung Ferdinands zu erlangen, stets entschieden zurück*).
1) Vergl. über die bayrischen Pläne Wille, S. 92 f. 260 — 263. Riezler,
IV, 8. 260 f.
2) Er war das Werk Brücks.
3) Stumpf, $ 26, 8. 116-120, Beilage VII, 8. 34—40. Abschied des
Koburger Tages vom 8. Febr., Loc. 10672 a. a. O., ebenda ein eigenhändiger
Bericht Brücks über den Kobnrger Tag.
4) Feige an Ldgf. Febr. 9, P. A. No. 312.
6) VergL etwa Wille, 8. 93, und Bedenken an Ldgf. Febr. 19, P. A,
Sachsen, Emest Linie, 1533.
6) Seine Gesandten beim Kaiser, Planitz und Pappenheim, berichteten ihm
darüber auf Grund der eigenen Aussagen des bayr. Vertreters Pfirt (1.533, Jan.
11. 13. 18. 20./21 Reg. D. No. 420, Or.).
7) Hz. Wilhelm an Kf., 1533 Febr. 24, Loc. 10672 „Handlung and Ab-
schied . . . 1532—34“, Or. Wille, 8. 94 Anm.
8) An Ldgf. März 20, P. A. Sachsen, Emest. Linie, 1533, Or.
Digitized by Google
10
Kapitel I.
Wie korrekt er verfuhr, zeigte auch die Art, wie er einen Ver-
mittlungsversuch der Grafen von Nassau und Neuenahr aufnahm,
der seit dem Oktober 1532 im Gange war‘). Wohl glaubte er ihre
Vorschläge nicht abweisen zu dürfen, sandte sogar Hans von Dölzig
wenigstens zu kurzem Aufenthalte nach Dillenburg *), aber er be-
tonte stets, daß er nicht ohne seine Verbündeten abschließen dürfe,
erhielt den Landgrafen auf dem Laufenden®) und betrachtete auch
eine für den 30. März geplante Zusammenkunft mit Graf Heinrich
von Nassau in Frankfurt nur als eine Vorbereitung der erst in
Nürnbei’g zu fassenden endgültigen Beschlüsse^).
Schließlich hat die Aktion der Grafen, da aus der Frankfurter
Zusammenkunft nichts wurde ®), nur die Wirkung gehabt, daß Graf
Heinrich unter die Kommissare aufgenommen wurde, die die Ver-
bündeten dem Kaiser für die weiteren Verhandlungen vorschlugen.
Die Bitte um die Ernennung solcher Kommissare gehörte mit zu
den Beschlüssen der Nürnberger Zusammenkunft.
Johann Fiiedrich hatte schon seit langem eine persönliche
Besprechung der Wahlgegner gewünscht, damit mau sich darüber
einige, was man eigentlich wolle *), und damit man vor allem auch
über die Haltung Bayerns Klarheit gewinne ’). Nach längeren
Korrespondenzen®) war die Zusammenkunft auf den 30. März und
nach Nürnberg augesetzt worden, und dort hat man dann auch
in den ersten Tagen des April getagt. Die früheren Gegensätze
traten auch jetzt wieder hervor. Auf sächsischer Seite bestand
noch das alte Mißtrauen gegen Bayern wegen seiner Sonder-
1) Cornelias, X, S. 151 — 153.
2) Meinardu8, I, 2, 8. 306f.
3) Wille, 8. 95, und an Ldgf. Febr. 19, P. A. Sachsen, Emest. Linie, 1533.
4) Meinardus, 8. 310 f. Stumpf, S. 127 f.
5) Gf. Heinrich war die Vorbereitungszeit zu kurz (Meinardus, S. 312 f.),
aber auch der Kf. mußte den Tag abschreiben, weil die Hze. von Bayern Ver-
schiebung des Nürnberger Tages auf den 30. März veranlaßteo. (Die Hze. an
Kf. März 16, Loc. 10672 „Handlung und Abschied zu Königsberg", Kopie. Kf.
an Gf. Wilhelm von Nassau März 20, Wiesb. Arch. R. 461, Or.)
6) „worauf wir endUch gedenken zu stehn und zu verharren“, an Ldgf.
1532 Dez. 8, P. A. Sachsen, Emest. Linie, 1532, Or.
7) Bedenken für den Ldgf. vor Jan. 27. Loc. 10672 .^Handlung und Ab-
schied zu Lübeck . . . 1532 — 34“.
S) Loc. 10672 ,Jlaudlang und Abschied zu Königsberg . . . 1532 — 33“.
Stumpf, 8. 127 f.
Digitized by Google
Band und Reich; Die Jahre des Vertrauens 1532 — 1536.
11
Verhandlungen mit dem Kaiser sowohl wie mit Frankreich und
wenigstens bei Brück, der in diesen Dingen die Seele der säch-
sischen Politik war, auch gegen den „lavierenden“ Landgrafen.
Andererseits hielten die Bayern aber auch an ihrem Standpunkt
fest, daß man einem Angriff des Kaisers zuvorkommen müsse und
den König „auf den Bauch treten, dieweil er noch läge“. Sachsen
dagegen war jedem kriegerischen Vorgehen nach wie vor ab-
hold, wünschte, nur an dem bisherigen Widerstand gegen Ferdinand,
eventuell im Bunde mit Frankreich und England, festzuhalten, war
aber jetzt auch nicht ganz abgeneigt, die Hand zu Verhandlungen
zu bieten. Es empfahl als Grundlage dafür früher in Schwein-
furt vorgelegte Artikel, die auf eine Neuwahl des Königs und Bei-
ordnung eines Regimentes hinausliefen ‘).
Trotz aller Meinungsverschiedenheiten ist schließlich in Nürn-
berg doch eine gewisse Einigung erzielt worden; die „Verfassung
zur Gegenwehr“ kam zum Abschluß*), mit Frankreich wurde ein
neuer Vertrag über die Auszahlung der lOüOOO Sonnenkronen ge-
schlossen*), wegen der Mandate beschloß man eine Gesandtschaft
an den Kaiser. Sie sollte ihm die Gründe für die Protestation
gegen die Wahl noch einmal ausführlich auseinandersetzen, sein
Verhalten aus seiner Unkenntnis der Gesetze erklären und ihn
endlich um Ernennung von Kommissaren bitten, vor denen die
beteiligten Fürsten ihre Sache führen könnten ‘). Man war aber
schon darauf gefaßt, daß die Gesandten den Kaiser nicht mehr
in Italien treffen w’ürden und setzte daher gleich einen Brief
auf, der den Inhalt ihrer Instruktion wiederholte und dem
Kaiser dann nach Spanien nachgeschickt werden sollte *). Tat-
säclüich kamen die Gesandten nur bis Konstanz und erfuhren
dort von der Abreise Karls. Anfang Mai ist dann der bayrische
1) Die auf Brück zurückgehenden kursächaischen Artikel und Auf-
zachnungen über die Verhandlungen in Loc. 10672 „Handlung und Abschied
zu Königsberg . . . 1532/33“.
2) Stumpf, Beilagen, VIII, S. 40 — 44.
3) Ebenda, Beilagen, IX, 8. 45 f.
4) Instruktion vom 5. April in Loc. 10672 „Handlung und Abschied zu
Königsberg . . . 1532/33“. Gesandt wurden für Sachsen Dr. Phil. Roseneckcr,
für Bayern Konrad Fuchs von Ebenhofen, für Hessen Jakob v. Taubenheim.
Kredenz vom 6. April, ebenda, Beinentw.
5) Konzept des Briefes vom 5. April, ebenda. Er wurde später auf den
28. April datiert. Stumpf, S. 138f.
Digitized by Google
12
Kapitel I.
Gesandte Fuchs allein mit dem Brief dem Kaiser nachgereist ‘). —
Nichts entnehmen läßt sich aus den vorhandenen Akten darüber,
ob es in Nürnberg zu irgend welchen Beschlüssen über die Hin-
einziehung Englands in den Wahlbund kam, und ob sich der Kur-
fürst über die Stellung der bayrischen Herzöge völlig genügende
Klarheit verschaffte. Im ganzen hatte offenbar seine gemäßigtere
Richtung gesiegt, man blieb beisammen, stellte aber weitergehende
Pläne zurück. —
Johann Friedrich wird zu einem aggressiven Vorgehen gegen
die Habsburger wegen der Wahlfrage um so weniger geneigt ge-
wesen sein, als er ja in verschiedenen anderen Angelegenheiten
in Beziehungen zu ihnen stand und zum Teil auf ihr Wohlwollen
angewiesen war. Der Nürnberger Religionsfriede war ja in erster
Linie der Türkengefahr zu danken gewesen, und der Kurprinz
hatte bei den Verhandlungen, wie wir sahen *), eine etwas un-
diplomatische Bereitwilligkeit zur Türkenhilfe gezeigt. Diese ist
dann in den nächsten Monaten auch geleistet worden, doch kam
es zu keinen größeren Aktionen, da die Feinde sich schneit zurück-
zogen und weder der Kaiser noch die Reichsstände Lust hatten,
den Krieg zugunsten Ferdinands nach Ungarn hinein fortzusetzen.
Auch Sachsen war entschieden gegen eine Bekriegung König Jo-
hanns. Infolge dieses schnellen Abbruchs des Feldzugs ist dann
aber auch über die Leistungen der von Ernst von Gleichen, Bern-
hard von Mila und Joachim von Pappenheim geführten sächsischen
Truppen nichts weiter zu bemerken*).
Hatte in der Frage der Abwehr der Türken der Kurfürst ge-
wissermaßen gleiche Interessen mit den Habsburgern zu vertreten,
so konnte er dagegen nur, wenn er gut mit ihnen stand, darauf
rechnen, daß der Kaiser ihm nach seinem Regierungsantritt die
Lehen und Regalien erteilte, daß er ihm seinen Jülichschen Heirats-
vertrag endlich bestätigte u. dgl. m. Um die Erfüllung dieser
Wünsche des Kurfürsten zu bitten, war die Hauptaufgabe von
1) E^. D. No. 420. Kf. an Gf. Neuenahr Juli 3. Instruktion für Fuchs
vom ü. Mai. Stumpf, 8. 138 f.
2) Teil I, S. 90 f.
3) Akten über den Krieg in Reg. B. No. 1609 — 1613. Brief Pappenheims
vom 1. Okt. 1532 in Reg. H. p. 75, No. 24, BL 42—44. VergL Secken-
dorf, III, S. 31. iVinckelmann, S. 255 und Anm. 524. Muffat, S. 245
bis 250.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre des Vertrauens 1532—1536. 13
Hans V. d. Planitz und Joachim von Pappenheim, die im Oktober
1532 an den Kaiser geschickt wurden. Sie sollten außerdem um
die Bezahlung der Schulden der Habsburger an Kursachsen und
um Bestätigung des Marktes zu Gotha nachsuchen, auch naum-
burgische Angelegenheiten erörtern'). Erst im Februar 1533 ge-
lang es den Gesandten, eine Antwort von Karl V. zu bekommen.
Sie ging über die Schuldfrage mit nichtssagenden Redensarten
hinweg, eine Antwort über die Bestätigung des Heiratsvertrages
lehnte der Kaiser ab, weil er seinen Inhalt nicht kenne, die Er-
teilung der Lehen und die Konfirmation des Gothaer Jahrmarktes
knüpfte er an die Bedingung, daß der Kurfürst die Wahl Ferdi-
nands anerkenne und sich binnen 6 — 8 Wochen darüber erkläre*).
• '
Der gewissenhafte Wettiner wies natürlich den Gedanken, Dinge,
die so gar nichts miteinander zu tun hätten, zu verquicken, mit
Entrüstung zurück, verzichtete einstweilen auf die Belehnung und
bat den Kaiser in einem Brief, den er am 6. April den Gesandten
der Wahlgegner mitgab, ihm für den Empfang der Lehn einen
mehrjährigen Indult zu erteilen und dann jemand im Reiche mit
der Erteilung der Lehn zu beauftragen*). —
Außer mit den persönlichen Angelegenheiten des Kurfürsten
hing die Sendung von Planitz und Pappenheim zusammen mit der
Ausführung des Nürnberger Friedens und der Sistierung der
Kanimergerichtsprozesse. W'enn man über den Wert des in Nürn-
berg Erreichten vielleicht verschiedener Meinung sein konnte, alles
kam darauf an, daß der Vertrag auch ausgeführt wurde, und damit
war es, wie sich bald zeigte, sehr mangelhaft bestellt. Vor aUem gab
es bald Meinungsverschiedenheiten darüber, was man denn unter
Religionssachen zu verstehen habe und ob auch Streitigkeiten um den
Besitz geistlicher Güter dazu gerechnet werden dürften. Die Auf-
gabe der beiden Gesandten soUte daher auch sein, über verschiedene
Verstöße des Kammergerichts gegen den lYieden zu klagen und
Schritte des Kaisers für dessen Ausführung herbeizuführen ‘). Da-
bei mußte man dann aber die Erfahrung machen, daß auch der Kaiser
1) Winckelmann, S. 260. Reg. D. No. 420.
2) Die Antwort des Kaisers vom 5. Febr. E^. D. No. 420, Or. Berichte
der Oes. in Reg. E. p. 44, No. 92.
3) An den Kaiser April 6, Reg. D. 420, Or., also nicht übergeben, da die
Gesandten in Konstanz umkehrten.
4) Winckelmann, 8. 259f.
Digitized by Google
14
Kapitel I.
in einer höchst zweideutigen Haltung beharrte und dem so durch-
aus parteiischen Kammergericht überließ, zu bestimmen, was
Religions- und Glaubenssachen seiend). Manche protestantischen
Stände wären dem gegenüber nun schon zu entschiedenen Schritten,
vor allem einer Rekusation des Gerichtes, bereit gewesen, Kur-
sachsen hielt auch in diesen Dingen an einem sehr langsamen und
allmählichen Vorgehen fest *), doch wird auch ihm die Unsicherheit
des Nürnberger Anstandes an der Frage der Kammergerichts-
prozesse zuerst klar geworden sein. Sie bildeten diejenige Ange-
legenheit, mit der sich der schmalkaldische Bund in der Zeit nach
dem Regierungsantritt Johann Friedrichs in erster Linie zu be-
schäftigen hatte.
Machen wir uns, ehe wir auf diese Dinge eingehen, die Ver-
hältnisse im Bunde zu jener Zeit klar, so war ja also, wie wir ge-
sehen haben®), die „Verfassung zur Gegenwehr“ in Schweinfurt
zum Abschluß gebracht worden. Gleichzeitig hatte Johann Fried-
rich dadurch, daß er neben dem Landgrafen zum Bundeshaupt-
mann gewählt worden war, eine führende Stellung im Bunde und
in ganz Deutschland erhalten, ja er konnte, da Sachsen bei den
Beratungen der Verbündeten die Umfrage hatte*), als das oberste
Haupt des Bundes betrachtet werden. In den meisten Fällen galt
allerdings zwischen ihm und dem Landgi’afen völlige Gleichheit,
jeder von ihnen hatte ein halbes Jahr lang die Hauptmannschaft
inne und berief während dieser Zeit die Versammlungen der Kriegs-
räte und die Bundestage, jeder von ihnen führte zwei von den
neun Stimmen, durch die bei Meinungsverschiedenheiten auf den
Bundesversammlungen Majoritätsbeschlüsse erfolgten, jeder von
ihnen leitete in seinem Kreis die militärischen und finanziellen
Bundesangelegenheiten u. s. w. Die Stellung des Kurfürsten wurde
aber dadurch von vornherein erschwert, daß die Schweinfurter
Verfassung gerade von den zu seinem Kreise gehörigen sächsischen
1) Harpprecht, V, Beila^ 40. P. C. II, 180, 3. 181, 1.
2) P. C. II, 1761. 178. Ldgf. an Kf. Dez. 8, Keg. H. p. 74, No. 23,
vol. II, Bl. 6, Or. Auch für den Gedanken, einen ständigen Sollicitator am
kaiserlichen Hofe zu unterhalten, war der Kf. nicht sehr begeistert. An Ldgf.
Not. 7, Reg. H. p. 75, No. 24, Bl. 48 — 50. Winckelmann, 8. 260 und
Anm. 533.
3) Teil I, 8. 88 f.
4) P. C. II, 137. Vergl. über den kursächsischen Einfluß auch Baum-
ga rten, III, 8. 269.
Digitized by Google
Band und Beich: Die Jahre des Vertrauens 1532 — 1536.
15
Städten nicht angenommen worden war. Auch Verhandlungen, die
auf zwei Braunschweiger Tagungen im Juni und November 1532
mit den Vertretern der Städte geführt wurden, ergaben nur gering-
fügige Resultate. Sie standen „wie ein Stock, der nicht zu be-
wegen gewest“, bewilligten zu dem früheren nur noch einen zweiten
„Monat“ Bundesbeitrag, lehnten die Annahme der Bundesverfassung
aber entschieden ab, da so weitgehende Beschlüsse, wie sie darin
enthalten seien, ihnen durch ihre Abhängigkeit von ihren Gemeinden
unmöglich gemacht würden. Nur für den Fall wirklicher Not
glaubten sie weitere drei Monate in Aussicht stellen zu können.
Ihre Vorsicht ging so weit, daß sie sogar weitere Beratungen für
unerwünscht erklärten und baten, sie nur im geheimen dazu ein-
zuladen *).
So erwiesen sich die niederdeutschen Städte schon vom ersten
Anfang des schmalkaldischen Bundes an als ein schwerer Hemm-
schuh seiner Entwicklung, man mußte sich damit begnügen, sie
weiter zu schleppen, soweit es eben ging. Ob es möglich ge-
wesen wäre, durch Anknüpfung von Beziehungen in den Städten,
durch Gewinnung einflußreicher Persönlichkeiten in ihnen mehr zu
erreichen, ob also den Kurfürsten als Hauptmann des sächsischen
Kreises ein Teil der Schuld an diesen Schwierigkeiten trifft, ist
schwer zu entscheiden. Ganz hat er es an solchen Schritten, wie
wir gelegentlich sehen werden, nicht fehlen lassen. Jedenfalls wird
gerade er unter der Schwerfälligkeit und Zurückhaltung der Stände
seines Kreises am meisten zu leiden gehabt haben, und man kann
es begreifen, wenn seine Bundesfreudigkeit schon früh dadurch
vermindert wurde.
Auch nach dem zweiten Braunschweiger Tage hat man noch
nicht darauf verzichtet, die sächsischen Städte zu gewinnen. Man
war bereit, Aenderungen der Bundesverfassung zu ihren Gunsten
vorzunehmen und zu diesem Zwecke eine Bundesversammlung
abznhalten. Eine solche erschien auch aus anderen Gründen er-
wünscht, vor allem eben wegen der Kammergerichtsprozesse. Jo-
hann Fiiedrich hatte hier zwar für sich selbst ein Verfahren ge-
1) Vergl. über den ersten Braunschweiger Tag P. C. II, 134 — 136. Weitere
Koireepondenzen in Reg. H. p. 73, No. 21 und No. 22. II, dort auch die Akten
de« zweiten Braunechweiger Tages. Sachsen war durch den Kanzler Christian
Beyer und Hans Metzsch vertreten. Ihre InstruktioD ebenda No. 22. II. Reht-
meyer, III, 8. 106 — 111. Vergl. auch P. C. II, 189, 3.
Digitized by Google
16
Kapitel I.
funden. indem er seinem Vertreter am Kammergericht Dietrich
von Techwitz befahl, bei nichts mitzuwirken, was im Namen König
P'erdinands geschehe, oder in Sachen, die die Religion und was
daraus flösse, beträfen ‘). Er hoffte wohl, durch eine solche Ob-
struktion das Gericht beschlußunfähig zu machen *). Für die ober-
deutschen Städte war dieser Weg aber nicht gangbar, und so ver-
langte denn besonders Straßburg wiederholt die Berufung eines
Bundestages’). Diesem Wunsche hat sich der Kurfürst, nachdem
auch ein letzter Versuch, durch ein bloßes Schreiben auf das Kammer-
gericht zu wirken, gescheitert war‘), schließlich nicht mehr ver-
schließen können, am 7. und 12. Mai beriefen die beiden Hauptleute
den Bundestag auf den 25. Juni nach Schmalkalden’). Dort sollte
auch über den vom Landgrafen warm befürworteten Plan eines
Bundes mit den oberdeutschen Städten auch in „zeitlichen“ Sachen
gesprochen werden*). Endlich kam als ein letzter wichtiger Be-
ralungsgegenstand die Frage hinzu, wie man sich gegenüber dem
vom Kaiser gewünschten und vom Papst in Aussicht gestellten Konzil
verhalten solle.
Nach den Bestimmungen des Nürnberger Friedens soUte das
Konzil ja möglichst binnen Jahresfrist stattflnden. Karl V. hat
sich redlich bemüht, dies Versprechen zu erfüllen und bei einer
Zusammenkunft, die er im Winter 1532/33 mit Klemens VII. in
Bologna hielt, wenigstens so viel erreicht, daß der Papst sich be-
reit erklärte, bei den maßgebendsten christlichen Fürsten Eikundi-
gungen einzuziehen und sich ihre Zustimmung zur Abhaltung des
Konzils zu sichern *). Erst wenn die Antworten günstig lauteten,
sollte die Einberufung der Versammlung erfolgen.
1) InstrnktioD für Techwitz vom 17. Febr. 1533, Reg. H. p. 82, No. 29,
Bl. 8—10.
2) P. C. II, 184, 1.
3) P. C. II, 183 ff. 187.
4) An das Kammergericht März 24. Harpprecbt, V, BeiL 47. P. C. II,
185 Anm. Antwort von April 14, Reg. H. p. 81, No. 28, I, BL 118, Or. Mai 9
„man werde sich unverweislich und aller gepuer halten“, Reg. H. p. 82, No. 29,
Bl. 17, Or.
5) Ausschreiben, P. C. II, 188. Reg. H. p. 77, No. 26, BL 3 — 5. An Ldgf.
Mai 4, ebenda BL 1 f.
6) Ldgf. an Kf. Mai 13. Kf. an Ldgf. Mai 17. R^. H. p. 83, No. 30,
BL 13. 16-18.
7) Hierzu und zum folgenden vergl. Conc. Trid. IV, LXXXIff.
Digitized by Google
Bund und Reich; Die Jahre des Vertrauens 1532—1536. 17
Auch an die protestantischen Fürsten ergingen am 8. und
10. Januar Schreiben des Kaisers und des Papstes, und eben über
die darauf zu erteilende Antwort sollte die Schmalkaldner Ver-
sammlung Beschluß fassen. Noch ehe sie zusammentrat, trafen
dann aber ein päpstliclier und ein kaiserlicher Gesandter, Hugo
Rangone und Lambert de Briaerde auf einer Reise durch Deutsch-
laud auch bei Johann Friedrich ein, um ihn zu Aeußerungen über
den Ort des Konzils, die Unterwerfung unter seine Beschlüsse
u. dgL zu bestimmen. Der Kurfürst war zwar von vornherein
entschlossen, für sich allein keine Erklärung abzugeben *), hat aber
die Gesandten am 2. Juni doch recht leutselig gehört und ihnen
am 4. eine verhältnismäßig entgegenkommende Antwort erteilt*).
Sie hatten acht Punkte vorgelegt, aus denen deutlich hervorging, daß
die oft geäußerten Wünsche der Protestanten nicht erfüllt werden
sollten und daß das Konzil ganz nach alter Art und in Italien
abgehalten werden sollte. Das mußte eigentlich dem Kurfürsten
sofort auffallen, und es überrascht, daß er in seiner Anwort diese
Bedenken ganz überging, nur seine Freude darüber aussprach,
daß überhaupt ein Konzil bevorstehe, und die Hoffnung äußerte,
daß es heilsam wirken werde, wenn es göttlich, allgemein, frei
und christlich sei, in Bezug auf eine endgültige Antwort aber auf
die Schmalkaldner Versammlung verwies. Man wiid die Höflich-
keit dieser Antwort, die in einem unverkennbaren Gegensatz zu
der späteren schroffen Ablehnung steht, wahrscheinlich nicht so
sehr mit Ehses daraus zu erklären haben, daß erst nach dem
4. Juni der Einfluß der Wittenberger Theologen einsetzte, als
vielmehr aus dem Bestreben Johann Friedrichs, ganz korrekt zu
verfahren. Er ging darum in seiner Antwort auf den Inhalt der
acht Artikel eigentlich überhaupt nicht ein, sondern beschränkte sich
auf Allgemeinheiten. Wie seine Ansicht über die Ai-tikel war,
geht ja ans dem Briefe, den er ebenfalls am 4. Juni an den Land-
grafen’) richtete, zur Genüge hervor. Er bezeichnet sie hier als
„fast geferlich gestellt“ und sagt, das Konzil werde „etwas ge-
ferlicher weiß und nit dermaßen, als bUlich sein solt, gesucht und
furgegeben“. Er empfahl, daß sie sich beide wegen der Wichtigkeit
der Sache persönlich an dem Tage zu Schmalkalden beteiligten und
1) An Ldgf. Mai 29. Neudecker, Aktenat, S. 88 ff.
2) Conc. Trident. IV, XCII f.
3) Neudecker, Aktenst., 8. 91 — 94.
Beiträge zur ueueren Geechichtc ThOnngen» 1, z. 2
Digitized by Google
18
Kapitel 1.
lad auch die nicht im Bunde befindlichen Protestanten, wie Mark-
graf Georg von Brandenbui^ und Nürnberg, dazu ein‘). Außerdem
veranlaßte er dann allerdings die Wittenberger Theologen, sich
über die Konzilsfrage zu äußern. Eine Reihe von Gutachten, die
an Schärfe zum Teil nichts zu wünschen übrig lassen, war die
Folge *). Der Kurfürst wird sie aber schwerlich nötig gehabt
haben, um zu seiner ablehnenden Haltung dem Konzil gegenüber
zu kommen. Wie weit er Anteil hat an der Antwort, die man
dann in Schmalkalden der kaiserlich-päpstlichen Gesandtschaft er-
teilte, habe ich allerdings nicht feststellen können. Man forderte
in ihr zunächst sehr entschieden ein freies christliches Konzil in
Deutschland, erklärte sich dann zwar bereit, auch das jetzt ge-
plante Konzil bei genügender Sicherheit zu beschicken, lehnte
Anerkennung der päpstlichen Artikel aber rundweg ab*). Die
Protestanten benutzten ihr Zusammensein in Schmalkalden, um
gleich noch Beschlösse zu fassen über die Haltung, die man
weiterhin einnehmen wollte. Man verabredete, daß jeder Stand
seine Juristen und Theologen über die Beschickung und etwaige
Anfechtung des Konziles, sowie darüber, wie überhaupt ein christ-
liches Konzil beschaffen sein müsse, beratschlagen lasse, und es
mag wohl sein, daß manche der uns vorliegenden „Bedenken“
erst durch diesen Beschluß veranlaßt worden sind. Man beschloß
ferner, die Artikel des Papstes und die Antwort, die man darauf
erteilt hatte, lateinisch und deutsch drucken zu lassen und an alle
evangelischen Stände zu schicken, auch einer Anzahl auswärtiger
Potentaten über die Angelegenheit Bericht zu erstatten^).
Der zweite Hauptpunkt der schmalkaldischen Beratungen be-
traf die Kammergerichtsprozesse, lieber den Gang der Ver-
handlungen läßt sich nur das eine feststellen, daß es schon in
Schmalkalden eine Partei gab, die das Kammergericht auch in
weltlichen Dingen rekusieren wollte, daß „etliche“ aber dagegen
Bedenken hatten und man daher schließlich davon Abstand nahm *).
1) Juni 4, B^. H. p. 77, No. 26, BI. 16, Konr.
2) Vergl. ErL 55, 14«. C. R. II, 655f. Enders, IX, 312«. Ihre Ein-
rdhung im einzelnen bedarf wohl noch der Untersuchung.
3) Am beeten jetzt Gone. Trident IV, XCVII ff.
4) Abechiedsartikcl des Tages zu Schmalkalden 1533 Juli 3, Reg. H. p. 77,
No. 26, BL 104 ff.
5) P. A. 317. Kf. an Statthalter und Räte des Mkgfen. Georg Juli 25,
Reg. H. p. 82, No. 29, Bl. 22 f., Konz.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre des Vertrauens 1632 — 1536.
19
Wir wisseu aber nicht, ob der Kurfürst zu den Bedenklichen ge-
hörte, können auch Ober seinen Anteil an den schließlichen Be-
schlüssen nichts sagen. Noch einmal wollte man danach versuchen,
die Durchführung des Nürnberger Anstandes durch eine Gesandt-
schaft an das Kamraergericht und an die Kurfürsten von Mainz
und von der Pfalz, die Vermittler des hYiedens, zu erreichen. Ge-
naue Instruktionen wurden aufgesetzt, in denen man sich vor allem
bemühte, nachzuweisen, daß die fraglichen Prozesse Religionssacheu
beträfen. Man drohte, daß man sich einer Exekution in diesen
Sachen eventuell widersetzen werde. Die Gesandten selbst sollten,
wenn ihre Vorstellungen keinen Erfolg hätten, zur Rekusation des
Gerichts in Religionssachen schreiten. Ein zu diesem Zwecke von
Straßburg vorgelegter Entwurf sollte von Brück durchgesehen und
verbessert und binnen 5 Wochen den Gesandten nachgeschickt
werden. Für später, d. h. nach Eingang der Antworten des
Kammergerichts und der beiden Kurfürsten, plante man auch schon
ein Schreiben an den Kaiser*).
In der Frage der Verfassung zur Gegenwehr kam man durch
einige kleine Aenderungen, vor allem wohl Herabsetzung der
Leistungen’), zu einem leidlichen Einvernehmen mit den säch-
sischen Städten. Wenigstens wurde durch die %chmalkaldischen
Beschlüsse ermöglicht, daß Goslar, Braunschweig und Bremen bis
zum 4. Oktober die Verfassung in ihrer jetzigen Gestalt annahmen,
Einbeck, Göttingen und Lübeck konnten sich auch jetzt noch nicht
dazu entschließen®). Ob über die Frage eines Bundes in welt-
lichen Sachen in Schmalkalden beraten worden ist, habe ich nicht
feststellen können.
Noch längere Zeit nach dem schmalkaldischen Tage nahm
das Verhältnis zum Kammergericht die Hauptaufmerksamkeit der
Verbündeten in Anspruch. Die Gesandtschaft an das Gericht, an
1) Nach den Abechiedsartikeln Reg. fi. p. 77, No. 26, Bl. 104 ff.
2) Im Abcchied beiQt es nur ganz unbextimmt, daß die Verfassung „etlicber-
maßen verändert“ worden sei. Vielleicht entstanden damals die Paragraphen 12
und 13. Hortleder, I, 2 S. 1331.
3) Abschied vom 3. Juli, Reg. H. p. 77, No. 26, Bl. 110 ff. Vergl. Wai tz , II,
S. 265 f. Die Räte von Goslar, Braunschweig und Bremen an Kf. Okt. 4, Reg.
H. a. a. O. Bl. 117, Or. Erklärung Einbecks vom 11. Ukt, Göttingens vom
7. Nov., am 26. Nov. vom Rat der Stadt Braunschweig an Kf. übersandt,
ebenda Bl. 126 ff., Or. Die Erklärung Lübecks vom 11. Okt., ebenda BL 118 f.,
Kopie. Erörterungen darüber Bl. 120 — 125.
2*
Digitized by Google
20
Kapitel I.
der von kursächsischer Seite der Jurist Sindringer teilnahm,
erfolgte, es gelang aber nicht, eine wirklich klare Antwort
zu erzielen. Sie war vielmehr der Art, daß man zwar zur Re-
kusation keinen Grund hatte, aber doch der weiteren Entwicklung
der Dinge mit Mißtrauen gegenflberstehen mußte ^). Schon im
November wurde man sich dann infolge des weiteren Benehmens
des Kammergerichts , besonders in einer Straßburger Sache,
darüber klar, daß alles beim alten sei, und auch der Kurfürst
von Sachsen war nun der Meinung, daß jetzt die Rekusation
überreicht werden müsse, und zwar feierlich in Gegenwart von
Vertretern aller Bundesstände. Briefe an den Kaiser und an die
vermittelnden Kurfürsten sollten gleichzeitig ergehen, ein Bundes-
tag sollte sich anschließen *). Am 19. Dezember wurden die Stände
und auch die nicht im Bunde befindlichen Protestanten einzeln ein-
geladen, zum 18. Januar 1534 Abgeordnete für die Rekusation nach
Speier zu schicken®). Der Landgraf dachte auch jetzt wieder
daran, das Kammergericht gleich auch in weltlichen Dingen zu
rekusieren, und es gelang ihm, den Kurfürsten für diesen Plan zu
gewinnen*); da aber andere Stände, besonders die Städte, selbst
Straßburg ®), dagegen Bedenken hatten, wurde schließlich doch von
dem Plane Abstand genommen®) und nur für Religionssachen am
30. Januar 1534 in Speier die Rekusation durch den sächsischen
Rat Rosenecker im Namen der Bundesstände durch Ueberreichung
eines Rekusationslibells zum Ausdruck gebracht. Zwar lehnte das
Kammergericht, allerdings gegen den Willen des Vorsitzenden, es
1) Das Kammergericht erklärte am 6. September, es werde sich der kaiserlichen
Entscheidung gemäü verhalten und jeder Sache Ocl^enheit erwägen, wider die
Billigkeit würden die Auftraggeber der Gesandten nicht beschwert werden. Harp-
precht, V, § 143,44. P. C. II, 185 Anm. Reg. H. p. 82, No. 29, Bl. 36. Aus-
führlicher Bericht der Gesandten ebenda Bl. 38—44. Die Kurfürsten von Mainz
und von der Pfalz antworteten am 13. Okt., lehnten jede Schuld ab, ebenda
Bl. 48-50, ür.
2) Ldgf. an Kf. Nov. 27, Reg. H. p. 81, No. 28, voL II, Bl. 69/70. Kf. an
Ldgf. Dez. Ü, ebenda BL 71 — 73, Konz.; Or. in P. A. Sachsen, Ernest. Linie, 1533.
Vergl. P. C. II, 202, 2.
3i Reg. H. p. 81, No. 28, vol. II, Bl. 81; p. 83, No. 30, BL 71/72. P. C.
II, 202, No. 209.
4) P. C. II, 202, No. 209. Ldgf. an Kf. Der. 31, Reg. H. p. 81, No. 28,
vol. II, BL 99-101, Or. P. A. 319. 320.
6) P. C. II, 204.
6) P. A. No. 319. 321.
Digitized by Google
Bood uod Reich: Die Jahre dea Vertraaens 1532 — 1536. 21
ab, das Schriftstück anzunehmen oder verlesen zu lassen, da es
nichtig sei. Dessen Verbreitung wird dadurch schwerlich gehindert
worden sein *).
Die in Speier versammelten Vertreter der protestantischen
Stände haben gleich noch beschlossen, zur Berichterstattung über
die Speierer Vorgänge einen Bundestag in Frankfurt abzuhalten*).
Natürlich bildete dann auch auf diesem Tage, der gegen den Willen
der Städte vom Kurfürsten bis in den Mai verschoben und nach
Nürnberg verlegt wurde*), das Verhältnis zum Kammergericht den
Hauptberatungsgegenstand. Die Ansicht, die der Kurfürst von
Sachsen in dieser Beziehnng vertrat, können wir aus der Instruktion,
die er seinen Vertretern auf dem Bundestage, Hans von der Planitz
und Hans von Dölzig, erteilte, gut entnehmen. Johann Friedrich
empfahl auch jetzt noch dem Gericht gegenüber die größte Vorsicht.
Zunächst müsse man abwarten, ob es anch nach der Rekusation
noch gegen einen Stand, der dem Nürnberger Frieden unterstände,
etwas unternehme, ferner müsse erst die Militärverfassung des
Bundes zu wirklicher Vollziehung gelangt sein, ehe man irgend-
welche Abwehrmaßregeln wagen könnet).
Auch sonst ist diese Instruktion ein Musterbeispiel für die
damalige Vorsichtigkeit der sächsischen Politik, doch kann man
sie und anch die Verhandlungen des Nürnberger Tages nicht ver-
stehen, wenn man nicht berücksichtigt, daß damals die Württem-
berger Unternehmung des Landgrafen zur Wiedereinsetzung Herzog
Ulrichs in vollstem Gange war, und daß der Kurfürst sich in aus-
sichtsvollen Verhandlungen mit König Ferdinand über die Beilegung
der Wahlsache und aller sonstigen Streitigkeiten befand. Es wird
nötig sein, daß wir zunächst die Entwicklung dieser beiden An-
gelegenheiten verfolgen. —
Auf den Brief der Wahlgegner vom 28. April hatte der Kaiser
erst am 1. .August aus Monzon geantwortet, nnd zwar nichts weniger
1) Beckendorf, III, S. 77. Winckelmann, 8. 262. Reg. H. p. 82,
No. 29, Bl. 73 f. Or. dee Bekueatiooslibells in Reg. H. p. 88, No. 33, 1. Urk.
Bericht Roseneckers vom 1. Febr. Reg. U. p. 87, No. 33, Bl. 17/18, Or.
2) Abschied vom 1. Febr. Reg. H. p. 87, No. 33, BI. 19 — 30.
3) P. C. II, 2(»7, No. 215. 216. Rommel, III, No. 15, S. 56. Antwort des
Kf. vom 14. Febr. in Reg. C. No. 1069, Konz. Ldgf. an Kf. März 18, Hdbf.
ebenda. Kf. an Ldgf. März 15, Reg. H. p. 84, No. 31, voL I, Bl. 14.
4) Instruktion vom 11. Mai in Reg. H. p. 84, No. 31, vol. I, Bl. 34 — 44.
Vergl. Beckendorf, III, B. 75.
Digitized by Google
22
Kapitel I.
als befriedigend. Er lehnte den Gedanken der Ernennung von
Kommissaren rundweg ab, erklärte die Wahl für durchaus recht-
mäßig und forderte die Opponenten auf, sie anzuerkennen und
Ferdinand Gehorsam zu leisten. Ein leichtes Entgegenkommen
lag nur darin, daß Karl hervorhob, er habe seinem Bruder die
Administration des Reiches nicht überlassen, sondern ihn nur damit
beauftragt*). Denn dieser Gedanke wurde dann in einer münd-
lichen Antwort, die er dem Gesandten erteilte, weiter ausgeführt.
Karl hob hier sehr entschieden hervor, daß Ferdinand nur sein
Vertreter sei und daß er das Recht habe, sich einen Vertreter
zu ernennen, er versprach ferner, daß er die bisherige Opposition
nicht weiter Übel nehmen und eine Erklärung erlassen woUe, daß
die Fürsten auf sein Anhalten und ihm zu Gefallen frei in die
Wahl gewUligt hätten und daß diese Bewilligung ihnen an ihrem
kurfürstlichen Amt und ihren fürstlichen Dignitäten nicht nachteilig
sein solle. Dem Kurfürsten von Sachsen stellte er außerdem mög-
lichste Berücksichtigung seiner in Bologna überreichten Wünsche
in Aussicht’).
Man sieht, Karl suchte den Wahlgegnern ein Nachgeben zu
erleichtern, doch dauerte es bis zum Spätherbst, ehe ihre Haltung
durch die kaiserliche Antwort irgendwie beeinflußt werden konnte,
denn Fuchs traf erst am 24. Oktober wieder in München ein*),
und erst am 4. November gelangte der Brief Karls in Colditz in
die Hände Johann Friedrichs ‘). Inzwischen hatten die im Wahl-
bund vereinigten Fürsten aber den Sommer benutzt, um über die
Erweiterung ihrer Vereinigung zu verhandeln. Wir sehen da z. B.
den Kurfürsten bemüht, den Herzog von Lothringen durch Ver-
mittlung Wilhelms von Neuenahr und des Niklas Heu, Herrn von
Underich und Malroi in den Bund hineinzuziehen *). Wichtiger war
1) sie ihm „kommittiert“, Stumpf, S. 129 f., § 29. Or. des Briefe« in
Loc. 10672 „Handlung und Abechied zu Königsberg . . 1532. 33“.
2) „Abechid der kaU. M‘. mund.“, Loc. 10672 a. a. O.
3) Die Hze. von Bayern an Kf. Okt 25, Loc. 106?2 ,JlaDdluog und Ab-
schied zu Lübeck .... 1532—34“, Or.
4) Nach Dorsalvermerk auf dem Or.
5) KL an Neuenahr 1533 Juli 3. 10. R^. D, No. 420. Cornelius, XIV,
B. 112. Anf Veranlassung Malrois verschob man die Verhandlungen bis nach
■einer Rückkehr aus Spanien und bis nach der Zusammenkunft des Papstes mit
Franz I. Reg. D. ebenda. Vcrgl. Winckelmann, Jahrb., S. 210. Doch trat
Digitized by Google
Bond und Reich: Die Jahre dee Vertrauene 1532 — 153ß.
23
aber, ob es gelang, eine Verbindung mit den Königen von England
und Ungarn herzustellen.
üeber einen Anschluß Englands an den Wahlbund wurde schon
seit dem Sommer 1532 verhandelt'), doch war man noch zur Zeit
der Nürnberger Fürstenzusammenkunft nicht recht damit von der
Stelle gekommen. Im September 15.33 trafen dann als Gesandte
König Heinrichs Stephan Vaughan beim Kurfürsten von Sachsen und
Mont bei den Herzögen von Bayern ein, um unter anderem die
Einrichtung ständiger Gesandtschaften an den beiderseitigen Höfen
zn empfehlen. Johann Friedrich lehnte das, vor allem doch wohl
aus Loyalität gegen den Kaiser, ab*). Damit ist aber noch nicht
gesagt, daß er auch gegen den Eintritt Englands in den Wahlbund
gewesen sei, er hat im ganzen wohl nichts dagegen gehabt *), auch
die anderen Verbündeten waren dafür*), man betrachtete es aber
wohl als die Aufgabe Franki’eichs, diese Verhandlungen zu führen.
Zu einem Resultat sind sie nicht gelangt.
Ebensowenig ist aus einem anderen Plan der Erweiterung des
Bundes etwas geworden: aus der Gewinnung Ungarns, und zwar
diesmal direkt durch die Schuld des Kurfürsten. Im Anschluß an
Verhandlungen, die schon seit dem Nürnberger Tage mit König
nicht Robert, sondern Nicolas von Heu (also wohl Roberts Vater) in die Dienste
Johann Friedrichs gegen jedermann außer den Kaiser und den Hz. von Loth-
ringen. (Bestallung vom 10. Juli 1633, zerrissenes Or., Revers Heus vom 6. Aug.,
Ot. Weim. Archiv, ürk. No. 5518 und 5519.) In den Rechnungen erscheint er (1534
April) mit 50 fL, doch ist der Posten wieder gestrichen (R^. Bb. No. 4377),
ebenso Michaelis. Dort ist dazu bemerkt; ist ausgeiassen, dieweil es nicht ge-
fordert (Bb. 4382). Außerdem wird ein Johann Malrat mit 100 fl. Dienstgeld
genannt (No. 4371. 4376 und öfter).
1) Die Beziehungen Englands zu den Protestant«] in den Jahren 1532—34
bedürfen noch sehr der Klärung.
2) Heinrich VIII. an Kf. Juli 22, Reg. C. No. 468, Or., Kreditiv für
Vaughan. Antwort des Kf. an den Qes., Sept 5, L. a. P. VI, 456, No. 1079;
8t P. VII (1849), 8. 503 Anm. Vaughan an Cromwell Sept 6, L. a. P. VI,
457, Na 1082; St P. VII, 501 ff. Kf. an die Herzöge von Bayern Sept 10, Loc.
10672 , Handlung und Abschied zu Lübeck, 1532 — 34“. Die Hze. an Kf. Sept. 23,
ebenda. Kf. an die Hze. Okt 4. lieber Mont (Mundt) vergl. A. 0. Meyer,
& 90 ff.
3) Das zeigt seine Instruktion für den Augsburger Tag, 1533 Dez. 26, Loc.
10673 Handlung zu Augsburg . . . 1534, Bl. 83 — 90.
4) Vergl. den Augsburger Vertrag vom 28. Jan. 1534. Stumpf, 8. 150L,
§ 35 n. Beil. XIII, 8. 55-61.
Digitized by Google
24
Kapitel L
Johann Zapolya über ein Darlehn stattgefunden hatten ‘), empfahlen
die bayrischen Herzoge am 3. September einen Bund mit dem
Könige in der Wahlsache*). Anch Landgraf Philipp sprach sich
am 10. für diesen Gedanken aus '), während Johann Friedrich sich
zwar anfangs nicht ganz abgeneigt zeigte*), später aber doch Be-
denken geltend machte*). Er wollte vor allem erst sicher sein,
daß Johann wirklich „gewaltiger“, d. h. unabhängiger König von
Ungarn sei und daß er sich völlig von der Verbindung mit den
Türken losgemacht habe. Aehnliche Bedenken äußerte er auch
noch, als er am 17. Oktober*) in Eisenach mit dem Landgrafen
zusammenkam. Philipp machte zwar mit dem Hinweis, daß Fer-
dinand eventuell den König an sich ziehen könne, einigen Eindruck
auf ihn, schließlich beschloß man aber doch, weitere bayrische An-
regungen abzuwarten und es wird das Eintreffen der kaiserlichen
Antwort gewesen sein, das den Kurfürsten veranlaßte, im November
dann doch eine Zusammen Schickung der Bäte anzuregen, um außer
über den Brief des Kaisers auch über das Verhältnis zu Ungarn
zu beraten*). Wenn Johann Friedrich sofort erklärte, daß diese
Tagung erst nach Weihnachten stattfinden könne, so hing das
damit zusammen, daß er erst gewisse, mit dem Landgrafen in
Eisenach verabredete Schritte vor allem in der Württembergischen
Angelegenheit zur Ausfühiung bringen wollte*).
Die beiden Fürsten hatten nämlich die Eisenacher Zusammen-
kunft benutzt, um sich über alle gerade im Gang befindlichen poli-
tischen Aktionen zu unterreden. So unterrichtete z. B. Johann
Friedrich den Landgrafen damals über die eigentümlichen Ver-
handlungen, die seit einigen Monaten über ein mainzisch-sächsisches
1) Loc. 10672 , Handlung und Abflchied za Königsberg. . 1532/33“. Muffat,
IS. 273 ff. 281 ff. 293 ff. Die Hze. von Bayern korrespondierten auch schon vorher
mit dem König, ebenda.
2) Die Hze. an Kf. iSept 3. Handlung und Abschied zu Lübeck . . 1532
-34, Or.
3) Ebenda.
4) An die Hze. von Bayern Sept. 10, ebenda. VergL auch Muffat,
S. 298 f.
5) An Ldgf. Sept 19, ebenda.
6) Das Datum ergibt sich aus Kf. an den Mainzer Okt 22, Reg. B. No. 546.
7) Ldgf. an Eick, eigenh. Konz. o. D. P. A. Bayern 1533. Nach Muffat,
S. 309 f. vom 19. Okt Kf. an die Hge. Nov. 11, Loc. 10672 a. a. O., Konz.
Muffat, 8. 322ff.
8) Kf. an die Hze. Nov. 6 u. 11, an Ldgf. Nov. 6, Loc. 10672 a. a. O.
9) Brief an Ldgf. vom 6. Nov.
Digitized by Google
Bund und Beich: Die Jahre des Vertrauens 1532—1536.
25
Bündnis geführt wurden. Albrecht von Mainz hatte im Frühling
1533 Bundespläne wieder aufgenomnien, über die schon seit dem
Jahre 1529 zwischen ihm und Kurfürst Johann verhandelt worden
war. Die Kurfürsten von Mainz, Sachsen und Brandenburg, Herzog
Georg von Sachsen und Herzog Heinrich von Braunschweig waren
zunächst als Mitglieder gedacht. Im Sommer war Dr. Johannes
Rühl wiederholt deswegen zwischen Halle, der Residenz Albrechts,
und dem sächsischen Hofe hin und her gegangen. Johann Friedlich
hatte ihn stets auf den Gegensatz hingewiesen, in dem man sich
in der Religionsangelegenheit und in der Wahlsache befände, vor
allem aber betont, daß er erst die Bedingungen des Bundes kennen
müsse, ehe er sich weiter äußern könne. Darauf hatte ihm dann
der Kardinal im August durch Rühl nähere Mitteilungen gemacht.
Er dachte sich die Sache so, daß die beteiligten einander benach-
barten Fürsten alle Streitigkeiten untereinander durch freundliche
Unterredung beilegen sollten, daß man insbesondere Konflikte in
der Religionssache durch genaue Beobachtung des Religionsfriedens
bis zum künftigen Konzil, durch gegenseitige Toleranz und Ver-
zicht auf Beeinflussung der Untertanen der anderen Partei un-
möglich machen, daß man endlich in der Wahlsache weder mit
den WaflTen noch rechtlich etwas gegeneinander unternehmen
solle. Johann Friedrich zog jetzt Brück ins Vertrauen, und unter
dessen starker Mitwirkung sind die weiteren Verhandlungen geführt
worden. So sehr man da nun auf kursächsischer Seite mit der
friedlichen Tendenz des Mainzer Planes übereinstimmte, so schwere
Bedenken hatte man doch im einzelnen, indem man, wahrscheinlich
nicht ganz mit Unrecht, in manchen Ausdrücken des mainzischeu
Vorschlages gefährliche Fallen sah. Man nahm Anstoß an der Art,
wie das Konzil erwähnt wurde, und wünschte auch bei dieser Ge-
legenheit zum Ausdruck zu bringen, daß man das vom Papst ge-
plante nicht anerkennen könne , man fürchtete gesteigerte Be-
drückungen der Untertanen der katholischen Fürsten, wenn man
sich ausdrücklich verpflichtete, sich ihrer nicht anzunehmen, man
erbUckte in der Bestimmung, daß die Untertanen des einen Teils
den anderen Teil und seine Untertanen nicht „verhöhnen“ sollten,
einen direkt gegen Luther gerichteten Satz, man hatte endlich keine
Lust, sich zur Unterlassung rechtlicher Schritte gegen Ferdinand zu
verpflichten ohne eine entsprechende Gegenverpflichtung des Königs.
Zu weiteren Erörterungen führte dann noch das Verlangen Johann
Friedrichs, seine Bundesgenossen in der Religion sowohl wie in
Digitized by Google
26
Kapitel 1.
der Wahlsache über die Verhandlungen unterrichten zu dürfen.
Als Hauptstein des Anstoßes aber erwies sich eine damals be-
stehende heftige Differenz zwischen Herzog Georg und seiner
Schwiegertochter, der Herzogin Elisabeth von Rochlitz, der Schwester
des Landgrafen *)• Der Kurfürst war in dieser Frage Philipp gegen-
über so weitgehende Verpflichtungen eingegangen, daß ein Bund
zwischen ihm und dem Albertiner vor Beilegung dieser Angelegen-
heit ausgeschlossen war. Außerdem wollte er sich wohl überhaupt
nicht ohne den Landgrafen auf den Bund einlassen.
Es ist nicht gelungen, in den Verhandlungen, die teils brief-
lich, teils durch Kühl, teils in einer persönlichen Unterredung des
Mainzers mit Brück’) stattfanden, alle diese Schwierigkeiten aus
der Welt zu schaffen. Man vermochte in bezug auf den Wortlaut
der gegenseitigen Verpflichtungen nicht völlig zusammenzukommen,
der Angelegenheit der Herzogin von Rochlitz aber versprach Al-
brecht sich nach Kräften anzunehmen, außerdem gab er dem Kur-
fürsten die Erlaubnis, von seinen Bundesgenossen wenigstens den
Landgrafen bei der Eisenacher Zusammenkunft einzuweihen. Das
geschah dann also. Es gelang aber nicht, sofort oder wenigstens
bis zum 28. Oktober, wie der Mainzer wünschte, eine bestimmte
Erklärung von Philipp zu erlangen. Er bat sich bei der Wichtig-
keit der Sache eine Bedenkzeit von 1 — 2 Monaten aus, wies auch
gleich auf die Schwierigkeit hin, die in der Angelegenheit seiner
Schwester gelegen sei®). Immerhin hat er sich dann doch schon
am 11. November geäußert^). Er erklärte, daß erst der Streit
zwischen ihm und Georg wegen der Herzogin beigelegt sein und
daß das Bündnis der Religions- und Wahlsache „unvorgreiflich“ sein
müsse. Unter diesen Bedingungen könne der Kurfürst die Ver-
handlungen weiterführen. Sie standen nun aber so sehr in Wider-
spruch zu dem ursprünglichen Plane des Mainzers, daß das Zu-
standekommen des Bundes damit ausgeschlossen war. Albrecht
hatte sich damals wohl schon davon überzeugt, denn das Bündnis,
1) Vergl. Planitz in BSK. XVII, S. 86.
2) Am 10. und 11. 8ept in Halle.
3) Die Akten der ganzen Verhandlung in Reg. B. No. 546. Vetgl.
ferner Rühl an Kf. Aug. 20 und Nov. 8 in Loc. 8607, „Handschreiben derer
Chur- und Fürsten“, Bl. 146 — 149, Hdbf. Brück an Kf. Okt. 8, Reg. A. No. 250,
Hdbf. Merkwürdig ist, daß der Landgraf Eck von der Bache Mitteilung machte.
P. A. Bayern 1533 [Okt. 19].
4) An Kf. Reg. H. p. 83, No. 30, Bl. 50, Or.
Digitized by Google
Band und Reich: Die Jahre des VertranenB 1532—1536.
27
das er dann tatsächlich am 21. November in Halle mit Kurfürst
Joachim, Herzog Georg und den Herzogen Erich und Heinrich
von Braunschweig schloß, war ja so geartet, daß an eine Zuziehung
Kursachsens und Hessens gar nicht zu denken war, wenn auch
manche der von Albrecht im August entwickelten Gedanken sich
in diesem Vertrag in katholisierter Form wiederflnden *). Der Ge-
danke des größeren Friedensbundes war deshalb aber doch noch
nicht ganz aufgegeben. Als in den ersten Tagen des Dezember
endlich eine seit langem geplante Zusammenkunft Johann Fried-
richs mit dem Kardinal von Mainz und Herzog Georg in Halle
stattfand, hat man auch über den Bundesplau wieder gesprochen.
.Man überzeugte sich von neuem, daß erst die Angelegenheit der
Herzogin von Kochlitz erledigt sein müsse, dann wollte Albrecht
die Verhandlungen über eine nachbarliche Einung mit Kuraachsen
und Hessen wieder aufnehmen*).
Viel wichtiger als diese aussichtslosen Pläne wai-en die Ver-
handlungen, die in Halle über die württembergische Angelegenheit
und die Wahlsache geführt wurden. Auch in diesen Dingen wai-
die Zusammenkunft als eine Fortsetzung der Eisenacher Konferenz
zu betrachten. Johann Friedrich hatte schon am 15. Februar
gelegentlich angeregt, die Frage der Restitution Ulrichs von
Württemberg mit dem Streit des Landgrafen mit den Nassauern
über Katzenelnbogen und beide Angelegenheiten mit der Wahl-
sache in Verbindung zu bringen®). In Nürnberg war wieder über
die Sache gesprochen worden, und der Landgraf hatte, als er mit
dem Kurfürsten aus der Stadt hinausritt, einen Moment den Ein-
druck gewonnen, als werde dieser während des geplanten Unter-
nehmens den Schutz seines Landes übernehmen. Der Sachse hatte
sich aber doch schließlich auf keinerlei Verpflichtungen eingelassen*).
Auch ein Versuch Philipps, in Schmalkalden ein Darlehn von Jo-
hann Friedrich zu erhalten, war mißglückt®). Zu einer gründ-
licheren Erörterung der Angelegenheit kam es erst in Eisenach*).
1) Seide mann, Beiträge, II, S. 59 — 68.
2) Elf. an Ldgf. Dez. 8, Reg. H. p. 83, No. 30, Bl. 64 — 67, eigenh. Konz.
3) Wille, S. 95.
4) Wille, 8. 101 f., und Kf. an Ldgf. 1534 Mai 10, Reg. C. No. 1069, Konz.
5) Nach dem Brief vom 10. Mai.
6) Für die aus Luthers Tischreden bekannte Weimarer Zusammenkunft
(Kroker No. 181) finde ich keinen Beleg, eie müßte denn schon in den Januar
1533 gehören. Vergl. S. 8.
Digitized by Google
28
Kapitel L
Auch hier lehnte der Kurfürst jede direkte Teilnahme an einem
Unternehmen zugunsten des Württembergers ab, so daß sich der
Landgraf sogar zu der drohenden Aeußerung hinreißen ließ, Jo-
hann Friedrich werde, wenn er auch noch so weise wäre, doch
mit in das Spiel kommen *). Auch die von Philipp gewünschte
Verbindung der württembergischen Angelegenheit mit der Wahl-
sache wies der gewissenhafte Wettiner zurück, da diese aus ganz
anderen Gründen angefangen sei und man erst ihre Hauptartikel,
die die Freiheit, das alte Herkommen und die Gerechtigkeiten des
Reiches und der deutschen Nation beträfen, erledigen müsse, ehe
man sich der Sache Ulrichs annehmen könne. Er erklärte sich aber
bereit, mit dem Mainzer über die Sache zu reden, außerdem machte
er, oflenbar um kriegerische Verwickelungen zu vermeiden, den
Vorschlag, die württembergische und die nassauische Sache mit-
einander in Verbindung zu bringen, wie das schon in Augsburg
geschehen sei’). Philipp sollte den Nassauern das einräumen, was
er damals hatte einräumen wollen, der Kurfürst hoffte, daß dafür
dann Ferdinand zur Zurückgabe W'ürttembergs sich werde be-
stimmen lassen*). Der Landgraf hat auf diese Ratschläge nicht
sofort geantwortet, sondern sich 14 Tage Bedenkzeit erbeten. Am
1. November erklärte er es nach vorheriger Rücksprache mit
Ulrich für unwahrscheinlich, daß Ferdinand um der Nassauer
willen große Zugeständnisse machen werde, auch seien für ihn
selbst die Augsburger Artikel nicht mehr annehmbar, da sich in-
zwischen zu viel geändert habe und man andere Mittel habe,
Herzog Ulrich zu helfen. Immerhin woUe er, wenn der Herzog
sein Land unter annehmbaren Bedingungen wiederbekäme, dem
Kurfürsten zu Ehren den Nassauern mehr gewähren, als er sonst
tun würde*).
Johann Friedrich hat darauf in einem Briefe vom 8. November*)
noch einmal in der schon skizzierten Weise seine Auffassung der
Sache entwickelt. Es sind die Grundgedanken, die ihn während
des nächsten halben Jahres geleitet haben, und es ist darum um
so interessanter, daß der Kurfürst diesen Brief ganz eigenhändig
1) Brief an Ldgf. vom 10. Mai lfi34.
2) Vergl. Meinardus, I, 1, 8. 144.
3) Aaf Grund der folgenden Korrespondenz.
4) Ldgf. an Kf. Nov. 1, Beg. fl. p. 83, No. 30, Bl. 40/41, fldbf.
5) An Ldgf. [Nov. 8], ebenda Bl. 53—55, eigenh. Konz., Aktenat No. 2.
Digitized by Google
Bund und Bdcb: Die Jahre des Vertrauens 1532—1536. 29
entworfen hat und das Hans von Minckwitz und Gregor Brück,
denen er das Konzept zuschickte, nichts daran zu ändern fanden.
In Eisenach hatte allerdings Bi-ück seinem Herrn über diese Dinge
Vortrag gehalten ‘),
Trotz dieser Uebereinstimmung Johann Friedrichs mit seinen
maßgebendsten Räten werden wir die in jenem Briefe entwickelten
Ansichten allerdings kaum für besonders weise erklären können.
Der Landgraf wandte mit Recht dagegen ein, daß nach Beilegung
der Wahlsache erst recht nicht mehr auf Nachgiebigkeit Ferdiuands
in bezug auf Württemberg zu rechnen sein werde und daß ein
Tausch Württembergs gegen hessische Zugeständnisse an die
Nassauer doch recht unwahrscheinlich sei *). Er ließ sich daher auch
durch die Vorschläge des Vetters in der Vorbereitung des Württem-
berger Unternehmens nicht stören, während dieser wieder durch
die Einwände Philipps von seiner Auffassung nicht abgebracht
wurde. Seine Politik hielt sich vielmehr in der nächsten Zeit
streng an die Grundsätze, die er in Eisenach und in dem Briefe
vom 8. November entwickelt hatte.
So stand denn auch im Vordergründe seiner Verhandlungen
mit dem Mainzer in Halle die Wahlsache. Johann Friedrich selbst
hatte allerdings infolge der Briefe des Landgrafen zunächst über-
haupt keine Lust, diese Sache, sowie die württembergische und
die nassauische in Halle vorzubringen ; da dann aber Albrecht von
den beiden ersten zu sprechen anflng, kam es doch dahin, daß
man, allerdings in ganz unverbindlicher Weise, Artikel austaiischte
und sich über eine Fassung dieser Vorschläge einigte, die der
Mainzer dem Könige eventuell sogar persönlich vorlegen wollte.
Ueber das Resultat dieser Verhandlungen wollte er dann dem Kur-
fürsten von Sachsen berichten, damit dieser mit seinen Verbündeten
in Verbindung treten könne*). Die Artikel bezogen sich aus-
schließlich auf die Wahlsache und enthielten ähnlich wie die einst
in Schweinfurt übergebenen die Bedingungen, unter denen Johann
Friedrich den König anerkennen wollte. Nach wie vor hielt er
da an der Forderung fest, daß die goldene Bulle erneuert und
durch Bestimmungen über die Wahl eines römischen Königs bei
1) Minckwitz und Brück an Kf. Nov. 7, Reg. H. p. Ö3, No. 30, Bl. 42, Or.
von Minckwitz’ Hand.
2) An Kf. Nov. 20, ebenda BL 57/58, Hdbf.
3) Kf. an Ldgf. Dez. 8, Reg. H. p. 83, No. 30, Bl. 64 — 67, eigenh. Konz.
Digitized by Google
30
Kapitel I.
Lebzeiten eines Kaisers erweitert werden müsse. Der Mainzer
war einverstanden damit, daß die Vornahme einer solchen Wahl
an die Bedingung der Zustimmung aller Kurfürsten geknüpft
werden solle, sah dagegen eine Beschränkung der freien Wahl in
der von Johann Friedrich gewünschten Bestimmung, daß nie zwei
oder drei Kaiser nacheinander ans demselben Hause gewählt
werden dürften und daß der Gewählte von deutscher Geburt und
Sprache sein müsse. Der Sachse ließ sich bestimmen, die Ent-
scheidung dieser Punkte weiterer Verhandlung der Kurfürsten zu
überlassen, ebenso ließ man znnächst unentschieden, ob Ferdinand
für seine Regierung noch weitere Vorschriften gegeben werden
sollten, als in Köln geschehen war. Doch war man darin einig,
daß er zur Beobachtung des Nürnberger Friedens verpflichtet
werden und daß er alle Ungnade gegen die bisherigen Gegner
seiner Wahl fallen lassen müsse. Zu Strafbestimmungen gegen
die Kurfürsten, die vor einer Wahl gegen die goldene Bulle und
ihren Kurfürsteneid handelten, vermochte Johann Friedrich die
Zustimmung des Mainzers nicht zu gewinnen').
Man sieht, der Kurfürst ließ sich nicht darauf ein, irgend-
welche anderen Angelegenheiten mit der Wahlsache zu verknüpfen.
Nur mündlich sprach er mit .^brecht über Württemberg, und
dieser erklärte sich bereit, auch darüber mit dem König zu ver-
handeln, hatte allerdings wenig Hoflfnung auf Erfolg. Eher als für
Ulrich glaubte er für dessen Sohn Christoph etwas erreichen zu
können*). Nur im Gespräch mit dem Kardinal berührte Johann
Friedrich auch die nassauische Angelegenheit, doch versprach er
sich jetzt selbst nicht mehr viel von der Hineinziehung dieser
Frage, mußte sich auch schon sehr bald davon überzeugen, daß
auf der anderen Seite ebensowenig Neigung zum Entgegenkommen
sei wie beim Landgrafen. Immerhin gab er die Hofihung noch
nicht auf, im Zusammenhang mit der württembergischen Sache
auch diesen leidigen Streitfall aus der Welt schaffen zu können’).
In allen diesen Dingen versprach er sich ja, wie es stets seine
1) Die Artikel finden sich als Beilagen zu dem Briefe dee Kf. vom 8. Dez.,
doch fehlt die erste von ihm vorgel^te Fassung. Die letzte Form gedruckt bei
Senckenberg, IV, 8. 165—167.
2) Kf. an Ldgf. Dez. 8.
3) Meinardus I, 2, 8. 325, 325—327. Kf. an Gf. Wilhelm von Nassau
1534 Febr. 24, R^. C. No. 329.
Digitized by Google
Band and Reich; Die Jahre des Vertrauens 1532—1536. 31
Art geblieben ist, Erfolg von gütlichen Verhandlungen und recht-
lichen Erörterungen, während tatsächlich nur die Gewalt der
Waffen entscheiden konnte. Ueber die Vorbereitungen, die der
Landgraf traf, nm eine solche Entscheidung zu Gunsten Ulrichs
von Württemberg herbeizuführen, ist er wohl nur zum Teil unter-
richtet gewesen, doch war man auf kursächsischer Seite etwa im
Dezember 1533 von Mißtrauen erfüllt, fürchtete vor allem, daß
Hessen und Bayern das Geld, das Frankreich für den Wahlbund
hinterlegen wollte, für ihre Pläne verwenden könnten ‘). Wie
groß überhaupt die Gegensätze innerhalb des Bundes waren, trat
auf zwei Versammlungen zutage, die die Wahlgegner im Jannar
und März 1534 in Augsburg und Koburg hielten.
In der ersten handelte es sich um den definitiven .Abschluß
mit Frankreich, das durch AVilhelm du Bellay, Herrn von Langey,
vertreten war. Johann Friedrich wünschte, daß man jetzt ent-
schieden auf die Hinterlegung des französischen Geldes dringe,
lehnte aber jeden neuen Vertrag mit Frankreich ab*). Den, der
dann am 28. Januar in Augsburg geschlossen und auch von den
sächsischen Gesandten Dölzig und Hans v. d. Planitz mitunter-
zeichnet wurde, hat er nicht ratifiziert, da er eine Erweiterung des
Vertrages von Scheiem in ihm sab *).
Die Koburger Versammlung bezog sich auf das Bündnis mit
König Johann von Ungarn und auf die Beantwortung des Briefes
des Kaisers. W'ir haben in ihr also den Tag zu sehen, den der
Kurfürst im November 1533 angeregt hatte'). Die Herzöge von
Bayern, denen an der Verbindung mit Zapolya offenbar viel gelegen
war und die nur durch den Landgrafen davon abgehalten wurden,
ganz mit dem vorsichtigen Sachsen zu brechen®), ließen einen
Entwurf für ein Bündnis mit dem König vorlegen, wonach man
sich mit Truppen oder Geld unterstützen wollte, wenn einer der
Beteiligten von Ferdinand angegriffen würde. Diese HUfsverpflich-
1) Bruck an EL 1533 Dez. 22, Loc. 10 672 ,Jlandlung und Abachied zu
Lübeck . . . 1532-34“, Or.
2) Instruktion für seine Gesandten 1533 Dez. 26, Loc. 10673 „Handlung
zu Augsburg . . 1534“, Bl. 83 — 90.
3) Die Gesandten an KL 1534 Jan. 28, ebenda BL 66 — 70, Or. von Dölzigs
Hand. Der Vertrag bei bt umpf, Beil. XIII, 8. 55—61. Vergl. auch Stumpf,
§ 35, 8. 152 f. Wille, 8. 143.
4) Vergl. 8. 24.
5) Wille, 8. 290. 292.
Digitized by Google
32
Kapitel I.
tung sollte aber sofort auf hören, wenn die Türken dem Ungarn-
könig zu Hilfe kämen*). Aber auch in dieser vorsichtigen Form
schien der Bund den sächsischen Politikern noch bedenklich, da ja
doch ofl'enbar die Absicht dahinter stecke, Krieg gegen Ferdinand
anzufangen *). Man beschloß, erst noch weitere Erkundigungen
über das Verhältnis Johanns zu den Türken einzuziehen, und
am 9. April lehnte dann der Kurfürst die Beteiligung an dem
Bunde ab*).
Wenn sich in dieser Frage Sachsen isolierte, so standen da-
gegen bei den Verhandlungen über die dem Kaiser zu erteilende
Antwort Sachsen und Hessen in Gegensatz zu Bayern. Dieses
wünschte eine förmliche Gesandtschaft, sie hielten einen einfachen
Boten für genügend, um ihr Antwortschreiben zu überbringen, und
was den Inhalt dieses Briefes betrifft, so wollten sie im wesent-
lichen den des vorjährigen Schreibens wiederholen, während Bayern
nicht Übel Neigung zeigte, König Ferdinand als Statthalter seines
Bruders anzuerkennen. Nach heftigen Differenzen, besonders
zwischen den bajTischen und hessischen Gesandten, veranlaßte
schließlich der Kurfürst, daß man die .Antwort an den Kaiser
einstweilen ganz zurückhielt, um erst den Erfolg der mainzischen
Vermittlungsverhandlungen abzuwarten *).
Diese wurden für Johann Friedrich um so wertvoller, je mehr
er sich davon überzeugen mußte, daß ein Krieg wegen Württem-
bergs drohe, denn wenn er auch vom Landgrafen nur sehr mangel-
haft auf dem laufenden erhalten wurde, er wird sich über dessen
Pläne jetzt kaum mehr im unklaren gewesen sein und mußte bei
seiner bYiedensliebe dadurch zu energischer F'ortfülirung seiner
Friedensbemühungen veranlaßt werden. Häufig hat er selbst hervor-
gehoben*), daß er hauptsächlich durch den Wunsch, einen Krieg
1) BÜDdnUentwurf vom 18. März, Beilaf;e zum Brief der eäcbe. Gesandten
Brück und Dölzig vom 22., Loc. 10672 , Handlung und Abschied zu Lübeck . . .
1532-34“, Or.
2) Nach einem zwischen März 22 und AprU 9 anzusetzenden „Bedenken“,
ebenda. Vergl. auch Muffat, 8. 3.59. 463.
3) An Hg. Wilhelm April 9, Loc. 10672 a. a. O., Konz.
4) Nach den Akten des Koburger Tages in Loc. 10672 „Handlung und Ab-
schied zu Lübeck . . . 1532 — 34“. Vergl. außerdem Riezler, IV, S. 271 f. Feige
an Ldgf. März 28, P. A. No. 315, Or.
5) z. B. in einer eigenhändigen Instruktion für Minckwitz vom [7- März 1534],
Loc. 10673 „Schriften . . .“
Digitized by Google
Bund and K^ch: Die Jahre dea Vertrauens 1532 — 1536.
33
über Württemberg zu verhüten, veranlaßt worden sei, die Ver-
handlungen über die Wahlangelegenheit so lebhaft zu betreiben.
Verfolgen vtir nun zunächst diese Verhandlungen, so hatte
sich zwar Albrecht in Halle bereit erklärt, die zuletzt vom säch-
sischen Kurfürsten übergebenen Artikel dem Könige vorzulegen,
nachträglich scheinen ihm aber doch noch Bedenken an ihrer
Annehmbarkeit gekommen zu sein, denn im Januar 15.34 schickte
er erst noch Rühl mit neuen, stark veränderten Vorschlägen
nach Altenbnrg zu Johann Friedrich. Da in ihnen so gut wie
dessen sämtliche Hauptforderungen weggelassen waren, war es
begreiflich, daß er sich nicht darauf einließ, sondern den Kardinal
einfach an sein in Halle gegebenes Versprechen erinnerte. Albrecht
behauptete nun zwar, daß dort keine so festen Verabredungen ge-
troffen seien, wie der Kurfürst annehme, schließlich fügte er sich
aber doch dessen Wünschen und sandte seinen magdeburgischen
Kanzler Türk mit den sächsischen Artikeln zu König Ferdinand*).
Unterwegs ließ er ihn allerdings noch bei Johann Friedrich vor-
sprechen und mit ihm über die etwa möglichen Milderungen seiner
-\rtikel verhandeln. Der Kurfürst erklärte sich nicht ganz ab-
geneigt, Verbesserungen anzunehmen, benutzte vor allem aber die
Gelegenheit, um energisch die Wichtigkeit der württembergischen
Sache zu betonen. Ohne die Restitution des Herzogs würden seine
Verbündeten sich auf nichts einlassen, und es würde zum Kriege
kommen. Gerade um diesen zu verhüten, habe er die ganze Ver-
handlung begonnen. Johann Friedrich sprach auch wieder davon,
daß man die württem belgische und die nassauische Sache gegen-
einander ausgleichen könne, und fand damit bei Türk viel An-
klang*).
Noch ehe Türk sich nach Prag auf den Weg machte, war
noch eine zweite Friedens Vermittlung in Gang gekommen. Als
Johann Friedrich Anfang Februar Herzog Georg in Dresden
1) Loc. 10673 „Abschied und Handlung zu Altenburg . . . 1534“. Am
23. Januar war Bühl in Altenburg. Kf. an Albrecht Febr. 1, Loc. 10673 „Hchriften
zwiechem dem Erbischof . . . 1534, 35“, Konz. Albrecht an Kf. Febr. 8, Loc. 10671
„ISchreiben und Bedenken . . . 1525—34“, Or. Kf. an Albrecht Febr. 15, ebenda,
Konz. Albrecht an Kf. Febr. 21. 25, ebenda, Or.
2) Nach einer eigenhändigen Aufzeichnung Johann Friedricha ül>er die Ver-
handlung mit Türk vom 20. März, Reg. H. p. 84, No. 31, I, 61. 1 — 11. Abechrift
in Ijoc. 10673 „Abschied und Handlung zu Altenburg . . . 1534“.
Beiträge lur neueren Geschichte Thürin^ns I, 2. 3
Digitized by Google
34
K«pit«l I.
besuchte, erbot sich dieser, die Yennittlang in der Wahl- und
Friedenssache zu Übernehmen. Der Kurfürst ging gern darauf ein
und überreichte dem Albertiner dafür die Hallenser Artikel in
ihrer letzten Fassung. Georg schickte sie schon am 13. Februar
an den Kardinal von Trient, den Präsidenten des österreichischen
Geheimen Rats, damit der König sich über sie äußere. Der Herzog
glaubte allerdings selbst nicht, daß Ferdinand sie annehmen
werde, und bat daher, nachdem der König im allgemeinen seine
Zustimmung zu den Verhandlungen ausgesprochen hatte, den Kur-
fürsten, Minckwitz und Brück zu ihm zu senden, damit er weiter
mit ihnen verhandeln könne. Johann Friedrich hatte nun zwar
gar keine Neigung, irgendwelche Veränderungen an den Artikeln
zuznlassen, da seine Bundesgenossen sie schon in ihrer jetzigen
Form nur schwer annehmen würden, schließlich sandte er aber
doch seinen Hofmeister Minckwitz nach Dresden, allerdings mit
dem strikten Befehl, sich auf keine neuen Artikel einzulassen. Es
ließ sich aber doch nicht vermeiden, daß von herzoglich sächsischer
Seite nun allerhand Aenderungsvorschläge gemacht wurden. Die
Differenz in den beiderseitigen Anschauungen lag vor allem darin,
daß man in Dresden für ratsam hielt, nur in die Administration des
Königs in Vertretung des Kaisers zu willigen ohne Anerkennung seiner
Wahl, aber auch ohne weitere Forderungen, während man am kur-
sächsischen Hofe vor allem Vorkehrungen für die Zukunft auf reichs-
gesetzlichem Wege zu treffen wünschte. Auch in einer Konferenz,
die am 31. März in Rochlitz zwischen Minckwitz und Brück einerseits,
Pistoris und Georg von Carlowitz andererseits abgehalten wurde,
kam man über diesen Gegensatz nicht hinweg, beschloß aber, so-
wohl die .Artikel des Kurfürsten wie die des Herzogs dem Könige
vorlegen zu lassen*). Johann Friedrich würde gern das Resultat
1) Georg an den Kardinal von Trient 1534 Febr. 13. Bucholtz, IX, 8.77.
Senckenberg, IV, S. 165 — 167. Bucholtz, IX, 8. 78f. Georg an Kf. Febr. 28,
Loc. 10671 „Schreiben und Bedenken . . . 1525—34“, Or. Kf. an Georg März 2,
Loc. 10673 „Irrungen zwiechen dem römischen König“, Or. Georg an Kf. März 4,
Loc. 10673 „Schriften zwischen dem Erzbischof . .“, Or. Kf. an Georg März 7,
Loc. 10673 ,4mingen etc.", Or. Instruktion für Minckwitz, Loc. 10673 „Schriften
. . .“ lieber die albertinischen Ansichten Senckenberg, IV, 8. 167 — 169 und Georg
V. Carlowitz an Minckwitz März 11, Loc. 10673 ,.Schriften etc.“ Bemerkungen
des Kf. und Brucks dazu in Loc. 10673 ,Jrrungeo etc.“ Eigenhändiger Bericht
Minckwitz’ über seine Sendung März 24 in Loa 10673 „Schriften eta“ Bericht
über die Handlung zu Rochlitz [März 31], ebenda.
Digitized by Google
Band und Reich: Die Jahre dee VertrauenB 1532 — 1536. 35
der SenduDg Türke abgewartet haben, ehe er eich über diesen Vor-
schlag änderte. Da aber der magdeburgische Kanzler, der am
2. April auf der Rückreise Altenburg berührte, keine Vollmacht
hatte, ihm über das Resultat seiner Verhandlungen zu berichten,
ond Herzog Georg sich schon Ostern, d. h. am 5. April zur Fort-
führung der Verhandlungen nach Böhmen begeben wollte, schrieb
er diesem dann doch schon am 5. April, daß nach seiner Meinung
ihre beiderseitigen Artikel sich sehr gut vereinigen ließen. Wahr-
scheinlich werde der König aber zunächst über die von Türk über-
brachten Artikel mit ihm verhandeln, dann möge der Herzog die
Sache nnd gleichzeitig auch die wflrttembergische Angelegenheit
kräftig fördern *).
Tatsächlich gelang es Georg, sich nach längerem Schriften-
wechsel*) mit Ferdinand über eine Reihe von Vorschlägen sowohl in
der Wahlfrage wie in Bezug auf Württemberg zu einigen *). Er wollte
sie dem Kurfürsten von Sachsen persönlich in Torgau vorlegen,
während der König mit den übrigen Kurfürsten über sie verhandeln
sollte*). Soweit sich ihr Inhalt feststellen läßt, zeigte Ferdinand
insofern einiges Entgegenkommen, als er bereit war, sich beim
Kaiser nm die Lehnserteilung für den Kurfürsten zu bemühen,
für die Beobachtung des Friedens durch das Kammergericht zu
sorgen und für einen gütlichen Ausgleich zwischen Hessen nnd
Nassau zu wirken. In der Wahlsache sollten die meisten Forde-
rungen Johann Friedrichs einer binnen Jahresfrist zu veranstaltenden
Beratung der Kurfürsten zugewiesen werden, doch wollte der König
sich verpflichten, die Wünsche Kursachsens beim Kaiser und bei
den Kurfürsten durchznsetzen. Am wenigsten konnten seine Er-
klämngen in der württembergischen Sache befriedigen; er wollte
dem alten und dem jnngen Herzog gegen genügenden Verzicht
12 — 15000 fl. jährlichen Einkommens für sie und ihre Erben
1) Kf. an Georg April 5, Loc. 10673 „Irmngen ... 1534/35“, Or. Ueber
Tärks Rückkehr auch ao Ijdgf. April 3, ebenda „Schriften 1534/35“ Konz., an
Wilhelm von Nassan April 4, ebenda „Handlang zu Augsburg 1534“ Konz.
2) Senckenberg, IV, 8. 160 ff.
3) Bucholtz, IV, 8. 244.
4) Ferdinand an die Kfen. von Mainz, Trier, Köln, Pfalz und Brandenburg
April 16, Loc. 10673 „Irrungen zwischen dem löm. König 1534/35“, Kopie.
3*
Digitized by Google
36 K*pitel I.
I^antieren, bis der Prinz durch eine Heirat in ähnlicher Weise
versorgt würde*).
Man kann an solchen Vorschlägen erkennen, daß die Restitution
Ulrichs tatsächlich nur mit Gewalt zu erzielen war, und Johann
Friedrich war sich, wenn er auch nur mit Entrüstung von dem
Beginn des Krieges durch den Landgrafen erfuhr’), doch darüber
klar, daß sie gänzlich unannehmbar seien. Für sich persönlich er-
klärte er außerdem, als Georg ihm die Prager Artikel am 20. April
in Torgau vorlegte, daß er ohne die gewünschte Erläuterung der
goldenen Bulle unmöglich in die Wahl willigen könne*). Georg
übernahm nun zwar, die Einwände des Kurfürsten an Ferdinand
gelangen zu lassen, Johann Friedrich betrachtete aber doch die
Vermittlung seines Vetters zunächst als beendet*). Da außerdem
der König die bevorstehende Ankunft Georgs beniftzt hatte, um
einem Gesandten, den er im Anschluß an Türks Sendung im April
an den Mainzer geschickt hatte, nur sehr unbestimmte Erklärungen
mitzugeben *), konnte der ganze Friedensplan als gescheitert gelten,
und man konnte glauben, daß alles der Entscheidung der eben in
Tätigkeit tretenden Waffen anheimgegeben sei. Johann Friedrich war
aber nicht so leicht von einem einmal gefaßten Plane abzubringen,
und es ei^wies sich nun als ganz nützlich, daß er zwei Eisen im
Feuer hatte. Schon am 22. April fordei te er den Kurfürsten von
Mainz zu einer Zusammenkunft in Delitzsch auf, am 24. hat sie
stattgefunden ®).
Wie die Lage war, war es begreiflich, daß hier die württem-
bergische .Angelegenheit in den Vordergrund gestellt wurde. Ge-
meinsam wollten die beiden Kurfürsten den Frieden herzustellen
suchen in der Weise, daß .Albrecht Gesandte an den König, Johann
Friedlich solche an den Landgrafen sandte. Dabei wollte man zu-
1) Bucholtz, IV, S. 244. Senckenberg, IV, S. 174/75. Aufzetchnungen
über die Verhandlungen in Torgau io lyx". 10673 „Irrungen zwischen dem römi-
schen König . . .“
2) Wille, S. 159 f.
3) Senckenberg, IV, 8. 17611. Loc. 10673 „Irrungen“.
4) An die Hze. von Bayern April 28. Wille, 8. 294 — 296.
5) Albrecht von Mainz an Kf. April 11 und 14, Loc. 10673 „Schriften . . .
1534/35“, Or.
6) Kf. an Albrecht April 22, Konz. Albrecht an Kf. April 23, Or. Loc.
10673 „8chriften zwischen . . 1534/35“.
Digitized by Google
Bund und Reich; Die Jahre des Vertrauens 1532 — 1536.
37
Dichst die Abtretung Württembergs von Ferdinand zu erlangen
suchen und erst, wenn er darauf nicht einginge, die Zugeständnisse
den Verhandlungen zu Grunde legen, die die sächsischen Gesandten
etwa bei Hessen erlangten. Verhandlungen in der Wahl- und der
Beligionssache sollten vor allem deshalb auch wieder aufgenommen
werden, um eine weitere Ausdehnung des Krieges zu verhüten.
Zunächst sollte noch einmal ein Versuch gemacht werden, die
Wahlsache durch gütliche Handlung beizulegen. Glückte das nicht,
so sollten beide Teile sich gegeneinander an Gleich und Recht ge-
nügen lassen, d. h. nichts Feindseliges gegeneinander vornehmen
und Friedensversicherungen austanschen. Im Interesse des Friedens
sollte der Mainzer auch beim Könige für die .Abstellung der dem
Frieden widersprechenden Kammergerichtsprozesse wirken *).
Die Größe des Friedensverlangens des Kurfürsten tritt in
diesem Stück aufs deutlichste hervor, man kann dieses Verlangen
wohl als den eigentlichen Leitstern seiner damaligen Politik be-
trachten. Natürlich mußte er nun aber in der württembergischen
Sache die strikteste Neutralität beobachten, setzte daher auch den
wiederholten Bemühungen des Landgrafen, eine Anleihe von ihm
zu erlangen, den hartnäckigsten Widerstand entgegen *). Er wollte
sich eben durchaus auf die Vermittlung beschränken.
ln Ausführung der Delitzscher Beschlüsse schickte Johann
Friedrich am 28. April seine Räte Wildenfels und Gotzmann mit
sehr energischen Friedensmahnungen an den Landgrafen, bat diesen,
ihm mitzuteilen, unter welchen Bedingungen Frieden möglich sei,
hielt aber auch mit der Drohung nicht zurück, daß er, wenn der
Landgraf bei seinem Vorhaben beharre, mit den anderen Verbün-
deten ohne ihn sich Frieden verschaffen werde®). Die Grundlage
dafür sollten gewisse Vorschläge bilden, die der Kurfürst auch noch
auf Grund der Delitzscher Verabredung dem Mainzer übersandt hatte.
Beide Teile sollten sich danach wegen der Wahl, aber auch aller
anderen Sachen halber an Gleich und Recht genügen lassen und
nichts mit der Tat gegeneinander vornehmen. Der König sollte
sich die Bestätigung dieses Friedens binnen sechs Wochen vom
1) Bucholtz, IV, S. 245. Abschied zu Delitzsch vom 25. April in Loc.
10673 „Abschiede und Handlung zu Altenburg. .. 1534“, BL \ß.
2) Wille, 8. 161. 182, 2. Kf. an Phil. Mai 10, Reg. C. No. 1069, Konz.
3) Instruktion der Gesandten vom 28. April, F. A. Sachsen, Emestinische
Linie, 1534.
t
Digitized by Google
38
Kapitel 1.
Kaiser verschaffen, ebenso sollte die Ratifikation des Friedens durch
die Kurfürsten und die Verbündeten Sachsens bis zum nächsten
Pfingstfest erfolgen. Sachsen und seine Verbündeten sollten in der
württembergischen Sache keinerlei Hilfe leisten und die Ihrigen, die
sich etwa im Heere des Landgrafen oder des Herzogs von Württem-
berg befänden, abberufen. Eine feierliche Versicherung des Friedens
durch Besieglung, Treuschwur und, wenn möglich, auch durch Er-
nennung von je zwölf Bürgen war vorgesehen ‘).
Auch der Kurfürst von Mainz hat es an Erfüllung seiner
Delitzscher Versprechungen nicht fehlen lassen. Türk mußte sich
von neuem nach Prag begeben, um dem Könige die Delitzscher
Artikel vorzulegen. Die Erklärungen, die dieser daraufhin abgab,
konnten aber wieder nicht als genügend betrachtet werden. Wohl
wollte er unter gewissen Bedingungen (keinerlei Unterstützung des
Landgrafen, keine Neuerung in der Religionssache u. dgl.) dem
Kurfürsten einen Stillstand bis Ostern gewähren, er lehnte aber
sowohl die Eidesleistung wie die Stellung von Bürgen ab und setzte
sich sogar in direkten Widerspruch zum Nürnberger Frieden, in-
dem er die Sistierung der Kammergerichtsprozesse nur bis Martini
übernehmen wollte*). Johann Friedlich erklärte es, als er am
19. Mai in Pegau von neuem mit Albrecht zusammenkam, für
unmöglich, die Antwort Ferdinands seinen Verbündeten über-
haupt vorzulegen *). Die beiden Kurfürsten einigten sich dann
aber sofort wieder über einen neuen Weg, um wenigstens in
einigen der obwaltenden Streitfragen einen lYieden zustande zu
bringen. An der böhmischen Grenze, man dachte etwa an Anna-
berg, sollte eine Versammlung gehalten werden, um einen Ver-
gleich oder wenigstens einen Stillstand in der Wahlsache zu er-
zielen. Auch mit den Kammergerichtsprozessen sollte inzwischen
eingehalten werden, und man woUte sich bemühen, eine weitere
Verlängerung dieses Stillstandes zu erlangen*).
Von diesem Plane machte Johann Friedrich auch Herzog Georg
sofort Mitteilung und bat ihn, sich an der Aktion zu beteiligen®).
1) Die Artikel und der Begleitbrief in Reg. H. p. 87, No. 33, ßl. 67. 59.
60/61, Entw. Kopie der Artikel z. B. in Keg. H. p. 84, No. 31, vol. II, BL 8/9.
2) Loc. 10673 , Irrungen zwischen . . .“ Bericht Türke o. D.
3) Abechied zu Pegau, Kopien in Reg. H. p. 84, No. 31, vol. II, Bl. 47/48.
Loc. 10673 „Abschiede und Handlung zu Altenburg . . .“
4) Ebenda.
5) Kf. an Georg Mai 19. Loc. 10673 „Irrungen . . . 1634/35“, Or.
Digitized by Google
Band und Reich: Die Jahre des Vertrauens 1532—1536. 39
Auch Georg hatte nach der Torgauer Zusammenkunft seine Be-
mühungen durchaus noch nicht aufgegeben und, vermutlich unter
dem Eindruck der Württemberger Ereignisse, allmählich entgegen-
kommendere Erklärungen von Ferdinand erzielt ‘). Er war auch
jetzt gern zur Teilnahme bereit. Nachdem auch König Ferdinand
seine Zustimmung zu dem Kongreß gegeben hatte, konnte der Be-
ginn der Verhandlungen in Annaberg auf den 7. Juni festgesetzt
werden *).
Als sie begannen, hatte sich die Lage inzwischen folgender-
maßen gestaltet : Der Landgraf war siegreich in Württemberg vor-
gedrungen, nach dem Treffen bei Lauffen lag fast das ganze Land
ihm zu Füßen, und es handelte sich nun schon darum, ob er und
der Herzog sich damit begnügen oder ihren Sieg weiter, etwa in
die Erblande Ferdinands hinein, verfolgen würden. Von den
mannigfaltigen Versuchen, eine Vermittlung in der württembergi-
schen Sache zu übernehmen, hatte bisher keiner Erfolg gehabt.
Einige, wie der des Kurfürsten von der Pfalz ®) und der des
Kurfürstentages zu Gelnhausen *), waren zwar eine Zeitlang aus-
sichtsvoll erschienen, so daß in den mainzisch-sächsischen Ver-
handlungen, z. B. in Pegau, die württembergische Sache ganz
zurücktreten konnte®) und auch die Annaberger Konferenzen zu-
nächst nur wegen der Wahlsache und wegen des Ileligionsfriedens
berufen wurden, allmählich erwiesen sich aber alle diese Aktionen
als aussichtslos, und es wai‘ nur noch von den Verhandlungen
Johann Friedrichs Erfolg zu erwarten.
Der Kurfürst hatte zwar mit den ersten Vorschlägen, die er
nach der Delitzscher Zusammenkunft an Philipp gerichtet hatte, bei
1) Georg an Kf. April 29, Bncholtz, IX, S. 79f. Pistoris an den Kar-
dinal von Trient April 30, Loc. 10673 a. a. O., Kopie. Der Kardinal an
Putoris Mai 2, ebenda, Ur. Ferdinand an Georg Mai 2, ebenda, Or. Kf. an
Georg Mai 4. 13, ebenda, Or. Georg an Kf. Mai 6, I/x:. 10673 „Schriften
zwiachen dem Erzbischof . . .“, Or.
2) Ferd. an Georg 1534 Mai 23, Or. Georg an Ferd. Mai 30, Konz., Loc.
10673 „Irrungen“. Ferd. an Albr. Mai 24. Albr. an Kf. Mai 27. Kf. an Albr.
Mai 28. lyoc. 10673 „Schriften“.
3) Kf. schickte, als er von dessen Vermittlung hörte, WUdcnfels und Gotz-
mann anch an ihn. An Georg Mai 4, Loc. 10673 „Irrungen“. Wille, S. 161.
4J Bucholtz, IX, S. 81 ff. Heyd, II, S. 480ff. Senckenberg, IV,
B. 104«. Sattler, III, 8. 21f. P. A. No. 345. 347.
5) Vergl. die Pegauer Verhandlungen und Kf. an seine Gee. in Nürnberg
Mai 22, Reg. H. p. 84, No. 31, vol. II, Bl. 46. 50, Or.
Digitized by Google
40
Kapitel 1.
diesem gar keinen Anklang gefunden*), etwa seit Ende Mai nahm
er aber doch die Erledigung der wQrttembergischen Sache in das
Ännaberger Programm mit auf. Er mag dazu durch friedlichere
Aeußerungen des Landgrafen veranlaßt worden sein*), außerdem
aber durch die beständige Befürchtung, daß Philipp und Ulrich
weitergehen könnten*). Johann Friedrich hatte allerdings auch
jetzt keine Neigung, etwa durch Nachgiebigkeit in der Wahlsache
Zugeständnisse des Königs an Ulrich zu erreichen*), und da auch
Ferdinand die Aufnahme des Landgrafen in den Stillstand ab-
lehnte®), war noch Anfang Juni die Wahrscheinlichkeit gering, daß
die württembergische Angelegenheit in Annaberg erledigt werden
würde. Wenn schließlich Johann Friedrich diese Sache doch schon
am 8. Juni mitvorbrachte, so waren es wohl vor allem sehr ent-
gegenkommende Erklärungen des Landgrafen, die ihn dazu ver-
anlaßten. Brachte doch Philipp in einem Briefe vom 4. Juni sein
Verlangen nach einem baldigen sicheren Frieden in sehr lebhafter
Weise zum Ausdruck*) und regte er doch in einem Schreiben au
seine Schwester von demselben Tage schon den Gedanken an, daß
Ulrich dem Könige Titel und Wappen von Württemberg lassen
und das l.,and von ihm zu Lehen nehmen könne*).
Ueber die Stimmungen und Absichten, mit denen der Kurfürst
in die .\nnaberger Verhandlungen eintrat, können wir uns gut aus
seiner Korrespondenz mit seinen Räten auf dem Nürnberger
Bundestage unterrichten. Dieser stand Ja natürlich ganz unter dem
Eindruck des wüj-ttembergischen Ereignisses, war auch dadurch
1) Wille, S. 178. Kf. an die Hzin. von Rochlitz Mai 12, Loc. 9131
„Schriften der Herzof;in . . 1534“, Bl. 42, eigenb. Konz. An Hz. Georg Mai 13,
Loc. 10673 „Irrungen“.
2) Ldgf. an Kf. Mai 17, Beg. O. No. 1069, Hdbf. : „nu will unser notturft
erfordern, das wir einen bestendigen fiiden habben. Kondt E. L. das fordern,
wers gut“.
3) Kf. an Ldgf. und an Ldgf. und Ulrich Mai 27. 28, ebenda Konz., Or.
in P. A. Sachsen, Ernest. Linie, 1534.
4) Ldgf. an Kf. Mai 26. Keg. H. p. 90, No. 35, Bl. 2, Or. Kf. an Ldgf.
Juni 4. Reg. C. No. 1060 a, Konz. P. A. Sachsen, Ernest. Linie, 1534, Or.
5) Mainz an Kf. Juni 3, Loc. 10673 „Schriften . . ", Or. Der Kf. erklärte
darauf am 4., daß er cs bei den Pegauer Verabredungen bewenden lasse, Konz,
ebenda.
6) An Kf. R^. C. No. 1069a, Or.
7) Wille, S. 316 f.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre dee Vertrauens 1532 — 1536.
41
in seiner Tätigkeit gelähmt, daß der Landgraf versäumt hatte, die
oberdeutschen Städte einzuladen*). Aber ganz abgesehen davon
war es für die Versammelten schwer, Beschlüsse zu fassen, so-
lange in der württembergischen Sache und in der Friedensfrage
alles in der Schwebe war. Dazu kam noch, daß zwischen dem
Kurfürsten und den anderen Verbündeten, ja sogar seinen eigenen
Gesandten lebhafte Meinungsverschiedenheiten bestanden. Johann
Friedrich hatte zwar bei seinen Friedensverhandlungen stets er-
klärt, daß er nichts abschließen könne ohne Zuziehung seiner Ver-
bündeten, in Nürnberg war man aber doch der Meinung, daß sein
Verfahren ein allzu selbständiges gewesen sei. Die Delitzscher
Artikel, die der Kurfürst vorlegeu ließ, fanden wenig Beifall, und
seine Drohung, daß er eventuell nur mit den Ständen, die sich
von der Württemberger Unternehmung femhielten, Frieden mit
dem König schließen und ihnen Schutz gegen das Kammergericht
verschaffen werde, war auch nicht geeignet, die Stimmung zu ver-
bessern *). Jedenfalls erreichte Kursachsen auch dadurch nicht,
daß die Versammelten irgendwelche Beschlüsse in der Friedens-
frage faßten. Der Abschied vom 26. Mai beschäftigt sich nur mit
dem Kammergericht, gegen das man weitere Rechtsmittel ergreifen,
dessen Achtserklärungen man sich als nichtig widersetzen wollte,
und mit der Erweiterung des Bundes. Auch in dieser Frage befand
sich Johann Friedrich in Gegensatz zu einem großen Teile seiner
Verbündeten. Er war der Meinung, daß aus Rücksicht auf den
Nürnberger Frieden nur solche Stände in den Bund aufgenommen
werden könnten, die schon an der Protestation von 1529 beteiligt
gewesen seien, nicht aber die, die erst später zum Protestantismus
übergetreten oder gar des Zwinglianismus verdächtig seien. So
hatte er denn nichts dagegen, daß mit Markgraf Georg, Nürnberg
und Hamburg verhandelt wurde, hatte aber keine Lust, auch
Hannover, Riga, Danzig u. a. aufzunehmen'). Man bat sich in
Nürnberg diesen sächsischen Wünschen gefügt. Nürnberg und
Markgraf Georg zeigten zwar keine Neigung zum Eintritt in den
Bund, mit Hamburg aber sollten Sachsen, die Herzöge von Lüne-
1) Ulm an die in Nürnberg Versammelten Mai 23, Reg. H. p. 84, No. 31,
Tol. II, Bl. 53, Or. Rink an Ldgf. Mai 21, P. A. No. 409.
2) Akten des Bundestages in Reg. H. p. 84, No. 31, I. II.
3) Instmktion für die kursächs. Gesandten Mai 11, Reg. H. a. a. O. I, 34
bis 44. Seckendorf, III, ä. 75.
Digitized by Google
42
Kapitel I.
bnrg, Lübeck und Bremen weiter verhandeln, Hannover dagegen
wurde auf später vertröstet*).
Das Wesentliche für uns ist jetzt, daß Johann Friedrich, als
er in die Annaberger Verhandlungen eintrat, keinerlei Vollmacht
von seinen Verbündeten hatte. Er war aber entschlossen, im In-
teresse des Friedens auch ohne sie weiterzuschreiten.
Die Friedensverhandlungen selbst zerfallen deutlich in zwei
.Abschnitte. Der erste reicht bis zum 13. Juni, an dem die so-
genannten Annaberger .Artikel fertig wurden. Sie gingen hervor
aus Verhandlungen zwischen den beiden vermittelnden Fürsten
Albrecht von Mainz und Herzog Georg und dem Kurfürsten und
seinen Räten. Der zweite .Abschnitt beginnt mit der Ankunft König
Ferdinands in Kadan*) am 17. Juni. Während dieser Zeit kommt
es darauf an, die Zustimmung des Königs zu jenen .Artikeln zu
erlangen.
Im einzelnen ist zu betonen, daß Johann Friedrich, nachdem
er am 8. Juni noch einen letzten vergeblichen Versuch gemacht
hatte, die .Annahme von Vorschlägen, die er entworfen hatte und
die wohl den Delitzscher Artikeln entsprochen haben werden, zu
erreichen, schon am 9. verlangte, daß neben der Wahlsache auch
die württembergische Angelegenheit, die .Ausführung des Nürn-
berger Friedens und seine Privatangelegenheiten berücksichtigt
würden. Die Grundlage für die Verhandlungen gaben dann um-
fangreiche Vorschläge der Vermittler vom 9. und 10. Juni, aus
ihnen gingen nach mehrmaliger Umarbeitung die .Annaberger
Artikel hervor. Es ist nicht ohne Interesse, sie sowohl wie jene
ersten Vorschläge mit dem Wortlaut des Kadaner Friedens zu ver-
gleichen. Man sieht dann, daß manche Bestimmungen, wie z. B.
der Paragraph über die Sakramentierer, von vornherein feststanden
und niemals bei Sachsen .Anstoß erregten. Dagegen ließ sich der
Kurfürst nicht darauf ein, den Nürnberger Frieden auf die Pro-
zesse zu beschränken, die aus der Zeit vor dem Frieden stammten.
Gern würde er erreicht haben, daß die Beschränkung der Dauer
des Friedens auf die Zeit bis zum nächsten Reichstage beseitigt
würde, er vermochte das aber nicht durchzusetzen. In den Artikeln
über die Wahlsache hatten die Vermittler ursprünglich alle vom
1) Der Abschied in Reg. H. p. 84, No. 31, II, Bl. 58 — 74.
2) Heute Kaaden.
Digitized by Google
Bund und Beich; Die Jahre des Vertrauens 1532—1536.
43
Kurfürsten gewünschten Verbesserungen der goldenen Bulle auf
einen Eurfürstentag verschoben, der innerhalb eines Jahres statt-
finden sollte. Sie hofiTten wohl, den Sachsen dadurch zu ködern,
daß sie versprachen, sich in seinen Privatangelegenheiten für ihn
zu verwenden. Johann Friedrich ließ sich aber nicht darauf ein
und setzte durch, daß seine einzelnen auf die Wahl eines römischen
Königs bezüglichen Forderungen in die Annaberger Artikel auf-
genommen wurden. Ferdinand sollte sich verpflichten, bis Weih-
nachten die Zustimmung des Kaisers und der Kurfürsten zu diesen
Ergänzungen der goldenen Bulle zu gewinuen; gelang ihm das
nicht, so sollte auch die Opposition gegen seine Wahl wieder auf-
leben.
Fast gar keine Meinungsverschiedenheiten bestanden zwischen
Johann Friedrich und den beiden Unterhändlern in der württem-
bergischen Angelegenheit. Man wünschte die Restitution des Her-
zogs und wollte ihm auch nur verhältnismäßig geringfügige Gegen-
leistungen, wie einen Fußfall vor dem König und einen ansehn-
lichen Reiterdienst, auferlegeu *). Größere Schwierigkeiten haben
sich in dieser Sache erst im zweiten Stadium der Verhandlungen
ergeben. Es begann, obgleich Ferdinand schon am 17. in Kadan
angekommeu war, eigentlich erst am 21. Juni. Der König ver-
suchte zunächst noch, eine fast bedingungslose Anerkennung der
Wahl zu erlangen und auch in der Religionssache ganz unannehm-
bare Beschränkungen durchzusetzen. Allmählich kam er aber doch
mehr entgegen und nahm in der Angelegenheit des Religions-
friedens und der Wahlsache im wesentlichen die Annaberger Artikel
an, nur wurde der Termin für die Beschlußfassung des Kaisers
und der Kurfürsten über die Aenderungen der goldenen Bulle bis
Ostern verschoben. In den persönlichen Angelegenheiten des Kur-
fürsten versprach er zu tun, was in seiner Macht stände.
Wirkliche Schwierigeiten ergaben sich erst, als man über
Württemberg zu verhandeln begann. Ferdinand übergab den Ver-
mittlern am 22. Juni seine in 23 Punkten bestehenden Bedingungen
in dieser Angelegenheit. Anstoß erregen mußte von ihnen vor
allem das Verlangen, daß Württemberg nur als Afterlehn des Hauses
1) Die , Mittel“ der Unterhändler mangelhaft gedruckt bei Senckenberg,
IV, 8. 194 ft, die Antwort des Ef., ebenda 8. 204 ff. Handschriftlich nebst den
äbrigen gewechselten Schriften in Loc. 10672 „Handlung uf St. Annaberg“.
Kopien auch in P. A. No. 351.
Digitized by Google
44
Kapitel I.
Oesterreich dem Herzog gegeben werden sollet), und die Forde-
rung, daß der Herzog in Württemberg in Religionssachen keine
Neuerung vornehmen solle, sondern diese nicht nur in dem Zu-
stande lassen, in dem er sie bei der Einnahme fände, sondern so-
gar alles ganz nach dem Regensburger Abschied gestalten. Auch
der Paragraph war bedenklich, daß Philipp und Ulrich sich ver-
verpflichten sollten, innerhalb der nächsten 4 Jahre dem König
einen Reiterdienst mit 1000 Pferden, 4000 Fußknechten und einem
entsprechenden Feldgeschütz zu tun, wo es ihm geföUig sein werde.
Um diese drei Punkte vor allem hat es sich bei den Verhand-
lungen vom 22. und 23. Juni, für die sich die kursächsischen Räte
nach Kadan begeben hatten, gehandelt. Man war anfangs auf beiden
Seiten so hartnäckig, daß Johann Friedrich am 23. schon annahm,
daß nur in der Religion und in der Wahlsache ein allgemein ge-
haltener Stillstand möglich sein werde. Am Abend des 23. ent-
schloß sich dann aber Ferdinand doch noch, nachzngeben. Er willigte
in den Vorschlag der Vermittler, daß der Reiterdienst gleich jetzt
mit den vorhandenen Truppen geleistet werden solle, indem die
beiden Fürsten 3 Monate lang 500 Pferde und 3000 Knechte nebst
Geschütz gegen das aufständige Münster unterhielten; er verzichtete
ganz auf den Paragraphen über die Religion, fest aber blieb er in
dem Punkte der Afterlehnschaft. Johann Fiiedrich war also vor
die Frage gesteUt, ob er an diesem die Verhandlungen scheitern
lassen wollte.
1) Ich finde diesen Gedanken zuerst in einem Briefe des Dr. Pistoris an
den Kardinal von Trient vom 30. April, und zwar gin(t der Vorschlag von Pi-
storis aus, der Kardinal erklärte sich am 2. Mai einverstanden damit. ^Loc. 10073
„Irrungen zwischen . . . 1534/35“.) Auch ans dem Briefe der Herzogin Elisabeth
vom 12. Sept. (Wille, S. 330 f. und 328) darf man wohl entnehmen, daß der
Gedanke von den Vermittlern ausging. (Vergl. auch Senckenberg, IV, S.190.)
Sie wünschten aber, daß der König selbst die Anregung dazu gäbe, was dann
geschah. Unter diesen Umständen ist es natürlich nicht sehr wahrscheinlich,
daß die Vermittler 3—4 Wochen um diese Sache gekämpft haben. (Sattler,
III, 8.25; Heyd, II, 8.493.) Diese Behauptung beruht auf dem Brief Georgs
von Carlowitz bei Sattler, III, Beilage 9, 8. 104. An ihm wird wohl nur so
viel wahr sein, daß man in Kadan über eine möglichst unverfängliche, den Rechten
des Reichs nicht nachteilige Fassung des Artikels verhandelte. (Vergl. Sencken-
berg, IV, S. 155 zum 22. Juni.) Auch ein Brief der Hzin. Elisabeth an Kf. vom
25. Mai zeigt, daß über die Afterlehnschaft schon damals in herzoglich-sächsischen
Kreisen debattiert wurde. (Loc. 9131 „Schriften der Herzogin von Rochlitz . . .
1534“, BL 25/26, Hdbf.)
Digitized by Google
Bund und Beich: Die Jahre des Vertranene 1532 — 1538. 45
Der Kurfürst hatte am 14. Juni dem Landgrafen und den
Herzögen von Bayern die Annaberger Artikel mit der Bitte um
Vollmacht zum Abschluß zugeschickt*). Philipp hatte darauf am
19. seine Zustimmung zu den Artikeln gegeben, die gewünschte
Vollmacht für sich und Ulrich gesandt nnd zur Eile gemahnt, in-
dem er noch hinzufügte, daß die Bayern sicher einverstanden sein
würden ’). Dieser Brief und ein gemeinsamer des Landgrafen und
Ulrichs kamen am 24. Juni in Buchholtz beim Kurfürsten an, also
gerade an dem Tage, an dem dieser sich über die Einwilligung
in die Afterlehnschaft entscheiden mußte. Wenn er sich wahrschein-
lich schon an diesem Tage zum Nachgeben entschloß, so wird die
Mahnung des Landgrafen zur Eile dabei nicht ohne Wirkung ge-
wesen sein, vor allem aber wird er dadurch bestimmt worden sein,
daß er gegründete Ursache hatte, anzunehmen, daß Philipp nichts
gegen die Afterlehnschaft einzuwenden haben werde. Der früher
erwähnte Brief des Landgrafen an seine Schwester vom 4. Juni,
in dem dieser selbst die Möglichkeit einer Belehnung Ulrichs durch
König Ferdinand erörtert und die Hoffnung ausgesprochen hatte,
daß auch Ulrich einverstanden sein würde, war nämlich durch die
Vermittler und wahrscheinlich auch durch Elisabeth selbst dem
Kurfürsten mitgeteilt worden *). Auch sonst mögen die dringenden
-Mahnungen der Herzogin nicht ohne Einfluß auf ihn geblieben sein *).
1) An Ldgf. Juni 14, Keg. C. No. 1069a, an die Hze. Juni 14, Loc. 10672
„Handlung nnd Abechied zu Lübeck . . . 1532—34“, Konz.
2) Reg. C. No. 1069a, Bl. 22/23. 26,27.
3J Wille, S. 316f. 328. Gut in dieser Frage auch Heyd, II, S. 4941.
Elisabeth an Kf. Juni 13, Loc. 9131 .Schriften ... 1534“, Bl. 41, Hdbf.
4) Z. B. Juni 20; „Das geschreig ist heir zu Dressen obcralle, wei der vcrzugk
allein von E. L. hcrkummet, und bit derhalben E. L. ganz fr., E. L. wol es lassen
an dem nicht erwenden . . . iederman west, wast mein bruder ielz geseinnet ist,
so schribet er mir und bit mich, ich wil fliü dunt, das der frctte halt gemacht
wert und wei er sich erbeut, west E. L. auch, so ist meine brudern hantschreff
vorhantcn, ist numer in meiner bant, so schiost mein bruder ganz droff, das der
herzoge das sal annemen, wei dan E. L. west. Derbalben bit ich, E. L. wol
schlissen von meine brudern wegen und den fretten annemen, dan es Worte mein
bruder zu lang werten, ich west auch, das er es welgcn [willigen] wert. Wo
aber E. L. vor wert zu im scheicken, wert ira vel zu lang werten ... P. 8. 'Vas
leiget E. L. vor gros macht an dem hcrzgcn das lenst halben, wei hat er forhein
müssen dunt, bat im doch nest got mein bruder zu dem laut geholfen, so Icit er
den schembt bcilch [schimpf billig] umb meinst brudern willen. Ich bit E. L. fr.,
wo es begert wert, E. L. wol cs Zusagen um meines brudern willen und denken.
Digitized by Google
46
Kapitel I.
Johann Friedrich hatte allerdings, anch abgesehen von dem Para-
graphen über die Äfterlehnschaft, an den Bedingungen Ferdinands
noch mancherlei aaszusetzen. Auch in ihrer neuen Form behagte
ihm z. B. die Bestimmung über den Reiterdienst noch nicht. Da
es aber unmöglich war, erst noch in allen diesen Punkten die .\n-
sicht der beiden kriegführenden Fürsten einzuholen, half man sich
damit, daß man einen Unterschied machte zwischen den gleich jetzt
zu erledigenden Punkten und denen, die „auf fernerer Handlung
stehen“ sollten. Der Kurfürst hielt sich nicht für berechtigt, in
diesen Punkten nachzugeben, sie sollten daher später auf einer
Zusammenkunft zwischen ihm, Ulrich, dem Landgrafen und könig-
lichen Räten erledigt werden.
Mit Hilfe dieser Verschiebung der Entscheidung kam man ein-
ander bis zum 27. Juni so nahe, daß sich Johann Friedrich persönhch
nach Kadan begeben konnte. Dort hat man am 28. noch eifrig
über allerhand Einzelheiten debattiert, doch konnte schließlich noch
an demselben Tage der Abschluß und die feierliche Anerkennung
des Königs durch den Kurfürsten erfolgen*).
Ziehen wir das Fazit*), so hatte sich der Kurfürst in der Wahl-
frage nichts vergeben, da seine Opposition ja sofort wieder auf-
lebte, wenn seine Forderungen nicht bis Ostern erfüllt wurden,
und daß durch den Vertrag gewissermaßen die Berechtigung
was m. b. und sein keinter vor schade droff sted, dan m. brnder ist es wol zu-
fretten.“ (Loc. 9131 „Schriften der Hzin. von Rodilitz . . . 1534“, BL 46, Hdbf.)
1) Ich folge bei der Darstellong des zweiten Stadiums der Va'handlungen
vor allem Loc. 10672 „Handlung uf St. Annaberg . . .“ Dazu kommt der
Briefwechsel zwischen dem Kf. und seinen Uesandten in Kadan Minckwitz und
Brück in Loc. 10673 „Handlung und Vertrag zu Kadan . . . 1534“ und die
Korrespondenz zwischen dem Kf. und den Vermittlern in Beg. C. No. 1069a.
Vergl. ferner Senckenberg, IV, 8. 152 — 162. Hortleder, I, 1, S. 687 ff.
Sattler, III, BeiL 22.
2) Nicht ganz korrekt ist Ranke, III, S. 334 in der Wahlsache, sonst
aber doch sehr gut. S. 345 ff. vertritt er in der Auffassung des Württemberger Beli-
gionsartikels den gesunden Menschenverstand. Baumgarten, III, S. 262ff.,
berücksichtigt nicht das große Friedeosbedürfnis des Landgrafen, der über den
Frieden zunächst sehr erfreut war (P. A. No. 350). Er kennt auch nicht ge-
nügend die Entstehungsgeschichte des Artikels über die Sakramentierer. Ueber-
trieben ist der Satz, daß der Wahlbund durch den Kadaner Frieden über den
Haufen geworfen worden sei. Besser sind die Ausführungen Winckelmanns
(ZKO. XI, S. 216ff.), doch unterschätzt er wohl die Wahlsache, und in der
Frage der Sakramentierer teilten der Landgraf und Ulrich die Schuld mit dem
Kurfürsten.
Digitized by Google
Bund und Bach: Die Jahre des Vertrauens 1532 — 1536.
47
seiner bisherigen Opposition anerkannt wurde, war doch ein
großer Gewinn. In der Religionsangelegenheit hatte der Nürn-
berger Friede eine neue Bekräftigung erhalten, auch gab Fer-
dinand zu, daß ein Mißverständnis in seiner Auslegung vorge-
fallen sei‘). Johann Friedrich hatte aber nicht zu erreichen ver-
mocht, daß der Friede die von ihm gewünschte Veränderung in
bezug auf seine Dauer erhielt, hatte sich dagegen in dem Para-
graphen, der die Sakramentierer, Wiedertäufer und andere Sekten
vom Frieden ansschloß, einen Zusatz gefallen lassen, den wir
als eine Verschlechterung ansehen müssen. Wir werden bei der
Beurteilung der Politik des Kurfürsten aber berücksichtigen müssen,
daß diese Bestimmung nach seiner Ansicht durchaus keine Ver-
schlechterung war, wir dürfen ferner hervorheben, daß auch der
Landgraf und Herzog Ulrich keinen Anstoß daran genommen hatten.
In seinen Privatangelegenheiten hatte Johann Friedrich nur un-
sichere Wechsel auf die Zukunft bezogen’). Dagegen war die
wflrttembergische Sache in einem nach seiner Ansicht durchaus
zufriedenstellenden Sinne gelöst worden ’). Zunächst war der Friede
gesichert, ein weiteres Umsichgreifen des Krieges war verhindert,
und das Land war für Ulrich gewonnen, ohne wirklich bedenkliche
Beschränkungen in religiöser Hinsicht *), auch ohne daß der Herzog
für die Zukunft in eine wirklich drückende Abhängigkeit von Fer-
dinand geraten war. Die Afterlehnschaft war gewiß unerwünscht
und mußte gerade bei einem Fürsten, der so eifersüchtig auf die
Wahrung der Reichsfreiheiten sah, wie Johann Friedrich, Anstoß
erregen, schließlich hatte er aber keinen Gi und, in diesem Punkte
hartnäckiger zu sein, als der Kurfürst von Mainz und Herzog Georg
oder auch als der Landgraf. Dessen Erklärung vom 4. Juni war es
1) Ranke, III, B. 344.
2) lieber die allmähliche ZurOckzahlung der Schuld wurden am 29. Juni
gegenseitige Verschreibungen ausgetauscht, die aber nur galten, wenn die Wahl-
sache bis Ostern erledigt wurde. (Reg. F. fol. 285. O. No. 1, 2, Urk. ; Reg. Rr.
p. 415, rv, I, No. 4, Urk.)
3) Vergl. die Briefe an den Ldgf. und an Ulrich vom 26. Juni, Reg. C.
No. 1069a, Bl. 42/43; P. A. Sachsen, Ernest. Linie und Sattler, III, Beil. X.
4) Allerdings kann nicht geleugnet werden, daÜ der Vertrag in dieser Be-
dehnng unklar war. Der Kf. hatte erreicht, daü der König darauf verzichtete,
Ulrich Aenderungen in der Religion ausdrücklich zu verbieten, hatte aber ver-
säumt, den Herzog io den Nürnberger Frieden mitaufnehmen zu lassen. Er
mag das als selbstverständlich betrachtet haben. Vergl. Winckelmann, ZKO.
XI, 8. 218 f.
Digitized by Google
48
K^it«l 1.
gewiß in erster Linie, die ihm den Abschluß ermöglichte^), denn
die Vollmacht des Landgrafen und Ulrichs genügte ja an sich nicht,
und ihre Zustimmung zum Frieden mußte daher erst nachträglich
gewonnen werden.
Vielleicht noch bedenklicher war das Verfahren Johann Fried-
richs Bayern gegenüber. Die Vollmacht der Herzöge traf zwar
noch gerade am 28. Juni ein, ihre Zustimmung zu den Annaberger
Artikeln war darin aber an die Bedingung geknüpft, daß man
auch noch etliche andere Artikel erreiche, über die der Kaiser
zwischen ihnen und dem Könige verhandelte ’). Der Kurfürst
veranlaßte die Vermittler, mit Ferdinand über diese Artikel zu
sprechen. Dieser erklärte aber, daß über sie der Kaiser zu ent-
scheiden habe, so daß eine sehr große Verzögerung herbeigeführt
worden wäre, wenn man auf ihre Erledigung gewartet hätte. Das
glaubte der Kurfürst nicht verantworten zu können, und da ja an
den Annaberger Artikeln, so weit sie sich auf die Wahlsache be-
zogen, nichts sehr Wesentliches geändert war, entschloß er sich
zum Abschluß®). Dieser Entschluß wird ihm erleichtert worden
sein durch das Mißtrauen, das er stets gegen die Loyalität der
bayiischen Politik hegte. Ferdinand und die Vermittler hatten es
verstanden, dieses Mißtrauen durch allerhand Andeutungen zu
steigern^). Johann hYiedrich hat aber den Herzögen gegenüber
doch wohl kein ganz reines Gewissen gehabt, und wir sehen ihn
1) Er beruft sich z. B. darauf im Brief au Ldgf. vom 26. Juni, Reg. C.
No. 1069a. Vergl. auch Wille, S. 207.
2) Die Uze. an Kf. Juni 22, ebenda. Bl. 30, Or.
3) An die Hze. Juni 30, Reg. C. No. 1069a, Bl. 66— 68. Der Kf. berief
flieh dabei auch darauf, daß der Ldgf. ihm verschiedentlich die Zustimmung der
Hze. für gewiß erklärt habe, ohne etwas von weiteren Artikeln zu erwähnen.
(VergL Ldgf. an Kf. Juni 4. 19, ebenda, Juni 22, Loc. 9131 „Schriften der Hzin.
von Rochlitz . . .“, Bl. 29, und Ldgf. on.die Hze. Juli 3, Stumpf, Beil. XIV,
8. 61 f.) Die Hze. haben dann allerdings ihren Frieden mit Ferdinand in Linz
erst nach Bewilligung jener Artikel am 10. Sept. gemacht, wie sie dem Kf.
am 23. Sept. meldeten. (Loc. 10672 „Handlung und Abschied zu Lübeck . . .
1532— Jl“, Or.) Vergl. Stumpf, § 39, 8. 159 f.
4) Schon im Februar 1534 suchte man von königlicher Seite die Vorstellung
beim Kf. zu erwecken, daß Bayern eich direkt mit dem Könige vertragen werde.
(Briefe des Heinrich von Könneritz an Hans von Minckwitz vom 23. Febr. und
1. März 1534, Reg. Gg. No. 1542, Hdbf.). Ueber die Aeußerungen der Vermittler
in Kodan siche Kf. an den Mainzer Juli 15, Aug. 5, Loc. 10673 „Irrungen“ und
„Schriften“.
Digitized by Google
Bjud nnd Reich: Die Jahre dea Veitranena 1532—1536. 49
daher in den nächsten Wochen bemüht, Beweise für die Sonder-
verhandluni^en Bayerns mit den Gegnern zu finden^).
Im ganzen hat sich der Kurfürst jedoch mit der Rechtfertigung
seines Verhaltens nicht allzn viel beschäftigt, sondern ist vor allem
bestrebt gewesen, an seinem Teile kräftigst für die Ausführung des
Eadaner Vertrages zu wirken. Dabei war es ja nun weniger seine
Aufgabe, die Znstimmong der anderen Kurfürsten zu den geplanten
Verbesserungen der goldenen Bulle zu erwirken*), als den Land-
grafen und Herzog Ulrich zur Annahme nnd Ausführung des Ver-
trages zu bestimmen. Philipp war dazu von vornherein sehr
bereit, Ulrich aber machte mancherlei Schwierigkeiten, und beide
waren geneigt, der Afterlebnschaft eine möglichst unverfängliche
Deutung zu geben, so daß vor allem Ulrichs Reichsstandschaft
nicht durch sie beeinträchtigt würde”). Im ganzen entsprach das
ja auch den Bestimmungen des Vertrags, nur war nicht recht klar,
welcher Art dann eigentlich die Abhängigkeit von dem Hanse
Oesterreich sein sollte. Es kam schließlich nur auf einen eventuellen
Heimfall des Landes an Ferdinand nnd seine Nachkommen hinaus.
Ulrich allein machte auch sonst mancherlei Schwierigkeiten nnd
konnte sich trotz alles Drängens des Landgrafen*) nicht zur Rati-
fikation des Friedens entschließen. Diese wurde daher schließlich
bis zu der Verhandlung über die unerledigt gebliebenen Punkte
verschoben. Für diese den Landgrafen und Ulrich zu gewinnen,
war die Hauptaufgabe, die der Kadaner Vertrag dem Kurfürsten
von Sachsen zngewiesen hatte. Johann Fiäedrich hatte anfangs
noch vor Jakobi eine Zusammenkunft deswegen beabsichtigt ”), ließ
1) Vergl. die eben erwähnten Briefe dee Kf. and Albrecht von Mainz an
Kf. Juli 13, Lioc. 10673 „Schriften“, Or.
2) Der Kf. hat bei Kurkdin und Kurpfalz Schritte in dieeer Beziehung
getan. An Wilh. v. Naeeau nnd Wilh. v. Neuenahr Juni 30, Reg. C. No. 345,
Bl. 19f. Meinardua 1, 2, 8. 333. An Ludwig von der Pfalz Juli 5, Reg. C.
No. 1060 a, Bl. 80, Konz. Memorial für Dölzig an Kurköln Nov. 27, Reg. N.
No. 1054. Dölzig an Kf. Dez. 12, Reg. N. No. 1037.
3) Ldgf. an Kf. Juli 2, Loc. 10673 „Schriften . . .“, Or. Ldgf. und Ulrich
an Kf. Juli 2, R^. C. No. 1069a, Bl. 76/77. Aehnlich an Mainz, Kureacheen
und Georg, Loc. 10 673 „Handlung und Vertrag zu Kadan . . . 1534“, Kopie.
Dölzig an Kf. Juli 2, Reg. C. No. 1069a, Bl. 71—74, Hdbf. Dölzig und Wilden-
fele an Kf. JuU 8, ebenda, BL 85-87.
4) Vergl. Heyd, III, 8. 16«. Wille, S. 225f.
5) Instruktion für Wildenfels und Dölzig vom 30. Juni, Reg. N. No. 1037, Or.
Beiträge zur neueren Getchichte TbQrinzcnz I, 2. 4
Digitized by Google
50
K«pit«l I.
sich dann aber durch den Landgrafen auf Veranlassung Ulrichs
bestimmen, sie zu verschieben ‘), so daß sie schließlich erst am
16. Oktober in Fulda abgehalten wurde. Schon vorher fanden aber
Korrespondenzen und Verhandlungen über einige der unerledigten
Pnnkte statt, vor allem Aber den Reiterdienst gegen Münster, und
es war, als man in Fulda zusammenkam, schon klar, daß die
beiden Fürsten sich auf diese Bedingung nicht einlassen würden *).
Da anch der König in der nächsten Zeit auf diese Forderung nicht
mehr zurückkam, betrachtete Johann Friedrich sie, als er nach
Fulda ging, als erledigt. Auch in den übrigen unerledigten Artikeln
machte der Kurfürst sich nicht allzuviel Hofihungen auf gegen-
seitiges Entgegenkommen, so glaubte er, um nur ein Beispiel
anznfühi en, nicht, 'daß Ulrich den Hohentwiel dem Könige abtreten
werde, hielt höchstens einen Verkauf für möglich u. s. w. Johann
Friedrich war bereit, anch über die Frage der Afterlehnschaft in
Fulda noch zu verhandeln, obgleich sie eigentlich nicht zu den
unerledigten Artikeln gehörte, er wollte dann auf strenge Scheidung
von Lehen und Regalien dringen, nur jene sollte Ferdinand als
Erzherzog von Oesterreich, diese als König erteilen*).
Alle diese Betrachtungen wurden nun aber dadurch müßig,
daß Ulrich nicht nur selbst auf dem Fuldaer Tage nicht erschien,
sondern nicht einmal Vertreter schickte. Daß die Verhandlungen
des Kurfürsten mit den königlichen Räten Josef von Lamberg und
Dr. Johann Kneller zu einer Einigung in allen wesentlichen Punkten
führten, hatte unter diesen Umständen gar keinen Wert*). Der
Landgraf war zwar über das Verhalten des Württembergers selbst
sehr empört, wollte aber doch anch nicht die Ratifikation ohne ihn
vollziehen ®). Er einigte sich mit ihm dahin, im Dezember Gesandte
an Ferdinand zu schicken, nm die gewünschten Milderungen der
1) Ldgf. an Kf. Juli 26, Beg. N. No. 1037, Or.
2) Antwort des Ldgfen. an Wildenfela und Dölzig Juli 15, ebenda. Ef. an
Ldgf. Juli 21, Kopie. Ldgf. an Kf. Juli 26, Or. Kf. an Ldgf. Aug. 5, Konz., allee
ebenda. Instruktion des Landgrafen für Feige Juli 28, Wille, B. 222. P. A.
Sachsen, Emeet. Linie. Eigenh. Bericht Feiges vom 7. Aug., ebenda.
3) Eigenh. Aufzeichnung des Kf. für Fulda ca. Okt 16, Beg. C. No. 1069a
und vor allem Loc. 10673 ,, Handlung und Vertrag zu Kadan . . 1534", BL 83
bis 88, ganz eigenh. Konz, dazu in Reg. C. a. a. 0. Bl. 99—102.
4) Loc. 9131 „Handlung zu Fulda . . . 1535/36“.
5) Ldgf. an Ulrich Okt. 19, P. A. Württemberg 1534. Nach Bittner, S. 5,
ist die Ratifikation Philippe doch schon vom 27. Oktober datiert. Vergl. P. A. 351.
Digitized by Google
Bund und Beich: Die Jahre des Vertrauene 1532 — 1536. 51
FriedensbedinguDgen, vor allem in der Leimsangelegenheit, zu er-
langen ‘). Damit entglitt die Sache den Händen Johann Friedrichs.
Erreicht wurde auf diesem Wege allerdings auch nicht mehr, da
der König in nichts nachgab. Darauf haben dann zunächst die
hessischen Gesandten die Friedensbedingnngen erfüllt, den Fußfall
geleistet u. s. w. Ulrich sträubte sich zunächst noch, so daß Ferdi-
nand im Februar an den Kurfürsten mit der Bitte herantrat, einen
Druck auf den Herzog anszuüben. Als aber dann Dölzig und Gotz-
mann als kursächsische Gesandte Anfang März in Stuttgart er-
schienen, hatte Ulrich sich inzwischen schon eines Besseren be-
sonnen und auch seinerseits nachgegeben*).
Gerade in der Zeit, wo Johann Friedrich die weitere Teilnahme
an den Verhandlungen aufgegeben hatte, war er in eine mit dem
kadanischen Vertrage über Württemberg zusammenhängende Teil-
frage hineingezogen worden, in die Frage über die Auslegung des
Religionsparagraphen des Friedens. An den Kurfürsten selbst
batte sich Ferdinand zwar am 15. August nur mit Beschwerden
über die Ausbreitung des Zwinglianismus, die dem kadanischen
Vertrage widerspräche, gewandt und um Ratschläge gebeten, was
dagegen zu tun sei.
Johann Friedrich hatte darauf wieder seine Abneigung gegen
die Zwinglianer zum Ausdruck gebracht, dabei aber betont, daß
sich schwer etwas gegen sie machen lasse, solange auch die An-
hänger der Augsburgischen Konfession noch verfolgt würden, da
jene ja nimmermehr wieder zum Papismus zurückkehren würden.
Er hatte ferner als das beste Mittel, um eine Grundlage zum
Vorgehen gegen sie zu gewinnen, das Konzil bezeichnet, zum min-
desten aber die Aufnahme der fraglichen Stände in den Frieden
und Stillstand verlangt, um mit irgendwelcher Aussicht auf Erfolg
Schritte gegen den Zwinglianismus tun zu können *).
1) Kf. an Georg Dez. 15, Reg. 0, No. 1069a, BL 106, Konz.
2) Wille, S. 229 ff. Eberh. v. d. Thann aus Wien an Kf. 1535 Jan. 22,
Reg.H.p. 88, No. 34, Ur, Werburg der königlichen Gesandten Thalheim nnd Cantiun-
cula beim Kf. Febr. 3, Loc. 10 673 „Handlung und Vertrag zu Kadan . . 1534“.
Antwort des Kf. vom 4., ebenda. Instruktion für Dölzig und Gotzmann, ebenda,
Kopie. Ferd. an Kf. Febr. 18, Loc. 10673 „Schriften“, Or. Dölzig und Gotz-
mann an Kf. März 2, Loc. 10673 „Handlung und Vertrag zu Kadan . . .“, Or.
Ulrich an die Ges. März 4, ebenda, Or. Bittner, S. 5, Ratifikation vom
26. Jan. 1535.
3) Neudecker, Urk. 235 ff. 238 ff.
4*
Digitized by Google
52
E«pitel I.
Wenn sich Ferdinand dem Kurfürsten gegenüber innerhalb der
Schranken des Kadaner Vertrages hielt, so scheute er sich dagegen
nicht, sich gleichzeitig bei den Vermittlern darüber zu beschweren,
daß Ulrich die lutherische Sekte in Württemberg verbreite*), dem
Frieden also eine Auslegung zu geben, die dem Wortlaut nach zwar
möglich war, aber zu der durch die Geschichte der Verhandlungen
gegebenen Auffassung des Vertrages in Widerspruch stand. Albrecht
und Georg gaben die Klage an Ulrich weiter, und dieser wandte
sich am 9. November deswegen an den Kurfürsten*). Dadurch
wurde dieser zu dem wichtigen Briefe vom 21. November veran-
laßt, der wohl als die authentischste Auslegung des betreflfenden
Artikels des Friedens betrachtet werden kann und aufs deutlichste
zeigt, daß er nie so gemeint war, wie er jetzt von königlicher
Seite gedeutet wurde®). Daß die Auffassung Johann Friedrichs
richtig war, zeigt der etwas klägliche Rückzug, den Ferdinand am
12. Dezember antrat, indem er jetzt die Sache so drehte, als habe
er nur die Ausbreitung des Zwinglianismns in Württemberg und
die Bedrängung derer, die Regalien im Herzogtum hätten, gemeint *).
Der Kurfürst war gutmütig genug, darauf am 2. Januar ein Ent-
schuldigungsschreiben an den König zu richten ®). Man wird daraus
aber schwerlich mit Wille ®) schließen können, daß der ganze Streit
auf einem Mißverständnis des Kurfürsten beruht habe, und daß
sachlich die sächsische .Auffassung des Friedens richtig war, ergibt
sich auch daraus, daß in dem definitiven Vertrag zwischen Ferdi-
nand und Ulrich dieser in religiöser Beziehung in keiner Weise
gebunden wurde, resp. nur versprechen mußte, Sakramentierer und
ähnliche Sekten femzuhalten *).
Während Johann Friedrich ofl'enbar sein möglichstes tat, um
die .Ausführung des Kadaner Friedens, soweit sie von ihm ab-
hing. zu bewirken, wird man nicht ganz dasselbe von Ferdinand
behaupten können. Es muß wenigstens als sehr zweifelhaft be-
1) Sattler, III, Beil. 17, S. 1221.
2) Sattler, BcUage 18, S. 123 f., Datum nach dem Or. in Beg. U. p. 90,
No. 35, Bl. 11/12.
3) Sattler, Beilage 22, S. 127 ff.
4) Reg. H. p. 90, No. 35, BL 29/30. Wille, ZKG., VII, a .56. Secken-
dorf, III, 8. 76.
5) Wille, ZKG., VII, 8. 56 f. Reg. H. a. a. O. Bl. 40. 42.
6) S. 56 f.
7) Wille, a. a. ü. S. 57. Sattler, III, 8. 64.
Digitized by Google
Bund und Reich; Die Jahre des Vertrauens 1532 — 1536.
53
trachtet werden, ob die Schritte, die er tat, nicht bloß Spiegel-
fechterei waren. In der Frage der Prozesse schrieb er zwar schon
am 4. Juli an das Kammergericht und forderte es auf, mit Pro-
zessen in Religionsangelegenheiten stillznstehen *). Da er diese
aber nicht näher bezeichnete, war damit wenig geholfen, und das
Kammergericht fuhr in der bisherigen Weise fort. Johann Fried-
rich sprach darflber in Fulda mit den königlichen Räten und fragte
außerdem am 20. November beim Könige an, was er fQr Schritte
getan habe. Ferdinand teilte ihm darauf sein Mandat vom 4. Juli
mit und bat gleichzeitig um nähere Nachrichten über die einzelnen
Fälle, damit er für ihre Abstellung sorgen könne*). Inzwischen
waren aber auf Veranlassung der oberdeutschen Städte schon wei-
tere Maßnahmen der Protestanten erfolgt. Sachsen und Hessen
hatten eine Gesandtschaft an den König geschickt, um ihn um ein
neues Mandat an das Gericht zu bitten. Für den Fall, daß es
auch dann nicht gehorche, sollten der Kaiser und der König sich
verpflichten, seine Urteile nicht auszuführen. Auch diesen Gesandten
gegenüber wiederholte Ferdinand seine Bitte um Angabe der ein-
zelnen Prozesse, um die es sich handle, sie hatten aber Bedenken,
diese Bitte zu erfüllen, damit nicht dadurch eine Trennung unter
den Prozessen bewirkt werde. Sie verwiesen daher nur auf ein-
zelne besonders flagrante Fälle und verbreiteten sich außerdem
über den Begrift der Religionssachen. Trotzdem erreichten sie,
daß der König am 6. Januar 1535 eine neue, befriedigendere Wei-
sung an das Gericht erließ, auch einen Gesandten nach Speier
schickte, um den Richtern nähere Befehle zu erteilen^).
Konnte man so mit Ferdinands Verhalten in der Frage der
Prozesse noch einigermaßen zufiieden sein, soweit unsere Kenntnis
seiner Schritte ein Urteil gestattet, so hat er sich bei der Aus-
führung des Vertrages über die jülichsche Heirat dagegen ent-
schieden etwas doppelzüngig benommen; zeigt doch der Brief des
1) P. C. II, 216, Anm. 2.
2) Kf. an Ferdinand Nov. 20, R^. H. p. 86, No. 34, Reinentw. Ferd. an
Kf. Dez. 9, ebenda, Or.
3) Instruktion für die Gesandten vom 9. Dez. P. C. II, 242 f., Or. in
Reg. H. p. 88, No. 34. Erklärung der Ges. gegen den Kg. Dez. 30, Reg. H.
ebenda. Eberh. t. d. Thann an Kf. 1535 Jan. 22, Or. Feld, an das Kammer-
gericht und an den Bischof von Augsburg 1535 Jan. 6, ebenda, P. C. II, 254.
No. 274. Feld, an Kf. Jan. 20, Loc. 10673, „Schriften . . Or. Kf. an Ldgl
Jan. 27, Reg. H. p. 97, No. 41, Konz.
Digitized by Google
54
Kapitel I.
Erzbischofs von Lund an den Kaiser vom 3. November, daß die
Empfehlung, die Wünsche des Kurfürsten in dieser Beziehung zu
erfüllen, eine nur sehr verklausulierte war‘).
Die Hauptsache aber war, wie sich der König in der Wahl-
frage verhalten werde. Da läßt sich ja nun nicht leugnen, daß er
einiges zur Ausführung des in Kadan Versprochenen getan hat,
man hat aber doch den Eindruck, als sei er allzu schnell vor
den Schwierigkeiten, auf die er stieß, zurückgewichen und habe
keinen allzu großen Eifer besessen, um sein Ziel bis Ostern zu
erreichen. Dieser Termin kam schließlich heran, ohne daß die auf
die Wahlfrage bezüglichen Friedensartikel zur .\usfühi ung gelangt
waren ’).
Schon im Oktober 1534 hatte Ferdinand Schritte getan, um
durch die Vermittler eine Verlängerung des Termins vom Kur-
fürsten zu erlangen. Dieser hatte sich aber auf nichts eingelassen,
da es nach seiner Meinung gar nicht schwer war, eine Majorität
im Kurfürstenkolleg für seine Wünsche zu erlangen, und da die
Sache ja auch auf dem (damals wegen Münsters geplanten) Reichstag
erledigt werden könne. Er blieb hartnäckig, obgleich auch Hans
Hofmann auf ihn zu wirken suchte, und erreichte dadurch, daß
1) Lanz, II, S. 137 f.
2) Zuerst trat Ferdinand zum KurfOntcn von der Pfalz in Beziehung,
schrieb dann, da dieser erklärte, daß die Angel^nheit vor eine gemeine Ver-
sammlung der Kurfürsten gehöre, einen Kurfürstentag nach Mainz auf den
1. Oktober aus. Sachsen war hier als Partei nicht vertreten. Zustande kam
nichts, da die meisten Gesandten keine genügende Vollmacht hatten. Auch über
die sofortige Ansetzung eines neuen Tages konnte man sich nicht einigen, und
der König hielt es daher für das Beste, doch wieder zu den Verhandlungen mit
den einzelnen Kurfürsten seine Zuflucht zu nehmen, um dann erst einen neuen
Tag zu berufen. Er war schon jetzt davon überzeugt, daß die Zeit bis Ostern
nicht reichen werde, und wurde dadurch zu den im Text erwähnten Bemüh-
ungen bei Johann fYiedrich veranlaßt. Nachdem sie gescheitert waren, hat er
im Februar noch einmal Gesandte an die einzelnen Kurfürsten geschickt. (Ferd.
an Kf. Aug. 17, Loc. 10673 „Schriften“, Or. Kf. an Wilh. v. Neuenahr Sept. 1,
Reg. C. No. 345, Bl. 23—25, Konz. Ferd. an Kf. Sept. 6, Loc. 9131 „HancUung
zu Fulda. .. 1534“.) lieber den Mainzer Tag vergL Winc keim ann, ZKG., XI,
S. 227 f. Ferd. an Georg Okt. 29, Loc. 10673 „Irrungen“, Or. Im Februar
gingen zu Mainz und Brandenburg Thalheim und Cantinncula, Bucholtz, IX,
S. 86 — 88, mit Köln verhandelte Andreas Ungnad. Hermann von Köln an Kf.
Febr. 25, Loc. 10673 „Schriften“, Or. Kf. an Hermann März 4, ebenda, Konz.,
an Ferd. ebenda, ,Jrrungen“, Kopie, an Hofmann Loc. 10673 „Acta, die Ab-
fertigung und Handlung . . . 1535/36“, Reinentw.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre dee VertiauenB 1532 — 1536.
55
der König im Februar einige weitere Versuche machte, das Ziel zu
erreichen ').
Bald aber kam dann der Ostertermin so nahe, daß sich Johann
Friedrich über die Politik, die er weiter einschlagen wollte, klar
werden mußte. Aus einer eigenhändigen Aufzeichnung des Kurfürsten
können wir uns über seine Erwägungen unterrichten. Er legte sich
vor allem die Frage vor, ob er sich auf eine Fortdauer des Vertrages
unter den bisherigen Bedingungen einlassen oder neue Forderungen
stellen solle. Der zweite Weg schien ihm der empfehlenswertere,
denn er hatte aus dem bisherigen Benehmen des Königs den Eindruck
gewonnen, daß dieser überhaupt nicht ernstlich an die Ausführung
des Vertrages denke, außerdem glaubte er bei Wiederaufnahme
der Verhandlungen noch manche neue Forderung durchsetzen zu
können, so die schon in Kadan erhobene, daß die Beschränkung
der Dauer des Friedens auf die Zeit bis zu einer Reichsversamm-
lung aufgehoben würde, und die andere, daß nicht zwei oder drei
Könige nacheinander aus einem Hause gewählt werden dürften.
Ferner wollte der Kurfürst seine Privatangelegenheiten: die Be-
stätigung der Jülichschen Heirat, die Lehnserteilung, die Bezahlung
der gesamten Schuld in bar, mehr in den Vordergrund stellen und
die Annahme des Königs von ihrer Erfüllung abhängig machen.
Er war sich klar darüber, daß alle diese Wünsche jetzt noch
schwerer als vor einem Jahre zu erreichen sein würden, nachdem
sich der Landgraf auf seiner Wiener Reise in die Dienste des
Königs begeben hatte, aber er rechnete doch noch mit dem Wieder-
aufleben des Wahlbundes und vertraute im übrigen auf Gottes
Hilfe in seiner gerechten Sache, .\lles das waren aber nur Even-
tualerwägungen für den Fall, daß es zu neuen Verhandlungen käme.
Den ersten Schritt dazu mußte nach der Ansicht Johann Friedrichs
jedenfalls die Gegenpartei tun’).
1) Ferd. an Oeorg Okt. 29, Loc. 10673 „Irrungen“ . . . 1534/35“, Or.
Albrecht an Georg Nov. 16, ebenda, Or. Instruktion für die Oes. der Vermittler
Karlowitz und Türk an Kf. Dez. 24, ebenda, Konz. Memorial und Verzeichnis
der Antwort des Kf. Dez. 29, ebenda, Kopie. Karlowitz an Georg 1535 Jan. 3, Or.
Instruktion für Ges. der Vermittler an Ferd. Jan. 11, Kopie. Ferd. an Georg
Jan. 19, Or., alles ebenda. Hofmann an Kf. Jan. 21, Loc. 10673 „Schriften
. . .", Or.
2) Bedenken des Kf. vom 28. März 1535, Loc. 10674 „erstes Buch der
Handlung zu Wien“, eigenh. Aehnlich am 31. März an Gf. Neuenahr, Reg. C.
No. 345, Bl. 29/30, l^inentw.
Digitized by Google
56
Kapitel I.
Auch Ferdinand scheint sich darflber klar gewesen zu sein und
tat ihn durch einen Brief an den Kurfürsten vom 2. April. Er
suchte darin natürlich wieder zu beweisen, daß er sein möglichstes
für die Ausführung des Friedens getan habe, nnd befand sich
dabei insofern in einer günstigen Lage, als er mitteilen konnte,
daß er vom Kaiser Vollmacht für die Erteilung der Lehen an den
Kurfürsten und seinen Bruder Johann Ernst erhalten habe^).
Durch die Vermittler suchte er außerdem vom Kurfürsten die Ei^
Streckung des Termins in der Wahlfrage bis Michaelis zu erlangen *).
Wenn Johann Friedrich sich dem gegenüber sehr unzugänglich
zeigte, so wird das gewiß zum Teil daran gelegen haben, daß er
durch Hartnäckigkeit weitere Zugeständnisse zu erhalten hoffte,
außerdem aber wirkte mit, daß er inzwischen sowohl zu dem
Kurfürsten von Mainz wie zu Herzog Georg in einen scharfen
Gegensatz geraten nnd ihre Vermittlung ihm infolgedessen jetzt
wenig sympathisch war®). Aber auch eine direkte Verhandlung
mit Ferdinand hielt er für unmöglich, da er von Ostern an diesem
nicht mehr den Titel eines römischen Königs geben zu können
glaubte. Andererseits schien es aber dem Kurfürsten doch auch
wieder nicht ratsam, die Unterhandlung ganz zum Stocken kommen
zu lassen, besonders da er sich überzeugen mußte, daß der Wahl-
bund vöUig aufgelöst sei, und da ihm die Wiener Verhandlungen
des Landgrafen sehr verdächtig waren*). Da bot die jetzt von
den Habsburgern in Aussicht gestellte Lehnsverleihung nnd das
gute Verhältnis des Kurfürsten zu dem königlichen Rat Hans
1) Loc. 10673 „Schriften zwischen dem Erzbischof . . .“, Or.
2) Ferd. an Albrecht nnd Georg April 2, Loc. 10673 „Irrungen zwischen
dem römischen König . . Kopie.
3) KL an Wilhelm von Nassau April 18, Loc. 10673 „Akten, die Abferti-
gung . . . 1535/36“, Konz. Instruktion von Albrecht und Georg für Ges. an Kf.
Mai 3, ebenda „Schriften“, Or. Antwort des Kf. vom 12. Mai, ebenda „Irrungen“,
Kopie. Die Vermittler an Ferd. Mai 20, ebenda, Konz.
4) lieber die damalige Haltung des Landgrafen herrscht noch keine volle
Klarheit. Der Bericht des EIrzbischofs von Lund an den Kaiser vom 8. April
(Lanz, II, S. 173. 176; vergl. Hasenclever, II, S. 33) stimmt nicht recht
überein mit Philippe Mitteilungen an Joh. Friedrich. (Instruktion für Feige
April 12, Beg. H. p. 92, No. 38, Bl. 64 — 67, Or. Ldgf. an Feige April 13,
P. A. Sachsen, Emeet. Linie, 1535, Or. Antwort des Kf. an Feige April 19,
Beg. H. a. a. O. Bl. 69 — 75, Konz.) Auch die Marburger Akten lösen das Dilemma
nicht. (P. A. römischer König 1535.)
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre dee Vertrauens 1532—1536. 57
Hofmann ') die Möglichkeit, doch noch einen Weg znr Fortsetzung
der Verhandlungen zu finden. Hans Ton Dölzig wurde am 19. Mai
an Hofmann gesandt. Anknflpfend an die letzte Werbung der
Vermittler sollte er erklären, daß der Kurfttrst znr Erstreckung
des Termins bereit sei unter der Voraussetzung, daß ihm eine ge-
Bflgende Versicherung für die Zeit nach Ablauf dieser Frist gegeben
werde und daß seine privaten Beschwerden erledigt würden. Für die
Verhandlungen über beide Punkte durfte Dölzig drei verschiedene
Wege zur Auswahl vorschlagen*). Hofmann wählte natürlich den,
bei dem der Kurfürst am weitesten entgegenkam nnd der zugleich
der einfachste war. Danach wurde die Erörterung der sächsischen
Beschwerden anf die Zeit verschoben, wenn Johann Friedrich zum
Lehnsempfang mit dem König zusammenkäme, und über die Ver-
sicherung eine sofortige Verhandlung zwischen den beiden Räten
begonnen, üren Wortlaut festzusetzen, hat noch große Schwierig-
keiten gemacht. Erst nachdem Dölzig im Juli noch einmal heim-
gekehrt war und neue Befehle vom Kurfürsten erhalten hatte, gelang
es am 4. August, eine beiden Teilen genehme Fassung zu finden.
In diesem Vertrage*) erklärte sich Johann Fiiedrich bereit,
zwischen Michaelis nnd Martini zum Könige nach Wien zu kommen.
Dort sollte dann über die Frage der Regalien, die Erklärung der
goldenen Bulle und über die anderen .\rtikel, besonders auch die
im kadanischen Vertrage genannten Beschwerden des Kurfürsten
gehandelt werden. Während dieser Zeit und bis zu seiner Heim-
kehr wollte Johann Friedrich den König anerkennen und ihm Ge-
horsam leisten. Diese Verlängerung des Termins sollte ihm aber
an seinen Rechten nicht nachteilig sein, wenn man sich in Wien
nicht einigte, es sollte vielmehr dann bei dem Artikel des Kadaner
Vertrages bleiben, daß beide Teile sich gegeneinander an Gleich
und Recht genügen lassen, d. h. nichts Feindseliges gegeneinander
unternehmen wollten *). Alle definitiven Entscheidungen waren damit
1) Hofmann an KL April 28, Loc. 10673 „Bchriften“, Or.
2) Instruktion für Dölzig, Loc. 10673 „Acta, die Abfertigung und Hand-
lung“. Winckelmann, ZKG. XI, S. 229.
3) Streng genommen ist es nur eine Erklärung des Königs.
4) Berichte Dölzigs und Weisungen dee Kurfürsten an ihn in Loc. 10673
.Acta, die Abfertigung . . . 1535/36“. Ebenda die Akten der Verhandlungen,
Korrespondenzen mit Hofmann, die neue Instruktion für Dölzig vom 18. Juli
und die schliefiliche Erklärung des Königs vom 4. August Vergl. auch Kf. an
Digitized by Google
58
E^)itel I.
auf die Wiener Reise des Kurfürsten verschoben. Dieser war aber
mit dem Erreichten zufrieden und blickte hoffnungsvoll in die Zu-
kunft*). Schon im August finden wir ihn mit den Vorbereitungen
für die Reise beschäftigt. Da diese nun aber auch für die Ange-
legenheiten des schmalkaldischen Bundes von Bedeutung geworden
ist, werden wir gut tun, zunächst deren Gestaltung bis zum Herbst
1535 zu verfolgen. —
Wir müssen da an die Beschlüsse des Nürnberger Bundestages
anknüpfen. Das, was dort über das Kammergericht beschlossen
worden war, scheint nicht so recht zur Ausführung gekommen zu
sein, wohl weil es nach dem Kadaner Frieden als überholt er-
schien. Man mußte zunächst abwarten, wie weit Ferdinand seine
in diesem übernommenen Verpflichtungen erfüllte. Wir sahen
schon, daß dies in bezug auf die Prozesse nur mangelhaft der
Fall war. Die Gefahr blieb bestehen, daß das Gericht einmal trotz
aller Rekusationen der Protestanten in einer von diesen als
Religionssache betrachteten Angelegenheit zur Exekution schritte,
und man mußte Beschlüsse darüber fassen, wie man sich dann
verhalten wollte. Dies war einer der Gründe, weshalb schon seit
1534 besonders von den oberdeutschen Städten eine neue Bundes-
versammlung warm befürwortet wurde. An Bedeutung wurde die
Frage der Prozesse allerdings jetzt mehr und mehr übertroffen
von der nach der Erneuerung, Verbesserung und Erweiterung des
Bundes. Diese verschwindet seit dem Nürnberger Tage nicht mehr
aus den Korrespondenzen der Verbündeten, und es ist kein
Zweifel, daß der Kurfürst dabei ein stark retardierendes Moment
gebildet hat. Er wurde dabei zunächst von den bisherigen Er-
fahrungen beeinflußt; die Schwierigkeiten, die man besonders mit
den sächsischen Städten gehabt hatte, ließen ihm die Nützlichkeit
der Aufnahme neuer Mitglieder zweifelhaft erscheinen*). Manchen
Ständen gegenüber wurde seine Abneigung verstärkt durch Zweifel
an ihrer Rechtgläubigkeit, ein Moment, das besonders für Augs-
burg in Frage kam und erst allmählich beseitigt werden konnte*).
Brück Juli 20, Heg. D. No. 73, Bl. 11/12, Beinentw. Winckelmann, ZKG.,
XI, 8. 229 f.
1) Au Of. Neuenahr Aug. 15, Loc. 10674, erstee Buch, Handlung zu Wien.
2) An Emet von Lüneburg 1534 Juli 26: „weil wir die jhar her allerlei be-
funden“, Beg. N. No. 1038, Konz.
3) An Brück Aug. 31, Beg. H. p. 90, No. 36, Bl. 42/43. Brück bemühte
sich, dieee Bedenken zu zerstreuen, an Kf. Sept. 1, ebenda. Bl. 44 L Kf. an Ldgf.
Digitized by Google
Bond and Reich: Die Jahre dee Vertrauens 1532—1536. 59
Als Hauptgrund für die Schwierigkeiten, die Johann Friedrich
machte, werden wir aber doch wohl seine Gewissenhaftigkeit an-
zusehen haben. Er wollte seinerseits streng an den Bestimmungen
des Nürnberger und Kadaner Friedens festhalten und deswegen
nach wie vor nur solche Stände in den Bund aufhehmen, die mit
im Frieden begriffen waren, wie Markgraf Georg und Nürnberg.
Nur wenn Ferdinand ausdrücklich seine Zustimmung dazu gab, war
er geneigt, weiter zu gehen ‘). Zur Verlängerung und Keform des
Bundes war er wohl an sich bereit, es scheint aber, als habe er
den dafür nötigen Bundestag absichtlich etwas hinausgeschoben,
um Erörterungen über die Aufnahme neuer Mitglieder zu ver-
meiden und erst mit dem Könige ins reine zu kommen’).
Der Kurfürst hat durch seine etwas allzu korrekte Haltung
nun aber das höchste Mißfallen seiner Verbündeten erregt. Die
Oberländer dachten stark daran, ohne ihn einen neuen Bund mit
dem Landgrafen und Württemberg zu schließen’), und auch der
Landgraf benutzte diesen Gedanken wenigstens als Pressions-
mittel*). Tatsächlich mag die Gefahr der Isolierung es gewesen
Sept. 3, Neudecker, Urk. 245 — 249. Erklämng de« Kf. gegenüber einem
ulmischen Gesandten Sept. 11, Reg. H. a. a. O. BI. 51 f. Ldgf. an Kf. Dez. 29,
ebenda Bl. 72f., ür. Vergl. Seckendorf, III, S. 87. Rommel, II, S. 347.
Noch am 2. Sept 1535 waren die Bedenken des Kf. wegen Augsburgs nicht ganz
gewichen, wie seine Antwort auf eine Werbung Alexanders von der Thann und
Nufipickers zeigt, Reg. H. p. 92, No. .38, Bl. 118—134, P. C. II, 298 f. Erst als
dann an Luther befriedigende Briefe aus Süddeutschland kamen, fügte sich wohl
auch der Kf. Enders X, S. 234 f.
1) Kf. an Ldgf. 1534 Sept 2. Antwort an Thann und NuQpicker 1535
Sept. 2. Siehe die vorige Anm. Wie eine Instruktion des Kf. für Melchior von
Creitzen, seinen Assessor am Kammergericht, zeigt, wollte er auch gegen die nicht
im Stilbtand begriffenen Stände Prozesse in Religionssachen nicht einfach zu-
lassen, sondern sie vor das Konzil weisen, da sie vor das weltliche Gericht nicht
gehörten (1534 Okt. 3, Reg. H. p. 86, No. 32, Bl. 104/5),
2) Die Verhandlungen über den zu berufenden Bundestag kann man ver-
folgen nach P. C. II, 227, No. 246. 250, S. 241 f. 244 f. Kf. an Ldgf. 1534 Dez. 16,
Rq;. H. p. 90, No. 36, Bl. 63 — 65. P. C. II, S. 254, Anm. 2. Neudecker,
Aktenst, 8. 96 ff. Ldgf. an Kf. Juni 13, Reg. H. p. 94, No. 39, Bl. 39, Or. P.
C. II, 289 f. 294. 295, No. 321.
3) Vergl. P. C. II, 244. 269, No. 297. 301. 3ia 322.
4) Philipp hat in der mannigfaltigsten Weise auf den Kf. zu wirken ge-
sucht: persönlich in Fulda, durch Feige im April 1535, durch eine Sendung
Nordecks Ende Juni 1535 (R^. A. No. 253 und Akten in Dresden), durch die
Thanns und Nufipickere Anfang September, durch Hinweis auf den kaiserlichen
Digitized by Google
60
Kspitel I.
sein, die den Widerstand des Knrfflrsten allmählich erlahmen ließ,
dazu kam, daß die weitere Ausbreitung der Reformation auch in
Norddeutschland Aussichten für die Erweiterung des Bundes er-
öffhete, die auch ihm sehr erwünscht schienen*). Endlich über-
zeugte er sich in Wien davon, daß Ferdinand einer Ausdehnung
des Bundes schwerlich Widerstand entgegensetzen werde*). Denn
wenn auch schon vor der Wiener Reise der Kurfürst sich den
Wünschen seiner Verbündeten zugänglicher zeigte ®), wirklich nach-
gegeben hat er erst nach ihr.
Die Einladungen zur Teilnahme an dieser Reise ließ Johann
Friedrich zum Teil schon im August ergehen, da manche, deren
Begleitung er wünschte, wie Wilhelm von Nassau und Wilhelm
von Neuenahr, nicht so mir nichts dir nichts abkommen konnten*).
Im ganzen wurden 300 Reisige, darunter drei Fürsten und zwölf
Grafen, mitgenommen, von Räten z. B. der Kanzler Beyer und
Magister Burchard, von Predigern Agricola und Spalatin^). Bei
einem so großen Gefolge war es nicht verwunderlich, daß in einer
Rede, die dem Hofgesinde etwa am 7. Oktober gehalten wurde,
genaue Vorschriften über die zu befolgende Zugordnung und über
die einzuhaltende Mannszucht erlassen wurden*).
Als den eigentlichen Hauptzweck der kostspieligen Reise dürfen
wir wohl die Empfangung der Lehen bezeichnen. Sie vollzog sich
nennjährigeD Bund, der durch AnachluQ der Städte zu einem neuen schwäbischen
Bunde werden könne (Ldgf. an Kf. 1534 Dez. 13, Reg. H. p. 90, No. 36,
BI. 59. 62, Or.). Eindruck auf Johann Friedrich wird wohl höchstens die Gefahr
der Isolierung gemacht haben.
1) Vor allem mag der Uebertritt der Bezöge von Ponunern und ihre Bitte
um Aufnahme in den Bund wirksam gewesen sein. Seckendorf, III, 8. 141.
Antwort des Kf. an die pommerschen Gesandten Ang. 24, Reg. H. p. 101, No. 43.
Vergl. jetzt Hel mg, Balt. 8t., N. F. X, 8. 15 ff.
2) Darauf legt Hasenclever, I, S. 110 Wert.
3) Besonders gegenüber Thann und NuBpicker betonte er schon Anfang
September, daß er sich nie unbedingt gegen die Erweiterung ausgesprochen habe,
sondern nur gewünscht habe, daß die Saehe bis zum Bundestage und zu einem
einmütigen Beschluß verschoben werde. Reg. H. p. 92, No. 38, Bl. 118 — 34,
P. C. II, 298 f.
4) An Wilhelm von Neuenahr Aug. 15, Loc. 10674 „Erstes Buch, Hand-
lung zu Wien.“ An Wilh. v. Nassau Aug. 15, ebenda.
5) Einladung an Agricola Sept. 18, ZKG. IV, H. 306, über Spalatin siebe
Drews in ZKG. XIX, 8. 508f. Berbig, QuD. V, 8. 25 f. Vergl. im übrigen
Winckelmann, ZKG. XI, 8. 230.
6) „Vorhaltung dem Hofgesinde geschehen“, Loc. 10674 a. a. O., Konz.
Digitized by Google
Bond and Reich: Die Jahre des Vertraaens 1532 — 1536.
61
ohne größere Schwierigkeiten '). Uns interessieren mehr die sonstigen
Verhandlungen, doch ist es kaum möglich, sich ein klares Bild von
ihrem Verlauf zu machen. Der Kurfürst hatte sich nach seiner
Art vorher Aufzeichnungen über die „Mittel und Wege“ für die
Handlang gemacht. Sie liegen wohl auch einer Denkschrift zu-
grunde, die von sächsischer Seite am Anfänge überreicht wurde.
Eine nicht gerade sehr entgegenkommende Antwort des Königs war
die Folge. Daran schlossen sich dann Verhandlungen königlicher
Räte, vor allem Leonhards von Fels und Hans Hofmanns mit dem
Kuifürsten, und an sie wieder reihten sich langwierige Disputationen
Johann Friedrichs mit Hofmann allein über die Prozesse und die
Wahlfrage, aber auch über die Privatangelegenheiten des Kur-
fürsten. Auch schriftliche Gutachten wurden noch ausgetauscht.
Zum Teil hat an diesen Verhandlungen, besonders denen über die
jülicbsche Heirat, auch der kaiserliche Orator, der Erzbischof von
Lund, teilgenommen. Hierbei wurden die in den Friedenstext mit-
anfgenommenen acht kaiserlichen Forderungen aufgestellt Der
Kurfürst erteilte eine zum Teil auf eigenhändigen Aufzeichnungen
beruhende Antwort, und sie blieb wieder von königlicher Seite nicht
unerwidert. Verbunden mit diesen Verhandlungen wurden solche über
einen Bund zwischen dem Kurfürsten und dem König und eine Erb-
einigung zwischen dem Kurfürsten, falls er oder seine Nachkommen
Jülich-Cleve einmal bekämen, und den burgundischen Ländern. Bis
zum 20. November war man sich so weit nahegekommen, daß der Ab-
schluß der verschiedenen Verträge, auf die man sich geeinigt hatte,
erfolgen konnte, nur die Bemühungen, den kaiserlichen Orator
für den Kurfürsten zu gewinnen, wurden noch fortgesetzt*).
1) VergL Bader, Nachricht vod der Belehnung CharfOrat Johann Fried-
richs zu Sachsen . ., Jena 1755.
2) Ich gebe den vorhandenen Aktenstücken folgende Reihenfolge: I. Un-
geferliche bedenken, auf was mittel und wege mit dem konick Ferdinandus zu
handellen sein wolt, eigenh. Aufzeichnung des Kf. II. Verzaichnus unser hz.
Johann Friderichs . . . unerledigte artikel etc., Reinschrift. III. Ungeferlich ver-
zaichnuB, was von w^en Böm. Kön. M‘. uf . . des kfen. zu Sachsen . . beechwe-
rnngen . . zu antwort gefallen ist. IV. Ein Stück beginnend: darauf ist von
wegen unsers gnedigsten hn. diese furwendung beschehen ; protokollartig. V. Nov. 5.
Ungeferlich verzaichnus der rede und handelung, so der Kf. . . . mit Hansen Hoff-
mann . . . gehabt. Protokoll mit eigenh. Korrekturen des Kf. Dazu einige in
den nächsten Tagen erfolgende Wechselschriften. VI. Nov. 8. Des kf. zu Sachsen
fuTBchlagk in Sachen den stilstand in der religionsachen belangend. VII. Ein Stück
Digitized by Google
62
Kapitel I.
Gehen wir etwas auf Einzelheiten ein, so begann Johann Fried-
rich die Verhandlungen mit denselben Gedanken, die er schon
Ostern geäußert hatte, daß man, da weder der NOruberger noch
der Kadaner Friede erfüllt sei, ganz von neuem anfange und daß
von seiner Seite daher neue Forderungen aufgestellt werden könnten.
Auch die Protestanten waren nach seiner Ansicht an die Beschrän-
kungen des Nürnberger Friedens nicht mehr gebunden und konnten
andere Glaubensgenossen in ihr Bündnis ziehen ^). Die erste neue
Forderung, die er erhob, war daher die, daß der König den
Frieden auch auf diese Stände, ja sogar auf die später noch über-
tretenden ausdehnen solle. Zweitens holte der Kurfürst den schon
in Kadan geäußerten Wunsch wieder hervor, daß die Beschränkung
der Dauer des Fliedens bis zum nächsten Reichstag fallen ge-
lassen werde.
Auf königlicher Seite war nun aber nicht die geringste Neigung
vorhanden, irgend welche neuen Zugeständnisse zu machen. Man
leugnete jede Schuld an der Nichtausführung des Kadaner Friedens
und glaubte daher auch zu keinem weiteren Entgegenkommen ver-
pflichtet zu sein. Dagegen scheute man sich nicht, Weisungen des
Kaisers folgend, die Erfüllung der speziellen Wünsche des Kur-
beginnend ; dan erstlich Ut zu besorgen. Darin werden die Gefahren auseinander-
geeetzt, die es haben würde, wenn an der Forderung des Kf. über die Verände-
rung der goldenen Bulle die Einigung scheiterte. VIII. Eine Mitteilung Hof-
manns, die die kaiserlichen Forderungen enthält. IX. Eigenhändige Bemerkungen
Johann Friedrichs dazu. I — IX in Loc. 10674, .erstes Buch Handlung zu Wien*.
X. Ausführliche Antwort auf die kaiserlichen Artikel: kurze und ungeferliche
verzaichnus, worauf . . des kfen . . antwurt der artikel des Gulichschen heirats be-
stettigung halben ubergeben, stehen mocht XI. Ungeverlicher bericht, wes sich
die königischen uf unsers gnsten. hn. gegeben antwurt . . haben vememen lassen.
XII. Ungeferliche vorschlege, welcher gestalt sich der kf. zu Sachsen mit Böm.
kais. M>. der Niderburgundischen lande halben . . in erbveranung einlassen will.
X— XII ln Reg. E. p. 44, No. 93. XIII. Der Wiener Friede. Gedruckt bei
Winckelmann, ZKG.XI, S. 245 — 252. XIV. Der fünfjährige Bund mit Ferdinand
vom 20. Nov., Loc. 10674 .Handlung zu Wien". XV. Beredung und Vergleichung
zwischen den burgundischen Landen und dem Kf., Reg. H. p. 99, No. 42, vol. IV,
Konz. XVI. Ein Stück; nachfolgende artickel sollte der orator der kais. M'. persön-
lichen bei kais. M>. handelten . . ., eigenh. Aufzeichnung des Kf., Loc. 10674
a. a. O. XVII. Neuenahr an Kf. Nov. 29, Reg. H. p. 124, No. 55, Or.
1) Auch dieser Gedanke mag mitgewirkt haben, wenn der Kurfürst der Er-
weiterung des Bundes allmählich geringeren Widerstand leistete, doch hielt er im
allgemeinen an der Gültigkeit des Nürnberger Friedens fest.
Digitized by Google
Band und Bach: Die Jahre dee Vertraaene 1532—1536.
63
fflrsten, wie den der Bestätigung der jUlichschen Heirat, an aller-
hand Bedingungen zu knüpfen.
Als eine Hauptforderung, die man an den Sachsen richten
müsse, hatte Earl schon in einem Briefe an seinen Bruder vom
27. September das Versprechen, dem Konzil zu gehorchen, be-
zeichnet*). Diese kehrte jetzt als erste der zu erfüllenden Be-
dingungen wieder. Daran schloß sich die Verpflichtung, keine
religiöse Neuerung über die Augsburgische Konfession hinaus vor-
zunehmen, dagegen bei der Ausrottung der Wiedertäufer und
anderer nnchristlicher Sekten zu helfen. Der Kurfürst sollte ferner
eine Offensiv- und Defensivhilfe gegen den König von Frank-
reich auf sich nehmen. Mit einer gewissen Naivität verlangte Karl
weiterhin von ihm die unbedingte Anerkennung Ferdinands als
römischen Königs. Daran sollte sich das Versprechen schließen, nichts
gegen die österreichischen, burgundischen und niederländischen
Gebiete der Habsburger zu unternehmen und sich ihrer Untertanen
in Sachen des Glaubens nicht anzunehmen, noch sie an sich zu
ziehen. Des weiteren sollte Johann Friedrich sich verpflichten,
dem Herzog von Geldern nicht gegen den Kaiser zu helfen und
ebensowenig denen, die etwa den Kaiser angreifen würden, wenn
dieser sich erst im Besitz Geldems befände. Endlich sollte der
Kurfürst eine Versicherung ausstellen, nach der die Heiratsbestäti-
gung ungültig sein sollte, wenn er irgend einen dieser Artikel nicht
vollziehe oder ihm zuwiderhandle.
Johann Friedrich hat von diesen Forderungen ohne Bedenken
angenommen die, die sich auf die Neuerungen im Glauben bezog,
denn solche lagen ihm ja so wie so gänzlich fern, und die über
Geldern, dessen weitere Schicksale sich damals ja noch nicht voraus-
sehen ließen. Auch der Artikel über die Wiedertäufer war dem Kur-
fürsten sympathisch, doch verpflichtete er sich nur zu ihrer Ver-
tilgung in seinen eigenen Landen. Dem über die Untertanen der
Habsburger gab er einen Zusatz, durch den deren Niederlassung
in seinem eigenen Gebiete möglich blieb. Unsympathisch war
dem ehrlichen Wettiner das Verlangen, daß er eine besondere Ver-
schreibnng ausstellen sollte für den Fall, daß er irgend eine ein-
gegangene Verpflichtung nicht erfülle, er verlangte, daß wenigstens
erst gerichtlich erkannt werden müsse, daß er einen Artikel nicht
gehalten habe. In der Wahlfrage verwies er einfach auf die be-
1) Banmgartea, III, S. 266.
Digitized by Google
64
K^pitd I.
sonderen Verabredungen, die darüber getroffen seien. Längere
Verhandlungen haben über die Anerkennung des Konzils und über
den Dienst gegen Frankreich stattgefunden. Zunächst war der Kur-
fürst geneigt, einfach an der alten Forderung eines freien Christ^
liehen Konzils in deutscher Nation festzuhalten. Schließlich hat er
dann aber doch so weit nachgegeben, daß er sich bereit erklärte,
auch das jetzige Konzil zu Mantua zu beschicken, wenn die Majo-
rität der Kurfürsten und Fürsten durch Einzelverhandlungen zu
seiner Annahme bestimmt werde. Irgend welche Verpflichtung,
den Beschlüssen des Konzils zu gehorchen, übernahm er aber nicht
Den Dienst gegen Frankreich suchte Johann Friedrich anfangs auf
den Fall zu beschränken, daß die Herzogtümer Jülich und Cleve
wirklich an ihn gefallen seien. Schließlich hat er sich dann aber
doch zu einem Reiterdienst gegen Frankreich mit 500 Pferden auf
5 Monate bereit erklärt. Im Zusammenhang mit diesem Artikel
scheint dann von habsburgischer Seite der Gedanke einer Erb-
einigung zwischen dem Kurfürsten und den burgundischen Landen,
für den Fall, daß jener die jülichschen Gebiete erbe, geäußert
worden zu sein“). Er fiel beim Kurfürsten auf einen fruchtbaren
Boden und führte zu einem Vertrage, über den noch zu sprechen
sein wird.
Im ganzen wird man sagen dürfen, daß Johann Friedrich den
kaiserlichen Forderungen ganz außerordentlich weit entgegenkam.
Ferdinand hatte aber keine Vollmacht, irgend einen der kaiserlichen
Wünsche preiszugeben. Er konnte daher nur die Berichterstattung
an den Kaiser übernehmen und versprechen, bis Martini dessen
Genehmigung zu erlangen. Wenn sie ausblieb und es infolgedessen
nicht zur Heiratsbestätigung kam, so sollte auch die Anerkennung
der Wahl Ferdinands wieder hinfällig sein. Um nun aber für einen
solchen Fall nicht ganz umsonst gearbeitet zu haben, wurde ver-
abredet, daß dann doch der König für die Zeit von seinem Re-
gierungsantritt an dem Kurfürsten eine Bestätigung seiner Heirat
1) Der Oedanke findet eich schon in dem Briefe der Königin Maria an Wil-
helm von Nassau vom 1. August 1Ö35 (Meinardus, I, 2, 8. 347), ja schon die
Verhandlungen, die die Grafen von Nassau und Neuenahr Anfang März mit
Johann Friedrich geführt hatten, waren auf ein Bündnis zwischen dem Kaiser,
der Königin, den Kurfürsten von Mainz und Sachsen und dem Herzoge von
Jülich hinausgolaufen (Meinardus, 8. 335 — 340. 340 — 343. 343 f.). Kf. an Of.
Heinrich März 5, Beg. C. No. 32» gibt die Datierung.
Digitized by Google
Bund und Beich: Die Jahre des VertrauenB 1632 — 1536. 65
ansstellen sollte and daß der Kurfürst von diesem Moment an dem
König gegenüber zur Einhaltung jener Artikel mit gewissen kleinen
Aenderungen verpflichtet sein sollte. Auch die Anerkennung der
Wahl sollte offenbar in diesem Falle in Kraft bleiben. Alles in
allem war aber doch eine Entscheidung über die Heiratsbestätigung
wieder der Zukunft anheimgegeben.
Nicht besser stand es in der Wahlfrage. Johann Friedrich hat
hier in bezug auf die Erläuterung der goldenen Bulle, auf die er
so viel Wert legte, anfangs recht weitgehende Forderungen aufge-
stellt Da nach den bisherigen Erfahrungen eine Zustimmung der
Kurfürsten zu den geplanten Zusätzen kaum zu erwarten war,
dachte er jetzt vor allem durch kaiserliche Gebote und vom Kaiser
festzusetzende Strafen gegen jede Uebertretung der bestehenden
Bestimmungen der Bulle zu wirken. Er schlug dabei außerordent-
lich drakonische Strafen: Verlust der Kur für den Schuldigen und
seine Nachkommen und sehr hohe Geldzahlungen an die übrigen
Kurfürsten, vor. Doch glaubte er wohl selbst nicht an die Er-
füllung dieser Forderungen und fügte daher gleich einige mildere
Vorschläge zu. Geeinigt hat man sich schließlich dahin, daß der
König versuchen sollte, bis Martini die Zustimmung der anderen
Kurfürsten zu den geplanten Veränderungen der Bulle zu erlangen.
Gelang das nicht, so sollte er ebenfalls innerhalb dieser Zeit beim
Kaiser für Kursachsen eine Urkunde erwirken, wonach künftig
auch bei römischen Königswahlen streng nach den Vorschriften
der goldenen Bulle verfahren werden sollte. Kurfürsten, die da-
gegen verstießen, sollten für ihre Person die Kurgerechtigkeit
verlieren, ihre Kur sollte neu besetzt werden. Verletzte die Ma-
jorität der Kurfürsten bei der Wahl die Bulle, so sollte eine solche
Wahl ungültig sein. Der Kaiser sollte selbst den anderen Kur-
fürsten von dieser Urkunde Mitteilung machen; wenn er es nicht
tat, sollte der Kurfürst von Sachsen das Recht dazu haben. In
bezug auf die vergangene Wahl Ferdinands sollte der Kaiser eine
Verschreibung ausstellen, daß sie, obgleich sie ohne Mitwirkung
Sachsens erfolgt sei, doch dem Wahlrecht des Kurfürsten und
seiner Erben nicht nachteilig sein solle, auch sollte er dem Kur-
fürsten eine Generalkonfirmation ausstellen, wie sie die anderen
Wähler bei der Wahl Ferdinands erhalten hätten. Unter diesen
Bedingungen erkannte Johann Friedrich den König an und schloß
zur Verteidigung der Wahl wie die anderen Kurfürsten ein Bündnis
Heiträ^c xur neueren Geschichte Thüringens I, 2. Ö
Digitized by Google
66
Kapitel L
mit ihm*). Wurden aber die erwähnten Bedingungen bis Martini
nicht erfüllt, so sollte auch die Anerkennung der Wahl wieder
hinfällig werden. Der Kurfürst setzte also in diesem Punkte seine
Forderungen, wenn auch in abgeschwächter Form, durch. Ihre Er-
füllung lag aber auch erst in der Zukunft.
Wenden wir uns zu den für die Protestanten wichtigsten Fragen
nach der Einstellung der Kammergerichtsprozesse und der Aus-
dehnung des Nürnberger Friedens, so hat Johann Friedrich es,
wie wir sahen, auch hier an energischen Forderungen anfangs nicht
fehlen lassen, zunächst aber bei der Gegenpartei gar keinen .\.n-
klang damit gefunden. In den Konferenzen, die er mit Hans Hof-
mann hatte, kam man sich dann etwas näher. Es gab zwar zu-
nächst Debatten über die Bedeutung des Wortes „Mißverstand“ im
Kadaner Frieden, doch konnte gegen die Erklärung des Kurfürsten,
daß damit eben die Trennung der Glaubenssachen und der Güter-
sachen durch das Kammergericht gemeint sei, schwerlich irgend
etwas eingewendet werden. Was die beiden neuen Forderungen
des Sachsen betraf, so machte Hofmann den Vorschlag, daß der
König versuchen solle, die Genehmigung des Kaisers dazu zu er-
langen. Einstweilen sollte er dem Kammergericht befehlen, mit
den Prozessen in Religionssachen auch gegen die nicht im Frieden
begrift'enen Stände 4 Monate lang stillzustehen, auch sonst nichts
Tätliches gegen sie vorzunehmen, bis die Antwort des Kaisers da
sei. Ferdinand scheint aber diesen Vorschlag nicht angenommen
zu haben, denn in dem Vertrag vom 20. November ist ja von den
neu hinzugekommenen Ständen nicht die Rede. Der König er-
neuerte im wesentlichen nur die in Kadan übernommene Verpflich-
tung, doch galt sie für ihn nur bis Martini 1536. Er wollte sich
aber bemühen, zu erlangen, daß von diesem Termin an der Kaiser
für Stillstand der Prozesse bis zum Konzil oder zum Reichstag
sorge. Wurde eine dieser Bedingungen nicht erfüllt, so sollte der
Wahlprotest des Kurfürsten wieder auflebeu. Das war ja eben das
einzige Pressionsmittel, das diesem zur Verfügung stand oder das
er zur Verfügung zu haben glaubte. Immerhin kann es wunder-
nehmen, daß er in diesen wichtigen Fragen nicht hartnäckiger war.
Es erklärt sich in bezug auf die Beschränkung der Dauer des
1) Vergl. Winckelmann, S. (H. Der inzwischen vergangenen Zeit ent-
sprechend nur noch auf 5 Jahre.
Digitized by Google
Bund und Seich Die Jahre des Vertrauens 1532—1536. 67
Friedens bis zum Reichstage wohl aus der Mitteilung Hofmanns,
daß ein Reichstag vorläufig nicht zu erwarten sei und daß er nur
mit Zustimmung der protestantischen Fürsten stattfinden werde,
in Bezug auf die Ausdehnung des Friedens aus der Befürchtung,
daß weiteres Drängen den König veranlassen könne, den Pro-
testanten die Unterstützung der neu Uebergetretenen direkt zu
verbieten*). Johann Friedrich war aber schon entschlossen, sich
in dieser Frage jetzt den Wünschen seiner Verbündeten zu fügen,
sich also über die bisherigen Bedenken hinwegzusetzen.
Es ist schwer, sich über die Motive, die den Kurfürsten beim
Abschluß des Wiener Vertrages leiteten , klar zu werden. Man
könnte denken, daß seine Erfolge in seinen persönlichen Angelegen-
heiten ihn zur Nachgiebigkeit in den anderen Fragen bestimmt
hätten. Sie waren aber dazu eigentlich nicht groß genug. Er erreichte
allerdings jetzt die Belehnung, die am 20. November erfolgte, und
zwar als Gesamtbelehnung, da für die Albertiner Otto von Dieskau
und Hans von Schönberg, allerdings ohne vom Kurfürsten eingeladen
zu sein, teilnahmen ’). Ferner verpflichtete sich der König ähnlich
wie in Kadan zur Bezahlung der Schuld. Mit Hilfe der Einkünfte
des Joachimstaler Bergwerks sollten zu jedem Quatember von Luciä
1535 an 2000 fl. abgezahlt werden. Reichten diese Einkünfte nicht, so
sollte das Hofzahlmeisteramt die Summe ergänzen. Auch diese Ver-
pflichtung des Königs galt aber nur für den Fall, daß der Wiener
Vertrag in bezug auf die Wahlfrage und die Heiratsbestätigung er-
füllt würde, sonst sollte das Geld zurückgezahlt werden *). Daß die
Heiratsbestätigung noch in weitem Felde lag, sahen wir schon. Der
Vertrag, der zwischen dem Kurfürsten und den niederländisch-
burgundischen Landen abgeschlossen wurde, konnte kaum als Er-
satz dafür gelten. Er bestimmte für sofort, daß kein Teil wider
den anderen Werbungen in seinem Gebiet gestatten solle, daß es
dagegen jedem Teile erlaubt sein solle, im Gebiet des anderen zu
1) Winckelmann, ZKG. XI, S. 232/33. P. C. II, 316t. Vergl. Egel-
haaf, II. 8. 291.
2) Daa Benehmen des Kurfürsten in dieser Frage gegen Georg war etwas
sonderbar. Dali er die Gesamtbelehnung direkt habe hintertreiben wollen, ist
wohl unwahrscheinlich, jeder Verkehr war aber gerade abgebrochen. Vergl.
8eidemann, I, 8. 260. Eine Kechtfcrtigungsschrift des Kf. vom 18. Dezember
in Loc. 9629 „Kf. Job. Friedrich zu 8achsen . . . Belehnung 1535“.
3) Urkunde vom 26. November, Or. Weim. Arch., Urk. No. 1321 ; Kopie in
Loc. 10674 „Handlung zu Wien“.
5*
Digitized by Google
68
Kapitel I.
werben, daß die Untertanen beider Teile einen „freien Paß in
Hantierung und Gewerb“ haben, auch, wenn nötig, geleitet und
versichert werden sollten. Daran schloß sich dann eine Erbeinnng
für den Fall, daß Jülich, Cleve und Berg an den Kurfürsten und
seine Nachkommen fielen. Sie lief auf eine gegenseitige Unter-
stützung auf 4 Monate hinaus, bot nur die Eigentümlichkeit, daß
Johann Friedrich 1000 Pferde und 2000 Landsknechte zu schicken
hatte, während die Niederlande nur zur Stellung von 500 Pferden
und 1000 Knechten verpflichtet sein sollten ‘).
Der Kurfürst mag bei seiner Loyalität auf diese Verbindung
mit den Habsburgern viel Wert gelegt haben; daß sie ihn zur
Nachgiebigkeit in anderen Punkten bestimmte, scheint mir aber
doch unwahrscheinlich. Das Richtigste wird wohl sein, anzunehmen,
daß er sich davon überzeugte, daß sich nicht mehr erreichen ließe,
daß er von Ferdinand an Hartnäckigkeit übertroffen wurde und
sich daher damit begnügte, eine neue Frist zu gewinnen, und im
übrigen sein weiteres Verhalten von den Bundesbeschlüssen ab-
hängig machte. Man hat jedenfalls den Eindruck, als hätten nach
der Wiener Reise die Bundesangelegenheiten für Johann Friedrich
gegenüber den Beziehungen zu den Habsburgem an Bedeutung
gewonnen. —
Wir sahen, daß Johann Friedrich schon vor seiner Reise be-
gonnen hatte, den so oft wiederholten Wünschen seiner Ver-
bündeten zu weichen, er hatte sich damit einverstanden erklärt,
daß auf dem Bundestage über die Verlängerung und Erweiterung
des Bundes verhandelt werde. Es entsprach dabei ganz seinem
korrekten Wesen, daß er verhinderte, daß Stände zu dem Tage
eingeladen würden, über deren Aufnahme man erst beraten wollte,
denn es sei kränkend für sie, wenn man sie nachher etwa doch
abwiese. Die in Wien gemachten Erfalmungen verstärkten die
Neigung des Kurfürsten zur Nachgiebigkeit, er wünschte aber, daß
über jene wichtigen Fragen ei-st nach seiner Ankunft in Schmal-
kalden verhandelt würde. Wolfgang von Anhalt, Ludwig von
Boyneburg und Philipp Rosenecker, die ihn einstweilen vertreten
sollten, sollten dafür sorgen. Er empfahl, bis zu seiner Ankunft
über das weitere Verhalten dem Kammergericht gegenüber, die
1) Erwähnt wird diese Einigung auch in dem Wiener Hauptvertrag.
Winckelmann, ZKG. XI, 8. 249.
Digitized by Google
Band und Reich: Die Jahre dee VertraaeuB 1532—1536.
69
genaue Feststellung dessen, was Religionssachen seien, und die
Konzilsfrage zu beraten ‘). Die sächsischen Gesandten haben das
aber nicht durchzusetzen vermocht Die anderen Anwesenden
zogen es vor, sich streng nach dem Ausschreiben zu dem Bundes-
tage zu richten und zuerst von der Erstreckung und Erweiterung
des Bundes zu handeln. Da nun aber wieder die Sachsen über
diese Punkte nicht genügend instruiert waren, kam bis zum Ein-
treffen des Kurfürsten und des Landgrafen am 12. Dezember über-
haupt nichts Rechtes zustande*).
Auch nach der Ankunft der Bundeshäupter entstanden aller-
dings sofort neue Schwierigkeiten, indem es zu einem sehr heftigen
Konflikt zwischen ihnen kam. Er wurde veranlaßt durch den Wunsch
Johann Friedrichs, Wilhelm von Nassau in den Bund aufzunehmen.
Schon jahrelang war er ja mit dem einflußreichen Grafen befreundet,
es schien erwünscht, sich dessen mannigfache Verbindungen zu-
nutze zu machen, und nachdem sich Wilhelm jetzt in Wien sogai'
vor König Ferdinand zum evangelischen Glauben bekannt hatte, be-
trachtete der Kurfürst seine Aufnahme in den Bund, wenn dieser
überhaupt erweitert würde, als dringend erforderlich. Ebenso leb-
haft, wie Johann Friedrich sie befürwortete, widersprach ihr aber der
Landgraf wegen seiner privaten Differenzen mit dem nassauischen
Hause. Es kam darüber zu heftigen Streitigkeiten, die schließlich
durch die Vermittlung des Herzogs Franz von Braunschweig-Lüne-
burg, des Grafen Wolf von Anhalt, Jakob Sturms und Levin Emb-
dens dahin beigelegt wurden, daß mit Graf V'ilhelm ein besonderer
Bund ohne den Landgrafen geschlossen wurde*).
Gleichzeitig mit dem Streit über die Aufnahme des Grafen
gab es Differenzen zwischen dem Kurfürsten und dem Landgrafen
in der Wahlsache. Johann Friedrich war der Meinung, daß der
Vetter nicht korrekt gehandelt habe, indem er nach dem Kadaner
Frieden die Opposition in dieser Frage ganz aufgegeben habe, und
ließ ihm durch seine Räte deswegen Vorstellungen machen. Philipp
legte darauf seine gegenteilige Auffassung dar, betonte jedoch
1) Instruktion vom 17. Nov., Keg. H. p. 103, No. 46.
2) P. C. II, 3141. Bericht der kurs&chaischen Gesandten vom 11. Dez.,
Reg. H. p. 04, No. 40, II.
3) Akten über den Streit in Reg. H. p. 04, No. 40, toI. II, Bl. 80 ff., über
die Vennittlang P. A. No. 432, Bl. 234ff., der Vertrag bei Meinardus, I, 2
8. 355 f.
Digitized by Google
70
Kapitel I.
auch, daß er auch jetzt dem Kurfürsten helfen werde, wenn dieser
angegriffen werde. Die vermittelnden Räte der beiden Fürsten
haben den Versuch gemacht, vertragsmäßig festzulegen, wie weit
eine Unterstützungspflicht bestehen solle, wenn einer von ihnen
der Wahl" wegen angegriffen werde. Infolge des nassauischen
Streites weigerte sich aber der Landgraf, diesen Vertrag zu unter-
zeichnen, so daß die Sache damals unerledigt blieb ‘).
Trotz dieser gewiß störenden Differenzen der Bundeshäupter
ist auf dem schmalkaldischen Tage doch noch recht gut gearbeitet
worden*). Blicken wir da zunächst auf die engeren Bundes-
angelegenheiten, so hat man sich über die Verlängerung des Bundes
ganz im allgemeinen sogar schon vor der Ankunft Johann Fried-
richs geeinigt, auch dieser gab nach einigem Sträuben schon am
13. Dezember seine Zustimmung dazu. Auf seine Veranlassung
wählte man noch an demselben Tage einen Ausschuß, der über die
.\rt und Weise der Verlängerung beraten sollte, Sturm aus Straß-
burg, Moler aus Constanz und Georg Besserer aus Ulm wurden
außer den Räten der Fürsten hineingewählt, am 14. sollte er seine
Sitzungen beginnen. Als Resultat seiner Beratungen, über die wir
nicht näher unterrichtet sind, werden wir die betreffenden .Abschnitte
des Abschiedes des Bundestages vom 24. Dezember zu betrachten
haben. Der im Februar 1537 ablaufende Bund wurde darin auf
zehn Jahre verlängert, an seiner Verfassung wurden einige Aende-
rungen vorgenommen, die auf eine Verstärkung der unmittelbar
zur Verfügung stehenden finanziellen und militärischen Mittel
hinausliefen. Auch diese .Artikel wurden aber von den Gesandten
der sächsischen Städte wieder nur ad referendum genommen. Die
neue Verfassung sollte daher erst in Kraft treten, wenn ihre .Auf-
traggeber sie angenommen hätten, auch schon vor Ablauf des
alten Bundes. .Auch die „Verfassung zur Gegenwehr“ wurde am
23. Dezember einer Umarbeitung unterzogen, diese gewann jedoch
noch keine definitive Geltung*).
Schon vor der .Ankunft Johann Friedrichs war auch über die
Erweiterung des Bundes verhandelt worden. Augsburg, Kempten,
1) Eine Aufzeichnung Brücke über den Streit in H. p. 94, No. 40,
Tol. II, BI. 80 — 02. Entwurf des Vertrages vom 15. Dez. ebenda BL 106/9.
2) Hauptquelle für alles Folgende das Straßburger Protokoll F. C. II,
314«. und der Abschied 8. 321-323.
3) Reg. H. p. 94, No. 40, vol. III, Bl. 2—20. P. A. No. 432.
Digitized by Google
Bund und Beich: Die Jahre des Vertrauens 1532 — 1536.
71
Hannover, Riga und Hamburg waren den kursächsischen Gesandten
als diejenigen bezeichnet worden, die um Aufnahme in den Bund
bäten, eine Beschlußfassung war aber damals unmöglich gewesen.
Der Kurfürst hielt dann zunächst noch an seinen alten Bedingungen
fest, daß die neu aufzunehmenden Stände sich der Konfession und
Apologie gemäß hielten, und daß sie ohne Zerrüttung des Nürn-
berger Friedens aufgenommen werden könnten. .4uch diese Frage
mag im Ausschuß weiter beraten worden sein, wir kennen wieder
nur das im .\bschied niedergelegte Resultat. Danach sollten alle,
die künftig dem Bunde beitreten wollten, aufgenomraen werden,
wenn sie sich zur Augsburgischen Konfession bekennten und ohne
jeden Vorbehalt einträten. Jedem sollte dann eine gebührliche
Anlage auferlegt werden. Einzelne Stände wurden beauftragt, mit
denen, die beitreten wollten, zu verhandeln. Dabei wurden dem
Kurfürsten Pommern und .\nhalt-Dessau zugewiesen. Offenbar
hatte also Johann Friedrich jetzt seinen auf den Bestimmungen
des Nürnberger Friedens fußenden Widerspruch fallen lassen.
Unsere Quellen geben uns keine Auskunft darüber, ob es ihm
schwer geworden ist, ob er sich etwa überstimmen ließ. .An dem
Abschied und der neuen Bundesverfassung scheint der hessische
Anteil größer gewesen zu sein, als der kursächsische, doch sah
auch Johann Friedrich alles genau durch und nahm kleine Text-
verbesserungen vor*). Einige uns erhaltene Gutachten zeigen, daß
auch über die Frage, ob man den Bund ohne Verletzung des Nürn-
berger Friedens erweitern dürfe, Beratungen stattgefunden haben *).
Der Kurfürst scheint sich vor allem von der Erwägung haben leiten
lassen, daß die fraglichen Stände so wie so das Recht und die
Möglichkeit hätten, sich gegen die Kammergerichtsprozesse zu ver-
teidigen, so daß nicht so sehr viel darauf ankäme, ob man sie in
den Bund aufnähme oder nicht“). Daneben mag die Furcht vor
Isolierung ihn beeinflußt haben, und einiger Wert ist wohl auch
darauf zu legen, daß jetzt in den Herzogen von Pommern und
Graf Wilhelm von Nassau ihm sehr nahestehende Stände in den
Bund strebten.
1) Heeaische Konzepte in P. A. No. 432. Ein Exemplar der Verfasxung zur
Gegenwehr mit Korrekturen des Kf. in Reg. H. p. 94, No. 40, voL III, ßl. 48 — 66.
2) P. A. No. 432, Bl. 177 ff.
3) Kf. an Brück 1536 Jan. 7, Loc. 9650 „dea Kf. zu Sachsen und Dr. Gre-
gorii Brücken . . 1537“, Konz.
Digitized by Google
72
Kapital I.
Mit der Bundeserweiterung stand die Frage des Verhältnisses
zum Kammergericht im engsten Zusammenhänge. Man mußte sich
dabei natürlich zunächst nach dem Wiener Vertrage richten, be-
schloß also, energische Schritte zu tun, um das Gericht zur
Einhaltung des dort Festgesetzten zu nötigen, wollte eventuell mit
einem öffentlichen Ausschreiben gegen das Gericht drohen und er-
klären, daß man Stände, die unrechtmäßig vom Kammergericht
geächtet würden, schützen werde. Es entsprach durchaus den An-
sichten Johann Friedrichs, wenn feiner beschlossen wurde, daß man
dem Gericht ein Verzeichnis der jetzt anhängigen Religionssachen
übergeben wolle. Der Bestimmung des Friedens, daß man niemand
seiner Güter entsetzen dürfe, wollte man nachkommen, erklärte sie
aber sofort dahin, daß die Beseitigung geistlicher Jurisdiktionen
und päpstlicher Zeremonien und Mißbräuche nicht damit gemeint
sein dürfe. Zweifel darüber, ob eine Sache als Religionssache zu
betrachten sei, sollten durch Majoritätsbeschluß der Stimmräte des
Bundes entschieden werden ‘).
Zu keinen tiefer greifenden Beratungen ist es in Schmalkalden
über die Konzilsfrage gekommen. Sie war ja allerdings, auch ab-
gesehen von dem, was Johann Friedrich in Wien hatte zugestehen
müssen, wieder etwas aktuell geworden durch seine Zusammen-
kunft mit dem päpstlichen Nuntius Vergerio in Prag. Der Kurfürst
würde diese zwar gern vermieden und den Nuntius erst mit seinen
Verbündeten zusammen in Schmalkalden empfangen haben; da
ihn Vergerio aber in Prag erwartete, blieb ihm nichts übrig, als
ihm am 30. November Audienz zu erteilen. Die Verhandlungen
drehten sich besonders um den Ort des Konzils und um die Frage
der Notwendigkeit öffentlicher Sicherheiten für seine deutschen Be-
sucher. Obgleich der Nuntius behauptete, daß außer Kursachsen
alle in Betracht kommenden Instanzen ihre Zustimmung zur Ab-
haltung des Konzils in Mantua gegeben hätten, ließ der Kurfürst sich
doch nicht darauf ein, sich auch seinerseits zu äußern, erklärte viel-
mehr erst mit seinen Verbündeten Rücksprache nehmen zu müssen.
Er erbat sich zu diesem Zweck eine Abschrift des Anbringens des
Nuntius, eine Bitte, der dieser am 1. Dezember nachkam*).
Gleich am 13. Dezember hat Johann Friedrich dann in Schmal-
kalden über seine Verhandlungen mit Vergerio Bericht erstattet
1) P. 0. II, 8. 322/323.
2) C. R II, 982—989. 991-995. N. B. I, 553 Anm. Oonc. Trid. IV, CXV f.
Digitized by Google
Band und Reich : Die Jahre des Vertrauens 1532—1536.
73
und dessen Denkschrift überreicht ‘)* Die Antwort, die man darauf
am 21. Dezember dem päpstlichen Gesandten erteilte, war von
Melanchthon verfallt, sonst läßt sich nichts über ihre Entstehung
berichten. Sie lief im wesentlichen hinaus auf eine Wiederholung
der so häufig von den Protestanten aufgestellten Forderung eines
allgemeinen, freien, christlichen Konzils in Deutschland. Auf das
von päpstlicher Seite diesmal entschieden bewiesene größere Ent-
gegenkommen, auf das Vergerio auch schon in Prag hingewieseu
hatte ’), nahm man keine Rücksicht ®). Mit der in Wien abgegebenen
Erklärung des Kurfürsten stimmte die Antwort, die jetzt dem
Nuntius erteilt wurde, nicht recht überein. Johann Friedrich hatte
allerdings schon bei der Abreise von Wien gegen Hofinann ge-
äußert, daß, wenn das Konzil in Italien stattiande, vorher durch
ein Religionsgespräch über seine Verhandlungsform u. dgl. ent-
schieden werden müsse, und er mag, da er bisher keine Ant-
wort des Königs auf diesen Vorschlag erhalten hatte, sich als nicht
so ganz streng an die Wiener Versprechungen gebunden erachtet
habend). Die Möglichkeit liegt aber auch vor, daß er seine An-
schauung in Schmalkalden nicht durchsetzen konnte und über-
stimmt wurde®). Sehr böse wird er schwerlich darüber gewesen
sein. '
Das Verhalten der Protestanten dem Konzil gegenüber spielte
eine große Rolle auch in ihren Verhandlungen mit Fi'ankreich und
England. Der schmalkaldische Tag ist ja nicht nur von Wichtig-
keit geworden wegen seiner für die weitere Entwicklung des Bundes
maßgebenden Beschlüsse, es knüpften sich hier auch Beziehungeu
an zu verschiedenen Mächten Europas, die zeigten, welche Be-
deutung man dem Bunde zuwies, und es lag nur an den Ver-
bündeten selbst, wenn sie die sich ihnen bietenden Gelegenheiten
nicht genügend ausnutzten. —
1) P. C. II, 317.
2j Es lag darin, dafi der Papst diesmal nicht wie 1533 Artikel zur vor-
herigen Annahme vorlegen lieO, sondern die Beschlüsse über die Form der Be-
ratungen dem Konzil selbst flberliefi.
3) Conc. Trid. IV, CXVI— CXIX. Ein deutsches Konz, von Melanchthon«
Hand, Ueberschrift von Spalatin, P. A. 432, BL 42 ff.
4) Kf. an Hofmann Dez. 27, R^. H. p. 103, No. 46, Konz.
5) Auch Luther hatte sich gegen Vergerio günstig über die Wahl Mantuas
geäuBml. N. B. I, 546.
Digitized by Google
74
Kapitel I.
Der Kurfürst war mit Frankreich ja zunächst durch den Wahl-
bund in nähere Berührung gekommen, dieses Verhältnis hatte sich
aber schon 1534 gelöst, da er keine Neigung hatte, den aggressiven
Absichten Frankreichs, Bayerns und des Landgrafen nachzugeben
und darum den neuen Vertrag mit Frankreich vom 28. Januar
1534 nicht ratifiziert hatte*). Nach dem Frieden zu Kadan war
dann der Bund ganz auseinandergefallen. Es dauerte aber nicht
lange, so erfolgten neue Annäherungsversuche Franz I. an die
deutschen Fürsten. Wir finden ihn bemüht, seine Loyalität in der
Frage des Bundes mit den Türken und auch gegenüber den
Deutschen in tYankreich zu beweisen. Durch Empfehlung eines
Konzils auf deutschem Boden suchte er speziell die deutschen
Protestanten zu gewinnen *). Sein nächstes Ziel war dabei natür-
lich, dem Kaiser, der damals mit seiner afrikanischen Unter-
nehmung beschäftigt war, Schwierigkeiten zu bereiten und für die
Erwerbung Mailands und Gelderns die Unterstützung der deutschen
Protestanten zu gewinnen; auch England hoffte er in diese Kom-
bination mithineinzuziehen. Mit diesen politischen Plänen ver-
banden sich aber damals bei hYanz eigentümliche religiöse Unions-
gedanken. Sie bezogen sich nicht nur darauf, daß er dem Konzil
gegenüber ein Zusammengehen empfahl®), er hofi'te auch durch
Disputationen französischer und deutscher Theologen eine Ver-
einigung der religiösen Gegensätze herbeiführen zu können. Im
Jahre 15.34 waren Artikel Melanchthons nach Frankreich geschickt
worden*), sie genügten aber dem Könige noch nicht, und er lud
1) Die Batifikation durch den Kf. ist nicht erfolgt. An die Hre. von
Bayern 1534 Febr. 15. 8tum pf , § 35, 8. 152 f. Loc. 10673 „Handlung zu
Augsburg . . . 1534“, Bl. 26—29, Kopie. Die Hze. an Kf. Febr. 25, ebenda
Bl. 21/22, Or. Kf. an die Hze. März 12, ebenda Bl. 19, /20, Konz. Bourrilly,
S. 154 f. in diesem Punkte unrichtig.
2) Franz I. an Kf. 1534 Aug. 25, K^. C. No. 374, Or., nur allgemeine
Freundschaftsversicherungen. Franz I. an die deutschen Reichsstände 1535
Febr. 1, sehr häufig gedruckt, z. B. Herminjard, III, 249—254, C. B. II, 828
bis 835. Vergl. Bourrilly, 8. 189ff. Begleitschreiben an Kf. von Febr. 13,
Reg. O. No. 374, Or. Franz I. an die deutschen Fürsten Febr. 25, Conc. Trid.
IV, CVf. Bourrilly, S. 191 f. Freher-Struve, III, 8. 358f.
3) So besonders in dem Briefe vom 25. Febr.
4) Seckendorf, III, 8. 108 setzt diese Artikel in die Zeit nach der Ein-
ladung Melanchthons nach Frankreich, Ellinger, 8. 318 f. wohl richtiger vorher,
Bezold, 8. 670, Bourrilly, 8. 179 schon ins Jahr 1534. Ursprünglich sind
sie wohl echt, sie wurden aber vielfach verunstaltet.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre dee Vertrauens 1532—1536.
75
daher im Sommer 1535 Melanchthon selbst nach Frankreich ein.
Dadurch wurde dann auch Johann Friedrich genötigt, zu diesen
französischen Plänen Stellung zu nehmen. Um seine Haltung zu
verstehen, müssen wir berücksichtigen, daß er 1535 von dem
Wunsche und der Hoffnung erfüllt war, zu einem Vertrage mit
den Habsburgern zu gelangen. Die friedlichen Erkläiungen, an
denen der Kaiser es nicht fehlen ließ*), und die Neigung des Kur-
fürsten, dem Kaiser treu zu sein, wirkten dabei zusammen. So
machte er denn durch die Nassauer Karl V. von dem Briefe des
Königs Mitteilung *), während er diesem selbst vorläufig überhaupt
nicht antwortete. Auch wenn er dann im Sommer Melanchthon
die Erlaubnis zur Reise nach Frankreich verweigerte, war dabei die
bevorstehende Reise nach Wien wohl das Hauptmotiv*). Daneben
wirkten allerdings die Furcht vor zu großer Nachgiebigkeit Melan-
chthons*) und ein gewiß nicht unberechtigtes Mißtrauen gegen die
Fruchtbarkeit und Dauer der französischen Unionspläne*).
Franz I. ließ sich aber nicht so leicht abschrecken und be-
nutzte die Zusammenkunft der deutschen Protestanten in Schmal-
kalden, um seine Vorschläge zu erneuern. Die Lage war jetzt
insofern günstiger, als die Wiener Reise dem Kurfürsten doch wohl
eine ge^visse Ernüchterung gebracht hatte und als außerdem die
Frage der Stellungnahme zum Konzil jetzt aktuell geworden war.
Wenn der König jetzt durch seinen Gesandten Wilhelm du Bellay
eine gemeinsame Politik dem Konzil gegenüber vorschlagen ließ,
so konnte das den Protestanten nur sympathisch sein. Weiter
1) 1535 Jan. 1, beschwichtigender Brief des Kaisers an die deutschen Stände,
den oberdeutschen Städten durch den Kf. zugesandt, Reg. H. p. 92, No. 38.
Seckendorf, III, S. 99 f. P. C. II, 263 f. Vergl. dazu die Sendung des Gfen.
Roeulx. Baumgarten, III, S. 169 Anm. Ferner gehört hierher die Sendung
der Ofen, von Nassau und Neuenahr an den Kf. mit dem Bündnisanerbieten des
Kaisers. Etwa am 5. März waren sie beim Kf. Meinardus, I, 2, S. 340
bis 343, 343 f.
2) An Uf. Wilhelm von Nassau März 27, Loc. 9136 „Ldgf. Philipps zu
Hessen Zurüstung . . . 1536“, Bl. 5/6, Konz.
3) C. R. II, 906. Kf. an Brück Aug. 19.
4) Ebenda S. 909 f.
5) Die französischen Theologen zeigten bei den Vorberatungen über Melan-
chthons Ankunft sehr wenig Entgegenkommen, so daß die Reise wahrscheinlich
vergeblich gewesen wäre. (Bourrilly, S. 196 ff. 201.) Auch in Wittenberg
traute man den Franzosen nicht. Jonas an Fürst Georg von Anhalt, Kawerau,
I, S. 232.
Digitized by Google
76
Kapitel I.
empfahl er, daß deutsche und französische Gelehrte in Frankreich
oder in Deutschland Beratungen über die Religion anstellen sollten,
auch wenn das Konzil nicht zustande käme. Daran knüpfte er
endlich Anerbietungen eines Bündnisses, in das auch England und
Geldern hineingezogen werden sollten.
Du Bellaj hat sich zuerst an Johann Friedrich gewandt und
eine sehr gnädige Aufnahme bei ihm gefunden, doch gab der Kur-
fürst natürlich in keinem Punkte eine endgültige Erklärung gab.
Elr betonte nur den religiösen Charakter des schmalkaldischen
Bundes und verwies im übrigen auf die Gesamtheit der Ver-
sammelten. Diesen hat der EYanzose dann am 19. Dezember Vor-
trag gehalten. Er rechtfertigte seinen König gegen den Vorwurf
der Protestantenverfolgung, betonte seine Freundschaft gegen die
deutsche Nation, der man es nicht verbieten dürfe, zu anderen
Nationen, besonders den Franzosen, in Beziehung zu treten, und
bot die Hilfe des Königs für ihre Bestrebungen zur Beseitigung
der Zwietracht und seinen Eintritt in ihren Bund an. Auf keinen
Fall werde der König einem ihrer Gegner helfen. Sehr erwünscht
werde es ihm sein, wenn auch England und Geldern in den Bund
mitaufgenommen würden.
Noch an demselben Tage oder am 20. wurde daun auch der
Wunsch du Beilays nach einem Gespräch mit einigen protestan-
tischen Gelehrten erfüllt. Brück, Jakob Sturm u. a. wurden dazu
ausersehen. Ihnen entwickelte er ausführlich den irenischen Stand-
punkt seines Königs, der auch schon mit den Herzögen von Bayern
über diese Dinge verhandelt habe und sich von ihnen und einigen
anderen katholischen E'ürsten Deutschlands Entgegenkommen ver-
spreche. Er empfahl dann ein Religionsgespräch vor seinem
Könige und von neuem eine gemeinsame Politik der deutschen
Protestanten, Frankreichs und Englands in der Konzilsfrage ‘).
Die Vertreter der Verbündeten nahmen die meisten Erklärungen
des Franzosen mit freudiger Zustimmung entgegen. In ihrer Ant-
wort verbreiteten sie sich besonders über die korrekte Haltung,
die sie in der Konzilsfrage beobachtet hätten. Sie mußten dann
aber hinzufügen, daß sie wegen des Religionsgespräches erst Wei-
1) Bourrillj meint S. 209, daß dn Bellay bei seinen Erklärnngen auf
religiösem Oebiete weit über die Änsiehten der französischen Theologen hinaua-
gegangen sei, wahrscheinlich aber mit Zustimmung des Königs. Das wird eigent-
lich in dem Stück selbst aufs deutlichste ausgesprochen.
Digitized by Google
Bund und Keich: Die Jabie des VertniuenB 1532—1536.
77
snngen ihrer Auftraggeber einholen müßten und daß sie bei Ver-
pflichtungen gegen den König Kaiser und Reich ausnehmen müßten.
Das gab zu weiteren Erklärungen du Beilays Anlaß, der aufs
wärmste empfahl, die Freundschaft eines so großen Königs nicht
gering zu schätzen, und die Ausnahme von Kaiser und Reich für
unnötig erklärte, da ja Jede Verletzung des Reiches den Franzosen
stets fern gelegen hätte. In den Bündnisentwflrfen, die man in
den nächsten Tagen austauschte, hat dieser letzte Punkt aber doch
die Hauptdift'erenz gebildet.
Einig war man im ganzen in der Konzilsfiage, nur hegte der
Kurfürst, der sich selbst an diesen Verhandlungen beteiligte, den
Wunsch, daß man diese Einigkeit sofort oder gelegentlich einer
baldigen Zusammenschickung der Räte möglichst bestimmt for-
muliere. Man sollte nach seiner Meinung genau festsetzen, welcher
Art ein Konzil sein müsse, um ihre Anerkennung zu Anden, und
dann gemeinsam durch Gesandte den Kaiser bitten, ein solches
anszuschreiben. Man sollte auch gleich bestimmen, auf welchen
Artikeln der Konfession man einträchtig behaiTen und „für einen
Mann stehen“ werde. Einigkeit herrschte auch in der gegenseitigen
Bereitwilligkeit, sich zu unterstützen, wenn vor dem Konzil irgend-
welche gewaltsamen Schritte gegen die Protestanten erfolgten. Auch
mit der Hineinziehung des Königs von England iu den Bund war
der Kurfürst eiuverstanden, auf die Frage der Aufnahme Karls von
Geldern ging er in seinem Bündnisentwurf nicht weiter ein. Auch
in dieser Bundesfrage suchte aber Johann Friedrich die Leistungen
gleich möglichst genau festzulegen. Die Könige sollten nach seiner
Meinung je 100000 Dukaten teils bei ihm, teils beim Landgrafen
hinterlegen nur zui- Verteidigung gegen Angriffe wegen der Re-
ligion. Würden die Könige selbst angegriffen, und wollten sie auf
die evangelischen Einungsverwandten „Gleich und Recht leiden“ *),
so sollten die V^erbündeten für den König, der die Hilfe forderte,
aber immer nur für einen auf einmal, 8000 Knechte annehmen und
auf ihre Kosten bis an die Grenze führen, diese müßten dann aber
von dem betreffenden König drei Monate lang ehrlich besoldet
werden. Wenn die Könige in anderen Sachen Kriegsvolk brauchten,
soUten die Verbündeten ihre Werbungen gestatten und unterstützen.
Die Frage der Ausnehmung wollte du Bellay so formulieren,
daß in den nicht auf die Religion bezüglichen Dingen alle die aus-
1) Ich vermag keine sichere Uebersetzung dieses Ausdrucks zu geben.
Digitized by Google
78
Kapitel I.
genommen werden sollten, denen man durch Treue oder ältere
Verträge verbunden sei, solange diese Verpflichtungen gälten.
Johann Friedrich glaubte aber doch, den Paragraphen so fassen
zu müssen, daß von deutscher Seite niemand ausgenommen sein
solle, als der jetzige und künftige Kaiser und das heilige Reich.
Diese Beschränkung sollte nur dann nicht gelten, wenn der Kaiser
vor dem Konzil die Protestanten der Religion wegen angrifl!'e. Der
französische Gesandte hatte aber keine Vollmacht, auf ein so ver-
klausuliertes Bündnis einzngehen. Er mußte die Entscheidung
seinem Könige überlassen *). Es kam daher für jetzt nicht zu
einem Abschluß des Bundes, dieser hing vielmehr davon ab, ob
Franz I. zu jener Beschränkung seine Zustimmung geben werde *).
Das war aber nicht zu erwarten, da der Bund durch sie an Wert
für ihn ja völlig verlor. Und als dann gar der König im nächsten
Jahre seine Vermittlungspolitik aufgab und wieder unter den Ein-
fluß Montmorencys geriet, war an eine Verbindung mit den Pro-
testanten erst recht nicht mehr zu denken’).
1) Folgende Akten liegen über du Bellays Verhandlungen vor: a) Dez. 17
oder 18, Oratio Bellaii ad Jo. Frideric. nebst der Antwort des Kf., C. R. II,
No. 1376. Bourrilly , 8. 205. Reg. H. p. 99, No. 42, II, dort auch die anderen
Stücke, b) Dez. 19, Bellaii ad principes oratio, C. R. II, No. 1377. Fr eher -
Struve, III, 8. 360 — 364. c) Dez. 20, Actio Bellaii cum Pontano, C. R. II,
No. 1378. Eine in manchen Punkten ausführlichere deutsche Niederschrift der
Mitteilungen des Gesandten in P. A. 461, Bl. 10—16. Vergl. Bourrilly, S.207ff.
d) Dez. 22, Reeponsum BcUaio datum, C. R. II, No. 1380. e) Dez. 22, Capita
responsionis Bellaii Oratoris ... ad responsionem publicam. Reg. H. a. a. O.,
lateinisch und deutsch von der Hand Spalatins, nebst Antwort der Verbündeten
darauf und Schlußerklärungen des Gesandten, f) Bündnisentwurf des Gesandten :
Die copei der lateinischen notel, so der Französisch orator den fürsten und
Stenden zu Schmalkalden zugestellt, 1535, Hand Spalatins, ebenda, g) Ungc-
verliche und unverbintliche artickel, darauf mit kon. W. geschickten von aller
einungsverwandten w(^en auf das gesucht verstentnus zu handeln sein soll.
Entwurf mit kleiner Korrektur des Kf., ebenda. Es folgte vielleicht ein noch-
maliger Schriftwechsel, dann h) Dez. 25, Abschied, der dem Gesandten durch
Christoph von Taubenheim und Franz Burchard überreicht wurde. Lateinisch
von Brücke, deutsch von Spalatins Hand, ebenda. Antwort des Gesandten darauf,
lateinisch von Burchards Hand, von Spalatin ins Deutsche übersetzt.
2) Nach Brief an Hans Hofmann vom 27. Dezember 1535 faßte der Kf.
die Sache so auf, daß man schon jetzt auf die Hilfe der Könige in Religions-
sachen rechnen könne. Reg. H. p. 103, No. 46. Winckelmann, ZKG. XI,
8. 237.
3) Bourrilly, S. 212f.
Digitized by Google
Band and Beich: Die Jahre dee Vertranene 1532 — 1536.
79
Leider wissen wir nicht, wie die Stellung der einzelnen schmal-
kaldischen Bundesgenossen in der Frage der Verbindung mit PVank-
reich gewesen ist, sicher ist aber wohl, daß gerade Johann Friedrich
zn denen gehört haben wird, die die Rücksichtnahme auf Kaiser
nnd Reich für notwendig hielten. Er würde sich sonst ja auch zu
den Wiener Verträgen direkt in Widerspruch gesetzt haben. Sie
zu brechen, wäre ihm gegen die Natur gegangen*). Ob der Fehler
bei der Unzuverlässigkeit der frauzösischen Politik so sehr groß
war, wird man bezweifeln dürfen. —
Mit der Haltung, die Johann Friedrich gegenüber den An-
näherungsversuchen des Königs von Frankreich beobachtete, stimmte
die gegen Heinrich VIII. von England vielfach genau überein. Der
Kurfür^ hatte sich bei den Gesandtschaften des Königs im Jahre 1533
und gegenüber dem Plan, diesen in den Wahlbund aufzunehmen,
nicht gerade besonders entgegenkommend gezeigt*). 1534 war es
dann schon zu Verhandlungen zwischen England und dem schmal-
kaldischen Bunde gekommen, man hatte von einer Gesandtschaft nach
England gesprochen, schließlich war daraus aber doch noch nichts
geworden. Eine religiöse Annäherung lag damals noch in weitem
Felde, nur über die Frage der Ehescheidung wurde viel disputiert*).
Im Jahre 1535 folgten dann die beiden Sendungen des Barnes^),
1) Die Auffassung des Kf. ist am deatlichsten wohl in dem Brief an Hof-
mann vom 27. Dez. 1535 ausgesprochen. Er erklärte hier, daß die Artikel, auf
die man eich mit den Königen eingelassen habe, nicht gegen den Kaiser und
König gerichtet seien, es sei denn, dafi diese die Protestanten, nachdem der
Friede durch eine Reichsversammlung oder ein Konzil umgestoQen sei, mit Ge-
walt überziehen wollten. „Es mochten auch solche handelungen wol verblieben
und underlassen sein worden, so wir am negsten zu Wien, das der friden der-
massen, wie er abgeredt, auf ein gemain, frei und christlich concilium plieben
were und mittler zeit durch kais. und kön. M' auch kfen., fürsten und stende des
reiche nit aufgehoben, betten erhalten und erlangen, damit man sich sulches
friedens getrosten und darauf verlassen hette mugen.“ Reg. H. p. 103, No. 46.
Der Kf. ließ sich also auf die Verhandlungen mit Frankreich und England ein,
weil man in Wien seine Wünsche nicht erfüllt hatte.
2) Vergl. 8. 23.
3) Akten darüber in Reg. C. No. 469. Vom 12. April ein Rckreditiv und
eine ausführliche Antwort des Kf. für Heath nnd Montaborinus (Mont?), vom 13.
ein Bericht Spalatins an den Kf. über Verhandlungen mit den Engländern, eigenh.
Or. Vergl. ferner Beyer an Kf. April 14, Hdbf., ebenda. Abschied des Nürn-
berger Bundestages vom 26. Mai 1534, Reg. H. p. 84, No. 31, vol. II, Bl. 58—74.
4) üeber seine erste Sendung im März wissen wir eigentlich nur, daß die
Wittenberger über die Ehescheidung mit ihm disputierten. C. R. II, 860 — 864.
Digitized by Google
80
Kapitel I.
sie waren znm Teil nur als Vorbereitnn)^ zn betrachten auf die
stattlichere Botschaft des Königs, die Ende des Jahres erfolgte
und znm schmalkaldischen Bundestage gerade recht kam.
Bleiben wir aber zunächst noch bei der Sendung des Barnes,
so ist die Aufnahme, die er im September fand, eine ganz außer-
ordentlich freundliche gewesen. In Wittenberg hegte man die
besten Hoffnungen in bezug auf den religiösen Anschluß des Königs,
ja Luther befürwortete aufs wärmste die Beurlaubung Melanchthons
nach England*). Johann Friedrich hat sich dazu allerdings nicht
so schnell entschließen können, er verschob seine Antwort auf
diese Bitte bis auf die Zeit nach seiner Rückkehr aus Wien, im
übrigen aber ist sein Verhalten gegen Barnes ein sehr freund-
schaftliches gewesen, er erlaubte ihm, während seiner Abwesenheit
mit Luther und den anderen Theologen weiter zu verhandeln,
versprach auch der angekündigten feierlichen Gesandtschaft die
beste .Aufnahme. Schon Barnes hatte die Bitte des Königs um
Aufnahme in den Bund und um vorherige Mitteilung der Artikel,
an denen man im Konzilsfalle festhalten wolle, ausgesprochen.
Der Kurfürst konnte natürlich für sich allein darauf nicht ant-
worten, versprach aber, die Sache auf dem bevorstehenden Bundes-
tag zum Vortrag zu bringen*).
Ehe es dazu kam, war auch die große englische Gesandtschaft,
bestehend aus Edward Foxe, dem Bischof von Hereford, und
Nicolaus Heath, in Sachsen eingetroffen *). Der Hauptgedanke ihrer
Instruktion war der, daß man sich in der Lehre einigen müsse,
um ein gemeinsames .\uftreten auf dem Konzil zu ermöglichen.
Kredenzbrief für die zweite Sendung vom 8. Juli 1535 in Reg. H. p. 99, No. 42,
vol. 1, Or. Am 12. Juli und 24. Aug. finden wir den Ges. in Hamburg (Wurm ,
B. 43. 46), BO daü er wohl erst im September nach Wittenberg gekommen
»ein wird.
1) Luther, Jonas, Cruciger und Bugenhagen an Kf. BepL 12. Enders,
X, 8. 226 f. Luther an Brück Sept. 12, ebenda S. 227 f.
2) Die Audienz fand etwa am 21. September in Jena statt Am 1& traf
Barnes dort ein. (Brück an Kf., C. R. II, 940.) Die Antwort des Kf. gedruckt
bei Kapp, Kleine Nachlese, III, 8. 372 — 376; C. R. II, 940—943. Melanchthon
ist nur ihr Uebcrsetzer. Am 27. reiste Barnes von Jena wieder nach Witten-
berg ab. (Brück an Kf., C. R. II, 967 f., No. 13.55.) Auf Ende September möchte
ich den Brief des Kf. an die Wittenberger ansetzen. (Enders, X, 8. 171 f.)
Kf. an Heinrich VIII. Sept. 28, C. R. II, 943 f., von Melanchthon verfafit
Barnes' Bericht über die Audienz Okt 5, L. a. P. IX, No. 543, S. 179 f.
3) Zum Folgenden vergl. meine „Wittenberger Artikel“, Einleitung.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre des Vertrauens 1532 — 1536. gX
Der König rechnete dabei darauf, daß die Protestanten in einigen
Punkten nachgeben würden und daß es auch zu Erörterungen
Ober die Gewalt des Papstes und über die Ehescheidung kommen
würde. Einen Bund mit den Protestanten schlug Heinrich nicht
direkt vor. Wenn jene aber seinen Eintritt in ihren Bund und
Annahme der Augsburgischen Konfession verlangten, so sollten
die Gesandten um die Bündnisartikel bitten und die Sendung einer
Gesandtschaft nach England zur Fortsetzung der Verhandlungen
verlangen.
Der Kurfürst befand sich, als die Gesandten ankamen, noch
auf der Reise. Er hätte eigentlich gewünscht, daß sie erst mit
den Wittenberger Theologen verhandelten. Daraus ist aber an-
scheinend nichts geworden. Er selbst erteilte den Engländern am
9. Dezember in Weimar Audienz und begab sich dann mit ihnen
nach Schmalkalden. Hier berichtete er am 13. den Verbündeten
Ober ihre Werbung. Die Gesandten selbst haben am 15. Dezember
Brück und Burchard noch einmal einen ihrer Instruktion ent-
sprechenden Vortrag gehalten und dabei die Geneigtheit ihres
Königs znm Eintritt in den Bund sehr stark betont. Noch an dem-
selben Tage*) hielt Foxe auch vor der Gesamtheit der Verbündeten
eine Rede, in der er besonders die evangelische Gesinnung Hein-
richs hervorhob und um Gelegenheit zu weiteren Verhandlungen
über die Lehre bat, da man nur, wenn man in ihr einig sei, ge-
meinsam auf dem Konzil auftreten könne. Man erfüllte diesen
Wunsch, und aus den gemeinsamen Beratungen ging dann wohl
die von den Gesandten und den beiden Bundeshäuptem Unter-
zeichnete sogenannte Petition an den König vom 25. Dezember
hervor.
Man kam darin zunächst den Wünschen Heinrichs insofern
sehr weit entgegen, als man sich zu Verbesserungen der Kon-
fession und Apologie bereit erklärte. Die in Deutschland zurück-
bleibenden Gesandten sollten darüber mit deutschen Gelehrten
verhandeln, die definitive Entscheidung aber sollte erst gelegentlich
einer in Aussicht gestellten protestantischen Gesandtschaft an den
König erfolgen. Das, worauf man sich einigte, wollte man dann auf
dem Konzil gemeinsam verteidigen. Um ihre Ansichten über die
Art eines für sie annehmbaren Konzils klarzulegen, verwiesen
1) Das Datum ergibt sich ans P. C. II, 318.
Bsitrtg« cor neoeren Gcachicbt« ThOnngeni I, 2. 6
Digitized by Google
82
Kapitel 1.
die Verbündeten auf die Antwort, die sie Vergerio erteilt hatten.
Weiter wurde in der Petition der Gedanke eines Bundes mit dem
Könige erörtert. Zum Defensor oder Protektor ihres Bundes wollten
die Protestanten diesen ernennen. Keiner sollte einen Feind des
anderen Teiles unterstützen, der König soUte zu Verteidigungs-
zwecken 100000 Kronen hinterlegen. Davon sollte die Hälfte ver-
wendet werden, die andere Hälfte, d. h. ebenfalls 50000 Kronen,
wollten die Verbündeten selbst aufbringen. Im Notftdle sollte
Heinrich aber noch weitere 200000 Kronen liefern. Die Verbün-
deten wollten sich verpflichten, das Geld zu keinem anderen Zwecke
zu gebrauchen und das, was nicht gebraucht würde, zurückzu-
geben ^).
Mit der Unterzeichnung dieser Petition waren die Verhand-
lungen zunächst beendet. Sie zeigen entschiedene Verwandtschaft
mit den französischen. Auch bei diesen waren gemeinsames Auf-
treten auf dem Konzil und Einigung in der Lehre geplant, doch kam
man mit den Engländern insofern weiter, als die Verhandlungen
über die Lehre gleich im Januar 1536 in Wittenberg begannen.
In der Frage des Bündnisses geht die Petition dafür aber ent-
schieden weniger weit als die mit du Bellay gewechselten Entwürfe.
Die Leistungen, die für die Protestanten in Aussicht genommen
wurden, waren minimal, infolgedessen war es auch nicht nötig,
Kaiser und Reich besonders auszunehmen. Mit der Geringfügigkeit
der von den Schmalkaldenern versprochenen Leistungen sank aber
natürlich auch die Wahrscheinlichkeit der Annahme der 13 Artikel
der Petition durch den König. Bei ihm lag jedenfalls, wie dort
bei Franz I., die Entscheidung.
Sie erfolgte zunächst in der Antwort, die er auf die Petition
erteilte und die am 12. März in Wittenberg überreicht wurde.
Heinrich erklärte sich darin einverstanden mit den Artikeln über
das KonzU, über die Ablehnung jeder Herrschaft des Papstes, über
die Verpflichtung, keinem Feinde des anderen Teiles zu helfen. Auch
dagegen, daß er 100000 Kionen zahlen sollte, hatte er nichts ein-
zuwenden. Er forderte aber als Gegenleistung, daß die Verbündeten
ihm, wenn er angegriffen werde, 500 Reiter oder 10 Schiffe nach
seiner Wahl auf 4 Monate schicken sollten und daß ihm erlaubt
sein solle, bis zu 2000 Reitern und 5000 Fußsoldaten durch die
1) C. R. II, 1032 ff.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre des Vertrauens 1532—1536. 83
Verbündeten werben oder sich 12 Schiffe von ihnen liefern zu
lassen. Er verlangte außerdem noch, daß die Verbündeten in der
Ehescheidungsfrage die früher von den Wittenberger Theologen
ausgesprochene Meinung verteidigten, und bat endlich von neuem
um eine Gesandtschaft, mit der er über die Art der Hilfsleistung
weiter verhandeln, vor allem aber Einigkeit in der Lehre, die
Voraussetzung jedes Bundes, erzielen könne ^).
Johann Friedrich, der sich selbst nach Wittenberg begeben
hatte, um diese Antwort entgegenzunehmen, ist nicht gerade sehr
erfreut über sie gewesen. Da sich ja aber die Verhandlungen mit
den Engländern über die Lehre ganz gut anließen, glaubte man
doch den König nicht so leichthin abweisen zu dürfen. Die end-
gültige Entscheidung konnte allerdings nur durch die auf den
April nach Frankfurt berufene Bundesversammlung getroffen
werden. Johann Friedrich hat aber den englischen Gesandten
dnrch Bnrchard und einen anderen Rat am 3. April doch eine vor-
läufige Antwort erteilen lassen, indem er dabei ihre Unverbindlich-
keit allerdings aufs stärkste betonte. Er erklärte sich darin bereit,
für den Bund mit dem Könige zu wirken, wenn dieser sich in der
Lehre und in den Zeremonien der Konfession und der Apologie
anschlösse. Er wollte dann dafür eintreten, daß ihm eine Hilfe
von 500 Reitern und 1500 Knechten geleistet werde, und daß ihm
auch weitere Werbungen gestattet würden, er lehnte es dagegen
ab, eine Hilfe der Alt, wie sie in der Antwort des Königs gefordert
werde, zu gewähren. Er wandte sich damit wohl vor allem gegen
die Stellung von Schiffen. Auf die Ehesache ließ er sich gar nicht
ein. Am Schluß erklärte er ein Bündnis mit dem König oder eine
Botschaft an ihn dann für nutzlos, wenn dieser zum Vergleich in
der Religion nicht geneigt wäre, auch nicht auf Grund der jetzt in
Wittenberg verabredeten Artikel, oder wenn er auf den in seiner
Antwort enthaltenen Forderungen beharre*).
Unter dem Einfluß von Brück und Luther ist Johann Friedrich
in den nächsten Wochen noch weiter entgegengekommen "). In
der Instruktion, die er seinen Gesandten nach Frankfurt mitgab,
empfahl er die Schickung nach England, auch wenn kein Bündnis
1) C. R. m, 45 ff.
2) C. R. III, 60 ff., No. 1415, dort fälschlich auf etwa den 22. April datiert.
3) Seckendorf, III, S. 112f. läßt zu stark die negative Seite der Aeuße-
runeen des Kurfüraten hervortreten.
6*
Digitized by Google
84
Kapitel I.
zustande komme. Auch in der Personenfrage war er sehr bereit-
willig, schlug vor, außer Georg von Anhalt Melanchthon und
Burchard zu senden. Was die Bedingungen eines etwaigen Bünd-
nisses betraf, so glaubten die Sachsen, in der religiösen Frage un-
bedingt an den bisherigen Forderungen festhalten zu müssen, in
den anderen Punkten waren sie bereit, sich durch die anderen
Stände überstimmen zu lassen*). Von diesen hat sich besonders
Hessen der Bündnisfrage angenommen. Es war der Meinung, daß
man sich, auch wenn eine Einigung in der Religion und ein wirk-
liches Bündnis nicht möglich sei, doch mit dem Könige dahin ver-
gleichen könne, daß kein Teil ohne den anderen das Konzil bewillige
und daß man in keiner Sache gegeneinander handle, es wäre denn,
daß diese Sachen das Reich beträfen. In bezug auf dieses wünschte
auch der Landgraf unverbunden zu bleiben. In der Frage der
Ehescheidung lehnte er ein Urteil ab, überließ sie dem Gewissen
des Königs*).
Die englische Angelegenheit ist, obgleich die Engländer schon
am 25. April in Frankfurt eingetroflfen waren®), erst am 2. Mai
zur Beratung gekommen. Dadurch daß die städtischen Gesandten
nicht genügend über die Sache instruiert waren, wurde eine Be-
schlußfassung erschwert. Man wählte aber einen Ausschuß, der
am 3. Mai ein Gutachten über die dem König vorläufig zu er-
teilende Antwort abgab. Der englische Orator war mit dieser
Antwort aber nicht zufrieden, so daß weitere Beratungen statt-
fanden, deren schließliches Resultat der Nebenabschied vom 11. Mai
war. Es war darin zunächst die Gesandtschaft nach England be-
schlossen, allerdings unter der Voraussetzung, daß die Stände,
deren Vertreter jetzt nicht genügend instruiert gewesen waren,
noch zustimmten. Zu Mitgliedern der Gesandtschaft wurden Fürst
1) Instruktion vom 21. April, B^. H. p. 106, No. 47, Or. Sie steht unter don
Eänfluü eines Briefes Brücks an Kf. vom 15. April, Reg. H. p. 99. No. 42, voL I.
Luther sprach sich schon am 28. März für Bund und Gesandtschaft aus, wenn der
König die Wittenberger Artikel annähme. (Enders, X, 8. 315 f.; Erl. 55, 128.)
lieber die Frage, ob man auch ohne Einigkeit in der Lehre in weltlichen Sachen
einen Bund schließen könne, enthielt er eich des Urteils (April 20, Enders, X,
8. 327 ; Erl. 55, 133 f.). Doch hat er wegen der Gesandtschaft auch an den Land-
grafen geschrieben und eich Burchard gegenüber mündlich dafür ausgesprochen, daß
man sie unter allen Umständen vornehme (nach der Instruktion vom 21. April).
2) Instruktion des Ldgf. für seine Gesandten vom 22. April, P. A. No. 440, Or.
3) L. a. P. X, 309, No. 730.
Digitized by Google
Bond und Reich: Die Jahre des Vertrauens 1532 — 1533. 85
Georg von Anhalt, je zwei Räte des Kurfürsten und Landgrafen,
für die Städte Jakob Sturm, von Theologen Melanchthon, Bucer
und Dr. Georg Drach ausersehen. Auch die ihnen mitzugebende
Instruktion wurde sogleich festgesetzt. Sie durften sich auf
Bündnisverhandlungen nur einlassen, wenn eine Einigung in der
Lehre auf Grundlage der Konfession und Apologie oder der
zwischen der Botschaft und den Wittenberger Theologen ver-
abredeten .Artikel zustande käme. Die Bedingungen, die man dann
im übrigen eingehen wollte, stellten ein Kompromiß zwischen den
13 Artikeln und der Antwort des Königs dar, auch die Vorschläge
des Kurfürsten wurden dabei berücksichtigt, doch wurde z. B. die
in Aussicht gestellte Hilfe auf 500 Reiter und 2000 Mann zu Fuß
erhöht. Als eine neue Forderung tauchte auf, daß der Bund nicht
gegen den Kaiser, den römischen König und das Reich gelten
dürfe. Besonders die Städte hatten auf diese Beschränkung Wert
gelegt. Erwies sich ein Bund als unmöglich, so wollte man doch
eine Einigung zu erreichen suchen derart, wie der Landgraf sie
in seiner Instruktion vorgeschlagen hatte. Diese finden wir auch
in dem Satz über die Ehescheidungsfrage benutzt*).
Die Ausführung dieser Beschlüsse hing ja nun zunächst noch
davon ab, ob die Stände, deren Gesandte nicht instruiert gewesen
waren, ihre Zustimmung gaben. Wie üblich, liefen diese Erklärungen
sehr langsam ein. Außerdem sprachen sich eine ganze Reihe be-
sonders der niederdeutschen Stände gegen das Bündnis, ja auch
gegen die Botschaft aus*). Doch können sie dabei schon unter
dem Eindruck der Nachrichten von den Umwälzungen in England,
die mit der Katastrophe der Anna Boleyn zusammenhingen, ge-
standen haben. Diese ließen natürlich alles in ganz anderem
Lichte erscheinen, Barnes selbst warnte jetzt Melanchthon vor der
Reise nach England *). Auch die schmalkaldischen Fürsten hielten
1) Vergl. über die Verhandlungen zunächst P. C. II, 364 — 368. Aktenstücke
dazu in Reg. H. p. 90, No. 42, vol. III und IV, ebenda in voL III Kopie des
Nebenabschiedes vom 11. Mai. VergL P. C. II, 366, 2.
2) Zustimmend erklärten sich Btraflburg, Constanz, Lindau und Eßlingen, die
anderen Oberländer ablehnend (P. C. II, 374, 2), ebenso die Hze. von Lüneburg,
Magdeburg, Braunschweig und Hannover. (Juni 4, Reg. H. p. 100, No. 48.)
Dafür waren Hamburg und Bremen.
3) Mai 21, Barnes an Aepinus, Wurm, 8. 49 Anm. 10 = C. R. III,
700 f., aber wohl jedenfalls ins Jahr 1536 zu setzen. Vergl. auch C. R. III,
S. 01, No. 1439 den Brief an Jonas.
Digitized by Google
86
Kapitel I.
es jetzt für besser, mit der Sendung zu warten, bis man nihere
Nachrichten habe. Als Vorwand für den Aufschub konnte dienen,
daß der Bischof von Hereford versprochen hatte, über die Auf-
nahme der Wittenberger Artikel zu berichten. Das war bis zum
Herbst noch nicht geschehen. Man begnügte sich daher damit, in
einem Briefe vom 1. September den König auf diesen Mangel auf-
merksam zu machen, auf die sonstigen Gründe für die Verzögerung
der Gesandtschaft hinzuweisen und um eine Meinungsäußerung über
das Konzil zu bitten^).
Eine Antwort auf diese Anfrage ist nicht erfolgt, war doch
tatsächlich damals Heinrich VIII. in ein so ganz anderes Fahr-
wasser geraten, daß jede Verbindung mit den deutschen Protestanten
ausgeschlossen war. Hätte er seine Zustimmung zu den Witten-
berger Artikeln gegeben, so wäre trotz der Schwierigkeiten, die
einzelne Mitglieder des Bundes machten, die Gesandtschaft doch
wohl erfolgt, und auch der Abschluß eines Bundes wäre dann
nicht allzu schwierig gewesen. Der Landgraf äußerte wenigstens
am 26. Juni, daß die Mehrheit der Bundesstände für die Sendung
sei und nur die Sache mit der Frau des Königs dazwischenge-
kommen sei. Jedenfalls lag es nicht am Kurfürsten, wenn aus der
ganzen anfangs so aussichtsvollen Verhandlung nichts geworden
ist. Er hatte sich ja offenbar zu dem Bunde mit England viel
geneigter gezeigt, als zu dem mit Frankreich. —
Wir haben diese englischen Verhandlungen gleich bis zu einem
gewissen Ruhepunkt verfolgt und kehren nun zum Anfang des
Jahres 1536 zurück, um uns die Lage nach dem Ende des schmal-
kaldischen Tages klar zu machen. Zunächst mußte da der Znist
zwischen dem Kurfürsten und dem Landgrafen sehr unangenehm
empfunden werden. Er war noch dadurch verstärkt worden, daß
Johann Friedrich den Grafen Wilhelm von Nassau zum Pfleger in
Koburg ernannt hatte. Das verstieß nach der Ansicht des Land-
grafen gegen die Bestimmungen der Erbeinigung*), während der
1; C. R. III, 144 — 146. Eine Korrespondenz zwischen dem Kurfürsten und
dem Land^:rafen über die weiter einzunehmende Haltung ging vorher. Ldgf. an KL
Juni 26, Reg. H. p. 109, No. 48, Or. Antwort des KL vom 7. Juü, ebenda. Kf.
an Ldgf. Juli 13, Reg. H. p. 99, No. 42, vol. III. LdgL an Kf. Juli 25, Reg. H.
p. 112, No. .52, Or. Kf. an Ldgf. Aug. 3. 24, Konz, ebenda.
2) Ldgf. an Kf. 1536 Jan. 1 und 28, Reg. H. p. 124, No. 55, Or.
Digitized by Google
Bund und Bcich; Die Jahre des Vcrtrauena 1532 — 1536.
87
Kui-fürst sich dieser Ansicht nicht anznsclüießen vermochte’), und
da nun auch der Streit über die Wahlangelegenheit noch nicht
beigelegt war, war ein Zusammenwirken beider Fürsten im Bunde
kaum möglich. Es war ganz im Geiste Johann Friedrichs, wenn
er jetzt an die einstige Mühlhäuser Verabredung erinnerte und
zu einer Zusammenkunft der Räte riet *). Diese hat dann im April
in Nordhauseu stattgefnnden. Die hessischen Räte gaben hier in
der Wahlsache ziemlich günstige Erklärungen ab , nur infolge
anderer Geschäfte hatte nach ihrer Aussage der Landgraf die Ver-
schreibung vom 15. Dezember nicht unterschrieben, dagegen erwies
es sich nicht als möglich, in der Frage der Dienstbestallnng des
Grafen von Nassau eine Einigung zu erzielen*). So haben sich
auch die in Frankfurt versammelten Bundesstände dieser Frage an-
nehmen müssen, sie baten Herzog Ernst von Lüneburg, die Ver-
mittlung zu übernehmen^). Dessen Eingreifen ist schließlich aber
doch nicht nötig gewesen, da der Streit durch direkte Verhandlungen
beigelegt wurde®). Johann Friedrich beharrte zwar auf seinem
Rechtsstandpunkte, fügte sich aber den Bitten des Landgrafen und
veranlaßte den Grafen, auf seine Stellung in seinen Diensten zu
verzichten*). In der Wahlsache ist es zu einer neuen Verpflich-
tung des Landgrafen zwar nicht gekommen, der Enrfürst glaubte
aber doch seiner Unterstützung sicher zu sein’).
Der geinze Streit und seine Beilegung ist für die beiden Fürsten
sehr charakteristisch. Sie wissen, wie schädlich Uneinigkeit unter
ihnen ist, und haben auch den Wunsch, sie zu vermeiden, aber es
wird ihnen doch sehr schwer, irgendwie von ihrem vermeintlichen
Rechtsboden zu weichen. Man muß anerkennen, daß in diesem
Falle die größere Kleinlichkeit auf der Seite des Landgrafen, die
1) Kf. an Ldgf. Jan. 12, ebenda. Gf. Wilh. an Kf. Febr. 6, Beg. H. p. 153,
No. 74, Or.
2) Kf. an Ldgf. Febr. 14, Keg. H. p. 124, No. 55.
3) April 6, Instruktion des Kf. für die nach Nordhansen gesandten Bäte,
Beg. H. p. 124, No. 55. Ein Bericht der Bäte in Beg. C. No. 819.
4) Bäte und Botschaften an Uz. Emst Mai 10, Kopie. Hz. Emst an KL
Mai 27, Or., Beg. H. p. 124, No. 55.
5) Kf. an Hz. Emst Juni 6, ebenda.
6) Kf. an W. v. Nassau Juni 21, Beg. C. No. 344, Bl. 47 — 54, Konz. Der
Gf. an Kf. Juli 3, ebenda. Bl. 56. Meinardus, 1,2, 8. 373 f. Der Gf. an Kf.
Juli 29, Reg. H. p. 124, No. 55, Or. Kf. an Ldgf. Äug. 10, ebenda, Konz.
7) Kf. an Ldgf. Aug. 34, Keg. H. p. 112, No. 52.
Digitized by Google
88
E«pitel 1.
größere Nachgiebigkeit auf der des KurfQrsten gelegen hat. Be-
sonders auch in der Frage der Zugehörigkeit des Grafen von Nassau
zum Bunde hat sich Philipp ja außerordentlich hartnäckig erwiesen
und den Grafen auch schließlich wieder hinausgedrängt'). Dies
gab einen Mißton auf dem Frankfurter Bundestage. Sonst läßt
sich nicht bemerken, daß seine Verhandlungen durch den Zwist der
beiden Bundeshäupter gestört worden seien.
Um sie zu verstehen, müssen wir zunächst noch die Gestaltung
der Beziehungen der Verbündeten zum Kaiser und zu König Ferdi-
nand ins Auge fassen. Es herrschte da im Winter 1535 auf 36 eine
recht trübe Stimmung infolge von Aeußerungen der beiden Habs-
burger in den Kammergerichtsangelegenheiten, die wenig Hoffnung
auf Ausführung des Wiener Friedens eröffneten. Da erließ zunächst
König Ferdinand am 24. November ein Mandat an das Kammer-
gericht, in dem außer der Beschränkung auf die im Frieden begriffenen
Stände noch die weitere enthalten war auf die Prozesse, die schon
vor dem Wiener Vertrage begonnen hatten, ja es wai‘ ursprünglich
sogar positiv betont, daß gegen neue Handlungen der Protestierenden
gerichtliches Verfahren freistehe ’). Das brachte denn doch auch den
geduldigen Sachsen in Harnisch. Er schickte die Mandate, die
Dölzig ihm überbracht hatte, an Hans Hofmann zurück mit der
energischen, fast drohenden Bitte um Aenderung. Seinen Pro-
kuratoren am Kammergericht schickte er einstweilen eine Kopie
der Wiener Bewilligung des Königs zu, damit sie sie dem Kammer-
richter und den Beisitzern mitteilten *).
Hofmann hat dann die Aenderung der anstößigen Stelle beim
Könige erreicht, und in dieser neuen Form ging das Mandat
dem Kammergericht zu*). Die Antwort, die es darauf erteilte,
daß es seine Pflicht erfüllen werde, wie es „das darvor getan“,
war nicht gerade sehr viel versprechend*), auch Ferdinands Be-
nehmen gab nach wie vor zum Anstoß Anlaß*). Das Sclilimmste
1) MeinarduB, I, 1, S. 159.
2) Loc. 10674 „eretee Buch, Handlung zu Wien“, Kopie der ursprünglichen
Fassung des Mandats. P. C. II, 320, 1 gibt schon die gemilderte Form.
3) Dez. 27 Keg. H. p. 103, No. 46, benutzt bei Winckelroann, ZKG.,
XI, S. 237.
4) Hofmann an Kf. 1536 Jan. 12, Loc. 10673 „Acta, die Abfertigung und
Handiung . . . 1535/36. Winckelmann, a. a. O.
5) Febr. 17, Reg. H. p. 110, No. 49, vol. II, Or. Winckelmann, a. a. O.
6) Z. B. in der Lindauer Sache, Febr. 21, P. C. II, 348f.
Digitized by Google
Band und K«ich: Die Jahre des Vertrauens 1632—1536.
89
aber war, daß man sich jetzt darüber klar werden mußte,
daß der Kaiser mit der Haltung des Gerichtes vollkommen
einverstanden sei. Etwa im Februar ist ja sein Briet vom
30. November aus Neapel in die Hände der Verbündeten ge-
langt, in dem er sich in den Fragen, die die Güter betrafen, um
die sich doch seit Nürnberg der Streit hauptsächlich drehte, auf
den Standpunkt des Kammergerichts stellte *). Wir wissen nicht,
wie Johann Friedrich diesen Brief aufgenommen hat, vermutlich
wird er in dem Gedanken Trost gesucht haben, daß der Kaiser
bei Absendung seines Briefes von den in Wien getroffenen Ver-
abredungen noch nichts wissen konnte. Das war wenigstens der
Standpunkt, den der Landgraf einnahm. Er hielt eine aufklärende
Antwort an den Kaiser für nötig, überließ es aber dem Kur-
fürsten, ob nur sie beide oder alle Bundesstände antworten
sollten*). Um dieselbe Zeit ging von Straßburg die Anregung
aus, Gesandte an den kaiserlichen Hof zu schicken. Sie wurde
vom Landgrafen dahin ansgestaltet, daß man ständig ein oder
zwei Vertreter am Hofe haben solle, um Mißverständnisse aufzu-
klären*). Gingen doch damals wieder Gerüchte von kriegerischen
Absichten des Landgrafen *).
Auch Johann Friedrich war der Ansicht, daß man dem Kaiser
antworten müsse, und zwar im Namen aller Bundesverwandten.
Ebenso war er mit dem Vorschlag, Gesandte am kaiserlichen Hofe
zu unterhalten, einverstanden, er wollte einen der beiden Vertreter
ernennen, der Landgraf sollte den anderen liefern, die Kosten aber
sollten von allen Verbündeten getragen werden.
Mit der Antwort an den Kaiser empfahl der Kurfürst zu
warten, bis er von Hofmann Antwort habe®). Diesen hatte er
nämlich wegen des Briefes des Kaisers und wegen der Antwort
des Kammergerichts, das offenbar mit den Prozessen wie bisher
1) Gedruckt bei Meinardus, FD6. XXII, 627 — 629. Auszug in P. C.
II, 340 f. Or. in Reg. H. p. 102, No. 145.
2) Ldgf. an Kf. Febr. 23, Reg. H. p. 112, No. 52, Or.
3) P. C. II, 341 f., No. 351. Zettel zu einem Brief des Ldgf. an Kf., viel-
leicht vom 23. Febr., Reg. H., ebenda.
4) Neudecker, Aktenst., S. 119. P. A. No. 438 zeigt, daß wirkliche
RQstungen des Landgrafen damals nicht sCattfanden.
5) Kf. an Ldgf. März 5, Reg. H. p. 112, No. 52, Konz. Or. in P. A. Sachsen,
Emeetinische Linie, 1.536.
Digitized by Google
90
Kapitel 1.
fortfahren wolle, interpelliert^), es dauerte aber bis in den April,
ehe er Antwort erhielt, und diese war so allgemein gehalten, daß
sie in keiner Weise befriedigen konnte*). Eher war die kaiser-
liche Gesandtschaft, die am 18. März wegen des Türkenkiieges und
der allgemeinen Lage beim Kurfürsten eintraf, geeignet, beruhigend
zu wirken *). Sie wird ihn in der Ansicht bestärkt haben, daß man
einen Angriff Torläuiig nicht zu fürchten brauche ^). Man kann ihn
überhaupt von einer etwas großen Vertrauensseligkeit damals nicht
freisprechen. Sein Bestreben, gut mit den Habsburgem zu stehen,
ist im Jahre 1536 offenbar noch außerordentlich groß gewesen, wie
das besonders bei seiner Bemühung, die dänischen Knechte für sie
zu gewinnen, hervortrat®). Am 22. April warnte er noch vor
Rüstungen, solange nicht nachgewiesen sei, daß wirklich für die Ver-
bündeten gefährliche Praktiken im Werke seien *). Auch sein Ver-
trauen zu Ferdinand war merkwürdig groß. Trotz der nichts-
sagenden Antwort Hofmanns, verwies er noch am 21. April darauf,
daß der König sich um die Bestätigung des kadanischen und Wiener
Vertrages beim Kaiser bemühe und daß darum das Schreiben an
diesen keine Eile habe’).
Die Entscheidung darüber war durch den Kurfürsten so
lange hingezögert worden, daß sie schließlich dem Frankfurter
Tage anheimöel. Dieser beauftragte Sachsen und Hessen, auf
Grund eines von Straßburg bereits im März eingereichten Ent-
wurfs den Brief an den Kaiser zu verfassen®). Seine Uebei'-
reichung an diesen sollte durch die zwei Sollizitatoren ge-
schehen, über deren Ernennung man sich ebenfalls in Frankfurt
1) Kf. an Hofmann März 2, Konz. Reg. H., ebenda.
2) April 4, Reg. H. p. 103, No. 46, Or. Da in dem Brief des Kf. keüie
Petition enthalten gewesen sei, könne der König nichts tun.
3) Ihre Werbung in Reg. C. No. 818. Vor allehi betraf sie dänische Dinge,
vergl. Waitz, III, 8. 262 f.
4) An Ldgf. März 5, siehe 8. 89 Anm. 5.
5) Korrespondenzen darüber in Reg. H. p. 103, No. 46; R^. C. No. 819.
820. 821. 824.
6) Kf. an seine Gesandten in Frankfurt April 22, R^. N. No. 62, III, ür.
7) Beiinstruktion vom 15. April, Reg. H. p. 106, No. 47.
8) Ldgf. an Kf. März 27, Reg. H. p. 101. No. 44, Or. P. C. II, 342,
No. 3.53 und Anm. 3. Der Kf. und der Ldgf. waren einig darin, da0 der Ent-
wurf gekürzt und gemildert werden müsse. Sächsische Nebeninstruktion vom
15. April, Reg. H. p. 106, No. 47. Kf. an die Gesandten April 22, Reg. N. No. 62,
III. P. A. No. 439. 440.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre des Vertrauens 1532 — 1330. 91
einigste. Deren Aufgabe sollte außerdem sein, die evangelischen
Interessen am Hofe Karls zu vertreten ; erst wenn der Kaiser nach
Augsburg kam, sollte er durch eine stattlichere Gesandtschaft be-
grüßt werden. Sachsen und Hessen wurden des weiteren mit einer
Sendung an König Ferdinand beauftragt, um über das Kammer-
gericht, und zwar besonders in einem Lindauer Fall, zu klagen ‘).
Den im Dezember in Schmalkalden gefaßten Beschlüssen hätte
es entsprochen, wenn man jetzt Ausschreiben gegen das Kammer-
gericht erlassen, mit Widerstand gegen eine etwaige Exekution ge-
droht hätte u. dgl. mehr. Kursachsen bewirkte, indem es auf die
großen Geschäfte, in denen sich der Kaiser befände, verwies, daß
man sich noch einmal mit einem Schreiben an äas Kammergericht
und mit einer Sendung an Ferdinand begnügte*). In Frankfurt
hat man sich dann auch mit der Frage beschäftigt, wie solche
Bundesstände, auf die der Nürnberger Frieden sich nicht erstrecke,
sich doch gegen Kammergerichtsprozesse schützen könnten *).
Sachsen, Hessen, Magdeburg und Straßburg wurden beauftragt,
Gutachten darüber abzufassen, diese sollten dann von den Bundes-
häuptem zu einem „Ratschlag“ zusammengearbeitet werden *). Die
Frage war dadurch aktuell geworden, daß ja auf Grund der schmal-
kaldischen Beschlüsse inzwischen eine Erweiterung des Bundes
durch solche Stände, die nicht dem Nürnberger Frieden unter-
standen, erfolgt war. Durch Kursachsen war da z. B. die Auf-
nahme der Herzöge von Pommern®) und des Fürsten von Anhalt-
Dessau erfolgt, und es gehörte auch zu den Aufgaben des Frank-
furter Tages, die Berichte entgegenzunehmen über die Verhand-
lungen, die von den einzelnen Bundesständen geführt worden waren,
und Beschlüsse über die Aufnahmebedingungen, die Anzahl der
Stimmen, die Höhe der Beiträge u. s. w. zu fassen. Dabei ergaben
sich eigentlich nur in Bezug auf die Aufnahme Ulrichs von Württem-
berg einige Schwierigkeiten, da der Herzog gerade in einen be-
drohlichen Konflikt mit Bayern verwickelt war und seinen Eintritt
außerdem an Bedingungen knüpfte, mit denen wenigstens der Kur-
1) Abschied vom 10. Mai .Reg. H. p. 178, No. 84, Or. P. C. II, 367, 2.
2) P. C. II, 359 ff.
3) Den Kf. finden wir schon im Januar mit der Frage beschäftigt, an Brück
1536 Jan. 7, Loc. 9650 „des Kf. zu Sachsen und Dr. Gregorii Brücken . . . 1537*.
4) Abschied vom 10. Mai.
5) Vergl. Heling, Balt. St, X, S. 19.
Digitized by Google
92
Kapitel I.
fürst nicht einverstanden war *). Man überließ schließlich die Weiter-
führung der Verhandlungen dem Landgrafen, erklärte sich nur
prinzipiell bereit, den Herzog unter ähnlichen Bedingungen wie
die Herzoge von Pommern aufzunehmen*). Auch die volle Einigung
mit diesen hat allerdings dem Kurfürsten noch manche Mühe ge-
macht®). Andere Schwierigkeiten ergaben sich daraus, daß die
Städte Goslar, Göttingen, Einbeck und Lübeck sich zur Annahme
der neuen Bundesverfassung noch nicht entschließen konnten*).
Infolgedessen konnte diese denn auch auf dem Frankfurter Tage
noch nicht zum Abschluß gebracht werden. Man konnte nur
Sachsen und Hessen beauftragen, die Originale nach Beendigung
der noch schwebenden Verhandlungen auszufertigen®).
Die Bundeshäupter haben anfangs die dadurch gewonnene Frist
ganz gern benutzt, um erst noch gewisse in der Verfassung unklar
gebliebene Punkte zu erledigen. So einigten sie sich z. B. am
4. Juni darüber, daß für Pommern und Württemberg je eine neue
Stimme geschaffen werden solle, daß auch die Zahl der städtischen
Stimmen um zwei vermehrt, die Gesamtzahl der Stimmen also auf
13 erhöht werden solle*). Als sich dann aber die Verhandlungen
bis in den Herbst hinzogen, wurde doch besonders der Landgraf
allmählich ungeduldig, um so mehr, als die Gefahr der Lage ihm
die wirkliche Vollziehung der Bundesverfassung dringend nötig er-
scheinen ließ. Kaum war nämlich die in Frankfurt beschlossene
Antwort auf das kaiserliche Schreiben vom 30. November abge-
gangen, als neue Momente der Beunruhigung hinzukamen, vor allem
in Gestalt von Nachrichten über die Rede, die der Kaiser im April
in Rom gehalten hatte. Da sollte Karl die Lutherischen direkt als
seine Feinde bezeichnet haben, da sollte von einer Ausrottung der
lutherischen Ketzerei und anderer Sekten die Rede gewesen sein
1) Seine Korrespondenzen in dieser Sache in R^. H. p. 112, No. 61.
2) P. C. II, 361.
3) Helin g, B. 23 f. Die kursächsischen Akten über die Verhandlungen
in H. p. lül, No. 43.
4) Vergl. speziell über Lübeck Virck, ZKG. XII, S. 570 H. Waitz,
III, S. 556 — 558. R^. H. p. 112, No. 50 n. 52. Rehtmeyer, III, S. 117.
5) Nach P. C. II, 357 ff. und dem Abschied.
6) Abschied darüber vom 4. Juni in P. C. II, 377. Ein Aktenstück über
die Verhandlungen in P. A. lag 1907 in No. 432.
7) Nachdem Brief des Erzbischofs von Lund vom 11. Mai (Lanz, II, S.235)
muS die Rede damals schon bei den Protestanten bekannt geworden sein, doch
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre des Vertrauens 1533—1536.
93
Es war nicht zu verwundern, wenn dem Landgiafen die Lage als
äußerst gefährlich erschien und wenn er jetzt schleunige Ausferti-
gung der Bundesverfassung empfahl 9-
Johann Friedrich war wie stets der Bedächtigere. Während
der ganzen letzten Monate hatte er in Korrespondenz mit Ferdinand
und seinen Räten gestanden’). Soeben erst hatte er dem Kaiser
Büchsenmeister und Pulver gegen Frankreich zu Hilfe geschickt *),
es kam ihn schwer an, jetzt plötzlich an feindselige Absichten der
Habsburger zu glauben. Gern hörte er auf die Aeußerungen derer,
die in dem Druck, der von der Rede des Kaisers verbreitet wurde,
eine Fälschung vermuteten ‘), aber der Einsicht, daß die Lage be-
denklich sei, konnte er sich doch nicht verschließen *), und so finden
wir denn im August auch ihn bemüht, die Vollziehung der Bundes-
verfassung zu beschleunigen*).
Bald trafen dann aber wieder allerhand beruhigende Nach-
richten ein, vor allem der Brief des Kaisers vom 7. Juli aus
Savigliano, in dem Karl seine friedliche Gesinnung so lebhaft zum
Ausdruck brachte und jede Absicht, den Stillstand zu verletzen,
ableugnete, die Kammergerichtsprozesse allerdings gar nicht be-
ist zunäclut von einer Wirkung nichts zn merken. Der KL erwähnt sie in einem
Brief an Kg. Ferdinand vom 1. Juni (Reg. C. No. U24, BL 115 — 119) unter Aus-
drücken großer Zustimmung, hatte also wohl zunächst eine unanstößige Form
kennen gelernt, ln der Korrespondenz der Bundeehäupter wird erst seit dem
25. Juli von der Bede gehandelt, doch läßt sich leider nicht feststellen, in welcher
Fassung der Landgraf eie damals dem Kf. zuschickte. Eine deutsche Ueber-
setzung in R^. H. p. 102, No. 45 spricht yon den , Lutherischen und andern
unsem Feinden“. Vergl. auch Conc. Trid. IV, S. 4 Anm.
1) Ldgf. an Kf. Juli 25, Reg. H. p. 112, No. 62, Or.
2) Besonders wegen der dänischen Knechte.
3) Kf. an Ferd. Juni 12, Reg. C. No. 375, Konz. Ferd. an Kf. Juli 5, Or.,
ebenda, etc.
4) So Luther und andere. Brück an Kf. Aug. 7, Reg. H. p. 123, No. 54,
benutzt bei Virck, ZKO. XIII, 8. 491.
5) So muß er Befürchtungen, daß ihm selbst ein Angriff drohe, gegen Of.
Neuenahr ausgesprochen haben. VergL dessen Brief vom 13. Juli, Cornelius,
XIV, S. 125.
6) An Ldgf. Aug. 3, Reg. H. p. 112, No. 52, Konz. P. A. Sachsen, Emest
Linie, 1536, Or. Die Ansicht des Kf. über die Lage ist vielleicht am beeten aus
dem Brief an Neuenahr vom 9. Aug. zu entnehmen. Reg. C. No. 345, BL 48
— 51, Reinentw., Aktenst. No. 6.
Digitized by Google
94
Kapitel I.
rührte *). Dazu kam dann später der Brief Ferdinands vom
11. August, in dem die in Umlauf befindlichen Nachrichten über
die Rede des Kaisers direkt als Erdichtung bezeichnet wurden*),
und ähnliche Mitteilungen Dölzigs®) und Neuenahrs^). Durch alle
diese Beschwichtigungsversuche wurde der Kurfürst zwar nicht
voUkommen beruhigt®), aber sie kamen doch seinem angeborenen
Vertrauen zum Kaiser zugute®) und veranlaßten ihn, sich in der
Vollziehung der Bundesurkunde wieder mehr Muße zu gönnen. Im
September ging er noch ruhig daran, allerhand kleine Aendemngs-
vorschläge besonders auf militärischem Gebiet zu machen. Aus
Rücksicht auf den Kaiser wünschte er, daß die Hauptleute nur
durch ihn und den Landgrafen ohne Erwähnung des Bundes an-
genommen würden. FhUipp von Hessen ließ sich darauf aber
nicht ein. Ferner schien es ihm ratsam, daß die Hauptleute außer
in besonderen Fällen von den Oberhanptleuten ernannt würden
ohne Zuziehung der Kriegsräte u. dgl. m. ’). Wenn die Bundes-
urkunde auch schon vom 29. September datiert ist, so hat es doch in
Wirklichkeit bis in den November gedauert, ehe sie fertig wurde ®).
Sie bedeutete eine entschiedene militärische und finanzielle Stärkung
des Bundes, und man konnte den etwa drohenden Gefahren nun
ruhiger entgegensehen.
1) Nendecker, Urk., 8. 267 ff. Meinardng, FlXl., KXII, 8. 610. Or.
Beg. H. p. 102, No. 46.
2) Hortleder, I, 1, 8. 04 ff.
3) Aug. 28, Eteg. H. p. 103, No. 46, Bl. 132—137, Hdbf.
4) Sept. 6, Reg. H. p. 124, No. 55, vergl. 8eckendorf, III, 8. 128.
5) Kf. an Hofmano Sept 5, Loc. 10673 Akten die Abfertignng und
Handlung . . 1535/36, Konz. An Dölzig an denu. Tage, Beg. H. p. 103, No. 46,
Bl. 169—173.
6) Aug. 15 Bchreibt er dom Ldgfen. über den Brief des Kaieers vom 7. Juli
recht naiv: und nachdem Kais. gnst gemuet, wille und meinung aus ange-
zaigter schriefft klerlich zu vermerken, welche wir auch bei uns also und nicht
anders gemeint sein genzlich halten, angesehen das es irer M> nicht löblich noch
rumlich anstehen wolt, do sich I. hemacher anders bewiesse, dan I. M‘ zuvor
von sich geschrieben het, so mainen wir, daß man dem Kaiser antworten müsse.
P. A. Sachsen, Eimest Linie, 1536, II, Or.
7) F. C. II, 392. Kf. an Ldgf. 8ept 17, Beg. H. p. 112, No. 52, Konz.
Ldgf. an Kf. Sept 27, ebenda, Or. Entwurf der Verfassung mit eigenh. Korrek-
turen des Kf. in Beg. H. p. 106, No. 47.
8) Ldgf. an Kf. Okt 12, Beg. H. p. 112, No. 52, Or. Kf. an Ldgf. Nov. 13,
ebenda, Konz.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre dee Vertrauens 1532—1536. 95
Die Stimmung blieb ja trotz aller der erwähnten beruhigenden
Erklärungen schwül. Schon seit dem Herbst dachte man daran,
eine Aussprache über die Lage auf einer Bundesversammlung
herbeizuführen, eine Zusammenkunft der beiden Bundeshäupter
sollte ihr vorhergehend). In den Korrespondenzen, die darüber
stattfanden, tritt die Verschiedenheit des Temperamentes der beiden
Fürsten einmal wieder aufs deutlichste zutage. Beide wollten
sich zwar dem Beschluß gemeiner Stände fügen, beide waren
im Grunde von dem Wunsch, den Frieden zu erhalten, erfüllt,
beide waren anch darin einig, daß die Lage bedenklich sei;
während nun aber der Landgraf schon Erwägungen darüber an-
stellte, ob man nicht den Gegnern zuvorkommen solle, anstatt „den
Backenschlag zu erwarten“ *), ließ sich Johann Friedrich von dem
Grundsatz leiten, daß das Beste sei, „sich mit Worten zu schützen,
dieweil man könne und möge“ ^). Dem entsprach ja dann auch
durchaus das friedvolle und freundschaftliche, aber doch nicht un-
geschickte Schreiben, mit dem man den Brief des Kaisers am
9. September beantwortete ‘). Der Kurfürst hörte in jener Zeit
von Mißerfolgen des Kaisers gegen Frankreich mit Bedauern und
machte noch im November den Vorschlag, daß er und andere
1) Sät Okt. 12. wurde der Plan erörtert, 2unSchst um zum Konzil Stellung
zu nehmen.
2) An Kf. Okt. 25, Loc. 9136 „KL zu Sachsen Beschwerung . . . 1536*', Or.
3) An Lidgf. Söpt. 28, Reg. H. p. 112, No. 52, Konz. P. A. Sachsen, Er-
nestinische Linie, 1536, Or. Sehr charakteristisch ist auch ein Brief an den Land-
grafen vom 6. Okt (Konz, ebenda, eigenh. Or. in P. A., vergl. Seckendorf,
III, S. 129.) Der Kf. spricht sich hier für eine ünterstötzung des Kaisers gegen
Frankreich ans, „wil dan von nnsserm teil als die der religion verwant allw^
kegen der Kais. M< in utgkeit erbotten worden, I. M‘, so fil leib und gut an-
treffe, zu gehorsammen und sich aller gebur zu erzeigen. Solt nun darüber von
niemandes unsser mitferwanten sich k^en Kais. M< mit utger gutwillickeit erzeiget
haben, worde es dannach bei I. M> allerlei nachdenken gemacht haben, auch wol
darmit die ursach geben haben, das forzunemen, das sunsten, wie ich zu got hoff,
auch Kais. M‘ gnem. erbietten nach verbleiben. So achte ich es auch dafür, es
werde die Kais. M< mit dem Franzosen vertragen oder nit, das keiner dem andern
wirdet helfen groß und mechtig machen. So will es auch aus allerlei bedenken
ganz beschwerlichen sein, sich diesser zeit mit dem Francossen einzulassen, so
wiessen E. L. anch, wie wir von allen teilen der Kais. M> verwant sein, achte
derhalben for das ratsammes und best, das gemach getban und gesehen werde,
wie es des concilium halber und sunsten sich anlassen wil . . .
4) Entwurf bei Neudecker, Urk., S. 269—273. Dazu Meinardus in
FDG. XXII, 8. 610 t.
Digitized by Google
96 Kapitel I. Bund uud Kelch: Die Jahre des Vertrauens 1532 — 1536.
deutsche Fürsten besonders wegen der Türkengefahr zwischen Elarl
und FTanz vermitteln sollten *). Eine wirkliche Umstimmung
Johann Friedrichs, eine Preisgabe seines Vertrauens auf die Habs-
burger und auf den Frieden, wurde erst herbeigeführt durch die
Erfahrungen, die die Gesandten der Schmalkaldner im Jahre 1536
beim Kaiser und beim Könige machten, und vor allem durch die
Sendung des Reichsvizekanzlers Held und sein Auftreten in Schmal-
kalden. Wir dürfen einen der entscheidendsten Wendepunkte in
der Politik des Kurfürsten auf diese Ereignisse zurückführen.
1) Kf. an Ferdinand Nov. 5, K(^. C. No. 376, Kopie. Freundliche, aber
nicht viel besagende Antwort dea Königs vom 11. Dez., ebenda, Or.
Digitized by Google
Kapitel II.
Bund und Reich: Die Jahre der Sorge und der Unter-
nehmungslust 1536 — 1541.
Der Leser, der uns bis hierher gefolgt ist, wird den Eindruck
gewonnen haben, daß die landläufige Vorstellung über Johann
Friedrich den Großmütigen durchaus den Tatsachen entspreche,
daß der Kurfürst zwar vom besten Willen beseelt gewesen sei
und sich mit Fleiß und Gewissenhaftigkeit den Au%aben' gewidmet
habe, die ihm gestellt waren, daß seine Fähigkeiten aber der Größe
dieser Aufgaben nicht gewachsen gewesen seien, daß es ihm an
der Initiative gefehlt habe, die nötig gewesen wäre, um die Welt-
lage zugunsten des Protestantismus auszunutzen, und daß er
durch die Bedenklichkeiten, die er erhob, auch hemmend gewirkt
habe auf diejenigen seiner Bundesgenossen, die, wie der Landgraf,
wenigstens zeitweilig für eine energischere Politik zu haben ge-
wesen wären. Nur darüber werden vielleicht Zweifel in dem Leser
entstanden sein, ob man die Fehler, die der Kurfürst unzweifelhaft
machte, in erster Linie aus einer gewissen geistigen Schwerfällig-
keit zu erklären habe, oder ob nicht vielleicht seiner Politik auch
in dieser Zeit Prinzipien und Ueberzeugungen zugrunde lagen.
Er wird, wenn er uns weiter folgt und die Tätigkeit Johann Fried-
richs in den nächsten Jahren beobachtet, zu dem letzteren Kesultate
kommen und wird diese Grundsätze dann wohl in Gewissenhaftigkeit
und Friedensliebe und einer bis auf die Spitze getriebenen Loyalität
gegen den Kaiser erblicken dürfen. Gerade die Enttäuschungen,
die der Kurfürst dadurch erlebte, führten den Umschwung herbei.
Blicken wir da zunächst auf die Erfahrungen, die man mit der
Sendung an König Ferdinand machte, so sollten ja nach den Frank-
furter Beschlüssen Sachsen und Hessen eine Botschaft an den König
Beitrag« xur neaeren GcKhichte ThUrmgent I, a. 7
Digitized by Google
98
Kapitel IL
schicken wegen des Verhaltens des Kammergerichts und besonders
wegen der Lindauischen Angelegenheit ‘). Sie bestimmten, als sie
wegen der Streitigkeiten des Kurfürsten mit Herzog Georg Anfang
Juni in Naumburg zusammen waren, Dölzig dazu. Nach seiner
Instruktion vom 6. Juli soUte er Ferdinand an seine Wiener Ver-
sprechungen erinnern, zu denen das Schreiben des Kaisers aus
Neapel und das Verhalten des Kammergerichts in Widerspruch
ständen. Er sollte betonen, daß die Protestanten keinen Stand
seiner weltlichen Güter entsetzt hätten, und dann besonders auf
den Lindauer Fall eingehen’). Später wurde ihm noch eine In-
struktion über eine württembergische und eine Memminger Streit-
sache nachgeschickt*).
Die ersten Verhandlungen hat Dölzig noch mit den für den Kaiser
bestimmten Gesandten gemeinsam in Innsbruck geführt. Der König
gab im allgemeinen die besten Versprechungen, erklärte aber, daß
der Lindauer Fall nicht hierher gehöre, da das Verfahren der Stadt
zum Nürnberger Frieden in Widerspruch stehe*). Die Gesandten
waren mit dieser Antwort wenig zufrieden, doch blieb zur Führung
der weiteren Verhandlungen nun nur Dölzig zurück, während die
anderen zum Kaiser weiterreisten. Jener nahm sich weiter der
Lindauer Sache an, daneben hatte er aber auch mit den privaten
Angelegenheiten des Kurfürsten zu tun. Auch mit der Ausführung
der Versprechungen, die Ferdinand in dieser Beziehung in Wien
gegeben batte, stand es ja sehr mangelhaft. Der Kurfürst hatte
zwar auch selbst Schritte getan, um z. B. die Heiratsbestätigung
zu erlangen, er war zu diesem Zwecke mit dem Erzbischof von
Lund schon in Wien in Verbindung getreten*). Außerdem waren
1) Meinardu*, FDG. XXII, 8. 610. P. C. II, 360L
2) P. A. No. 456.
3) Ebenda.
4) P. C. II, 3881. Dolzig an Ki. Aug. 14, Reg. H. p. 103, No. 46, Bl. 101
—104. Hdbf. Winckelmann, ZKG. XI, 8. 241, 1.
5} In Loc. 10674 „erstes Buch, Handlung zu Wien“ findet sich eine eigen-
hindige Anfzeichnung des KI. : „nachfolgende artickel sollte der orator der Kais. M*.
persönlichen bei Kais. M*. handeln und erlangen k^n nachgemelter b^nadung.“
Danach wollte Johann Friedrich dem Erzbischof die Koadjutorschaft in Naum-
burg verschaffen, wenn dieser beim Kaiser in der Frage der Kammergenchts-
prozessc, der Heiratsbestätigung, des Konzils und des Stifts Saalfeld in seinem
8inne tätig wäre. Gf. Neuenahr führte die Verhandlungen, doch kam man nicht
recht vorwärts, da Lund gerade das 8tiit Saalfeld haben wollte, das ihm der KL
Digitized by Google
Bnnd u. Reich : Die Jahre der Borge u. der UntemehmungsluBt 1536—41. 99
die Königin Maria und Graf Heinrich von Nassau durch Graf
Neuenahr veranlaßt worden, sich bei Earl der Angelegenheiten des
Kurfürsten anzunehmen*), ja im Frühling und Sommer 1536 hatte
Johann Friedrich sogar eine beinahe unwürdige Bereitwilligkeit
gezeigt, den Habsbnrgem zu dienen ’). Trotz alledem kamen seine
Sachen nicht von der Stelle. Die Schuld scheint mehr am Kaiser
als am König gelegen zu haben, denn dieser ist oifenbar bestrebt
gewesen, den Martinitermin einznhalten, und hat mehrfach deswegen
an den Kaiser geschrieben °). Beim Könige wieder nahm sich Hans
auf keiDen Fall auf Befehl des Kaisers überlassen wollte, um es nicht als Reiclis-
stift anzuerkennen. (Neuenahr an Kf. 1535 Nov. 24, Reg. H. p. 124, No. 55,
Hdbf.; an Dölzig Dez. 9, Reg. C. No. 816, Hdbf.; Kf. an Neuenahr Dez. 22, ebenda,
Konz.) Debrigens sehen wir in der nächsten Zeit den Erzbischof doch gelegentlich
für den Kf. arbeiten (Lan z , Btaatsp., 8. 205). Vielleicht wurde er gerade dadurch
dazu bestimmt, daß die Unterhandlungen mit ihm noch unerledigt waren. Sie ziehen
sich noch durch das ganze Jahr 1536 hin. VargL Meinardus, I, 2, S. 373f.
375 f.; Cornelius, XTV, S. 124 — 126, und außerdem Hufmann an Kf. Juni 16,
R^. H. p. 103, No. 46, Or. Kf. an W. v. Nassau Juni 21, R^. C. No. 344 BL 47
— 54, Konz.; an Gf. Neuenahr Juni 21, Reg. C. No. 345, Bl. 40—42, Konz. Kf.
an Hofmann Jnli 10. Reg. H. a. a. O. Kf. an Dölzig Aug. 5, ebenda; an Qf.
Neuenahr Aug. 9, Reg. C. No. 345, Bl. 48—61, Konz. W. v. Nassau an Gf.
Neuenahr, Wiesb. Aich. Katzenelnbogenscher Erbfolgestreit, No. 19, Konz.
Der Gf. bedauert hier, daß der Kf. nicht schon lange so sntgegenkommend ge-
wesen sei wie jetzt. Gewiß wird man sich fragen dürfen, ob nicht größere Nach-
giebigkeit Johann Friedrichs in der Baalfelder Sache politischer gewesen wäre,
abw er hätte dazu etwas abweichen müssen vom strengen Rechtsstandpunkt, und
das war für ihn unmöglich. Zur Bache vergL Bagittarius, II, S. 205 f.
1) Lanz, Staatspapiere, 8. 192. Cornelius, XIV, 8. 126ff. 128ff.
Meinardus, I, 2, 8. 3H. 392 f. Neuenahr an Kf. 1536 Aug. 25, Reg. H. p. 124,
No. 55, Or. Heinrich von Nassau an KL 1537 Febr. 12, Reg. B. p. 153,
No. 74, Or.
2) Vor allem in der Frage der dänischen Knechte. Waitz, III, S. 539L
Korrespondenzen in Reg.C. No. 818 — 821, 824, Reg.H. p. 103, No. 46. Im Zusammen-
hang damit übersandte der Kurfürst an den König und durch diesen an den Kaiser
aber auch Gutachten über die allgemeine Lage und speziell über die den Türken
gegenüber zu befolgende Politik. (Ferd. an Kf. Juni 12, Reg. C. No. 824, BL
135 f. Kf. an Hofmann Juni 21, Loc. 9125 „Kf. Johann Friedrichs zu Sachsen
Ueberlassung einiges Pulvers . . . 1536“ Konz.) Als politischer Ratgeber der
Habsburger hätte sich Johann Friedrich gewiß am wohlsten gefühlt Am 10. Juli
schrieb er sogar, daß er in seinen Kirchen für den Sieg des Kaisers beten lasse
(an Hofmann, Reg. H. p. 103, No. 46, Konz.).
3) Hofmann an Kf. Juli 27, R^. C. No. 375, Or. Karl V. an Kf. Aug. 3,
Loc. 10 673 „Schriften zwischen dem Kf. von Sachsen und Hz. Franz . . . 1536
-40“, Or.
7*
Digitized by Google
100
Eapitel II.
Hofmann der Dinge mit Eifer an. Seit August wurde er von
Dölzig unterstützt. Dieser ist mit den Fortschritten, die er in den
verschiedensten Fragen, der Schuldsache, einer MQnzangelegenheit,
dem Streit um Saalfeld und dem um das Stift Grünhain ‘) machte,
zunächst sehr zufrieden gewesen *), dann aber traf die vom 3. August
datierte Entscheidung des Kaisers in bezug auf die Bestätigung
des Wiener Vertrages ein.
Der Kaiser sprach sich in diesem Brief ziemlich unznfnedeu
über die Hartnäckigkeit des Kurfürsten in der Wahlfrage aus.
Er erklärte es für unmöglich, seine Wünsche ohne Einwilligung
der anderen Kurfürsten zu erfüllen. Bestehe der Kurfürst auf
ihnen, so müsse er die Frist verlängern, damit man mit den
anderen Kurfürsten verhandeln könne*). Die Folge dieses Briefes
war, daß der König Hans Pflug und Andreas Ungnad an den
Sachsen sandte, um ihn im Namen des Kaisers und in seinem
eigenen um Aufgabe seiner Forderungen wegen der goldenen Bulle
oder um Verschiebung des Termins zu bitten*), ein Gesuch, das
durch einen Brief Hofmanns vom 27. August unterstützt wurde*).
Johann Friedrich, der nicht die geringste Lust zur Erfüllung dieser
Bitten hatte, hätte die Sendung der königlichen Kommissare am
liebsten ganz verhütet®), sie waren aber schon unterwegs, trafen
am 10. Sept. in Torgau ein und richteten ihre Werbung aus. In
dieser wurde im wesentlichen das wiederholt, was schon in den
Briefen des Kaisers und Hofmanns enthalten war. Neu war, daß
jetzt der positive Vorschlag gemacht wurde, der Kurfürst möge
sich mit einer Verschreibung des Kaisers begnügen, daß die Wahl
Ferdinands ihm und seinen Erben an ihren Rechten nicht nach-
teilig sein solle. Eine ähnliche Verschreibung wollte ihm der
König geben und eine ebensolche Generalkonfirmation, wie er sie
den anderen Kurfürsten nach seiner Wahl ausgestellt habe. Man
stellte dem Kurfürsten für den Fall, daß er die Bitte des Kaisers
1) In dieser Beziehung sollte sich Dolzig über Anmaßungen Albrecht Hchlicks
beschweren. Vergl. zur Sache Herzog in ASG., VII, S. 90 ff.
2) Vergl. etwa seine Briefe vom 16. und 19. Aug., Reg. H. p. 103, No. 46,
Bl. llOf. 126-129.
3) Karl V'. an Kf., Aug. 3, siehe S. 99 Anm. 3.
4) Kredenz für die Ges. Aug. 19, Loc. 10673 a. a. O., Or.
5) Loc. 10 673 „Akten die Abfertigung und Handlung . . . 1535/36“, Or.
6) Kf. an Hofmann Sept. 5, ebenda, Konz.
Digitized by Google
Bund n. Beich : Die Jahre der Sorge u. der Untemehmungelast 1536 — 41. IQI
erfüUe, Entgegenkommen in der Frage der jülichschen Heirats-
bestätignng und wirklichen Stillstand der Eammergerichtsprozesse
bis zum Konzil oder bis zu einer Beichsyersammlung in Aussicht ’).
Das alles war für den Kurfürsten geradezu ein Schlag ins
Gesicht, und es ist daher begreiflich, daß er eine zwar höfliche,
aber doch auch entschieden ablehnende Antwort gab. Schon in
Wien habe er weiter nachgegeben, als er in Kadan je für möglich
gehalten hätte, so möge man nun wenigstens diesen Vertrag aus-
führen. Darauf brachten dann die Gesandten die zweite Bitte des
Königs vor: die um Verlängerung des Termins bis Martini 1537,
Ihr stellte der Kurfürst zwei Gegenforderungen entgegen, er
wünschte erstens eine Versicherung des Königs ähnlich der von
1535, daß die Erstreckung der Frist seinen Rechten nicht nach-
teilig sein solle, wenn es inzwischen doch nicht zu einem Vertrag
käme, und zweitens das Versprechen, daß der König für Abstellung
der Prozesse durch den Kaiser sorgen oder sie selbst bewirken
werde. Auf Wunsch der Gesandten gab Johann Friedrich ihnen
einen Entwurf für die Versicherung mit, die der König ausstellen
und nach deren Empfang die Frist um ein Jahr verlängert werden
sollte ’).
Johann Friedrich hat sich selbst verschiedentlich über die Ur-
sachen seiner Nachgiebigkeit ausgesprochen. Es war außer dem
Eindruck des gnädigen Schreibens des Kaisers vor allem seine
rührende Kaisertreue, die ihn bestimmte. Er kam so weit ent-
gegen, weil Karl durch „die ihm aufgedrungene Gegenwehr und
Kriegsübung mit so großwichtigen und tapferen Handlungen“ be-
lastet sei und er die Geschäfte des Kaisers lieber fördern als
hindern wollte”). Er erntete dafür reiches Lob und allerhand
billige Versprechungen von den Habsburgem und ihren Trabanten*),
1) Werbung der Gesandten vom 10. Sept. Loc. 10673 „Schriften zwischen
dem Kf. zn Sachsen und Hz. Frenzen . . . 1536—40“.
2) Alles nach Loc. 10673 „Schriften zwischen . . . 1536 — 40“.
3) An Karl V. Sept. 13, Loc. 10 673 „Schriften zwischen dem Kf. zu Sachsen
und Hz. Frenzen . . . 1536 — 40“, Konz., an Dölzig Sept. 17 und 18, OkL 28,
Reg. H. p. 103, No. 46, Bl. 186 — 195. 225 — 229, Konz., an Neuenahr Okt 5, Reg.
H. p. 124, No. 55, Konz.
4) Dölzig an Kf. Okt. 10 und 29, Reg. H. a. a. O. Bl. 219—222. 232—236,
Hdbfe. Neuenahr an Kf. Dez. 30. Cornelius, XIV, S. 128ff., Or. Reg. C.
No. 345, Bl. 32 ff., von Meinardus, I, 2, S. 356 f. fälschlich ins Jahr 1535
gesetzt.
Digitized by Google
102 Kapitel II.
im Tatsächlichen aber bewiesen sie nach wie vor die grSßte Hart-
näckigkeit
Gerade in dieser Zeit bekam auch Dölzig mehr mit diesen
Dingen zu tun. Er hatte anfangs außer über die Lindauer Sache
vor allem über Münzfragen und die Schuldangelegenheit verhandelt
und seine Vollmachten einigermaßen überschritten, als er sich mit
Hofmann auch in eine Unterhaltung über die Wahlangelegenheit
eingelassen hatte*). Von der neuen Nachgiebigkeit des Kurfürsten
erfuhr nun Dölzig eher als der König, weil dessen Gesandte außer-
ordentlich langsam znrückreisten. Er konnte daher auch zuerst
von der Freude berichten, die die Nachricht am königlichen Hofe
hervorgerufen hatte, und knüpfte die Hoffnung daran, daß auch die
Lindauer Angelegenheit günstig dadurch beeinflußt werden würde •).
Diese Hoffnung ging allerdings nicht in Erfüllung, wie der Bescheid
des Königs vom 17. Oktober zeigte*), nur die Memminger Ange-
legenheit wurde nach Wunsch der Protestanten erledigt^). Und
auch in der Wahlsache ergaben sich bald neue Schwierigkeiten.
Man nahm in Wien an der Form, die der Kurfürst der Versiche-
rung gegeben hatte, Anstoß, da sie nicht genau mit der früheren
übereinstimmte und also dem Wiener Vertrage nicht gemäß war.
Der König ließ zwei neue Entwürfe machen, einen kürzeren und
einen längeren, die Pflug dem Kurfürsten zur Auswahl überbringen
sollte. Infolge eines Mißverständnisses schrieb der Gesandte
diesem nur, da er ihn verreist glaubte. Daraus folgerte wieder
Johann Friedrich, daß eine ganz neue Verhandlung beginnen solle,
und auf eine solche wollte er sich auf keinen Fall einlassen *). So
1) Zahlreiche Berichte Dölzigs in Reg. H. p. 103, Na 46. In der Schnld-
frage handelte es sich vor allem dämm, ob die Summe in Ooldgniden oder Gulden
Münze zu berechnen sei.
2) KI. an Dölzig Sept. 4, Beg. H. p. 103, No. 46, BL 153—157, Konz.;
eigenh. Konz, in Loc. 10 671 „Schreiben und Bedenken . . . 1525—34“.
3) Dölzig an KI. Okt. 10, ebenda BL 219-222, Hdbf.
4) P. C. II, 395, Anm. 1.
5) Dölzig an Kf. Okt. 29, a. a. O. BL 232 — 236, Hdbf. Die Entscheidung
über Memmingen ebenda BL 346. Auch in einer hamburgischen Angelegen-
heit zeigte sich der König gefügig. Akten darüber in Beg. H. p. 110, No. 49,
vol. II.
6) Kf. an Dölzig Nov. 8, Loa 10673 „Schriften zwischen . . . 1536 — 40“,
Konz. Pflug an Kf. Nor. 14, ebenda, Ur. Kf. an Pflug Nov. 22, ebenda, Konz.
Vor allem Hofmann an Kf. Dez. 9, Beg. H. p. 103, No. 46, BL 254 — 256, Or.
Digitized by Google
Bnnd u. Reich: Die Jahre der Sorge n. der Untemehmungelnst 153ti — 41. ]03
verstrich der TermiD. Erst im Dezember kamen die beiden Ent-
würfe in die Hände des EurfOrsten, er erklärte den kürzeren für
gänzlich unmöglich, in dem längeren war ihm der Passus über die
Eammergerichtsprozesse anstößig, indem nämlich nach der Fassung
des Königs die Abschaffung der jProzesse erst nach einem Jahre zu
erfolgen brauchte, während sie nach der des Kurfürsten sofort
beginnen mußte ‘). Vergeblich suchte Hofoiann die Sache noch ins
reine zu bringen, in der ihm eigenen Konsequenz versagte Johann
Friedrich jetzt dem Könige den Titel und lief Dölzig vom Hofe
ab*). Eine Zeitlang rechnete Hofmann noch auf eine persönliche
Unterhandlang mit Johann Friedrich*). Als man dann aber am
Hofe Ferdinands von der Sendung Heids erfuhr, überließ man
diesem wohl nicht aUzu ungern auch die Verhandlung über die
Wahlfrage*). Inzwischen trat zwischen dem Kurfürsten und dem
König wieder dasselbe Verhältnis ein, wie vor dem Kadaner
Frieden, nur bestand eine gewisse Verpflichtung, nichts Feind-
seliges gegeneinander vorzunehmen. Wir würden es aber begreifen,
wenn die freundschaftlichen Gefühle Johann lYiedrichs gegen die
Habsburger durch die Erfahrungen, die er gemacht hatte, etwas
gedämpft worden wären*).
Zu einer solchen Aenderung der Stimmung des Kurfürsten
konnte auch das Ergebnis der an den Kaiser geschickten Botschaft
beitragen. Durch den Frankfurter Bundestag hatten Johann Friedrich
und der Landgraf ja das Hecht erhalten, dem Briefe an den Kaiser
1) Kf. an Hofmann Dez. 29, ebenda BL 275—279, Konz. Die Versicherung
in der Fassung des Kf. ebenda BL 347 — 350, in der kürzeren dee Königs BL 343,
in der längeren BL 33b— 338.
2) An Dölzig Der. 30, Reg. H. p. 103, No. 46, BL 281 — 28S, Konz.
3) Hofmann an Kf. Dez. 9, ebenda BL 254—256, Or. Dölzig an Kf. 1537
Jan. 19, ebenda BL 294—296, Hdbf.
4) Hofmann an Kf. 1537 Jan. 28, ebenda BL 300 f.
5} Eünen Einblick in seine Btimmung gewährt das Schreiben, das er mit
dem Landgrafen zusammen am 26. November an die Dreizehn von Strafiburg
richtete. Hier heifit es, man müsse Lindau eventuell kraft der Bundesverfassung
schützen, ,dan wan man gleich ferrer schicken, schreiben, suchen und bieten solt,
so besorgen wir doch, es wirdet nit wenige dan das vorige in Verachtung gesetzt
und nit stat haben, darumb man entlieh durch dee chamergerichts mutwilligk
procediren, auch das der konick über dem als seiner eigen Sachen so
hart wieder den friestant halden wil, darzu wirdet gedrungen werden“,
Konz, der sächs. Kanzlei, das Gesperrte von der Hand des Kf. Reg. H. p. 110,
No. 49, vol. II. Vergl. P. C. II, 395.
Digitized by Google
104
Kapitel II.
die definitive Fassung zu geben und zwei Sollicitatoren zur
Ueberbringung des Briefes zu ernennen. Sie bestimmten bei ihrer
Naumburger Zusammenknnft Joachim Marschall von Pappenheim
dazu. Als Kenner des Lateinischen und Französischen wurde ihm
der Augsburger Dr. Claudius Peutinger beigegeben*). Der Land-
graf hat, allerdings gegen den Willen Johann Friedrichs, Ludwig
von Baumbach mitgeschickt, mußte das aber zunächst auf eigene
Kosten tun').
Die Gesandtschaft, die, wie wir sahen, zunächst mit Dölzig
zusammen reiste, verließ Innsbruck am 14. August und hatte am
23. September in Frejus, am 27. in Nizza Audienz vor Karl. Beide
Male erhielten die Botschafter nur allgemeine Vertröstungen als Ant-
wort, doch erfuhren sie unter der Hand durch Held, daß der Kaiser
den Frieden halten werde, wenn die Stände ihn auch hielten,
daß er aber nicht dulden könne, daß Entsetzungen u. dergl. fQr
Religionssachen erklärt würden, daß er auch die Entscheidung
darüber, was Religionssachen seien, nicht den Protestanten über-
lassen könne. Das Wort Religion wolle der Kaiser ganz klar ohne
allen Anhang und ohne alle Interpretation verstehen. Die Ge-
sandten begnügten sich aber damit nicht, sondern folgten dem
Kaiser nach Savona nnd ohne Pappenheim, der dort erkrankte
und bald darauf in Mailand starb, nach Genna. Hier übergaben
sie den Brief der Schmalkaldner vom 9. September, hier erhielten
sie dann auch am 31. Oktober und 14. November ihre Abfertigung.
Sie enthielt nur eine sehr allgemeine Erklärung, daß der Kaiser
den Nürnberger Flieden halten werde und Gleiches von den Pro-
testanten erwarte, im übrigen wurde auf die mündliche Antwort
verwiesen, die Held überbringen werde*). Man hatte also eigent-
1) Die beiden Ffireten haben sich erst nach längeren Korrespondenzen über
die Fassung des Briefes zu einigen vermocht. Die kaisertreue Gesinnung des Kf.
trat auch dabei hervor. (Konz, der Instruktion vom 6. Juli Reg. H. p. 102,
No. 45. VergL P. O. II, 367, 2. Winckelmann, ZKG. XI, 8. 239.)
2) Crsprünglich war 8ilberbomer dafür ausersehen, der dann nur als Sekretär
mitging. Der Kf. machte etwas pedantische Schwierigkeiten gegen diese Aende-
rnng, weil nun die Kredenz nicht stimmte.
3) Hierzu und zur vorigen Änm. Kf. an Ldgf. Juli 7, Reg. H. p. 109,
No. 48. Der Kf. an die Ges. Juli 23, Reg. H. p. 103, No. 46, BL 71 f. An
Dölzig Aug. 5, ebenda. Bl. 96—99.
4) Pappenheim an Kf. Sept. 30, Keg. H. p. 102, No. 45, Hdbf. Die drei
Gesandten an Kf. Sept. 30, ebenda, Gr. Meinardus, FDG. XXII, 8. 629 — 631.
Digitized by Google
Band o. Keich: Die Jahre der Sorge o. der CnterDehnmDgeloet 1536 — 11. 1Q5
lieh nichts erreicht, and das, was der Reichsvizekanzler mündlich
geäoßert hatte, lautete nicht sehr tröstlich. —
Die Gesandten trafen mit der Antwort des Kaisers in Eisenach
ein, als gerade der Kurfürst und der Landgraf dort zusammen-
gekommen waren, um den für den Februar 1537 in Schmalkalden
geplanten Bundestag vorzuberaten. Wir müssen uns mit diesem
wichtigen, für die Stimmung und Haltung der Verbündeten in den
nächsten Jahren entscheidenden Tage etwas gründlicher beschäftigen.
Veranlaßt wurde er vor allem dadurch, daß Papst Paul III. am
2. Jnni 1536 das Konzil auf den 23. Mai 1537 nach Mantua aus-
geschrieben hatte ‘). Die Bulle wurde dem Kurfürsten durch Mark-
graf Georg von Brandenburg am 6. Juli übersandt*), und er war
sofort davon überzeugt, daß man sich seine Stellungnahme zum
Konzil genau überlegen müsse, wenn es auch den Forderungen
der Protestanten nicht entspräche, besonders da ja eine päpstliche
Gesandtschaft zu erwarten sei. So ließ er denn zunächst seine
Theologen und Juristen zusammenrufen und sie um ihr Gutachten
bitten*). Es muß aber hervorgehoben werden, daß er seine Ent-
scheidung durchaus nicht etwa einfach von dem Ergebnis ihrer Be-
ratungen abhängig machte, ihnen auch nicht nur durch Brück
Fragen und Leitsätze vorlegen ließ , sondern auch selbst ver-
schiedentlich in entscheidender Weise in die Verhandlungen ein-
griff. Schon ehe die Gelehrten sich überhaupt geäußert hatten, hat
Johann Friedrich in einem eigenhändigen Gutachten seine Ansicht
zum Ausdruck gebracht, damit sie sie mitberücksichtigen könnten.
Er legte hier vor allem Wert darauf, daß man die Autorität des
Papstes in keiner Weise durch Annahme seiner Zitation zum Konzil
anerkennen dürfe und daß man dies Verhalten in einer lateinischen
und deutschen Schrift dem Kaiser und anderen Nationen gegen-
Die Oee. an den Kf. Okt 8, ebenda S. 631 f. 61 If. Pappenheim allein an Kf.
Okt 8, Reg. H. a. a. O. Die Gee. an den Ldgf. Okt. 8, Reg. C. No. 376, Kopie.
Banmbach und Pentinger an Kf. Okt. 30, Reg. H. a. a. O. Ebenda Or. der
Antwort dee Kaisers vom 30. Okt. Meinardus, S. 611 ff. Pentinger an Kf.
Dez. 10, Reg. H. a. a. 0-, Or.
1) Conc. Trident, FV, S. 2 ff., No. 2.
2) Der Mkgf. an Kf. Juli 6, Reg. H. p. 123, No. 54. Vergl. V irck, ZKO.
XIII, 600, 1.
3) Burkhardt, Briefwechsel, 8. 256—258. Virck, ZKG. XIII, 8. 488.
Deesen AnfMtz ist auch zu allem Folgenden zu vergleichen. Ich kann mich
seiner Datierung der in Betracht kommenden Schriftstücke durchweg anschließen.
Digitized by Google
106
Kapitel IL
aber rechtfertigen müsse. Einiges Kopfzerbrechen machte ihm die
Frage, wie weit er sich nach dem in Wien gegebenen Versprechen
richten müsse, aber er stellte doch auch Erwägungen darüber an,
ob es nicht ratsam sei, die Behinderung des Kaisers dui-ch den
französischen Krieg zu benutzen, um sich ron dieser Fessel zu be-
freien. Gerade darüber wünschte er die Ansicht seiner Gelehrten
zn hören*). Als diese dann in ihrem Gutachten zwar auf die
Geringfügigkeit der Verpflichtungen, die der Kurfürst in Wien
übernommen habe, aufmerksam machten, im übrigen aber große
Neigung zur Beschickung des Konzils zeigten trotz der päpst-
lichen Berufung, war Johann Friedrich damit sehr wenig einver-
standen. Er berief Brück zu sich nach Torgau, teilte ihm seine
Ausstellungen mit und gab ihm so die Grundgedanken für den
Vortrag, den dieser am 30. August den Gelehrten in Wittenberg
gehalten hat. Der Kurfürst kam jetzt insofern etwas entgegen, als
er die Annahme des päpstlichen Mandates nicht mehr absolut ab-
lehnen wollte, er meinte aber, daß man es jedenfalls nur unter
Protest entgegennehmen könne. Für den Fall der Beschickung des
Konzils empfahl er, dort sofort die protestantischen Anschauungen
über das einzuschlagende Verfahren darzulegen und es auf
keinen Fall zu Mehrheitsbeschlüssen kommen zn lassen, da diese
ja unbedingt die Unterdrückung der Protestanten herbeiführen
müßten. Johann Friedrich ließ auch diesmal den Gelehrten durch
Brück eine Anzahl bestimmt formulierter Fragen vorlegen. Es
verdient hervorgehoben zn werden, daß sich unter ihnen schon die
findet, ob man in einigen Punkten der Lehre nachgeben könne,
wenn aus dem Konzil ein freies, christliches und unverdächtiges
Konzil würde, und die, ob man sich wehren dürfe, wenn man wegen
Ablehnung der Konzilsbeschlüsse vom Kaiser in die Acht erklärt
würde *).
Die Beantwortung der Fragen des Kurfürsten durch die Theo-
logen hat sich infolge einer Reise Melanchthons bis in den Dezember
verzögert, nur die Protestation, mit der man die päpstliche Requi-
sition oder Zitation zum Konzil entgegennehmen wollte, wurde
1) Fehlerhafter Abdruck in C. R. III, 99 — 104, eigenh. Entwurf in Reg. H.
p. 123, No. 54. Dort auch eine Abschrift. Vergl. dazu Kf. an Brück Juli 26,
ebenda, Konz. Virck, 8. 488. 490.
2) Brück an Kf. 8ept 3, C. R. III, No. 1464, 8p. 146—156. Dazu Virck,
8. 508 f. 493 f.
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahte der Sorge u. der Untemdunungslust 1536 — 41. 107
schon jetzt fertig*). Die Zwischenzeit ist ausgefüllt mit Verhand-
lungen zwischen dem Kurfürsten und dem Landgrafen über die
Konzilsfrage. Man beschloß, die Gutachten der beiderseitigen Ge-
lehrten auszutauschen, war auch einig in dem Gedanken, daß ein
Bundestag, zu dem auch die anderen protestantischen Stände ein-
geladen werden müßten, über das Verhalten dem Konzil gegenüber
befinden müsse. Der Landgraf hatte die Idee, daß man auch
einige katholische Fürsten und Stände zuziehen solle. Dem Kur-
fürsten erschien das aussichtslos, und er veranlaßte den Vetter,
erst einmal mit Herzog Georg von Sachsen einen Versuch zu
machen und je nach dessen Ausfall dann auch mit anderen papisti-
schen Fürsten in Verbindung zu treten oder nicht. Er gab gleich
selbst an, wie man etwa an den Herzog schreiben müsse, und
nahm dabei auf dessen kirchliche und religiöse Anschauungen ganz
geschickt Rücksicht*). Philipp hat sich dann tatsächlich an Georg
gewandt, dessen sehr charakteristische Antwort zeigte aber, daß
auf irgend welche Unterstützung von dieser Seite nicht zu rechnen
sei '). Immerhin benutzte auch Johann Friedrich seine Zusammen-
kunft mit den Kurfürsten von Köln und von Brandenburg in Lochau
vom 24. bis 29. September, um mit ihnen über das Konzil zu
sprechen. Es ergab sich, daß Hermann von Wied sich schon vor
3 Jahren gegen den Gedanken, das Konzil außerhalb Deutschlands
zu halten, ablehnend erklärt hatte, während Joachim eine ziemlich
nichtssagende Antwort gab^).
Ueber den Bundestag haben noch weitere Korrespondenzen
stattgefunden, auf Wunsch einiger oberdeutscher Städte wurde er
schließlich bis in den Februar verschoben*). An dem Gedanken,
auch die nicht im Bunde befindlichen Protestanten einzuladen, hielt
man fest, außerdem beschloß man auf Anlegung des Kurfürsten,
eine Konferenz der beiden Bundeshäupter dem Tage vorhergehen
zu lassen*).
1) C. R. m, 157/lsa Virck, S. 498 f.
2) Ldgf. an Kf. Aug. 16, Reg. H. p. 112, No. 32, Or. Kf. an Ldgf. Aug. 24,
ebenda, Konz.; Sept 17, ebenda, Konz.
3) Ldgf. an Kf. Sept. 27, Reg. H. p. 112, No. 52, Or.; Okt. 12, ebenda,
Or. Hz. Georg an Ldgf. Okt. 9, Reg. H. p. 124, No. 55, Kopie. Vergl.
Seckendorf, III, S. 210 f. P. C. II, 393 Anm.
4) Kf. an Ldgf. Okt. 6, Reg. H. p. 112, No. 52, Konz.
5) Sturm an Ldgf. Dez. 9, P. C. II, 396 f.
6) An Ldgf. Okt 26, Reg. H. p. 112, No. 52, Konz.
Digitized by Google
108
Kapitel II.
Schon am 9. November hatte inzwischen Philipp dem Kur-
fürsten den Ratschlag seiner Gelehrten über das Konzil übersenden
können *). Das veranlaßte diesen, auch die Seinigen zur Beschleu-
nigung ihrer Arbeiten anzuregen*). Er begab sich Ende November
sogar selbst nach Wittenberg, ausgestattet mit selbst verfaßten
Artikeln, über die er die Meinung der Theologen hören wollte*).
Johann Friedrich konnte jetzt um so entschiedener SteUung
nehmen, als er nicht mehr durch den Wiener Vertrag gebunden
war*), und kehrte daher auch zu seinem ursprünglichen Stand-
punkt strikter Ablehnung der Beschickung des Konzils zurück. Er
wiederholte ferner in eingehender Darlegung eine Anregung, die
er schon im Sommer gegeben hatte *), daß Luther sich äußern solle
über das, was man unbedingt festbalten müsse, und über das, was
man allenfalls nachgeben könne. Auch die anderen Theologen
sollten über diese Punkte ihre Meinung äußern, und das von allen
.^.ngenommene sollte der Bundesversammlung vorgelegt werden.
Der Kurfürst entwickelte hier also die Gedanken, die zur Abfassung
der schmalkaldischen Artikel geführt haben.
Für ihn stand damit aber noch ein weiterer großartiger Plan im
Zusammenhang. Hatte man sich auf der Bundesversammlung über
die Artikel, an denen man festbalten wollte, geeinigt, so sollte dann
von protestantischer Seite entweder durch die Geistlichen oder durch
die Fürsten ein gemeines freies Konzil nach Augsburg ausgeschrieben
werden ; der Kurfürst verbreitete sich eingehend über die Art, wie
es abgehalten werden solle, über seinen militärischen Schutz u. s. w.
Für ihn waren eben die Protestanten die wahren Vertreter der
christlichen Kirche, und es war nur konsequent, wenn er auch an
ein von ihnen zu berufendes Konzil dachte ®). Bei seinen Theologen
1) Kf. an Ldgf. Nov. 16, ebenda.
2) An Brück Nov. 18, Loc. 9650 ,des Kf. zu Sachsen und Dt. Gregorii
Brücken . . 1537“, Konz.
3) Ich sehe mit Virck, S. 491 ff. diese Artikel in dem Stück C. R. III,
139 ff., No. 1462, eigenh. Konz, in Reg. H. p. 123, No. 54. Reinschrift in Reg. H.
p. 124, No. 56. Nach Reg. Bb. No. 5585 war der Kf. vom 29. Nov. bis 7. Dez.
in Wittenberg.
4) Auch das spricht für die Vircksche Datierung des Stückes.
5) Schon Ende August liefi der Kf. Luther auffordem, ihm sein Herz der
Religion halber als für sein Testament zu eröffnen. Brück an Kf. Sept 3, C. R.
III, 147. Vergl. auch 8. 106.
6) In dem Urteil über das Gutachten des Kurfürsten möchte ich mich
Digitized by Google
Bund u. Räch: Die Jahre der Sorge u. der DntemehmungBluet 1536 — 41. 109
hat er allerdings mit diesem Gedanken keinen Anklang gefunden,
da sie immer noch hofften, ein Schisma vermeiden zu können. Am
6. Dezember haben sie sich sowohl Aber die ihnen von Brück am
30. August vorgelegten vier Fragen wie auf den „Gedenkzettel“ des
Kurfürsten hin geäußert. Sie hielten nach wie vor an der Meinung,
daß man das Konzil beschicken müsse, fest, wenn sie auch die
definitive Entscheidung darüber der Zukunft überließen. Die Prote-
station empfahlen sie sofort zu veröffentlichen. Mit einem Gegen-
konzil durfte man nach ihrer Meinung jedenfalls nicht eilen, da es
sehr genau vorbereitet werden müsse. Besonders ausführlich ver-
breiteten sie sich über die Frage der Gegenwehr und kamen zu
dem Resultat, daß vor dem Konzil die Gegenwehr jedenfalls er-
laubt sei, da man ja an ein Konzil appelliert habe, jeder Angriff
des Kaisers also notoria injuria sei. Nach dem Konzil werde sie
wahrscheinlich auch noch erlaubt sein, da das KonzU nur unbUlige
und daher nichtige Prozesse bringen werde ^).
Da in diesem Gutachten die Aufforderung des Kurfürsten, an-
zngeben, an welchen Lehrsätzen man unbedingt festhalten müsse,
nicht berücksichtigt war, wandte er sich am 11. Dezember noch
einmal an die Theologen und bat speziell Luther, ein Bedenken auf-
zustellen, wie weit man weichen könne und worauf man verharren
müsse *). Dieses Bedenken sollten dann sämtliche Theologen unter
Zuziehung Amsdorfs, Agricolas und anderer sächsischer Prediger
und Gelehrten erwägen, sich darüber vergleichen und das An-
genommene unterschreiben. Wer sich in einigen Punkten etwa
nicht vergleichen konnte, sollte ein Sondergutachten verfassen und
es miteinreichen. Alles das sollte bis spätestens zum 25. Januar
geschehen ®). Die Folge dieser Aufforderung war die Beratung der
Theologen, die Ende Dezember stattfand und zur Abfassung der
schmalkaldischen Artikel fühi'te.
Ranke, IV, 8. 69 anschließen, der es als einen „kühnen und aUgemeinen“
Entwurf bezeichnet. Aehnlich Egelhaaf, II, S. 322.
1) Dez. 6, C. E. III, No. 1458, Sp. 126—13). Virck, S. 496/497.
2) Die entscheidende Stelle, Enders, XI. 8. 144, ist zu ergänzen: was und
wie weit .... nachzulassen und zu weichen, auch worauf des bastumb
halben und seiner gewalt und angemasten vicariat Christi auf
die artikel, so formals von Euch geloret, geschrieben und ge-
prediget, endlich zu beruhen sein wil oder nit. (Das Qeeperrte eigenhändig
im Konz., Reg. H. p. 123, No. 54.)
3) Ebenda. VergL Virck, 8. 495 f.
Digilized by Google
110
Kapitel II.
Um dieselbe Zeit trafen sich der Enrfflrst und der Landgraf in
Eisenach, nm die letzten Vorbereitungen für den schmalkaldischen
Tag zu treffen. Dem Wunsche der Oberländer entsprechend, setzten
sie jetzt die Versammlung auf den 7. Februar fest, dagegen ließ
sich der Kurfürst auf eine Verlegung nach Frankfurt nicht ein*)-
Als Beratungsgegenstände wurden in dem Ansschreiben vom 24. De-
zember die Bemfung des Konzils und die Frage der Kammer-
gerichtsprozesse bezeichnet. Die Bundesstände wurden gebeten,
über das Konzil schriftliche Ratschläge verfassen zn lassen und sie
durch einen oder zwei ihrer vornehmsten Gelehrten nach Schmal-
kalden zn schicken. Als Aufgaben des Bundestages von geringerer
Bedeutung wurden noch die Vereidigung der Kriegsräte auf die Ver-
fassung, die Beratung über die Decknng der Kosten der Gesandt-
schaft an den Kaiser, über die beharrliche Hilfe im Falle größerer
Gefahren und über eine neue kleine Anlage bezeichnet*).
Da ein Haupthemmnis ersprießlicher Bundesberatnngen immer
die ungenügende Instruktion der Bevollmächtigten gewesen war,
war es ein sehr weiser Entschluß der Bundeshäupter, wenn sie
dem Ausschreiben auf einem Zettel gleich vierzehn Punkte bei-
gaben, über die die Gesandten instruiert sein sollten. Sie bezogen
sich auf die beiden Hauptfi-agen: das Konzil und das Kammer-
gericht. Die auf das Konzil bezüglichen zehn erinnern zum Teil
stark an die Fragen, die der Kurfürst seinen Gelehrten hatte vor-
legen lassen. Es handelte sich auch hier wieder um die der Be-
schickung, der Protestation, der Gegenwehr, daneben taucht die
Frage der Kirchengüter auf. Nur kurz wurde die Kammergerichts-
angelegenheit erledigt. Hier handelte es sich darum, wie man
Uebergriffen des Kammergerichts und der falschen Auslegung des
Friedens durch dasselbe begegnen könne, und wie den neu einge-
tretenen Bundesständen, die nicht im Frieden begriffen seien, zu
helfen sei. Ein Hinweis auf Heids bevorstehende Ankunft schloß
sich an und die Aufforderung, auch Uber die ihm zu gebende Ant-
wort die Gesandten genügend zu instruieren®).
Die beiden Fürsten haben daun in Eisenach selbst noch zu den
im Ausschreiben berührten Fragen Stellung genommen und sich
gleich über die Proposition für den Bundestag geeinigt. Der Ent-
1) Der Ldgf. an iijturm Dez. 23, P. 0. II, 8. 399.
2) P. C. II, 399 f. Meinardus, FDG. XXII, 8. 633-tS6.
3) MeinarduB, 8. 633 f.
Digilized by Google
Bund a. Reich: Die Jahre der Sorge a. der Unternehmungalust 1536—41. m
Wurf, der dafür gemacht wurde, zeigt, daß sie die Lage recht
trübe ansahen. Es erschien ihnen als unzweifelhaft, daß das Konzil
die protestantische Lehre als ketzerisch verdammen und den Ver-
such machen würde, unter Anrufung des „weltlichen Schwertes“
die Evangelischen mit Gewalt zum Papsttum zurückzuführen. Sie
wollten ferner in Schmalkalden auf die beständigen Mißverständnisse
des Friedens und auch des Eadaner und Wiener Vertrages durch
das Kammergericht hinweisen. Sie waren der Meinung, daß man
auf ein gewaltsames Vorgehen der Gegner in Form von Achts-
exekntionen, durch das Konzil oder auf andere Weise gefaßt sein
müsse, wenn nicht etwa Heids Anbringen zeige, daß der Kaiser
künftig ernstlicher auf den Stillstand halten wolle, und hielten für
nötig, daß man über die dagegen zu ergreifenden Verteidigungs-
maßregeln berate ‘).
Zunächst ist dieses energische, schon etwas Kriegslust atmende
Gutachten wohl als ein hessisches Gewächs zu betrachten*), aber
man muß doch erwähnen, daß es in dem Abschnitt über das Konzil
stark an die Aenßernngen erinnert, die der Kurfürst Brück gegenüber
schon im August getan hatte, und daß der Landgraf am 24. Dezember
schreibt, das Gemüt des Kurfürsten sei jetzt „dermaßen als vor
nie“. Man müsse das benützen und, falls ein Angriff der Gegner
drohe, ihnen znvorkommen, und zwar noch vor dem Schmalkaldener
Tage*). Tatsächlich war eben auch dem Kurfürsten jetzt die Ge-
duld gerissen, sein Vertrauen in die Friedlichkeit und Ehrlichkeit
der Habsburger war erschüttert und so der Boden bereitet für die
entschiedenen Schritte, zu denen er sich dann in Schmalkalden
entschloß. Wie damals seine Stimmung war, erkennt man am
besten aus einem außerordentlich interessanten Gutachten, das er
etwa am 14. Februar abgab über die Frage, wie man zu einem
beständigen Frieden gelangen könne. Er holte jetzt die Argumente
wieder hervor, mit denen er schon 1529 geraten hatte, die Türken*'
gefahr zur Erlangung eines beharrlichen Friedens zu benutzen.
1) Dez. 25, Rcf;. H. p. 115, No. 53.
2) Entwurf des Stücke« mit Korrekturen in P. A. 404.
3) An Dr. Uel, P. A. No. 464, Konz. Intereegant ist, dafi auch der Graf
V. Neuenahr dem Kf. am 30. Dez. schrieb, dieser habe sich g^en seine Obrigkeit
so gerecht und rein gehalten, wie diese es gar nicht erwarten könne, und ihm
empfahl, die Lage zu benutzen und hart zu sein. Reg. C. p. 233, No. 36, Hdbf.
Meinardus, I, 2, S. 356f. Aehnlich auch wieder am 17. Febr. 1537. Mei-
nardus, I, 2, S. 366.
Digitized by Google
112
Kapitel II.
1532 sei man davon abgegangen und habe sich aus Friedensliebe
in einen „gemeinen und dunkeln“ Frieden führen lassen, damit
aber die größten Enttäuschungen erlebt. Jetzt sei die Lage wieder
ähnlich, der französische Krieg noch hinzugekommen, der Bund
aber stattlich gewachsen, so daß seine Hüfe noch mehr als früher
bedeute. Das müsse man ausnutzen und hart halten und keine Hilfe
gegen Türken und Franzosen leisten, wenn man nicht vorher einen
beständigen und gewissen Frieden erlangt habe. Das und die Un-
erträglichkeit des bisherigen Zustandes müsse man Held aus-
einandersetzen. Der Kurfürst schloß mit einem mannhaften Glaubens-
bekenntnis und mit dem zugleich eine Drohung enthaltenden
Anerbieten, daß sie sich in Erwartung der kaiserlichen Antwort
bis Ostern zur Befriedung ihrer Lande „des Türken halben und
sonsten“ gefaßt machen würden*). Es waren sehr politische Ge-
danken, nur daß Johann Friedrich die Schuld an dem bisherigen
Zustand nicht dem milden und friedfertigen Kaiser zuschrieb,
sondern die Ansicht anssprach, daß dieser von Papst, Kardinalen
und Bischöfen, vor allem den größten Feinden der Protestanten,
den deutschen Bischöfen dazu verleitet werde, wird uns vielleicht
ein Lächeln entlocken. Der Kurfürst hat unter dem Einfluß seiner
Theologen in Schmalkalden nicht an der ganzen Energie und
Konsequenz dieses Gutachtens festgehalten, aber dessen Grund-
gedanken werden wir doch in den zu Schmalkalden gefaßten Be-
schlüssen wiederflnden.
Kehren wir zunächst noch einmal zu den Vorberatungen auf
religiösem Gebiete zurück, so war über die Stellung zum Konzil
durch die Eisenacher Beratung noch nichts entschieden worden,
man konnte aber schon voraussehen, daß die Bundeshäupter nicht
gerade als warme Befürworter der Beschickung des Konzils anf-
treten würden. Johann Friedrich wurde durch die Einigkeit, die
bei der Beratung der Theologen in Wittenberg erzielt worden war,
in seiner ablehnenden Haltung noch bestärkt. Er war mit den
.\rtikeln, die dabei zustande gekommen waren, ganz außerordentlich
zufrieden, nur mit den Sätzen über das Papsttum, die Melanchthon
für sich allein hinzugefugt hatte, stimmte er nicht überein. Der
1) Ungeverlichs bedenken, wie, soviel menscbUcber bedenken nach ain be-
Btendiger fride soll zu erlangen sein. Reg. H. p. 123, No. 54. Kopie eines ver-
mutlich eigenhändigen Konzeptes, das aber nicht vorhanden. Siehe Aktenstücke,
No. 7.
Digitized by Google
Bund u. Bnich: Die Jahre der Sorge u. der UntemehmungBloit 1536—41. 1 ^3
Eorfflrst war der Meinung, daß man gerade, weil man jetzt so
einig und fest in der Lehre sei, das Konzil nicht beschicken solle,
ja er sprach die Hoffnung ans, daß viele, die bisher geschwankt
nnd auf das Konzil gewartet hätten, sich jetzt zum Anschluß an
die Protestanten würden bestimmen lassen^).
Noch vor dem Zusammentritt des Bundestages hat man von
kursächsischer Seite auch zu einigen der von Eisenach aus ver-
sandten Artikel Stellung genommen. Es ist möglich, daß auch
dieses Gutachten den Kurfürsten selbst zum Verfasser hat, doch
läßt es sich nicht mit Sicherheit behaupten. Der Grundgedanke
des Stückes ist der, daß man sich dem Papst und dem Konzil
gegenüber als Partei betrachten müsse und dieses nicht beschicken
dürfe, um sich ihm nicht dadurch zu unterwerfen. Wohl aber
könne man, wenn man vor das versammelte Konzil gefordert
würde, seine Gesandten und Anwälte (Oratoren und Prokuratoren)
schicken^). Obgleich die Theologen diesen Standpunkt wohl nicht
ganz billigten'’), hat man an ihm kursächsischerseits in Schmal-
kalden im wesentlichen festgehalten.
Der Gang der Verhandlungen auf dem Bundestage war der,
daß alle über das Konzil eingegangenen Gutachten nach einem
Beschluß vom 10. Februar dem Kurfürsten und dem Landgrafen
zngestellt wurden, damit sie unter Mitwirkung eines Ausschusses
der Stände einen znsammenfassenden Auszug daraus machten^).
Johann Friedrich hat in den Beratungen dieses Ausschusses an
dem Standpunkt festgehalten, daß man die Beschickung des Kon-
ziles ablehnen müsse. Das war auch die vorherrschende Ansicht.
Meinungsverschiedenheiten gab es nur über allerhand Einzelfragen,
indem z. B. Sachsen für die Sendung von Prokuratoren war, wenn
man als Partei vor das Konzil zitiert werde, andere dagegen,
1) C. R. HI, 136—138, No. 1461, mit Virck , ZKO. XIII, B. 502 in den Jannar
1537 zn setzen. Die Autorschaft des Kf. ist sicher, da das eigenhändige Konzept
Torliegt: R^. H. p. 99, No. 42, vol. IV.
2) C. R. III, 258 — 265, No. 1521. Verbeesemngen bei Virck, 8. 503 Anm.
F3r die Autorschaft des Kf. spricht die Ueberschrift, ein eigenhändiges Konzept
ist aber nicht da, anch ist der Inhalt und die Bchreibweise etwas zu juristisch.
3) Melanchthon äußert sich immerhin ähnlich, C. R. HI, 293, Luthers
Brief vom 14. Februar aber klingt etwas resigniert Enders, XI, 8. 199f.
4) Nach dem Protokoll des Braunschw. Htadtarchivee, Schmalkaldischer
Bund, yoL UI, Bl. 183, erfolgte der Beschluß erst am 11. Der Ausschuß be-
stand ans 24 Personen.
Beiträg« rar neuerea Geichicbte Tbüringetu I, 8. 8
Digitized by Google
114
Kapitel II.
n. dgl. m. ^). Nachdem dann der Ausschuß das Resultat seiner
Beratungen *) am 15. Februar 4m Plenum ttberreicht hatte, wurde
ein neuer engerer Ausschuß, der aus dem sächsischen und hessischen
Kanzler, Jakob Sturm, Melanchthon und Bncer bestand, mit der
Abfassung einer definitiven Erklärung beauftragt. Er hat am
19. Februar eingehende Beratungen abgehalten *), und aus diesen
ist dann der scharf ablehnende Beschluß hervorgegangen, der
wenige Tage später dem kaiserlichen Orator überreicht wurdet).
Wir sind damit an dem Punkte angelangt, wo der Zusammen-
stoß der sich gegenüberstehenden Parteien erfolgte, der über die
politische Lage voUe Klarheit und für die nächste Zukunft die
Entscheidung brachte. Suchen wir uns an dieser Stelle zunächst
noch über die Aufträge, mit denen Held nach Schmalkalden kam,
klar zu werden I Es ist bekannt, daß er vom Kaiser zwei In-
struktionen mitbekam, eine offizielle in deutscher») und eine ge-
heime in französischer Sprache»). Nach jener sollte er die Hilfe
der Deutschen gegen die Türken und gegen Frankreich zu ge-
winnen suchen nnd über die Beschickung des Konzils und die
Unterhaltung des Kammergerichts mit ihnen verhandeln, diese gab
ihm das Recht, unter gewissen Voraussetzungen und nach Rück-
sprache mit König Ferdinand den Protestanten ein Konzil ohne
den Papst und Frankreich oder einen dauernden Frieden mittelst
einer Nationalversammlung oder auf anderem Wege zu gewähren,
wenn der Friede in Deutschland und die Unterstützung der Deutschen
auf keine andere Weise zu erlangen wären. Es ist stets eine
Hauptstreitfrage gewesen'), weshalb Held in Schmalkalden trotz
der ziemlich verzweifelten Lage der Habsburger keinen Gebrauch
von dieser geheimen Instruktion gemacht hat. Kein Geringerer
als Ranke hat die schon von den Zeitgenossen gehegte Ansicht
sich zu eigen gemacht, daß Held aus eigenem Antriebe sich, wenn
1) P. C. II, 418, 1. Dazu ein schwer leebarea Protokoll dea beaaischen
Kanzler« Feige vom 13. Februar in P. Ä. 465. Braunachw. Stadtarchiv, Schmal-
kaldiacher Bund, III, 235 ff.
2) Zu finden z. B. Reg. H. p. 124, No. 56.
3) P. C. 11,420. Melanchthon stimmte mit dem Beschluß schwerlich überein,
C. R. lll, 303 an Camerarius.
4) Hortleder, I, 1, S. 99ff. Conc. Trid. IV. 73ff.
5) Nicht bekannt, rekonstruiert bei Heide, 8. 718ff.
6) Lanz, Korr. II, 8. 268«.
7) Vergl. die Zusammenstellung bei Rosenberg, 8. 81«.
Digitized by Google
Bond u. Beich; Die Jahre der Borge u. der Untemehmangsluet 1536 — 41. H5
nicht zam Wortlaut, so doch zu der Tendenz seiner Aufträge
in Widerspruch gesetzt habe‘), während andere geglaubt haben,
daß Ferdinand, mit dem der Vizekanzler ja Rücksprache nehmen
sollte, an dessen schärferem Auftreten schuld gewesen sei *). Diese
Ansicht ist nun allerdings durch die eigenen Aeußerungen Fer-
dinands ans den nächsten Monaten schon genügend widerlegt
worden*), während jene andere zwar manches für sich anführen
kann , aber zu zahlreichen späteren Aussagen Heids selbst in
schärfstem Widerspruche steht*). Vielleicht läßt sich das Rätsel
einfach so lösen, daß die geheime Instruktion nur einen ganz be-
stimmten Fall, der tatsächlich nicht eintrat, ins Auge faßte, nämlich
den, daß der Papst von der Berufung des Konzils doch wieder
abstand*). Da das nicht geschah, konnte Held sich nur an seine
offizielle Instruktion und die mündlichen Aufträge, die er außer-
dem hatte, halten. Gerade diese waren für die Protestanten be-
sonders wichtig, denn nur in ihnen war die Antwort enthalten auf
die Instruktion, die sie ihrer Gesandtschaft im Sommer 1536 mit-
gegeben hatten*).
Die Verhandlungen mit Held begannen am 15. Februar ^). Er
wollte zunächst seine Werbung beim Kurfürsten und Landgrafen
allein Vorbringen, diese ließen sich aber darauf nicht ein, und so
mußte er schließlich seinen Vortrag doch vor versammelten Ständen
1) Deutsche Geschichte IV, 8. 74. Aehnlich Egelhaaf, II, 8. 319. 328f.
2) Z. B. Friedensbnrg, N. B. II, 8. 30f.
3) Vergl. etwa Rosenberg, 8. 9/10.
4) So behauptete er in einem Brief an den Kf. vom 29. Juni 1537: kan
mich umb kain wort nit erinnern, das ich schriftlich oder mündlich kais. M'
bevelch ungemeS gehandeit hab (Reg. H. p. 134, No. 62, vol. II, Or.), und
in einem an den Landgrafen vom 23. Nov. 1538, daß er nur die Befehle des
Kaisers ansgeführt habe (Reg. H. p. 211, No. 95, Kopie, Beilage zu Ldgf. an
Kf. Dez. 8). Einem Sekretär Bemrichs von Braunschweig sagte er am 22. Okt.
1538, er habe „nichts one bevehlich in der geringsten Sachen gehandelt* (Reg. H.
p. 834, No. VII, Kopie.)
5) Es heißt Lanz, 8. 269 zweimal, daß man sich überlegen müsse, was
geschehen solle, falls der Papst ne voulsit entendre a la celebradon dndict con-
cille und weiter unten: si ledict pape continne en ceste froideure ou dissimulacion
et ne veult franchement venir au conciUe.
6) Beweise dafür bei Heide, 8. 721 f.
7) Verhandlungen der Stimmstände über Kammergericht und Friede und
die Gefahr der Lage waren schon vorhergegangen am 13. Februar. Braunschw.
ProtokoU, Bl. 184 f.
8*
Digitized by Google
116
Kapitel II.
halten. Er gab in ihm Antwort auf die Punkte, die die Gesandt-
schaft der Schmalkaldener beim Kaiser vorgebracht hatte, und auf
ihren Brief vom 9. September, d. h. er sprach die Freude des
Kaisers darüber aus, daß die Protestanten nicht mit Frankreich
und England im Bunde seien, er erklärte in bezug auf die Pro-
zesse, daß nur das Kammergericht selbst entscheiden könne, was
Religionssachen seien und was nicht, er verkündete endlich, daß
der Kaiser zwar über die Stände, die sich nach dem Frieden den
Protestierenden angeschlossen hätten, noch nicht vollkommen unter-
richtet sei, daß er aber im allgemeinen nicht dulden könne, daß
die, die die früheren Reichsabschiede angenommen hätten, jetzt im
Widerspruch zu ihnen Neuerungen in der Religion vomähmen,
d. h. er erteilte auf die Gesuche der Protestanten einen rundweg
ablehnenden Bescheid. In Anknüpfung an den Brief der Pro-
testanten vom 9. September ging Held dann auf das Konzil ein
und ersuchte seiner deutschen Instruktion entsprechend aufs drin-
gendste um dessen Beschickung, da es das einzige Mittel sei, um
den Frieden in der religiösen Frage zu erreichen '). Der Ton des
Gesandten war ein im ganzen friedlicher, nur das wird auf die
Stimmung nicht besonders gut gewirkt haben, daß er sich von
vornherein dagegen verwahrte, daß seine Antwort auch die nicht
im Frieden begriffenen Stände, z. B. Augsburg, mitanginge. Sach-
lich aber entsprach der Inhalt seiner Erklärungen den schlimmsten
Befürchtungen der Protestanten. Es läßt sich denken, daß sie gern
den authentischen Wortlaut seines Vortrages besessen hätten, Held
verweigerte aber eine Abschrift seiner Instruktion, er hatte keine,
und erklärte sich nur bereit, die Aufzeichnungen der Protestanten
über seine Rede zu beglaubigen.
Am 16. hatte er dann eine Separatverhandlung mit dem Kur-
fürsten von Sachsen, wobei er das vortrug, was man als den In-
halt seiner deutschen Instruktion vermuten kann. Er bat nämlich
um Besuch des Konzils, um Hilfe gegen die Türken und eventuell
gegen Frankreich und um eine Beisteuer zur Unterhaltung des
Kammergerichts. Johann Friedrich erwiderte natürlich, er müsse
sich mit seinen Glaubensgenossen beraten, und trug diesen die
Sache am 17. vor. In den nächsten Tagen finden wir aber die
1) Hortleder, I, 2, S. 1231ff. und 1, 1, S.98f. Lanz, Staatepap., 8. 231 ff.
Nur der Abschnitt über das Konzil: Walch, XVI, 8. 2430 ff., Conc. Trid. IV,
71 f. Vergl. P. C. II, 418.
Digitized by Google
Bund n. Reich: Die Jahre der Sorge u. der Untemehmuogslost 1536—41. 1 17
Stände doch vor allem noch mit der Beratung über die Antwort
auf Heids ersten Vortrag beschäftigt. Sie fällt zum Teil mit der
früher behandelten über die Konzilsangelegenheiten zusammen.
Am Nachmittag des 24. Februar war man so weit, daß dem kaiser-
lichen Vertreter wieder in einer Plenarversammlnng Bescheid ge-
geben werden konnte ‘). Die Protestanten beharrten in ihrer Ant-
wort in der Frage der Prozesse durchaus auf dem Standpunkt, den
sie stets eingenommen hatten, lehnten auch das Rechtsmittel des
Syndikates, auf das Held sie verwiesen hatte, ab, da diese Fragen
sich überhaupt nicht juristisch entscheiden ließen, sondern vor ein
Konzil gehörten. Sie bemühten sich dann, die Berechtigung der
Aufnahme weiterer Stände in ihren Bund zu beweisen, und legten
dar, daß der Friede nicht bestehen könne, wenn er nicht auf diese
Stände ausgedehnt werde, da sie die Absicht hätten, sie zu schützen,
wenn das Kammergericht etwa die Exekution gegen sie verhänge.
Ein Recht, gegen sie zu prozedieren, habe das Gericht ja auf keinen
Fall, da es Sachen seien, die vor ein Konzil gehörten. Nur neben-
bei gingen sie auf die spezifischen Bitten, die Held dem Kur-
fürsten ausgerichtet hatte, ein, indem sie erklärten, daß sie sich
um so untertäniger in bezug auf Türkenhilfe und Kammergerichts-
unterhaltung erzeigen würden, wenn der Kaiser ihren Wnnsch er-
fülle. Ausführlich verbreiteten sie sich dagegen wieder über das
Konzil, indem sie in der uns schon bekannten Weise seine Be-
schickung ablehnten, weil es kein freies, christliches, den früheren
Reichsabschieden entsprechendes in deutscher Nation sei, die Pro-
testanten auf ihm auch offenbar nur als Ketzer verdammt werden
sollten *).
Held antwortete sofort in längerer Rede, in der er, ohne
wesentlich neue Gesichtspunkte zu bringen, sich in der Frage der
Prozesse wieder ganz auf den kammergerichtlichen Standpunkt
stellte, um ein Verzeichnis der neu aufgenommenen Stände und
Angabe der Verpflichtungen, die sie früher gegen den Kaiser über-
nommen hätten, bat und die Freiheit und Christlichkeit des Man-
tuaner Konzils verteidigte. Erneut forderte er dann zur Hilfe
gegen die Türken und eventuell gegen Frankreich und zu Bei-
1) Der äußere Verlauf der Verhandlungen nach P. C. II, 419 ff. Hächsische
Aufzeichnung über die Verhandlungen vom 16. in Reg. H. p. 115, No. 53.
2) Hortleder, I, 2, 8. 1236 ff., I, 1, 8. 99ff. Lanz, Staatap., 8. 239ff.
Für das Konzil: Walch, XVI, 8. 2433 ff., Conc. Trident. IV, 8. 73 ff.
Digitized by Google
118
Ei^)itel II.
trä^ifen fOr das Eammerg^ericht auf. Auf Bitten der Protestanten
hat er ihnen diese Replik auch schriftlich gegeben').
Bei der Beratung über die Antwort, die Held darauf zu er-
erteilen sei, wurde sowohl im Ausschuß wie im Plenum der Stände
die Frage der Türkenhilfe mit in Erwägung gezogen; vor allem
ein kursächsisches Gutachten vom 26. Februar*) lag der Antwort
in dieser Frage zugrunde. Held weigerte sich aber, sie anzu-
nehmen, da darin davon die Rede war, daß er den Frieden „ge-
deutet“ habe. In bezug auf die anderen Punkte wiederholte man
zwar im wesentlichen die früheren Argumente, schlug aber auch
einen sehr scharfen Ton an, sprach von einer Aufhebung des
Friedens durch das Kammergericht und Heids jetzige Werbung
und erklärte, daß man etwaigen weiteren Urteilen des Gerichts in
Religionssacben nicht gehorchen werde. Nur wenn ein sicherer
Friede gewährt werde, könne man sich über die Türkenhilfe und
die Kammergerichtsunterhaltung günstig erklären*). Held nahm
diese Antwort trotz ihrer scharfen Sprache an, bereute es aller-
dings, nachdem er sie genauer angesehen hatte. In der Frage der
Türkenhilfe hat man ihm am 1. März nach langwierigen weiteren
Ausschußberatungen eine neue Antwort übergeben, in der die an-
stößige Stelle gemildert war. Auch in diesem Stück bezeichnete
man einen wirklichen Frieden bis zu einem gemeinen ft-eien christ-
lichen Konzil in deutscher Nation als Bedingung der Türkenhilfe,
ging also hinaus über den Nürnberger Frieden, indem man den
Reichstag neben dem Konzil nicht mehr nannte, aber nicht so
weit wie der Kurfürst, der einen beständigen Frieden zur Be-
dingung der Türkenhilfe hatte machen wollen. Außerdem erklärte
man sowohl für die Bewilligung der Türkenhilfe wie die der Unter-
haltung des Kammergerichts einen Reichstag für nötig*).
1) Hortleder, I, 2, S. 1242«., I, 1, S. 104f. Lanz, S. 246ff. Walch,
8. 2443«. Conc. Trident. IV, 78«. Aus P. C. II, 424 ergibt sich, dafl in diesen
Aktenstücken einiges zusammengezogen ist, was zum Teil erst aus Debatten mit
Held hervorging.
2) Keg. H. p. 123, No. 54. VergL im übrigen P. C.
3) Hortleder, I, 2, 8.1246«., I, 1, 8.105«. Walch, XVI, 8.2447«.
Conc. Trid. IV, 81 «.
4) Vergl. P. C. II, 4281. und Hortleder, I, 2, 8. 1256 — 58. Nach dem 8tück
bei Neudecker, Urk., 8. 285 «. wollte man die HiUe auch schon gewähren,
wenn der Reichstag erst ausgeschrieben war. Ich vermag es aber nicht recht
einzuzureihen.
Digitized by Google
Bund D. Bdch: Die Jahre der Boi^ o. der ünternehmmigglaBt 1536 — 11. 1X9
Wir haben die Person des Eorfflrsten etwas aus den Angen
verloren. Tatsächlich läßt sich nicht feststellen, daß er an den Ver-
handlungen mit Held direkt größeren Anteil gehabt habe, der
kursächsische Kanzler aber war bei wichtigen Beratungen zugegen,
und wenn wir uns an die Mheren Gutachten des Kurfürsten er-
innern, werden uns die Held erteilten Antworten fast mild er-
scheinen.
Zu stärkerem persönlichen Hervortreten erhielt der Kurfürst
bei einigen anderen Verhandlungen Gelegenheit, die den behandelten
parallel gingen. Da waren zunächst die mit dem päpstlichen
Nuntius Petrus Vorstius, der damals Deutschland bereiste, um das
Konzil zu verkünden. Sie bieten sachlich nichts Neues, da ja dem
Nuntius gegenüber einfach die Antwort wiederholt wurde, die Held
über das Konzil erhalten hatte. Charakteristisch aber ist es, mit
welcher Aengstlichkeit Johann Friedrich es vermied, sich ohne vor-
herige Beratung mit seinen Verbündeten auf irgend welche Ver-
handlungen mit dem päpstlichen Gesandten einzulassen, ja wie er in
fast komischer Gewissenhaftigkeit jedes Zusammentreffen mit jenem
vor dem schmalkaldischen Tage zu verhüten suchte. In Schmalkalden
selbst hat er ihm ja schließlich eine Audienz nicht versagen können,
er behandelte ihn dabei aber geradezu unhöflich, um nur nicht
durch Annahme der päpstlichen Breven die Autorität des Papstes
irgendwie anzuerkennen. Im Namen aller versammelten Prote-
stanten ist dann schließlich am 2. März dem Nuntius doch förm-
lich auf die Konzilseinladnng geantwortet worden, d. h. man über-
gab ihm eine Abschrift der Antwort, die man Held gegeben hatte,
ohne sie irgendwie zu ändern, so daß das Stück also an den
Kaiser und nicht an den Papst gerichtet war. Gleichzeitig wurden
dem Gesandten die Briefe und Bullen, die er in der Herberge des
Kurfürsten hatte liegen lassen, zurückgegeben. Spater schickte
man ihm dann noch Abschrift der zweiten Held erteilten Antwort
wegen des Konzils nach. Auf diese Weise hatte man es fertig
gebracht, jeden direkten schriftlichen Verkehr mit dem Vertreter
des Papstes zu vermeiden, also den Standpunkt gewahrt, den der
Kurfürst in seinen verschiedenen Denkschriften vertreten hatte, der
aber selbst den Wittenberger Theologen zu weit ging').
1) Der Kf. an Voretitu Febr. 1. Vorstins an Becalcatns März 2. und 23,
Conc. Trid. IV, 68 f. 89 ff. 95. Journal dea Ettenius im Compte rendn des
Digilized by Google
120
Kapitel U.
Wenn in den Verhandlungen mit Vorstius die Aufgabe des
Kurfürsten eine im wesentlichen passive war, so hatte er dagegen
Gelegenheit zu persönlicher Tätigkeit in den Separatverhandlungen,
die Held mit ihm über seine eigenen Differenzen mit den Habs-
burgem führte. Wir sahen ja, daß der Orator auch dazu beauftragt
war und die Verhandlungen Ferdinands mit dem Kurfürsten wegen
dieser Aufträge Heids gänzlich abgebrochen worden waren. Dieser hat
schon sein Gespräch mit dem Kurfürsten vom 16. Februar benutzt '),
um auch auf die Wahlsache einzugehen, gründlichere Erörterungen
darüber fanden dann in der Woche nach Reminiscere, wahrschein-
lich am 1. oder 2. März *) statt. Die Zwischenzeit benutzte Johann
Friedrich zu einem Versuch, sich die Unterstützung des schmal-
kaldischen Bundes in der Wahlsache zu sichern. Er erreichte
wenigstens so viel, daß die Herzöge von Lüneburg ihm die ge-
wünschte Versicherung gaben und die oberländischen Städte ihre
Hilfe versprachen, wenn er scheinbar wegen der Opposition gegen
die Wahl, in Wirklichkeit wegen der Religion angegriffen werde ®).
In dieser Weise einigermaßen gesichert, konnte er die Verhand-
lungen mit Held weiter führen. Dessen Erklärungen liefen im
wesentlichen darauf hinaus, daß dem Kaiser die Wiener Verab-
redung durchaus nicht als ein gangbarer Weg zur Beilegung des
Zwistes erscheine, da er es mit den anderen Kurfürsten verderben
würde, wenn er ihr znstimmte. Dagegen sei Karl gern bereit,
Verbesserungen an der goldenen Bulle vorzunehmen, wenn der
Kurfürst jene dafür gewonnen habe. Er selbst wolle dem Sachsen
eine Verschreibung ansstellen, daß Ferdinands Wahl ihm und
seinen Nachkommen an ihren Gerechtigkeiten keinen Nachteil
bringen solle. Das waren Erklärungen, die natürlich dem Kur-
fürsten in keiner Weise genügen konnten. Sie gaben ihm aber
Gelegenheit, seinen Standpunkt in der Wahlsache noch einmal aus-
s^ances de laComm. royale d’histoire, Bruxelles 1864 (de Bam), III, 6, S. 8931.
Historisches Jahrbuch, X, 1839, S. 508 ff. 519 ff. 529 f. Im wesentlichen mit den
Berichten des Nuntius übereinstimmend eine sächsische Aufzeichnung in K^. H.
p. 115, No. 53, benutzt von Seckendorf, III, S. 144. VergL Sleidan,
II, S. 76.
1) Nach der Aufzeichnung in Reg. H. p. 115, No. 53.
2) Am Tage, nachdem man dem Urator die Antwort in Bezug auf Konzil,
Türkenhilfe und Kammergericht überreicht hatta
3) P. C. II, 425. Beg. H. p. 123, No. 54. Winckelmann, ZKG. XI,
8. 243.
Digitized by Google
Bund 0. Räch: Die Jahre der Sorge n. der Untemehmangelaet 1536—41. J21
fQhrlich darzulegen, wobei er es an scharfen Aeußerungen Aber
den Kaiser wegen der Nichtbestätigung des Kadaner und Wiener
Vertrages nicht fehlen ließ. Johann Friedrich verbreitete sich dann
auch über die Gründe, weshalb er die Verlängerung des Wiener
Vertrages auf ein Jahr habe ablehnen müssen, und erklärte, daß er
sich jetzt erst recht auf nichts weiter einlassen könne, nachdem
Heids Mitteilungen gezeigt hätten, daß der Friede ganz auf-
gehoben sei. Nie habe er ja Frieden und Stillstand, ebenso wie die
jülichsche Sache von der Wahlsache trennen lassen. Das gab Held
Gelegenheit, auch über die jülichsche Sache zu sprechen. Der
Kaiser sei zwar kein Kaufmann, der etwa Bewilligungen in dieser
Angelegenheit von Zugeständnissen in der Wahlsache abhängig
mache, immerhin dürfe er aber mit dem Kurfürsten über jene
verhandeln, wenn er in dieser den Wunsch des Kaisers erfülle.
Darauf erklärte dann wieder Johann Friedrich, daß auch für ihn
Zugeständnisse in der Wahlsache nicht von Gewährungen in der
jülichschen abhingen, daß er aber beides zusammen erledigen wolle.
Damit scheinen die Verhandlungen abgebrochen worden zu sein.
Sie konnten zu nichts führen, da ja eben der Kurfürst jetzt weniger
als je geneigt war, in der Wahlsache irgendwelche neuen Zuge-
ständnisse zu machen ^).
Eine verhältnismäßig geringe Rolle haben auf dem schmal-
kaldischen Tage die eigentlichen Bundesangelegenheiten gespielt.
Die Gefahr der Lage mußte ja eigentlich dazu dienen, diese Dinge
in eine etwas schnellere Gangart zu bringen. Tatsächlich läßt sich
bemerken, daß man schon vor dem Zusammentritt des Tages be-
strebt war, vorhandene Differenzen zu beseitigen und neue Mit-
glieder zu gewinnen. So zeigte der Landgraf jetzt Wilhelm von
Nassau gegenüber eine etwas versöhnlichere Haltung*), und der
1) Sehr ausführliche protokollartige Aufzeichnungen über diese Verhand-
lungen in Beg. H. p. 115, No. 53. Das eine Stück, das aus der Woche Remi-
niscere datiert ist, scheint eine Zusammenfassung des Ganzen. Vorher fanden
wohl nur am 16. Febr. Verhandlungen statt. Vergl. auch Baumgarten, III,
S. 300.
2) D. h. er erklärte, daß er gegen die E^Iadung des Grafen nach Schmal-
kalden nichts einzuwenden habe. (An Kf. Jan. 2, Reg. H. p. 139, No. 65, Or.)
In Schmalkalden selbst hat sich dann Johann Friedrich bemüht, den Landgrafen
zu einer friedlichen Unterhandlung über den katzenclnbogenschen Streit zu be-
stimmen. Ein Tag in Wetzlar Ende April war die Folge. Zu einem Vergleich
führte er nicht. Noch durch das ganze Jahr 1537 ziehen sich aber die Be-
Digitized by Google
122
Kapitel II.
Eurfarst unternahm energische Schritte, um Heinrich von Sachsen
in den Bund zu ziehen 0- Wenn man auch die nicht im Bunde
befindlichen Protestanten nach Schmalkalden einlud, war man dabei
wohl auch von der Hoffnung getragen, sie zum Eintritt zu be-
stimmen*). Der Kurfürst gab auch seine Einwilligung dazu, daß
man mit Lübeck noch weiter verhandelte, wenn er sich anch nichts
davon versprach*).
In Schmalkalden hat man dann vor allem über finanzielle
und militärische Angelegenheiten des Bundes beraten. Da be-
deutete es einen wesentlichen Fortschritt, wenn beschlossen wurde,
die regelmäßige Bundeshilfe von sechs einfachen oder drei
Doppelmonaten auf zwölf einfache oder sechs Doppelmonate zu
erhöhen*). Wie so oft fand aber auch diese Verstärkung der
Aktionskraft des Bundes wieder Schwierigkeiten bei den sächsischen
Städten, die über die bisherigen Bewilligungen hinauszugehen Be-
denken hatten. Man beschloß, auf einem Tage in Brannschweig
im April noch weiter mit ihnen verhandeln zu lassen, faßte aber
schon jetzt den Ausweg ins Auge, daß man über die drei Doppel-
monate hinaus auch ihnen nur ihrer Leistung entsprechend helfen
mühuDgen dee Kfen., dieser für die protestantische Sache so störenden Angelegen-
heit ein Ende zu machen. Er wäre seihet zu persönlichen Opfern zu diesem
Zwecke bereit gewesen, wollte eine Forderung, die er an Kurköln hatte, dem
Grafen überlassen. Bei einer Zusammenkunft, die er im September mit Of.
Wilhelm in Koburg batte, machte er neue Vergleichs Vorschläge und bemühte sich
in der nächsten Zeit eifrig um ihre Annahme durch die Parteien. (Meinardns,
I, 2, S. 397 — 402. Weitere Korrespondenzen in Keg. C. No. 330. 333. VergL
ferner Kf. an Gf. Neuenahr März 9, Reg. H. p. 153, No. 74, Konz. Kf. an
Wilh. von Nassau März 27, Wieeb. Arch. Katzenelnbogenscher Erbfolgestreit,
No. 14, Or. Ldgf. an Kf. Mai 28, Keg. H. p. 137, No. 64. Kf. an Ldgf. Juni 10,
ebenda; an Gf. Neuenahr Juli 15, B^. H. p. 153, No. 74, Konz. Sendung
Dölzigs an die Grafen Nov. 7/8, Reg. H. p. 154, No. 75 A. Ebenda dessen Be-
richte vom 29. Nov., 7., 26. Dez.)
1) Instruktion des Kf. für Kreitzen an Hzin. Katharina Jan. 5. VergL
Brandenburg, Heinrich, S. 130f., eigenh. Elntw. in Loc. 10041 ,4nstructionea
und Schriften . . .“, BI. 99—104. Revers dee Hzs. über seine Aufnahme in den
Bund Jan. 10, Reg. H. p. 134, No. 60 A, Or.
2) Wonne und Pfalzgf. Ruprecht lehnten die Beschickung ab, während
Mkgf. Georg vertreten war. Neudecker, Urk., S. 293 f. 295 — 297, Reg. H.
p. 115, No. 53 A, Urk.
3) Korresp. des Kf. mit Bemb. v. Mila, Reg. H. p. 124, No. 56.
4) Die Beratungen darüber hatten schon vor dem Eintreffen Heids be-
gonnen. Braunschw. Protokoll, Bl. 184/185.
Digilized by Google
Bund u. Beich; Die Jahre der Sorge u. der üntemehmungsluat 153Ü- 41. 123
würde. Beschlossen wurde ferner die Aufnahme Heinrichs von
Sachsen unter der Bedingung, daß er durchgreifend reformiere und
seinen Sohn vom Dresdener Hofe nähme. Der Abschied enthält
außerdem Beschlüsse über die Deckung der Kosten der Gesandt-
schaft an den Kaiser, über die Zahlung der Rückstände und über
die Annahme der Unterhanptlente. Der Kurfürst und der Landgraf
erhielten jetzt Vollmacht, solche auch ohne Zuziehung der anderen
Stände anznnehmen, und begannen schon am 6. März damit.
Auch mit den Fragen, die durch Heids Seudung angeregt worden
waren, haben die Verbündeten sich noch für sich beschäftigt. Sie
waren darauf gefaßt, daß man wegen des Konzils weitere Verhand-
lungen mit ihnen führen würde und daß sie zu weiteren Beratungen
darüber genötigt sein würden. Einstweilen sollten die einzelnen
Stände ihre Theologen und Juristen über gewisse Punkte nach-
denken lassen, jedenfalls wollte man „für einen Mann stehen“.
Auch die Frage der Türkenhilfe hielt man durchaus nicht für
vollkommen erledigt. Man beauftragte Sachsen und Hessen, Er-
kundigungen einzuziehen, ob wirklich eine Türkengefahr bestände,
damit man auf einem späteren Tage das Nötige beschließen könne.
Auch zu Verhandlungen über einen beständigen Frieden, mit dessen
Möglichkeiten man sich am 13. und 14. Februar beschäftigt hatte,
wurden die Bundeshäupter bevollmächtigt, doch sollten sie nicht
ohne Zuziehung der anderen Stimmstände abschließen. Selbst-
verständlich hatte man auch noch mit dem Kammergericht zu tun,
vor allem mit der Frage, wie sich die Stände der Rekusation des
Gerichtes nachträglich anschließen könnten, die ursprünglich nicht
an ihr teilgenommen hatten. Im Abschied wurden Württemberg,
Straßbnrg und Augsburg beauftragt, eine neue Rekusationsschrift
zu entwerfen und Sachsen und Hessen zur Durchsicht zuzusenden.
Diese Schrift sollte dann den Ständen, die sie brauchten, überlassen
werden.
Unter den mancherlei Beschwerden einzelner Stände, die im
Abschied erörtert wurden, befand sich auch eine des Kurfürsten
und des Herzogs von Württemberg gegen König Ferdinand, weil
dieser in seinen Erblanden ihren Geistlichen und Untertanen Zinsen,
Renten u. dgL vorenthielt. Man war der Ansicht, daß beide
Fürsten eventuell Gleiches mit Gleichem vergelten müßten, machte
aber zunächst noch einen Versuch, durch eine Fürsprache des Land-
grafen, Philipps von Pommern und der anderen Fürsten, Grafen
Digitized by Coogle
124
Kapitel II.
und Herren des Bundes auf Ferdinand zu wirken. Dieser erteilte
eine ausweichende Antwort ‘).
ln den Abschied aufgenommen wurden endlich auch einige
Sätze über die Lehre und die Kirchengüter. Die Beratung über
die Lehre hatte zunächst ja im engsten Zusammenhänge mit der
über das Konzil gestanden, aus diesem Grunde entstanden die
schmalkaldiscben Artikel, sie gewann nun aber auch selbständige
Bedeutung. Der ursprüngliche Plan war der, daß die von den
sächsischen Theologen aufgesetzten Artikel von denen der anderen
Stände in Schmalkalden unterzeichnet werden sollten. Es ist be-
kannt, daß diese Verhandlungen nicht zu dem gewünschten Resultat
geführt haben. Man sah sich bald genötigt, sie abzubrechen, um
Streitigkeiten über den Artikel vom Abendmahl zu vermeiden,
und mußte sich damit begnügen, im Abschied darauf hinzuweisen,
daß die anwesenden Gelehrten der heiligen Schrift sich einmütig
zu den Artikeln der Konfession und Apologie bekannt hätten und
daß man nur den Artikel vom päpstlichen Primat etwas „weiter
und besser gestellt“ habe. Außerdem wurde auch die Wittenberger
Konkordie von neuem unterschrieben*).
Die Theologen haben ihr Zusammensein dazu benutzt, um au
die versammelten Stände eine Petition zu richten, daß man die
Kirchengüter für die Erhaltung von Kirchen und Schulen ver-
wenden und nicht zerstreuen möge. Man kam diesem Wunsche
bereitwillig nach und beschloß im Abschied, daß man die Kirchen-
güter verwenden wolle zunächst für die Unterhaltung der Pfarrer
und Kirchendiener, dann der Superintendenten, die jene beauf-
sichtigen sollten, drittens für Schulen, damit kein Mangel an
Pfarrern eintrete, viertens für die Unterstützung armer Studenten
der Theologie und für Spitäler*).
1) Alles nach dom Strafiburger Bericht in P. C. II, 414 ff., und nach dem
Abschied nebst Beiabschieden in Reg. ü. p. 178, No. 84. Vergl. auch Janssen,
III, 8. 395 f.
2) P. C. II, 416ff. Mel. an Jonas Febr. 23, an Camerarins März 1, C. R.
III, 270 f. 291 ff. Vor allem Veit Dietrich an Förster Mai lü, C. R. III, 370 ff.
Die Schrift vom Papsttum C. R. III, 272 ff. Dann der Abschied. Die be-
treffenden Sätze auch bei Seckendorf, III, 8. 157. Vergl. auch Kolde in B. K.
XVII, 8. 643 f.
3) Die Bittschrift der Prediger in C. R. III, 288. Wahrscheinlich nur Be-
gleitbrief zu der größeren Schrift IV, 1010 ff. Neudecker, Urk., 8. 310 ff., dann
der Abschied, gedruckt bei Seckendorf, III, 8. 157.
Digitized by Google
Band u. B«ich: Die Jahre der Sorge u. der Unternehmangelugt 1536 — 11. 125
Wir können es als eine Ausführung dieses Beschlusses des
Bundestages betrachten, wenn der Kurfürst am 9. April seinen
zum Braunschweiger Tage gehenden Gesandten beauftragte, sich
über die Besoldungsverhältnisse der Braunschweiger Prediger zu
erkundigen und, wenn nötig, mit dem hessischen Gesandten zu-
sammen beim Rat für ihre Besserstellung zu wirken ^).
Auch sonst finden wir Johann Friedrich in der nächsten Zeit
bestrebt, die Anfgaben, die der Bundestag ihm zugewiesen hatte,
zu erfüllen. Seine Gelehrten beauftragte er am 14. April, einen
Ratschlag wegen des Konzils zu verfassen, damit man zur Not
damit versehen sei *). Es scheint aber nicht zu einem solchen Gut-
achten gekommen zu sein, wahrscheinlich weil in diesen Dingen
zwischen den Theologen und dem Hof noch immer keine volle
Einigkeit herrschte ®), und bald machte dann die Verschiebung des
Konzils die Sache unnötig. Die Differenzen zwischen den Theologen,
besonders Melanchthon, und den Fürsten sind auch bei der Abfassung
der großen Rechtfertigungsschrift der Protestanten wegen ihrer
Ablehnung des Konzils und der Begleitbriefe dazu noch vielfach
zutage getreten. Schon in Schmalkalden wai- man sich darüber klar
geworden, daß eine solche Verteidigungsschrift ratsam sei. Man
faßte für sie eine sehr weite Verbreitimg nicht nur bei deutschen
Ständen, sondern auch bei ausländischen Fürsten ins Auge, die
Hauptschrift ist auch wohl schon am 5. März fertig geworden,
die Abfassung der Begleitschreiben durch Melanchthon aber hat
sich noch monatelang verzögert, so daß die tatsächliche Ver-
sendung, wenigstens der meisten Exemplare der Schrift, wohl
erst Ende Mai erfolgt ist®).
1) Reg. H. p. 129, No. 57, Instruktion, Or.
2) Barkhardt, Briefvechael, B. 277. Enders, XI, S. 219.
3) MeL an Veit Dietrich Juli 13, C. R. III, 388.
4) Die Bchrift wurde deutsch und lateinisch schon 1537 gedruckt und wohl
als Druck versandt. Der deutsche Text bei Walch, XVI, S. 24630. Hort-
leder, I, 1, 8. llOfi. Der lateinische C. R. III, 313ff. Vergl. auch Conc.
Trid. IV, 87 Anm. 1. Das Begleitschreiben an Kg. Franz vom 25. März,
R^. H. p. 124 No. 56; an Ferd. vom 26. März C. R. III, 331 ff. Aber am
6. April war Mel. auch noch mit dieser Arbeit beschäftigt, an Veit Dietrich
C. R. III, 335. Viele Elzemplare wurden erst Mai 30., ja im Juni versandt.
P. C. II, 438. Ldgf. an Kf. Juni 26, Reg. H. p. 139, No. 65, Or. Einige der
Antworten in R^. H. p. 124, No. 56.
Digitized by Google
126
Kapitel II.
Eine der Hauptaufgaben war nun aber, die Zustimmung der
norddeutschen Stände zu dem in Schmalkalden Beschlossenen, vor
allem zur Erhöhung der Monate zu gewinnen. Wir sahen, daß zu
diesem Zwecke im April ein Tag in Braunschweig stattfinden sollte.
Auch die Besiegelung des Bundes und der Verfassung durch die
sächsischen Städte sollte bei dieser Gelegenheit erfolgen. Man hat
sich von kursächsischer und hessischer Seite redlich bemüht, das
Ziel zu erreichen ‘), ja wir finden bei dieser Gelegenheit sogar
einmal eine Spur davon, daß der Kurfürst zu einzelnen einfluß-
reichen Personen in den Städten Beziehungen anzuknüpfen suchte*),
erreicht wurde trotz alledem das Ziel in Braunschweig nicht *), und
auch, nachdem im Mai die Städte noch für sich getagt hatten, haben
doch schließlich nur Minden, Hamburg und Bremen in die Ver-
doppelung der Monate gewilligt ‘), während Goslar, Magdeburg,
Braunschweig, Göttingen, Hannover und Einbeck am 18. Mai
baten, es aus Rücksicht auf ihre Gemeinden bei dem Beschluß von
1536 zu lassen. Wenn die Gefahr wirklich da sei, werde man
leichter etwas erreichen können“). Der Kurfürst beruhigte sich
dabei aber noch nicht, er suchte den Städten in einem Briefe vom
31. Mai die Hinfälligkeit ihrer Bedenken klar zu machen, da ja
das Geld sowieso nur gezahlt werden solle, wenn man es wirklich
brauche, man aber vermeiden wolle, daß dann erst große Dis-
putationen nötig seien *). Und als er auch damit nichts erreichte
beschloß er, einen letzten Versuch zur Umstimmung der Städte zu
1) Inetrnktionen für den Brannschweiger Tag von ca. dem 9. April Reg. H.
p. 129, No. 57.
2) Levin Emden in Magdeburg, Dietrich Faßruher in Bremen und Heinrich
vpn Procke Lic. in Hamburg. Beiinstruktion für Jobst von Hain für Werbungen
an sie ebenda. Es handelte sich dabei allerdings nur nm die Aufnahme Herzog
Heinrichs von Sachsen io den Bund.
3) Abschied des Tages vom 18. April in Reg. H. p. 129, Na 57, 5, Urk.,
Or. Vergl. Rehtmejer, III, 119 f.
4) Minden am 23. Mai, Hamburg am 18. Mai, Reg. H, p. 129, Na 57. Die
gemeinsame Bewilligung aller drei Städte vom 1. Aug. schickten die Bremer am
12. Okt dem Kf. zu. Weim. Arch. ürk. No. 1748.
5) Gemeinsames Schreiben der Räte der Städte an Kf. und Ldgf. Reg. H.
p. 129, No. 57, Or.
6) Antwort des Kf. vom 31. Mai, Konz., ebenda.
7) Ablehnende Antwort der Städte vom 24. Juli, Or., d>eoda.
Digilized by Google
Bond n. Reich : Die Jahre der Sorge o. da üntaDehmongslust 1536 — 41. 127
machen, wenn er und der Landgraf mit dem König von Dänemark
in Niederdeutschland zusammenkämen ^). Wir werden dann auf
diese Dinge zarflckznkommen haben.
Da man auch mit der Erfüllung der Bandespflichten durch die
Herzöge von Lüneburg, die von Pommern*) u. a. schlechte Er-
fahrungen machte, wäre es nicht zu verwundern gewesen, wenn
bei den Bundeshänptem jetzt keine große Neigung zur Erweiterung
des Bandes vorhanden gewesen wäre. Es wird mit der Ansicht,
die sie von der Gefährlichkeit der Lage hatten, Zusammenhängen,
wenn sie gerade in dieser Zeit mit allerlei Verhandlungen über die
Gewinnung neuer Mitglieder beschäftigt waren. Als die zu der
brandenbui^isch-hessisch-sächsischen Erbverbrüderung gehörenden
Fürsten im März 1537 in Zeitz zusammenkamen, hatte Markgraf
Hans von KOstrin die Absicht geäußert, dem Bunde beizutreten.
Lange Verhandlungen zwischen ihm und dem Kurfürsten von
Sachsen waren die Folge, bis endlich eine Einigung über die Be-
dingungen seines Eintritts erzielt wurde *). Vergeblich waren die
Versuche der Verbündeten, Herzog Friedrich von Liegnitz zu ge-
winnen *), dagegen trat Graf Heinrich von Schwarzburg-Sonders-
hansen am 17. Mai bei®). Riga schien zu weit entlegen“), aber
mit Soest und dem Herzog von Jülich wurde verhandelt.
Zu den Aufgaben, die der schmalkaldische Tag den Bundes-
häuptem zugewiesen hatte, gehörte auch die Einziehung von Er-
kundigungen darüber, ob wirklich eine Türkengefahr vorhanden
sei. Johann Friedrich ist diesem Aufträge prompt nachgekommen
und sandte zu diesem Zwecke am 4. April Heinrich Pflug nach
Ungarn mit dem Befehle, eventuell bis Jacobi dort zu bleiben und
genaue Nachrichten über die Lage und einen etwa drohenden An-
griff der Türken einzuziehen. Die Berichte des Gesandten ergaben
1) Schon Juni 18 an JLdgi äufiert Kf. diesen Oedanken, Reg. H. p. 136.
No. 63, Konz.
2) Heling, Balt Sind., X, 8. 281.
3) Akten darüber in Reg. H. p. 134, No. 61.
4) Reg. U. p. 143, No. 6K
5) Revers des Grafen von diesem Tage Reg. H. p. 1168, T (2), Urk., die
Anfnahmeorkunde schon vom 19. April ebenda, T (1).
6) Ldgf. an Kf. Juli 2, Reg. H. p. 146, No. 70, Or.
7) Reg. H. p. 143, No. 68.
Digitized by Google
128
Kapitel II.
in Uebereinstimmung mit einem Briefe König Johanns, daß von
Angriffsabsichten der Türken jetzt nicht die Rede sein könnte,
daß ihre Rüstungen vielmehr nur durch die Ferdinands gegen König
Johann hervorgerufen würden ‘).
Durch solche Nachrichten konnte natürlich die Neigung des
Kurfürsten zur Türkenhilfe nicht gesteigert werden. Schon vorher
aber hatte er entsprechend den schmalkaldischen Beschlüssen jede
Partikularhilfe abgelehnt und stets Beratung der Sache auf einem
Reichstag gefordert, auch darauf hingewiesen, daß der Friede in
Religionssachen vorher gesichert sein müsse ’). An diesem Stand-
punkt hat Johann Fi'iedrich auch gegenüber einem neuen Hilfs-
gesuch Ferdinands im Sommer strikt festgehalten und ihn z. B. auf
einem obersächsischen Kreistag in Jüterbog durch seine Gesandten
vertieten laissen*). Er wird es gewiß sehr angenehm empfunden
haben, daß er jetzt auch darauf hinweisen konnte, daß nach Be-
richten aus Ungarn die Gefahr ja gar nicht so groß seL Denn
ganz leicht wurde es ihm nicht, gerade gegen den Erbfeind der
Christenheit die Hilfe zu verweigern, er hielt es aber, wie die Dinge
lagen, für notwendig*).
Damit kommen wir zu der interessantesten Frage dieser
Monate, der nach der Stimmung des Kurfürsten und seiner Auf-
fassung der Lage. Seine große Denkschrift lehrte uns, wie sie
zur Zeit des schmalkaldischen Tages waren. Heids Auftreten
konnte nicht dazu beitragen, sie zu verbessern. Tatsächlich ist
die Stimmung der Protestanten in den nächsten Monaten eine
sehr besorgte, ja zum Teil kriegerische gewesen, und Johann
Friedrich ist in dieser Zeit nicht weniger davon ergriffen gewesen,
als irgend einer seiner Verbündeten. Was für Befürchtungen man
hegte, zeigen schon manche Sätze des Abschiedes des Bundestages,
so wenn es von den Herzögen von Pommern heißt, sie sollten ihren
ersten Beitrag bis Peter-Paul zahlen, „ob aber der Krieg ehe
1) InstruktioD vom 3. April, Kredenzbrief vom 4. für Pflag in Beg. B.
No. 1628. Brief an Kg. Johann vom 4., ebenda. Kg. Johann an Kf. Mai 26,
ebenda, Or. Kf. an Ldgf. Juli 1, Beg. H. p. 146, No. 70.
2) Verhandlungen mit dem Geeandten Ferdinande Andreas Ungnad in Zeitz
am 16. März, Beg. B. No. 1628.
3) Ferd. an Kf. von Sacheen, von Brandenburg, Hz. Georg Juni 3, Beg. £.
p. 44a, No. 96, Or., ebenda die Akten des Jöterboger Tages.
4) An Johann Ungnad April 6, Beg. H. p. 175, No. 82, Konz. VergL
Seckendorf, III, S. 175 (irrtümlich ins Jahr 1538 gesetzt).
Digitized by Google
Band u. Reich : Die Jahre der Borge u. der Dntemehrnnngsluat 1536 — 41. 129
angienge, sollten sie alsbald zahlen ').“ Diesen Anschannngen ent*
sprechend ging man ja dann auch sofort an die Annahme der im
Abschied vorgesehenen 30 Hauptlente zu Fuß and 14 Rittmeister ‘j.
Beschäftigen wir nns nnn aber speziell mit den Anschannngen des
Kurfürsten, so dürfen wir sagen, daß er bis znm Herbste von den
größten Besorgnissen erfüllt war. In einem Brief, den er am
9. März an den Grafen von Neuenahr schrieb, entwickelte er noch
ganz ähnliche Gedanken, wie in der Denkschrift vom 14. Februar.
Anch jetzt noch war er geneigt, die Schuld an der Erklärung Heids
und der dadurch erfolgten Aufhebung des Friedens nicht dem Kaiser
selbst, sondern dessen Ratgebern zuzuschieben, ohne Rücksicht
darauf aber betonte er, daß dieser Zustand den Kriegsgeschäften
des Kaisers sowohl gegen die Türken wie gegen den König von
Frankreich sehr hinderlich sein würde; ja er erklärte ganz direkt,
daß man auf protestantischer Seite die Türkengefahr zur Erlangung
eines rechten beständigen Friedens benutzen werde, „dan so man
es nf jhenem teil gnet, anch raum nnd platz het, mochte uns villeicht
das begegnen, des wir uns nicht vermutet noch befaret“. Er schloß
mit dem Hinweis, daß solches nicht ein Mittel sei, Frieden und
Recht im Reich, auch untertänige und willige Kurfürsen und Fürsten
zu erhalten").
Bei solchen Anschauungen über die Lage gewann die in frü-
heren Jahren viel erörterte Frage über das Recht des Widerstandes
gegen den Kaiser erhöhte Bedeutung. In den Korrespondenzen,
die der Kurfürst und der Landgraf im Frühjahr mit Herzog Albrecht
von Preußen, der Kurfürst aUein mit dem Herzog von Liegnitz
führten, wird dieses Recht, für den Fall, daß der Kaiser die Religion
verfolge, entschieden betont*). Daß auch die Wittenberger Theo-
logen sich jetzt auf diesen schon früher von den Juristen ver-
tretenen Standpunkt gestellt hatten, wird dem Kurfürsten seine
Stellungnahme erleichtert haben. Angenehm aber war ihm natür-
lich der Gedanke, etwa mit dem Kaiser in Krieg verwickelt zu
werden, nicht, im stUlen mag er gehofft haben, daß man durch
entschiedenes Auftreten vielleicht doch noch ein größeres Entgegen-
1) Vergl. Janssen, III, S. 372.
2) Bestallungabriefe in Bq;. H. p. 148, No. 72 nnd in P. A. No. 474.
3) Konz, mit eigenh. Korrektoren Reg. H. p. 153, Na 74.
4) Reg. H. p. 143, No. 68. Seckendorf, III, S. 160f. Tschackert,
n, 8. 354L No. 1080.
Beiträfe xur oeneren Geaehicbte ThBringetu 1. a. 9
Digitized by Google
130
Kapitel II.
kommen der Gegner erreichen könne. So wird es zu erklären sein,
wenn er am 1. April Dölzig einen Brief an Hans Hofmann schreiben
ließ, in dem seine Auffassung über Heids Verhandlungen entwickelt
und die Schuld an diesem Mißgriff auf die geringe Kenntnis, die die
Spanier von den deutschen Rechten und Freiheiten hätten, ge-
schoben wurde. Dann wurde darauf hingewiesen, daß unter diesen
Umständen auch eine weitere Verhandlung in der Wahlsache un-
möglich sei. Eigenhändig fügte Johann Friedrich dem Konzept einige
Sätze ein, in denen darauf aufmerksam gemacht wurde, daß daraus
bei seinem Charakter leicht eine dauernde Entfremdung entstehen
könne ‘). Wollte man auf diese Weise etwas erreichen, so mußte
man natürlich an dem Standpunkt der Ablehnung jeder Hilfe für
die Habsburger konsequent festhalten. So finden wir denn auch,
daß Johann Friedrich gegen die Teilnahme deutscher Fürsten am
Feldzug des Kaisers wirkte ’). Er sprach sich entschieden dagegen
ans, daß man einigen der bestellten Hauptleute Urlaub erteüe zum
Dienst für den Kaiser ”), und schlug selbst Kunz Gering und Konrad
von Bemelburg das Gesuch, dem Kaiser znziehen zu dürfen, ab,
denn er habe bisher nicht gemerkt, ob seine vorjährige Dienst-
willigkeit gegen den Kaiser ihm Gnade oder Ungnade verschafft
habe *), auch Werbungen in seinem Gebiet zu Gunsten Karls
gestattete er nicht ‘). Daß der Kurfürst auch einen Angriff der
Gegner für möglich hielt, wenn diese ihren Vorteil ersähen, zeigt
z. B. die Instruktion für den Braunschweiger Tag.
Johann Friedrich befolgte in alledem eine durchaus einheitliche
und konsequente Politik, schrieb dabei nur dem Ausbleiben der
protestantischen Unterstützung eine zu große Wichtigkeit für den
Kaiser zu. Wollte man wirklich etwas erreichen, so mußte man
1) Seckendorf, III, S. 1491. bringt ein Stück des Briefes. Konzept in
Reg. H. p. 163, No. 77. Eigenhändig fügt der Kurfürst z. R ein ; dan Ir kennet
meines gnsten. hem gemut seihest am besten. S. kf. On. können gutik und
Bchidlichen sein, wan aber S. kf. On. in unmut kommen, können sie auch wot
darinnen beharren und eich gar nit abwenden lassen, derhalben ich auch aus
utgster. fnrsorg und dem guten Tertraueten gemut, so ich zu Euch trage. Euch
sulches in ganzem vertrauen nit hab wollen unangezeiget lassen, auf [das] Ir als
der verstendige in Zeiten den Sachen nachzugedenken habet.
2) Kf. an Ldgf. Mai 8, Reg. H. p. 139, No. 65, Konz.
3) An Ldgf. Juni 2, Reg. H. p. 137, No. 64, Konz.
4) Mai 1, Reg. B. No. 1628, Konz.
5) Kf. an Hofmann Mai 28, ebenda, Konz.
Digitized by Google
Band u. Beich: Die Jahre der Sorge a. der UntemehmangBlaat 1&36 — 11. 131
sich den Gegnern des Kaisers, vor allem Frankreich anschließen,
das war aber ein Gedanke, der dem Kurfürsten und auch den
anderen Protestanten damals gänzlich fern lag. Die Mißstimmung
gegen den Kaiser fällt in eine Zeit, in der auch die Verbindung
mit Frankieich sehr lose war. So dachte man nur an eine Ver-
mittlung zwischen dem Kaiser und Frankreich etwa durch das Kur-
fürstenkollegium und einige andere deutsche Fürsten ‘), von einem
Bund mit Frankreich war nicht die Rede, wie überhaupt jeder
aggressive Schritt den Protestanten fern lag. Karl V. kannte sie
in dieser Beziehung nur allzugut und hielt es für nicht schwer, sie
von Gewalttätigkeiten zurückzuhalten, auch ohne ihnen entgegen-
zukommen’). Doch hatte er schließlich auch nichts dagegen ein-
zuwenden, daß man sich durch den von Ferdinand und Held ge-
planten katholischen Gegenbund weiter sichere*). Kriegerische
Absichten hegte er wenigstens zunächst nicht, da er anderweitig
viel zu sehr in Anspruch genommen war*). Bei den Protestanten
aber gab es immer wieder Kriegsbefürchtungen, die sie zu Gegen-
maßregeln veranlaßten.
Die Nachrichten allerdings, die im Mai über eine Bedrohung
Augsburgs durch die Herzöge von Bayern umliefen, schienen dem
Kurfürsten noch nicht bestimmt genug, um Gegenmaßregeln, etwa
eine Gesandtschaft an die Herzöge, nötig zu machen*). Als dann
1) Fa«t während dee ganzen Jahiee 1537 finden wir Johann Friedrich mit
dieeem Gedanken beschäftigt. Korrespondenzen darüber in Beg. B. No. 1628;
Beg. H. p. 137, No. 64 ; p. 136, No. 63. Der Plan scheiterte an dem Widerstand
des Mainzers. Ende des Jahres dachte jedoch der Kurfürst erneut an eine nur
von ihm und dem Kölner vorziuehmende Vermittlung. (An Neuenahr Nov. 8,
Keg. H. p. 154, No. 75A, Konz.)
2) Der Kaiser an Ferd. Mai 31. Banmgarten, III, S. 304f. YergL
Bosenberg, S. 16.
3) Der Kaiser an Ferd. Aug. 19. Baumgarten, III, S. 307f. Bosen-
berg, S. 19. Okt. 7, Baumgarten, 8. 306f. Ich folge im allgemeinen
Rosenberg.
4) Anders war etwa die Gesinnung Heinrichs von Braunschweig, der über
den G^nbund schon seit dem Anfang des Jahres verhandelte und stets fürchtete,
daß man in Wien zu mild gegen die Protestanten verfahren weide. Kredenz und
Memorial für seinen Sekretär Martin Köttel an Held Febr. 9, Reg. H. p. 834,
No. VII, Kopie. Damals hatte er schon Aufträge an verschiedene Kurfürsten
und Fürsten ausgerichtet.
5) Ldgf. an Kf. Mai 31, Beg. H. p. 151, No. 71, Or. Kf. an Ldgf. Juni 8,
Konz, ebenda. Or. P. A. Sachsen, Ernest. Linie, 1537.
9*
Digitized by Google
132
Kapitel II.
aber Beschwerden Bremens^) und Ulms hinzukamen, hielt Johann
Friedrich doch für ratsam, daß er und der Landgraf zu Jacobi in
Koburg oder Eisenach zusammenkämen und daß bei dieser Gelegen-
heit gleich die Kriegsräte des Bundes in Pflicht genommen würden’).
Ueberhaupt faßte der Kurfürst damals eine weitere Ausgestaltung der
Militärverfassung des Bundes ins Auge ’), während der Landgraf merk-
würdig ruhig blieb und die Bundesangelegenheiten im Sommer wenig
energisch betrieb^). Nur die Gerüchte von einem bevorstehenden
Frieden zwischen dem Kaiser und Frankreich beunruhigten ihn.
Der Unterschied in der Auffassung beider Fürsten tritt vor allem
in der dem Koburger Tage vorausgehenden Korrespondenz hervor.
Der Landgraf hielt die Versammlung überhaupt nicht für nötig, da
Bayern jetzt unmöglich etwas gegen Augsburg unternehmen könne
und an einen Vertrag zwischen dem Kaiser und Frankreich noch nicht
zu denken sei, er lehnte es daher auch trotz wiederholter Aufforde-
rungen des Kurfürsten ab, persönlich zu kommen, versprach nur,
seinen Kriegsräten genügende Vollmachten und Instruktionen zu
geben. Im allgemeinen müsse aber in solchen militärischen Dingen
der „Markt den Kauf lehren“ ^). Von Rüstungen des Landgrafen in
dieser Zeit kann jedenfalls gar nicht die Rede sein*).
Voller Besorgnisse war dagegen der Kurfürst. Als Ursachen
dafür ergeben sich ans einem Brief, den er am 23. Juni an PhUipp
schrieb, der Umstand, daß Held nicht von den Habsburgem des-
avouiert worden war, die Hartnäckigkeit des Kammergerichts, die
jetzt im Gang befindlichen Umtriebe Heids, Nachrichten aus Lübeck
und endlich auch der Gang des Feldzuges gegen Frankreich ’).
Noch schärfer sprach sich Johann Friedrich in einem Brief vom
26. Juni aus. Nach diesem glaubte er geradezu an einen bevor-
stehenden Angriö, wozu Achtserklärungen des Kammergerichts be-
nutzt werden würden. Er empfahl, daß man, um „den Glimpf zu be-
ll Kf. an Ldgf. Juni 18, Reg. H. p. 136, No. 63, Konz.
2) Kf. an Ldgf. Juni 8, Reg. H. p. 151, No. 71, Konz.
3) 8o bat er den Landgrafen um Cebersendung des Kriegsregimentes, das
er im württembergischen Zuge gebraucht habe.
4) Er empfahl dem Kurfürsten z. B. Geduld gegenüber Hz. Emst von
Lüneburg und anderen in der Zahlung der Bundesbeiträge säumigen Ständen.
An Kf. Juni 17, Reg. H. p. 137, Na 64, Or.
5) An Kf. Juni 13, H. p. 139, No. 65, Or.
6) In P. A. No. 475 keine Spur davon.
7) Reg. H. ebenda, Konz.
Digitized by Google
Bnod u. Beich: Die Jahre der Sorge u. der Untemehmoiigsliut 1536—41. 133
haupten“, einen Bericht über den kaiserlichen Stillstand und die
schmalkaldischen Verhandlungen veröffentlichen solle. Er glaubte,
daß schon „eine Glocke gegossen“ sei, und daß man seine Ver-
teidigungsmaßregeln ohne Scheu vor irgendjemandem treffen müsset).
Der Landgraf hat zwar an seiner Ueberzeugung, daß in diesem
Sommer noch kein Krieg zu fürchten sei, festgehalten, fügte sich
aber in bezug auf den Koburger Tag. Doch überließ er dessen
Leitung nach wie vor dem Kurfürsten allein*). Dieser ist durch
die Erklärungen des Landgrafen auch etwas beruhigt worden, wollte
nicht allein „der Sorgfältige sein“ *), doch wechselte seine Stimmung
noch vielfach, und die Zusammenkunft der Kriegsräte in Koburg
hat er doch abgehalten, ja es gelang ihm sogar, den Landgrafen
noch vorher zu einer Konferenz in Rotenburg a. d. Fulda zu
bestimmen ‘). An sie schloß sich der Koburger Tag unmittelbar
an. Auf diesem hat man so gut wie ausschließlich über militärische
Detailfragen, Besoldungsverhältnisse u. dgl., vor allem über die
Aufstellung der Artillerie des Bundes beraten. Im Ansschreiben und
der Proposition waren schon die einzelnen Punkte hervorgehoben
außerdem wurden von kursächsischer Seite „ungefiihrliche Artikel“
vorgelegt, die der Kurfürst zwar anscheinend nicht selbst verfaßt,
aber doch genau durchgearbeitet hatte ®). In einem Abschied vom
22. August wurde das Resultat der Beratungen niedergelegt. Um
die Personen der Kriegsräte, um Sold und „Staat“ der Feldoberen,
endlich um die drei Regimenter der Reisigen, der Fußknechte und
der Artillerie handelt es sich ’). Man hat, wie der Landgraf später
1) An Ldgf. Reg. H. p. 139, No. 65, Konz. Or. P. A. Sacluen, Ernestins
15371. VergL Aktenst. No. 8.
2) An Kf. Juni 28, Reg. H. ebenda, Or.; Juli 3, Reg. H. p. 137, No. 64, Or.
3) Juli 10, an Ldgf., ebenda Konz. Or. in P. A.
4) Die Akten, die wir über diese Zusammenkunft besitzen, bandeln aller-
dings nur von dem Verhältnis Herzog Heinrichs zu Georg. (Loc. 10041 „In-
struktionen und Schriften“, Bl. 237 — 246.) Außerdem sprach man über die
nassauische Sache. (Reg. C. No. 332.) Doch ist wohl selbstverständlich, daß die
beiden Fürsten auch die allgemeine Lage erörterten.
5) Der Inhalt des Ausschreibens ergibt sich aus P. C. II, 439, No. 459.
Propoeition vom 12. Aug., R^. H, p. 178, No. 84, Kopie.
6) Entwurf mit eigenhändigen Korrekturen des Kf. ebenda.
7) Or. des Abschiedes vom 22. Aug. in Reg. H. p. 178, No. 84. Zergliedert
bei Rommel, II, S. 375 ff., P. C. II, 445, 1. Vergl. auch Seckendorf, III,
S. 161. Hasenclever, I, S. 112 f. Von der Festsetzung einer Gesamtfeldherm-
schaft, von der Ro m m e 1 , 1, S. 413, II, S. 375 spricht, vermag ich nichts zu finden.
Digitized by Google
134
Kapitel II.
einmal hervorhob, in kurzer Zeit sehr viel zustande gebracht '),
und wir werden mit dem Kurfürsten bedauern, daß Philipp mit
seiner militärischen Erfahrung nicht dabei gewesen war’). Er
machte in der nächsten Zeit mancherlei Verbesserungsvorschläge,
fand vor allem vielfach die Besoldungen zu niedrig angesetzt').
Johann Friedrich erkannte die Berechtigung seiner Einwände an,
verwies aber darauf, daß schon die jetzigen Beschlüsse bei der
^ Knauserei der Bundesstände große Schwierigkeiten gehabt hätten ’).
Tatsächlich hat es ja noch Mühe genug gekostet, die Annahme
besonders der Beschlüsse über die Artillerie bei den Ständen zu
erreichen. Die in Koburg Versammelten hatten gerade diese Ar-
tikel nur ad referendum genommen und sich verpflichtet, sich bis
Michaelis darüber zu erklären. Diesen Termin haben nun nicht
einmal die Oberländer eingehalten, aber sie haben doch wenigstens,
nachdem sie vergeblich versucht hatten, in bezug auf die Aufbe-
wahrung des Geschützes einige Zugeständnisse zu erlangen, Anfang
1538 den Koburger Abschied angenommen*). Auch von einigen
norddeutschen Fürsten, wie den Herzogen von Lüneburg, den
Fürsten von Anhalt, Graf Albrecht von Mansfeld®), sind nach und
nach die Zustimmungserklärungen eingelaufen, von den pommer-
schen Herzogen®) und den sächsischen Städten hatte dagegen der
Kurfürst trotz wiederholter Mahnungen noch am 28. Dezember
keinen Bescheid, so daß er einigermaßen die Geduld verlor '). Seine
1) An Kf. Okt 11, R(^. H. p. 133, No. 59, Or.
2) An Ldgf. Okt 10, undatiertes Konz, in Weimar, ebenda. Or. P. A.
3) Ebenda. Verpl. ferner I/lgf. an Kf. Nov. ö, Kf. an Ldgf. Nov. 15,
Keg. H. p. 133, No. 59.
4) Vergl. P. C. II, 449—453. 453 Anm. 2. 455. Die Btädte an Kf. und
Ldgf. Okt. 6, P. A. No. 4S2, Or. Ldgf. an Kf. Okt. 18, Reg. H. p. 133, No. 59,
Or. Kf. an Ldgf. Okt 29, P. C. II, 457, 1, Reg. H. ebenda, Konz. Ldgf. an Kf.
Nov. 7, Reg. H. p. 137, No. 64, Or. An die Btädte P. C. II, 456 f. lieber die
EchlieOliche Annahme P. C. II, 459.
5) Ldgf. an Kf. Dez. 7, Reg. H. p. 139, No. 65, Or.
6) Heling, Halt. Btud., X, 8. 30.
7) Kf. an die in Magdeburg versammelten Botschaften der sächsischen Btädte
Okt. 22, Reg. H. p. 133, No. 59, Konz., an die Städte selbst Nov. 1, ebenda, an
Ldgf. Dez. 23, Reg. H. p. 142, No. 66. Die Schuld schob Kf. auf Magdeburg,
Dez. 28, Reg. H. p. 139, No. 65. (Abneigung, die Hauptmannschaft wieder zu
übernehmen.) Man kann allerdings nicht leugnen, daü der Kf. nicht alles für
die Gewinnung der Städte tat, was vielleicht möglich gewesen wäre. So riet ihm
z. B. der Landgraf am 14. Sept., er solle die Städte nach Magdeburg zusammen-
rufen und selbst mit ihnen verhandeln, schon vorher aber Magdeburg als ihr
Digitized by Google
Bund n. Reich : Die Jahre der Sorge n. der Untemehmungslost 1536—41. 135
letzte Hoffnang setzte er auf eine persönliche Verhandlung mit den
Vertretern der Städte, die er bei der seit langem geplanten Zu-
sammenkunft mit dem Könige von Dänemark vornehmen wollte^).
Bei dieser Gelegenheit sind auch noch einige der vom Landgi“dfen
gewünschten Verbesserungen der Militärverfassung des Bundes an-
genommen und in einem Abschied fixiert worden*). Eine in-
teressante Ergänzung zu den Koburger Beschlüssen bildet auch die
gerade jetzt vorgenommene militärische Organisation des kurfürst-
lichen Gebietes*).
Außer mit der Militärverfassung hat man sich in Koburg nur
noch mit Bundesangelegenheiten von geringerer Bedeutung be-
schäftigt, so mit der Aufnahme des Markgrafen Hans, der Gewin-
nung von Stade und Buxtehude, dem schon in Schmalkalden be-
schlossenen, vom Landgrafen auszufertigenden Ausschreiben gegen
das Kammergericht, das im Falle einer Achtserklärung ergehen
sollte. In einem Nebenabschied wurden die Beschlüsse darüber
zusammengefaßt*). Manche Dinge sollten auf einer Tagfahrt er-
ledigt werden, die wegen der Hauptmannschaft zu Weihuachten ab-
gehalten werden sollte, doch wurde diese verschoben und mit dem
braunschweigischen Tage vereinigt. Ueberhaupt entwickelte sich
bald nach dem Koburger Tage besonders beim Kurfürsten das
Gefühl, daß man nun bis zum nächsten Jahre sicher sei, und daß
daher die Erledigung der Bundesangelegenheiten nicht so sehr eile.
Im Laufe des August trat nämlich eine Aenderung in der Auf-
fassung des Kurfürsten von der Lage ein. Die wiederholten Ver-
sicherungen des Landgrafen, daß man in diesem Sommer keinen
Krieg haben werde, mögen viel dazu beigetragen haben ®). Immer-
Haupt gewinnen, er seihet wollte Räte dazu schicken. Johann Friedrich lehnte
das aber am 21. Sept. ab, da es schimpflich für ihn sei, wenn er persönlich nichts
erreiche, von Magdeburg erwartete er eher Hinderung als Förderung der Sache.
Er wollte jedoch noch Erkundigungen darüber einzjehen, ob Hoffnung sei, dort
etwas zu erlangen, empfahl seinerseits, dafi Philipp und seine Räte die Verhand-
lungen führten. (R%. H. p. 139, No. G5.)
1) z. B. an Ldgf. Aug. 26, Reg. H. p. 129, No. 57.
2) April 8, Reg. H. p. 178, No. 84. P. A. No. 489.
3) Siehe Kapitel VI.
4) Reg. H. p. 178, No. 84, Or.
5) Ldgf. an Kf. Aug. 12. 14, Reg. H. p. 151, No. 71, Or. Besonders in-
teressant ist die Instruktion des Ldgf. für Koburg in P. A. 481. Sie zeigt, daß
der Ldgf. einen Eji^ nicht wünschte, aber sich fügen wollte, wenn man be-
Digitized by Google
136
Kapitel II.
hin dachte Johann Friedrich noch am 15. Ang;ust daran, die in
Eobnrg Tersammelten Kriegsräte 2—3 Wochen beieinander zn
lassen, damit sich die Lage inzwischen kläre ^), schon wenige Tage
später kam er aber zn der Ueberzeugnng, daß das nicht nötig sei,
und entließ die Kriegsräte gleich nach dem Abschied ’). Und nun
ließ er sich anch durch gelegentliche Befürchtungen, die in den
nächsten Monaten beim Landgrafen eintraten, nicht mehr aus seiner
Ruhe herausbringen*). Vor allem zeigte er eine große Abneigung
dagegen, die Reibungsflächen mit der Gegenpartei durch Ueber-
nahme neuer Verpflichtungen zu vermehren.
Das trat z. B. zutage, als der Landgraf den Vorschlag machte,
daß man gegenüber den Bestrebungen des Herzogs Heinrich von
Braunschweig, die Stifter Bremen und Verden in seine Gewalt zu
bringen, den Bremern einen Trostbrief senden, d. h. ihnen Schutz
versprechen solle. Philipp wünschte diese Gelegenheit als Schachzug
gegen Herzog Heinrich zn benutzen. Der Kurfürst nahm dem-
gegenüber einen sehr korrekten, aber etwas pedantischen Standpunkt
ein. Er wollte den Schutz nur übernehmen, wenn die Stifter in den
Bund träten, was ihm aber wieder wegen der Geistlichen nicht
gut möglich schien, oder er verlangte wenigstens Gegenleistungen
von Bremen, wenn man Verpflichtungen gegen die Stadt übernähme,
die außerhalb des religiösen Gebietes lägen. Die Neigung des
Kurfürsten, solche Verpflichtungen zu übernehmen, war allerdings
gering und gerade Bremen gegenüber um so geringer, da auch
die Stadt es mit der Erfüllung ihrer Bundespflichten nicht allzu
genau nahm. Die Entscheidung dieser Frage wurde schließlich
auch auf den Braunschweiger Tag verschoben*).
Stellen wir zunächst fest, wie die .Auffassung Johann Fried-
richs von der Lage war, als dieser Tag znsammentrat, so hielt er
sie etwa Ende des Jahres 1537 durchaus noch nicht für sicher.
BchloS, den Gegnern zuvorzukommen, nur solle man dann mit Frankreich, Kg.
Johann und anderen Potentaten in Vabinduog treten. Ob er kriegerische Neigungen
beim Kf. rorauseetzte ? Vergl. Rommel, I, S. 427; II, S. 39b f.
1) Kf. an Ldgf. Reg. H. p. 151, No. 71, Konz.
2) An Ldgf. Aug. 24, Reg. H. p. 139, No. 6ö, Konz.
3) Die Stimmung des Ldgf. wechselte sehr, die des Kf. blieb sich ziemlich
gleich. Korrespondenz in R^. H. p. 151, No. 71; p. 137, No. 64; p. 139,
No. 65.
4) Korrespondenz darüber zwischen KL und Ldgf. in Reg. H. p. 136, No. 63
und p. 139, No. 65.
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der Unternehmungslust 1536 — 41. 137
Er bat z. B. damals durch Dölzig den Herzog von Jülich, in
dessen Gebiet werben zu dürfen, wenn er angegrifien werde *), war
mit dem Landgrafen einig darin, daß man die Hauptleute weiter
bestellen müsse*), und war gegen die Habsburger von einer ge-
wissen Erbitterung erfüllt ®). Seine Besorgnisse waren aber damals
anch nicht gerade besonders groß, und er selbst war jedenfalls
bestrebt, das Seine für die Erhaltung des Friedens zu tun'*).
Anfang des Jahres 1538 wurde dann allerdings die Stimmung
schon wieder etwas bedenklicher. Man erfuhr mancherlei von der
Tätigkeit Heids und ihrer kaum verhüllten Spitze gegen die Pro-
testanten*). Dann war um die Jahreswende ja eine Zeitlang die
Gefahr eines Vertrages zwischen dem Kaiser und Frankreich vor-
handen. Daß daraus nichts wurde, konnte zwar zur Beruhigung
dienen, aber andererseits war es doch auch wieder sehr bedenklich,
daß als Grund für das Scheitern der Verhandlungen angegeben
wurde, daß der König sich nicht in ein Bündnis mit dem Kaiser
gegen die Türken und „andere Leute“ habe einlassen wollen”).
Alles das läßt uns begreiflich erscheinen, daß der Kurfürst in
jener Zeit eifrig an einem Bunde mit Jülich arbeitete*) und daß
vor allem der Ansbau des schmalkaldischen Bundes auf dem
Braunschweiger Tage mit großer Energie betrieben wurde. Dieser
1) An Dölzig Nov. 29, Reg. H. p. 164, No. 75 A, Or.
2) An Ldgf. Dez. 15, Reg. H. p. 139, No. 65, Konz. Besonders dnich
Rüstungen in NiederdeutschUnd wurde man in der nächsten Zeit beunruhigt,
hielt sich anch für verpflichtet, dem geächteten Minden zu helfen. Korre-
spondenzen darüber in Reg. H. p. 156, No. 76. Bestallungsbriefe in Reg. H.
p. 188, No. 87, P. A. No. 486. Daß Heinrich von Braunschweig damals tat-
sächlich rüstete und mit der hinhaltenden Politik der Habsburger durchaus nicht
einverstanden war, zeigt seine Korrespondenz mit Karlowitz (Reg. H. p. 838,
Na K) und Held. Karlowitz und Hz. Georg suchten ihn tbei zurückzuhalten.
VergL etwa Georg v. Karlowitz an Hz. Heinrich 1538, Jan. 8. 13. (Er verweist
hier auf die Abrede, daß eie auf ihrer Seite auf keinen Fall den Anfang machen
wollten.) Hz. Georg an Hz. Heinrich Jan. 12. 20. Alles Kopien. Hz. Heinrich
an Held 1538 Febr. 7, P. A. No. 834, Stück 107, Kopie.
3) Kf. an Dölzig Dez. 14, Reg. H. p. 154, No. 75 A, Or. Johann Fried-
rich war der Meinung, daß die Anregung zu neuen Verhandlungen jedenfalls von
den Habsburgern ausgeben rnässe. Siehe Aktenst No. 9.
4) So hatte Dölzig am 8. Nov. 1537 auch Auftrag, den Markgrafen Heinrich
von Nassau zu bitten, Schritte zum Besten des Friedens zu tun, ebenda, Or.
5) Dölzig an Kf. 1538 Jan. 28;29, Febr. 10, Reg. C. No. 850, Hdbf.
6) Dölzig an Kf. Febr. 10. Er fußt auf Mitteilungen Malrois.
7) Vergl. nachher.
Digitized by Google
138
Kapitel II.
Tag war ursprünglich und in erster Linie zu Verhandlungen mit
dem Könige von Dänemark bestimmt, und es wird daher hier der
Ort sein, auf die Beziehungen Johann Friedrichs zu Dänemark auch
in den vorhergehenden Jahren etwas einzugehen. —
Schon vor seinem Eegierungsantritt hatte der Kurfürst einen
Bund mit König Friedrich I. auf 6 Jahre geschlossen zusammen mit
dem Landgrafen und anderen norddeutschen Füreten und Grafen.
Mau war dadurch verpflichtet, den König gegen Angriffe seines
Nebenbuhlers Christian II. mit 200 Reitern und 1000 Fußsoldaten
auf 3 Monate zu unterstützen, während der König die gleichen
Verpflichtungen übernahm, falls die deutschen Fürsten wegen der
Wahlsache angegriften würden. Die Hilfe durfte eventuell auch in
anderer Form, d. h. in Geld geleistet werden. Zuziehung der
ba}Tischen Herzöge war in Aussicht genommen *). Noch ehe dieses
Bündnis besiegelt war, bat der König Sachsen und Hessen um
1500 Knechte, dem Kurfürsten Johann schien aber eine Geldunter-
stützung praktischer, um kein Aufsehen zu erregen*).
Mit dem Verfahren Friedrichs gegen Christian II. sind die
Schmalkaldener sehr wenig einverstanden gewesen, durch eine Ge-
sandtschaft Iggenhausens suchte der König es zu verteidigen, ver-
anlaßte dadurch aber nur, daß Johann Friedrich, der durch die
Markgräfiu Elisabeth zu Gunsten ihres Bruders Christian beeinflußt
wurde, seine Vermittlung anbot ; aus ihr ist allerdings doch schließ-
lich auch nichts Rechfbs geworden”).
Schwieriger noch wurde die Lage der Schmalkaldener, als nach
dem Tode Friedrichs I. (am 10. April 1533) Lübeck gegen dessen Sohn
Christian III. auftrat, da sie nun mit beiden Parteien verbündet
waren. Mehr als je lag es jetzt nahe, eine Vermittlung zu ver-
suchen, und besonders Johann Friedrich, der im ganzen wohl mehr
auf der Seite Lübecks als auf der Christians III. stand, war ein
eifriger Vertreter dieses Gedankens ‘). Bald trat dann an ihn noch
eine besondere Versuchung heran, indem Wullenwewer ihm die
dänische Krone, ja sogar die Herrschaft auch über Schweden und
Norwegen anbot. Daß er dabei den Nutzen, den die Sache für
1) Waitz, I, S. 327—330.
2) Aklen darüber Beg. C. No. 811.
3) Schäfer, IV, 8. 197 f. Reg. C. No. 811.
4) Vergl. Waitz, II, 8. 51 f. 78 ff. 245 f. 265 f. 268«. 283«. Reg. C.
No. 812. 813.
Digiiized by Google
Bund u. B«ich: Die Jahre der Borge u. der Untemehmuogslugt 1536 — 11. 139
das Evangelium haben werde, hervorhob, war geschickt auf die
Denkweise des Kurfürsten berechnet und mag bewirkt haben, daß
dieser glaubte, den Vorschlag nicht direkt ablehnen zu dürfen.
Besonders sein Befehl an Mila vom 23. Juli 1534 zeigt ja, daß er
bereit war, eventuell auf das Anerbieten einzugehen. Doch war er sich
auch klar darüber, daß die Lübecker nicht allein über das König-
reich zu verfügen hätten, und stellte als Bedingung, daß er durch
die Mehrheit der dänischen Stände gewählt werde. Auch sonst sollten
Taubenheim und Minckwitz, die er nach Lübeck schickte, ei-st noch
allerhand Erkundigungen über die dänischen Verhältnisse einziehen.
Als der Eindruck, den sie von den lübeckLschen Dingen erhielten,
ungünstig war, sie auch von den mancherlei anderen Kandidaten,
mit denen die Stadt verhandelte, berichteten, hat Johann Friedrich
wohl nicht allzu schwer auf den dänischen Königstraum verzichtet.
Als Grund für seine Ablehnung gab er die Unsicherheit
der Rechtslage und seine Vermittlertätigkeit an. Auf diese zog
er sich nun wieder zurück ') und hielt sich demgemäß streng
neutral*). Mit der Vermittlung kam man aber auch nicht recht
von der Stelle, dagegen hob sich die Stellung Christians III. Das
scheint auch auf den Kurfürsten nicht ohne Einfluß geblieben zu
sein. Er hatte zwar auch im Sommer 1535 nicht die geringste
Neigung, dem König auf Grund des alten Bündnisses zu helfen®),
aber er war doch bereit, einen neuen Vertrag mit ihm zu schließen *),
ja er suchte während der Verhandlungen auf die widerspenstigen
Lübecker gelegentlich schon mit der Drohung zu wirken, daß er
dem König helfen müsse, wenn die Stadt nicht Frieden schließe®).
Am 14. Februar 1536 ist dieser endlich doch zustande gekommen.
Damit war aber nicht jede Gefahr, daß die dänische Thronfolge zu
Verwickelungen führen könne, beseitigt. Noch befand sich Christian II.
in der Gefangenschaft, seine Verwandten suchten für ihn zu wirken.
1) Waiti, II, 8. 80 — 82. 85f. 87£f. 290 — 317. Ecg. C. No. 813-81.5.
Schäfer, IV, 8. 249ff.
2) Ee iet z. B. nicht richtig, wenn Schäfer, IV, 8. 252 den Kf. für das
Unternehmen Bastians von Jessen verantwortlich macht, er war im höchsten
Grade unzufrieden damit. (Die Räte an Jessen 1534 Okt. 4, Reg. C. No. 815,
Konz., meist von der Hand des Kf.)
3) Entschiedene Zurückweisung solcher Vorschläge des Franz von Lüneburg
am 4. JulL Waitz, III, 8. 125 f. 447 ff. Reg. C. No. 816.
4) Brief vom 11. Aug. an die Hze. von Lüneburg, ebenda.
5) Schäfer, IV, 8. 302ff. Waitz, III, 8. 124ff. 452ff.
Digitized by Google
140
Kapitel II.
Nun war eine seiner Töchter an Friedrich von der Pfalz ver-
heiratet, und dieses Paar machte sich in der nächsten Zeit zum
Hanptvorkämpfer der Rechte des gefangenen Königs. Es war
außerdem Gefahr vorhanden, daß die Habsburger sich der An-
sprüche Christians II., ihres Schwagers, annähmen. So benutzte
denn Johann Friedrich seinen Aufenthalt in Wien, um mit König
Ferdinand auch über diese Dinge zu reden. Dieser empfahl eine
Vermittlung zwischen Christian III. und dem Pfalzgrafen, der er
sich auch selbst mitannehmen wollte; von kurfürstlicher Seite
wurden sofort „unvorgreifliche Vorschläge“ ausgearbeitet, die auf
eine Geldentschädigung Christians II. und seine Internierung auf
brandenburgischem oder pfälzischem Gebiete hinausliefen, aber bei
Friedrich von der Pfalz fand man ein nur sehr geringes Entgegen-
kommen. Auch der Landgraf nahm sich der Sache an, der Pfälzer
aber und bald auch König Ferdinand verwiesen darauf, daß sie
ohne Zustimmung des Kaisers nichts tun könnten*). Von diesem
aber war, wie sich bald zeigte, nicht zu erwarten, daß er sich auf
irgendwelches Entgegenkommen gegen den siegreichen Dänenkönig
einlassen würde. Erschien doch im März 1536 eine Gesandtschaft
Karls bei den schmalkaldischen Fürsten, um sie direkt zur Mit-
wirkung bei der Beförderung des Pfalzgrafen zum Königreich
Dänemai'k aufzufordem *). Daran war natürlich nicht zu denken, be-
gannen doch äie Schmalkaldener eben jetzt, nachdem die Fehde mit
Lübeck glücklich beigelegt war, über einen Bund mit Christian III.
zu verhandeln. Auch Johann Friedrich war dazu geneigt®), doch
gingen ihm die Forderungen des Königs, der mit seinen sämtlichen
Ländern in den Bund aufgenommen zu werden wünschte, zu weit*).
Eine Unterstützung des Königs mit Geld, ehe er im Bunde war,
1) Kf. an Ferd. 1535 Nov. 21 und Dez. 18, Reg. C. No. 816. VergL
Waitz, III, S. 534. Ferd. an Kf. Nov. 23. Neuenahr an Dölzig Dez. 9, Bericht
über seine Verhandlungen mit dem Pfälzer, ebenda. Ferd. an Kf. 1536 Jan. I,
Reg. C. No. 818. W aitz, a. a. O. Vergl. auch Lanz, Staatspapiere, S. 192/193.
Neudecker, Aktenst., S. 117.
2) Vergl. Waitz, III, S. 262f. Reg. C. No. 816. Dort der Kredenzbrief
der Gesandten vom 7. Dez. 1535. Die Werbung vom 18. März 1536 und die
Antwort des Kf. in Reg. C. No. 818.
3) Schon in der Instruktion für Wildenfels, Thann und Kreitzen zu den
Hamburger Verhandlungen spricht sich der Kf. für den Bund nicht nur in der
Wahlsache, sondern in allen Sachen aus. 1535 Dez. 16, R<^. H. p. 112, No. 52,
Or. Waitz, III, S. 541.
4) Vergl. Waitz, III, S. 541 f.
Digilized by Google
Band u. Reich : Die Jahre der Borge u. der Unternehmuogslust 1536 — 41. 141
lehnte er auch ab, war überhaupt im Sommer 1536 nicht sehr
entgegenkommend^), was wohl damit Zusammenhängen wird, daß
er damals noch auf einen Vertrag mit den Habsburgern rechnete.
Gegen Ende des Jahres zog er dann auch in dieser Beziehung
andere Saiten auf.
Nun ließ er sich zusammen mit den anderen norddeutschen
Fürsten in einen Bund mit König Christian ein, der insofern als
eine Erweiterung des früheren Verständnisses mit König Friedrich zu
betrachten ist, als er sich außer auf die Wahlsache auch auf das gött-
liche Wort und alle Dinge, in denen ein Teil vor dem anderen
Gleich und Recht leiden wollte, bezog, während man dagegen in
dem Kriege mit Lübeck dem Könige nur einmal kraft des älteren
Bündnisses helfen wollte ’). Nun warnte der Kurfürst gemeinsam
mit dem Landgrafen den König davor, sich etwa allzusehr vor dem
Kaiser zu demütigen’), nun nahm er teil an den Bemühungen,
auch eine Verbindung zwischen Christian und dem schmalkaldischen
Bunde zustande zu bringen. Auf dem schmalkaldischen Bundestage
im Februar 1537 fanden auch hierüber Verhandlungen statt, ein Ab-
schluß konnte aber, da die städtischen Vei-treter nicht instruiert
waren, nicht erfolgen, daher sprachen denn nur die Fürsten am 25. Fe-
bruar ihre Geneigtheit zum Bunde aus, die Städte versprachen, sich
bis Jubilate zu entscheiden *). Von ihnen hat nur Straßburg unbedingt
seine Zustimmung gegeben ’). Die übrigen oberländischen Städte baten,
den Bund auf Glaubenssacben zu beschränken’). Die sächsischen
Städte lehnten mit Ausnahme von Hamburg und Bremen den
Bund überhaupt ab ’). Infolge dieser Schwierigkeiten auf städtischer
1) Bei der Gewährang eines Anlelms von 7000 fl., machte er ungeheure
Schwierigkeiten. Korrespondenz mit dem Ldgf. in Reg. H. p. 112, No. 32.
Waitz, m, S. 269«. 544—546.
2) Or. des Bundes Weim. Arch. Urk. No. 1724, gedruckt bei Hortleder,
1,2,8.1338-1340. Vergl. Schäfer, IV, S. 445. Waitz , III, S. 326. DerBund
ist datiert vom 5. Okt. Der Kf. sprach aber erst am 24. Nov. seine Annahme
aus. An Ldg. R^. H. p. 112, Na 52, Konz. Waitz, III, 8. 561.
3) Nov. 2 Kl an Christian III, Reg. C. No. 822. Waitz, III, S.568. Kf.
und Ldgf. an den Kg. Dez. 25, ebenda.
4) P. C. II, 8. 422. 428. Waitz, III, 8. 562«.
5) AprU 17. P. C. II, 4341
6) April 4. P. C. II, 435 Anm. 2.
7) Kl an Ldgf. AprU 28, Reg. H. p. 142, No. 66, Konz. Brief der Städte
vom 19. April im Or. ebenda. Hamburg an Kl AprU 11, Bremen an Kf.
AprU 28, ebenda, Or.
Digitized by Google
142
Kapitel II.
Seite riet der Landgraf am 9. Mai, den Bund ohne die Städte zu
schließen’), zu diesem Zwecke sollte die Zusammenkunft mit dem
Könige dienen, die man anfangs fOr den Oktober in Braunschweig
oder Magdeburg plante. Nach mehrmaliger Verschiebung hat sie
schließlich im März und April 1538 in Braunschweig stattgefunden,
blieb aber nicht beschränkt auf die eine Frage, sondern verwandelte
sich in einen förmlichen Bundestag*), auf dem auch allerhand
andere wichtige Angelegenheiten beraten wurden.
Bleiben wir aber zunächst bei der dänischen Sache stehen, so
gelang es, sowohl die Oberländer wie die sächsischen Stände für
ein „Nebenverständnis“ mit Dänemark zu gewinnen. Die sächsischen
Städte, Pommern und Württemberg knüpften ihre Zustimmung aber
an die Bedingung, daß in jedem einzelnen Falle erst entschieden
werden müsse, ob es sich um eine Religionssache handle. Nach-
dem auch König Christian in diese Beschränkung gewilligt hatte,
konnte am 9. April das Bündnis zwischen ihm und den Schmal-
kaldenem zur Verteidigung bei Angiiffen wegen der Religion auf
9 Jahre geschlossen werden. Am 10. wurde es durch eine Bei-
verschreibung ergänzt, wonach jedesmal durch die Stimmstände
entschieden werden sollte, ob es sich um eine Religionssache handle *).
Gegen den Gedanken, auch in weltlichen Sachen ein Bündnis mit
dem Könige zu schließen, verhielt sich die Mehrzahl der Stände
auch in Braunschweig ablehnend. Nur Hamburg und Bremen*)
schlossen sich dem Bündnis der norddeutschen Fürsten und Grafen
mit dem Könige, das ebenfalls vom 9. April datiert ist, an. Aber
wenn eine weitere Ausdehnung dieses Bundes auch nicht erreicht
wurde, durch die Vereinigung mit Dänemark war doch ein be-
deutender Schritt getan, um den schmalkaldischen Bund zu einem
Faktor der europäischen Politik zu machen. An weiteren Bestrebungen
der Art hat es gerade im Jahre 1538 nicht gefehlt.
1) Or. Reg. H. p. 142, No. 66.
2) Aus Oberdeutschland nahmen jedoch nur die Stimmst&nde teil.
3) Ueber die Verhandlungen vergl. P. C. II, 4T6ff. Die Verträge bei
Hortleder, I, 2, S. 1342ff. und öfter, die Beiverschreibung bei Waitz, III,
S. 564 — 566. Vergl. Schäfer, IV, 8. 449f. Waitz, III, S. 328. Or. in Reg. H.
p. 1174 Ae, und 1171 Ad. Konz, von der Hand Feiges in P. A. No. 489.
4) Protokoll im Braunschweiger Stadtarchiv Schmalk. Bund, vol. IV, BL 180
— 184 nennt wohl irrtümlich Braunschweig. Reh tm ej er , III, 8. 126. Er schreibt
das Protokoll wörtlich ab.
Digitized by Google
Bond n. Reich: Die Jahre der Sorge u. der UntemehmungBluet 1536 — 41. 143
Bleiben wir jedoch zunächst noch bei den Bundesangelegeu-
heiten, so hatten wir schon früher darauf hinzuweisen, daß man
den Braunschweiger Tag unter anderem auch dazu ausersehen hatte,
um einen letzten Versuch zu machen, die sächsischen Städte für
die Verdoppelung der Monate und die Annahme des Koburger
Abschiedes zu gewinnen. Dreimal waren sie im Laufe des Winters
deswegen zusammengekommen , ohne daß sich ein einheitlicher
Beschluß hatte erzielen lassen '). Jetzt lud man sie nun 8 Tage
vor dem Beginn der übrigen Verhandlungen nach Braunschweig
ein, und die sächsischen und hessischen Vertreter bemühten sich
eifrig, endlich zum Ziele mit ihnen zu kommen. Anfangs, solange
nur Hamburg und Bremen, Braunschweig, Hannover und Minden
vertreten waren, ging auch alles ganz gut, dann aber trat eine
Stockung ein, woran nach Ansicht der kursächsischen Gesandten
der auch dem Kurfürsten stets verdächtige Vertreter Magdeburgs,
Dr. Levin Emden, schuld war, und schließlich erreichte man weder
die Verdoppelung der Monate noch die Annahme des Koburger
Abschiedes. In letzterer Beziehung knüpften die Städte wenigstens
ihre Zustimmung an die Bedingung, daß das von ihnen gelieferte
Geschütz nach Magdeburg gestellt werde, was der Kurfürst auf keinen
Fall genehmigen wollte’). Nach dessen eignem Eintreffen wurde
dann aber doch noch eine Einigung erzielt, so daß schließlich alle
Stände außer Pommern*) die Koburger Beschlüsse annahmen*).
Verschoben hatte man auf den Braunschweiger Tag auch die
Neubesetzung der Hauptmannschaft des Bundes, die eigentlich
schon am 21. Dezember 1537 hätte erfolgen müssen. Der Kurfürst und
der Landgraf ließen sich bestimmen, das Amt auf zwei weitere
Jahre zu übernehmen.
Als weitere Beratungsgegenstände waren in dem Ausschreiben
vom 10. Januar*) die Beschwerden der Bundesstände und die
Neubewilligung der kleinen Anlage für Bestallung von Ritt-
1) Hz. Ernst an Kf. Febr. 14, Reg. H. p. 191, No. 88, dort überhaupt
Korrespondenzen über die Haltung der sächsischen Städte. Näheres bietet Braun-
schweiger Stadtarchiv, Schmalkald. Bund, vol. IV. Rehtmeyer, III, S. 120f.
2) Instruktion der kursächsischen Gesandten Nickel vonMinckwitz und Jobst
von Hain vom 10. März, protokollartige Aufzeichnungen über ihre Verhandlungen
und Berichte vom 15., 21., 25., 28. März in Reg. H. p. 156, No. 76.
3) Vergl. Heling, Balt. Stud., X. 8. 31.
4) Braunschweiger Protokoll Bl. 183 und der Abschied.
5) P. C. II, 467.
Digitized by Google
144
Kapitel II.
meistern und Hauptleuten genannt. Erstere waren sehr mannig-
faltiger Art'), bieten für uns hier aber kein besonderes Interesse,
nur das darf vielleicht erwähnt werden, daß in dem über diese
Dinge beschlossenen Nebenabschied die bremische Sache noch
nicht definitiv erledigt, sondern weiteren Verhandlungen zwischen
Sachsen und Hessen überlassen wurde. Zwischen diesen ist dann
schließlich eine Einigung dahin zustande gekommen, daß man
sich zur Hilfe bereit erklären woUte, wenn die Stände des Stiftes
trotz ihrer Appellation doch mit dem Konservatorium Herzog
Heinrichs beschwert oder sonst bedrängt würden, vorausgesetzt,
daß man auch auf Gegenhilfe in ähnlichen Sachen rechnen könne.
In diesem Sinne haben daun die beiden Fürsten am 2. Mai an
Herzog Emst von Braunschweig-Lüneburg, der sich der Angelegen-
heit der Stifter vor allem angenommen hatte, geschrieben*). Die
kleine Anlage wurde schon am 2. April von neuem bewilligt, am
4. April wurde sie für jeden Stand genau festgesetzt und beschlossen,
daß sie bis Pfingsten gezahlt werden solle. Das ging dann auch
in den Abschied über. Ferner wurde durch diesen Hans von
Küstrin definitiv in den Bund aufgenommen*), über die Aufiiahme
des Herzogs von Preußen, der Herzogin Elisabeth von Hochlitz,
Konrads von Tecklenburg und Heinrichs von Schwarzburg fanden
Verhandlungen statt.
Man hat das Zusammensein in Braunschweig benutzt, um noch
manche andere Fragen zu erörtern. Sehr viel hat man da wieder
mit dem Verhältnis zum Kammergericht zu tun gehabt. Die
Bundesleitung brachte am 3. April einige darauf bezügliche Fragen
vor, vor allem die, ob das in Schmalkalden beschlossene Aus-
schreiben ergehen und ob man das Kammergericht durch einen
Druck rekusieren solle. Dadurch wurden Straßburg und Augsburg
veranlaßt, die Rekusation des Gerichtes auch in weltlichen Sachen
vorzuschlagen. Sachsen und Hessen waren mit diesem Gedanken
sehr einverstanden, meinten aber, daß dann auch der Bund auf
alle Sachen ausgedehnt werden müsse.
Damit war nun natürlich eine außerordentlich wichtige Frage
angeregt. Eine Aufzeichnung über die Beratungen des Ausschusses,
1) Viele Akten darüber in Beg. H. p. 156, No. 76.
2) Reg. H. p. 198, No. 91.
3) Die letzten Verhandlungen sollte Kunachsen mit ihm führeo. Am
5. Juni kam man zum Abechlufi. Or. des Vertrages in R^. H. p. 178, No. 84.
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge n. der UDtemehmnngsluBt 1536 — 41. ^45
die deswef^en stattfanden, ist uns erhalten, die Gründe für und
wider wurden zusammengesteUt. Man scheute vor allem den Vorwurf,
daß man gar kein Recht leiden wolle, meinte dem aber dadurch
Vorbeugen zu können, daß man Schiedsrichter bezeichnete, vor denen
man Recht geben wolle ^). Es ist begreiflich, daß man in einer
so wichtigen Frage nicht sofort zu einem Entschluß kam und daß
viele der anwesenden Stände die Sache nur ad referendum nehmen
konnten. Im Abschied wurde daher bestimmt, daß die einzelnen
Bundesmitglieder ihre Gutachten über die Rekusation des Gerichtes
bis Johanni an Sachsen und Hessen senden sollten. Diese sollten
dann auf Grund davon einen Beschluß verfassen und diesen wieder
den einzelnen Ständen zur Genehmigung vorlegen. Käme es
schon vorher zu einem Reichstag oder einer Achtserklärung, so
sollten die Hauptleute die Stände zur Beschlußfassung zusammen-
rufeu. Man machte sofort darauf aufmerksam, daß die Rekusation
des Gerichtes in allen Sachen auch ein Bündnis in allen Sachen
zur Folge haben müsse®). Auf Grund dieses Abschiedes sind in
den nächsten Monaten eine große Anzahl von Gutachten einge-
gangen, von denen aber nur die von Straßburg und Konstanz sich
unbedingt für die Rekusation aussprachen *). Eine Aeußerung Kur-
sachsens ist mir nicht bekannt geworden.
Wie sich aus dem Abschied ergibt, hat man in Braunschweig
auch über die Frage der Türkenhilfe verhandelt ‘). Man hielt fest
an den vorjährigen Forderungen, daß Frieden und Reichstag vorher-
gehen müßten, betonte außerdem jetzt auch die Notwendigkeit einer
christlichen Reformation, da man ohne eine solche nicht siegen
könne. — Man beschäftigte sich ferner mit der Frage eines äußer-
lichen Friedens mit den dazu geneigten altgläubigen Ständen. Der
Gedanke ist wahrscheinlich von Straßburg angeregt worden“),
zwischen dem 6. und 16. April wird man darüber beraten haben*).
1) Hortleder, I, 2, S. 125« f.: „daß man sich auf etliche arbitros com-
promissarioe, auf die Einungsverwandten oder auf unparteiische Kommissarien
erbot“.
2) Der Abschied über das Kammergericht bei Hortleder, I, 2, S. 1260.
3) Hortleder, I, 2, 8. 1269—1286. Vergl. auch nachher 8. 168/69.
4) Durch die Anwesenheit eines Gesandten König Ferdinands, eines Tnich-
seeses, wurde man dazu veranlaßt. Braunschw. Protokoll, Bl. 184b.
5) P. C. II, 472.
6) Das Straßburger Protokoll bricht leider mit dem 6. April ab. Das Braun-
schweiger bietet auch nicht viel mehr.
Beitrage zur Dcueren Geschichte Thüringens I, 3. 10
Digitized by Google
146
Kapitel IL
Im Abschied erhielten die Stimmstände die Vollmacht, derartige
Verhandlungen zu führen. Doch haben nur Sachsen, Lüneburg,
Hessen, Albrecht von Mansfeld, die Anhalter, Hamburg und Bremen
dem sofort zugestimmt, während die anderen es nur ad referendum
nahmen '). — Einer Anregung der sächsischen Städte leistete man
Folge, wenn man Beschlüsse über den Schutz von Gesandten, die
zu den Bundestagen reisten, und der Städte, in denen die Tage
stattfanden, faßte. Das Benehmen Heinrichs von Braunschweig
gegen die Besucher des diesmaligen Tages war natürlich die Ver-
anlassung dazu.
Zwei Paragraphen des Abschiedes beschäftigten sich mit der
Religion: alle Stände sollten Vorkehrungen treffen, um den Fort-
bestand des Evangeliums in ihrem Gebiet auch nach ihrem Tode
oder Amtsaustritt zu sichern, was dann eine Sendung an Ulrich
von Württemberg zur Folge hatte, um ihn zu einem besseren Ver-
hältnis zu seinem Sohne zu veranlassen *). Ferner sollten die
Stände Gutachten abfassen über die Verwendung der eingezogenen
Kirchengüter. Darin sollte die Frage beantwortet werden, wem
die Kirchengüter zuständen, und wer die Verfügung über sie haben
müsse, damit sie nicht verschwendet und der Kirche entzogen
würden. Außerdem sollte man sich auch darüber äußern, welches
Recht die Verbündeten hätten, die Zinsen und Renten für die in
ihrem Gebiete gelegenen geistlichen Güter auch aus fremden
Herrschaftsgebieten zu fordern. Ueber diese Dinge sind dann in
der nächsten Zeit zahlreiche Gutachten eingegangen®).
Alles in allem dürfen auch die Braunschweiger Tagung und
der Braunschweiger Abschied als ein bedeutender Fortschritt auf
dem Wege der Stärkung und Festigung des Bundes betrachtet
werden. Eine Zeitlang schienen sich aber noch viel weitere Per-
spektiven zu eröffnen. Da waren zunächst in Braunschweig auch
Gesandte des Herzogs von Jülich erschienen, und die Frage der
1) Braunschweig erklärte sich am 2. Juni einventanden. Braunschw. Stadtarch.
a. a. O. Bl. 289, an Kf.
2) P. C. II, 481.
3) V'ergl. hierüber vor allem Roth, ARO. I, S. 299ff. £lin Gutachten
Bucers bei Hortleder, I, 2, 8. llllff., Buch V, Kap. 8. Vergl. Roth,
8. 303 ff. Das Stück ist aber erst als eine Folge des Braunschweiger Beschlusses
zu betrachten. Alles übrige nach P. C. II, 476 ff. und dem Abschied Reg. H.
p. 176, No. 83, 1, Bl. 16 ff., Or. Inhalt P. C. II, 480.
Digitized by Google
Bund u. Seich: Die Jahre der Sorge a. der Untemehmungsluüt 1536 — 41. X47
Beziehangen der Schmalkaldener zu diesem war dadurch auf die
Tagesordnung gekommen. Es lag ja nahe, die engen verwandt-
schaftlichen Beziehungen der jülichschen Herzogsfamilie zu Johann
Friedrich im Interesse der protestantischen Sache auszunutzen, und
man darf sagen, daß der Kurfürst es auch an dahin gehenden Be-
mühungen niemals hat fehlen lassen. Schon im Frühjahr 1533
korrespondierte er mit Wilhelm von Neuenahr über eine Reise nach
Jülich*). Auch seine Reise in die Rheinlande im Jahre 1534 hatte
doch zum Teil dem Zwecke gedient, Jülich zu gewinnen, in den
nächsten Jahren blieb er in beständiger Korrespondenz mit dem
Düsseldorfer Hofe, suchte ihn auch durch die Grafen von Nassau
und Neuenahr zu beeinflussen, interessierte sich besonders für die
Frage der Vermählung seines Schwagers Wilhelm*).
Der Gedanke einer engeren politischen Verbindung mit den
Jülichem tritt erst im Jahre 1537 auf, durch einen längeren Aufenthalt
des jungen Herzogs au seinem Hofe, durch eineu Besuch der ganzen
herzoglichen Familie oder allenfalls auch nur eine Zusammenkunft
suchte der Kurfürst sie zu erreichen*). Als ein Bündnis zwischen
Knrsachsen, Kurköln und Jülich war sie zunächst gedacht*). Das
Entgegenkommen gegen diese Pläne war aber auf herzoglicher
Seite sehr gering, man hatte dort das Projekt einer Vermählung
Herzog Wilhelms mit der verwittweten Herzogin von Mailand, der
Prinzessin Anna mit dem jungen Herzog von Lothringen im Kopfe
und daher keine Zeit für die Anregungen des sächsischen Kur-
fürsten*). Dieser beruhigte sich zunächst dabei, hatte auch gegen
jene Heiratspläne an sich nichts einzuwenden, warnte nur davor,
dabei irgendwelche Verpflichtungen gegen das Haus Burgund ein-
zngehen*). Schon jetzt bildete sich aber bei Johann Friedrich eine
1) Reg. D. 420. Cornelius, XIV, S. 112.
2) Vergl. etwa 1535 Juni 13, Kf. an Wilh. v. Nassan, Loc. 9136 „Landgraf
zu Hessen Zurüstung . . . 1536“, Bl. 1 — 4. 1536 Juni 21 , ders. an dens.,
Reg. C. No. 344, BL 43/44. 1536 Juli 13, Neuenahr an Kf., Cornelius, XIV,
S. 124 ff.
3) An Wilhelm von Nassau 1537 April 6, Reg. H. p. 153, No. 74, Konz.
Mai 22, Reg. C. No. 331, Konz.
4) KL an Neuenahr 1537 Juli 15, Konz., Neuenahr an Kf. Aug. 21, Or.,
Reg. H. p. 153, No. 74. Kf. an Neuenahr Nov. 8, R^. H. p. 154, No. 75 A, Konz.
5) Wilh. V. Nassau an Kf. Juli 3, Reg. H. p. 163, No. 74, Or.
6) Kf. an Wilh. v. Nassau Juli 12, Neuenahr an Kf. Juni 22, Or., Kf. an
Neuenahr Juli 15, Konz., Reg. H. ebenda.
10*
Digilized by Google
148
Kapitel II.
gewisse Unzufriedenheit mit den Räten des Herzogs aus, die nach
seiner Meinung schuld daran waren, daß Johann so wenig auf seine
Ratschläge hörte, obgleich er es an Versuchen, sie zu gewinnen,
nicht fehlen ließ*).
Tatsächlich ist ja dann der mailändische Heiratsplan an den
Forderungen, die von burgundischer Seite erhoben wurden, ge-
scheitert ’), und bald darauf entwickelte sich ein Gegensatz zwischen
dem Herzog und den Habsburgern durch die geldrische Angelegen-
heit. Der Kurfürst erhielt Gelegenheit, sich mit den geldrischeu
Verhältnissen zu beschäftigen, zuerst durch den Streit zwischen
einer Anzahl geldrischer Städte (Roermonde, Nymwegen, Amheim.
Zutphen, Groningen) und ihrem Herzog. Dieser Streit wurde
hervorgerufen durch den Plan Herzog Karls, seine Staaten nach
seinem Tode dem Könige von Frankreich zu hinterlassen*); die
Städte weigerten sich, diesen Vertrag zu ratifizieren, weil sie beim
Reich zu bleiben wünschten. Gerade dieser Gesichtspunkt war
dem Kurfürsten sehr sympathisch, und er war nicht abgeneigt, die
Städte, falls sie evangelisch wären, in den schmalkaldischen Bund
aufzunehmen *).
Bald gewann dann die Angelegenheit ein ganz anderes Gesicht
dadurch, daß Herzog Karl sich unter dem Dmcke seiner Land-
schaft entschloß, sein Land an Herzog Wilhelm von Jülich zu ver-
erben. Man griff in Düsseldorf sofort zu, gönnte sich nicht einmal
1) Eine Anregong zur Gcwumuug des jüliduchen Hofmeisters Werner
lloetaden und des Kanzlers Job. Ohogreff gab Neuenabr scboo im Frübjabr 1533.
Der Kf. erklärte sieb am 14. April bereit dazu (Reg. D. No. 420). Am 16. Juni
konnte der Gf. melden, daß beide die Bestallung angenommen hätten (Cor-
nelius, XIV, 8. 113), sehr zur Freude des Kf. (an den Gfen. Juli 3, Reg. D.
a, a. O.). Etwa im Oktober mußte dann aber der Gf. durch den oraniseben
Diener Vincentinus von Allenstein berichten, daß der Hofmeister die Bestallung
für sich und den Kanzler auf Wunsch der Herzogin zurückgezogen hätte, „da
I. Gn. dienor auch diener des Kf. sei“ (Reg. D. ebenda). Nach den Rechnungen
waren für die beiden jülichscben Beamten je lOÜ fL Dienstgeld in Aussicht ge-
nommen (Reg. Bb. 4376. 4377). Wirklich etwas erhalten zu haben scheint 1533
Wirich von Thun (Daun), Graf von Oberstein (Reg. Bb. 4371).
2) Vergl. vor allem Dölzig an Kf. 1538 Febr. 10, Reg. C. No. 850, Hdbf.
3) Ruble, S. 64.
4) Der Kf. korrespondierte mit Nymwegen über die Sache. An Ldgf.
1537 Dez. 17, Reg. H. p. 151, No. 71, Konz. Ldgf. an Kf. Dez. 25, Reg. H.
p. 211, No. 95, Or. An die Möglichkeit der Aufnahme der Städte in den Bund
glaubte Philipp nicht.
Digitized by Google
Bund u. Reich : Die Jahre der Sorge u. der Unternehraungslugt 1536 — 11. 149
die Zeit, erst den Rat des Kurfürsten einzuholen, sondern begann
schon mit der Vornahme der Huldigung, ehe Johann Friedrich
von der Sache etwas wußte*). Doch erklärte dieser nachher, daß
er jedenfalls nicht abgeraten haben würde’). Ueberhaupt ist er
offenbar durchaus einverstanden gewesen. Dabei bestimmte ihn
zunächst der Umstand, daß Geldern ja nun dem Reiche erhalten blieb,
ferner hoffte er, daß der Herzog von Jülich durch den Gegensatz
zn den Habsburgern, in den er nun geraten mußte und über dessen
Unvermeidlichkeit Johann Friedrich sich völlig klar war, desto eher
zum Uebertritt zum Protestantismus und zum Anschluß an den
schmalkaldischen Bund bestimmt werden würde“). Er versäumte
nicht, Herzog Johann und seine Räte durch Dölzig und Harst auf
diese Konsequenzen aufmerksam zu machen und ihm zu raten, sich
einen „Rücken“ zu machen. Er empfahl eine persönliche Zusammen-
kunft zwischen ihnen beiden oder zwischen ihm und Herzog Wil-
helm, um weiter über die Angelegenheit zu sprechen“).
Man darf behaupten, daß es tatsächlich die oben angeführten
Motive waren, die die Haltung Johann Friediichs in dieser geldri-
schen Frage bestimmten, auf sein persönliches Interesse bei der
Sache wird weniger Wert zu legen sein *). Dagegen wird der Gegen-
satz, in dem er sich selbst gerade zu den Habsburgem befand,
nicht ohne Einfluß geblieben sein. Ueber die Rechtslage war er
sich schwerhch ganz klar.
Ein Anschluß des Herzogs an den schmalkaldischen Bund wäre
sicher sehr nützlich gewesen und hätte das Vorgehen Karls V.
gegen Jülich erschwert. Herzog Johann lag gerade dieser Gedanke
aber völlig fern. Er suchte wie in der Religion, so auch in der
Politik eine vermittelnde Stellung einzunehmen, hoft’te, daß die
Stände beider Konfessionen sich seiner gerechten Sache annehmen
würden, und bemühte sich durch Ausgleich der Gegensätze im Reich
ihnen eine solche gemeinsame Aktion zu erleichtern. In einem
Vorschlag des Kurfürsten, daß die Verschreibung über Geldern
1) iQHtmktioD des Herzogs Johann für Karl Harst an Kf., Reg. C. No. 849,
BL 14f., Or. Heidrich, S. 7.
2) Antwort des Ki. an Harst Jan. 28, ebenda Bl. 17 — 21. Heidrich, S.7.
3) Kf an. Ldgf. 1538 Jan. 13, Reg. C. ebenda Bl. 76, Konz., und die Ant-
wort an Harst.
4) Kf. an Dölzig Jan. 17, Reg. H. p. 154, No. 75A. Antwort an Harst.
5) Jülich machte den Kf. durch Dölzig darauf aufmerksam. Dessen Bericht
vom 10. Febr. ebenda, Konz., Reg. C. No. 850, Or.
Digitized by Google
150
Kapitel II.
auJSer durch ihn auch durch Kurköln und Eurpfalz, Hessen und
Lüneburg versiegelt werden müsset), konnte er einen Anklang an
diese Gedanken finden. Die Zusammenkunft mit Johann Friedrich
aber lehnte er ab, nur zur Beschickung des Braunschweiger Tages
erklärte er sich bereit*).
Der Kurfürst fügte sich ganz geschickt in die neue Situation,
er empfahl dem Herzog, seine Räte dann in Braunschweig aus-
führlich über die geldrische Sache berichten und die versammelten
Fürsten um Rat und Beistand bitten zu lassen, und schlug
vor, daß dabei gleich Beschluß Ober eine „freundliche und
gleichmäßige Vereinigung“ gefaßt werden solle zum Nutzen des
Herzogs und seiner Lande, zur Erhaltung von Frieden und Ein-
tracht, ihm und seinem Sohne zum Besten. Der Herzog möge
seinen Räten Vollmacht hierzu geben®). Johann ging in seiner
Instruktion auf die ersten TeUe dieses Vorschlages ein, von
einem Bündnis aber ist in ihr nicht die Rede*). Infolgedessen
konnte auch in Braunschweig, abgesehen von der Bestätigung des
geldrischen Vertrages durch den Kurfürsten am 6. April®), nichts
Positives zustande kommen. Die anwesenden Fürsten sprachen
zwar ihre Zustimmung zu dem .Abschluß mit Geldern aus und
äußerten die Ansicht, daß er sich gegen Kaiser und Reich ver-
teidigen lasse, so daß der Herzog keinen Angriff deswegen zu
befürchten brauche. Schon die Versicherung, daß sie anderenfalls
nichts gegen den Herzog tun würden, knüpften sie auf Veranlassung
des Landgrafen aber an die Bedingung, daß auch der Herzog nichts
gegen sie täte und ihnen eine ähnliche Versicherung gebe. Ueber
eine wirkliche Unterstützung nun gar erklärten sie sich erst äußern
zu können, wenn der Herzog angebe, wie er sie sich denke und
worin seine Gegenleistungen bestehen sollten*). Eine solche Ant-
1) Antwort des Kf. an Harst
2) Anfträge des Herzogs für Dolzig an Kf. Febr. 8, Beg. C. No. 850, Johann
an Kf. Febr. 24, Reg. C. No. 849, Bl. 31, Or. Heidrich, S. 7.
3) Zettel zu Brief des Kf. an Johann vom 8. März, R^. C. No. 849, Bl. 57/58.
4) März 21 für Thissen und Born, ebenda Bl. 61—64. Heidrich, S. 7.
5) Kopie in Reg. C. No. 849, BI. 65 — 67. Die Bestätigung erfolgte unter
Vorbehalt des Heiratevertrages des Kurfürsten mit Sibylle und unter der Vor-
aussetzung, dafi der 33. Artikel, der sich gegen die Ketzer richtete, nicht gegen
Gottes Wort und die Augsburgische Konfession gemeint sei.
6) Antwort der Fürsten vom 9. AprU, R^. C. No. 849, BL 68 — 75, Konz,
mit eigenh. Korrektur des Landgrafen. Heidrich, 8. 8. Vor „gemeinen
Ständen“ ist die Gesandtschaft gar nicht gewesen. (Braunschw. Protokoll BL 184b.)
Digitized by Google
Bond u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der Unternehmungsluet 1536 — 11. 151
wort war zu erwarten gewesen, und Johann Friedrich hatte sie eben
durch seinen Vorschlag vermeiden wollen. Die jülichsche Re-
gierung aber bewies schon damals dieselbe Sorglosigkeit, die wir
später noch öfter zu beobachten haben werden. —
Für jetzt bleiben wir noch bei dem Braunschweiger Tage.
Es erklärt sich aus der Größe der antihabsburgischen Stim-
mung, von der der Kurfürst damals beherrscht war, wenn er jetzt
auch zu einer Verbindung mit Frankreich eine merkwürdige Bereit-
willigkeit zeigte. Wir sahen ja, wie 1535/36 ein derartiger Plan
des Königs daran gescheitert war, daß die Protestanten den Kaiser
und das Reich auf jeden Fall ausnehmen wollten ^). In der nächsten
Zeit war vor allem bei Johann Friedrich nicht die geringste
Neigung vorhanden, irgendwie mit Frankreich in Berührung zu
kommen, aus Rücksicht auf seine Pflichten gegen den Kaiser’),
ja noch im Herbst 1537 hatte er keine Lust zu einem Bündnis mit
Franz*). Wohl stand man mit dem König jetzt wieder in reger
Korrespondenz*), wohl stimmte man etwa in der Konzilsfrage mit
ihm überein, seine Religionspolitik aber erschien wenig einwand-
frei, und seine Verbindung mit den Türken hielt man für durchaus
verwerflich. Höchstens für eine Vermittlung zwischen dem Kaiser
und Fiankreich war der Kurfürst in dieser Zeit zu haben.
1) VergL 8. 73 ff.
2) Nicht einmal eine königliche Rechtfertigungegeeandtschaft glaubte er
empfangen zu dürfen (an Ldgf. 1536 Aug. 1, Reg. H. p. 112, No. 52, Konz.).
3) Vergl. etwa die Korrespondenz des Kf. mit Brück im Oktober. Kf. an
Brück Okt. 29, Reg. H. p. 115, No. 53, Konz. Brück an Kf. Okt. 29, R^. H.
p. 123, No. 54, Or.
4) 8ie ist schwer in Ordnung zu bringen. Ich verzeichne folgende Briefe:
Franz an die deutschen Stände 1537 Jan. 22. Freher-Stru ve, III, 8. 375—378.
An die Protestanten Jan. 25, Reg. H. p. 123, No. 54, Or. Seckendorf, III,
8. 150. [Du Bellay] an die Protestanten Jan. 27, Reg. H. ebenda. Die Protestanten
an den König März 5 (später ist aber immer von einem Schreiben vom 14. die Rede),
C. R. III, 309—312 ; März 25, Reg. H. p. 124, No. 56. (Uebersendung der groQen
Schrift über das Konzil.) Der König an die deutschen Stände Mai 7. Fr eh er,
8. 383—404. Bourrilly, S. 248. An die Schmalkaldener Mai 23. Freher,
S. 381 f. (Antwort auf ihren Brief vom 5. März). An die deutschen Stände
JnU 31, Reg. C. No. 3 ff. Freher, a 378—381. An Kf. und Ldgf. Aug. 1,
Reg. C. ebenda (Antwort auf Brief vom 27. März [wohl = 25. März]). Kf. und
Ldgf. an den König Nov. 12, R^. H. p. 142, No. 66, Kopie (Antwort auf Brief
vom Mai). Der Kg. an Kf. und Ldgf. 1538 Jan. 29, Reg. H. p. 142, No. 66, Or.
(Antwort auf Brief vom 12. Nov.).
Digitized by Google
152
Kapitel II.
Die Initiative zu weiteren Verhandlungen mit Frankreich ist
von Dänemark ausgegangen. Christian hatte im Herbst 1537 Peter
Schwabe nach Frankreich geschickt und den König zu einem
Bündnis geneigt gefunden, wenn die evangelischen Fürsten sich
beteiligten *). Die Mitteilungen, die Schwabe bei seiner Rückreise
den Führern des schmalkadischen Bundes machte, fielen dort jetzt
auf fruchtbaren Boden, sie setzten sofort die französischen An-
erbietungen auf die Tagesordnung der Braunschweiger Versamm-
lung*) und sandten selbst noch vorher eine Gesandtschaft an den
König, um ihren Verbündeten in Braunschweig schon mit genaueren
Mitteilungen dienen zu können. Die Instruktion, die dieser aus
Jobst von Hain und Basilius Monner, Baumbach und Thann be-
stehenden Gesandtschaft mitgegeben wurde, gibt uns ein gutes
Bild von der Stimmung der Bundeshäupter. Sie erklärten da. sie
hätten bisher aus Rücksicht auf den Kaiser eine Verbindung mit
Frankreich vermieden, erkennten aber jetzt, daß man sich in einer
ganz besonderen Lage befinde. Vor allem die Nachricht, daß An-
träge zur Verbindung gegen sie an den König gelangt seien, habe
sie erschüttert. Sie hätten keinerlei Ursache dazu gegeben. Die
Hauptaufgabe der Gesandten sollte sein, genauere Erkundigungen
darüber einzuziehen, ob wirklich derartiges gegen sie im Werke
sei. Sie brauchten bestimmte Nachrichten darüber, um ihi'e Ver-
bündeten von dem Vorhaben des Kaisers überzeugen zu können,
da diese sich meist noch in dem Wahne befänden, in dem sie sich
früher auch befunden hätten, und derartige Umtriebe des Kaisers
oder der Seinen gar nicht begreifen könnten*).
Die Antwort, die die Gesandten zurückbrachten, die Erklärung
des Königs, daß er nicht nach Nizza zur Zusammenkunft mit dem
Kaiser und Papst gehen werde und daß er die Bündnisanträge des
Kaisers abgelehnt habe, sich vielmehr mit den Protestanten ver-
bünden wolle, hat aber doch noch nicht genügt, um die vorsichtigen
Bundesstände, vor allem die Städte, zur Verbindung mit dem König
1} Schäfer, IV, S. 448. Baumgarten, III, 8. 321. ÄarsberctD. IV,
8. 81 ff.
2) P. C. II, 468, No. 491. 492.
3) Instruktion und Kreditiv für die Qeaandten vom 5. Febr., Konz. Reg. H.
p. 163, No. 77. Die Instruktion hat Banmgarten, III, S. 326 f., fälschlich
mit der zweiten Sendung in Verbindung gebracht. Vergl. auch Seckendorf,
III, 8. 177 f.
Digilized by Google
Bund u. Beich; Die Jahre der Sorge u. der Unternehmungslust 1536 — 41. 153
ZU bestimmen '). Die zweite, in Braunschweig beschlossene *) feier-
lichere Gesandtschaft an Frankreich erging nur im Namen des
Königs von Dänemark, des Kurfürsten von Sachsen, der braun-
schweigischen Herzöge und des Landgrafen; in Saargemünd sollte
sie ^m 20. Mai mit den ihr entgegengeschickten Gesandten des
Königs Zusammentreffen ®).
Die ihr mitgegebenen Schriftstücke sind wieder außerordent-
lich wertvoll für uns, um die Stimmung des Kurfürsten in jener
Zeit kennen zu leimen. Zunächst ist sicher, daß es mit seiner
vollsten Zustimmung geschah, wenn sich die beteiligten Fürsten
jetzt zu einem Bündnis mit Frankreich bereit erklärten und
ihren Gesandten sogar sogleich genügende Vollmachten dazu mit-
gaben. Die Empörung über die österreichisch-burgnndischen Prak-
tiken und vor allem die Bündnisanträge des Kaisers an den
König gaben, wie die Instruktion der Gesandten zeigt, den Anlaß
dazu‘). Die Gesandten durften dem Könige, wenn er es hören
wollte, ausführlicher über die habsburgischen Uebergriffe in Deutsch-
land berichten. Zu diesem Zwecke gab ihnen der Kurfürst eine
von Brück entworfene, von Melanchthon ins Lateinische übersetzte
Spezialinstruktion mit, die aufs deutlichste zeigt, was für ein Groll
gegen die Habsburger sich in den letzten Jahren bei Johann Fried-
rich angesammelt hatte, und die uns zugleich über seine reichs-
rechtlichen Anschauungen aufs trefflichste belehrt*).
Nicht ganz im Einklang mit dieser hier ausgesprochenen
Meinung stehen die positiven Aufträge, die die Gesandten über ein
Bündnis mit dem Könige, allerdings ohne das Recht, sie diesem vor-
zulegen, mitbekamen. Zunächst fällt der rein defensive Charakter
1) Die Gesandten erstatteten in Brannschweig am 30. März B^cht, Reg. H.
p. 163, No. 77. Seckendorf, III, S. 178. Sonst liegen an Akten der Gesandtschaft
vor die Rede, die Monner vor dem Könige am 6. März hielt, und das Rekreditiv
der Gesandten, das wohl irrtümlich vom 14. Februar datiert ist. Reg. H. ebenda.
2) Nach Baumgarten, III, S. 327 Anm. am 2. ApriL
3) Die protestantischen Fürsten an die französischen Gesandten in Nancy,
wo ursprünglich schon Mitte April die Zusammenkunft stattfinden sollte, April 5,
R^. H. a. a O. Seckendorf, a a O.
4) Die den Gesandten mitgegebenen Briefe sind vom 15. und 16. April
datiert. Die Hauptinstruktion gedruckt in den Aarsberetn. IV, S. 98 — 103.
Konz, von der Hand Melanchthons in Reg. H. p. 163, No. 77. Vergl. Baum-
garten, III, S. 324 ff. Seckendorf, III, S. 178.
5) Reg. H. p. 163, No. 77. Vergl. Aktenstück No. 10 und S. 2.
Digilized by Google
154
Kapitel II.
dieses Bündnisentwurfes auf, mehr noch wird man sich darüber
wundern, daß die protestantischen Fürsten ihrerseits nur die Ver-
pflichtung übernehmen wollten, bei keinem AngriflF gegen den König
zu helfen, von diesem dagegen erwarteten, daß er sie und ihre
Freiheiten mit höchstem Vermögen schütze und zu diesem Zweck
eine gewisse Summe Sonnenkronen in einer deutschen Stadt hinter-
lege, vor allem aber wird man mit Erstaunen lesen, daß auch
jetzt noch Kaiser und Reich ausgenommen sein sollten. Allerdings
erhielt diese Klausel jetzt eine sehr wesentliche Einschränkung,
indem der Kaiser nur ausgenommen wurde „in Sachen, die das
heilige Römische Reich deutscher Nation und desselbigen Freiheiten
belangten“ *)•
Jedenfalls lag es nicht an den Protestanten, wenn diesmal
nichts zustande kam, sondern an der Unzuverlässigkeit des Königs.
Trotz seiner früheren Erklärung ging er nach Nizza, verletzende
Aeußerungen, die er über die Lutherischen getan hatte, wurden
kolportiert*), und wenn er auch brieflich die deutschen Fürsten zu
beruhigen suchte*), der Kurfürst kam mit vollem Rechte bald zu
der Ueberzengung, daß" Franz ihre Gesandten nur hinziehe, um
erst einmal den Verlauf seiner Verhandlungen mit dem Kaiser ab-
zuwarten ^). Sehr schnell schlug nun die Stimmung Johann Fried-
richs Frankreich gegenüber um, er bedauerte, daß seine Gesandten
nicht schon wieder aus Frankreich heraus wären*). Der Landgraf
sah die Sache zunächst noch nicht so schlimm an, er betrachtete
als sicher, daß der König die Protestanten bei seinem Vertrag mit
dem Kaiser ausgenommen haben werde, ging aber gern auf den
Vorschlag des Kurfürsten ein, einen Boten nach Frankreich zu
schicken, um nähere Erkundigungen einzuziehen ®). Er stand dabei
schon unter dem Eindruck eines Briefes des vom Könige nach
1) Aanberetn. IV, S. 103 — 105. Baumgarten, III, S.328f. Reg. H. p. 163,
No. 77.
2) „Wenn er mit den Türken ein Bündnis habe, so sei das ebenso gut, wie
wenn der Kaiser die Lutherischen im Reiche habe.“ Kunz Gering aus Augs-
burg an Kf. Juni 24, Reg. C. No. 378, Or.
3) An Kf. Juni 1, Reg. H. p. 203, No. 93, ür. Seckendorf, III, 8.178.
An Ldgf. Juni 10. Baumgarten, III, S. 329 f. Verbunden damit war eine
Sendung des Fossanus.
4) Kf. an Ldgf. Juli 7, Reg. C. No. 378, Konz.
5) Ebenda.
6) Ldgf. an Kf. Juli 9, Or. Reg. C. No. 378.
Digitized by Google
Band u. Reich: Die Jahre der Sorge a. der Untemehrnnngsloet 1536—41. 155
Deutschland geschickten Fossanus. Auch der Kurfürst wurde durch
die Briefe des Königs einigermaßen beruhigt*), und beide Fürsten
erteilten Franz eine recht freundliche Antwort*).
Die Erfahrungen, die die Gesandten selbst machten, haben aber
doch mehr der Ansicht des Kurfürsten als der des Landgrafen ent-
sprochen. Aus ihren Berichten geht hervor, daß es nicht gelang,
die Zustimmung des Königs zu den protestantischen Vorschlägen zu
gewinnen, vor allem weil er nicht allein Geld in Deutschland hinter-
legen wollte, sondern verlangte, daß die Protestanten das gleiche
täten. Vergebens bemühten sich einzelne der protestantischen Ge-
sandten, für die vor allem Schwabe das Wort geführt zu haben
scheint*), ihm und seinen Räten klar zu machen, daß die vor-
geschlagenen Bündnisbedingungen durchaus billig seien, da die
Gestattung von Werbungen und die Verhütung von Reichstags-
beschlüssen viel für ihn wert seien, während den Protestanten das
Geld des Königs mehr nütze als Truppen. Man verwies auch auf
die Verwandtschaft, die ihre jetzigen Vorschläge mit den einst von
du Bellay vorgelegten hätten, gab eine interessante Erläuterung zu
dem Artikel über die Ausnehmung des Kaisers und schloß mit der
pathetischen Erklärung, daß man auch ohue die Hilfe des Königs
nicht verzweifeln, sondern die Verteidigung der deutschen Freiheit
bis aufs äußerste fortsetzen werde*).
Gewiß waren ja die Bündnisartikel der Protestanten nun etwas
naiv, aber es war anch nicht möglich, Gegenvorschläge des Königs
zu erhalten, auch auf anderen Gebieten, wie in der Konzilsfrage,
gab es Differenzen, und wenn auch der König über sein Verhältnis
zum Kaiser immer wieder die besten Erklärungen abgab und be-
hauptete, daß auch dieser in der Religioussache nichts gegen die
Protestanten tun werde, wenn er auch das Scheitern der Ver-
handlungen den „difficult^s“ Schuld gab, die die Gesandten gemacht
1) Kf. an Ldgf. Juli 11, Reg. H. p. 163, No. 77, Koni.
2) Juli 13, vergl. P. C. II, 507, Änm. 3. Konz. Reg. H. a. a. O.
3) Eline Rede des Gesandten an den König vom 1. Juli aus Marseille von
Schwabes Hand in Aarsberetn. IV, 8. III ff. In ihr wird die Vorgeschichte
der Gesandtschaft rekapituliert, die Wichtigkeit der Erhaltung der deutschen
Freiheit für den König betont, ein Bündnis empfohlen. Bestimmte Vorschläge
dafür werden noch nicht gemacht. VergL ebenda S. 121.
4) Eine Rede der Gesandten vom 24. Juli aus Lyon von der Hand Melan-
chthons in Reg. H. p. 163, No. 77, Aktenstück No. 14. Vergl. Beckendorf, III,
8. 179.
Digitized by Google
156
Kapitel II.
hätten ‘), die Art, wie man diese behandelte und hinzog, war doch
derart, daß wir die Entrüstung des Kurfürsten begreifen werden *).
Er faßte seine Eindrücke dahin zusammen, daß die Aufnahme und
Bewillkommnung der Gesandten beim Könige besser gewesen sei
als die Abfertigung, daß also das Gemüt des Königs wohl durch die
Zusammenkunft mit dem Kaiser geändert worden sei. Er schloß
daraus feiner, daß zwischen diesem und Franz ein „sonderlicher
geheimer Verstand“ aufgerichtet sei, uud auch einige Worte aus
dem Vertrage zwischen ihnen, auf die der König hingewiesen hatte,
schienen ihm verdächtig und sogar eine Unterstützung des Kaisers
durch den König möglich zu machen, eine Befürchtung, die der
Landgraf wohl mit Recht für übertrieben erklärte®).
Bei Johann Friedrich haben die Erfahrungen von 1538 einen
gewissen Stachel zurückgelasseu, der ihm wohl hie und da in den
nächsten Jahren einen Bund mit Frankreich erschwert hat. Er hat
später oft auf die diesmalige Haltung des Königs verwiesen. Es
scheint aber, als habe dieser Groll sich erst nach und nach so stark
in ihm festgesetzt; im Herbst 15.38 ging er doch ganz bereitwillig
auf den Vorschlag des Landgrafen ein, die Verhandlungen durch
die Vermittlung Wilhelms von Fürstenberg, der sich schon seit dem
Anfang des Jahres um den Bund der Protestanten mit dem Könige
bemühte, fortzusetzen; trotz mancher Ansätze ist aber auch auf
diesem Wege schließlich nichts erreicht worden ‘). —
1) Der Kg. an die Protestanten Aug. 11, Reg. H. p. 163, No. 77, Or.
2) Der Qceamtbcricht der Protestanten, der bis zum 12. August reicht, ebenda,
Or. Zergliedert bei Seckendorf, III, 8. 178 f. Gedruckt Aarsberetn. IV,
S. 118—129.
3) Kf. an Wilh. von Jülich Sept. 17, Reg. C. No. 853, Konz. An Ldgf.
von demselben Tage, Reg. H. p. 207, No. 94, Konz. Baumgarten, 111, S. 337
Anm. Ldgf. an Kf. Sept. 25, Reg. H. a. a. O., Or.
4) Ldgf. an Kf. Sept 25. Vergl. die vorige Anm. Beilage dazu Kopie eines
Briefes des Pfalzgrafen Ruprecht an Ldgf. vom 16. Sept über günstige Erklärungen
Fürstenbergs. Kf. an Ldgf. Okt 2, Reg. H. p. 207, No. 94, Konz. Ldgf. an
Kf. Okt. 19, Reg. C. No. 854, Bl. 29, Or.; Nov. 20, ebenda Bl. 76—78, Or. Kf.
an Ldgf. Nov. 22, Bl. 83. Kf. und Ldgf. an W. v. Fürstenberg, ebenda,
Bl. 98 — 102, Konz. (Sie müssen erst wissen, wessen sie sich von Frankreich zu
versehen haben, che sie zu weiteren Verhandlungen die Hand bieten können.)
Ldgf. an Kf. Dez. 3, ebenda Bl. 114, Or. lieber die frühere Tätigkeit Fürsten-
bergs vergl. P. C. II, 464 ff. 468. Klein Wächter, S. 36 Anm. Instruktion des
Kf. für Hain und Baumbach an Fürstenberg Mai 1, Reg. H. p. 163, No. 77.
Der Graf arbeitete immer auch für die Aufnahme Lothringens io den schmal-
Digitized by Google
Bund n. Reich: Die Jahre der Borge u. der Untemehmungalust 1536 — 41. 157
Zu einem ähnlichen Mißerfolge führten um dieselbe Zeit auch
die Verhandlungen der Protestanten mit Heinrich VIII. von Eng-
land. Auch sie waren gerade in der Zeit der Braunschweiger
Tagung wieder aufgenommen worden.
Wir sahen früher, wie die so hoffnungsvolle Verhandlung von
153.’i/36 durch den Umschwung der Dinge in England im Sande
verlaufen war*). Die Protestanten, vor allem die beiden Bundes-
häupter haben sich aber dadurch doch nicht dauernd von dem
Gedanken einer Verbindung mit England abbringen lassen. Die
in Schmalkalden 1537 beschlossene große Denkschrift über das
Konzil allerdings haben sie dem König in einer etwas formlosen
Weise zugeschickt*), sie waren aber sofort bereit, ihn um Ent-
schuldigung zu bitten, als sie hörten, daß er sich dadurch verletzt
fühle®), ja sie schlugen ihm nun ihrerseits eine gemeinsame Be-
ratung über die Konzilsfrage, aber auch über die Lehre vor und
baten ihn, ihnen seine Ansicht darüber mitzuteilen, damit sie
eventuell auf dem nächsten Bundestag eine Gesandtschaft an ihn
beschließen könnten*). Heinrich ging bereitwillig auf diesen Vor-
schlag ein. Er lobte in seiner Antwort vom 2. Januar 1538 die
Stellungnahme der Protestanten in der Konzilsfrage und kündigte
ihnen eine Gesandtschaft an, die sie näher über seine Ansichten
unterrichten könne. Sie selbst möchten dann Leute mit ge-
nügender Vollmacht zum Abschluß senden®). Die angekündigte
Gesandtschaft bestand in der Person des Christoph Mont, und er
ist nun eben recht zu der Braunschweiger Versammlung ein-
getroffen und hat am 17. April Vortrag gehalten. Er berichtete
seiner Instruktion entsprechend über die Tätigkeit seines Monarchen
für die Verbreitung des Evangeliums und für die Befreiung seines
Volkes von Rom, stellte die Aussicht auf eine Einigung in der
kaldischen Bund. Vier Briefe Fürstenbcrgs an die protestantiechen Gesandten in
Frankreich in Aarsberetn. IV, B. 108 f.
1) Vergl. B. 79 ff.
2) Durch einen Hamburger Schiffsmann.
3) Er antwortete, indem er einfach seinen Druck über das Konzil über-
sandte. Vergl. Bucer an Cranmer Okt. 23, L. a. P. XII, 2, No. 969, 8. 338.
Ldgf. an Kf. (ca. Nov.), Reg. H. p. 137, No. 64, ür. Kf. an Ldgf. Nov. 15, Konz,
ebenda, Or. in P. A. Sachsen, Ernest. Linie, 1538.
4) Kf. und Ldgf. an den Kg. 1537 Nov. 14, C. R. III, 448 ff.
5) Reg. H. p. 156, No. 76, Or. Nach englischer Sitte 1.537 datiert, daher
von Seckendorf, III, 8. 179 f., irrtümlich ins Jahr 1537 verlegt Ich finde
wenigstens keinen Brief vom 2. Jan. 1537.
Digitized by Google
158
Kapitel II.
Lehre zwischen ihm und den deutschen Protestanten als sehr groß
hin, sprach sich sehr entschieden gegen das Konzil aus, bat um
Auskunft über den schmalkaldischen Bund und forderte schheßlicb
zur Absendung der früher angekündigen feierlichen Gesandtschaft
unter Beteiligung Melanchthons auf‘).
Die Protestanten waren im ganzen über diese Mitteilungen sehr
erfreut, hielten es dann aber doch für ratsam, der großen Ge-
sandtschaft eine kleinere vorhergehen zu lassen, um die Arbeit
jener vor allem auf dem Gebiete der Lehre zu erleichtern *). Ueber-
raschend schnell, schon am 11. Mai, wurde dieser Gedanke aus-
geführt. Der Sachse Burchard, der Hesse Boyneburg und von
Theologen Myconius wurden dafür ausersehen. Als Grund, weshalb
die stattliche Gesandtschaft jetzt noch nicht erfolgen könne, gaben
die Protestanten an, daß sie ihre Gelehrten jetzt nicht entbehren
könnten, weil möglicherweise weitere Aufforderungen wegen des
Konzils an sie ergehen könnten. Die jetzt gesandten Räte hatten
den Auftrag, die Stellung der Protestanten dem Konzil gegenüber
klarzulegen, den König über ihre Beziehungen zu Dänemark und
Frankreich zu unterrichten und ihm dann den Inhalt ihres Bünd-
nisses unter Betonung seines defensiven Charakters mitzuteilen.
Die Gesandten durften dabei sogar schon von der in Braunschweig
erörterten Ausdehnung des Bundes auf weltliche Sachen sprechen.
Ferner sollten sie auf die Gefahr hinweisen, die eine Nieder-
werfung der deutschen Protestanten auch für den König haben
würde, und dadurch den Uebergang gewinnen zu der Bitte um
finanzielle Unterstützung des Bundes durch den König. In An-
knüpfung an den Brief Heinrichs vom 2. Januar sollte dieser end-
lich noch gebeten werden, den Gesandten seine .Ansichten über
die Religion und das Konzil mitzuteilen.
Aehnlich wie den nach Frankreich gehenden Gesandten hat
Johann Friedrich auch der Gesandtschaft an Heinrich eine Spezial-
instmktion mitgegeben, die sogar vor dem hessischen Vertreter
geheim gehalten werden sollte. Man sieht allerdings nicht ein,
1) Kredenz für Mont vom 25. Febr. 1537 (1538), Reg. H. p. 156, No. 76, Or.
Beckendorf, III, S. ISO. Merriman, I, S. 2.39. L. a. P. XIII, 1, No. 352,
8. 122. Seine Inatruktion vom 28. Febr. ebenda No. 367, S. 126. Sdne Werbung
vom 17. April in Reg. H. p. 165, No. 78, Kopie.
2) Die Antwort der Protestanten L. a. P. No. 648, 8. 248 f. Reg. H. p. 15(i,
No. 76, Konz.
Digitized by Google
Rund u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der Unternehmangsluet 1536 — 41. 159
warum gerade die Mitteilungen über die mancherlei Uebergriffe des
Hauses Habsburg vor dem landgräflichen Gesandten verschwiegen
bleiben sollten. Vielleicht geschah es deshalb , weil eine Er-
innerung an den einstigen Plan einer Wahl Heinrichs zum deutschen
König daran geknüpft werden sollte. Die Instruktion empfahl den
Gesandten ferner der Geheimhaltung wegen die größte Vorsicht
und gab ihnen einige Winke für etwaige Bündnisverhandlungen
mit dem König. Vor allem sollten sie zu erfahren suchen, ob
dieser für die Erlegung einer Geldsumme eine Gegenleistung ver-
langen würde und was für eine. Der Kurfürst wünschte eine
solche, wo möglich, ganz zu vermeiden, hielt jedenfalls für aus-
geschlossen, daß man ebensoviel leiste, wie der König.
Der eigentliche Hauptzweck dieser ganzen ersten Sendung
kommt aber wohl im letzten Abschnitt der kursächsischen In-
struktion zutage, in dem die Gesandten Weisungen erhalten für
ihre Verhandlungen mit Heinrich über die religiösen Dinge. Der
Kurfürst ordnete an, daß sie dabei die Artikel, auf die man
sich 1536 in Wittenberg geeinigt hatte, zugrunde legen sollten.
Es kam darauf an, die volle Zustimmung des Königs, auch zu den
damals streitigen 4 .Artikeln vom Abendmahl, von der Priesterehe
etc., zu gewinnen oder wenigstens seine Ansicht darüber zu er-
fahren und mit ihm darüber zu diskutieren. Die spätere größere
Gesandtschaft sollte dann eventuell das, was unerledigt blieb, weiter
erörtern. Einigung in diesen Dingen sei ja Bedingung für ein
gemeinsames Auftreten auf dem Konzil*).
Diese Religionsangelegenheiten haben dann offenbar auch in
England den Hauptgegenstaud der Verhandlungen gebildet. Die Ge-
sandten haben wohl in den beiden Audienzen, die der König ihnen
schon im Juni gewährte, auch die anderen Punkte ihrer Instruktion
vorgetragen, Verhandlungen darüber aber haben kaum stattgefundeu.
Beide Teile waren eben darin einig, daß die Uebereinstimmung in
der Lehre Voraussetzung jeder Gemeinsamkeit in anderen Dingen
sei. Der König, der ja viel Sinn für religiöse Disputationen hatte,
gab daher den drei deutschen Gesandten drei englische Protestanten
1) Auszug aus der Instniktion tu L. a. P. XIII, I, S. 249, No. 649. Vergl.
Seckendorf, III, S. 180 nach Reg. H. p. 165, No. 78. Dort auch die kur-
fürstliche Beünstruktion. Vergl. Akteost. No. 12. Dazu gehört ein Bericht über
die Uebergriffe dee Kaisers von Burchards Hand vom 10. Mai. Auszug aus
dem für Frankreich bestimmten Exemplar, Reg. H. p. 198, No. 91.
Digitized by Google
160
Kapitel II.
bei und ließ sie dann unter dem Vorsitz eines Mittlers gegen
sechs englische Katholiken unter Zugrundelegung der W'ittenberger
Artikel von 1536 disputieren. Die deutschen Gesandten haben
dabei anfangs den Eindruck gehabt, daß man vortrefflich vorwärts
käme, erst Ende Juli trat eine Stockung ein, und besonders die
„Mißbräuche“ brachten dann die Verhandlungen gänzlich zum
Scheitern. Es kam über diese nicht nur mit den englischen
Bischöfen zu heftigen Streitigkeiten, die Ansichten, die die Deutschen
über das Abendmahl, die Privatmesse und die Priesterehe in einer
Denkschrift aussprachen, stießen auch beim Könige selbst auf ent-
schiedenen Widerspruch. Es war jedoch weniger die Ueberzeugung
von der Aussichtslosigkeit der Verhandlungen, als eine gewisse
Müdigkeit und Heimatssehnsucht, die die protestantischen Gesandten
veranlaßten, immer entschiedener um ihre Verabschiedung zu bitten
und schließlich heirazureisen '). Ihre Stimmung war auch damals
noch sehr optimistisch*), auch englische Stimmen lauten durchaus
nicht hoffnungslos*), und selbst Johann Friedrich äußerte am
6. November, daß die Kosten der Gesandtschaft nicht vergeblich
aufgewandt worden wären, „dieweil die K. W. zu Engellaudt, als
wir vermerken, zu den Sachen der religion geneigt und, ob got wil,
1) MUa (er war io Privatangelegcnheitcu in England) und Burchard an Kf.
Juni 1. 10. 18, Reg. H. p. 150, No. 76, Or. Bericht Burcharde vom 2. und
Rede, die er an diesem Tage vor dem Könige hielt. Reg. H. p. 165, No. 78.
Myconius an Kf. Juni 18, Reg. H. p. 156, No. 76, Or., an Brück Juni 19, ZKG.
V, 165 f. Rekroditiv für Mila Juni 22, Iteg. H. p. 1.56, No. 76, Or. Burchard
und Boyneburg an Heinrich VIII. Juli 25, Reg. H. p. 165, No. 78, Konz.
Briefe an Cromwell ebenda. Burchard an Kf. Juli 27, Reg. H. p. 156, No. 76, Or.
L.a.P. XIII, 1, No. 1176, S. 437 (Jenkina, I, S.248f.). No. 1306, S.481.
No. 1307. 1308; XIII, 2, No. 166, S. 65. Andere vielleicht zu den Verhandlungen
gehörige Stücke in R^. H. p. 165, No. 78. Die Oes. an den Kg. Aug. 5, ebenda,
Konz. (L. a. P. XIII, 2, No. 37. Collier, II, S. 143 ff.). Oanmer an Crom-
well Aug. 18. 23. L. a. P. XIII, 2, No. 126, S. 45. No. 164, S. 64f. Jenkina,
I, S. 260 ff. 263 ff. Todd, I, S. 250f. 252 f. Myconiu« an Kf. Aug. 23. Burchard
an Kf. Aug. 23, Reg. H. p. 15<i, No. 76, Hdbf. Chapuv.s und Mendoza an
Karl V. Aug. 31, L. a. P. XIII, 2, No. 232, 8. 91. Heinrich VIII. an die Gea.
L. a. P. XIII, 2, No. 165, 8. 65. Collier, II, 8. 145—149 und aonat. Die Gea.
an Cromwell SepL 6, Reg. H. p. 165, No. 78, Konz. Myconiua an Cromwell
Sept, 7, L. a. P. XIII, 2, No. 298, 8. 118. Partridge an Bullinger Sept. 17,
ebenda No. 373, 8. 146.
2) Melanchthon an Veit Dietrich Nov. 1, C. R. III, 602. Bericht der Gea.
[nach Nov. 6J, Reg. H. p. 165, No. 78.
3) Cranmer an Kf. Sept 26, ebenda. Seckendorf, III, 8. 180.
Digitized by Google
Bond n. Reich ; Die Jahre der Sorge n. der üntemehmangBlaBt 1536 — 41. 161
in kurz mit uns genzlich einig sein wirdet“ *). So mag Merriman
recht haben, wenn er meint, daß nicht die religiösen Differenzen
den Bund hinderten, sondern die geänderte Weltlage, die dem
Könige die Aufnahme seiner alten Vermittlungspolitik zwischen
dem Kaiser und Frankreich ermöglichte. Heinrich überzeugte sich
davon, daß der Kaiser tatsächlich gegen die Türken und nicht
gegen ihn rüste und daß er daher vorläufig nicht gefährdet sei*). —
Die Weltlage und die Türkengefahr blieben natürlich auch auf
die Stimmung und Politik der Protestanten im Sommer 15.38 nicht
ohne Einfluß. Unmittelbar nach dem Braunschweiger Tage waren
sie ja voll von Befürchtungen gewesen, und das, was sie über die
Schritte der Gegner, vor allem über die von Held betriebenen
Bundesverhandlungen hörten, hatte ihre Sorge vermehrt®). Ge-
legentlich war wohl schon von Rüstungen die Rede®), doch war
keiner von ihnen wirklich kriegerisch gesinnt, auch der Landgraf
nicht®). Es würde ein falsches BUd geben, wenn man sich etwa
diesen in dieser Zeit als den Vertreter einer energischen Aktions-
politik dächte und Johann Friedrich als den bedenklichen und vor-
sichtigen Wirker für den Frieden. Beide waren darin einig®), daß
man nicht angreifen dürfe, nur in gewissen Einzelfällen, wie in der
Frage der Unterstützung des Bischofs von Münster gegen den
Grafen von Oldenburg, vertrat der Landgraf eine freiere und ent-
schiedenere Anschauung als der Kurfürst *). In den großen Haupt-
1) An Ldgf. Reg. H. p. 214, No. 96, Konz.
2) Merriman, I, S. 240.
Vergl. vor allem da« Stück in P. C. II, No. 498.
4) Ldgf. an Kf. Mai 18, Reg. H. p. 201, No. 92, Or. Er riet, daß der Kf.
in seinen Landen allenthalben aufbiete, damit man im Fall der Not schnell zu
Häuf kommen könne.
5) Seckendorf, III, S. 173 übertreibt in dieser Beziehung. Von Rüstungen
des Ldgf. ist auch in P. A. No. 493 — 495 nichts zu merken. Vergl. ferner Ldgf.
an Kf. Mai 2 und 5, Reg. H. p. 218, No. 97, Or., Mai 16, Reg. H. p. 198, No. 91,
Or. Einen etwas kriegerischeren Ton schlügt Philipp allerdings Straßburg gegen-
über Mai 19 an, P. C. II, S. 493 f.
6) Vergl. etwa Ldgr. an Kf. Mai 12 und 22. Kf. an Ldgf. Mai 16, Reg. H.
p. 201, No. 92. Kf. an Ldgf. Mai 10, Reg. fl. p. 218, No. 97, Or. P. A. Sachsen,
Emestin. Linie, 1538. Banmgarten, III, S. 333 f. Dieser Brief bringt die Auf-
fassung des Kf. wohl am beeten zum Ausdruck. Siehe Aktenst. No. 11. Ldgf.
an Kf. Mai 16, Reg. H. p. 198, No. 91, Or.
7) Ldgf. an Kf. Mai 23, Or. Kf. an Ldgf. Mai 27, Konz, R^. fl. p. 201 ,
No. 92. Ldgf. an Kf. Juni 1, ebenda p. 198, No. 91. Or. Vergl. Franz Fischer,
S. 26 ff.
Hciträas mr Deueren Geschichte Thüringens I, 3. 11
Digitized by Google
162
Kapitel II.
fragen aber glaubte man zunächst und in erster Linie durch Ver-
handlungen wirken zu müssen, durch diese suchte man sich auch
Klarheit über die Lage zu verschaffen, und es ist doch nicht ohne
eine gewisse, seiner allgemeinen Stellung in diesem Sommer ent-
sprechende Großzügigkeit, wenn wir da den Kurfürsten in Kor-
respondenz treten sehen mit Herzog Wilhelm von Bayern *), wenn
er durch eine erneute Sendung Heinrich Pflugs Klarheit über die
Größe der Türkeugefahr zu gewinnen suchte ‘), und wenn er endlich
auch die Zusammenkunft des Kaisers, des Papstes und des Königs
von Frankreich in Nizza durch Kunz Gering beobachten ließ*).
Bald trat dann unter dem Einfluß von neuen Hilfsgesuchen
Ferdinands*) die Frage der Türkenhilfe in den Vordergrund des
Interesses. Konsequenter als manche andere Bundesstände*) hielt
Johann Friedrich ihr gegenüber an dem stets von ihm vertretenen
und auf den letzten Bundestagen angenommenen Standpunkte fest,
daß man nur nach Gewährung eines beständigen Friedens und auf
einem Reichstag die Hilfe bewilligen könne. Die Verwandlung
des Reichs in eine erbliche Monarchie, wie die Habsburger sie
erstrebten, erschien ihm schlimmer als die Eroberung der öster-
reichischen Erblande durch die Türken. Nach seiner Ansicht war
den Bundesständen durch die schmalkaldischen und Braunschweiger
1) Der Kf. benutzte einen gänzlich unpoIitiBchm Brief Herzog Wilhelms
vom 27. März, um diesem am 11. Mai über die Befürchtungen der Protestanlen
zu berichten und ein gemeinsames Vorgehen zur Verhütung von Uneinigkeit zu
empfehlen. Der Hz. verwies darauf am 27. Mai auf die Gerüchte von kriege-
rischen Absichten der Protestanten, setzte in der nächsten Zeit die Korrespondenz
aber in recht freundschaftlicher Weise fort. Stumpf, § ö7, S. 210f., er datiert
den Brief des Kf. irrtümlich auf den 11. März. Reg. H. p. 223, No. 101. Vergl. ^
auch Baumgarten, 111, S. 334. Besonders friedli^ Wilhelms Brief vom 1. JuU,
Reg. H. a. a. O.
2) Instruktion für Pflug vom 20. Mai 1538, Reg. B. Na 1631. Ebenda
die Empfehlungsbriefe für ihn nach Polen und Ungarn. Johann Zapolya an Kf.
Juli 21, ebenda. Er gab jetzt die Türkengefahr zu.
3) Kf. an Gotzmann Mai 2, Reg. H. p. 187, No. 86, Or. Gering berichtet
am 30. hXai aus Augsburg, am 24. Juni aus Genua, am 19. Juli wieder aus
Augsburg, sandte mit diesem letzten Briefe Kopie des Vertrages zwischen dem
Kaiser und Frankreich, Reg. C. No. 378.
4) Der Kf. selbst erhielt keins, der Ldgf. übersandte ihm das an ihn ge-
richtete vom 23. April am 21. Mai. Reg. H. p. 175, No. 82.
5) Selbst der Ldgf. schwankte, hielt sowohl die Gewährung da: Hilfe wie
ihre Ablehnung für bedenklich. Ebenda.
Digilized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge n. der Untemehmungelust 1536 — 41. X03
Beschlüsse eigentlich ihre Haltung zur Genüge vorgeschrieben, doch
hatte er schließlich auch nichts dagegen, daß man die Frage auf
einer Bundesversammlung noch einmal bespräche *). Die Eisenacher
Zusammenkunft im Juli 1538 ist die Folge dieser Erwägungen ge-
wesen.
Man hatte, als sie stattfand, die Genugtuung, wenigstens einen
Erfolg der bisherigen protestantischen Politik verzeichnen zu
können. Die Habsburger hatten sich genötigt gesehen, eine der
protestantischen Forderungen zu erfüllen und zu Friedensverhand-
lungen die Hand zu bieten, resp. auf ein derartiges Anerbieten
des Kurfürsten von Brandenburg einzugehen. Joachim verwies ja,
als er Anfang Juni auch an Johann Friedrich herantrat, direkt auf
dessen Gedanken, daß ohne einen beständigen Frieden Türken-
hilfe nicht möglich sei, war allerdings der Meinung, daß man die
Hilfe schon leisten könne, wenn auch erst die Vermittlung des
Friedens in Gang gekommen sei’). Die Antwort Johann Fried-
richs zeigt, daß er trotz des Gutachtens Luthers an dem Stand-
punkt, den er bisher eingenommen hatte, festhielt. Noch besser
können wir uns über seine Anschauungen ans dem Bericht, den er
dem Landgrafen sandte, unterrichten. Der Friede, wie er ihn vor
Leistung der Türkenhilfe forderte, war danach ein Friede, der auch
durch ein Konzil nicht aufgehoben wurde und der sich erstreckte
auch auf die nicht im Nürnberger Frieden genannten Protestanten®).
Natürlich hatte aber der Kurfürst den Gesandten Joachims nur
eine vorläufige .\ntwort geben können, indem er gmndsätzlich
dessen Vermittlung annahm, alles Weitere mußte den Einungs-
verwandten Vorbehalten bleiben. Immerhin empfahl der Kurfürst
1) Kf. an Ldgf. Mai26, Reg. H. p. 175, No.82. Seckendorf, III, S. 175,
Datom nach dem Or. in Marbnrg. Siehe Äktenet. No. 13. Ganz ähnlich schrieb
der Kf. am 28. Mai an Hans Ungnad, Reg. B. No. 1631, Konz. Immerhin liefl der
Kf. damals durch Brück die Wittenberger Theologen um ein Gutachten über die
Tfirkenhilfe bitten (Mai 26 — 29, Kf. an Brück, R^. H. p. 391, No. 148, Konz.),
das hatte dann Luthers «theologisches* und allerdings sehr wenig politisdtee Be-
denken Tom 29. Mai zur Folge. Erl. 55, S. 202 ff. Brück an Kf. Mai 30, Reg. H.
p, 175, No. 82, Hdbf.
2) Instruktion Joachims für Schlieben vom 3. Juni, Reg. H. p. 221, No. 99.
Vergl. Seckendorf, III, S. 175. Sleidan, II, 8. 126ff. P. C. II, 499, 1.
Rosenberg, 8. 45. N. B. IV, 8. 469, 1.
3) Antwort des Kf. vom 5. Jiui, Reg. H. p. 170, No. 80, II, Kopie. Vergl.
P. C. II, 499, 1. Kt an Ldgf. Juni 7, Reg. H. p. 234, No. 103, BL 15-21. Or. in P. A.
11*
Digitized by Google
164
Kapitel II.
dem Landgrafen, daß sie beide doch schon jetzt dem Branden-
burger eine bestimmte Erklärung über die Türkenhilfe für den
Fall des Zustandekommens des Friedens abgäben , damit jener
dem König etwas Tröstliches melden könne. Philipp trug diesem
Vorschlag Rechnung, indem er ein Schreiben entwarf, das sie
gemeinsam an den Brandenburger senden sollten. Nach nicht
sehr wesentlicher Kürzung durch den Kurfürsten ist es am
21. Juni abgegangen. Hier stellten die beiden Fürsten, vorbehalt-
lich der Zustimmung der anderen Protestanten, Paitikularhilfe
gegen die Türken in Aussicht unter der Bedingung, daß deswegen
die Abhaltung eines Reichstages nicht versäumt werde, da die
Türkengefahr ja andauere, und daß den gegenwärtigen und zu-
künftigen Protestanten ein sicherer, beständiger und, wie der Kur-
fürst hinzufügte, „satter“ Friede garantiert werde. Sie empfahlen,
daß Joachim und der König ihre Vertreter auf den Eisenacher Tag
schickten und daß man auf diesem dann gleich den Frieden ab-
schlösse ‘). Man gab also in der Frage des Reichstages ein wenig
nach, hielt aber fest an dem Gedanken, die Türkengefahr zur Er-
langung eines wirklichen Friedens zu benutzen. Der Landgraf
hatte sofort Friedensartikel entworfen, die man dem Brandenburger
übersenden solle. Johann Friedlich war mit diesem Gedanken aber
nicht einverstanden und hielt die hessischen Artikel zurück*).
1) Ldgf. an Kf. Juni 12. P. C. II, 499, 1. Kf. an Ldgf. Juni 17, P. A.
Sachsen, Emestin. Linie, 1538. Ebenda beim 7. Juni Entwiurf des geroeinBomeo
Briefe« an Joachim. Gedruckt N. B. IV, 469 — 472. Vergl. Bosen berg, S. 47 f.
Die wichtigste Kürzung, die der Ki. an dem Schreiben vomahm, war die, dafi
er die Aufführung einer Reihe von katholischen Ständen, deren Zustimmung zum
Frieden Kaiser und König erwirken sollten, wenn die Zeit dazu reiche, weglieQ.
Keg. H. p. 234, No. 103, Bl. 27 — 31, verglichen mit Bl. 37 — 40.
2) „Artickel ungeverlich begrieffen“ etc. finden sich ira Konzept in P. A.
No. 497. Abschriften P. A. Sachsen, Emestin. Linie, 1538 beim Brief des Kf. vom
7. Juni und in Keg. H. p. 221, No. 99. Inhaltlich stimmen sie vielfach mit
P. O. II, 560 Anm. 3 überein. Dafi sie dem Kurfürsten von Brandenburg am
21. Juni nicht übersandt wurden, zeigt 1) der Brief des Kf. vom 17. Juni und
2) die Zustimmung dazu, die Sturm und und andere während der Eisenacher
Verhandlungen aussprachen (Reg. H. p. 170, No. 80, vol. I, Juli 28). Wenn also
in dem Briefe Joachims vom 2. Juli von Artikeln der Protestanten die Rede ist,
sind wahrscheinlich damit nur die in ihrem Briefe vom 21. Juni enthaltenen
Forderungen gemeint. Inhaltlich stimmt das, was der Brandenburger dem Könige
schreibt, mit diesen, aber nicht mit den Artikeln dee Landgrafen überein (N. B.
IV, 474). An andere noch unbekannte Artikel denkt Rosen berg, S. 48.
Digilized by Google
Bund u. B«ich : Die Jahre der Sorge u. der UntemehmungBlust 1536 — 41. 165
Natürlich wurden dadurch die Verhandlungen verzögert. Daß
diese schon auf dem Eisenacher Tage zu irgend welchem Abschluß
kommen würden, war aber schon sowieso unwahrscheinlich, da ein
so schnelles Vorgehen von habsburgischer Seite nicht zu erwarten
war, bat doch Joachim erst durch Brief vom 18. Juni den König,
sich vom Kaiser bevollmächtigen zu lassen ‘), und schrieb ihm Ferdi-
nand doch erst am 14. Juli, daß er sich nun schleunig Vollmacht
von seinem Bruder verschaffen werde •). Diese konnte nicht mehr
so rechtzeitig eintreffen, daß ein Abschluß auf dem Eisenacher
Tage möglich gewesen wäre, auch die Verhandlungen dort hatten
daher nur einen provisorischen Charakter. Als Vorbereitung des
Frankfurter Friedens sind sie aber doch nicht ohne Interesse.
Der Kurfürst und der Landgraf waren darin einig, daß man den
Tag zu Eisenach jedenfalls dazu benutzen müsse, um von den anderen
Verbündeten Vollmacht und Direktiven für die Friedens Verhand-
lungen zu erhalten®). Diese Frage bildete dann auch neben der
mit ihr in engster Verbindung stehenden der Türkenhilfe den Haupt-
gegenstand der Beratungen. Brück erstattete am 26. Juli über
beide Punkte Bericht und beantragte, sich über die Bedingungen
des Friedens zu einigen. Man wählte zur Beratung beider Ange-
legenheiten einen Ausschuß von zwölf Personen, als dessen Be-
ratungsgegenstände man außer den Friedensbedingungen die Frage
festsetzte, ob eine Partikularhilfe auch ohne Reichstag, ja bei großer
Gefahr auch ohne Frieden bewilligt werden könne, und die andere,
ob man, wenn die Vermittlung des Kurfürsten von Brandenburg
nicht zum Frieden führe, an den Kaiser oder an die Kurfürsten
und die vornehmsten Fürsten schicken oder schreiben wolle.
Der Ausschuß der Stände hat schon am 27. Juli einen Unter-
ausschuß von 4—5 Personen gewählt. Dieser scheint bei den Be-
ratungen über die Friedensbedingungen die Artikel des Landgrafen
zugrunde gelegt zu haben. Diese forderten das Reformationsrecht
für jede reichsunmittelbare Obrigkeit, wollten den andersgläubigen
Untertanen aber das Recht der Auswanderung gewähren, ja sogar
Duldung, solange sie nicht äußerlich Anstoß erregten ; sie wollten
1) N. B. IV, 468 f.
2) E^. H. p. 170, No. 80, II, Kopie. Vergl. auch Rosen berg, S. 48f.
3) Instruktion des Landgrafen vom 15. Juli für seine Gesandten. Neu-
d eck er, Aktenstücke, S. 150 ff. Kf. an Ldgf. Juli 7, Reg. H. p. 234, No. 103,
Bl. 42 — 44, Konz. Ldgf. an Kf. Juli 11, ebenda Bl. 49, Or.
Digitized by Google
166
Kapitel II.
verbieten, daß man den Untertanen einer anderen Obrigkeit der
Religion wegen Zinsen vorenthalte, wünschten, daß niemand zur
Anerkennung von Konzilsbeschlüssen gezwungen werden sollte,
und beschäftigten sich endlich noch mit der Lage der Stifter in
den Reichsstädten.
Der Kurfürst war nach einem Briefe an seine Räte vom
27. Juli mit dem Gedanken der gegenseitigen Duldung nicht recht
einverstanden, er wollte Frieden nicht nur mit den Personen, son-
dern mit der Sache. Er selbst legte den Hauptwert auf die Aus-
dehnung des Friedens auf alle Eeichsstände und auf die Ausliefe-
rung der vorenthaltenen geistlichen Güter. In bezug auf die
Türkenhilfe hatte der Kurfürst den Wunsch, daß die ganze pro-
testantische Hilfe ein Corpus bilde, daß bei dieser Gelegenheit die
bestellten Hauptleute und Rittmeister erprobt würden und daß
Herzog Emst von Lüneburg den Oberbefehl erhielte').
Im ganzen haben die Ansichten, die im Ausschuß zum Aus-
dmck kamen, soweit wir über sie unterrichtet sind, denen des
Kurfürsten entsprochen. Jakob Sturm stand allein, wenn er aus-
führte, daß der Friede nichts nütze, wenn nicht eine Vergleichung
in der Religion erfolge. Alle anderen erklärten eine solche für
aussichtslos, und man beschränkte sich daher auf Verhandlungen
über einen äußerlichen Frieden. Für diesen wünschte man Fort-
dauer des vorigen Friedens, aber Beseitigung seiner Mißverständ-
nisse durch Ausdehnung auf die nicht im Frieden benannten Stände
und wirklichen Stillstand der Kammergerichtsprozesse. Zu diesem
Zwecke soUte im Frieden erläutert werden, was als Religionssache
zu betrachten sei. Ferner wünschte man, daß der Fiiede ewig sei
und nicht bloß bis zum Konzil dauere. Ja, man verlangte schließ-
lich, daß er auch auf die künftigen Religionsverwandten des Kur-
fürsten ausgedehnt werde. Ueber die Artikel des Landgrafen
haben im Ausschuß auch allerlei Disputationen stattgefunden.
Das Resultat der Beratungen des kleinen Ausschusses, ein „Be-
denken, was man mit den Gesandten des Kurfürsten zu Branden-
burg handeln sollte“, das am 30. Juli dem Plenum vorgelegt
wurde, zeigt, daß doch mancherlei aus ihnen entnommen wurde,
auch der Gedanke der Duldung Andersgläubiger, wenn sie nicht
predigten oder Aenderungen in der Religion machten, war auf-
1) Kf. ao seine Räte in Eisenach, Reg. H. p. 170, No. 80, I, Konz. Vergl.
Aktenst. No. 15.
Digiiized by Google
Bund a Reich : Die Jahre der Sorge u. der Unternehmungslust 1536 — 41. 167
genommen^). Der Kurfürst, der ein Exemplar des Gutachtens
eigenhändig mit Randbemerkungen versehen hat, scheint jetzt nicht
weiter Anstoß daran genommen zu haben. Doch nahm das Plenum
jenes Bedenken noch nicht sofort an, es fanden in den nächsten
Tagen noch weitere Beratungen des Ansschnsses statt, bis die Ant-
wort zustande kam, die man den brandenburgischen Gesandten
übergab. Ja, man beschloß, wohl auch unter dem Einfluß einer
Weisung des Kurfürsten vom 31. Juli, jetzt die Bedingungen, die
man stellte, noch nicht bekannt zu geben, da sie dem Kaiser un-
günstig für die Protestanten ausgelegt werden könnten und erst
einmal eine kaiserliche Kommission da sein müsse’).
Diesen Beschlüssen entsprach die Antwort, die den branden-
burgischen Gesandten erteilt wurde. Diese waren vom Kurfürsten
sowohl wie vom Landgrafen an die Eisenacher Versammlung ge-
wiesen worden und erhielten durch diese am 5. August ihren Be-
scheid. Entsprechend dem Beschluß des Ausschusses wurden ihnen
darin noch keine bestimmten Friedensartikel mitgeteilt. Man er-
klärte sich aber bereit dazu, das auf einem neuen Tage zu tun,
bis zu dem der König sich Vollmacht für die Verhandlungen ver-
schaflTen sollte. Er sollte dann weiter die Kurfürsten von Branden-
burg und von der Pfalz bevollmächtigen. Johann Friedrich würde
gern den König ganz ans dem Spiele gelassen haben, da er in
bezug auf seine Handlungen „gewitzigt“ war, vermochte das aber
nicht durchznsetzen.
Auf Wunsch der brandenburgischen Gesandten setzte man am
6. August sofort fest, daß der nächste Tag in Frankfurt stattflnden
solle, gab auch die bestimmte Erklärung ab, daß der PViede die
Gewährung einer ansehnlichen Türkenhilfe zur selbstverständlichen
Folge habe®).
t) Das Stück ; ain notel ungeferlich b^iiffen etc. findet sich in zwei Kopien
in Reg. H. p. 170, Xo. 80, vol. II, eine mit Randbemerkungen des Kf. Eine Kopie
such in P. A No. 497. Inhaltsangabe bei Egelhaaf, II, S. 341 f.
2) Idi benutze anfier dem Straßburger Bericht F. C. II, 510 ff. vor allem
die Korrespondenz dee Kurfürsten mit seinen Gesandten in Eisenach in R^. H.
p. 170, No. 80, vol. I. Einiges auch in P. A. No. 496.
3) Instruktion für Trott und Schlieben vom 24. Juli, N. B. IV, 475—482,
über die Werbung der Ges. P. C. II, 512, 1 nicht ganz genau. VergL Reg. H.
p. 170, No. 80, vol. II (Kopie der Werbung der Gesandten). Rosenberg,
S. 55 — 58 gut, in Reg. H. a. a. O. auch die weiteren Akten. Brief dee Kf. an seine
Ges. resp. Brück in Reg. H. p. 234, No. 103, Bl. 68—72, Konz., Reg. H. p. 170,
Digitized by Google
168
Kapitel II.
Mit diesen Erklärungen gaben sich die Gesandten zufrieden,
und es war nun die Aufgabe Joachims, dafür zu sorgen, daß die
Friedens Verhandlungen gefördert und damit die Türkenhilfe möglich
wurde. Die Protestanten ihrerseits haben in Eisenach noch einige
weitere Beschlüsse über ihr ferneres Verhalten gefaßt Man gab
Sachsen nnd Hessen Vollmacht, auch allein über den Frieden zu
verhandeln , wenn die Türkengefahr dränge. Als Richtschnur
sollten ihnen dabei die von dem kleinen Ausschuß verfaßten
Friedensartikel dienen. Wenn irgend möglich, sollten sie aber alle
Stände versammeln ^). Der Ausschuß hatte ferner seinem .Aufträge
entsprechend auch über die Türkenhilfe verhandelt und sich dabei
nicht immer in vom Kurfürsten gebilligten Bahnen bewegt. So
hatte er z. B. Neigung gezeigt, aus Rücksicht auf die protestan-
tischen Untertanen Ferdinands die Türkenhilfe auch ohne Frieden
zu gewähren. Ferner scheint er eine Gesandtschaft an König Fer-
dinand und die Kurfürsten beschlossen zu haben, wenn die branden-
burgische Vermittlung nicht zum Ziele führte. Im Punkte der
Türkenhilfe hat dann aber das Plenum mehr im Sinne des Kur-
fürsten entschieden, daß sie nur geleistet werden solle, wenn der
Friede vorher gesichert sei, und zwar dann unter Umständen auch
ohne einen Reichstag. An dem Gedanken der Rechtfertigungs-
gesandtschaft an den König und die 5 Kurfürsten hielt mau fest,
entwarf sogar gleich eine Instruktion für sie, in der nach Rekapi-
tulation der ganzen Verhandlung um Reichstag und Frieden gebeten
und nach Erfüllung dieser Bitten Bereitwilligkeit zur Hilfe erklärt
wurde. Dieser Beschluß galt aber auch nur für den Fall, daß
der Friede nicht zustande käme*).
Von den sonstigen Verhandlungen des Eisenacher Tages ver-
dienen vor allem noch die über die Rekusation des Kammergerichts
Erwähnung. Gemäß den in Braunschweig gefaßten Beschlüssen
waren in den letzten Wochen eine Reihe von Gutachten über die
Frage, ob man es auch in weltlichen Sachen rekusieren solle, ein-
gelaufen*). Im ganzen war keine Stimmung für eine solche Aus-
No. 80, Or. Die Antwort an die Brandenburger ebenda; P. C. II, 513, 1. Die
Verhandlungen vom 6. ebenda und P. C. S. 513.
1) VergL P. C. II, 513 Anm. 2.
2) Beg. H. p. 234, No. 103, Bl. 94—102.
3) Viele Akten darüber in B^. H. p. 167, No. 79. Vergl. S. 145.
Digitized by Google
Bund Q. Reich: Die Jahre der Sorge u. der UDtemehmuDgelast 153ti — 41. 169
dehnung der Rekusation vorhanden *), auch Hessen war dagegen *).
Ein juristisches Bedenken einer kursächsischen Schreiberhand*)
spricht sich für die Rekusation aus. Eine endgültige Beschluß-
fassung erfolgte nicht. Vielmehr wurden Sachsen und Hessen
beauftragt, aus den schon eingegangenen und noch eingehenden
Gutachten eine „Meinung“ zusammenzufassen und sie den anderen
Ständen zuzuschicken, damit in der nächsten Versammlung über
die Sache Beschluß gefaßt werden könne*).
Auf die Verhandlungen über die Beschwerden einzelner Stände,
die in den Akten des Bundestages einen großen Raum einnehmen,
gehe ich nicht weiter ein. —
Auf Veranlassung des Kurfürsten waren zu dem Tage auch
die Kriegsräte miteingeladen w'orden*), doch findet sich keine
Spur davon, daß Beratungen über militärische Dinge in Eisenach
stattgefunden hätten. Johann Friedrich hatte ihre Mitberufung
verlangt aus der besorgten Stimmung heraus, in der er sich im
Juni 1538 befand. Auch durch die Friedensverhandlungen sind
diese seine Besorgnisse nicht beseitigt worden, er setzte auf die
Verhandlungen im ganzen nur sehr geringe Hoffnungen*), und als
dann im Herbst eine so lange Pause eintrat, ehe sie ordentlich
weitergingen, bemächtigte sich seiner ganz wieder die antihabs-
burgische Stimmung, die ihn seit 1537 beherrschte. Was ihm der
ÜAndgraf über die friedlichen Mitteilungen von Naves berichtete’),
beruhigte ihn nicht, und am 8. September wurden ihm durch den
jülichschen Sekretär Udenheimer Mitteilungen gemacht, die ihm einen
AngrifT der Gegner im nächsten Jahre fast als sicher erscheinen
1) P. C. U, 513, 4.
2) Nendecker, Aktenstücke, U. 155 f.
3) Siehe Anm. 3 auf S. 168. .
4) Hortleder, 1, 2, 8. 1289.
5) Ausschreiben vom 7. Juni, F. C. U, S. 498.
6) VergL etwa den Brief des Ef. an seine Gesandten in Eisenach vom
31. Juli, Reg. H. p. 170, No. 80, Or.
7) lieber die erste Anwesenheit des Naves berichtet der Ldgf. dem Kf. am
18. Juni nebst Beilage vom 8. Juni, Reg. C. No. 851; Or., nicht ganz mit dem
Bericht des Naves bei Lanz, Staatspapiere, S. 255—263 übereinstimmend, lieber
die zweite Sendung im August vergl. Hasenclever, Naves, S. 290f., Lanz,
a. a. O. 8.269—277. Den Kfen. scheint der Ldgf. damals über die Verhandlungen
nur, soweit sie Jülich betrafen, unterrichtet zu haben. Vergl. Heid rieh, S. 14.
Die Haltung des Landgrafen scheint mir noch nicht genügend geklärt.
Digitized by Google
170
Kapitel II.
ließen*). Er dachte sich ihr Vorgehen etwa so, daß man einen
Reichstag berufen und dadurch den Nürnberger Frieden aufheben
würde. Dann würde man von den Protestanten die Restitution
der Geistlichen begehren und ilire Weigerung als Anlaß zum Vor-
gehen gegen sie benutzen. Auch die Zweideutigkeit der Bestim-
mungen des Friedens zwischen dem Kaiser und Frankreich zog
er in diese Betrachtungen mit hinein*). Was man demgegenüber
tun solle, war ihm ebenso wie dem Landgrafen nicht recht klar,
es schien ihm bedenklich, still zu sitzen und den „Backenstreich“ des
Gegners zu erwarten, ebenso aber war er zweifelhaft, ob man dem
Angriff zuvorkommen solle, wenn ihn auch theologische Bedenken
in dieser Beziehung nicht mehr diückten *). Als Hauptaufgabe
erschien ihm stets genaues Achten auf alle Schritte der Gegner.
Noch entschiedener als der Kurfürst betonte der Landgraf, daß
man sich vor allen vorschnellen Entschlüssen hüten müsse. Zunächst
müsse man ganz gewiß sein, daß die Gegner einen tätlichen Angriff
planten, außerdem müsse man völlig sicher sein, daß man selbst
aus keinen anderen eigennützigen Gründen, sondern nur zu Gottes
Ehre und zur Errettung seiner selbst und seiner Lande zu den
Waffen greife, auch müsse man das, was man den Gegnern vor-
werfe, öffentlich beweisen können. Endlich machte Philipp auch
noch auf die Schwierigkeit, die der Krieg unter allen Umständen
haben würde, und auf die Notwendigkeit, genügend mit Geld ver-
sehen zu sein, aufmerksam^).
Es scheint, daß Johann Friedrich auf diesen Brief nicht mehr
geantwortet hat, denn vom 13. bis 15. Oktober hatte er ja dann
1) Instruktion Udenheimers vom 23. Äug., Keg. C. No. 852, Bl. 35/36.
Seine Werbung vom 8. Sept. Bl. 98 — 104 und 106—113. Hier war direkt von
einem für das nächste Jahr geplanten Angriff auf die Protestanten die Bede.
2) An Ldgf. Sept. 17, Keg. H. p. 207, No. 94. Baumgarten, TU,
S. 337, Anm.
3) Kf. an Ldgf. Sept. 13, unter dem Eindruck der jülichschen Mitteilungen
entstanden. Reg. H. p. 203, No. 93, Konz. P. A. Sachsen, Emeet. Linie, 1538, Or.
Vergl. Baumgarten, lU, S. 337. Siehe Aktenst. No. 16. Ueber die auch
ziemlich große Ratlosigkeit dee Landgrafen vergl. seinen Brief vom 8. Sept, Keg. H.
p. 207, No. 94, Or. Seckendorf, III, 8. 171.
4) Ldgf. an Kf. Sept. 25, Keg. H. p. 211, No. 95, Or., ein schönes Zeugnis
für die ira Grunde friedliche Gesinnung und die Besonnenheit dee Landgrafen.
Zum Teil gedruckt bei Seckendorf, III, S. 181 f. Baumgarten, III, S.338f.
Vergl. auch Rommel, I, S. 428. Aktenst. No. 17.
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der Unternehmungslust 1536 — 11. 171
Gelegenheit, auf einer Zusammenkunft in Eilenburg die Frage mit
dem Landgrafen zu besprechen ‘). Leider ist uns allerdings über
diese Beratung nur das eine bekannt, daß die beiden Fürsten be-
schlossen, noch zu warten, ehe sie weitere Schritte täten *). Schon
im Oktober erhielt man dann allerdings neben einzelnen beruhigen-
den“) allerhand neue, die Aufregung vermehrende Nachrichten.
Aus Jülich wurde dem Kurfürsten von neuem berichtet, daß vor
allem die Bedrohung der geistlichen Güter und die Beeinflussung
der Untertanen katholischer Stände die Gegner beunruhige und
ihren Zusammenschluß herbeiführe. Der Herzog riet demgegenüber
zur Vorsicht in jenen beiden Beziehungen und zum Abschluß eines
Friedens zwischen den Religionsparteien im Reiche noch vor der
Ankunft des Kaisers ‘). Durch Verhandlungen mit dem Erzbischof
von Trier trug man von protestantischer Seite solchen Anregungen
Rechnung“). Vor allem aber erging dann die .\cht gegen Minden,
die im Zusammenhang mit anderen ihm zugehenden Nachrichten
den Landgrafen Ende Oktober außerordentlich beunruhigte'); und
ebenso auch den Kurfürsten. Jetzt dachte er sich das Vorgehen
der Gegner etwa so, daß sie im Winter weitere Achtserklärungen
gegen die Protestanten ergehen lassen und diese zusammen mit
der Fi-age der geistlichen Güter dann im Frülyahr als Kiiegsgrund
benutzen wrürden. Er war mit dem Landgrafen darin einig, daß
1) Reg. Bb. No. 5588a, Reisebuch des Ef.
2) Dies ergibt sich aus der Instruktion vom 21. Nov. Vergl. S. 172 f.
3) Dahin gehören Mitteilnngen Wilhelms von Fürstenberg über die Ver-
abredungen zwischen dem Kaiser und Frankreich, Ldgf. an Kf. Okt 19, Reg. C.
No. 854, Bl. 29, oder die Gerüchte von Heids Ungnade, Sturm an Kf. Okt. 11,
P. C. II, S. 522, No. 545. Auch in katholischen Kreisen gingen solche Gerüchte
und waren nicht ganz nnb^TÜndet. Werbung Heinrichs von Braunschweig an Held,
Okt. 15, Reg. H. p. 834, No. VII. Held an Heinrich, Okt. 22, ebenda, Kopien.
4) Relation von Kreuz an Kf. über seine Sendung an Johaim, Reg. 0.
No. 853, Or. Heidrich, S. 12. Below, I, S. 247, 3.
5) Schon am 18. Okt. hatte der Ldgf. zugleich im Namen des Kf. Georg
von Harstall an den Trierer geschickt, um zu einer Zusammenkunft ihrer dreier
anfzofordern. Der Erzbischof lehnte sie am 31. Okt. zunächst ab, stellte sie aber
für später in Aussicht. Dann schrieb der Ldgf. dem Trierer wieder am 18. Dez.
und riet ihm vom Eintritt ln den Nürnberger Bund ab. Der Kf. erwiderte am
3. Jan. 1539, dafl er in bezug auf das Bündnis noch frei stehe, auch den Kölner
in diesem Siime zu beeinflussen suchen werde. Den Landgrafen bat er, auch seiner-
seits für den Frieden zu wirken. (P. A. Kurtrier 1538 Juli — 1539 Jan.)
6) Ldgf. an Kt Okt 26, Reg. H. p. 214, No. 96, Or. Vergl. P. C. II, No. 550.
Digilized by Google
172
Kapitel II.
man den Winter für Gegenmaßregeln benutzen müsse und daß zu
diesem Zwecke zunächst ein Bundestag nötig sei, er empfahl, daß
die Fürsten diesen persönlich besuchten und die Städte ihren Ge-
sandten genügende Vollmachten gäben. Um dies zu erreichen,
sollte man nach seiner Meinung Gesandte an die einzelnen Bundes-
stände schicken und sie über die Gefahr der Lage unterrichten.
Um Klarheit über die Pläne der Gegner zu erhalten, empfahl er
an die übrigen Kurfürsten mit Ausnahme von Mainz zu schreiben,
er riet ferner, das Ausschreiben gegen das Kammergericht jetzt
ergehen zu lassen. Durchaus einverstanden war Johann Friedrich
mit dem Vorschlag des Landgrafen, die Bestallung der Hauptleute
und Kittmeister zu verlängern, auch neue anzunehmen ‘).
Der Landgraf war mit diesen Vorschlägen in allen wesentlichen
Punkten einverstanden*), und er war um so mehr geneigt, dai’auf
einzugehen, als ihm in eben diesen Tagen ein Brief von Georg
von Karlowitz zuging, der ihn wieder aufs höchste beunruhigte.
Es war darin darauf verwiesen, daß Minden nicht dem Nürnberger
Frieden unterstände, dann wai’ zwar der defensive Charakter des
Nürnberger Bundes betont, dabei aber als Bedingung bezeichnet,
daß die Protestanten den Frieden nicht überträten und keine Güter
nähmen *).
Ueber die Einzelheiten der von den Bundeshäuptern geplanten
Schritte haben in den näciisten Wochen noch weitere Korrespondenzen
stattgefuuden, am 20. November wurde dann der Bundestag auf
den 12. h’ebruar nach Frankfurt angesetzt ^), am 17. und 18. ergingen
die Briefe an die Kurfürsten*), und vom 21. sind die Instruktionen
für die an die oberdeutschen und niederdeutschen Bundesstände gerich-
1) Kf. an Ldgf. Nov. 4, Reg. H. p. 214, No. 96, Konz. P. A. Sachaen,
Erneetiner, 1538, Or. Manches daraus bei Meinardus, FDG. XXII, S. 622.
Siebe Aktenst. No. 19. Für die Ansicht des Kurfürsten ist auch die Antwort
wichtig, die er dem preußischen Kanzler Johann Kreutzen am 27. Okt. erteilte
Reg. H. p. 220, No. 98. Aktenst. No. 18.
2) An Kf. Nov. 12, Reg. H. p. 214, No. 96. Seckendorf, III, S. 182.
3) Karlowitz an Ldgf. Not. ^ Neudecker, Urk., 8. 316 — 318, Kopie
in Reg. H. a. a. O. Es ist eine Antwort auf Brief des Landgrafen vom 27. Okt.
über Minden und den Nürnberger Bund. Kopie in Reg. H. p. 218, No. 97. Der
Eindruck des Briefes auf den Landgrafen ergibt eich aus dessen Brief an Kf.
Not. 14, Reg. H. p. 214. No. 96, Or.
4) Kf. an Ldgf. Nov. 20, Reg. H. p. 214, No. 96, Konz.
5) Konzepte in Reg. H. p. 214, No. 96 und in Reg. H. p. 221, No. 99.
Digilized by Google
Band u. Reich; Die Jahre der Sorge u. der UntemehmungBluBt 1536 — 41. 173
teten Gesandtschaften datiert ‘). In ihnen wurde ebenso wie in dem
Brief an die Kurfürsten vor allem auf die Achtserklärung gegen
Minden Wert gelegt. Die Bundeshäupter schlossen daraus, daß mau
di^ Protestanten überfallen und von Land und Leuten jagen wolle.
Eine Bundesversammlung müsse beschließen, wie man sich dem-
gegenüber verhalten wolle. Zu dieser sollten die Fürsten persön-
lich erscheinen, die Städte Gesandte mit genügenden Vollmachten
schicken.
Es entsprach ganz dem Temperamente Philipps von Hessen,
daß er Lust hatte, nun auch möglichst bald mit den militärischen
Vorbereitungen zu beginnen, nachdem einmal die Befürchtung, daß
es im nächsten Jahre Krieg geben werde, sich in ihm festgesetzt
hatte. Er wollte gleich drei Monate auf einmal von den Ver-
bündeten verlangen, sich schon jetzt die Reiter und Knechte für
das Frühjahr sichern und empfand schon bei dieser Gelegenheit
die Fesseln des vielköpfigen und schwerfälligen Bundes hemmend *).
Johann Friedrich vertrat demgegenüber den korrekten Bundesstand-
punkt, fürchtete, daß die Forderung der drei Monate bei den
Städten Verwunderung erregen werde, besonders da die augen-
scheinliche Not noch nicht vorhanden sei*), und empfahl, auch mit
der Annahme von Knechten bis zum Bundestage zu warten*). Der
Landgraf fügte sich zunächst diesem Wunsche*).
Noch im Jahre 1538 trat dann aber ein Ereignis ein, das die
kriegerische Stimmung Philipps bedeutend steigerte: die Gefangen-
nahme des braunschweigischen Sekretäis Stephan Schmidt am
30. Dezember.
1) Philipp Roeenecker und Alexander von der Thann wurden an die ober-
deutschen Stimmstände Württemberg, Straßburg, Augsburg und Ulm gesandt,
Burchard und Baumbach nach Niederdeutschland an Johann von Küstrin,
Pommern, Emst von Lüneburg, Magdeburg, Bremen und Hamburg. Die In-
struktionen in Reg. H. p. 235, No. 104, vol. 1 und II; ebenda in vol. II die
Berichte der Gesandten. Der KI. schickte außerdem Nickel von Minckwitz und
Jobst von Hain an die Fürsten zu Anhalt und die Grafen von Mansfeld, aller-
dings erst am 27. Dez., ebenda vol. II. Vergl. auch P. C. II, No. 558.
2) Ldgf. an Kf. Nov. 23, Zettel, Reg. C. No. 854, Bl. 88; Nov. 29, Reg. H.
p. 214, No. 96, Or. Kf. an Ldgf. Dez. 12, Zettel, Konz., ebenda. Ldgf. an Kf.
Dez. 13, Or., ebenda. Vor allem Ldgf. an Kf. Dez. 24, Or., ebenda.
3) Ueber die drei Monate vergl. Ldgf. an Kf. Nov. 18, Reg. H. p. 218, No. 97,
Or. Kf. an Ldgf. Nov. 29, ebenda, Konz.
4) An Ldgf. Dez. 12 und Dez. 31, Reg. H. p. 214, No. 96, Konz.
5) Ldgf. au Kf. Dez. 28, Reg. H. p. 211, No. 95, Or.
Digilized by Google
174
Kapitel II.
Durch die Papiere, die man bei ihm fand, wurden die Ansichten,
die man über die Pläne der Gegner hatte, ja bis zu einem ge-
wissen Grade wenigstens bestätigt ^), andererseits reizte aber auch
das Ereignis als solches die Gegner und führte zu einem sehr
erregten Schriftwechsel*). Da bedenkliche Nachrichten aus Augs-
burg hinzukamen*), sind jetzt im Januar 1539 sowohl seitens des
Landgrafen wie seitens des Kurfürsten schon Schritte geschehen,
die als Rüstungen bezeichnet werden müssen ‘). Manche Aeuße-
rungen Johann Friedrichs aus diesen Tagen könnten darauf hin-
deuten, daß er jetzt auch von der kriegerischen Stimmung des
hessischen Vetters ergriffen war®), doch stehen andere dazu im
Widerspruch, in denen er gerade auf günstige und friedliche
Symptome aufmerksam machte®). Am klarsten kommt seine Stim-
1) Die Stücke, die man erbeutete, bei Hortleder, I, 2, S. 12ff. gedruckt.
Sie zeigen eine sehr feindliche Stimmung, aber keine direkten Angriffsabsichten.
Größere Kricgslust tritt in den später erbeuteten Korrespondenzen Herzog Hein-
richs hervor, aber auch hier nicht direkt die Absicht, zuvorzukommen. Reg. H.
p. 834, No. VII; p. 838, No. X.
2) Auch zum Teil bd Hortleder, I, 2, S. lOff. gedruckt.
3) P. C. II, 539.
4) Eine Menge Bestallungsbriefe in P. A. No. 505. Vor aUem aber kommt
ein Brief des Kf. an Ldgf. vom 14. Jan. 1539 in Betracht. Danach sollten die Ritt-
meister schon dafür sorgen, daß die Reiter, die sie erhalten könnten, ihnen nicht
abgestrickt würden, ja man dachte schon an Werbeverbote in den Städten und
an Aufstellung einer Garde von 5—6000 Knechten in Niedetdeutschland, Reg. H.
p. 272, No. 115, Konz. Der Kf. muß damals auch vorgeschlagen haben, daß
jeder von ihnen 60 — 70 vom Adel bestelle. Der Ldgf. erklärte sich am 20. Jan.
sehr einverstanden damit (ebenda).
5) So wenn er den Vorschlag des Ldgf., auf dem Bundestage alle Sachen
über die man mit den Gegnern im Streit wäre, zu erörtern und Fug und Unfug
feetzustellen, für unnütz erklärte, da, wenn jene zur Gewalt entschloesen wären,
nicht viel darauf ankäme, ob in einigen Sachen zu viel geschehe, die Sache werde
dadurch nicht milder oder härter werden. (Reg. H. p. 211, No. 9ö, Konz.)
Oder wenn er riet, gegen den braunschweigischen Sekretär ruhig auch die pein-
liche Frage anzuwenden, da die Sache dadurch weder kälter noch wärmer werde und
man in solchen schwinden Fällen die Dinge nicht allwege nach der Schnur der
Rechte machen könne (an Ldgf. Jan. 12, Reg. H. p. 225, No. 102, voL U, Konz.).
6) So verwies er am 13. Januar auf die Werbung Trotts und auf günstige
Nachrichten aus den Niederlanden und am 20. Jan. auf Aeuß^ungen Joachims IL
und die Werbung eines Sekretärs Wilhelms von Bayern. (Reg. H. p. 272, No. 115,
Konz.) Günstig wurde seine Stimmung vor allem auch durch Mitteilungen, die
Georg von Karlowitz am 7. und 8. Januar gelegentlich des Leipziger Religions-
geepräebs machte, beeinflußL (Reg. H. p. 223, No. 101.)
Digilized by Google
Band u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der Unternehmangelust 1536—41. 175
mung wohl zum Ausdruck in einem aus dem Januar stammenden
ausführlichen eigenhändigen „Bedenken“ über die Gegenwehr und
in einem Brief, den er am 12. Januar an den Landgrafen richtete.
Aus dem Gutachten geht hervor, daß der Kurfürst auch jetzt die
Erhaltung des Friedens für das Beste hielt, daß er aber von den
feindlichen Absichten der Gegner überzeugt war. Demgegenüber
schien ihm auch ein Zuvorkommen erlaubt, doch meinte er, daß
es große Schwierigkeiten habe, zu einem großen Kriege in Deutsch-
land führen werde und im Falle des Sieges auch zu Differenzen
unter den Verbündeten Anlaß geben könne. Eher wäre ein Krieg
möglich, wenn man es nur mit einem Teile der Gegner, etwa mit
Herzog Heinrich und Mainz zu tun hätte, wofür manches spräche.
Die Entscheidung über die einzuschlagende Politik durfte nach der
.Ansicht Johann Friedrichs aber auf jeden Fall erst auf dem Frank-
furter Tage erfolgen*).
Den Gedanken, die Gegner zu trennen oder durch Einwirkung
auf die friedlich Gesinnten unter ihnen den Frieden zu erhalten,
brachte der Kurfürst auch in dem Briefe an den Landgrafen zum
Ausdruck ’), er arbeitete auch selbst in diesem Sinne *). Vor allem
verbreitete er sich in diesem Briefe aber über die Behandlung
des braunschweigischen Sekretärs und über die zur Rechtfertigung
seiner Gefangennahme zu ergreifenden Schritte. Dabei ist wieder
merkwürdig, daß der Kurfürst vor allen Maßnahmen warnte, durch
die man sich etwa in bezug auf künftige Rüstungen die Hände
binden würde, deshalb erschien ihm z. B. ein von Karlowitz ge-
ratenes Ansschreiben gegen die Gerüchte von Rüstungen des Land-
grafen nicht empfehlenswert.
In den Ratschlägen, die er über die Behandlung und Be-
fragung des braunschweigischen Sekretärs erteilte, ließ es Johann
Friedrich an Rücksichtslosigkeit jedenfalls nicht fehlen *). Dem ent-
sprach es, wenn er auch gewisse militärische Vorbereitungsmaßregeln
1) Eigenh. Konz. Reg. H. p. 40, No. 2, I. Kopie ebenda p. 225, No. 102,
vol. IL Alctenet No. 21. VergL Seckendorf, III, S. 200t
2) Reg. H. p. 225, No. 102, II, Konz. Aktenst. No. 22.
3) Vergt etwa die Instruktion für Dölzig an Neuenahr vom 16. Jan., Reg.
C. p. 855, Bl. 47—57, Konz. Sie unterrichtet auch sehr gut über die Auffassung
des Kt von der Lage. Er hielt Held, Heinrich von Braunschweig und wohl
auch Bauern für kri^erisch gesinnt, Ferdinand und Maria für friedlich, über den
Kaiser war er sich anscheinend nicht ganz klar.
4) VergL S. 174 Anm. 5.
Digilized by Google
176
Kapitel II.
ruhig weitergehen ließ und neue ergriff*). Dabei wünschte er
durchaus nicht den Krieg, sondern die Erhaltung des Friedens,
war aber von den kriegerischen Absichten der Gegner überzeugt *).
Auch diese hegten, abgesehen von Herzog Heinrich *) und vielleicht
Bayern *), eine ganz ähnliche Gesinnung. Auch sie wünschten, wenn
auch zum Teil wohl nur notgedrungen, den Krieg nicht, wurden
aber wieder durch die Nachrichten von den Rüstungen der Pro-
testanten vorwärts getrieben®). So war .Anfang des Jahres 15.39
die Gefahr groß, daß man schließlich „zusammenwachsen“ würde ®),
und wenn der Frankfurter Tag ein Verdienst hat, so ist es das,
daß es gelang, einen kriegerischen Zusammenstoß noch zu verhüten.
Möglich war das nur, weil für die Habsburger schließlich doch
die Notwendigkeit überwog, einen Krieg zu vermeiden. Das beste
Mittel bot ihnen natürlich dazu die brandenburgische Fiiedens-
1) DienstbestallungeD vom 31. Januar im Weim. Arcb. , Urk. No. 1G03.
(Reg. H. p. 259, No. 110.) Uebcr die Annahme von Edelleuten handelt der Kf.
wieder in Brief an Ldgf. vom 25. Jan., Reg. H. p. 272, No. 115, Konz.
2) Siehe die Instruktion für Dolzig vom 16. Jan. S. 175 Anm. 3.
3) Vergl. etwa die undatierte Antwort auf Heids Brief vom 22. Okt. 1538
in Reg. H. p. 834, No. VII, Kopia
4) Bayern wollte eich wohl beide Wege offen halten. Wenigstens steht zu
dem, was Riezler, IV, B. 300 erzählt, die Werbung Kresdorfers beim Kl in
merkwürdigem Widerspruch. Für Anfang März war eine Zusammenechickung
der Räte in Schweinfurt geplant, wegen des Frankfurter Tages wurde nichts ans
ihr. Im März und April rechtfertigen Sachsen, Hessen und Bayern gegenseitig
ihre Rüstungen mit den Gerüchten von solchen der Gegner und beteuern ihre
friedliche Gesinnung. Akten über die Verhandlungen zwischen dem Kl und
Bayern in Reg. H. p. 223, No. 101. Vergl. Stumpf, § 63, S. 224. Am 4. Februar
sandten die Hzc. dem Kl Abschrift des Nürnberger Bundes. Seckendorf, III,
S. 173, Or. ihres Briefes Reg. H. p. 223, No. 101. Am 5. schrieb auch Kres-
dorfer wieder einen sehr friedlichen Brief an Burchard, ebenda. Korreepondenz
der Hze. mit dem Ldgf. in P. A. No. 510.
5) Daß der Kaiser einen Angriff io jener Zeit nicht wünschte, zeigt etwa
sein Brief an Ferd. vom 22. Sept., N. B. III, 8. 204, Anm. Ib. Rosenberger,
8.371391 611 Vergl. Baumgarten, III, S. 3391 Ein Reichstag mit solchen
Hintergedanken, wie der Kl sie voraussetzte, lag den Habsburgem jedenfalls fern.
Vergl. Karl an Ferd. Nov. 30, N. B. IV, 457 1 Ferd. an Karl 1539 Jan. 10 ebenda
S. 4581 In dieser Zeit war Hz. Georg mit der friedlichen Politik der Habs-
burger nicht recht einverstanden. An Heinr. v. Br. Okt. 17, P. A. No. 834, 127,
Kopie. Instruktion für den Pilsener Tag der Nürnberger Verbündeten Febr. 5,
Reg. H. p. 838, No. X, Kopie.
6) So faßte z. B. Sturm die Lage aul An Ldgf. Jan. 26, Reg. H. p. 272,
No. 115, Kopie.
Digitized by Google
Bund ti. Beich: Die Jahre der Sorge n. der Untemehmungelust 1536 — 41, 177
Termittlung, auf die wir nun zurückkommen. Sie war nach dem
Eisenacher Tage zunächst nur sehr langsam von der Stelle ge-
kommen. Joachim hatte die Eisenacher Erklärung der Protestanten
dem Könige zugeschickt ‘), es dauerte aber lange, bis Antwort
von diesem kam. Inzwischen beschäftigte man sich mit der vom
Pfälzer vorgeschlagenen Zuziehung der geistlichen Kurfürsten.
Kursachsen lehnte die des Mainzers entschieden ab, hatte aber
gegen die von Köln und Trier nichts einzuwenden *).
Erst im Oktober antwortete Ferdinand dem Brandenburger
auf seinen Briefe). Die Verzögerung wurde dadurch veranlaßt, daß
er erst mit dem Kaiser hatte in Verbindung treten müssen, sie ist
nicht als Beweis mangelnder Friedensliebe zu betrachten. Auch
Karl V. ging mit einer gewissen Bereitwilligkeit auf die Vor-
schläge Ferdinands ein, da auch ihm wegen der Türkengefahr
daran gelegen war, eine Entscheidung in der Religionsfrage und
einen Zusammenstoß mit den Protestanten noch zu vermeiden*).
Der Vorschlag Ferdinands vom 2. Oktober, nicht die beiden ver-
mittelnden Kurfürsten selbst zu Kommissaren zu ernennen, sondern
lieber den Erzbischof von Lund und Held, und den Kurfürsten nur
die Vermittlung des Verkehrs zwischen diesen und den Protestanten
zu überlassen, wird auch ganz in seinem Sinne gewesen sein®).
Daneben war an eine Beteiligung der Vertreter des Papstes gedacht.
Mit diesen beriet auch Ferdinand beständig, und aus Beratschlag-
ungen mit ihnen ging auch sein Brief an Joachim vom 19. Oktober
hervor. Ferdinand suchte durch ihn bestimmte Friedensvorschläge
von den Protestanten zu erlangen®). Da bei diesen wenig Neigung
dazu vorhanden war, solche zu machen, entschloß sich Joachim
Ende November selbst, .Artikel zu diesem Zwecke aufzustellen,
und schickte sie dem Kurfürsten und Landgrafen zur Begutachtung
1) Joachim an Kf. Aug. 28, B^. H. p. 221, No. 99, Or.
2) Ebenda Joachim an Ldgf. Aug. 30, Beg. fi. p. 211, Na 95, Kopie. Brück
an Kf. Sept. 6, Beg. H. p. 221, No. 99, Or. Kf. an Joachim Sept. 7, Reg. H.
p. 234, No. 103, BL 124 — 127, Konz. Ldgf. an Kf. Sept 14, Beg. H. p. 203,
No. 93, Or.
3) Ferd. an Joachim Okt 19. Bosenberg, S. 62.
4) VergL Bosenberg, 8. 36 ff. und Körte, 8. 17 und Anm. 50.
5) Ferd. an Karl Okt. 2, N. B. IV, 451 ff. Bosenberg, 8. 60.
6) Ferd. an Joachim Okt. 19, Rosenberg, 8. 62, an den Kaiser Okt 22,
N. B. IV, 452f., Bosenberg, 8. 63. Auch Not. 21 bat Ferd. Joachim
-wieder um Artikel der Protestanten, N. B. IV, 8. 487 f. Bosenberg, 8. 65 f.
ßeitnge zur Deuercu Gcfchicbte TbQriDzen* 1, a. 12
Digitized by Google
178
Kapitel II.
zu. Die Ausdehnung des Friedens auf alle reichsunmittelbaren
Protestanten unter Ausschluß der Sakramentierer, Wiedertäufer
und anderer Sekten war hier in Aussicht genommen, ebenso eine
Erklärung und weitere Fassung des Begriffs der Religionssachen
und eine Neubesetzung des Kammergerichts mit geeigneten Per-
sonen'). Diese Vorschläge genügten nun zwar den Protestanten
nicht, der Kurfürst bezeichnete sie als „nichts nütze“ *), aber
Joachim erreichte doch so viel durch sie, daß die beiden Bundes-
häupter nun ihrerseits, wenn auch in unmaßgeblicher Weise, ihre
Forderungen formulierten.
Aus diesem Stück, das in erster Linie dem Landgrafen seine
Entstehung verdankte, an dem aber doch auch der Kurfürst einigen
Anteil hatte, ist zunächst hervorzuheben, daß die Sakramentierer
aus dem brandenburgischen Vorschlag gestrichen wurden und daß
dieser ferner durch einige Punkte aus den Eisenacher Beschlüssen er-
gänzt wurde. So wurde z. B. das Reformationsrecht der Obrigkeiten
stärker betont. Der Landgraf gab dann eine sehr genaue Definition
des Begriffes der Religionssachen, Johann Friedrich fügte eine An-
zahl einzelner Kammergerichtsprozesse, so auch den gegen Minden,
namentlich ein. Als Grenztermin des Friedens hatte der Landgraf
in seiner Antwort an Schlieben einen „endlichen christlichen Ver-
fang“ bezeichnet, der Kurfürst wollte ursprünglich das Konzil dafür
einsetzen, hat schließlich dann aber gar kein Ziel gesetzt®).
Wenn die beiden Fürsten sich zur Ueberreichung dieser Ar-
tikel entschlossen, so geschah es, weil sie türchteten, daß sonst
Joachim etwa seine .Artikel übersende, die sie unmöglich bewilligen
könnten, ferner fürchtete der Kurfürst, daß, wenn man ei’st auf
dem Bundestage die Sache beriete, viele Stände sich aus Klein-
mütigkeit mit den brandenburgischen Artikeln begnügen könnten.
Genügende Vollmacht zur Ueberreichung von Friedensvorschlägen
glaubte man von Eisenach her zu haben. Als ratsam betrachtete
man, daß der Brandenburger sie in seinem eigenen Namen an den
U N. B. IV, 490—492. Die Kredenz und Instruktion für Schlieben an Kf.
ist vom 25. Nov., Reg. H. p. 234, No. 103, Bl. 153 und 155/56.
2) An Ldgf. Dez. 12, Reg. H. p. 234, No. 103, Bl. 170/71.
3) N. B. IV, 496 ff. Ueber die Entstehung dieser Artikel vergL III,
72 f. Rosen berg, S. 67 f. Was er als Zusätze des Kf. bezeichnet, sind aber
meist solche des Landgrafen. Antwort des Ldgf. an Schlieben N. B. IV, 492 ff.
Kf. an Ldgf. Dez. 13, Reg. H. p. 211, No. 95, Konz. Antwort des Kf. und
Ldgf. an Schlieben Dez. 14, N. B. IV, 494 ff.
Digitized by Google
Bund u. Bdch: Die Jahre der Sorge u. der UDtemehmnngslagt 1536 — 41. 179
König schicke und die Antwort so fördere, daß sie zum Bundestage
einträfe, damit man sich in keiner Weise die Hände binde*).
Am 14. Dezember sandte Johann Friedrich die Artikel an
Joachim, dieser ließ sie dann tatsächlich am 26. Dezember in seinem
eigenen Namen nach Wien weitergehen und bat um ihre Annahme.
Es ist begreiflich, daß man am königlichen Hofe nicht sehr mit
ihnen einverstanden war, der päpstliche Nuntius .■Ueander erklärte
sie für „unverschämt“ ’)• Im übrigen aber kam die Friedensange-
legenheit in dieser Zeit gut vorwärts. Der Kaiser war auf die
Intentionen Ferdinands eingegangen, hatte Lund und Held Voll-
macht für die Verhandlungen erteilt, außerdem die Kurfürsten von
Brandenburg und von der Pfalz um ihre Vermittlung gebeten.
Die Instruktion, die er Lund erteilte “), zeigt uns allerdings, daß er
zwar den Frieden wünschte, aber offenbar sehr wenig zugestehen
wollte, vor allem nichts ohne Zustimmung der Vertreter des Papstes.
.4uch die Mitglieder des katholischen Bundes wollte er zuziehen*).
Zunächst aber wirkte schon die Nachricht günstig, daß Lund
überhaupt mit der Vollmacht eingetroffen war, da dadurch die Sicher-
heit gewonnen wurde, daß es zu Friedensverhandlungen kommen
würde. Ferdinand sandte am 10. Januar Lienhard Strauß mit
dieser Nachricht an den Brandenburger und bat ihn gleichzeitig
um Festsetzung der Malstatt für die Verhandlungen. Der König
schlug selbst Nürnberg dafür ^or, Joachim bestand aber auf Frank-
furt. Den Protestanten schrieb er auf Grund der mündlichen
.\eußemngen Straußens einen ziemlich zufriedenen Brief, konnte
man doch jetzt als sicher annehmen, daß Lund am 20. Februar in
Frankfurt eintreffen werde. Seine eigene .\nkunft kündigte der
Brandenburger auch für diesen Tag an*). .4uf die Stimmung des
1) Alles das führt Kf. in einer Notel an den Ldgf., die etwa rom 13. Dez.
ist, aus, Beg. H. p. 234, No. 103, Bl. 184 — 194.
2) Joachim an Ferd. Dez. 26, N. B. IV, 499 — .504. VergL III, S. 381. 384 f.
Rosenberg, 8. 72.
3) Ueber Held vergL N. B. III, 326 f. 331. 352.
4) Karl V. an Ferd. Okt. 28, N. B. IV, 453 f. ; Nov. 22, ebenda S. 454, 3;
Nov. 30, ebenda 457 f. Instruktion für Lund vom 30. Nov., Lanz, Staatspapiere,
8. 277—281. Ribier, I, 8. 267ff. Baumgarten , lU, 8. 350f.
5) Ferdinand an Joachim Jan. 10, Strauß’ Werbung etc., Rosen berg,
8. 71 ff. Ferd. an Joachim Jan. 18, N. B. IV, 504 ff. Joachim an Ferd. Jan. 23,
an die Protestanten Jan. 23, Rosenberg, 8. 72f., Reg. H. p. 234, No. 103,
Bl. 214.
12*
Digitized by Google
180
Kapitel II.
Kurfürsten von Sachsen scheint der unmittelbar bevorstehende Be-
ginn der Verhandlungen nicht ganz ohne Einfluß geblieben zu sein ‘).
Der Landgiaf blieb doch auch in diesen Tagen noch außerordent-
lich besorgt. Zwar schlug auch der Kurfürst in dem gemeinsamen
Brief an den Brandenburger vom 28. Januar einen sehr energischen
Ton an*), aber für Rüstungen und vorbereitende Schritte zum
Kriege wai’ er doch in dieser Zeit weniger zu haben, als der
Landgraf*).
Vermutlich werden sich die beiden Fürsten, als sie etwa am
30. Januar in Weimar zusammentrafen, über die Lage und über
die weiter zu befolgende Politik unterhalten und geeinigt haben,
doch ist uns nicht viel über diese Zusammenkunft bekannt *). Der
Landgraf sprach mit Melanchthon über das Religionsgespräch, das
vor kurzem in Leipzig stattgefanden hatte *). Außerdem hat der Kur-
fürst dem hessischen Vetter damals ein Bedenken seiner Theologen
über die Gegenwehr überreicht*). Einig wird man gewiß schließ-
lich darin gewesen sein, daß über alles Weitere nur der Verlauf
des Frankfurter Tages und der Friedensverhandlungen entscheiden
könne. Von der außerordentlichen Wichtigkeit dieser Versamm-
lung blieb der Kurfürst nach wie vor überzeugt. Er entschloß sich
daher, sie selbst zu besuchen, obgleich wenig Aussicht war,
daß die anderen Bundesfürsten außer dem Landgrafen persön-
lich kommen würden*).
1) In Brief an Dölzig vom 28. Jan. spricht er wenigstens die Hoffnung auf
günstigen Ausgang der Friedensvcrhandlungen aus, Keg. C. No. 855, Bl. 69/70,
Konz.
2) Reg. H. p. 234, No. 103, Bl. 232—236, Konz., mit Korrekturen des Kf.
Unter anderem wird hier gesagt, daß es ihnen, wenn die Rüstungen der Gegner
nicht aufhörten, schwer fallen würde, in solcher Gefahr zu Frankfurt ,der
Handlung auszuwarten“.
3) Ldgf. an Kf. Febr. 3 und 5, Reg. H. p. 272, No. 115, Or. Kf. an Ldgf.
Febr. 7, ebenda, Konz.
4) Der Ldgf. kündigte am 28. seine Ankunft in Weimar für den 30. an.
Reg. H. p. 234, No. 103, BL 228/29, Or. Daß er da war, zeigt C. R, HI, 637.
5) C. R. ebenda.
6) Ein Exemplar des Bedenkens bei de Wette-Seidemann, VI, S.223L,
in Marburg P. A. Sachsen, Ernest Linie, 1539 trägt die Bemerkung ,ps. io Weimar
ultima Januarii 39“. Als Entstchungszeit der beiden Gutachten bei de Wette
möchte ich eher das Jahr 1537 betrachten. Damals waren die Unterzeichneten
Theologen in Schmalkalden zusammen.
7J Kf. an Ldgf. Jan. 15, Reg. H. p. 236, No. 104, II, Bl. 39 '40, Konz,
von der Hand Burchards.
Digitized by Google
Bund n. Reich : Die Jahre der Sorge u. der UntemehmuDgelost 1536 — 41. 181
Die Gefahr der Lage und speziell die Mindensche Angelegen-
heit sollten neben der Friedensfrage den Beratungsgegenstand
des Tages bilden. Man hatte sich so eingerichtet, daß die Ver-
bündeten schon acht Tage vor dem Beginn der Friedensverhand-
lungen versammelt waren, um sich zunächst einmal selbst über
die Lage und die einzuschlagende Politik klar zu werden. Sachsen
und Hessen haben in der Proposition, die sie den Ständen am
14. Februar vorlegten, aus ihren Besorgnissen kein Hehl ge-
macht und vorgeschlagen, daß man schon jetzt darüber berate,
was man tun wolle, wenn die Friedensverhandlungen nicht zum
Ziele führten*). Ein .Ausschuß von elf Personen wurde zu diesem
Zwecke gewählt Auch der Kurfürst und der Landgraf gehörten
ihm persönlich an*). Von seinen Verhandlungen geben einige
uns erhaltene Protokolle ein lebensvolles Bild*). Sie zeigen uns,
daß Sachsen und Hessen darin einig waren, daß man, wenn
der Friede nicht zustande käme, „dem Widerteil den Vorstreich
abgewinnen“ müsse, daß sie aber bei allen übrigen Ständen
keinen Anklang damit fanden. Die Gründe, die diese, z. B. Straß-
burg und Augsburg, dagegen vorbrachten, waren nicht ohne Hand
und Fuß, andererseits aber auch solche Reden, wie sie etwa der
Kurfürst am 17. Februar hielt, wohldurchdacht. Auch sie wai' ja
im Grunde friedlich gemeint, eben auf die Erlangung eines be-
ständigen Friedens kam es ihm an, und er empfahl zu diesem
Zweck Verhandlungen über ein Bündnis mit England, Jülich,
Frankreich, den Schweizern, dann solche mit den „Neutralen“ Kur-
trier, Kurköln, Stadt Köln und Worms über einen Frieden und Ein-
stellung der Rüstungen. Es waren Gedanken, die durchaus der
vom Kurfürsten im letzten Jahre befolgten Politik entsprachen. Er
legte danu weiter dar, daß man, da die Verhandlungen mit jenen
Ständen vielleicht nicht so schnell beendet werden könnten, einst-
weilen seine eigenen Rüstungen fortsetzen müsse, nicht zum Angriff,
sondern um einige Monate zu warten. Man dürfe dabei 20000 fl.
nicht ansehen. Dadurch werde man dann entweder einen Frieden
oder einen Anstand erlangen. Wenn nicht, so wisse man doch,
woran man sei, und man dürfe sich dann auch vor dem „Vorstieich“
1) Konz, in P. A. No. 509, Kopie in Reg. H. p. 235, No. 114, II, BL 44—57.
2) P. C. II, No. 569.
3) Das CUmmers bei Meinardus, FDG. XXII, S. 636 ff., eins des hessi-
schen Kanzlers Feige in P. A. No. 508.
Digitized by Google
182
Kapitel II.
nicht scheuen, da nach dem Gutachten der Gelehrten auch dieser
defensiv aufgefaßt werden könne, also dem Bundesvertrag nicht wider-
spreche. Zur weiteren Bekräftigung seiner Ansicht wies Johann
Friedrich noch darauf hin, daß durch die Acht gegen Minden sie alle
als Komplicen auch rechtlos und vogelfrei würden. Den Einwurf, daß
die Türken von einem Kriege in Deutschland den Vorteil haben
würden, wies er damit zurück, daß es ebenso schlimm sei von den
Gegnern im Reich überzogen zu werden, wie von den Türken.
Natürlich müsse man aber, wenn man etwas vomähme, eine Er-
klärung erlassen, wie man dazu käme.
In den Beschlüssen, die der Ausschuß schließlich faßte, sind
von den Vorschlägen des Kurfürsten doch verschiedene berück-
sichtigt worden, so wenn man für die Kosten der bisherigen und
der noch bevorstehenden Gegenrüstungen eine außerordentliche An-
lage von 20000 fl. vorschlug. Dazu kam eine bis zum 1. Mai zu
zahlende kleine Anlage von 10430 fl. Man beschloß ferner, Kur-
köln, Kurtrier, England, Jülich und einzelne Städte zur Förderung
der Friedensverhandlungen aufzufordem, war auch Verhandlungen
Über ein Bündnis mit Jülich nicht abgeneigt. Am 18. Februar
tauchte im Ausschuß noch der Gedanke auf, Kommissarien nach
Oberdeutschland zu schicken zur Beobachtung der Maßregeln der
Gegner und mit Vollmacht, eventuell sofort ihrerseits 40 Haupt-
leute anzunehmen. Der Ausschuß erhob auch das zum Beschluß.
Dagegen gelang es nicht, schon jetzt eine Entschließung über einen
etwaigen „Vorsti-eich“ herbeizuführen. Man verschob das bis nach
Beendigung der Friedensverhandlungen. Inzwischen wollte man
alles nur mögliche tun, um einen beständigen, „satten“ Frieden zu
erlangen, oder wenn das nicht gelang, wenigstens einen Anstand
von einigen Jahren. Ein Zugeständnis an die Auffassung des Kur-
fürsten und Landgrafen wai’ es, wenn man die Schritte billigte, die
bisher geschehen waren, um zu verhüten, daß die Gegner den
Protestanten das Kriegsvolk zu Roß und Fuß entzögen, und auch
weitere derartige Maßregeln für ratsam erklärte*).
Das Plenum der Stände scheint sich diesen Beschlüssen des
Ausschusses im wesentlichen angeschlossen zu haben, wenigstens
kamen einige von ihnen, wie die Entsendung der Kommissare, in
1) P. C. II, No. 571, S. 548 f., ergänzt durch Keg. H. p. 221, No. 99, und
P. A. No. 508.
Digilized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der UDtemehmangglast 1536 — 11. 133
der nächsten Zeit schon zur Ausführung*), auch die militärischen
Vorkehrungen nahmen ihren Fortgang’). Die eigentliche Ent-
scheidung für die Zukunft aber lag nun bei den Frieden sverhand-
lungen. Man wird ihnen, wenn man die Weisungen kennt, die
Ferdinand seinen Kommissarien Melchior von Lamberg und
Dr. Frankfurter mitgab *), kein günstiges Prognostiken stellen,
und es verdient Anerkennung, daß die vermittelnden Kurfürsten
trotzdem den Mut nicht verloren, sondern sich mit nie ermüden-
dem Eifer an die Sisj’phusarbeit machten, zwischen den sich so
schroff gegenüberstehenden Wünschen der Protestanten und der
Habsburger eine mittlere Linie zu finden. Zugute kam ihnen
dabei, daß auch der kaiserliche Kommissar, der Erzbischof von
Lund*), ein sehr konzilianter Mann war und so weit entgegen-
kam, als seine Instruktionen es ihm irgend erlaubten, ja fast
weiter, als sie ihm erlaubten. So zog er es z. B. vor,
Ferdinands Instruktion den Protestanten gar nicht mitzuteilen.
Trotz alledem wäre aber ein Abschluß nicht möglich gewesen,
wenn nicht auch diese ein außerordentlich großes Entgegen-
kommen gezeigt hätten. Das war nicht etwa nur die Schuld der-
jenigen Bundesstände, die schon bisher eine fast zu große Scheu
vor einem Kriege gehabt hatten, auch der Landgraf zeigte sich,
wohl unter dem Einfluß seiner Krankheit, weicher, als es sonst
seine Gewohnheit war, so daß zuweilen Johann Friedrich als der
hartnäckigste und daher auch am wenigsten friedliebende er-
scheint ®).
1) Instruktion für Gotzmann und Al. v. d. Thann vom 21. Februar, aller-
dings mit der Beschränkung, dai} sie keine selbständigen Werbungen vornehmen
sollten (Meinardus, FDO. XXII, B. 654, P. C. II, S. 548 Anm.). Auch nach
Niederdeutschland wurden am 22. März Kommissare entsandt, darunter Bernhard
V. Mila. P. C. II, B. 576 Anm. 1. Reg. H. p. 256, Na 109, vol. I. Vergl. auch
Franz Fischer, S. 34.
2) Das zeigt z. B. die Korrespondenz des Kurfürsten mit seinen heimge-
lassenen Räten. Es kam bis zu einer Aufbietung der 9 Landkreise auf Grund
der Instruktion von 1537. Vergl. Kapitel VI.
3) Baumgarten, III, B. 356.
4) Von einer Teilnahme der Vertreter des Papstes ist überhaupt nicht mehr
die Rede, auch der Nürnberger Bund wird nicht mehr genannt. Baumgarten,
ni, S. 355.
5) Vergl. die Aeußerung Calvins (Herminjard, V, S. 267), wonach damals
der Kurfürst kri^erischer gestimmt war, als der Landgraf, der den Bundes-
genossen vom Kriege abriet. Rommel, I, S. 435, und II, 8. 405 ff. würde
Digitized by Google
184
Kapitel II.
Es ist unmöglich, daß wir die äußerst verwickelten Verhand-
lungen, die sich vom 25. Februar bis zum 19. April hinzogen, hier
in alle Einzelheiten verfolgen, nur einige Hauptphasen und -Wand-
lungen können wir hervorheben.
Die Verhandlungen begannen am 25. Februar mit einem Vor-
trag des pfälzischen Rates Affenstein, der im Namen der Ver-
mittler erklärte, daß man sich mit Verhandlungen über einen
Frieden oder Anstand begnügen müsse, da man sich der Aufgabe
einer Religionsvergleichung nicht gewachsen fühle. Er fordeite
dann die Protestanten auf, die Mängel des Nürnberger Friedens
zusammenzustellen und Besserungsvorschläge zu machen*). Das
geschah in einem Gutachten der Protestanten vom 1. März, das
sich an die Eisenacher Beschlüsse eng anschloß, die Beschwerden
der Protestanten über die Uebergriffe des Kammergerichts zu-
sammenstellte, ihre Auffassung des Begriffs der Religionssachen
darlegte, einen beständigen Frieden für alle reichsunmittelbaren
Anhänger der Augsburgischen Konfession verlangte, überhaupt für
beide Parteien volle Gleichberechtigung und gegenseitige Duldung
proklamierte. Für den Fall des Friedens wurde Gehorsam gegen
den Kaiser versprochen, eine Religionsvergleichung wurde für die
Zukunft in Aussicht genommen“).
Man kann sich fast wundem, daß diese weitgehenden Vor-
schläge von den Vermittlern den Kommissaren überhaupt vorge-
legt wurden. Diese wiesen sie jedenfalls entschieden zurück, er-
klärten, daß sie sie überhaupt nicht an ihren Gebieter gelangen
lassen könnten. In ihren Gegenvorschlägen vom 5. März war von
einem dauernden Frieden für jetzt überhaupt abgesehen, da er
nicht ohne Religionsvergleichung möglich sei. Um sie zu erreichen,
sollte in 3 — 4 Monaten ein Religionsgespräch stattfinden. Für jetzt
dazu passen, auch manche Notiz in P. A. 506 und 516. Philipp wollte z. B. in
der Frage der geistlichen Oiiter weiter entgegenkommen als Johann Friedrich.
Andererseits liegen allerdings auch manche recht kriegerische Aeufierungen von
ihm vor, sie entstammen aber meist dem April, d. h. den Tagen, wo die Ver-
handlungen zu scheitern drohten. Vergl. z. B. Ldgf. an seine Räte in Frankfurt
April 15, P. A. No. 515, Konz. Interessant ist auch Bucers Brief an Blaurcr
vom 30. April. (Lenz, I, B. 77 f. Anm. 8.) Er erklärt sich die schließliche
Nachgiebigkeit des Kurfürsten durch Einflufi BrQcks.
1) P. C. II, 8. 560 f. Keg. H. p. 235, No. 104, II, 75 f.
2) P. C. II, 8. 560 Anm. 2. E^. H. ebenda Bl. 85 — 102 und 105—116.
(Verzeichnis der Beschwerden gegen das Kammergericht)
Digilized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der üntemchmungBluBt 1536 — 41. 105
sollte nur ein Anstand für ein Jahr geschlossen werden. Nach •
dessen Ablauf sollte der Nürnberger Frieden wieder in Kraft treten,
falls nicht das Keligionsgespräch zu einer Einigung führe. Wenn
sich das alles noch einigermaßen hören ließ, so trat dagegen die
ganze Unnachgiebigkeit der Habsburger in der Erklärung hervor,
daß die Prozesse, über die jetzt Beschwerde geführt würde, suspen-
diert sein sollten, wenn die Protestanten künftig keine Neuerungen
in der Eeligion vornähmen, den Geistlichen ihre Güter und Ein-
kommen nicht entzögen und sich der Stände, die nach dem Nürn-
berger Frieden auf ihre Seite getreten wären, nicht annähmen *).
Gegenüber den Bemühungen der Vermittler, eine Milderung
dieser Vorschläge zu erlangen, haben die Kommissare wohl eine
Verlängerung des Anstandes durch den Kaiser für möglich erklärt,
auf eine Ausdehnung des Friedens auf die neu Uebergetretenen
oder auf irgendwelche Nachgiebigkeit in der Frage der geistlichen
Güter ließen sie sich nicht ein*), so daß die Vermittler, die wohl
wußten, daß eine Verhandlung mit den Protestanten über Jene Vor-
schläge zwecklos sei, diesen am 12. März erklärten, daß sie die
Hoffiiung auf einen Frieden aufgäben und nur über einen Anstand
weiter verhandeln wollten*). Für diesen machten sie den Pro-
testanten ihrerseits einen Vorschlag, in dem sie deren Artikel be-
nutzten, aber auch den Wünschen der kaiserlichen Vertreter sich
möglichst näherten. Sie schlugen darin einen Anstand auf 3—5
Jahre vor, und zwar für alle augsburgischen Konfessionsverwandten,
doch dürfe inzwischen keine weitere Neuerung in der Religion
vorgenommen werden. Ferner planten sie ein Religionsgespräch.
Schon jetzt sollte eine eilende Türkenhilfe beschlossen werden,
über eine beharrliche sollte ein Reichstag beraten. Die jetzt ein-
gezogenen geistlichen Güter sollten den Protestanten während des
Anstands bleiben, sie sollten aber keine weiteren Geistlichen ent-
setzen. Das Kammergericht sollte vorläufig bestehen bleiben. Das
Wegzugsrecht andersgläubiger Untertanen war vorgesehen, ferner
Einstellung der Rüstungen. Nicht im Frieden begriffen sollten
Sakramentierer und Wiedertäufer, ferner Dänemark, Preußen, Riga
1) P. C. II, 566 Anm. 2. Reg. H. a. a. O. Bl. 118—127.
2) Gegen vofBchläge der Vermittler vom 7. März ebenda Bl. 128 — 130. Ant-
wort der Kommisaarien vom 9. Bl. 132 — 138. Vergl. P. C. II, S. 567. Die Daten
nach N. B. IV, S. 510.
3) P. C. II, 567.
Digitized by Google
186 Kapitel II.
und Reval sein, einige Einzelfragen wurden der Zukunft über-
lassen 1).
Man kann sich denken, daß die Mitteilungen der beiden Kur-
fürsten bei den Protestanten keine besonders freudige Stimmung
hervorriefen. Lange Beratungen fanden statt, doch wissen wir
kaum etwas über sie, dann antwortete man den Vermittlern münd-
lich durch einen Ausschuß am 18. März. Man versuchte zunächst
noch einmal einen beständigen Frieden zu erlangen, erst als jene
das für aussichtslos erklärten, ging man auf Verhandlungen über
einen Anstand ein und machte eine Menge Verbesserungsvorschläge
zu den Vorschlägen der Vermittler, forderte z. B., daß auch die
künftigen Anhänger der Augsburgischen Konfession mitaufgenommen
würden, daß der Satz, der Neuerungen in der Religion verbot, weg-
gelassen würde u. dgl. Die Vermittler erklärten manche dieser
Vorschläge für aussichtslos, andere versprachen sie zu berück-
sichtigen ’).
Es war nun die Aufgabe der beiden Kurfürsten, die Punkte,
auf die sie sich mit den Protestanten geeint hatten, den Kommissaren
vorzulegen. Doch erfuhr man schon sehr bald, daß diese sie schwer-
lich annehmen würden. Am 19. hatte nämlich Johann Friedrich
privatim eine fast vierstündige Unterredung mit dem Brandenburger
und Lund. Der kaiserliche Orator erklärte, daß er mehr als ein
Jahr und einige Monate Anstand nicht bewilligen könne. Ferner
werde der Kaiser nicht gestatten, daß solche, die während des
Anstandes überträten, in ihn aufgenommen würden, auch dürfte
künftig kein Geistlicher mehr in Zeremonien oder Gütern entsetzt
werden. Viel Wert legte er darauf, daß die zum Religionsgespräch
Verordneten volle Gewalt hätten, damit man zu einer Einigung
käme, die dann durch Kaiser und Papst bestätigt werden müsse ®).
Der Kurfürst machte von alledem dem Ausschuß am 20.
Mitteilung, und besonders am 21. haben eingehende Erörte-
rungen darüber stattgefunden, ob man sich auf einen solchen
Anstand einlassen könne, um die so gewonnene Zeit teils zur Re-
ligionsvergleichung, teils aber auch zu Rüstungen und zu Hilfs-
gesuchen an andere Potentaten zu verwenden, oder ob man den
Anstand abschlagen und es jetzt auf einen Krieg ankommen lassen
1) P. C. II, S. 568-570. ßeg. H. a. a. O. BL 145-151.
2) P. C. II, 8. 571 H. Reg. H. a. a. O. Bl. 153-167.
3) P. C. II, 575.
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der Unternehmungslust 1536 — 11. 107
wolle. Der Kurfürst und der Landgraf legten den Ständen diese
Frage vor, ohne sie selbst zu entscheiden, doch hatte der Straß-
burger Sturm den Eindruck, daß Philipp mehr für den ersten fried-
licheren Weg war, unter anderem auch wegen der in Sachsen gerade
herrschenden Teuerung. Dagegen war z. B. in Straßburg die
Stimmung entschieden gegen die Annahme des Anstandes
Zunächst mußte man nun aber eine Aeußerung von der
Gegenseite erwarten. Sie erging am 24. März und lief darauf
hinaus, daß die Kommissare die ihnen vorgelegten Vorschläge der
Vermittler zwar ablehnten, aber doch immerhin einige Zugeständ-
nisse machten, auf Grund deren jene neue Vorschläge machen
konnten.
Vor allem hatte sich Lund jetzt zu einem sehr wesentlichen
Zugeständnis entschlossen, indem er die Ausdehnung des Friedens
auf alle jetzt der Augsburger Konfession angehörigen Stände
gewährte*). Im übrigen erschienen auch die neuen Vorschläge
den Protestanten noch nicht als annehmbar, doch war z. B. die
Stimmung des Kurfürsten am 26. März nicht ganz hoffnungslos,
wenn er auch jederzeit aufs Schlimmste gefaßt war *). Genehmigt
wurden jedenfalls auch die neuen Vorschläge von den Protestanten
nicht, sie wollten Anstand und Frieden nicht auf die jetzigen Kon-
fessionsverwandten beschränken lassen, sie wollten sich nicht ver-
bieten lassen, neue Mitglieder in ihren Bund aufzunehmen, und
auch die Bestimmung, daß kein Geistlicher seiner Güter entsetzt
werden dürfe, wo er auch gesessen sei, behagte ihnen nicht <).
Außerordentlich viel ist in den nächsten Wochen noch über
diese Punkte hin und her verhandelt worden®), die Vermittler
waren unermüdlich in der Aufstellung neuer Vermittlungsvorschläge,
aber Lnnd hatte nicht die Möglichkeit, weiter nachzugeben.
Auf protestantischer Seite gab es wohl eine Partei, die zu etwas
größerem Entgegenkommen geneigt war, auch der Landgraf ge-
hörte ihr an, die Mtgorität unter Führung des Kurfürsten blieb
1) P. C. II, 576«.
2) Land eelbt hebt das in Brief an Herzog Georg vom 25. März, an
Heinrich von Braunschweig vom 29. März hervor. Reg. H. p. 836, No. VIII,
Kopien.
3) Kf. an Wo« v. Anhalt, B^. H. p. 256, No. 109, voL I, Konz.
4) P. C. U, 582, No. 594, Reg. H. p. 235, No. 104, II. Bl. 180—182.
5) VergL P. C. und Reg. H. a. a. O.
Digitized by Google
188
Kapitel U.
fest*). Erst am 6. April einigten sich dann die Vermittler mit
den Protestanten auf eine diesen annehmbare Fassung des Ver-
trages. Danach sollte das Verbot der Bundeserweiterung durch
die Versicherung versüßt werden, daß während des Anstandes nie-
mand der Religion halber beschwert werden sollte laut dem Nürn-
berger Friedeu und dem Schreiben aus Savigliano. Die Protestanten
fügten außerdem noch die Bestimmung hinzu, daß auch der
Gegenbund inzwischen nicht erweitert werden dürfe ®). Sie glaubten
unter diesen Bedingungen den Anstand annehmen zu können. Die
Gründe dafür setzt der Kurfürst in der Nebeninstruktiou für seine
nach England gehenden Gesandten vom 8. April auseinander. Man
hoffte, daß das Religionsgespräch dem Protestantismus zugute
kommen werde, man freute sich über die damit verbundene Be-
seitigung des Konzils, man glaubte wegen der vielen Protestanten
in den bedrohten Gebieten die Verweigerung der Türkenhilfe nicht
verantworten zu können, man war der Meinung, daß man sich
auf einen Krieg doch noch besser vorbereiten müsse und daß
auch wegen der Teuerung der Moment jetzt für einen solchen nicht
günstig sei. Endlich tiöstete man sich auch damit, daß der Ver-
trag ja den Abschluß eines Sonderbundes, etwa mit dem König
von England, nicht verbot®).
Alle diese Erwägungen wurden nun aber dadurch zu schänden,
daß der kaiserliche Orator die neuen Vorschläge nicht annahm;
auch durch weitere Verhandlungen vermochte man keine Form zu
finden, auf die man sich einigen konnte*). Der Kurfürst be-
trachtete die Verhandlungen als gescheitert®) und erklärte am 16.,
daß er am 17. abreisen werde®). Schließlich ließ er sich aber
doch noch halten, und im letzten Moment ist es dann den Ver-
mittlern noch gelungen, eine Einigung zu erzielen. Sie wurde
allerdings nur dadurch möglich, daß man die Hauptstreitpunkte
unentschieden ließ. Der Anstand vom 19. April sollte vom 1. Mai
an 15 Monate gelten. Während dieser Zeit sollte keiner von den
1) P. C. II, 592. Seckendorf, III, S. 202f. In diese Zeit maß das Gut-
achten der Theologen, C. R. III, 688ff., gehören.
2) P. C. II, 593.
3) Reg. H. p. 260, No. 111, I, Konz. Aktenst. No. 23.
4) P. C. II, 596«. No. 606.
5) An Borchard und Baumbach April 17, Reg. H. p. 260, No. 111, I, Konz.
6) P. C. II, S. 600.
Digitized by Google
Bund u. Beich: Die Jahre der Sorge n. der Unternehmungslust 1536 — 41. 189
jetzigen Anhängern der Augsburgischen Konfession angegriffen
werden. Der Nürnberger Friede und das Regensburger Mandat
sollten inzwischen in Kraft bleiben und auch nachher gegen die
jetzigen Konfessionsverwandten nicht aufgehoben werden, sondeni
bis zum Reichstag gelten. Während dieser Zeit wurden die Pro-
zesse, die Acht gegen Minden u. s. w. suspendiert. Die Pro-
testanten sollten inzwischen niemand in ihr Bündnis aufnehmen.
Der Kaiser wollte aus besonderer Gnade und um des Friedens
wiUen bewirken, daß inzwischen auch keine Erweiterung des Nürn-
berger Bundes stattfinde. Die Augsburger Konfessionsverwandten
sollten während des Anstandes keine Geistlichen ihrer Güter ent-
setzen. Es folgten Bestimmungen über das Religionsgespräch in
Nürnberg, die Abstellung der beiderseitigen Rüstungen, die Aus-
schließung der Wiedertäufer und anderer Sekten aus dem Frieden.
Die Protestanten erklärten sich endlich bereit, die auf den 18. Mai
angesetzte Versammlung zur Beratung über die Türkenhilfe zu
beschicken und ihren Teil an der dort beschlossenen Hilfe zu
leisten. In einem letzten Artikel wurde dann aber erklärt, daß
man sich über zwei Punkte nicht habe einigen können. Die Pro-
testanten hatten die Beschränkung des Friedens auf die jetzigen
Anhänger der Augsburger Konfession nicht angenommen, der
Orator hatte erklärt, daß er den Kaiser nicht verpflichten könne,
die Erweiterung des Gegenbundes zu verhindern. Man bestimmte
daher, daß der Anstand nur 6 Monate gelten solle, damit der
Kaiser sich wegen dieser Punkte entschließen könne. Bewilligte
er sie im Sinne der Protestanten, so sollte der Anstand 15 Monate
gelten, sonst sollte es nach Ablauf der 6 Monate beim Wort-
laut des Nürnberger Friedens bleiben *).
Die große Arbeit hatte also ein recht minimales Ergebnis ge-
habt. Als das Wesentlichste können wir vielleicht bezeichnen, daß
der Zusammenstoß der sich gerüstet gegenüberatehenden Gegner
noch einmal vermieden wurde. Die Abneigung gegen einen Krieg
war bei beiden Teilen schließlich das ausschlaggebende Moment.
Die Protestanten gewannen wenigstens für ein halbes Jahr Sicher-
heit vor Kammergerichtsprozessen u. dgl., und zwar nicht nur für
die im Nürnberger Frieden genannten, sondern für alle jetzigen
Anhänger ihrer Konfession. Die Zugeständnisse, die sie dafür
1) P. C. n, 8. 601 H.
Digitized by Google
190
Kapitel II.
machen mußten, waren bei der Kürze der Dauer des Anstandes,
wie der Kurfürst richtig ausführte, gering und zum Teil auch in
ihrem eigenen Interesse gelegen. Nur die eine Frage wird man
vielleicht erheben können, ob es nicht ratsamer gewesen wäre, die
augenblickliche Gunst der Lage zu benutzen und es auf einen Krieg
ankommen zu lassen. Doch wer will den Führern der Schmal-
kaldener einen Vorwurf daraus machen, wenn sie schließlich doch
einen leidlichen Anstand dem Bürgerkriege vorzogen? —
Als eine Ergänzung des Frankfurter Anstandes kann der Abschied
des Bundestages betrachtet werden, der am 23. April zum Abschluß
kam. Wir finden hier zunächst die Beschlüsse wieder, die der Aus-
schuß der Verbündeten am 18. Februar gefaßt hatte, nur wurde
z. B. die außerordentliche Umlage für Kundschaften und Werbungen
auf 420Ü0 fl. erhöht, da man infolge der langen Dauer des Bundes-
tages die nur bis Ostern bestellten Hauptleute noch Vj — 1 Monat
länger unterhalten mußte. Ferner wurde der Sendung der Kommissare
nach Oberdeutschland eine solche nach Niederdeutschland bei-
gegeben wegen der beständigen Knechtansammlungen dort. Auch
im Abschied wurde daun die Beschickung des Tages in Worms am
18. Mai angeordnet, ja man wollte auch nicht zum Bunde gehörige
Stände dazu auftbrdem. Einige Detailbestimmungen über die Art
der Türkenhilfe schlossen sich an. Man setzte des weiteren fest,
wer auf das Nürnberger Religionsgespräch geschickt werden solle.
Von sächsischer Seite waren es Melanchthon, Myconius, Spalatin
und Jonas. Die Auswahl der weltlichen Teilnehmer wurde den
einzelnen Ständen überlassen, doch sollten Brück und der Witten-
berger Jurist Benedikt Pauli jedenfalls dabei sein. Inzwischen
sollten die Gelehrten aller Stände die Frage der geistlichen Güter
beratschlagen, so daß die Ratschläge mit nach Nürnberg gebracht
werden könnten und man dort weiter darüber verhandeln könne.
Das dort Beschlossene sollte den Ständen geschickt werden, damit sie
sich darüber vernehmen ließen und man so zu einer Vergleichung
komme. Von den sonstigen Beschlüssen des Bundestages hebe ich noch
hervor den, daß die Gesandten künftig genügende Vollmachten
haben sollten, um auch in Fragen, die erst während einer Bundes-
versammlung auftauchten, Beschlüsse fassen zu können, daß der
braunschweigische Sekretär gegen Urfehde in die Hände der beiden
vermittelnden Fürsten gegeben werden sollte und daß man Bremen
helfen wollte, falls es von Herzog Heinrich auf Grund des Kon-
Digitized by Google
Bund u. Beich: Die Jahre der Sorge a. der üntemehmungsluet 1536—41. 191
servatoiiums angegriffen würde. Dagegen herrschte über die Frage,
ob man verpflichtet sei, der Stadt Braunschweig gegen den Herzog
zu helfen, noch keine volle Einigkeit, so daß man ihr riet, ihre
Sache zunächst vor den Eeichsständen in Worms vorzubringen *).
Vergeblich waren auch die Versuche der Bundesleitung, die Stände
zur Unterstützung Goslars gegen Herzog Heinrich zu bestimmen,
üeberhaupt hatten Sachsen und Hessen nach Abschluß des Anstands
allen Grund, mit den Ständen unzufrieden zu sein, die Gesandten
drängten nach Hause und ließen sich auch durch den Tod Herzog
Georgs und die dadurch wieder entstehende Unsicherheit der Lage
nicht halten*).
Den Friedens- und Bundesverhandlungen sind noch andere
Verhandlungen zur Seite gegangen. So liegt eine Aufzeichnung
vor über solche in der Wahlsache, zu denen sich Johann Friedrich
durch den Orator und die vermittelnden Kurfürsten mit einigem
Widerstreben bewegen ließ. Da er dabei nun aber sofort an den
Wiener Vertrag anknüpfte und nach den einzelnen Urkunden fragte,
die für dessen Erfüllung nötig gewesen wären, ist es begreiflich,
wenn nicht viel aus der Sache wurde. Der Kurfürst verknüpfte
jetzt mit seinen Forderungen auch solche zugunsten des Herzogs
von Jülich. Der Kaiser soUte diesen mit Geldern und Zutphen
belehnen oder, wenn er bessere Ansprüche auf diese Gebiete zu
haben glaube, die Sache vor unparteiischen Schiedsrichtern zu güt-
licher Erörterung oder rechtlichem Austrag kommen lassen, nicht
aber mit der Tat etwas gegen den Herzog unternehmen. Johann
Friedrich dachte wohl daran, auch eine Verlängerung des Anstands
um zwei Jahre seinen Forderungen einzureihen. Es scheint aber
nicht, als ob es überhaupt zu ernstlichen Verhandlungen über alle
diese Dinge gekommen sei*).
Etwas ergebnisreicher sind die Verhandlungen gewesen, die in
Frankfurt mit England geführt wurden. Wir sahen ja, daß das
Resultat der Gesandtschaft von 1538 kein absolut hoffnungsloses
gewesen war^). Die Stimmung in den Kreisen der deutschen Pro-
1) Or. des Abschieds in R^. H. p. 235, No. 104, vol. II.
2) Mancherlei Klagen der hessischen Gesandten, die nur bei Kursachsen
Unterstützung fanden, in P. Ä. No. 506 und 515.
3) Alles nach einer Aufzeichnung in Loc. 10673 „Schriften zwischen dem
Kurfürsten zu Sachsen und Herzog Franzen . . . 1536 — 40“, Konz.
4) VergL 8. 160.
Digitized by Google
192
Kapitel II.
testanten blieb daher im ganzen für England günstig*), und wenn
man auch etwa an dem Edikt des Königs vom 16. November An-
stoß nahm*), die Bereitwilligkeit, mit der Heinrich auf den wahr-
scheinlich von Kursachsen angeregten Gedanken einer Familien-
verbindung mit dem jülichschen Hause einging, enveckte doch die
besten Hoffnungen*). Weiter über diese Heiratsfi-agen zu ver-
handeln, war eine der Aufgaben, wegen deren Christoph Mont und
Thomas Paynell im Februar in Frankfurt erschienen. Mont hat
mit dem Kurfürsten persönlich darüber verhandelt, eine doppelte
Vermählung: die des Königs mit Anna von Kleve, die des jungen
Herzogs von Jülich mit Maria von England, wurde jetzt geplant.
Johann Friedrich war durchaus damit einverstanden und nahm
sich der Sache in der nächsten Zeit bei seinen Verwandten an*).
Mont hat weiterhin mit den Protestanten auch noch über die
religiöse Einigung gehandelt, um ihre Ansicht über die Sätze zu
erforschen, über die man sich 15.38 nicht geeinigt hatte. Vor irgend-
welcher Nachgiebigkeit gegen den Kaiser warnte er sie. Auch jetzt
hat er dann wieder um eine feierliche Gesandtschaft der Protestanten
unter Teilnahme Melanchthons gebeten *). Diese, d. h. der Kurfürst
und der Landgraf, haben darauf in ihrer Antwort vom 4. .\pril
ihre Standhaftigkeit im Glauben betont, die Gründe auseinander-
gesetzt, weshalb sie doch ihr möglichstes täten, den Frieden zu
erhalten, ihre Bedenken gegen manche der in England noch herrschen-
den religiösen Ansichten hervorgehoben, wobei sie besonders auf
die Artikel von der Messe, vom Cölibat und vom Abendmahl ein-
1) Der Kurfürst empfiehlt z. B. in seinem Gutachten vom 12. Jan. 1539
wegen der Gefahr der Lage Verhandlungen mit England, denn es werde die
Protestanten im FaU der Not nicht verlassen.
2) Wohl L. a. P. Xm, 2, No. &tö, S. 353 f. Vergl. C. R. III, C35, 617.
3) Burchard an Cromwell, Konz. o. D., Keg. H. p. 260, No. 111, vol. I.
Bericht Burchards über seine Reise nach England vom Anfang November 1.539,
ebenda vol. II, Below, I, S. 298.
41 Kredenz für Mont vom 20. Jan. R^. H. p. 156, No. 76, Or. Instruktion
vom 25. Jan., L. a. P. XIV, 1, 8. 40, No. 103. Merriman, I, S. 243 f. Eigen-
händige Aufzeichnung des Kf. über seine Unterredung mit Mont am 21. Februar
Reg. H. p. 2.35, No. 104, voL I. Instruktion des Kf. für Burchard an Jülich
April 6, Reg. H. p. 260, No. 111, Or.
5) P. C. II, 562, No. 580. Cromwell an die englischen Gesandten März 10,
L. a. P. XIV, 1, S. 191ff., No. 490, Merriman, II, 8. 186 — 190; März 22,
ebenda 8. 202—207. Cromwell an den Kg. März 18, ebenda, 8. 199—201.
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge n. der Untemehmoagslust 1536 — 41. 193
gingen, sie haben schließlich erklärt, daß sie auch jetzt die gelehrte
Gesandtschaft wegen der allgemeinen Lage noch nicht schicken
könnten *).
Dagegen wurden Burchard und Banmbach am 8. April nach
England entsandt, um Ober die Möglichkeit eines Bündnisses noch
einmal zu verhandeln. Unterwegs sollte Burchard am Jülicher
Hofe für die Heirat wirken. In England sollten die Gesandten
zu erfahren suchen, was für eine Unterstützung die Protestanten
vom Könige zu erwarten hätten, wenn sie angegriffen würden,
und was er für Gegenforderungen stelle, ja, sie durften sogar ein
Bündnis abschließen, wenn der König mit den Vorschlägen, die
man ihnen mitgab, einverstanden war. Diese, die ein Bündnis
zwischen den Königen von England und von Dänemark und dem
schmalkaldischen Bunde vorsahen, waren nun allerdings wieder
von dem alten Gedanken der Schmalkaldener behen-scht, daß in
ihrer Rüstung und ihrer Rettung vor Unterwerfung schon an
sich ein solcher Vorteil für den König gelegen wäre, daß er
dafür bedeutende Summen (etwa jährlich 15000 Kronen 8 Jahre
lang und außerdem noch 30000 Kronen für den Kriegsfall) auf-
bieten könne, ohne daß eigentliche Gegenleistungen der Protestanten
dazu nötig seien. Allenfalls wollte man aber Landsknechte und
Reiter auf Kosten des Königs für ihn werben und ihm zuschicken,
ja im äußersten Notfälle wollte man diese 8 — 10000 Knechte und
4—600 Reiter auf eigene Kosten bis an die See schicken*).
Eine weitere Aufgabe der Gesandten sollte sein, dem Könige
die Gründe auseinanderzusetzen, die ihre Herren zum Frieden be-
stimmten, und darzulegen, daß dadurch ein Neben Verständnis mit
ihm durchaus nicht ausgeschlossen würde*).
Die Gesandten trafen am 23. AprU in London ein, am 29.
hatten sie Audienz beim Könige und im Mai mehrere Konferenzen
mit Cromwell und anderen königlichen Räten. Man hat dabei haupt-
sächlich über den Frankfurter Anstand und die Frage der Gegenhilfe
gesprochen, und diese vor allem war wenigstens der nominelle
1) lAteinisch in R^. H. p. 260, No. 111, vol. I, engÜBch bei Strype, eccl.
mem. VI, 151 ff., App. CIII. Inhaltsangabe L. a. P. XIV, 1, No. 698, 8. 344.
2) Kredenz im Namen des Kf. and Ldgf. für Bnrchard and Ludwig von
Baumbach vom 8. Aprii in Reg. H. p. 260, No. 111, I, latein. Konz. Stücke
der Instruktion ebenda vol. II bei den Akten des November.
3) Nach der Beiinstruktion vom 8. April ebenda vol. I. AktensL No. 23.
Beiträge zur neueren Geschichte Thüringens I. 2. 13
Digitized by Google
194
Kapitel II.
Grund für den Abbruch der Verhandlungen. Der König erklärte,
daß das, was die Protestanten ihm im Bundesfalle leisten wollten,
nicht genüge und daß er, wenn sie keine weiteren Befehle hätten,
es „dabei bewenden lassen“ müsse. Ganz zuletzt kam es dann
auch noch zu einer heftigen Disputation des Königs mit den Ge-
sandten über die Priesterehe*).
Als Grund für das Scheitern der Verhandlungen bezeichnet
Heinrich selbst in seinem Brief an den Kurfürsten und lAndgrafen
vom 25. Mai, daß die Gesandten keine genügenden Vollmachten
gehabt hätten und daß vor allem keine Gleichheit der Bedingungen
bei den Vorschlägen der Protestanten bestanden hätte*). Ganz
wird man das nicht abweisen können, größer mag allerdings die
Wirksamkeit der bevorstehenden Wendung in der Politik des
Königs, auf die Merriman®) hinweist, gewesen sein. Wohl hat
Heinrich im Sommer über Dänemark noch einmal Bundesanträge an
die Protestanten gelangen lassen*), wohl gingen die Verhandlungen
über die Vermählung mit Anna von Kleve weiter und kamen zum Ab-
schluß *), die eigentliche Grundstimmung des Königs kam doch in den
sechs Artikeln zum Ausdruck. Eine religiöse Vereinigung mit den
Protestanten war nun ausgeschlossen, und damit war denn auch, be-
sonders für einen Mann wie Johann Friedrich, ein politisches Zu-
sammengehen mit dem launenhaften König außerordentlich er-
1) Cromwell an HdDrich VIII. April 24, L. a. P. XIV, 1, No. 844, S. 394.
Merriman, II, 219ff. Burchard und Baumbach an den Kf. Mai 16, Reg. H.
p. 260, No. 111, Tol. I, Kopie. Cromwell an Kf. und Ldgf. Mai 28, ebenda, Or.
(Bekreditiv). Gesamtbericht der Gesandten [nach Mai 31] in Reg. H. ebenda
voL II, Or., gedruckt mit Lücken bei Singer, 8. 91—97, besser bei Merriman,
I, S. 272 ff. Diese beiden sind überhaupt zu verglrichen.
2) Keg. H. ebenda, vol. I, Or., Seckendorf, III, S. 225.
3) S. 247.
4) Aarsberetn. IV, S. 141 — 154. Kf. an Ldgf. Juni 20, Reg. H. p. 278,
No. 117, Konz. Man war bereit, auf die Verhandlungen einzugehen, wenn man
auch große Schwierigkeiten bei den Verbündeten fürchtete. Kl war auch davon
überzeugt, daß man größere Gegenleistungen als bisher in Aussicht stellen müsse.
Ldgf. an Kl Juni 29, ebenda, Or. Steht schon etwas unter dem Eindruck der
Nachrichten aus England über bedenkliche Schritte des Königs auf dem Gebiete
der Religion.
5) Maria von Jülich an Kl Juni 24, Reg. H. p. 260, No. 111, voL I, Hdbl
Wilhelm von Jülich an Kl Juli 8, ebenda, Or. Kl an Wilhelm Juli 28, ebenda,
Konz. Instruktion für Dölzig und Burchard an Maria und Wilhelm Juli 3t>,
ebenda, Or. Wilhelm an Kf. Aitg. 2. 21, ebenda, Or.
Digitized by Google
Bund n. Reich: Die Jahre der Sorge u. der Unternehmungeluet 1536 — 41. 195
Schwert^). Es bildete sich nun allmählich jene Abneigung des
Kurfürsten gegen Heinrich VIII. heraus, die in den nächsten
Jahren eine so großartige Politik der Protestanten wie 1538 un-
möglich machte. Dabei war aber die Lage durchaus noch nicht
viel weniger besorgniserregend als damals. —
Mehr als je hatte sie im Sommer 1539 einen unbestimmten,
gewissermaßen abwartenden Charakter. Zunächst hatte man un-
mittelbar nach dem Schluß des Frankfurter Tages auf protestan-
tischer Seite Zweifel gehabt, ob die Truppen der Gegner nun auch
wirklich entlassen werden würden, und daher auch seinerseits mit
der Abrüstung gezögert*). Dann war für die Bundeshäupter eine
neue Beunruhigung entstanden durch die Gefährdung der Nachfolge
Herzog Heinrichs im Albertinischen Sachsen. Sie waren entschlossen,
es deswegen auf einen Krieg ankommen zu lassen, und waren mit
der Schwerfälligkeit ihrer Verbündeten in dieser Sache wenig ein-
verstanden “). Schließlich ging ja dann aber Heinrichs Erbhuldigung
ungehindert vor sich, und nun stand der Entlassung der Truppen
nichts mehr im Wege^).
Wirkliche Sicherheit entstand dadurch allerdings auch nicht.
Durch Ferdinands Verhalten gegenüber Herzog Heinrich und durch
weitere Uebergriffe des Kammergerichts*) wurde die geringe Meinung,
die Johann Friedrich schon sowieso vom Frankfurter Anstand hatte '),
1) Vergl. etwa Instruktion für Dölzig und Bnrchard vom 28. Ang., Reg. H.
a. a. O. voL I, Or. Vergl. Bouterwek, Zeitechr. d. beig. Geschichtsvereins
IV, 8. 358 f.
2) Ef. an Statthalter und Räte zu Weimar April 19, Reg. H. p. 242, No. 105,
Or., P. C. II, 600, 2. Eorreepondenzen mit den Kommissaren Milaetc. in Reg. H.
p. 256, No. 109, n; P. A. 512.
3) Kf. an Ldgf. April 24, Reg. H. p. 272, No. 115, Konz. Die sächs. und hess.
Ges. in Frankfurt an Kf. und Ldgf. April 23, ebenda, Or. in P. A. Sachsen,
Emestiner, 1539, Ldgf. an Kf. April 24. 25. 28, Reg. H. p. 275, No. 116, Or.
Vergl. Seckendorf, III, S. 218. Brandenburg, Heinrich, 8. 184. Kf. an
Ldgf. April 28, ebenda. Kf. und Ldgf. an Georgs Bäte, April 24. Branden-
bürg, 8. 184.
4) Kt an Ldgf. April 27, R^. H. p. 275, No. 116, Konz.; an MUa April 27,
Reg. H. p. 256, No. 109, voL H. Mila an Ldgf. Mai 8, P. C. II. 610, No. 615,
Beilage.
5) Kf. an Ldgt Mai 24, P. A. Sachsen, Emestin. Linie, 1539, Juni, an Eberh.
V. d. Thann und Hain Mai 25, Reg. H. p. 245, No. 107, Konz.
6) Vergl. etwa Kf. an Albrecht von Preußen April 29, Reg. H. p. 245,
No. 107, Konz. Tschackert, II, S. 382, No. 1184. Der Kt bedauerte be-
13*
Digitized by Google
196
Kapitel II.
noch vergrößert. Schon durch die Verschiebung des Wormser Tages
auf den 1. Juni fühlte der pedantische Kurfürst sich beunruhigt und
ließ sich nur schwer bestimmen, ihn nun überhaupt zu beschicken ‘).
Die Weisungen, mit denen die kursächsischen Gesandten dann hier
auftreten sollten, zeigen, daß er jedenfalls nur das dringend Not-
wendige bewilligen wollte und daß er auch den Gedanken, die Türken-
gefahr für den Frieden auszunutzen, noch nicht aufgegeben hatte.
So sollte die Türkenhilfe vor allem nur für 3 Monate oder den
laufenden Sommer bewilligt werden, da man ja des Friedens nicht
länger sicher sei und auch der 15-monatige Anstand schon im nächsten
Sommer ablaufen würde. Dabei wurde ausdrücklich darauf hinge-
wiesen, daß man versuchen müsse, auf diese Weise einen längeren
Frieden zu erlangen *). Doch war es schließlich, wie Ferdinand
selbst eingestand *), die Schuld der altgläubigen Stände des Reiches,
wenn es in Worms nicht zu einer wirklichen Türkenhilfe kam*).
Diese Partei war ja zu den Frankfurter Beratungen nicht zuge-
zogen worden, war mit deren Resultat sehr unzufrieden und be-
trachtete vor allem den Erzbischof von Lund als den Urheber der
nach ihrer Meinung zu großen Nachgiebigkeit gegen die Pro-
testanten ®). Ferdinand ließ den Orator durch seine Räte vertei-
digen*’) und hat wohl auch die ehrliche Absicht gehabt, das in
Fiankfurt Verabredete zur Ausführung zu bringen. So dachte er
sonders, daß man keinen beständigen Frieden habe und daß alles nun davon ab-
hänge, wie nach Ablauf der 15 Monate die Lage der Gegner sei. Antwort auf
die Werbung Creytzens, Juni 27, Reg. H. p. 267, No. 113. Hier wird besonders
betont, daß man den Anstand nur aus Friedensliebe annehme. Vergl. Secken-
dorf, III, 8. 230.
1) Kf. an Joachim II. Mai 12, Reg. H. p. 245, No. 107, Konz.; an Ldgf.
Mai 8, ebenda, Konz. Ldgf. an Kf. Mai 8, Or. Kf. an Ldgf. Mai 14, Konz.
2) Instruktion des Kf. für Eberh. v. d. Thann und Jobst von Hain vom
5. Mai, Reg. H. p. 245, No. 107, Or.
3) Vergl. die Sendung Fembergers an den Landgrafen, Rommel, II,
8. 420«., P. C. II, 629, N. B. IV, 179 f. Dittrich, 8. 17.
4) Akten des Wormser Tages in Reg. H. p. 245, No. 107, unto' anderem
eine zusammenfassende Relation der Ges.
5) Sehr unzufrieden war Alcander. Vergl. seine Denkschrift N. B. TV,
519 — 533. Man kann aber nicht sagen, daß Lund seine Instruktion überschritten
habe. Vergl. Lanz, Staatspapiere, 8. 277 ff. Achnlich wie Aleander war Held
gestimmt. Er fürchtete nicht nur für die Religion, sondern auch für die Reputation
des Kaisers. An Heinr. v. Braunschweig Juni 22, P. A. No. 832, 46, Kopie.
Vergl. auch Dittrich varie.
6) Nach Aussagen Fembergers.
Digitized by Google
Bund u. Eeich: Die Jahre der Sorge u. der Untemebnuuigsluet 1536 — 41. 197
tatsächlich daran, das Nürnberger Religiousgespräcb, wenn anch
an einem späteren Termin, abzuhalten ‘).
Wichtiger als sein Verhalten war aber das des Kaisers. Auch
dieser hat zeitweilig an die Abhaltung des Nürnberger Tages ge-
dacht*), aber eine wirkliche Anerkennung des Frankfurter Ver-
trages, eine Ermöglichung etwa seiner 15-monatigen Dauer lag ihm
fern. Da er aber auch nicht wünschen konnte, daß im nächsten
Jahre der Krieg ausbräche, es vielmehr sein Bestreben sein mußte,
Zeit zu gewinnen, beschloß er, sich den Gedanken des Religions-
gespi-äches zunutze zu machen und eine neue, dem geplanten
Nürnberger Tag ähnliche Versammlung anzusetzen*). Mit den ent-
sprechenden Aufträgen schickte er den Erzbischof von Lund am
14. Oktober 1539 von neuem nach Deutschland <).
Inzwischen waren die Protestanten ihrerseits schon in Be-
ratungen darüber eingetreten, wie sie sich weiter verhalten wollten,
nachdem der sechsmonatige Anstand abgelaufen wai'. Schon die
Verschiebung und das Nichtzustandekommen des Nür nberger Tages
hatte natürlich alle Ruhe, die etwa der Frankfurter Anstand ihnen
gebracht hatte, zerstört. Bei manchen von ihnen wie auch beim
Landgrafen war nun die Meinung, daß das Nürnberger Gespräch
aus propagandistischen Gründen und damit mau zeige, daß man
das Licht nicht scheue, zu wünschen sei, so lebhaft, daß sie Schritte
für ratsam hielten, um an seine Abhaltung zu erinnern. Der Kur-
fürst war aber dafür nicht zu haben, denn es schien ihm bedenk-
lich, auf den Tag so sehr zu drängen, wenn man nachher doch
nicht nachgäbe®).
Außer der Nichterfüllung der Bestimmungen des Frankfurter
Anstandes waren es die beständig weitergehenden Umtriebe der
katholischen Aktionspartei im Reiche, dann speziell Gefährdungen
1) Ferd. an Karl V. Mai 3, N. B. FV, 461—464, Juni 21, ebenda, S. 465 f.
2) Karl an Feld. Juli 12, ebenda S. 466 f. Auch an die vermittelnden Kur-
fürsten schrieb er.
3) N. B. IV, 539 Z. 16 ff.
4) Kredenzbrief des Kaisers an Kf. für Lund vom 14. Okt, Beg. H. p. 243,
No. 106, Or. Vergl. Seckendorf, III, 8. 205.
5) Ldgf. an Kf. Juni 16, Lenz, 1, S. 84 Anm. 1, Or. in Reg. H. p. 278,
No. 117. Kf. an Ldgf. Juni 29, Lenz, 1, S. 95 Anm. 2, Konz, ebenda, Or. in
P. A. 1539 Juli. Der Ldgf. schrieb dann auf Wunsch einiger oberdeutscher
Stände aber doch an den König, Juli 10, Lenz, I, S. 95 Anm., P. C. II, 629, 2;
an Kf. Juli 9, Lenz, ebenda. Reg. H. p. 278, No. 117, Or.
Digitized by Google
198
Kapitel II.
Württembergs*) und Bremens *), die die Protestanten beunruhigten.
Dem Kurfürsten gingen auch durch Herzog Albrecht von Preußen
mancherlei bedrohliche Mitteilungen zu®). Zeitweilig finden wir
ihn infolgedessen sehr besorgt *), dann wieder traten ruhigere Zeiten
ein®), und so setzte er denn auch dem Plane des Landgrafen,
gegen Heinrich von Brannschweig wegen seines Bruches des Land-
friedens, wenn möglich, sofort den Krieg zu beginnen, entschiedenen
Widerstand entgegen®). Einig aber war man darin, daß zur Be-
ratung über das nach Ablauf des Anstandes einzuschlagende Ver-
halten, über die Neubesetzung der Bundeshauptmannschaft und
manche andere Bundesangelegenheiten ein Bundestag nötig sei.
Man berief ihn auf den 19. November nach Arnstadt. —
Aus dem Ausschreiben vom 12. Oktober läßt sich außer der
Tagesordnung auch schon einiges über die Ansichten der Bundes-
hauptleute entnehmen. Sie hatten z. B. vor, nach Ablauf des An-
standes eine Gesandtschaft an die Kurfürsten und Fürsten des
Reichs vorzunehmen, um sich über deren weitere Haltung zu unter-
richten. Auch über die weitere Ausbreitung des göttlichen Wortes
wollte man handeln, da man ja nach Ablauf des Anstandes wieder
freiere Hand hätte, und über die Reformierung der katholischen
Geistlichen in protestantischem Gebiet und die Verwendung der
Klostergüter *). Nachträglich wurde noch ein Zettel über eine
Schickung nach Fiankreich wegen der dortigen Protestantenver-
folgungen, nach England wegen eines Bündnisses zugefügt®).
1) Ldgf. an Kf. Juni 19, Reg. H. p. 282, No. 118, Or.
2) Ldgf. an Kf. Sept. 22, ebenda, Or.
3) Ldgf. an die Dreizehn von StraQburg Juli 9, P. C. II, 618, Na 625. LMe
Beilage stammt offenbar von Albrecht von PreuBen.
4) VergL etwa Brief an Ldgf. vom 21. Juni, Reg. H. p. 225, Na 102, II,
Konz. Aktenst No. 24. Philipp war damals sehr friedlich gestimmt VergL
Neudecker, (Jrk., 8. 361—363.
5) Z. B. im August Korrespondenz mit dem Ldgf., Reg. H. p. 282, No. 118.
Die Stimmung Johann Friedrichs in dieser Zeit ist gut aus dem Brief an den
König von Polen vom 1. Sept. zu entnehmen, C. R. III, 766 — 770.
6) Ldgf. an Kf. Nov. 1, Reg. H. p. 285, No. 119, Or. Kf. an Ldgf. Nov. 12,
Konz, ebenda. Am 6. Nov. entwarf Philipp schon einen vollständigen Kriegsplan.
Lenz, I, 8. 407. Vergl. weiterhin Lenz, I, 8. 407 f.
7) P. C. U, 631, No. 641. Konz, vom 16. Okt, Reg. H. p. 248, No. 108
vol. II.
8; P. C. II, 632, No. 642.
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der Unternehmungslust 1536 — 11. 199
Auch diesmal hielten es die Bundeshanptleute für ratsam, sich
vorher über die zur Beratung stehenden Punkte zu einigen. Eine Zu-
sammenkunft sächsischer und hessischer Räte in Berka a. d. Werra am
3. November zur Beilegung nachbarlicher Streitigkeiten wurde dazu
benutzt. In der Instruktion, die der Kurfürst seinen Räten mit-
gab, bringt er die schon früher geäußerte und vom Landgrafen
geteilte ’■) Abneigung gegen die Weiterführung der Hauptmannschaft
lebhaft zum Ausdruck. Die Unkosten, die sie ihm machte, die
Nichteinhaltung gefaßter Beschlüsse durch die Stände, die finanzielle
Mangelhaftigkeit des Bundes und die niemals genügende Bevoll-
mächtigung der Gesandten auf den Bundestagen sind die Gründe,
die er dafür anführt. Der Kurfürst war sich aber klar darüber,
daß auch die Veränderung der Hauptmannschaft in jetziger Zeit
große Bedenken habe und die Stände daher um ihre Weiterführung
bitten würden, und er war bereit, sie noch auf ein Jahr zu über-
nehmen, wenn Hessen es auch täte und jene Beschwerden abge-
stellt würden. Außerdem verlangte er, daß den Hauptleuten durch
Einsetzung von Unterhauptleuten die Last der Geschäfte erleichtert
werde. Den Vorschlag der Ernennung von Unterhauptleuten hat
dann auch Hessen sich zu eigen gemacht, Bernhard von Mila und
Siegmund von Boyneburg erschienen am geeignetsten dazu.
Der zweite Punkt, auf den der Kurfürst in der Instruktion
einging, betraf das weitere Verhalten der Verbündeten nach dem
Ablauf des .■Anstandes. Johann Friedrich betonte dabei besonders
die Gefahr, daß Minden nun geächtet werde. Er folgerte daraus,
daß man in Arnstadt notwendig bestimmte Beschlüsse darüber
fassen müsse, wie man sich weiter verhalten woUe, gab aber selbst
nicht an, was seine Meinung darüber sei, äußerte sich auch nicht
über die von Hessen vorgeschlagene Schickung an die anderen Reichs-
stände, die Gesandten sollten nur die Ansichten Hessens darüber
entgegennehmen.
Tatsächlich ist es dann aber in Berka gar nicht zu einer Ver-
handlung über diese zukünftige Haltung der Protestanten ge-
kommen , da die Hessen keine Befehle darüber hatten. Sie
äußerten nur den Wunsch, daß man diese Frage in Amstadt
nicht gleich zuerst vorbringe, sondern erst die Gemüter erkunde.
Die hessischen Gesandten knüpften daran allerhand Bemerkungen
1) P. C. II, 8. 619 f.
Digitized by Google
200
Kapitel II.
Über die durch Fernbergera Mitteilungen bewiesene friedliche Ge-
sinnung König Ferdinands und die ebenfalls friedlichen Absichten
Bayerns. Eben deswegen empfahl Hessen dann erneut die Schickung
an die anderen Reichsstände. Knrsachsen meinte, daß die Sache
doch noch der Ueberlegung bedürfe, und empfahl, mit Bayern an-
zufangen, falls die Sendung erfolge.
Einig waren Sachsen und Hessen darin, daß man die Ritt-
meister und Hauptleute „an der Hand“ behalten, auch neue annehmen
müsse, ferner darin, daß man Bremen unterstützen müsse.
Weniger überzeugt war der Kurfürst von der Notwendigkeit
der Unterstützung Goslars, doch war er bereit, sich in dieser
Frage und überhaupt in bezug auf das Verhältnis zu Heinrich von
Braunschweig dem anzuschließen, was die anderen Stände beschlössen.
Das Ausschreiben sah auch Beratungen über die katho-
lischen Geistlichen in protestantischem Gebiet und über die Ver-
wendung der Kirchengüter vor. Johann Friedlich wäre jene am
liebsten ganz los geworden. Zu einem Beschluß darüber kam es
aber in Berka nicht. Ueber die Frage der geistlichen Güter hat
man sich eingehend unterhalten. Beide Fürsten waren darin einig,
daß die Frage einer Entscheidung bedürfe, auch darin, daß die
Güter im wesentlichen kirchlichen Zwecken dienen müßten, daß ein
etwaiger Rest aber auch zu gemeinem Nutzen der Lande und Leute
verwendet werden dürfe. Hessischerseits empfahl man, eine be-
sondere Behörde einzusetzen, die die Güter ihren Zwecken zuführe
und ihre Zerreißung verhüte. Ein Beschluß ist oflFenbar auch in
dieser Frage nicht gefaßt worden, und auch verschiedene andere
Angelegenheiten, wie die Schickung nach England, die Aufnahme
Mühlhausens in den Nürnberger Bund, die Heinrichs von Sachsen
in den schmalkaldischen, wurden einfach nach Arnstadt verwiesen *).
Zu sehr vielen positiven Beschlüssen war es also in Berka
nicht gekommen ; auch deswegen konnte die dortige Beratung keinen
großen Einfluß auf die Arnstädter Verhandlungen ausüben, weil die
Situation sich bis zum Zusammentritt des Tages nicht unwesentlich
veränderte. Einerseits sandte gerade am 3. November der Land-
gi’af dem Kurfürsten höchst alarmierende Nachrichten zu über die
Tätigkeit Heids am Kammergericht und den vielleicht noch in
1) Die Inetruktion und das Verzeichnis dessen, was zu Berka gehandelt
wurde, in Reg. H. p. 285, No. 119. Ein Protokoll Feiges in P. A. No. 521,
Bl. 45 ff.
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der Untemehmungsluet 1536 — 41. 201
diesem Winter zu erwartenden Ausbruch des Krieges'), anderer-
seits aber erfolgte am 7. November bei ihm die Werbung des
trierischen Kanzlers, durch den man von einem Vermittlungs-
und Friedensplan der nicht zum Nürnberger Bund gehörigen katho-
lischen Stände erfuhr*). Besonders durch diese letzte Angelegen-
heit erhielt das Amstädter Programm eine wichtige Erweiterung.
Man hat allerdings nicht den Eindruck, als ob die Sache gerade
auf den Kurfürsten besonders stark gewirkt hätte. Er empfahl in
der Instruktion für die Räte, die er nach Arnstadt schickte, nur,
daß man den Ständen von der trierischen Handlung Mitteilung
mache und ihre Meinung darüber höre. Würden die Verhand-
lungen fortgeführt, so müsse es jedenfalls vor Fastnacht geschehen,
damit man nicht etwa nur dadurch hingehalten werde. Außerdem
verlangte der Kurfürst, daß Mainz von der Verhandlung ausge-
schlossen werde’).
Johann Friedrich hat dann während des Arastädter Tages
selbst von Jülich neue, den trierischen ähnliche Nachrichten er-
halten, auch jetzt aber keinen großen Eifer in der Sache ge-
zeigt*). Er ,.grübelte zuviel über den Artikeln“’), wie Bucer es
ausdrückte, wünschte tatsächlich allerhand Veränderungen daran®).
Schließlich wurde aber in Arnstadt doch beschlossen, auf die ge-
gebene Anregung einzugehen. Sachsen und Hessen sollten die
weiteren Verhandlungen führen und dabei Näheres über die geplante
Religions Vergleichung und die V^ereinigung zu erfahren suchen.
Sie sollten dann mit den betreffenden Fürsten einen Tag und Platz
verabreden, diesen Tag sollten auch die anderen Stände beschicken,
und dort sollte daun verhandelt werden unter Zugrundelegung
eines Entwurfs, der sogleich verfaßt wurde'). Danach waren Ver-
handlungen in Aussicht genommen mit Kuilrier, Kurköln, Pfalz,
1) Ldgf. an Kt. Not. 3, Reg. H. p. 285, No. 119, Or. VergL P. C. U. 642 f.
2) Lenz, I, S. 431. Ldgf. an Kf. Not. 7, Reg. H. p. 285, No. 119, Or.
Seckendorf, III, S. 232.
3) Instmktion des Kf. für seine Vertreter in Arnstadt Mila, Brück, Pack,
Gotzmann und Burchard Tom 18. Not., Reg. H. p. 248, No. 108, toL I, Konz,
mit Korrekturen des Kf. Auch im folgenden Tielfach benutzt.
4) Brief des Herzogs Tom 15. Not., Reg. C. No. 886, Bl. 73 f., Or. Kf. an
die Räte Not. 23, R^. H. p. 248, No. 108, toI. II, Or.
5) Dez. 4, Lenz, I, 8. 119.
6) Die hess. Ges. an Ldgf. Dez. 6, P. A. No. 520.
7) Abschied des Bundestages Tom 10. Dez., Reg. H. p. 248, No. 108, 1, Kopie.
Digitized by Google
202
Kapitel II.
Würzburg, Bamberg, Jülich, Geldern, Münster, Osnabrück und
Minden samt ihren Kapiteln und mit anderen Ständen jener Gegenden.
Bayern ließ man aus, weil es sich schon im Nürnberger Bunde
befände '), ebenso Mainz, dessen Kapitel und Stift man aber even-
tuell mitaufhehmen wollte. Das Ziel der Verbindung sollte sein,
daß man sich gegenseitig verpflichtete, den Frieden zu beobachten,
auch der Religion wegen oder wegen Sachen, die aus der Religion
flössen, nichts gegeneinander vorzunehmen, ja sogar füreinander
Fürbitte einzulegen und sich zu Recht zu verhelfen. Man wollte
versuchen, die Religionsangelegenheiten durch gütliche Gespräche
beizulegen, und diesen Versuch wiederholen, wenn nicht gleich alles
vertragen werde, inzwischen aber sich als getreue Verwandte halten.
Die genannten Fürsten sollten gebeten werden, sich in den Kammer-
gerichtsprozessen, die aus der Religion flössen, der Exekution nicht
anzunehmen, es auch niemandem in ihrem Gebiet zu erlauben.
Man erklärte es überhaupt nicht für ratsam, die Gebrechen mit
dem Schwert, Acht oder Bann zu bessern, anstatt durch christliche
gütliche Handlung*).
Es waren Pläne, die aufs deutlichste zeigen, wie stark bei den
Protestanten der Wunsch war, auf friedlichem Wege zur Duldung
ihres Glaubens zu gelangen. Sie hatten sich aber getäuscht, wenn
sie bei den friedlich gesinnten katholischen Füi-sten eine solche
Initiative und Selbständigkeit voraussetzten, wie der Bündnisplan
sie erforderte. Der Landgi-af hat zwar die Verhandlungen mit
Trier in den nächsten Wochen noch fortgesetzt, erhielt aber bald
den Eindruck, daß der Erzbischof durch des Kaisers Ankunft klein-
mütig geworden sei®).
Durch diese von Jülich und Trier angeregte Verhandlung
wurde natürlich der hessische Plan der Sendung an Kurfürsten,
Fürsten und Stände der anderen Partei nach Ablauf des Anstandes
einigermaßen unnütz gemacht, Johann Friedrich wai* sowieso
nicht dafür gewesen, und in Amstadt ist man schnell darüber hin-
weggegangen, indem man die Sendung für unnötig erklärte.
1) üeber Bayern vergL den Bericht Brücke und Packe vom 2. Dei., Reg. H.
p. 248, No. 108, III.
2) Entwürfe der „Artikel, worauf mit den Beinlendiechen fureten eine ver-
stände halben au handeln“, in Reg. H. p. 248, No. 108, vol. I und III, der zweite
mit allerhand eigenhändigen redaktionellen Aenderungen dee Kurfürsten.
3) Sendung Schenke an Trier vom 12. Dez., eeine Relation vom 28. Dez.,
P. A. Trier.
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der Untemehmungelust 1536 — 41. 203
Auch sonst wurden die Beschlüsse über die zukünftige Haltung
der Verbündeten durch neuerdings eingetretene Ereignisse be-
einflußt Die Instruktion, die der Kurfürst seinen Gesandten zum
Amstädter Tage mitgab, ist noch von Besorgnissen über die Un-
sicherheit der Zukunft erfüllt. Er betonte in ihr daher sehr stark
die Notwendigkeit, daß man bestimmte Beschlüsse fasse über die
Frage der Gegenwehr, über die Haltung, die man gegenüber einer
Achtsexekution gegen Minden einnehmen wolle u. dgl. Er erklärte
es ferner für dringend nötig, daß man die Rittmeister und Haupt-
leute an der Hand behalte und auch Reiter und Knechte bestelle,
sobald die Gegner es täten.
In Arnstadt erfuhr man nun aber, daß der Kaiser nach den
Niederlanden kommen werde, ferner daß Lund mit neuen Auf-
trägen Karls unterwegs sei. Das bewirkte, daß man die Lage
wieder etwas optimistischer ansah. Man beschloß, dem Kaiser eine
Botschaft entgegenzuschicken, um wegen der Ratifizierung des
Frankfurter Anstandes, der Ansetzung des Reichstags, auch einiger
spezieller Beschwerden einzelner Bundesstände mit ihm zu ver-
handeln. Sachsen, Hessen, Straßburg und Magdeburg sollten die
Schickung vornehmen, den Zeitpunkt für sie sollten der Kurfürst
und der Landgraf auswählen, auch die Instruktion unter Berück-
sichtigung dessen, was Lund bringen werde, verfassen. In dieser
letzten Bestimmung können wir eine Konzession an die Wünsche
des Kurfürsten erkennen. Dieser war überhaupt nicht sehr für die
Sendung, woUte unter keinen Umständen, daß sein Vertreter vor
dem Kaiser das Wort führe, hielt die Sache außerdem nicht für
eUig und empfahl, erst abzuwarten, was Lund bringen werde ‘).
Unter dem Eindruck der neuerwachten Friedenshoffnungen
stand auch die Beratung über die Frage der Gegenwehr. Sie
fand am 25. November statt, und Sachsen und Hessen gaben sich
aUe erdenkliche Mühe, bestimmte Beschlüsse für den Fall, daß man
des Friedens vom Kaiser nicht versichert werde, herbeizuführen.
Dabei stellte sich heraus, daß die Stimmung der Stände durchaus
gegen den „Vorstreich“ war. Besonders Lüneburg und Straßburg
1) Die Ansicht des Kurfürsten z. B. ausgesprochen in dem Briefe an seine
Gesandten vom 34. Not., Reg. H. p. 248, No. 108, Or. Nach einem Bericht der
hessischen Gesandten vom 4. Dez. glaubte der Kurfürst keinen zu haben, der es
an Verstand mit Hz. Heinrich von Braunschweig und Held, die sich am Hofe
des Kaisers befanden, aufnehmen könne. (P. A. No. 530.)
Digitized by Google
204
Kapitel II.
sprachen sich ausführlich dagegen aus und rieten, streng nach den
Bestimmungen der Bundesverfassung zu verfahren ‘).
Wie wenig das der Ansicht des Kurfürsten entsprach, zeigt
sein Brief an seine Gesandten vom 26. November, in dem er es
für unmöglich erklärte, „daß bei itzigen geschwinden und sorglichen
Zeiten der Verfassung in allen Punkten so genau und stracks nach-
gegangen werde“, und dann auseinandersetzte, daß die Entscheidung
des Kaisers unsicher sei, sicher dagegen, daß der Friede aus sei,
daß Minden die Exekution drohe und daß die Gegner allerlei An-
schläge im Sinne hätten. Die Gesandten sollten doch noch ver-
suchen, schon jetzt bestimmte Beschlüsse, wie man etwa die
Gegenwehr vornehmen wolle, herbeizuführen*). Sie haben dann
wenigstens das erreicht, daß wegen Mindens die Kriegsräte sofort
zusammentraten *). Auf deren Gutachten hin kam es dann in dieser
Frage ja auch zu recht energischen Beschlüssen, indem man sich
zur Hilfe bereit erklärte, auch schon Vorkehrungen dafür traf^
Kriegsleute und Theologen zu Beobachtungen und Ratschlägen in
die Stadt schickte, etc.<). Im übrigen aber hatte Johann Friedrich
Grund, auch weiterhin mit der Haltung der Stände sehr unzufrieden
zu sein. Er schloß daraus, daß „die Verständnis mehr auf dem
bloßen Buchstaben als auf dem Werk stehe“ *■).
.4uch im Abschied wurden nur geringfügige militärische Vor-
kehrungen vorgesehen. Man wollte sich nach dem Benehmen der
Gegner richten, hatte nicht die Absicht, anzugreifen. Dem Kurfürsten
und dem Landgrafen erlaubte man, je 1000 weitere Gulden zur Be-
stallung von Hauptleuten und Rittmeistern zu verwenden. Dagegen
mußten die Beschlüsse über die Erhöhung der Monatsleistungen der
sächsischen Städte und über die volle Erlegung der drei Doppel-
monate auf den nächsten Tag, der am 1. März in Schmalkalden
stattfinden sollte, verschoben werden, da die meisten Gesandten über
diese Punkte nicht instruiert waren. Infolgedessen verschoben auch
Sachsen und Hessen ihre Entscheidung wegen der Hauptmannschaft
bis zu diesem Tage. Der Kurfürst hatte schon in der Instruktion
1) Brück und Pack an Kf. Nov. 25, B^. H. ebenda vol. II Or. Aktenst
No. 30.
2) Ebenda vol. II, Or. Akteoat No. 31.
3) Vergl. P. C. II, 6.50.
4) Vergl. den Abschied und P. C. II, 650 Anm. 2.
5) An seine Räte Nov. 27, Keg. H. a. a. O. voL II, Or.
Digitized by Google
Bund u. Reich : Die Jahre der Sorge u. der üntemehmungeluet 1536—41. 205
die Fortführung der Hauptmannschaft außer von den uns schon
bekannten Bedingungen abhängig gemacht von dem allgemeinen
Verhalten der Bundesstände. Auch in einer Weisung vom 24. No-
vember betonte er das von neuem *), und da er nun mit dem Ver-
halten der Stände so wenig zufrieden wai-, ist natürlich auch seine
Neigung, das Amt weiterzuführen, gering gewesen, doch fand er
sich schließlich in den angegebenen Aufschub der Entscheidung.
Unter der Voraussetzung, daß dort ihren Beschwerden abgeholfen
werde, ihnen auch ein Leutenant und andere Gehilfen bewilligt
würden, erklärten sich der Kurfürst und der Landgraf bereit, die
Hauptmannschaft noch ein Jahr zu behalten.
Auf den Schmalkaldener Tag wurde auch die Frage der geist-
lichen Güter verschoben, doch wurden in Arnstadt immerhin schon
wichtige Grundlagen für die Zukunft gelegt. Der Ausschuß, der
am .3. Dezember über die Sache beriet, war einig darin, daß die
geistlichen Güter der Kirche jedes Fürstentums und Gebiets bleiben
sollten. In der Frage ihrer Verwendung knüpfte man vermutlich an
kursächsische Gedanken an *), wenn man drei Möglichkeiten unter-
schied. Die Güter sollten dienen 1) zur Unterhaltung des rechten
wahren Gottesdienstes, der Pfarrer, Prediger, Kirchendiener und
Schulen; 2) zur Unterhaltung der armen Leute in den Spitälern, zur
Ausstattung der Töchter armer Adligen und zur Unterstützung
anderer ehrlicher verarmter frommer Leute. Sollte dann noch ein
Rest bleiben, so sollte er 3) verwendet werden dürfen zu ge-
meinem Nutzen, zu Befriedung von Landen und Leuten, auch zu
dem, was die Obrigkeit zur Erhaltung göttlichen Wortes für nütz-
lich und notwendig halten würde. Ein dem entsprechendes Aus-
schreiben wurde in .\ussicht genommen, um das Geschrei der
Gegner zur Ruhe zu bringen. Da sich diesem Beschluß des Aus-
schusses nun aber Lüneburg und Württemberg nicht anschlossen,
wurde schließlich nur im Plenum darüber berichtet, und dort ist
dann die definitive Entscheidung auf den nächsten Bundestag ver-
schoben worden. Doch wurden die Gedanken des .Ausschusses
wenigstens in fragender Form in den Abschied mitaufgenommen.
1) Kf. SD die Räte, Reg. H. ebenda, Or.
2) Es zeigt sich wenigstens Verwandtschaft mit der Instruktion des Kf. für
den Berkaer Tag. Auch findet sich obige Dreiteilung in einem sächsischen
Votum, P. A. 521; Bl. 30b.
Digitized by Google
206
Kapitel II.
Erst in Schmalkalden wollte man anch BeschluU fassen über den
von Hessen ausgehenden Gedanken einer besonderen Aufsichts-
behörde für die richtige Verweudung der geistlichen Güter*).
Johann Friedrich wird mit diesen Beschlüssen im wesentlichen
einverstanden gewesen sein, weniger war er es mit dem, was über
die katholischen Geistlichen auf protestantischem Boden beschlossen
wurde. Er legte gerade auf diesen Punkt sehr viel Wert, und
es kam ihm offenbar dabei vor allem darauf an, sich eine Unter-
stützung zu sichern für den Fall, daß sich aus seinem Vorgehen
gegen die sächsischen Bischöfe Schwierigkeiten ergäben. Die
anderen Stände waren sich dagegen gar nicht recht klar, worum
es sich bei diesem Punkte eigentlich handelte, so daß die säch-
sischen Räte ihnen die Sache erst genau erklären mußten, wobei
sie unter anderem auch hervorhoben, wie ratsam es sei, keine Ver-
schiedenheit des Gottesdienstes in Landen und Städten zu dulden.
Man fand aber mit diesen Gedanken bei den anderen Ständen,
auch bei Hessen nicht viel Anklang, sie verwiesen auf die not-
wendige Unterscheidung, ob die Stifter und Kirchen der Obrigkeit,
die die Reformation vornehmen wolle, ohne Mittel unterworfen
wären und diese die Hoheit über sie hätte oder nicht. Sturm riet
dem Kurfürsten zu möglichst mildem Vorgehen, zu gütlichen Ver-
handlungen etc. und überreichte als Muster das statutum muni-
cipale über das in Straßburg eingeschlagene Verfahren. Dieses
gefiel dem Kurfürsten aber durchaus nicht. Wenn auch schließlich
nur Augsburg ihm direkt das Recht absprach, in den bischöflichen
KoUegiatkirchen die Reformation vorzunehmen, die Erklärungen
der übrigen Stände und auch der Abschied lauteten so unbe-
stimmt und verklausuliert, daß dem Kurfürsten sehr wenig damit
gedient sein konnte, und seine Unzufriedenheit mit dem Arn-
städter Tage wird wohl auch auf diese Enttäuschung mitznrückzu-
führen sein*). —
Neue, beim Kurfürsten allerdings wohl auch nicht sehr lebhafte
Hoffnungen erweckte dagegen der Stand der Verhandlungen mit
England. Diese waren trotz der Entrüstung, die die sechs Artikel
1) P. C. II, 652. Brück und Pack an Kf. Dez. 3, H. ebenda vol. I, Or.,
Aktenst. No. 32 und der Abschied.
2) Vergl. die vorige Anmerkung. Kf. an die Räte Dez. 5, ebenda vol. I.
Aktenst. No. 33.
Digitized by Google
Band u. Beich: Die Jahre der Sorge u. der Untemehmongslust 1536—41. 207
in protestantischen Kreisen hervorgerufen hatten, wieder aufge-
nommen worden. Zunächst hatte sich Johann Friedrich überreden
lassen, am 28. August Dölzig und Burchard der jülichschen Ge-
sandtschaft, die wegen der Heirat nach England ging, als Beistand
beizngeben. In Verhandlungen mit dem König selbst wegen eines
Bündnisses zwischen ihm, dem Kurfürsten und Jülich sollten sie sich
aber nur einlassen, wenn sich die Nachrichten über die religiösen
Verdammungsartikel des Königs als unwahr erwiesen *). Außer-
dem hatte Heinrich selbst zu neuen Verhandlungen die Hand
geboten, indem er Christoph Mont von neuem an den Kurfürsten
und den Landgrafen gesendet hatte. Die Aufträge des Gesandten
waren allerdings etwas naiv. Der König bedauerte wieder, daß
die protestantischen Gesandten nicht genügend instruiert gewesen
seien, und erklärte, daß er, wenn er auch ebenso wie die Geistlichen
seines Reiches aus stattlichen Ursachen mit der Lehre der Prote-
stanten über Priesterehe, Gelübde und Privatmesse nicht überein-
stimme, doch seine Dekrete gegen den Papst stets zu halten ge-
denke ’).
Es war nicht zu verwundern, daß Johann Friedrich etwas scharf
antwortete. Er wandte nicht ganz mit Unrecht auf den König den
Satz an; Wer sich der Freund begeben will, sucht Occasion.
Generalvollmacht hätten die Protestanten ihren Gesandten unmög-
lich geben können, da diese allein dem Könige persönlich und
seinen trefflichen Räten gegenübergestaiiden hätten. Vor allem
ging der Kurfürst dann auf die sechs Artikel, „die Dammation
der christlichen Artikel“, wie er sie nannte, ein und erklärte,
daß seiner Meinung nach die ganze Konfession und besonders
der Artikel von der Justilikation dadurch verdammt sei, daß
der König sich dadurch ganz zum römischen Bischof geschlagen
und sich seiner usurpierten Gewalt und allen seinen Mißbräuchen
wieder übergeben habe, denn die jetzt in England statuierten Ar-
tikel seien die vornehmsten Säulen der Autorität des römischen
Bischofs. Er könne auch seine Gelehrten nicht hindern, da-
gegen zu schreiben. Trotz alledem erklärte er sich aber schließ-
1) Instruktion der Gesandten vom 28. Aug. in Reg. U. p. 260, No. 111,
voL I. Vergl. Merriman, I, 8. 261.
2) Kreditiv vom 15. Aug. Reg. H. p. 260, No. 111, vol. I, Or. Werbung
Monts an Kf. [ca. Sept. 9] ebenda vol. II. Kf. an Mont Sept 9, Konz., ebenda
voL I. Vielleicht in Wirklichkeit vom 16. 8ept.
Digitized by Google
208
Kapitel II.
lieh zur Freundschaft mit dem König in äußerlichen Sachen
bereit*), aber nach irgend einem engeren Verhältnis sah das nicht
aus. Johann Friedrich ließ sich auch durch das Schreiben Bncers,
das der Landgraf ihm am 30. September zuschickte, worin die
.Ansicht ausgesprochen war, daß man dem Könige nicht genug ent-
gegengekommen sei, daß man hätte Melanchthon schicken müssen,
daß Burchard und Myconius zu früh abgereist seien etc., nicht von
seiner Ansicht abbringen*).
Brück war zwar geneigt, der Auffassung Bucers nicht jede
Berechtigung abzusprechen*), Johann Friedrich aber vertrat mit
Recht die .Ansicht, daß es dem Könige mit dem Evangelium nicht
Ernst sei und daß es ihm nur darum zu tun sei, die „Obrigkeit“ des
Papstes in England durch seine eigene zu ersetzen und sich mit dem
Reichtum der Kirchenschätze und der kirchlichen Einkünfte zu be-
reichern *). Trotzdem erklärte Johann Friedrich sich aber bereit dazu,
Bucers Bedenken den Wittenberger Theologen zu erkennen zu geben
und ihre Meinung darüber zu hören. Auch zeigte er sich einer neuen
Sendung nach England nicht ganz abgeneigt, wenn in Arnstadt eine
solche beschlossen würde*). .Auch die Wittenberger Theologen
waren durchaus nicht dafür, daß man weiter mit dem Könige ver-
handle, sehr bereit aber waren sie zur Abfassung der sowohl vom
1) Antwort an Mont vom 16. Ijept., verschiedene deutsche Entwürfe und
lateinische Uebersetzung Melanchthons. Beg. H. ebenda vol. I. Aktenst No. 26.
Am 22. war Melanchthon noch mit der Uebersetzung beschäftigt. C. R. III,
783 f., No. ISb.’). Am 17. sendet Kf. die deutsche Antwort an den Haupt-
mann zu Weimar und Dr. Zach, damit sie sie Mont nachsandten. Reg. H.
a. a. 0. vol. I, Konz. Mont war, wie die beiden am 18. melden, zum Ldgf.
weitergereist. Dessen Antwort vom 24. Sept (ebenda vol. II) lautete nicht viel
weniger entschieden als die des Kf. Am 27. iilept. sandte Johann Friedrich dem
Gesandten die lateinische Antwort nach Kassel nach. (Begleitbrief ebenda vol. I.)
2) Bucer an Ldgf. Sept. 16, Lenz, I, S. 99 ff. Ldgf. an Bucer Sept. 30,
ebenda S. 105; an Kf. Sept. 30, Reg. H. p. 282, No. 118, Or.
3) C. R. III, 795, es ist ein undatierter Zettel, der wohl zwischen Okt. 7
und 11 zu setzen ist.
4) Kf. an Brück Okt. 7, Reg. H. p. 260, No. 111, vol. III, Konz. Aktenst.
No. 27.
5) Kf. an Brück Okt. 7, s. Anm. 4. Brück an Kf. Okt. 9, Reg. Qg.
No. 413L I, Or. Darauf beruht Kf. an Ldgf. Okt. 11. Lenz, I, S. 106
Anm. 2. Seckendorf, III, S. 225f. Reg. H. p. 282, No. 118. Vergl. P. C.
II, 632, 1. Kf. an die Wittenberger Theologen Okt 12. Burkhardt, Brief-
wechsel 8. 332 f. Feiges Berkaer Protokoll P. A. 521, Bl. 47/48.
Digitized by Google
Bund u. Reich ; Die Jahre der Sorge n. der UntemehniaQgslust 153(>— 41. 209
Kurfürsten wie vom Landgrafen gewünschten Ermahnnngsschrift
an den König, die ja dann am 1. November auch ergangen ist‘).
In Amstadt, wo auf Wunsch des Kurfürsten die englische
Angelegenheit gleich am Beginn vorgenommen wurde, ist aber
doch nicht das Wittenberger Gutachten maßgebend gewesen. Man
stand vielmehr dort ganz unter dem Eindruck des verhältnis-
mäßig günstigen Berichtes, den die knrsächsischen Gesandten über
ihre Eindrücke in England erstatteten ’). Man ersah aus ihm
zunächst, daß die sechs Artikel bisher nicht zur Durchführung
gekommen waren*), man hörte, daß ihre Aufhebung durch das
nächste Parlament erhofft würde , man erfuhr von günstigen
Aeußerungen Cromwells und Cranmers und auch ganz befrie-
digenden des Königs, der wieder sein Verlangen nach einer reli-
giösen Vereinigung ausgesprochen hatte.
Die Berichte seiner Gesandten sind vor allem auch von Einfluß
auf den Kurfürsten selbst gewesen. Er war zunächst bereit, Dölzig
von neuem als Begleiter der Herzogin Anna nach England zu
schicken, und gab ihm einen Brief an den König mit, in dem warme
Ermahnungen enthalten waren, nach Beseitigung der Autorität des
Papstes auch die Mißbräuche abzuschaffen*). Auch für ein Bündnis
mit dem Könige war der Kurfürst jetzt wieder zu haben. In seiner
Instruktion für Arnstadt heißt es, er könne nicht widerraten, daß
man den König dadurch an der Hand zu behalten und der Religion
halber wieder auf die rechte Bahn zu bringen suche.
Sobald sich eine genügende Anzahl von Bundesständen in
Arnstadt eingefunden hatte, hielt Burchard am 21. November
Vortrag über die englische Sache. Die Folge war, daß die
1) Die Wittenberger an Kf. Okt. 23, C. R. III, 796 — 8Ö0. Erl. 55, 243
— 247. Or. Reg. H. p. 260, No. 111, I. Ueber die Expoetulationaschrift Ldgf.
an Kf. Sept. 30. Kf. an die Wittenberger Okt. 12. (Vergl. S. 208, Anm. 2
und 5.) C. R. III, 804 ff.
2) Oünstig schon Dolzig und Burchard an Kf. 6ept. 20, Reg. H. p. 260,
No. 111, vol. I, Or., ebenso Okt. 3, ebenda; Okt. 11, ebenda. Auch Kf. schon
Okt. 22 dadurch in guter Stimmung, an Ldgf., Reg. H. p. 185, No. 119, Konz.,
Zettel. Der Hauptbericht Burchards etwa vom 5. Nov., Reg. H. p. 260, No. 111,
vol. II.
3) Vergl. dagegen Stern, FDG. X, 8. 498f.
4) Kf. an Heinrich VIII. Nov. 10, Reg. H. p. 280, No. 111, II, Konz.
Seckendorf, III, S. 227f. Aktenst. No. 29. An Crorawell, Reg. H. ebenda.
Instruktion für Dolzig an Hz. Wilhelm Nov. 14, R^. H. a. a. O., Or.
Beitrüge rar neueren Geschichte Thüringens I, a, 14
Digitized by Google
210
Kapitel II.
Mehrheit sich gegen die Stimmen von Augsburg, Ulm und einigen
kleineren oberdeutschen Städten für eine neue Gesandtschaft an den
König aussprach, um über die Konkordie in der Religion, über
eine Konföderation und über Aufhebung der sechs Artikel mit
ihm zu verhandeln^). Der Kurfürst war mit diesen Gedanken
ganz einverstanden und empfahl, Burchard und Dölzig zu schicken,
da sie sowieso reisen müßten. In einem Briefe vom 22. November
entwickelte er seine Ansichten über die Beziehungen zu Englaud.
Er war dafür, daß man dem Könige für später eine stattliche
Schickung in Aussicht stelle, bei der auch einige gelehrte Theologen
sein sollten, um sowohl wegen der Religion wie wegen des Bundes
abzuschließen, als Vorbedingung dafür aber bezeichnete er die
Aufhebung des Dekrets und die Wiedereinsetzung der zwei einge-
kerkerten Bischöfe •). Erfüllung dieser Forderungen erschien ihm
als ein Beweis, daß der König wieder auf die rechte Bahn gebracht
werden könne, für wahrscheinlich hielt er das allerdings nicht.
Immerhin empfahl er, daß man sich schon in Arnstadt über die
Bedingungen des mit dem Könige abzuschließenden Bündnisses
vergleiche, damit Dölzig und Burchard auch darüber das Gemüt
des Königs erforschen könnten*).
Diese Ratschläge des Kurfürsten sind in Amstadt dann aller-
dings nur zum Teil berücksichtigt worden, trafen vielleicht gar
nicht mehr rechtzeitig dort ein, doch liefen die dortigen Beschlüsse
sachlich ziemlich auf dasselbe hinaus, nur wurde in der Instruktion
für die Gesandten, die ihnen übrigens ziemlich freie Hand ließ,
vor allem noch betont, daß sie bei Cromwell, und wo sie sonst
Gelegenheit hätten, sich über die religiösen Verhältnisse in Eng-
land, die Geltung der sechs Artikel etc. erkundigen sollten. Auf-
hebung des Dekrets galt auch hier als Voraussetzung weiterer Ver-
handlungen, ferner erklärte man ein Religionsgespräch für aus-
sichtslos, wenn englische Bischöfe dazu deputiert würden.
Die Aufträge, die die Gesandten wegen des Bündnisses er-
hielten, liefen auch vor allem auf ein Sondieren hinaus, besonders
über die Frage der Gegenleistungen der Protestanten. Man hatte
aber ofi'enbar nicht die Absicht, eine annehmbare Verbindung wegen
1) Uans V. Pack an Kf. Nov. 20. Die Bäte an Kf. Nov. 21, Reg. H. p. 248,
No. 106, vol. II, Or. Kf. an die Räte Nov. 22, ebenda Or. P. C. II, 646.
2) Von Worceeter und Salisbury.
3) Kf. an die Räte Nov. 22.
Digitized by Google
Bund u. Reich; Die Jahre der Sorge u. der Untemehmungglust 1536 — 41. 211
solcher Fragen abzuschlagen, wenn eine Vergleichung in der Religion
erzielt würde.
Für den Fall, daß Burchard und Dölzig Günstiges berichteten,
vor allem daß der König zu einem christlichen Gespräch geneigt
sei, beschloß man, eine stattliche Gesandtschaft, an der auch
Melanchthon teilnehmen sollte, zu schicken, um den König und
sein Reich bei dem göttlichen Wort zu erhalten. Man glaubte,
daß nach dem Zustandekommen einer religiösen Vergleichung auch
ein Bündnis nicht schwierig sein werde. Aber auch für den Fall,
daß es nicht dazu oder überhaupt nicht zu einem Gespräch käme,
hielt man doch eine kleine Schickung nach England wegen der
gefangenen und bedrängten Protestanten für ratsam, auch meinte
man, daß auch dann vielleicht ein solches Freundschaftsverhältnis
mit dem Könige möglich sei, wie man es jetzt mit Trier plante^).
Mit solchen Aufträgen reiste Burchard dem schon vorausgeeilten
Dölzig nach. Es war der letzte Versuch zur Gewinnung Englands vor
dem schmalkaldischen Kriege, an dem Johann Friedrich sich beteiligte.
Diesen offiziellen Verhandlungen über England gingen noch
solche über ein Bündnis, an dem nur Jülich und der Kurfürst be-
teiligt sein sollten, zur Seite. Die jülichschen Gesandten hatten
solche Vorschläge ans England mitgebracht *), Es handelte sich
dabei um ein Defensivbündnis zur Verteidigung der Gebiete der
Beteiligten, aber auch zur Beschützung der Freiheit des Handels.
Mit ganzer Macht wollte man sich eventuell zu Hilfe kommen.
Kein Teil sollte ohne Zustimmung des anderen neue Verträge mit
dem Kaiser, mit Frankreich oder dem Papst schließen®). Johann
Friedrich hatte gegen diese Vorschläge bei der Unsicherheit der
religiösen Verhältnisse Englands, und da er selbst noch gar nicht
mit Jülich verbündet war, große Bedenken und ließ daher seine
Räte in .4.mstadt mit denen des Landgrafen über die Sache ver-
handeln^). Es dauerte dann aber so lange, bis ein Bescheid
Philipps über diese Fragen eintraf, daß Burchard wohl vorher ab-
gereist ist®). Dem Herzog von Jülich schrieb der Kurfürst am
1) P. C. II, 646, 1. Reg. H. p. 260, No. 111, vol. II.
2J Wilh. V. JQlich an KI. Nov. 15, Reg. C. No. 866, Bl. 73 f., Or. Vergl.
Heidrich, S. 29 Anm.
3) Beilage zu dem Brief des Hzs. vom 15. Nov. BL 75/76.
4) Kf. an Brück und Pack Nov. 23, Reg. H. p. 248, No. 108, vol. II, Or.
5) Brück und Pack an Kf. Nov. 25, ebenda, Or.
14*
Digitized by Google
212
II. Kapitel
14. Dezember, daß er sich bei ihrer persönlichen Zusammenkunft
über die Sache äußern wolle*).
Unser Gesamturteil über den Amstädter Tag wird kein allzu
günstiges sein können, und wir werden die Unzufriedenheit des
Kurfürsten begreifen. Es hatte sich zwar fast in allen Punkten
eine erfreuliche Uebereinstimmung zwischen den Bnndeshäupteru
gezeigt’), zugleich aber auch, daß auch ihr gemeinsames Wirken
die Stände nicht zu irgend welchen energischeren Besclilüssen hin-
zureißen vermochte ’). Es kam nun darauf an, ob man in Schmal-
kalden mehr erreichte. —
Als die politisch wichtigsten Beschlüsse des Arnstädter Tages
dürfen wir wohl den der Gesandtschaft an den Kaiser und den
der Fortführung der Verhandlungen mit den neutralen katholischen
Reichsständen betrachten. Jene sollte nach Wunsch des Kurfürsten
verschoben werden, bis Lund seine Aufträge ausgerichtet hatte.
Dieser hat das nur schriftlich in dem interessanten Brief vom
6. Dezember getan. Aus ihm ging zunächst aufs deutlichste her-
vor, daß dem Kaiser eine Bestätigung und Verlängerung des Frank-
furter Anstandes fernlag, im übrigen aber war darin Karls fried-
liche Gesinnung sehr stark betont und sein lebhafter Wunsch
nach einer Beilegung des religiösen Streites ausgesprochen, also
das Ziel ins Auge gefaßt, an das man sich in Frankfurt nicht ge-
wagt hatte, dem aber der Nürnberger Tag hatte dienen sollen.
Die Protestanten wurden gebeten, sich auf diese religiösen Ver-
gleichsverhandlungcn vorzubereiten, damit diese nach der im Januar
zu erwartenden Ankunft des Kaisers in den Niederlanden begonnen
werden könnten. Lund ging auch auf die jetzt im Gang befind-
lichen Rüstungen des Kaisers ein und betonte, daß sie nur gegen
Gent gerichtet seien*).
Diese Mitteilungen hatten zunächst zur Folge, daß man auf
protestantischer Seite Beratungen der Theologen zur Vorbereitung
1) Kf. an Hz. Wilhelm Dez. 14, Reg.C. No. 866, Bl. 82-85, Konz. Heid-
rich, S. 33.
2) Das zeigen auch die hessischen Akten in P. A. No. 520 and 521.
3) Charakteristisch ist u. a. anch, dafi der Kf. am 23. Nov. den Ständen
eine allerdings nnsichcre Nachricht über die Möglichkeit einer Bewilligung des
Anstandes durch den Kaiser vorzuenthaltcn befahl, um sie nicht noch lauer zu
machen. Reg. H. p. 248, No. 108, vol. II, Or.
4) Ltmd an Kf. Dez. 8, Beg. H. p. 243, No. 106, Or. Vergl. Secken-
dorf, III, S. 205. Moses, 8. llf.
Digitized by Google
Bund u. Reich; Die Jahre der Sorge u. der Untemehmungsluet 1536—41. 213
der Vergleichs Verhandlungen veranlaßte. An dem Plane, dem
Kaiser Gesandte entgegenzuschicken, um vorzutragen, was man
auf dem Herzen hatte, hielt man fest. Sehr stark aber empfand man
auch, daß der Frankfurter Anstand nun doch tatsächlich aufgehoben
sei, und die beruhigenden Erklärungen des Erzbischofs genügten
nicht, um die Besorgnisse der letzten Jahie zu zerstreuen. Man
befürchtete, daß die kaiserlichen Rüstungen doch noch weitere
Zwecke gegen England, Dänemark, gegen Jülich oder direkt gegen
die Protestanten hätten ^), man wurde durch Nachrichten aus Straß-
burg*) und durch Mitteilungen Wilhelms von Nassau®) in diesen Be-
fürchtungen bestärkt, und auch merkwürdige Kundschaften, die
dem Kurfürsten aus Ungarn zugingen ^), dienten nicht zur Be-
ruhigung der Gemüter. Speziell Johann Friedrich befand sich
um die Wende der Jahre 1539/40 noch in einer so erregten und
mißtrauischen Stimmung, daß er für Rüstungen, ja wohl auch noch
für den „Vorstreich“ zu haben gewesen wäre ; nur die Widerstände,
die auf Grund der Amstädter Erfahrungen bei den anderen Bundes-
ständen zu erwarten waren, veranlaßten ihn zu einer gewissen re-
signierten Zurückhaltung. Doch empfahl er, daß der Landgraf
wenigstens von Februai- an die Kriegsräte Zusammenhalte, damit stets
schnelle Beschlüsse möglich seien®).
Größere Klarheit über die Lage konnte man durch die Gesandt-
schaft an den Kaiser zu erlangen hofieu. Der Kurfürst war der Mei-
nung, daß man diesem gegenüber sich zu Verhandlungen über die
Religion bereit erklären solle, daß man ihn aber gleichzeitig bitten
solle, ihnen vorher Frieden zu verschatfen, damit sie sicher erscheinen
1) Vergl. etwa Kf. an Hz. von Jülich ca. Dez. 25, undatierter Zettel, Reg. C.
No. 866, BL 88/89.
2) P. C. II. 6621.
3) Wilh. von Naseau an Kf. Dez. 19, Wiesb. Arch., Dillenb. Arch., S. 1273,
Konz. MitteUung, dafi der Kaiser 4—6000 Spanier und 3000 Italiener mitbringe.
Antwort des Kf. vom 29. Dez., ebenda, Or.
4) A. B. C. an Kf. [vor Nov. 20], Reg. B. No. 1632, Kopie. Ferd. sollte danach
mit den Türken gegen König Johann in Verbindung stehen. Kf. an Ldgf.
Dez. 14, Ldgf. an Kf. Dez. 18, Reg. H. p. 282, No. 118, Or. Kf. an Ldgf.
Dez. 22, Reg. H. p. 285, No. 119.
5) Kf. an Ldgf. Dez. 22, Reg. H. p. 394, No. 149, 1, Konz., Zettel. Dez. 28,
Reg. H. p. 364, No. 141, Konz., Dez. 30, ebenda. Ich gebe beispielsweise den
Brief vom 28. Dez., AktensL No. 34. Am 31. schlägt Kf. direkt vor, daß sie beide
Knechte annehmen sollten, Reg. U. p. 344, No. 135, Konz. AktensL No. 35.
Digitized by Google
214
Kapitel II.
und den Lauf der Verhandlungen abwarten könnten, denn jetzt habe
man ja nach Ablauf des sechsmonatigen Anstandes keinen Frieden
mehr *). Nach wie vor hatte Johann Friedrich keine Lust, seinen Ge-
sandten beim Kaiser reden zu lassen, obgleich er in Georg v. d. Planitz
einen seiner erprobtesten Diplomaten für die Sendung ausersah. Pla-
nitz war am 15. Januar schon in Kassel und verhandelte von dort aus
mit dem Landgrafen noch über vom Kurfürsten gewünschte Aende-
rungen der Instruktion. Am 20. Januar wurde sie fertig. Sie ent-
hält in weiterer Ausführung die vom Kurfürsten angedeuteten
Grundgedanken, betont die große Bereitwilligkeit der Protestanten
zu einer Religionsvergleichung, hebt daneben aber die Notwendig-
keit eines beständigen Friedens hervor. Ein solcher sei nicht vor-
handen, solange das Kammergericht so wie bisher fortfahre, stets
bestehe dann die Gefahr, daß irgend eine Angelegenheit, wie im
vorigen Jahre die Sache des braunschweigischen Sekretärs, zu
einer Empörung im Reiche führe. Die Gesandten sollten auch auf
einzelne Beschwerden gegen das KammergeriAt und gegen Herzog
Heinrich eingehen. Hielte man ihnen vor, daß ihre Herren mit Eng-
land, Frankreich und Dänemark in Verbindung getreten seien, so
sollten sie erzählen, daß die Protestanten ursprünglich alle solche
Anträge abgewiesen hätten, erst Heids Auftreten habe sie veranlaßt,
auswärts Hilfe zu suchen, doch sei auch dann in zeitlichen Dingen
nichts abgeschlossen worden, was sich gegen den Kaiser richte.
Mit dem Könige von Dänemark als einem christlichen und geborenen
Fürsten von Holstein und Dänemark habe man allerdings ein
Defensivbündnis niemand zuwider.
Wenn irgend möglich, sollten die Gesandten mit dem Kaiser
persönlich verhandeln ; wenn das nicht ginge, seinen Kommissaren
mündlich berichten, eine schriftliche Supplikation aber ihm selbst
zu übergeben suchen*).
Unter den Aktenstücken, die den Gesandten, vielleicht zum
Teil nur zu ihrer eigenen Instruktion, mitgegeben wurden, befindet
sich auch eine lateinische Auseinandersetzung über die Kirchen-
güterfrage und die Geneigtheit der Protestanten zum Religions-
1) BeiinBtruktioD für die Bäte zum Zcitzer Tage, Der. 27, R^. A. No. 261.
2) Planitz an Ldgf. 1540 Jan. 15, Neudecker, Aktenst, S. 174—177; an
Kf. Jan. 18, Reg. H. p. 290, No. 120, II. Instruktion für die Ges. vom 20, ebenda,
Or. VergL P. C. II, 651 Anm. Sleidan, II, 8. 155 ff. Janssen, III, 8. 468f.
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Borge n. der Untemehmungalast 1536 — 41. 215
gespräch '). Außerdem sind ihnen noch einzelne Ergänzungen
zu ihrer Instruktion nachgeschickt worden. So eignete sich der
Kurfürst den straßburgischen Vorschlag vom 14. Januar an,
wonach die Gesandten sehr ausführlich auf die beiderseitigen
Rüstungen des vorigen Jahres, denen dann durch den Anstand ein
Ziel gesetzt wurde, auf dessen Uebertretungen durch die Gegner
und auf die ähnliche Lage in diesem Jahre hinweisen sollten’).
Ferner wurde ihnen noch befohlen, daß sie außer über das Ver-
halten des Kammergerichts besonders über die Knechtansamm-
lungen an der Weser Klage führen, auch die Berufung der Kriegs-
räte damit entschuldigen sollten®).
Die Gesandten waren inzwischen am 30. Januar nach Köln
gelaugt, erfuhren dort vom Grafen von Neuenahr nicht Ungünstiges
über die Neigung des Kaisers zu Verhandlungen über einen bestän-
digen Frieden und über die Möglichkeit, Granvella und andere
Personen am Hofe durch Geschenke dafür zu gewinnen. Auch die
ersten Nachrichten, die sie am 12. Februar aus Brüssel sandten,
lauteten günstig, schon am nächsten Tage mußten sie dann aller-
dings von vertraulichen Berichten über höchst gefährliche Pläne
des Kaisers Meldung tun. Am 15. Februar erteilte Karl ihnen
Audienz, las außerdem eine französische Uebersetzung ihrer In-
struktion ganz durch und äußerte sich befriedigt über sie; die
Antwort, die er ihnen am 13. März erteilte, war aber so außer-
ordentlich allgemein und inhaltsleer, daß sie wenig mit ihr zufrieden
waren. Weder von Sicherheit und Frieden, noch von Abschatfung
der Kammergerichtsprozesse war darin die Rede, und in bezug
auf Goslar und Braunschweig erklärte Karl nur, daß er die
Sache erwägen und dann das Nötige verordnen wolle. Alle Ver-
suche der Gesandten, eine bestimmtere Antwort zu erhalten, waren
vergeblich, nur in bezug auf Goslar und Braunschweig erklärte
der Kaiser schließlich, sie sollten nichts Tätliches gegen den Herzog
unternehmen, dann werde er dafür sorgen, daß auch der Herzog
nichts gegen sie vornehme, eine Antwort, mit der die Vertreter der
beiden Städte so wenig zufrieden waren, daß sie sie gar nicht an-
nehmen wollten. Den Gesandten blieb nichts übrig, als sich auf
1) R^. H. ebenda.
2) P. C. III, 8. 8/9. Kf. an Planitz Febr. 2, Reg. H. p. 290, No. 120, I,
Konz.
3) Kf. und Ldgf. an die Ges. Febr. 5, Reg. H. p. 200, No. 120, I, Or.
Digitized by Google
216
Kapitel II.
den Heimweg zu machen, in Antwerpen erreichten sie dann aber
neue Befehle der Verbündeten und veranlaßten sie zur Umkehr').
Sie hingen schon mit dem schmalkaldischen Tage zusammen, und
wir werden später darauf zurückkommen. —
Wenn nun auch die Protestanten es gewissermaßen für ihre
Pflicht hielten, die Annäherung des Kaisers zu einer Verhandlung
mit ihm zu benutzen und auch auf die Anregung Lunds wegen des
Religionsvergleichs einzugehen, allzuviel versprachen sie sich von
allen diesen Verhandlungen kaum. Dagegen haben wenigstens
einige von ihnen sich zeitweilig Hofl'nung gemacht, daß mau durch
eine gemeinsame Aktion katholischer und protestantischer Fürsten,
zu der die jülich-trierischen Vorschläge den Anstoß gegeben
hatten, zu einem Frieden gelangen könne. Diese merkwürdigen
Bestrebungen haben im Laufe des Winters 1539/40 immer größere
Ausdehnung gewonnen, die gewissermaßen berufsmäßigen Ver-
mittler, wie der Kurfürst von Brandenburg und Georg von Karlo-
witz, griffen mit ein, schließlich ist die ganze Sache aber doch im
Sande verlaufen.
Eine erste Enttäuschung erlebte man ja schon dadurch, daß
der Kurfürst von Trier sich schon im Dezember 1539, d. h. sowie
er von der bevorstehenden Ankunft des Kaisers hörte, aus der
Sache herauszuziehen suchte. Er empfahl aber, daß der Kurfürst
von der Pfalz die Berufung eines Kurfürstentages mit Zuziehung
von Fürsten in die Hand nehmen solle*). Johann Friedrich war
mit diesem Gedanken sehr einverstanden. Es ist aber chaiak-
teristisch für seine Stimmung in dieser Zeit, daß er der Ver-
sammlung eine durchaus antikaiserliche Richtung geben wollte : sie
sollte sich mit der Frage der Einführung fremden Kriegsvolks ins
Reich und überhaupt den Rüstungen des Kaisers beschäftigen.
Auch bei Bayern vermutete er Geneigtheit zu einer solchen Politik,
da Eck kürzlich von dem Joch des Hauses Burgund, gegen das
1) Alles nach der Korrespondenz des Kf. und Ldgf. mit den Gesandten in
Reg. H. p. 290, No. 120, I. Einzelnes auch in Reg. H. p. 321, No. 130A. Briefe
des Hessen Boyneburg auch bei Neudeclccr, Aktcnst., S. 192 ff. Der Vor-
trag der Protestanten gedruckt bei Dittrich, Q. u. F. I. 1, S. 90, Anm. 1.
Vergl. Haberlin, XII, S. 190 f. Die Antwort des Kaisers in Reg. H. p. 359,
No. 139. Nach Hassebrauk, S. 35, verlangte der Kaiser von der Stadt Braun-
schweig auch Wiederherstellung der Rechte des Herzogs.
2) Ldgf. an Kf. Jan. 1, Reg. H. p. 344, No. 135, Or. VergL P. C. III. 3.
Digitized by Google
Bund u. Beich: Die Jahre der Sorge u. der Unternehmungslust 1536 — 41. 217
man sich schützen müsse, gesprochen hatte. Das stimmte ganz zu
seiner eigenen Anschauung, daß die Freiheit des Keichs in Gefahr
sei und eine Monarchie drohe *).
Die Frage der Keligionsvergleichung wurde erst durch
Georg von Karlowitz auf das Programm des Kurfürstentages ge-
bracht. Er beabsichtigte, mit dem Kurfürsten von Brandenburg
über den Plan zu sprechen, war auch schon mit dem von Mainz
in Verbindung getreten, der nun allerdings erkläi’te, daß die Ver-
sammlung nur mit Wissen und Willen des Kaisers stattfinden
könne. Karlowitz hatte damals auch schon Artikel für die Re-
ligiousvergleichung fertig ®). Beim Kurfürsten von Brandenburg stieß
er mit seinen Ideen auf einen fruchtbaren Boden. Dieser schickte
am 2. Febrnar Adam Trott und Jakob Schilling an den Kurfürsten
von Mainz, um ihn zur Veranstaltung eines Keligionsgespräches
aufzufordern. Ein solches sei wegen der bevorstehenden Ankunft
des Kaisers und seiner friedlichen Gesinnung aussichtsreich und
wegen der Türkengefahr nötig. Der ganze Reichstag werde auf
diesem Gebiete schwerlich etwas zustande bringen, dai'um müsse
man erst eine kleinere Zusammenkunft veranstalten, zu der jeder
zwei Räte schicke. Die verglichenen .\rtikel könne man dann an
den Kaiser bringen und so die Sache fördern. Wenn man sich
nur in einigen wenigen Punkten vergliche, so sei das schon sehr
nützlich. .Außer an den Mainzer sollte diese Werbung an Trier,
Köln, Pfiilz, Salzburg, Würzburg, Bamberg, Straßburg, Augsburg,
Eichstädt, Bayern, Erich von Braunschweig und Jülich gerichtet
werden*). Sie war also für katholische und halbkatholische Stände
bestimmt. Außerdem trat dann aber sowohl der Kurfürst von
Brandenburg, wie Karlowitz auch an den Landgrafen heran ‘), und
1) Kf. an Ldgf. Jan. 4, Reg. H. ebenda.
2) Kf. an Ldgf. Jan. 8, Reg. H. p. 34-t, No. 135, Or. Albrecht von Mainz
an Türk Jan. 5, Reg. H. p. 394, No. 149, II, Kopie. I>dgf. an Kf. Jan. 9,
Reg. H. p. 344, No. 135, Or. Die Religiousartikcl Karlowitzcne vom 26. Dez.
1539 bei Neudecker, ürk., S. 636ff. Am 31. Dez. schrieb er ähnlich an den
Kf., Reg. H. p. 295, No. 121, I, Hdbf. Seckendorf, III, S. 211 f.
3) Reg. H. p. 321, No. 130, B. Kopie.
4) Kopie eines Briefes des Georg v. Karlowitz und Eustachius von Schlieben
an den Eurfürsten von Brandenburg vom 11. Februar wurde an den Ldgfen.
geschickt, kam aber durch ein Versehen in die Hände Johann Friedrichs, der sie
dann am 20. dem Ldgfen. sandte. (Reg. H. p. 321, No. 130 B, Kopie, und Reg.
H. p. 348, No. 136, Konz.) Karlowitz schrieb auch allein an den Ldgf. Febr. 12,
Digitized by Google
218
K&pitel II.
bei seinem Aufenthalt in Kassel wurde auch Johann Friedrich in
die Sache mithineingezogen. Es kam damals zwischen ihm, dem
Landgrafen und dem brandenburgischen Gesandten ein Abschied
zustande, durch den das weiter einzuschlagende Verfahren fest-
gelegt wurde.
Im Namen des Brandenburgers sollte eine Botschaft an den
Mainzer geschickt werden, ja auch persönlich wollten die branden-
burgischen Räte zu ihm ziehen, um ihn zu veranlassen, einen
Fürstentag zu bewirken, auf dem man über den Frieden, die Ver-
gleichung in der Religion und des Reichs Notdurft handeln solle.
Das Ausschreiben sollte im Namen von Mainz, Pfalz und Branden-
burg oder von Mainz und Brandenburg allein ergehen. Johann
Friedrich hatte gewünscht, daß erst vom Frieden und dann von der
Religionsvergleichung gehandelt würde, ließ sich aber schließlich
bestimmen, davon Abstand zu nehmen ‘).
Man hatte damals Grund zu hoffen, daß Kurfürst Albrecht
doch vielleicht auf den Plan eingehen würde. Gleichzeitig sollte
nach Ansicht Johann Fiiedrichs eine sächsisch-hessische Gesandt-
schaft die Sache bei Pfalz und Trier fördern*). Bald stellte sich
dann aber heraus, daß der Mainzer an dem Gedanken festhielt,
daß die Zustimmung des Kaisers notwendig sei, ja auch der
Brandenburger äußerte sich in ähnlichem Sinne, und was Kalenberg
beim Trierer erfuhr, war auch nicht sehr verheißungsvoll®). Johann
Friedrich war jetzt aber so für diese Pläne erwärmt, daß er auf
die Kunde von einem geplanten Tage der rheinischen Kurfürsten
in Gelnhausen <) sofort beschloß, ihn durch Jobst von Hain zu be-
schicken, um die Versammelten, resp. Köln, Trier und Pfalz zu
veranlassen, eine Zusammenkunft der vornehmsten Kurfürsten
und Fürsten des Reichs wegen des Zwiespalts in der Religion, des
Friedens im Reich u. s. w. zu befürworten. In Gelnhausen hatte
man aber gar nicht die Absicht, über diese Dinge zu sprechen, und
P. A. No. 536, BL 19/20. Die ganze brandenburgisch-karlowitzische Aktion ver-
diente wohl noch nähere Untersuchung.
1) Lenz, I, S. 139, No. 49.
2) Kf. an Ldgf. Febr. 20, Eeg. H. p. 348, No. 136, Konz.
3) Ldgf. an Kf. März 8, Reg. H. p. 348, No. 136. Benutzt bei Lenz, I,
8. 417. BeUage dazu Bericht Heinrichs von Kalenberg über seine Verhandlungen
mit Kurtrier. Ebenda auch die Antwort, die die brandenburgischen Gesandten
vom Mainzer erhielten. Ldgf. an Kf. März 4, Reg. H. p. 348, No. 136, Or.
4) VV’ilh. von Jülich an Kf. März 1, Reg. H. p. 290, No. 120, I, Or.
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der 8ot];e u. der üntemehmungslust 1536—41. 219
da Hain erst nach Schluß der Beratung eintraf, war er auch nicht
in der Lage, eine Einwirkung in dem von seinem Herrn gewünschten
Sinne herbeizuführen *). Man scheint nunmehr den Plan auch von
protestantischer Seite fallen gelassen zu haben, und als man dann
die Sicherheit erhielt, daß vom Kaiser im Ernst ein Versuch einer
Religionsvergleichung gemacht werden werde, wurden jene fürst-
lichen Bestrebungen ganz überholt. —
Schon Ende des Jahres 1539 hatte man in protestantischen
Kreisen auf den Brief Lundens hin mit den Vorbereitungen zum
Keligionsgespräch begonnen. Johann Friedrich griff die Anregung
des Erzbischofs sofort auf und schrieb schon am 25. Dezember an
Brück, daß die Verbündeten sich darüber einigen müßten, was in
der Religionssache mit Gott und Gewissen bewilligt werden könne.
Er empfahl, daß die Bundesstände zu diesem Zwecke ihre Theo-
logen nach Schmalkalden mitbrächten ’). Am 26. Dezember forderte
er den Landgrafen auf, demgemäß an die oberländischen Stände
zu schreiben®), während er selbst am 4. Januar 1540 eine ent-
sprechende Anregung an die sächsischen Bundesstände ergehen
ließ®). Schon am 29. Dezember machte der Kurfürst von diesen
Plänen und Schritten auch den Wittenberger Theologen Mitteilung
und forderte sie auf, zu überlegen, wie man zu einer Vergleichung
kommen könne. Er stellte ihnen anheim, mit den Theologen der
anderen Stände, die er namentlich auffübrte, ihre Bedenken aus-
zutauschen oder eine Zusammenkunft mit ihnen zu halten, was er
für das Beste halten würde. Jedenfalls sollten sie, und zwar, wo
möglich, auch Luther, zur Zeit des Schmalkaldener Tages nach
Eisenach kommen®).
Die Theologen sind offenbar über diesen Auftrag nicht besonders
erfreut gewesen. Den Gedanken der Theologenzusammenkunft
lehnten sie am 7. Januar ab, erklärten einen Austausch von Gut-
achten für genügend; auf die Fiage, worin man nachgeben könne,
wiesen sie jedes Flickwerk in der Lehre und in den nötigen äußer-
1) InRtruktion für Hain vom 8. März, Reg. H. p. 321, No. 130 B, Konz.
Lenz, I, S. 417. Heinrich von Kalenberg an Ldgf. März 25, R^. H. p. 394,
No. 149, II, Kopie.
2) An Brück, Dez. 25, Reg. H. p. 275, No. 116, Konz.
3) Reg. H. p. 243, No. 106.
4) Ebenda.
5) C. R. III, 86911.
Digitized by Google
220
Kapitel II.
liehen Sachen, wie Privatmesse, Heiligenanmfung etc., zurück, nur
über die Mitteldinge wollten sie ihre Ansicht noch mitteilen. Nach
Eisenach zu kommen, erklärten sie sich bereit, Luther wollte noch
selbst darüber schreiben'). Das ausführlichere Bedenken wurde
dann am 19. Januar dem Kurfürsten übersandt, auch jetzt schlugen
weder der Begleitbrief Luthers*) noch der der anderen vier Theo-
logen®) einen besonders friedlichen Ton an. Luther ließ auch
ziemlich deutlich merken, daß seine Anwesenheit in Schmalkalden
ihm unnötig erscheine. Auch die Versammlung der Föderierten
schien ihm unnütz, schriftliche Verhandlung genüge. In dem aus-
führlichen Gutachten der Wittenberger wurde auch wieder die obige
Dreiteilung vorgenommen, auch jetzt nur eine Nachgiebigkeit in
den äußerlichen Mitteldingen, wie Kirchengesang, Feiertage, bischöf-
liche Gewalt u. dgl., für möglich erklärt, auch diese aber nur,
wenn die übrigen wichtigeren Artikel angenommen seien und die
Verfolgung der Evangelischen durch die Bischöfe aufhöre. Sehr
scharf äußerten sich die Theologen gegen das Papsttum'). Der
Kurfürst erklärte sich am 25. mit dem Bedenken, soweit er es
bis dahin hatte lesen können, sehr einverstanden und forderte
gleichzeitig die Theologen zu eifrigem Gebete auf, damit Gott ihn
und seine Verbündeten in diesen wichtigen Sachen leite, schütze
und stärke. Ferner befahl er ihnen, zu der bestimmten Zeit in
Weimar zu sein, um mit nach Schmalkälden zu gehen®). Luther
dispensierte er davon, bat ihn aber, wenigstens nach Eisenach zu
kommen, damit er in der Nähe wäre, um Abwege, wie die Bucers
und des hessischen Kanzlers vor einem Jahre in Leipzig, zu ver-
hüten®). Später hat sich Johann Friedrich jedoch auch damit ein-
verstanden erklärt, daß Luther fern bleibe und nur schriftlich sein
Gutachten überreiche’).
Ebenso wie die Wittenberger Theologen waren natürlich
auch die der anderen Bundesstände in dieser Zeit mit den Vor-
1) C. R. III, 920 ff.
2) Vom 18. Jan., de W. V, 2,')8 f. Erl. 55, 275 f.
3) Vom 19. Jon., Reg. U. p. 295, No. 121, toI. III, gegen Ende, Or. Akteost.
No. 36.
4) C. R. III, 926—945.
5) Kf. an Jona«, Bngenbagen, Cruciger und Melanchthon Jan. 25, Reg. H.
p. 295, No. 121, I, Konz. Anfang in C. R. III, 926. Aktenst. No. 37.
6) Burkhardt, Briefwechsel, S. 342 f.
7) Kf. an Luther Febr. 20. Burkhardt, a. a. O. S. 347.
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der Unternehmungslust 1536 — 41. 221
bereitungen für das Religionsgespräch beschäftigt ^), auch ein Aus-
tausch der Bedenken fand statt. So konnte der Landgraf das der
Wittenberger schon am 25. Januar an Bucer schicken’). Manche
mögen aber auch ihre Gutachten nur nach Schmalkalden mit-
gebracht haben. Dort wurden dann am 8. März die versammelten
Theologen beauftragt, ein Bedenken zusammenzutragen, „uf was
maß nnd weg mit den gegenteiligen in der religion Vergleichung
fnrzenemen sein solt“. Sie haben sich darauf einfach alle auf das
Wittenberger Gutachten geeinigt und dieses am 11. März über-
geben*). Die Stände nahmen es unverändert an.
Die Anwesenheit der Theologen in Schmalkalden ist dann
gleich zu allerhand anderen Verhandlungen benutzt worden. Einer
der Punkte, die von Amstadt auf den neuen Bundestag verschoben
worden waren, war ja die Frage der Kirchengüter. Noch am
16. Januai- nahm Bmck an, daß niemand gegen Bucers Bedenken
darüber etwas werde einzuwenden haben*), in Schmalkalden sind
aber doch von Melanchthon neue Artikel über diese Frage auf-
gesetzt worden*). Sie wurden ebenfalls von den anderen Theo-
logen acceptiert und mit dem anderen Bedenken übergeben®). Die
Bundesversammlung verhandelte über die Frage am 13. März und
übergab sie dem Ausschuß zu weiterer Erwägung. An dessen Gut-
achten vom 15. wurden vom Plenum und auch von Johann Fried-
rich persönlich noch einige Aenderungen vorgenommen, dann wurde
es von allen Ständen, außer Pommern und Württemberg, acceptiert
und dem Abschied eingefügt Der in» dieser Weise zustande
1) Ein heesiachee Gutachten vom 4. Febr. bei N eudecker, Aktenat., S. 177
— 192. Ueber Württemberg vergL Heyd , III, b. 219 f., ein herzoglich aächsiBches
in Reg. H. p. 295, No. 121, I. Brück äußert eich in Brief an Kf. vom 23. Febr.
darüber.
2) Lenz, I, S. 131, No. 44.
3) P. C. III, 33/34.
4) An Ldgf. Reg. C. No. 292, BI. 22 f., Konz. P. A. Sachsen, Emeetinische
Linie, Or.
5) C. R. IV, 1040 ff. Bindseil, S. 142 ff. ZWTh. 50, 374 ff. Vergl.
Heyd, III, 8. 221.
6) Cruciger an My conius, B i n d s e i 1 , S. 147 f.
7) P. C. III, 35 — 38. Die Räte an Kf. März 13. 16, Reg. H. p. 295,
No. 121, II, Or. Man strich die Bezeichnung des Kaisers als Verfolgers der
christlichen Kirche, auch die ausdrückliche Erwähnung von Hamburg und Minden
als solcher Städte, die zur Unterhaltung ihrer Pfarrer Stiftegüter an sich ge-
nommen hätten. Der Kf. an die Räte März 17, ebenda, Or. Seine Aenderung
betraf den Satz über die Ansammlung eines Komvorrate. (Bind seil, S. 144.)
Digitized by Google
222
Kapitel n.
gekommene Beschluß sah die Verwendung der Kirchengüter 1) für
Pfarrer und andere Kirchendiener, 2) für Schulen und 3) für Hospi-
täler, Armenpflege und Stipendien vor. Ueber ihre Verwendung
zu staatlichen Zwecken äußerte man sich nur unbestimmt dahin,
daß, wenn etwas übrig bliebe, die Obrigkeiten wissen würden damit
so umzugehen, daß sie es gegen Gott, alle Ehrbarkeit und jeden
Unparteiischen zu verantworten wüßten und wie es die Schuldigkeit
christlicher Obrigkeit sei. Der Abschied bestimmte außerdem noch,
daß man nachforschen solle, wie die papistischen Nachbain der
einzelnen es mit den geistlichen Gütern hielten, und daß schriftliche
Berichte darüber verfaßt werden sollten*).
Die Theologen benutzten ihre Anwesenheit, um an die regel-
mäßige Abhaltung von Synoden und Visitationen zu erinnern *) und
um ein Gutachten gegen Schwenckfeld und Sebastian Pranck einzu-
reichen*). Wir Anden jenen Wunsch im Abschied berücksichtigt,
er wird den Ständen zur Nachachtung empfohlen. Die Theologen
baten ferner um Abschaffung noch bestehender unchristlicher Miß-
bräuche, der Messe, der Sakramentshäusel, Altäre, ärgerlichen Bilder
und Gemälde*). Auch zur Berücksichtigung dieses Wunsches
forderte der Abschied auf. Zu weiteren theologischen Beratungen
gaben endlich die Verhandlungen mit England Anlaß. —
Dölzig und Burchard waren am 28. Dezember in Dover an-
gekommen. Die Eindrücke, die sie hatten, waren nicht ungünstig.
Die Hauptdifferenz, die sich bei den Verhandlungen zwischen ihnen
und dem Könige ergab, bestand darin, daß dieser erst eine politische
Verbindung wünschte und dann Religionsverhandlungen, während
für die Protestantan die religiöse Uebereinstimmung Vorbedingung
des Bundes war. Im übrigen waren die sechs Artikel zwar noch
nicht aufgehoben, aber auch noch nicht ausgeführt, die beiden ge-
fangenen Bischöfe wurden gut behandelt, Cromwells Einfluß war
groß. Er empfahl, daß die Protestanten vor April, wo wieder ein
Parlament stattflnden sollte, eine „treffliche“ Botschaft, bei der sich
auch Melanchthon befände, senden sollten. Auf religiösem Gebiete
blieb die Haltung des Königs in der Frage der Priesterehe, der
Kommunion sub utraque und der Privatmesse nach wie vor der der
1) Abschied vom 15. April 1540, Reg. H. p. 295, No. 121, C. IV.
2) Begleitbrief zu dem großen Bedenken vom 10. März. Bindseil, S. 146 f.
3) C. R. III, 983-986. Vergl. Bindseil, S. 149, No. 196.
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der Untemehmangfiluat 1536 — 41. 223
Protestanten entgegengesetzt. Heinrich VIII. war der Meinung,
daß sie hier zu weit gegangen seien und sich im Irrtum befänden ;
doch bat er, daß man ihm und den Seinen über diese Artikel
schreibe und ihm die Gründe der protestantischen Auffassung dar-
lege. Die Seinigen würden dann antworten. Käme man so zu
einer Vergleichung, so werde der König, so war wenigstens Crom-
weUs Auffassung, gein eine namhafte Summe Geldes anlegen, die
den Protestanten im Falle der Not dienlich sein könne. Heinrich
wünschte aber, nicht nur in Religions-, sondern auch in Profan-
sachen ein Bündnis mit den Ständen zu schließen, und war höchst
venvundert, als er hörte, daß die Stände nicht einmal selbst in
äußerlichen Sachen verbunden seien*).
Ueber alles das erstatteten die Gesandten am 7. März in
Schmalkalden Bericht Die meisten Stände erklärten sich darauf
für eine weitere Gesandtschaft nach England, um einen religiösen
Vergleich herbeizuführen, von dem Bündnis dagegen wollten sie
zunächst nichts wissen. Auf Antrag von Sachsen und Hessen
wurden die anwesenden Theologen beauftragt, eine Schrift zu ver-
fassen, in der die Meinung des Königs über Priesterehe, Kom-
munion und Privatmesse widerlegt werde. Würde der König da-
durch nicht überzeugt, so könnte ein englisch-deutscher Theologen-
konvent veranstaltet werden in Hamburg oder Bremen, Jülich,
Geldern oder England. Die Theologen übernahmen am 8. März
die Abfassung der Schrift, wir finden Melanchthon am 13. mit dem
Artikel über die Priesterehe beschäftigt, am 15. wurde das Gut-
achten schon den Ständen vorgelegt, doch sind die Theologen erst
am 16. völlig mit ihrer Arbeit fertig geworden. Sie hatte sich
zu einer ziemlich langen Schrift ausgewachsen, in der die 4 Artikel
von der Privatmesse, von beider Gestalt, von den Gelübden und
von der Priesterehe gründlich traktiert wurden. Am 15. März hat
man auch noch einmal über die Bündnisfrage verhandelt und be-
schlossen, daß ein solches nur möglich sei, wenn die Einheit im
1) Vor allem nach dem Bericht der Geeandten vom 7. März. Reg. H.
p. 260, No. 111, vol. II. P. C. III, 8. 32 f. Dazu eine Aufzeichnung Dölzigs
für Burchard vom 20. Febr., Reg. H. ebenda. Ferner Dölzig und Burchard an
Kf. 1539 Dez. 28, ebenda vol. III. Dölzig an Kf. 1540 Jan. 24. 25. ebenda.
Rekreditiv vom 18. Jan. ebenda vol. I. 8tern, FDG., X, 8. 497 ff. Ueber die
gleichzeitige Sendung Baumbachs durch den Landgrafen vergl. Merriman, I,
8. 264 ff. 277 ff. Lenz, I, 8. 409f. 420f.
Digitized by Google
224
Kapitel II.
Glauben hergestellt sei. Eine Sendung von Gelehrten an den
König hielt man vorläufig nicht für nötigt).
Den Schmalkaldener Beschlüssen entsprach der Begleitbrief, mit
dem der Kurfürst und Landgraf am 14. April die große Schrift an
Heinrich VIII. absandten. Sie lehnten ein Bündnis in weltlichen
Sachen ab, weil der Bund der Protestanten selbst sich nicht auf
solche beziehe. Sie beide allein könnten auch nicht gut über ein
solches verhandeln. Früher sei ja auch nur von einem Bund in
Sachen des Glaubens die Rede gewesen, durch das Edikt des
Königs seien diese Verhandlungen gestört worden. Sie seien aber
jetzt bereit, sie wieder aufzunehmen, da das Edikt nicht aus-
geführt worden sei. Einstweilen übersendeten sie die 4 Artikel,
aber auch mit einer Theologenkonferenz seien sie einverstanden*).
Man hat von englischer Seite auf diese Aeußerungen der
Protestanten eine etwas kühle aufschiebende Antwort erteilt*),
auch während des Hagenauer Tages die Verbindung noch aufrecht
zu erhalten gesucht*). Bald hörten die Protestanten dann aber
doch, daß die Ausführung des Edikts beginne®), und als dann gar
die Scheidung des Königs von Anna und die Hinrichtung Crom-
wells erfolgte, war wenigstens für Johann Friedrich die Brücke
nach England für lange Zeit abgebrochen®). —
Man könnte aus dem Eifer, mit dem in Schmalkalden über
die Religionsvergleichung gehandelt worden ist, schließen, daß die
Hoffnung auf das Zustandekommen und den Erfolg eines Religions-
gesprächs damals die Grundstimmung der Protestanten gewesen
1) P. C. III, 33. 38. Stern, a. a. O. S. 502 ff. Die Räte an KL März 13.
und 16, Reg. H. p. 295, No. 121, II, Or. Von den 4 Artikel sind 3 zu finden in
C. R. XXIII, 667 ff., der de votis in Reg. H. p. 99, No. 42, vol. III. Vergl.
Seckendorf, III, 8. 112. Meine Wittenberger Artikel, 8. 2, Anm. 4.
2) Kf. und Ldgf. an Heinrich VIII., C. R III, 1005 ff. Die Entwürfe sind
vom 12. datiert, der König datiert den Brief in seiner Antwort aber vom 14.
Engl. Uebers. ba Strype, EccL mem. VI, 8. 194 ff., App. No. CXI. Der Kf.
schrieb gleichzeitig auch an Cranmer und an Cromwcll, Reg. H. p. 165, No. 78.
3) Der König an Kf. Juni 1, Reg. H. p. 313, No. 128, Or. 8eckendorf,
III, 8. 261. Cranmer an Kf. Mai 10, ebenda, Or. Seckendorf, a. a. O.
4) Kredenz für Mont an Kf. und Ldgf. Juni 30, Reg. H. p. 304, No. 125, I,
«leutsche Kopie. Kf. an seine Räte in Hagenau Juli 13, ebenda vol. V, Or.
5) Kf. an Ldgf. Juni 9, Reg. H. p. 352, No. 137, Konz., Zettel.
6) Wilh. V. Jülich an Kf. Juli 13, Reg. H. p. 260, No. 111, vol. III, Or.
Dort auch weitere Korrespondenzen über die Sache. Kf. an Ldgf. Aug. 4, Reg. C.
No. 475, Konz.
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge a. der Untemehmungsluat 1536 — 41. 225
sei. So ganz würde das aber doch nicht den Tatsachen ent-
sprechen. Wenigstens die Bundeshftupter waren voller Besorgnis
und hielten auch militärische Vorkehrungen noch für nötig. Um
ihre Stimmung zu verstehen, müssen wir jedoch zunächst noch
einen Blick auf die jülichschen Verhältnisse werfen. —
Nach dem Braunschweiger Tage wäre es die Aufgabe des
Herzogs von Jülich gewesen, seine Forderungen etwas genauer zu
spezialisieren, überhaupt auf den Bescheid, den seine Gesandten
in Braunschweig erhalten hatten, zu antworten. Johann Friedrich
hat es nicht an Bemühungen fehlen lassen, ihn dazu zu bestimmen,
immer wieder machte er ihn auch darauf aufmerksam, wie not-
wendig es für ihn sei, sich einen „Rücken zu machen“ *), aber er
stieß stets auf taube Ohren. Der Herzog glaubte im Gefühl seines
Rechtes nicht daran, daß ihm von den Burgundern irgend welche
Gefahren drohten *), ja, im August 1538 gewann eine ähnliche An-
schauung auch bei den Führern der Protestanten Boden, da die
Erklärungen, die damals die Gesandten Marias in Deutschland ab-
gaben, und ihre Aufforderung, daß der Kurfürst von Sachsen und
andere deutsche Fürsten vermitteln sollten, nicht gerade für kriege-
rische Absichten sprachen. Auch die Königin betonte allerdings die
üeberzeugung der Habsburger von ihrem Rechte*).
Der Gedanke einer friedlichen Beilegung des Streites war natür-
lich sehr nach dem Geschmacke Johann Friedrichs, doch war er im
1) 1538 Mai 2, Bendung von Georg v. d. Planitz an den Hz., R<^. C. No. 850.
Kf. an Hz. Johann Aug. 9, Reg. C. No. 851.
2) Antwort an Planitz 1538 Mai 17, Reg. C. No. 850.
3} Hz. Johann an Kf. 1538 Juli 18. Kf. an Johann Aug. 9, Reg. C. No. 851.
KL an eeine Räte in Eisenach Aug. 6, Reg. H. p. 170, No. 80, I, Or. Deren
Antwort vom 7. ebenda. Kredenz der Kgin. Maria an KL für Erichsen Juli 23,
Reg. C. No. 851. Heidrich, B. 14. Kredenz für Navee an den Ldgf. von dems.
Tage, Dnller, Neue Beiträge, B. 25. Instruktion der Kgin. für ihre Ges. Juli 26.
Lanz, Staatspapiere, B. 281 ff. Die für Erichsen stimmt gröOtenteils damit
überein. Reg. C. No. 851, Or. Jedenfalls gehört das Stück ins Jahr 1538. Ldgf.
an Kf. Aug. 17, ebenda, Or. Da Antwort auf Brief des Kf. vom 19., wohl auf
den 24. zu datieren. Philipp faßte die Bendung der Kgin. nach diesem Brief
mehr als ein Mittel auf, die Protestanten „auszulemen“. Kf. an Ldgf. Aug. 19,
ebenda, Konz. P. A. Sachsen, Emestin. Linie, 1538, Or. Heidrich, B. 14.
Werbung Erichsens und Antwort darauf vom 19., R^. C. ebenda. Instruktion
des Kf. für Dölzig und Planitz an Hz. Johann und Wilhelm Aug. 20, Reg. C.
No. 852, Bl. 3—8, Or. Heidrich, S. 9. Brück an KL Aug. 20, ebenda
Bl. 32 L, Hdbf.
IJeiträsc zur neueren Geschichte Thhrinzens I, a. 15
Digitized by Google
226
Kapitel II.
ganzen mehi‘ dafür, daß die Kurfürsten von Köln und von der Pfalz
die Vermittlung übernähmen und er nur dem Herzog mit seinem Rat
beistehe. Seinen Räten Dölzig und Planitz, die er am 20. März an
den Herzog von Jülich sandte, gab er auch schon eine Instruktion
an Köln und Pfalz mit, in der er den Nutzen hervorhob, den die
Erwerbung Gelderns durch Herzog Wilhelm für das Reich habe,
und auf die Gefährlichkeit der Sache hinwies. Dem Herzog selbst
ließ der Kurfürst von neuem empfehlen, sich, auch wenn es zu
gütlichen Unterhandlungen käme, einen Rücken zu machen, ja er
stellte ihm die Stimmung und Hilfsbereitschaft des Landgrafen
ungünstiger dar, als sie war, damit er sich nicht zu sicher fühle *).
Johann hielt aber trotz alledem an seiner alten Sorglosigkeit fest,
lehnte auch eine Zusammenkunft mit dem Kurfürsten für jetzt ab-).
Als aber dann der König von Frankreich mit allerhand Werbungen
an ihn herantrat, ihm auch eine Vermählung seines Sohnes Wilhelm
mit einer französischen Prinzessin in Aussicht stellte, stach ihm
das doch in die .lugen*). Der Kurfürst dagegen ist zunächst von
diesem Plane nicht sehr entzückt gewesen, da er die gütlichen
Verhandlungen störe, zum mindesten empfahl er, die Heiiats-
verhandlungen etwas in die Länge zu ziehen ‘).
Mit besonderem Eifer widmete er sich in den nächsten
Monaten der Vermittlung zwischen Jülich und Lothringen, in
Köln sollte eine Tagung deswegen stattfinden. Vor allem durch
Schuld .Intons von Lothringen ist daraus aber schließlich nichts
geworden*), .luch mit der Haltung des Herzogs von Jülich konnte
allerdings der Kurfürst nicht sehr zufrieden sein. Er verweigerte
noch immer eine persönliche Zusammenkunft, hielt überhaupt au
seiner kurzsichtigen Zurückhaltungspolitik fest*). Wenn Johann
1) Instruktion für Dolzig und Planitz an die Hzge. Aug. 20, an Köln und
Pfalz Aug. 20, Heg. C. No. 852, Bl. 3 — 8. 28—31. Kf. an Dolzig und Planitz
Aug. 21, ebenda Bl. 34 f., Konz.; Sept. 1, ebenda Bl. 4Ö— 49. Heidrich, S. 14.
2) Dolzig und Planitz an Kf. Sept 6, ebenda Bl. 76 — 81, Or. von Planitz
Hand. Bl. 88 — 89 die herzogliche Antwort
3) Instruktion der Hze. fUr Udenheimer Aug. 23, ebenda Bl. 35, '36, Or.
Seine Werbung Sept 8, ebenda Bl. 98 — 104.
4) Kf. an Dolzig Sept. 12, Reg. C. No. 853, Or.
5) Vergl. darüber Heidrich, S. 15 ff.; P. C. II, 516. 525 ff.; Reg. C.
No. 849, Bl. 30, 853. 854 und \V'. von Fürstenberg an Kf. 1539 Jan. 6, Reg. H.
p. 272, No. 115.
6) Relation von Kreuz an Kf. ükt 23, Reg. C. No. 853, Or. Heidrich,
S. 12. Below, I, S. 247, 3. Seine Unzufriedenheit mit den Jülichem bringt Kt
Digitized by Google
Band n. Reich: Die Jahre der Sorge u. der UntemehmaDgelast 1536 — 41. 227
Friedrich trotzdem die Verbindung mit dem Herzog so eifirig
suchte, so werden wir das nur aus der Ueberzeugung erklären
können, daß ein Angriff des Kaisers auf Geldern und Jülich wahr-
scheinlich nur Vorspiel eines Kampfes gegen die Protestanten sein
werde. Besonders lebhaft sind diese Befürchtungen Anfang 15.39
gewesen^). Sie bewirkten damals, daß der Kurfürst neue Versuche
machte, den Herzog in ein engeres Verhältnis zum schmalkaldischen
Bunde zu bringen. Er ließ ihm durch Dölzig empfehlen, einen Ver-
trauten nach Frankfurt zu schicken, um mit den Schmalkaldenem
über seinen Eintritt in den Bund zu beraten oder wenigstens mit
den Fürsten über ein Sonderbündnis’). In späteren Aufträgen
an Dölzig betonte Johann Friedrich besonders noch die Notwendig-
keit, daß der Herzog mit den Schmalkaldenem vor dem Beginn
der Frankfurter Friedensverhandlungen abschließe, damit die Pro-
testanten ihm nicht durch diese ganz „abgestrickt“ würden’). Diesen
Wunsch hat nun Herzog Wilhelm, der eben die Nachfolge seines
Vaters antrat, zwar erfüllt, seine Gesandten hatten aber nur den
Auftrag, den protestantischen Ständen die Rechtmäßigkeit seiner
Ansprüche darzulegen und sie um ihre Vermittlung und Ver-
wendung beim Kaiser etc. zu bitten, von einem Bund war nicht
die Rede*).
Johann Friedrich hatte über einen solchen inzwischen schon
Verhandlungen begonnen. Er legte den Ständen die Frage vor,
ob man den Herzog in den Bund aufnehmen solle, wenn er das
Evangelinm in seinem Lande predigen ließe, ferner ob man, wenn
er das nicht täte, ein Nebenverständnis mit ihm schließen solle.
Die Gesandten sollten sich darüber zu Hause Bescheid holen. Er
lautete z. B. für Straßburg dahin, daß beim Uebertritt des Herzogs
r, B. in Brief an Ldgf. vom 18. Dez. zum Ausdruck, Reg. H. p. 211, No. 95,
Eodz.
1) Ldgf. an Kf. 1539 Jan. 1, Keg. C. No. 855, 4—6. Heidrich, 8. 16, 2.
Kf. an Ldgf. Jan. 12, Reg. C. ebenda BL 18 — 20. Ldgf. an Kf. Jan. 19, R^. H.
p. 272, Na 115, Or. Vergl. auch das Bedenken des Kf. über die Gegenwehr von
Jan. 12. Vergl. S. 174 f.
2) Instruktion für Dolzig vom 14. Jan., Reg. C. No. 855, BL 36 — 44.
Heidrich, 8. 31.
3) Kf. an Dolzig Jan. 18, ebenda BL 69/70, Konz.
4) Hz. Wilhelm an die in Frankfurt versammelten IMirsten und Stände.
Kredenz für seine Gesandten, Reg. C. No. 855, BL 76, Or. Schrift, die sie über-
reichten, ebenda BL 77—88. Heidrich, 8. 23.
15*
Digitized by Google
228
Kapitel II.
die Aufnahme unbedenklich zu erfolgen habe, sonst nur, wenn der
Bund überhaupt auf weltliche Sachen ausgedehnt werde ^).
Die Verhandlungen mit den jQlichschen Gesandten zeigten
dann aber, daß derartiges überhaupt nicht in Frage kam. Wohl
gestand der Herzog zu, daß es beschwerlich sei, daß er in dieser
Sache keinen Bückhalt habe, aber gegen den Eintritt in den Bnnd
erklärte er doch Bedenken zu haben, 1) weil er keine genauere
Kenntnis von der Religion und dem Bündnis der Protestanten
habe, 2) aus Rücksicht auf seine Nachbarn, 3) weil der Kaiser
dann vielleicht die Protestanten als parteiisch als Richter ablehnen
werde, während andererseits die Katholiken dann dem Herzog ab-
günstig sein würden*). Auch jetzt noch bewegte er sich also in
der Hlnsion, daß die geldrische Frage sich gütlich werde beilegen
lassen. Nicht auf die Unterstützung der Protestanten, nur auf ihre
Verwendung beim Kaiser kam es ihm an. Diese ist am 10. April
erfolgt®). Ohne ein Urteil über die Sache zu fällen, forderten
sie darin den Kaiser zur Milde auf, erklärten sich auch zur Ver-
mittlung bereit, wenn jener sie wünsche. Noch lieber aber wäre
es ihnen, wenn der Kaiser den Herzog einfach mit Geldern und
Zütphen belehnte, wobei sie auch darauf aufmerksam machten, daß
der Herzog Geldern vom Reich als Lehn empfangen wolle. Mit
diesem Gedanken suchte der Kurfürst auch sonst zu wirken. Er
empfahl deswegen z. B. dem Herzog, als er nach dem Frankfurter
Tage Johann v. Droff zu ihm schickte*), den Wormser Tag zu be-
schicken und sich auch für Geldern und Zütphen für den Tflrken-
krieg anschlagen zu lassen, damit alle merkten, daß er diese Ge-
biete wieder zum Reich bringe®).
Ein anderes Mittel, durch das damals Johann Friedrich für den
Herzog zu wirken suchte, wai-, daß er die geldrische Sache mit der
Wahlsache verband. Eifrigst war er außerdem bemüht, ihn zur An-
nahme des Protestantismus zu bestimmen, teils aus propagandistischen
1) P. C. U, 549. 653«. Meinardus, FDG. XXII, a 645.
2) Aufzeichnung der jülichscben B&te für den Kf. März 11, Reg. C. No. 868,
I, BL 23/24.
3) Deutschee Konz, in Beg. C. No. 855, Bl. 96 — 99, lateinische Uebersetzung
ebenda BI. 94,95. Heidrich, 8. 23, 6. Auch an Lund schrieb man, BL 106 — 108.
4) Ursprünglich hatte er selbst den Herzog besuchen wollen, der Frankfurter
Tag dauerte dann aber zu lange.
5) Kf. an Hz. Wilhelm April 20 und 21, Reg. C. No. 855, BL 116 f. 121
— 124, Konz.
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der UntemehmmigBlust 1536—41. 229
Gründen, teils aber anch, um die Unterstützung Jülichs durch die
Protestanten zu erleichtern ‘). Auch jetzt blieben diese Bemühungen
vergeblich, auch auf Mila zurückgehende Warnungen vor Umtrieben
und Verrätereien in Geldern ignorierte der Herzog zunächst, mußte
sich später allerdings davon überzeugen, daß sie doch nicht so
ganz unbegründet gewesen waren. Er hatte damals seine Hoffnung
auf direkte Verhandlungen mit Maria in Brüssel gesetzt*).
Trotz aller dieser Schwierigkeiten ließ man auf protestantischer
Seite nicht locker. Johann Friedrich wurde in seinen Bestrebungen
vom Landgrafen bestärkt, der besonders eine persönliche Zusammen-
kunft des Kurfürsten mit dem Herzog für empfehlenswert hielt®).
Der Kurfürst war bereit dazu *), doch dauerte es noch Monate, bis
der Plan zur Ausführung kam.
Im Sommer lö39 verhandelte man besonders über die englische
Heirat. Durch den Frankfurter Anstand wurde damals ja eine Er-
weiterung des Bundes verhindert. Als er zu Ende ging, trat Johann
Friedrich aber sofort wieder mit den alten Vorschlägen an Herzog
Wilhelm heran, empfahl ihm anch die Beschickung des .4mstädter
Tages®). Wilhelm war damals aber ganz von den irenischen Be-
strebungen erfüllt, die er mit Kurtrier zusammen begonnen hatte,
auch für ein Bündnis mit dem Kurfürsten und England wäre er wohl
zu haben gewesen. Alle diese Bestrebungen konnten nun benutzt
werden, um wenigstens die geplante Zusammenkunft endlich zur
Ausführung zu bringen. Vor allem waren allerdings die Gefahr der
Lage, die Notwendigkeit, dagegen Vorkehrungen zu treffen, und der
Wunsch, eine Verbindung zwischen dem Herzog und den Schmal-
kaldenern herbeiznführen, die Gründe, die Johann Friedrich anführte,
als er seinen Schwager durch Dölzig zu einer Zusammenkunft in
Paderborn oder Soest vor oder nach Weihnachten einladen ließ*).
Tatsächlich ging Wilhelm diesmal auf den Plan ein. In den
weiteren Korrespondenzen berührt dann der Kurfüi-st auch den
1) Siehe 8. 238 Anm. 5. Vielleicht gehört in dieee Zeit daa Gutachten
Melanchthone bei Redlich, I, S. 306 ff.
3) AUea nach den Korreapondenzcn in Reg. C. No. 866. Ueber die Brüaaeler
Verhandlung vergl. Heidrich, S. 24 f.
3) Ldgf. an Kf. Juni 16, Reg. H. p. 278, No. 117, Or. Lenz, 1, S. 84, 2.
Heidrich, 8. 30, 3.
4) Kf. an Ldgf. Juni 29, Konz., ebenda. Or. in P. A., Emeatiner, 1539 Juli.
5) Kf. an Hz. Wilhelm Okt 20, Reg. C. No. 866, Bl. 58-60, Konz.
6) Instruktion für Dölzig vom 14. Nov., Reg. H. p. 260, No. 111, vol. II,
Or. Heidrich, 8. 31.
Digitized by Google
230
Kapitel II.
friedlichen Stillstand und das vorgeschlagene Bündnis mit England
als Gegenstände, über die auf der vom Herzog schließlich nach Pader-
born auf den 4. Februar angesetzten Zusammenkunft verhandelt
werden sollte. Außerdem benutzte er die Gelegenheit immer wieder,
um den Schwager in protestantischem Sinne zu beeinflussen*).
Der Moment wäre für ein Bündnis mit Jülich insofern sehr
günstig gewesen, als der Landgraf gerade außerordentlich für diesen
Gedanken erwärmt war und für dringend notwendig hielt, daß man
Jülich und Geldern gegen den Kaiser verteidige, auch wenn der
schmalkaldische Bund als solcher nicht dafür zu gewinnen sei. Er
entwarf am 1. Januar einen großen Rüstungsplan, an dem Däne-
mark, der Kurfürst, Herzog Ulrich, Heinrich von Sachsen, Lüne-
burg, Jülich und er selbst, vielleicht auch Straßburg, Kurtrier und
Münster beteiligt sein sollten, um ein Heer von 20000 Mann zu
Fuß und 5000 Pferden aufzustellen und sich so gegen alle etwaigen
Angriffspläne des Kaisers zu wappnen *). Der Kurfürst war an
sich mit dem Plane sehr einverstanden, bezweifelte auf Grund seiner
bisherigen Erfahrungen aber, daß der Herzog von Jülich dafür zu
haben sein werde®). Fürchtete doch Johann Friedrich damals so-
gar, daß Herzog Wilhelm Geldern dem Kaiser ohne Schwertstreich
überlassen und ihm dadurch die Möglichkeit geben werde, sein
Kriegsvolk direkt gegen die Protestanten zu wenden.
Selbst dieser Gedanke aber schreckte Philipp nicht, er dachte
an eine Gewinnung Englands für die Verteidigung Geldems und an
eine Mobilmachung der geldrischen Bevölkerung, um den Kaiser
5 — 6 Jahre mit einem geldrischen Krieg zu beschäftigen*). Zu-
nächst aber hielt er an seinen Rüstungsplänen im Bunde mit Geldern
fest, und auch die damaligen Verhandlungen über die Friedens-
aktion faßte er wohl vor allem als ein Mittel auf, nach Beilegung
1) Dolzig au Kf. Nov. 29, Reg. H. ebenda, Hdbf. Kf. an Hz. v. Jülich
Dez. 14, Reg. C. No. 866, BL 82—85, Konz. Heid rieh, S. 33. Mit Zettel,
ebenda 91, sandte der Kurfürst dem Herzog ein kleines Buch zu: ,wie christliche
Obrigkeit schuldig sei, in ihren Landen rechte christliche Lehre aulznrichten und
Abgötterei und falsche Lehre auszurotten“, Molanchthon hatte es lateinisch ver-
faßt, Mag. Georg Major ins Deutsche übersetzt Vergl. C. R. III, 773. 803 und
824. Es handelt sich um die Schrift de officio principum . . . 1539. In der
Jenaer Bibliothek finde ich nur dne üebersetzung von Veit Dietrich.
2) Ldgf. an Kf. 1540 Jan. 1, Reg. H. p. 344, Na 135, Or.; benutzt bei Banke,
IV, 8. 130.
3) Kf. an Ldgf. Jan. 4, ebenda, Konz.
4) Ldgf. an Kf. Jan. 3, Reg. H. p. 344, No. 135, Or. Lenz, I, S. 411.
Digitized by Google
Bund n. Reich; Die Jahre der Sorge u. der Unternehmungslust 1536 — 41. 2.31
aller kleineren Streitigkeiten den Widerstand gegen den Kaiser
und die Verteidigung Jülichs zu erleichtern*).
Der Kurfürst ist auf diese und andere Anregungen des Land-
grafen nicht näher eingegangen. Er hielt für nötig, daß man sich,
ehe- man irgendwelche weiteren Pläne entwarf, zunächst einmal über
die Absichten des Herzogs von Jülich klar werde, und dazu sollte
nun eben die Paderbomer Znsammenkunft dienen. Unterwegs be-
suchte er den Landgrafen, und sie sprachen vor allem über die
jülichsche Sache. Eine Reihe von Entwürfen für ein Bündnis mit
Jülich ist wohl hier zustande gekommen. Jedenfalls knüpften die
Bundespläne, die der Kuifürst in Paderborn vorbrachte, vielfach an
die des Landgrafen vom Januar an. In erster Linie faßte man immer
noch den Uebertritt des Herzogs zum Protestantismus und daran
anschließend seinen Eintritt in den schmalkaldischen Bund ins Auge.
Dann erst kam der Gedanke eines Neben Verständnisses in Frage,
wobei der Herzog den einen Kontrahenten, die Schmalkaldener oder
eine Anzahl deutscher, vor allem protestantischer Fürsten den anderen
bilden sollten. Diese sollten jenem helfen, wenn er wegen Gelderns,
jener diesen, wenn sie wegen der Religion angegriffen würden.
Die Hilfe sollte entweder in Truppen oder nach einem anderen
Entwurf dadurch geleistet werden, daß man gemeinsam das Geld
für eine „Garde“ aufbrächte.
In Paderborn mußte sich der Kurfürst bald davon überzeugen,
daß an einen Uebertritt des Herzogs zur neuen Lehre nicht zu
denken sei. Wohl beteuerte Wilhelm eine gewisse Neigung zum
Evangelium, aber aus Rücksicht auf seine Landstände und auf
seine .Nachbarn glaubte er doch einen so gefährlichen Schritt jetzt
nicht tun zu können. Er machte dann seinerseits einen Vorschlag
für ein freundliches Verständnis, das nun aUerdings sehr all-
gemein nach dem Muster der üblichen Defensivverträge gehalten
war und die Aufrechterhaltung des Landfriedens in erster Linie
ins .\uge faßte. Der Vertrag hätte in dieser Form wohl zum
Schutze Geldems genügt, eine Gegenleistung des Herzogs zugunsten
der Protestanten wäre aber höchst unsicher gewesen. Der Kur-
fürst veranlaßte daher, daß auch der Schutz derer mitflxiert wurde,
die sich in der christlichen Religious- und Glaubenssache, und
„was derselbigen anhängt oder davon herrührt“ ’), zu einem freien,
1) Ldgf. an Kf. Jan. 16, ebenda, Or. Lenz, I, S. 414, Anm. 2.
2) Zusatz von Brücke Hand.
Digitized by Google
232
Kapitel II.
allgemeinen und unparteiischen Konzil in deutscher Nation erböten.
Es wurde auf diese Weise einer der Hauptgedanken der vom
KurfQrsten mitgebrachten Entwürfe in den jülichschen Plan auf-
genommen. Im übrigen bestimmte der Vertrag, über den man
sich einigte, daß man keine Feindseligkeiten gegeneinander aus-
üben, auch solche der Untertanen hindern wolle; keiner sollte
Widersacher des anderen Teils in seinem Gebiete dulden. Ti-at
der in dem eben erwähnten Paragraphen vorgesehene Fall der
Hilfsleistung ein, so sollte der Herzog 1000 Reiter und 2000 Knechte
stellen, seine Verbündeten ihm dagegen 2000 Reiter und 10000
Knechte, und zwar zunächst auf 4 Monate, länger nach gegen-
seitiger Vereinbarung. Auch dann aber sollten die Helfer die
Truppen bezahlen. Der Kurfürst wollte sich bemühen, die Leistungen
seiner Freunde auf 12000 Knechte zu erhöhen.
Einen weiteren Verhandlungsgegenstand bildete in Paderborn
der Gedanke der Vermittlung in der jülichschen Sache. Der
Kurfürst schlug vor, erst das Resultat der von Jülich und Trier
angeregten Verhandlung und der Fürstenzusammenkunft abzu-
warten. Der Herzog war damit aber durchaus nicht einverstanden,
versprach sich vielmehr sehr viel von einer Vermittlung König
Ferdinands und der sechs Kurfürsten. Johann Friedrich erklärte
sich schließlich bereit, deswegen an Hofinann zu schreiben, ja er
wollte sogar größeres Entgegenkommen in der Walilsache in Aus-
sicht stellen. Ferner wollten er und der Herzog an die Kurfürsten
von Trier, Köln und Pfalz schreiben und sie bitten, ihre Gesandten
zur Zusammenkunft des Kaisers mit Frankreich und Lothringen
nach Brüssel zu schicken, um die Vermittlung zu unterstützen.
Zu ähnlichen Schritten sollte der Landgraf Mainz und Branden-
burg veranlassen.
Die Fürstenzusammenkunft zu Verhandlungen über den Zwie-
spalt in der Religion und über einen äußeren Flieden hatte der
Herzog deswegen aber doch noch nicht aufgegeben. Er hatte eine
Zusammenkunft mit Trier deswegen vor, empfahl aber auch dem
Kurfürsten, die Sache zu fördern und Mainz und Pfalz zur Aus-
schreibung des Tages zu veranlassen. Von Schritten dieses Fürsten-
tages in der jülichschen Sache versprach sich der Herzog aller-
dings nicht viel, da der Kaiser das Schreiben aus Frankfurt so
übel aufgenommen hatte. Johann Friedrich erkläiie darauf, daß
man trotzdem schreiben müsse, ob es dem Kaiser nicht gefiele,
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der UotemehmuiigelaBt 1536 — 11. 233
sei egal. Man verabredete schließlich, daß der Kurfürst durch den
Landgrafen Mainz und Pfalz zur Berufung des Tages veranlassen
solle. Weigerten sie sich, so sollten alle Kurfürsten Zusammen-
kommen und sich über Zeit und Platz einigen. Der Landgraf
sollte dann darüber mit Mainz, Pfalz und Brandenburg, der Herzog
mit Köln und Trier verhandeln. Bei Gelegenheit des Fürstentages
wollte man auch einen Vergleich zwischen Pfalzgraf Friedrich
und Dänemark zustande zu bringen versuchen. Gesprochen hat
mau ferner auch über den geplanten Bund mit England, ohne
daß jedoch etwas Positives dabei herauskam. Der Herzog vertrat
ferner wieder den Standpunkt, daß Jülich vom Kaiser keine Gefahr
drohe, dessen Rüstungen vielmehr gegen die Protestanten gerichtet
seien, es gelang ihm aber nicht, den Kurfürsten von der Richtig-
keit dieser .Anschauung zu überzeugen ‘).
Das in Paderborn EiTeichte war nicht allzu bedeutend, aber
bei der bisherigen Sprödigkeit der Düsseldorfer Politiker doch
immerhin ein Erfolg. Der Kurfürst ging sofort daran, das Verab-
redete zur .Ausführung zu bringen. Noch von Paderborn aus schrieb
er an die Kurfürsten von Köln, Trier und von der Pfalz und bat
sie, König Ferdinand zur Vermittlung zu veranlassen und gemein-
sam ihre Gesandten an den Kaiser zu schicken *). Dann besuchte
er auf der Rückreise von neuem den Landgrafen in Kassel und
verabredete mit ihm Näheres über das geplante Bündnis®). Die
Fürsten und Grafen des schmalkaldischen Bundes mit Einschluß
Heinrichs von Sachsen und von Städten Straßburg, Ulm, Bremen
und Hamburg dachte man sich als Mitglieder. Gemeinsam ver-
faßten die beiden Fürsten die Instruktionen für die Gesandten, die
sie an die einzelnen herauzuziehenden Stände schickten. Man wollte
eventuell auch nur mit einzelnen Fürsten abschließen, wenn die
anderen nicht wollten. Interessant ist, daß der Kurfürst auch in
diese Instruktionen den Hinweis einfügte, wie wichtig es sei, daß
Geldern beim Reiche bleibe*).
1) Lenz, I, S. 413 f., Heidricb, S. 33ff., ergänzt durch die Akten in
Reg. C. No. 868, I. Die Abrede vom 10. Februar ebenda Bl. 47—49. Kf. an
Neuenahr Febr. 9, ebenda Bl. 9/10, Konz.
2) Febr. 10, ebenda Bl. 67—69, Konz. Heidrich, S. 40.
3) Lenz, I, S. 415. Heidrich, 8. 37.
4) Instruktion für Harstall und Alex. v. d. Thann an Württemberg, für
Kreuz und Kendel an die Herzoge von Pommern, Febr. 15, Reg. C. No. 868, I,
Digitized by Google
234
Kapitel II.
Auch in diesem Falle zeigte sich nun wieder, daß abgesehen
von den Häuptern des schmalkaldischen Bundes kaum eins seiner
Mitglieder Sinn für die politischen Notwendigkeiten hatte. Man
holte sich allenthalben teils mehr teils weniger entschiedene Körbe *).
Und auch die Vermittlungsaktion stieß auf große Schwierigkeiten.
Der Kurfürst von Brandenburg, den man persönlich sprechen zu
können gehofft hatte, kam nicht durch Kassel, und König Ferdinand
reiste so, daß der Landgraf ihn nicht unterwegs aufsuchen konnte *).
Schon am 18. Februar brachte der Kurfürst auch die Sendung an
Hans Hofmann zur .Ausführung, und sein Gesandter Asmus v. Könne-
ritz erhielt eine wenigstens leidlich entgegenkommende Antwort*).
.Als dann der Tag zu Gelnhausen stattfand, dachte man daran,
von diesem aus die Sendung nach Brüssel erfolgen zu lassen, doch
ist daraus natürlich auch nichts geworden.
Bei der Unzugänglichkeit der anderen Stände konnte es nicht
viel nützen, daß der Herzog von Jülich sich selbst jetzt allmählich
über die Gefahr der Lage klarer wurde und auch an den Kurfürsten
deswegen schrieb*). Wohl hielt der Landgraf noch an dem Ge-
danken der Notwendigkeit der Unterstützung Jülichs fest*), wohl
benutzte man auch den Tag zu Schmalkalden, um die einfluß-
reichsten Bundesstände für diesen Gedanken zu gewinnen, sie
blieben dabei, daß man sich des Herzogs nicht annehmen könne,
da er nicht in der Einung sei und da es sich um Profan-
sachen handle“). Der einzige Schritt, der noch weitere Folgen
Bl. 75—79, Konz., mit kleinen Korrekturen des Kf. und des Ldgfen. Vergl.
Lenz, I, S. 415.
1) Heber Heinrich von Sachsen Kf. an Ldgf. März 18, Lenz, I, S. 415f.,
Reg. H. p. .848, No. 136. Konz. Antwort der Hze. von Pommern, die den Bund
aus Rücksicht auf ihre Landschaft abschlugen, März 19, Reg. C. No. 8b8, II, Or.
Vergl. Hcling, XI, S. 33 f. Antwort Hz. Ulrichs März 4, Reg. C. No. 868, I,
Bl. Ulf., Or.
2) Ludw. V. d. Pfalz an Kf. Febr. 98, Reg. C. No. 868, I, BL 104 f. Heid-
rich, S. 40 f.
3) Instruktion für Könneritz Febr. 18. Bein Bericht aus Qent März 9.
Antwort, die er erhielt. Brief Hofmanns vom 11. März. R^. C. No. 868, I u. II.
Heidrich, S. 41.
4) Hz. Wilh. an Kf. Febr. 90, ebenda I, Bl. 96/97. Heidrich, S. 38.
Kf. an Hz. Wilhelm Febr. 27, ebenda Bl. 99—102. Wilh. an Kf. März 1,
Reg. H. p. 290, No. 120, I, Or.
5) An Kf. März 4, Reg. H. p. 348, No. 136, Or. Vergl. Lenz, 1, b. 412, 3.
6) Heidrich, b. 38 f. Die Räte an Kf. März 6/7, Reg. H. p. 295, No. 121,
II, Or. Ldgf. an Bucer, März 15, Lenz, I, S. 149 f., No. 56.
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der Untemehmungalust 1536—41. 235
hatte, war so schließlich die Vermittlung König Ferdinands. Doch
hat auch sie zu keinem Resultat geführt.
Für jetzt kam es vor allem darauf an, auch an den Korre-
spondenzen über Jülich zu zeigen, wie wenig sicher dem Kur-
fürsten und dem Landgrafen in den ersten Monaten des Jahres
1540 die Lage erschien. Der Kurfürst legte deswegen großen Wert
darauf, daß die Kriegsräte zu der Zusammenkunft zwischen ihm
und dem Landgrafen berufen würden ‘), während Philipp auch
sofortige Rüstungen für ratsam hielt*). Er nahm zwar am 3. Januar
die Berufung der Kriegsräte auf den 1. Februar nach Kassel vor,
wegen der neuen Prozesse des Kammergerichts in Religionssachen
und wegen der Sorglichkeit der Läufte unter ausdrücklichem Hinweis
auf den Wunsch des Kurfürsten *), daneben empfahl er diesem aber
immer wieder, daß die führenden schmalkaldischen Stände schon
jetzt Rüstungen vornehmen sollten*). Johann Friedrich war im
allgemeinen damit einverstanden, auch zur Annahme von Reitern
bereit, hielt aber jeden Schritt deswegen bei den sächsischen
Städten für aussichtslos“).
Geheimnisvolle Mitteilungen, die man über Württemberg er-
hielt, über Angritfspläne des Kaisers und Frankreichs gegen Eng-
land, Dänemark und Schweden®) verschärften die Befürchtungen
der beiden Fürsten. Trotzdem war Johann Friedrich nicht dafür,
daß man vor der Tagung der Kriegsräte wirklich entschiedene
Gegenmaßregeln ergriff. Er lehnte es z. B. wiederholt ab, schon
vorher Bernhard v. Mila zu etwaigen Werbungen nach den Nieder-
landen zu schicken ’). Dabei wirkte offenbar wieder stark die Ab-
neigung mit gegen alle größeren Aktionen auf eigene Verant-
wortung. Mit Zustimmung der Kriegsräte wäre er eher für etwas
zu haben gewesen. Diesen wurde in Kassel der Inhalt des Be-
rufungsschreibens wiederholt und dann mitgeteilt, was inzwischen
von einzelnen Ständen schon zu Verteidigungszwecken getan sei *).
1) Z. B. an Ldgf. Jan. 4, Reg. H. p. 344, No. 135, Konz.
2) Ldgf. an Kf. Jan. 1, Reg. H. p. 344, No. 135, Or.
3) P. A. No. 528. P. C. III, 8. 4, No. 3.
4) Jan. 3, Reg. H. p. 344, No. 135, Or.
5) Jan. 8, ebenda, Konz. ; Jan. 15, ebenda, Konz. Vergl. P. C. III, 6 f.
6) Instruktion des Ldgf. fOr Heinrich Lersner an Kf. Jan. 12. P. A. Sachsen,
Emestinische Linie, 1540, Lenz, 1, 8. 410.
7) Jan. 22, an Ldgf., Reg. H. p. 344, No. 135, Konz.
8) Aufzeichnungen darüber in P. A. No. 528.
Digitized by Google
236 Kapitel II.
Zu irgend welchen Beschlüssen scheint es aber nicht gekommen
zu sein.
Auch in Schmalkalden hatte man natürlich dann noch mit der
Gefahr der Lage und der Frage der Rüstungen zu tun. Die An-
sicht des Kurfürsten ging z. B. am 8. März dahin, daß sie auf die
Rüstungen des Kaisers sehr aufpassen müßten, damit ihnen nicht
unversehens „eine Kappe geschnitten“ würde ‘). Daher hatte er
dann auch ebenso wie in der jülichschen Angelegenheit wenig
Grund mit der Haltung der Stände in Schmalkalden zufrieden zu
sein. Schon als es sich um die Bewilligung und Erlegung weiterer
Doppelmonate handelte, machten die sächsischen Städte die alten
Schwierigkeiten, und Pommern wollte das Geld in eigner Ver-
wahrung behalten’). Diese Fragen standen nun aber im engsten
Zusammenhang mit der in Arnstadt unerledigt gebliebenen der
Fortführung der Hauptmannschaft. Der Kurfürst hatte nicht die
geringste Neigung, diese Bürde weiter zu behalten, wenn nicht die
Monate erhöht würden und wenn den Hauptleuten nicht durch eine
kleine Anlage die Mittel für die Unterhaltung eines Leutenants,
Sekretärs etc. bewilligt würden. .\.uch in diesem Punkte aber
machten manche Stände Schwierigkeiten. Schließlich, d. h. erst
nachdem die Bundeshäupter am 29. März persönlich eingetroffen
waren, einigte man sich aber doch dahin, daß diese die Hanpt-
mannschaft behielten, vorausgesetzt, daß die Beschlüsse über die
Monate überall zur .Ausführung kämen ®). In bezug auf die eigent-
lichen Rüstungen waren die Stände anfangs nicht so ganz un-
zugänglich. Sie übernahmen die Kosten , die die bisherigen
Rüstungen gemacht hatten, willigten schließlich auch darein, daß
Sachsen und Hessen weitere 3000 fl. im Falle der Not zur .Annahme
von Reitern venvandten, und acceptierten zur Deckung dieser Summe
eine kleine Anlage auf Johanni ‘); als dann aber günstigere Belichte
vom kaiserlichen Hofe eintrafen, waren sie trotz aller Bemühungen
der Vertreter des Kurfürsten doch für eine längere Unterhaltung
der Knechte über den 31. März hinaus nicht zu haben*). Erst
1) Reg. H. p. ;i48, No. 136, Konz.
2) P. C. III, 8. 28f. Kf. an seine Räte März 6, Reg. H. p. 295, No. 121,
I, Or. Heling, XI, 8. 36. Dort auch über die Gründe der Haltung Pommerns.
3) Die Räte an Kf. März 6/7, Reg. H. p. 295, No. 121, II, Or.
4) P. C. III, 34.
5) Die Räte an Kf. März 22, R^. H. ebenda, Or. März 24, ebenda. Kf.
an die Räte März 25, ebenda, Or.
Digitized by Google
Bund u. Reich; Die Jahre der Sorge u. der Untemehmungslast 1536 — 41. 237
nach ihrer persönlichen Ankunft ist es den Fürsten gelungen, sich
von den Ständen die Erlaubnis zu erwirken, unter Umständen
auch ohne vorherige Berufung der Kriegsräte 12000 fl. zur Be-
stellung von Kriegsvolk zu verwenden*). Die erste kaiserliche
Antwort war eben doch gar zu nichtssagend gewesen.
Gerade die hinhaltende Politik des Kaisers hat es den in
Schmalkalden Versammelten sehr erschwert, bestimmte Beschlüsse
zu fassen. Von der Antwort Karls hing es ja doch ab, wie man
sich in der goslarschen und in der bremischen Angelegenheit
weiter verhalten wollte, ebenso ob man in der nächsten Zeit den
Frieden als sicher betrachten konnte. Der Kurfürst war geneigt,
eine kaiserliche Antwort, aus der hervorging, daß man keinen
Frieden haben solle, als Kriegsfall zu betrachten. Im Falle neuer
Anstandsverhandlungen wollte er nicht wieder auf die beiden be-
schwerlichen Artikel des Frankfurter Anstandes eingehen, daß nie-
mand in den Bund anfgenommen werden dürfe und daß man keine
Geistlichen ihrer Zinsen etc. entsetzen dürfe’).
Die Antwort des Kaisers befriedigte weder Johann Friedrich
noch den Landgrafen®), der Ausschuß der Stände war auch nicht
gerade sehr damit zufrieden, schloß aber doch ans ihr auf fried-
liche Gesinnung Karls. Dessen weitere Antwort zu erwarten,
hielt er nicht für nötig, man wollte lieber nach Eintreffen der
definitiven Antwort des Kaisers einen neuen Tag halten*). Auch
die Bundeshäupter vermochten die Stände nur noch ein paar
Tage festznhalten. Einverstanden war man mit dem Vorschlag
des Landgrafen, einen ständigen Sollicitator am kaiserlichene Hof
zu unterhalten, einstweilen wurde Planitz als solcher dort ge-
lassen ®).
Von den sonstigen Verhandlungen des Schmalkaldener Tages
ist noch hervorzuheben, daß auf Anregung Bucers eine Gesandt-
schaft an Kurfürsten und Fürsten erfolgen sollte wegen des vom
Kaiser versprochenen Konzils oder einer Nationalversammlung und
wegen des von Lund in Aussicht gestellten Religionsgespräches.
1) P. C. III, 40 und Änm. 4.
2) Kf. an die Räte März 17, Reg. H. ebenda, Or.
3) Vergl. etwa Ldgf. an Kf. März 23, Reg. H. p. 348, No. 136, Or.
4) P. C. lU, 38.
5) Ebenda S. 41.
Digitized by Google
238 Kapitel II.
Ein Beschluß darüber ist aber offenbar nicht zustande ge-
kommen *).
Nicht unwesentlich ist dagegen, was in bezug auf die Ver-
fassung des Bundes beschlossen wurde. So setzte man am 23. März
fest, daß auf die Stände, die die Versammlungen nicht besuchten und
auch andere nicht mit ilirer Vertretung beauftragten, oder auch auf
die, die ihren Gesandten keine genügenden Vollmachten erteilten,
künftig keine Rücksicht genommen werden solle. Sie sollten doch
an die gefaßten Beschlüsse gebunden sein*). Der Kurfürst suchte
auch die Festsetzung einer Strafe für säumige Zahler zu erlangen,
hat das aber wohl nicht durchsetzen können *). Nach späteren
.•Veußerungen ist er auch für eine Ausdehnung des Bundes auf
Profansachen eingetreten, hat damit aber selbst beim Landgrafen
keine Unterstützung gefunden*).
Im ganzen kann der Tag nicht gerade als besonders ergebnisreich
bezeichnet werden. Das Wichtigste waren wohl die Beschlüsse in
den Verfassungsfragen des Bundes und die auf religiösem Gebiete.
Diese ermöglichten das vollständig einige Auftreten der Protestanten
bei den Religionsverhandlungen der nächsten Zeit. —
Solche Verhandlungen, um den religiösen Zwiespalt beizulegen,
wünschten ja auch die Protestanten, und zwar dachten sie sie sich
in Form eines ganz freien Religionsgespräches, wie man es in
Frankfurt beschlossen hatte. Um ein solches zu bitten, war auch
eine der .Aufgaben ihrer Gesandten am kaiserlichen Hofe. Etwas
anders waren die Ansichten des Kaisers in dieser Hinsicht. Durch
den Erzbischof von Lund hatte ja auch er Verhandlungen über
eine Religionsvergleichung in Aussicht gestellt. Näheres über seine
Pläne erfuhr man aber erst durch eine Sendung der beiden Grafen
von Neuenahr und von Manderscheid.
Der Gedanke, eine Vermittlung zwischen dem Kaiser und den
Schmalkaldenem oder speziell den Bundeshäuptern zu übernehmen,
1) Ldgf. an aeine Ues. März 8, Reg. H. p. 295, No. 121, I. Die Räte an
Kf. März 17, ebenda vol. II. Kf. an die Räte März 18, voL I. Im Abschied
steht nichts von der Sache.
2) P. C. III, 39, März 23, und der Abschied vom 15. April, Reg. H. p. 295,
No. 121 C., fase. IV.
3) Kf. an die Räte März 15, ebenda fase. I, Or. Die Räte an Kf. März 16,
fase. II. Kf. an die Räte März 17, ebenda, Or.
4) Kf. an Ldgf. Nov. 20, Reg. H. p. 364, No. 141, Konz. LdgL an Kf.
Nov. 28, ebenda, Or.
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der Unternehmungslust 153b — 41. 239
scheint von einem der Grafen selbst ausgegangen zu sein, sie fanden
bei Naves und Granvella Anklang damit, und auch der Kaiser ließ
sich günstig vernehmen. Zunächst war nun der Gedanke der, daß
die beiden protestantischen Fürsten deswegen an Granvella heran-
treten und diesen um üebernahme der Vermittlung in der Re-
ligionsangelegenheit ersuchen sollten. Sowohl der Landgraf wie
der Kurfürst wären auch für ein Schreiben an Granvella zu haben
gewesen, die anderen Bundesstände, denen man die Sache in
Schmalkalden vorlegte, sprachen sich aber entschieden gegen eine
solche Partikularhandlung aus, auch Melanchthon war dagegen.
So erfolgte denn der erste Schritt von der anderen Seite. Die
Grafen wurden scheinbar im geheimen, in Wirklichkeit aber doch
mit Zustimmung des Kaisers an die beiden Bundeshäupter gesandt,
um sie zu veranlassen, bestimmte Erklärungen darüber zu geben,
woran sie unbedingt festhalten müßten. Dabei wurde deutlich zum
.■iusdruck gebracht, daß der Kaiser den Eindruck habe, als ob die
Protestanten die Verhandlungen bisher absichtlich in die Länge
gezogen hätten und ihn an der Nase herumführten, ferner als
ob sie vor allem ihren eigenen Vorteil in der Frage der geistlichen
Güter im Auge hätten. Als ehrlich gemeint werden wir wohl den
Wunsch des Kaisers betrachten dürfen, sich zunächst einmal mit
den Führern der Protestanten möglichst weit zu einigen, um dann
nur das ünverglichene den öffentlichen Verhandlungen vorzubehalten,
hatte er doch immer auch den Widerstand der Ultras unter den
Katholiken zu fürchten.
Die beiden Grafen haben zunächst Dr. Sichert von Löwenberg
zur Mitteilung ihrer Aufträge nach Schmalkalden vorausgeschickt,
dann hat sich auch Graf Neuenahr dorthin begeben, allein, da
Manderscheid erkrankt war.
Es läßt sich denken, daß der Kurfürst und der Landgraf über
die Vorwürfe, die in dem Vortrag der Grafen enthalten waren,
nicht sehr erfreut waren. In ihrer Antwort vom 11. .\pril, die sie
in üblicher Loyalität zugleich im Namen ihrer Verbündeten er-
teilten, setzten sie zunächst ihren Standpunkt in der Frage der
geistlichen Güter auseinander und betonten, daß diese von ihnen
ihrem wahren Zwecke viel weniger vorenthalten würden als von
ihren Gegnern. Sie wiesen dann ferner nach, daß ihre Haltung
bei den bisherigen Vergleichsverhandlungen durchaus nicht durch
Un Versöhnlichkeit und absichtliches Hinziehen beeinflußt gewesen
Digitized by Google
240
Kapital II.
sei, daß sie durchaus nicht nur zum Schein darauf eingegangen
seien, sondern daß sie stets nur Entscheidung auf Grund der ui-
sprünglichsten Quellen der christlichen Lehre verlangt hätten. Als
das, woran sie unbedingt festhalten müßten, bezeichneten sie die
Konfession und die Apologie. In den nicht notwendigen Dingen
erklärten sie sich zu weiteren Verhandlungen bereit und empfahlen
zu diesem Zweck ein solches Gespräch, wie es in Frankfurt in Aus-
sicht gestellt worden sei. Sie benutzten die Gelegenheit, um um
Abstellung der Kammergerichtsprozesse zu bitten, deren Fort-
führung leicht zu gefährlichen Tumulten im Reiche führen
könne, baten außerdem Granvella, dahin zu wirken, daß der
Kaiser ihnen Frieden gewähre ‘).
Schon unter dem Eindruck der Werbung der Grafen ist dann
die neue Instruktion für Planitz verfaßt worden. Zunächst war
dieser nur dazu bestimmt gewesen, auf die Umtriebe der Gegner
am kaiserlichen Hofe aufzupassen, damit beschäftigen sich auch
seine Berichte im April. Seine eigentliche Instruktion, die am
11. verfaßt und am 18. abgeschickt wurde, zeigt aber, daß der
aus der Umgebung des Kaisers erfolgte Annäherungsversuch doch
nicht ganz ohne Einfluß auf die Stimmung der Schmalkaldener
geblieben war. Man setzte vor allem jetzt seine Hoffnung auf
Granvella, an diesen und Scepperus sollte Planitz herantreten
und sie zur Beförderung des Friedens, christlicher Reformation
und des Stillstandes der Kammergerichtsprozesse veranlassen.
Dabei sollte er die Gefahren, die gerade die letzteren auch wegen
der Tfirkengefahr mit sich bringen könnten, aber auch die fried-
liche Grundstimmnng der Protestanten stark betonen. Auch an
den Kaiser selbst sollte Planitz eine ähnliche Werbung richten,
ferner zu Gunsten Goslars und Braunschweigs gegen den Herzog
1) Naves an Neuenahr Febr. 28, Manderscheid an den Landgrafen März 4.
Kopien beider Briefe schickte der Ldgf. am 9. März an KL Dieser antwortete
am 11. Alles R^. H. p. 348, No. 136, Or. des Briefes Manderscheids P. A.
No. 538. Kf. an seine Räte in Schmalkalden März 11, Or. Reg. H. p. 295,
No. 121, I. Die Räte an Kf. März 13, ebenda vol. II, Or. Kf. an die Räte
März 14, vol. I, Or. Naves an Neuenahr März 15, ebenda, in Schmalkalden von
dem Grafen Obergebene Kopie. Ldgf. an KL März 17, Reg. H. p. 348, Na 136,
Or. Planitz an Kf. März 20, Reg. U. p. 200, No. 120, 1. Instruktion der Gfen.
für Dr. Siebert an Kf. und Ldgf. März 31, Reg. H. p. 295, No. 121, II, Kopie.
Antwort der Protestanten April 11, ebenda vol. I, deutsch und lateinisch, deutsch
bei Hortleder, I, 2, 8. 1124 — 1131, lateinisch C. R. III, 989 — 1003.
Digitized by Google
Bond u. Reich; Die Jahre der Sorge o. der Untemehmoiigslugt 1536 — 41. 241
von Brannschweig wirken, auch die Straßburger Beschwerden, wenn
sie ihm fibersandt würden, überreichen, alle Verleumdnngen gegen
die Protestanten ablehnen, über alles möglichst gute Kundschaft
einziehen, endlich am Hofe bleiben, bis er abberufen werde oder
die definitive Antwort des Kaisers habe. Der Bescheid, den man
den Grafen erteilt hatte, wurde Planitz auch mitflbersandt, über
Straßbnrg sollte er auch eine französische Uebersetzung davon er-
halten zur Uebergabe an Neuenahr, der diese dann zusammen mit
der lateinischen Fassung dem Kaiser überreichen sollte. Weitere
Aufträge -des Gesandten betrafen Jülich, es wird später noch auf
sie einzngehen sein‘).
Im ganzen machen die Weisungen, die Planitz erhielt, den Ein-
druck, als habe sich damals der Protestanten eine etwas hoffnungs-
vollere Stimmung bemächtigt gehabt. Durch das weitere Verhalten
Karls wurde sie sehr bald wieder beseitigt. Er erregte schon dadurch
.\nstoß bei den Protestanten, daß er den Speierer Tag berief, ehe
er Antwort auf die Werbung der beiden Grafen hatte, dann war
in dem Ansschreiben in keiner Weise auf die Frankfurter Ver-
handlungen Bezug genommen, ja, es waren wieder Zweifel an der
friedlichen Gesinnung der Protestanten ausgesprochen. Auch in
der Form entsprach das geplante Religionsgespräch nicht ihren
Wünschen, da es nicht vor den Ständen des Reiches, sondern vor
dem Kaiser und etlichen dazu verordneten Personen stattfinden
sollte. Das Schlimmste aber war, daß die „gehorsamen“ Stände
zu einer Vorversammlung schon auf den 23. Mai nach Speier
geladen wurden und daß dabei die Schuld an dem Scheitern der
bisherigen Vergleichsverhandlungen direkt den Protestanten zu-
geschoben wurde’). Besonders Johann Friedrich ist über diese
Neuerung empört gewesen, die „eine beschwerliche Einführung
und Trennung im Reich machen“ werde. Er vermutete, daß man
auf diesem Tage darüber beraten werde, was weiter geschehen
solle, wenn die Verhandlungen mit den Protestanten scheiterten,
ja, er dachte wohl gar daran, daß man den Nürnberger Frieden
1) Ef. an PUnitc April 4. 6, Instruktion vom II. April, Or., Brief vom 18.,
Reg. H. p. 290, No. 120, I. Siehe S. 267 Anm. 4.
2) Der Kaiser an Sachsen und Hessen April 18, Hort Jeder, I, 1, S. 130 f.
Ein Bedenken des Ef. über die zu erteilende Antwort R^. H. p. 304, No. 125, V.
Diese selbst Hort led er, S. 132 ff. Nendecker,Urk., S. 378 — 380. Ef. an Planitz
Mai 19, Reg. H. p. 290, No. 120, I. Vergl. Moses, S. 20 ff. R. E. VII, S. 334.
Beitrlge lur nCQeTca Gefchichte TbOrinzeni I, 2. IG
Digitized by Google
242
Kapitel II.
durch diese Versammlung aufheben wolle*). Die Lage schien ihm
infolgedessen so unsicher, daß er in Uebereinstimmung mit dem
Landgrafen sofort entschlossen war, den Speierer Tag nicht persön-
lich zu besuchen, ja sogar schwankte, ob er ihn auch nur be-
schicken solle ’). Die Korrespondenzen, die weiter mit dem Kaiser
stattfanden, der ergebnislose Verlauf, den die Verhandlung der
beiden Grafen nahm, und bedenkliche Mitteilungen, die Planitz
sandte, waren nicht geeignet, die Stimmung des Kurfürsten zu
verbessern*), doch ließ er sich schließhch bestimmen, wenigstens
Gesandte auf den Gesprächstag zu senden*).
Der Landgraf hatte eine Zeitlang daran gedacht, auch den Tag,
zu dem der Kaiser nur die katholischen Stände eingeladen hatte,
uneingeladen zu beschicken, dafür war aber der Kurfürst nicht zu
haben *). Ja auch auf eine Schickung an die Stände der anderen
Partei, wie sie schon in Schmalkalden erörtert worden war, woUte er
ohne Wissen der anderen Verbündeten sich nicht einlassen®). Schließ-
lich hat er aber doch erlaubt, daß den Gesandten, die auf den von
Speyer nach Hagenau verlegten Tag geschickt wurden, besondere In-
struktionen für Werbungen an einzelne katholische Fürsten gegeben
wurden, um diese von der friedlichen Gesinnung der Protestanten
zu überzeugen und sie für ein Friedenswerk im Sinne des Frank-
furter Abschieds zu gewinnen *). Diese Verhandlungen mit Kurtrier,
1) VergL das erwähnte Bedenken und Kf. an Pfalzgraf Friedrich Mai 9,
Reg. H. p. 295, No. 121, I, Konz.
2) Ldgf. an Kf. Mai 1, Reg. H. p. 304, No. 125, II, Or. Vergl. P. C. III, 45.
Kf. an Ldgf. Mai 9, Lenz, I, B. 17Ü Anm. 1. Die oberländischen Städte wünschten,
daß die Fürsten persönlich kämen. P. C. III, 48f. Neudecker, Urk., S. 405
— 411. 411 — 419. Beide Bundeshäupter waren aber entschieden dagegen. P. C.
III, 52f. Neudecker, B. 388.
3) Reg. H. p. 331, No. 130 A (Bericht Planitzens vom 20. Mai). P. C. III,
54f. Der Kaiser an Kf. und Ldgf. Mai 22, Reg. H. p. 352, No. 137, Or. Secken-
dorf, III, 8. 258. Moses, S. 22. Ldgf. an Ki Juni 2, Reg. H. ebenda. Kf.
an Ldgf. Juni 7, Neudecker, Urk., 8. 443ff.; Juni 9, Reg. H. ebenda. Kf.
und Ldgf. an den Kaiser Juni 10, Reg. H. p. 304, No. 125, IV, Kopie. P. C.
III, 68, 1.
4) Kf. an Ldgf. Mai 25, Nendecker, Urk., 8. 424 ff.
5) Kf. an Brück Mai 19. Brück an Kt Mai 19, Reg. Gg. No. 4131-, I.
Lenz, I, 8. 171.
6) Kf. an Ldgf. Mai 4, Ldgt an Kt Mai 10, Kt an Ldgt Mai 19, Reg. U.
p. 355, No. 138. Kf. an Ldgf. Mai 12, Neudecker, Urk., 8. 391ft
7) Instruktion für seine Gesandten vom 3. Juni, Reg. H. p. 304, No. 125,
II, Or.
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge n. der UntemehmnngsluBt 1536 — 41. 243
Kurköln, Pfalz u. a. sind denn auch nicht ohne Nutzen gewesen,
teils weil diese dadurch besser über die friedliche Gesinnung der
Protestanten unterrichtet wurden, teils weil die Schmalkaldener nun
von ihnen manches über die Absichten und auch die Meinungs-
verschiedenheiten der katholischen Partei erfuhren ‘). Allerdings
konnten sie vielfach von diesen Mitteilungen nicht den erwünschten
Gebrauch machen, weil ihnen alles nur unter dem Siegel der Ver-
schwiegenheit mitgeteilt wurde.
Auf den Hagenauer Tag hatten sich die Schmalkaldener zu-
nächst dadurch vorznbereiten gesucht, daß sie die Theologen nicht
nur ihres Bundes, sondern auch anderer Protestanten zu einem
Kolloquium einberiefen, um über die weiter zu beobachtende
Haltung zu beraten. Es gab dabei aber über die Malstatt ein Miß-
verständnis, so daß die Niederdeutschen in Hersfeld, die Ober-
deutschen in Darmstadt zusammenkamen. Infolge dieser Verwirrung
ist es anscheinend auch nicht zu Beratungen von Wichtigkeit ge-
kommen*), erst in Hagenau selbst fand die Vereinigung der ober-
deutschen und der niederdeutschen Theologen statt. Die Korrespon-
denzen über die Theologenzusammenknnft zeigen geringe Einigkeit
zwischen dem Kurfürsten und dem Landgrafen. Eine solche macht
sich überhaupt in dieser Zeit bemerkbar. Der Landgraf klagt
gelegentlich darüber, daß der Kurfürst alle seine Vorschläge ver-
werfe®), während andererseits dieser mit Mißtrauen gegen Philipp
erfüllt war, weil er hörte, daß dieser Sonderverhandlungen mit den
Kaiserlichen führe ‘). Auch für die Beschickung des Hagenauer
Tages, und zwar durch alle Bundesstände, trat der Landgraf viel
entschiedener ein als der Kurfürst, der erst die Antwort des Kaisers
abwarten wollte, ehe er die anderen Stände überhaupt berief, ja,
der Meinung war, daß er und der Landgraf die Verhandlungen für
1) Moses, 8. 35f. P. C. III, 77. VergL auch Dittrich, QuF., I, 1,
S. 153.
2) Die Einladung des Ef. erging am 10. Mai, Seckendorf, III, S. 277,
Reg. H. p. 312, Ko. 127, p. 352, No. 137. Die Einladung des Ldgf. vom 13. Mai,
P. C. III, 50 f. Ldgf. an Kf. Mai 13, Reg. H. p. 355, No. 138, Or. Kf. an
Ldgf. Mai 21, Neudecker, ürk., 8. 380 ff.; Juni 3, ebenda, 8. 419ff.
3) An Bucer Mai 16, Lenz, I, 8. 171.
4) Planitz an Kf. Mai 20, Reg. H. p. 321, No. 130 A, Or. Kf. an seine
Gesandten für Hagenau Juni 4, Reg. H. p. 304, No. 125, II, Or. Kf. an Ldgf.
Juni 7, Nendecker, ürk., S. 443 ff. Ldgf. au Kf. Juni 11, Reg. H. p. 352,
No. 137, Or.
16*
Digitizod by Google
244
Kapitel IL
die anderen Stände führen könnten ‘). Der Kurfürst dagegen ver-
anlaßte eine Berufung der Kriegsräte nach Hersfeld, damit man
sofort geeignete Maßregeln ergreifen könne, wenn der Hagenaner
Tag eine ungünstige Wendung nehme*). Ihre Versammlung
wurde jedoch erst eröffnet, als dieser Tag schon im Gange war.
Sowohl aus Darmstadt wie aus Hersfeld hatten sich die Theologen
nach Hagenau begeben, ferner waren die oberdeutschen Bundes-
stände vertreten, während für eine Beteiligung der sächsischen
Stände die Zeit nicht reichte*).
Die Politik des Kurfürsten war den Hagenaner Verhandlungen
gegenüber zunächst die des Abwartens. Man konnte ans den
kaiserlichen Briefen ja nicht einmal mit Sicherheit entnehmen, ob
es in Hagenau überhaupt zu einem wirklichen Religionsgespräch
kommen werde. Johann Friedrich fürchtete noch, daß von den Pro-
testanten einfach Abstellung ihrer Neuerungen verlangt werden
würde, und darauf konnte man sich nach seiner Meinung auf keinen
Fall einlassen, nur zu „gründlicher, rechtschaffener, christlicher Ver-
gleichung vermittelst göttlicher und apostolischer Schrift“ war er
bereit. Die Räte des Kurfürsten erhielten Vollmacht, zusammen
mit den Theologen Cmdger und Myconius ein solches Gespräch zu
beginnen, doch sollten sie sich dabei davor hüten, den Vertretern
des Papstes irgendwelche Autorität zuzugestehen, und dafür sorgen,
daß von beiden Teilen gleichviel Personen an dem Gespräche teil-
nähmen. Ferner sollten sie streng an der Konfession festhalten,
sich auch auf solche Artikel wie die Georgs von Karlowitz oder die
vor zwei Jahren in Leipzig verabredeten nicht einlassen*).
Da König Ferdinand die Verhandlungen leiten sollte, hatten
die sächsischen Gesandten Auftrag, sich eventuell nur unter Protest
an ihnen zu beteiligen. Diese Schwierigkeit ist dann aber schon am
25. Juni durch eine Erklärung Ferdinands beseitigt worden, wonach
die Beteiligung Sachsens an den Verhandlungen den Rechten des
Kurfürsten nicht nachteilig sein sollte. An diesem Tage begannen
1) Kf. an Ldgf. Juni 7. Ldgf. an Kf. Juni 11. Siehe die vorige Anmerk.
Ei. an Ldgf. Juni 11, Neudecker, Urk., S. 475ff. Ldgf. an Kf. Juni 15,
Reg. H. p. 352, No. 137, Or.
2) Vergl. eben diese Briefe, ferner P. ü. III, 61, No. 51.
3) Kf. an Ldgf. Juni 18, Neudecker, Urk., S. 488 fl LdgL an Kl.
Juni 23, Beg. H. p. 355, No. 138.
4) Reg. H. p. 304, No. 125, IV, Or., zum Teil gedruckt C. R. LU, 1046 ff.
Digitized by Google
Bund u. Beich: Die Jahre der Sorge u. der Unternehmnngslast 1536 — 41. 245
dann ja auch schon die Verhandlungen. Ferdinand tadelte das
Nichterscheinen des Kurfürsten und des Landgrafen. Die Ge-
sandten entschuldigten ihre Herren. Der König bat sie dann um
ihre Instruktionen; nachdem diese ihm am 26. überreicht waren,
teilte er mit, daß Trier und Pfalz, der Bischof von Straßburg und
Herzog Ludwig von Bayern zu Vermittlern ernannt seien ‘). In-
zwischen hatten nun aber die Protestanten schon Nachricht erhalten
von dem, was Ferdinand vor ihrem Eintreffen den katholischen
Ständen hatte vortragen lassen, und waren dadurch in die höchste
Erregung versetzt worden. Der Kurfürst sprach sich sehr scharf
darüber aus. Er entnahm aus einer Aeußemng Ferdinands, daß
man den Nürnberger Frieden nur der Türkengefahr wegen bewilligt
habe, und schloß daraus, daß alle Handlungen mit den Protestanten
ähnlich gemeint seien und nur gelten sollten, bis die Gegner den
„Vorteil sähen“. Er bedauerte, daß man nicht kräftiger auftreten
könne, da man jene Mitteilungen nur vertraulich erhalten habe*).
Der Landgraf teilte in bezug auf den Frieden ganz die Meinung
des Kurfürsten und wies darauf hin, daß das schon immer seine
Auffassung gewesen sei, er folgerte daraus die Notwendigkeit von
Verhandlungen mit einzelnen Ständen der anderen Partei, z. B.
mit Bayern'). Auch die Berichte, die die Gesandten, vor allem
Bnrchard, ans Hagenau dem Kuifürsten znsandten, waren nicht
geeignet, seine Stimmung zu verbessern <).
Wenn man sich trotz dieser geringen Aussichten und trotz
der Kenntnis der Absichten der Gegner überhaupt auf weitere
Verhandlungen und ein Gespräch einließ, so geschah es, wie
man sich ausdrückte, um „den Glimpf zu behalten“, gerade aus
Rücksicht auf die versöhnlich gesinnten Katholiken'). Aber sowie
man nur begann, ergaben sich unüberwindliche Differenzen. Fer-
1) Kopie der Erklärung Ferdinands in Reg. H. p. 304, No. 125, I. Moses,
S. 38 f.
2) Ldgf. an Kf. Juni 26, Kf. an Ldgf. Juli 1, Beg. H. p. 355, No. 138, Or.
3) Ldgf. an Kf. Juli 3, Beg. H. p. 359, No. 139. Er übersendet mit diesem
Brief einen sehr friedlichen Brief Ecks vom 27. Mai.
4) Vergl. vor allem Burchards Brief vom 30. Juni. Er bezeichnete als
Hauptzweck der Versammlung die Gewinnung neuer Mitglieder für den Nürn-
berger Bund. Reg. H. p. 304, No. 125, V, Or. Seckendorf, III, 8. 283.
Neudecker, Urk., S. 522t.
5) Kf. an seine Räte Juli 2, Beg. H. ebenda vol. II, Or., zum TeU gedruckt
C. R. III, 1052 ff.
Digitized by Google
246
Kapitel II.
dinand und auch so gemäßigte Katholiken wie der trierische Kanzler
schlugen vor, die Verhandlungen einfach anzuknüpfen au die, die
1530 in Augsburg stattgefunden hatten, und das dort Erledigte
nicht noch einmal vorzunehmen. Nach protestantischer Auffassung
hatte aber damals irgend eine Einigung gar nicht stattgefundeu,
so daß sie es für nötig hielten, die Handlung ganz neu zu be-
ginnen 1). Da es nicht möglich war, über diese Frage zu einer
Einigung zu gelangen, schlugen die katholischen Stände am 9. Juli
vor, die ganze Sache auf einen neuen Tag zu verschieben, zu dem
beide Parteien geistliche und weltliche Gelehrte in gleicher Anzahl
verordnen sollten mit Befehl, die Konfession vorzunehmen und
sich darüber der heiligen Schrift gemäß Punkt für Punkt zu unter-
reden. Die Artikel, über die man sich dann einige, sollte man an
den Kaiser gelangen lassen, und dieser sollte einen Reichstag be-
rufen, um endgültige Beschlüsse darüber zu stände zu bringen. Es
soUte ferner überlegt werden, wie man die unverglichen bleibenden
Punkte bis zu einem christlichen Konzil regeln könne. Der König
sollte inzwischen mit den Protestanten über die Restitution der
Kirchengüter bis zur Beilegung des Religionsstreites verhandeln.
Es müßte ihnen verboten werden, weiterhin mit der Tat jemand
zu beschweren. Im Fürstenrat wurde dem Vorschlag noch zu-
gefügt, daß die Ergebnisse des Religionsgespräches nicht nur der
Genehmigung des Kaisers und der Reichsstände, sondern auch
päpstlicher Ratifikation unterliegen sollten ’).
Diese Vorschläge eignete sich der König am 12. Juli im wesent-
lichen an, doch fügte er den für die Protestanten verletzenden
Satz hinzu, daß aus den jetzigen Verhandlungen nichts habe werden
können, weil der Kurfürst und der Landgraf nicht persönlich er-
schienen seien, ferner sollten nach seiner Meinung bei der Gleich-
setzung der Zahl der katholischen und protestantischen Kollokutoren
die Abgeordneten des Papstes und des Kaisers nicht mitgezählt
werden. Der Kurfürst und Brück, die das Stück mit Randbemer-
kungen versehen haben, sahen begreiflicherweise darin eine Gefahr
der „Uebermehrung“. Daß es den Protestanten verboten werden
1) Moses, S. 39ff. Brief des Kf. vom 2. Juli und vom 5. Juli, Reg. H.
ebenda, Or. Die Räte an Kf. Juli 8, Reg. H. ebenda vol. III, Or., und V, Or.
Vergl. auch C. R III, 1054, No. 19?a
2) Kopie in Reg. H. p. 304, No. 125, V, von den sächsischen Gesandten
am 11. dem Kf. übersandt.
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der Dntemehmungelngt 1536 — 41. 247
sollte. Stände, die jetzt der alten Religion verwandt wären, an sich
zu ziehen und solche, die freiwillig überträten, zu schützen, war
natürlich auch nicht nach ihrem Geschmack *).
In etwas ermäßigter Form kehrten dann die Vorschläge vom
9. und 12. in dem Antrag Ferdinands vom 16. Juli wieder’). Es
war nicht daran zu denken, daß er die Billigung der Protestanten
finden werde. Johann Friedrich persönlich hat sich allerdings
darauf beschränkt, ihn für nnanehmbar zu erklären, und die Ab-
lehnung im einzelnen seinen in Eisenach versammelten Räten
überlassen, die nach Beratung mit den Hessen antworten sollten ’).
Doch können wir aus anderen Briefen seine persönlichen Ansichten
entnehmen’}. Er verwarf es zunächst unbedingt, daß der Papst
im Abschied genannt werden sollte, da die Protestanten ihm
keine Autorität zugestehen könnten. Er hatte ferner keine Lust,
sich die Erweiterung des Bündnisses verbieten zu lassen, und auch
mit der Restitution der geistlichen Güter stimmte er nicht überein.
Er hatte nichts dagegen, daß man einem Bedenken der Witten-
berger®) entsprechend von der Gegenpartei verlange, daß sie erst
einmal restituierten, was sie aus den Kirchen geraubt hätten.
Bei der Antwort, die tatsächlich am 21. Juli in Hagenau von
den Protestanten erteilt wurde, konnte man die Weisungen des
Kurfürsten nur zum Teil benutzen, doch fiel sie wohl ganz in
seinem Sinne aus, wenn zunächst der Vorwurf zurückgewiesen
wurde, als sei die Abwesenheit des Kurfürsten und Landgrafen
daran schuld, daß man nichts zustande gebracht habe, wenn ferner
eine Verhandlung auf der Augsburger Grundlage verweigert wurde,
wenn verlangt wurde, daß die Restitution der Kirchengüter bis
nach der Religionsvergleichung aufgeschoben würde, wenn das
Kammergericht von neuem abgelehnt und ein beständiger Friede
für alle Anhänger der Augsbui-gischen Konfession gefordert wurde.
Die Frage der Zuziehung des Papstes überließ man dem Kaiser,
ohne daß man aber dadurch den päpstlichen Primat anerkennen
1) Reg. H. p. 304, No. 125, V.
2) Ebenda. Vergl. Moses, S. 40i.
3} Kf. an die Räte in Eisenach Juli 20, Or. Die Räte in Eisenach an die
in Hagenau, Konz, und Kopie Reg. H. p. 301, No. 123, Or. Reg. H. p. 304,
No. 125, III.
4) Besonders aus dem vom 18. an die Räte, Reg. H. ebenda vol. IV, Or.
5) Ebenda als Beilage zu dem Briefe, mit Randbemerkungen des Kf. Akten-
stück No. 38.
Digitized by Google
248
SApitel IL
wollte Ferdinand hat diese Antwort zwai- sehr ungnädig ange-
nommen, kam aber doch etwas entgegen, indem er sich auf Grund
einer Vollmacht des B^aisers bereit erklärte, die Kammergerichts-
prozesse zu suspendieren, wenn die Protestanten in die Sequestra-
tion der Kirchengüter willigten. Auch diesen Gedanken aber
lehnten diese entschieden ab*). Das entsprach auch durchaus den
Wünschen des Kurfürsten*), während der Landgraf zu etwas
größerem Entgegenkommen geneigt war, indem er Torschlug, daß
der Teil der Kirchengüter, der nicht zur Erhaltung von Kirchen,
Schulen etc. gebraucht werde, sequestriert werden solle*).
Durch ihren Widerstand haben die Protestanten erreicht, daß
in dem Hagenauer Abschied den für sie anstößigen Stellen der Er-
klärung Ferdinands ihre Erwiderung an die Seite gestellt wurde
und daß in die schließlich gültigen Beschlüsse nur das, womit sie
übereinstimmten, Aufnahme fand. Diese beschränkten sich auf die
Ansetzung des neuen Tages auf den 28. Oktober nach Worms und
auf die Auswahl der Unterhändler und der 11 katholischen Stimmen,
denen die Protestanten gleich viele von ihrer Seite beifügen sollten.
Dem Kaiser wurde überlassen, ob er den Tag selbst beschicken
und ob er den Papst zuziehen wolle. Karl sollte auch um An-
setzung eines Reichstages gebeten werden, inzwischen sollten der
Augsburger Abschied und der Nürnberger Friede in Kraft bleiben.
Ueber die Frage, wie weit die Protestanten vom Kammergericht
exempt seien, sprach der König sich nicht aus, da dieser Punkt
der Erläuterung des Kaisers bedürfe*). Die Verbündeten vermißten
in diesem Abschied eine Antwort auf die Werbung, die sie durch
Planitz etc. an den Kaiser gerichtet hatten. Karl hatte sie ja
deswegen nach Hagenau und an den König verwiesen. Ferdinand
erklärte auf ihre Anfrage deswegen, daß er allerdings Befehl vom
Kaiser habe, ihnen dessen Gemüt zu eröffnen, aber nur wenn vor-
her die Restitution oder Sequestration der geistlichen Güter erfolgt
1) Moses, B. 41 f. Beg. H. a. a. O. fase. 1 nod IV.
2) Moses, B. 42. R%. H. ebenda.
3) VergL etwa Kf. an Ldgf. Juli 29, Neudecker, Urk., 8. 564 ff.. Reg. H.
p. 359, No. 139, und Kf. an s. Räte JuU 29, Beg. H. p. 304, No. 125, I.
4) Vergl. schon die Instruktion des Ldgf. vom 15. Juli, Neudecker,
ürk., S. 543 ff., vom Kf. in Brief vom 18. glossiert. Ldgf. an Kf. Juli 28,
Reg. H. p. 359, No. 139, Or. Vergl. Lena, I, 8. 198 ff.
5) Der Abschied vom 28. Juli bei Ranke, VI, S. 160 ff.
Digitized by Google
Bund u. Beich: Die Jahre der Sorge ou der UntemebmnngeluBt 1536 — 41. 249
wäre. Dann wfirden auch die Prozesse abgestellt werden. Da sich
die Protestanten auch jetzt auf die Restitution oder Sequestration
nicht einließen, blieb es beim Abschied*).
Wirkliche Sicherheit verschaffte dieser also den Protestanten
nicht, immerhin war anzunehmen, daß die Gegner vor dem Wormser
Gespräch nichts Feindliches unternehmen würden, daß also für dieses
Jahr der Friede gesichert sei; daher konnten die in Hersfeld seit
Ende Juni versammelten Kriegsräte jetzt entlassen werden*). Ihr
Zusammensein war außerdem zu Beratungen über eine etwaige
Unterstützung Bremens und zur Eiuziehung von Erkundigungen
über die Wirklichkeit der Türkengefahr benutzt worden. Im Zu-
sammenhang mit dieser dachte man auch an eine Sendung an König
Johann von Ungarn*).
Für den Kurfürsten erweiterte sich dieser Gedanke zu dem
Plan einer Gesandtschaft auch an die Könige von Frankreich und
Polen und einer politischen Verbindung mit ihnen. Die Instruk-
tionen, die er dabei seinen Gesandten erteilen wollte, gewähren
uns einen Einblick in seine Stimmung gegen Ende der Hagenauer
Verhandlungen, gleichzeitig haben wir aber bei der Aufnahme dieses
Planes durch den Landgrafen Gelegenheit, die erste verhängnis-
volle Einwirkung der Doppelehenangelegenheit auf die protestan-
tische Politik zu beobachten. —
Wir dürfen die Stimmung des Kurfürsten nach dem Hagenauer
Tage wohl etwa so charakterisieren, daß er nicht an eine unmittel-
bare Kriegsgefahr glaubte*), aber für die Zukunft die ernstesten
Befürchtungen hegte. Günstig wirkte eben der Hagenauer Abschied,
der einen Aufschub bedeutete, auch was Planitz nach seiner Heim-
kehr im Juli berichtete, wai- wenigstens nicht jeder Hoffnung bar
und ließ noch die Möglichkeit offen, daß der Kaiser nur nicht richtig
über die Protestanten unterrichtet sei*). Ungünstig aber lauteten
1) Diese letzten Verhandlungen in Reg. H. p. 304, No. 125, UI.
2) Vergl. über diese Versammlung, die zuletzt nach Eisenach verlegt wurde,
P. C. III, 85 f.. Reg. H. p. 301, No. 123.
3) Der Gedanke findet sich schon in dem Brief des Kf. an die Kriegsräte
vom 5. Juli, ebenda, Or.
4) Vergl. etwa Brief an Mila vom 2. Aug., Reg. H. p. 304, No. 125, III,
Konz.
5) Vergl. P. C. III, 69 f. Hasenclever, Naves, 8.2941. Kf. an Dölzig
und Borchard Juli 5, Reg. H. a. a. 0. II, Or. Kf. an Ldgf. Juli 5, Reg. H.
p. 359, No. 139. Eine Aufzeichnung über Planitz’ Mitteilungen ii^ in Kopie
Digitized by Google
250
Kapitel II.
mancherlei andere Nachrichten. Von ihnen wirkte keine so auf-
regend wie die, daß König Ferdinand in Verhandlungen mit den
Türken stehe und die Absicht habe, diesen den Durchzug duich
sein Gebiet gegen die Protestanten zu erlauben, daß er ferner auch
Polen gegen diese zu gewinnen suche. Der GroßmarschaU von
Polen, Peter Kmita, Graf von Wisnicze, mit dem Johann Friedrich
auch sonst in Verbindung stand, sandte diesem diese Nachrichten
zu, schickte auch Johann von Gersdorf deswegen mit mündlichen
Werbungen an ihn '). Eben unter dem Eindruck dieser Nach-
richten erweiterte sich bei dem Kurfürsten der Gedanke der
Gesandtschaft nach Ungarn, die nur dazu hatte dienen sollen,
genaue Erkundigungen über die Türkengefahr einzuziehen, zu
dem Plane eines Bundes mit Ungarn, Polen, Dänemark, Branden-
burg, dem Herzog von Preußen, vielleicht auch den Herzogen
von Bayern. In Polen sollte eine Zusammenkunft zu weiteren
Verabredungen stattfinden*). Wichtig war vor aUem, daß der
Kurfürst bereit war, auch Frankreich in diese Verbindung hinein-
zuziehen.
Nach der Enttäuschung, die man 1538 erlebt hatte, hatten die
Verhandlungen mit Frankreich zwar nicht ganz geruht, aber es war
doch ein gewisses Mißtrauen bei den Protestanten übrig geblieben *),
das durch Verfolgungen der Evangelischen, die in Frankreich statt-
fanden, gesteigert wurdet). Die Beziehungen wurden zwar duich
Wilhelm von Fürstenberg aufrecht erhalten®), auch direkte Korre-
spondenzen fanden noch statt*), aber von einer engeren Verbindung
war nicht die Rede. War doch auch das Verhältnis zwischen
bei. Man hielt, einer Anregung von Navc» folgend, für gut, dem Kaiser die
Hagenauer Handlung, aber auch Konfession und Apologie in französischer
Uebersetzung zuzusenden. Ldgf. an Kf. Juli 9, ebenda. Kf. an Ldgf. Juli 11,
Neudecker, Urk., S. 527 ff.
1) N eudecker, Urk., S. 525 ff. Werbung Oersdorfs beim Kf. vom 9. Juli
und dessen Antwort vom 10. Reg. B. No. 1633.
2) Instruktion für die geplante Oesandtschaft an die Könige (Anf. August),
Eeg. H. p. 313, No. 12R Vergl. Lenz, I, 8. 211. 377. 380. 473. Vetter, NASG.,
XIV, 8. 25.
3) Kf. und Ldgf. an Wilh. v. Fürstenberg 1538 Nov. 30, Eeg. C. No. 854,
Bl. 98—102, Konz.
4) Ldgf. an Kf. Dez. 14, Eeg. H. p. 211, No. 95, Or.
5) Auch in Frankfurt erschien Füistenberg am 2. März 1539. P. C. II, 561.
6) Kf. und Ldgf. an den König 1539 April 19, E^. H. p. 278, No. 117.
C. E. III, 695 — 697. Der König an Kf. und Ldgf. Mai 15, Reg. H. ebenda, Or.
Digitized by Google
Bund u. Reich : Die Jahre der Sorge u. der Untemehmangslust 153G — 41. 251
Frankreich and England damals so, daß man nicht gut mit beiden
zugleich in Verbindung treten konnte ‘). Vor allem aber war die
Haltung des Königs auf religiösem Gebiete nichts weniger als er-
freulich’). Mau hielt für nötig, von Amstadt aus sich für die
Protestanten in Frankreich bei ihm zu verwenden, ein Schritt,
von dem sich der Kurfürst allerdings keinen Erfolg versprach*).
Es mag auf kursächsischen Einfluß zurückzuführen sein, wenn
man beschloß, sich erst über die französischen Verhältnisse zu
unterrichten und nur dann eine Schickung vorzunehmen, wenn
Aussicht sei, daß sie etwas helfe ‘). Die Straßburger wurden be-
auftragt, die nötigen Erkundigungen einzuziehen, doch scheint
man auch zur Zeit des schmalkaldischen Tages noch nicht klarer
gesehen zu haben, da damals einfach der Arnstädter Beschluß
wiederholt wurde.
Inzwischen liatten aber die Bundeshauptleute ihrerseits am
13. Februai' an den König geschrieben, um Beschuldigungen, die
gegen die deutschen Protestanten erhoben wurden, zurückzuweisen
und Franz von einer Verbindung mit dem Kaiser abzuhalten *).
Franz I. hatte auf diesen Brief am 9. März noch ziemlich mit
Allgemeinheiten geantwortet®), im Sommer 1540 wurde dann aber
von Frankreich die Anregung zum Wiederbegiun eines engeren
Verkehrs gegeben. Der König sandte zum Hagenauer Tage den
Lazarus Baif, der auch mit den Protestanten verhandeln sollte
vor allem aber arbeitete Wilhelm du Bellay wieder mit Eifer für
die Verbindung der Schmalkaldener mit Frankieich. Er schickte
1) Boisrigault an Franz I. Mai 31. Ri hier, I, S. 464.
2) Besonders Straüburg nahm sich der französischen Protestanten an.
P. C. II, 630. Ldgf. an Kf. Scpt. 30, Reg. H. p. 282, No. 118, Or. Der Kf.
verlangte, daß die Sache erst in Arnstadt beraten werde, Okt. 11. an Ldgf., ebenda,
Konz. Den französischen Protestanten war dieser Aufschub wenig erwünscht
Vergl. Calvin an Farel Okt. 27, Herminjard, VI, S. llOff. Kf. an Luther
und Melanchthon, Nov. 13, Burkhardt, Briefwechsel, S. 336.
3) Brück und Pack an Kf. Nov. 28, Reg. H. p. 248, No. 108. II, Or. Kf.
an die Räte, Nov. 29, ebenda, Or.
4) Reg. H. p. 248, No. 108, I.
5) Ldgf. an Kf. 1540 Jan. 26, R^. H. p. 348, No. 136, Febr. 3, Loc. 9655
,Des Kf. zu Sachsen mit dem Ldgf. . . . 1540“, Or. Kf. an Ldgf. Febr. 7, ebenda,
Konz. Bachsen und Heesen an den Kg. Febr. 13 und an den Connetable, Reg. H.
p. 313, No. 128, Konz. Seckendorf, III, 8. 258.
6) Reg. H. p. 313, No. 128, Or. Seckendorf, III, 8. 258.
7) Kredenz an Kf. vom 17. Mai, ebenda, Or. Seckendorf, III, 8. 259.
Digitized by Google
252
Kapitel U.
damals noch extra und im geheimen Sleidan nach Hagenau ‘). Baif
ermahnte zwar die Stände znr Herstellung des Friedens und der
ReligionsTergleichung, aber er warnte sie dabei doch davor, die
Privilegien und Hoheiten des Reichs zu verletzen. Er sprach auch
von der Bereitwilligkeit des Königs, die Protestanten zu unter-
stützen, und empfahl, einen Brief oder eine Gesandtschaft an ihn za
senden *). Die kursächsischen Gesandten konnten mangels Instruktion
allerdings an den Verhandlungen zum Teil nicht teilnehmen, im
ganzen aber fielen diese Anregungen beim Kurfürsten auf einen
sehr fhichtbaren Boden. Zunächst stimmte Um schon die jülichsche
Angelegenheit und die geplante Familienverbindung zwischen Frank-
reich und Jülich günstig, man erfuhr auf diesem Wege auch, daß an
eine Verbindung zwischen dem Kaiser und Frankreich nicht zu denken
und daß der Connetable, der Vertreter dieser Politik, in Ungnade
gefallen sei ®). Dann aber wirkte der Hagenauer Tag, durch den man
sich ja über die daueiude Feindschaft der Gegner klar wurde, ein.
Der Kurfürst entschloß sich jetzt leicht, Wallenrod nach Frank-
reich zu schicken, um die jülichschen Verhandlungen dort zu unter-
stützen*), und als dann durch Baif eine größere Gesandtschaft
an den König angeregt wurde, war er auch dazu sofort bereit ‘).
Diese Anregung fiel nun eben zusammen mit denen ans Polen
und Ungarn und ließ den großen Bundesplan in ihm entstehen,
ln bezug auf Frankreich war sein Gedanke der, daß zunächst, um
weniger Aufsehen zu erregen, durch eine „geringe Botschaft“ in
Anknüpfung an die Sendung Baifs die Sache dem König vor-
getragen werden sollte. Man sollte zunächst seine eigene Fried-
fertigkeit und die Bedrohung der deutschen Freiheit durch die
Gegner betonen, seine Freude darüber aussprechen, daß auch der
1) F. C. III, 62. Bourrilly , S. 312. Kf. an Ldgf. Juni 24, Xeudecker,
Urk., S. 546, noch ziemlich vorsichtig.
2) Eine Aufzeichnung Burchards über Baifs Vortrag in Reg. H. p. 304,
No. 12.5, I. Vergl. Sleidan, II, 8. 188. Beckendorf, III, 8.259. Moses,
S. 48. Die Gesandtschaft regte Baif bei den hessischen Räten an, vergl. deren
Bericht in P. A. No. 543, vom 11. Juli. Der Ldgf. sandte ihn dem Kf. am
14. Juli.
3) Hz. Wilh. an Kf. Juni 11, Reg. C. No. 869, Bl. 45 ff., Or. Heidrich,
8. 49.
4) Kf. an Hz. Wilhelm Juni 19, ebenda BI. 58 — 59, Konz. Instruktion für
Wallenrod vom 26. Juni, ebenda BI. 62/63.
5) Schon am 6. Juli erörtert Kf. diesen Plan. An Ldgf. Reg. H. p. 359,
No. 139.
Digitized by Google
Bund n. Beich: Die Jahre der Sorge n. der UntemehmimgsluBt 1536 — 41. 253
König diese und die der Protestanten speziell bei seinen Ver-
handlungen mit dem Kaiser stets Vorbehalten habe, dann nm Mit-
teilung bitten, unter welchen Bedingungen er einen „beständigen,
grfindlichen und währenden Verstand“ und eine Konföderation mit
den Protestanten schließen würde. Zu weiteren Verhandlungen mit
den Bevollmächtigten des Königs über den Bund könne man dann
etwa Mitte November eine Botschaft nach Straßburg oder in eine
andere geeignete Stadt schicken. Als Vertreter des Königs wäre
du Bellay dafür zu empfehlen*).
Es ist klar, daß nicht davon die Rede sein kann, daß, wie
noch Bourrilly annimmt’), Johann Friedrich aus Loyalität gegen
den Bund mit Frankreich gewesen sei. Er batte sich vielmehr
gerade jetzt zu dem großartigsten antihabsbnrgischen Bundesplan
aiL^eschwungen, den er je entworfen hat. Es lag nur am Land-
grafen, wenn nichts aus der Sache wurde, und das hing nun eben
mit dessen Doppelehenangelegenheit zusammen. —
Wir brauchen nach Rockwells gründlicher Untersuchung diese
unerquickliche Sache nicht in ihre Einzelheiten zu verfolgen. Wir
beschränken uns darauf, die Haltung des Kurfürsten, die auch durch
Rockwell nicht völlig aufgeklärt wird, möglichst allseitig festznlegen.
Veranlaßt wurde seine Hüieinziehung und die der Wittenberger in
die ganze Angel^enheit zunächst durch die Mutter der Margarete
von der Sale, der in Aussicht genommenen Nebenfran des Land-
grafen, dieser wünschte sie aber auch in seinem eigenen Interesse.
So wurde denn Bucer am 30. November 1539 entsandt, nm zu-
nächst mit den Wittenbergern, aber, wenn diese es für gut hielten,
auch mit dem Kurfürsten zu reden. Das geschah am 14. Dezember.
Seiner Instruktion entsprechend wird er Johann Friedrich den
ganzen Handel erzählt und ihn dann gebeten haben, wenn es heim-
lich geschehen sollte, doch Zeugnis dafür zu geben, daß es eine
Ehe wäre und daß er auch in diesem Falle dem Landgrafen
beistehen wolle. Philipp erbot sich dafür, dem Herzog von
Kleve zu helfen, ferner dem Kurfürsten selbst in seiner magde-
bnrgischen Sache, ja auch mit der Aussicht auf die Kaiserkrone
D Nach einer Aufzeichnung in Beg. H. p. 313, No. 128, Kopie. Die In-
struktionen für die Sendungen an die Könige wurden dem Ldgfen. am 2. Aug.
übersandt. Konz, des Begleitbriefes in Beg. H. p. 365, No. 140, BL 3/4. Vergl.
Neudecker, Urk., 8.567.
2) 8. 313.
Digitized by Google
254 Kapitel II.
suchte er ihn zu locken. Er hoffte ferner, daß Johann Friedrich
auch Moritz gewinnen werde, nnd stellte dafür diesem gegenüber
Nachgiebigkeit in der Frage der Erbschaft Herzog Georgs in Aus-
sicht*). Der Kurfürst hat darauf seine Ansichten zunächst selbst
aufgesetzt*). Aus diesem Stücke geht hervor, daß Johann Fried-
rich sich von vornherein bewußt war, daß es sich um eine Angelegen-
heit handle, deren Rechtmäßigkeit sowohl vor Gott, wie vor der
Welt bewiesen werden müsse. Nur wenn man ihm nachwiese, daß
die Sache vor Gott mit gutem Gewissen geschehen und daß sie
vor dem Kaiser als der von Gott geordneten Obrigkeit nnd vor
der ganzen Welt mit gutem Fug verantwortet werden könne,
meinte er die Sache als Ehe anerkennen und den Landgrafen ver-
teidigen helfen zu können. Er empfahl ferner, die Frage von Ge-
lehrten und Juristen prüfen zu lassen und den nächsten Bundestag
oder den Ausschuß darüber zu befragen, ob man es für eine Re-
ligionssache halten werde. .Auch auf den Nachteil, der für das
Haus Sachsen in der Erbberechtigung der Kinder der anderen
Frau liegen würde, machte der Kurfürst schon jetzt aufmerksam.
Die großen Erbietungen des Landgrafen vries er kurz zurück, auch
noch größere Verheißungen würden ihn nicht bestimmen, in etwas
zu willigen, was er nicht für christlich, ehrlich und billig ansehe.
Bucer gegenüber hat sich Johann Friedrich aber zunächst
darauf beschränkt, ihm sein Entsetzen über die Sache und sein
Mitleid mit dem Landgrafen auszusprechen, im übrigen wartete er
das Eintreffen Brücks am 15. ab, dem er die Angelegenheit unter dem
Siegel der Verschwiegenheit mitteilte. Durch diesen ließ er dann
in seiner Gegenwart dem Beauftragten des Landgrafen am 16. De-
zember antworten. Auch in dieser Antwort machte der Kurfürst
darauf aufmerksam, daß die weltlichen Rechte und der hergebrachte
Gebrauch der ganzen Christenheit dem Plane des Landgrafen ent-
gegenständen und daß die in den weltlichen Rechten dagegen fest-
gesetzten Strafen auch durch den Beichtrat der Theologen nicht
aufgehoben wftirden. Aehnlich wie diese verwies er dann auf die
mancherlei Gefahren, die die Sache mit sich bringe, sprach dabei
auch den Gedanken aus, daß die neue Fi'au die Landgräfin und
ihre Kinder zurückzudrängen versuchen könne, und den, daß
1) Burkhardt, Briefwechsel, b. 338 Anm. Lenz, I, 8. 356.
2) „Des Kf. zu Sachsen Bedenken in des Landgrafen Sachen“, Kopie mit
eigenh. Korrekturen, Reg. C. No. 292, Bl. 133—136.
Digitized by Google
Rund u. Reich; Die Jahre der Sorge u. der Unternehmungslaat 1536 — 41. 255
Philipp auch der neuen Frau überdrüssig werden könne. Er ließ
dann den Landgrafen bitten, sein möglichstes zu tun, um die An-
fechtung zu überwinden, jedenfalls nicht mit der Sache zu eilen.
Könne er sie nicht unterlassen, so solle er sie zu Verhütung von
Aergemis nicht anders vornehmen, als wie die Theologen geraten
hätten, nämlich „in ganzer geheim und stille, auch unvermarkt
ainicher ehe, sondern in gestalt ains lautem contubemii und con-
cubinats oder bulschaft und anders nicht“. Ferner möge er nicht eine
Person wählen, mit der er früher im Gerede gewesen sei, damit man
nicht sage, daß mehr „eine gefaßte Liebe und übermäßiger Wille“
als das Gewissen ihn dazu bewogen hätte. Das Gesuch des Land-
grafen um eventuellen Beistand lehnte er ab, indem er dai'auf
hinwies, daß das ja gar nicht in Frage kommen könne, wenn der
Landgraf den Rat der Theologen befolge'), lieber die Gegen-
erbietungen Philipps ging er ziemlich kurz hinweg*).
Am Schluß seiner Erklärung bat Johann Friedrich Bucer, dem
Landgrafen seine Antwort „mit dem besten glimpf und ufs freunt-
lichst“ anzuzeigen. Dadurch bekam dieser die Möglichkeit, in seinem
Bericht an Philipp einen großen TeU ihrer Härten wegzulassen, er
überschritt dabei aber das Maß des Erlaubten, wenn er in der
Frage des eventuellen Beistandes der Antwort des Kurfürsten die
Fassung gab, daß dieser dem Landgrafen „in allem dem, das mit
Gott immer sein möge, allweg seinen brüderlichen Beistand ge-
treulich leisten wolle“ ®). Die Folge davon war, daß Johann Fried-
1) Der Ld^. köane erachten, „das S. Kf. Gn. eolcha ganz beechwerlichen
zu bewilligen ader sich darin zu lassen sein wolt aus vorerzelten Ursachen, auch
danimb das 8. Kf. Gn. freuntlich bilh in allwegen dahin gericht were, solchen
handel anzustellen und verbleiben zu lassen. Ob auch wol 8. Kf. Gn. 8. f. Gn.
als den vettern und brudern zu aller muglichkeit sunsten in anderm frenntlicben
zu dienen und zu wUfaren wol gnaigt, so vermerkten doch 8. Kf. Go. aus irer
der obgnanten dreier theologen bedenken, das der handel als ain beichtdispen-
satio nicht anderst, dann in ganzer gehaim muste furgenomen werden, darumb
8. Kf. Gn. erachtens die sach wider zu kuntschaften noch disputation werden
geraichen dorfen oder können kommen, wo der theologen bedenken im eussersten
falh gelebt und nicht weither geschritten wurda“
2) In bezug auf das Anerbieten der Kaiserkrone heifit es, „das sich auch
8. Kf. Gn. zu den vermelten hohen ehren zu wenig, unvermugend und ungeschickt
wüsten und derhalben auch dersclbigen nit begerteo“.
3) Ich folge dem Exemplar der Erklärung des Kf., das dieser am 3. Juli
1540 dem Ldgfen. übersandta (P. A. Sachsen, Emeetinische Linie, Beilage zu
Brief von diesem Taga Eine Kopie des Konz. Reg. C. No. 262, BL 269 — 278.)
Digitized by Google
256
Kapitel II.
rieh gar nichts gewährt zu haben glaubte, während der Landgraf
auf Grund des Briefes Bucers einen günstigen Eindruck von seiner
Antwort hatte.
Weitere Verhandlungen haben erst gelegentlich der Kasseler
Zusammenkunft wieder stattgefunden. Das wenige, was wir darfiber
wissen, zeigt, daß der Kurfürst die Sache nicht sehr ernst nahm
und als eine .\rt Konkubinat auffaßte. Er bat wiederholt, ihm die
Person zu zeigen, die der Landgraf nehmen werde, und erklärte,
daß es unnötig gewesen sei, die Genehmigung der Gemahlin Phi-
lipps einzuholen. Er erlaubte auch, daß Eberhard v. d. Thann als
sein Vertreter der Hochzeit beiwohne ‘). Bald stiegen ihm dann
aber unter dem Einfluß von Menius, Brück und Thann selbst Be-
denken auf*). Besonders Brück sah die Sache schon sehr pessi-
mistisch an, glaubte, daß der Landgraf sie doch ein „öffentr
lieh unverholen ding sein lassen“ wolle®), und man suchte nun
durch Vorschiebung anderer Geschäfte Thann noch zurflckzuhalten.
Dieser war aber schon beim Landgrafen eingetroffen und ließ sich
von diesem veranlassen, auf seine Verantwortung hin der Hochzeit
beiznwohnen, auch Bucer und Melanchthon mögen ihm die Recht-
mäßigkeit der Sache dargelegt haben. Der vollzogenen Tatsache
fügte sich dann auch der Kurfürst®).
In den nächsten Wochen finden wir ihn vor allem mit zwei
Fragen beschäftigt. Er ist 1) bemüht, auch seinerseits dafür zu
arbeiten, daß die Sache geheim bleibe, 2) beschäftigte ihn die
Frage der Erbberechtigung der Kinder aus der neuen Verbindung
des Landgrafen. Die erste Angelegenheit wurde durch dessen
Schwester, die Herzogin Elisabeth von Rochlitz, in Fluß gebracht.
Der Landgraf sandte wenige Tage nach der Hochzeit seinen Mar-
Die BeUtion Bucera bei Lenz, I, S. 356 ff. Der Ldgf. schrieb dem Kf. am
7. Jnli, daß es ihn nichts weiter anginge, ob dessen Bericht mit dem Bucera
übereinstimme, darüber möge jener sich mit Bncer auseinandersetzen. (Reg. C.
a. a. O. Bl. 296 — 301, Or.) Auch im September haben beide Fürsten noch über
die Frage korrespondiert, wobei Philipp sich immer an Bucera Bericht hielt.
(Ldgf. an Kf. Sept 3. Kf. an Ldgf. Sept. 17. Ldgf. an Kf. Okt. 1. P. A.
Emestinüche Linie und R^. H. p. 365, No. 140.)
1) Lenz, 1, a 333. Rockwell, 8. 61. Ldgf. an Kf. Juli 3, Reg. C.
No. 292, Bl. 260 f.
2) Vergl. Rockwell, 8. 62ff.
3) Brück an Kf. Febr. 28, Reg. C. No. 292, Bl. 28 ff.
4) Rockwell, 8. 64f. wohl richtiger als Lenz, I, a 334 Anm. 1.
Digitized by Google
Bund u. Beich: Die Jahre der Sorge u. der üntemehmnngslust 1536 — 41. 257
schall von Hundelshausen an sie ab, um sie von dem getanen
Schritt zu unterrichten und um ihr Schweigen zu bitten '). Es ist
unrichtig, wenn noch Rockwell angibt, daß der Kurfürst sich geweigert
habe, diese Aktion zu unterstützen. Da der Landgraf ihn gebeten
hatte, auch einen Vertrauten an die Herzogin zu schicken oder
ihr zu schreiben®), so genügte es, wenn er dem Marschall einen
Empfehlungsbrief mitgab. Er bat die Herzogin darin, zu bedenken,
von welcher Wichtigkeit es für ihren Bruder und auch sie selbst
sei, daß diese Dinge in größter Heimlichkeit gehalten würden. Sie
möge sich also so verhalten, daß ihrem Bruder keine Nachrede
entstehe, und daß die Sache auch sonst keine üblen Folgen habe,
was unvermeidlich sei, wenn sie lautbar werde®).
Auf die leidenschaftliche Herzogin machten solche Vernunft-
gründe aber keinen Eindruck, sie brauste gewaltig auf, als sie
von der Sache erfuhr, betrachtete sich dabei vor allem selbst als
betrogen und fürchtete auch, daß sie selbst als Mitschuldige er-
scheinen könne, da Margarete ja ihr Hoffränlein gewesen war.
Zur Verheimlichung der Sache zeigte sie eben deswegen nicht die
geringste Neigung*). So wurde es tatsächlich die Hauptaufgabe
der nächsten Zeit, die Herzogin zufriedenzustellen und zu beruhigen.
Der Landgraf hatte eine fast komische Fui'cht vor ihr®); auch
Johann Friedrich fühlte sich zunächst nicht verpflichtet, persönlich
in Aktion zu treten*), erfüllte aber den Wunsch Elisabeths und
schickte Thann zu ihr, damit dieser ihr über die ganze Sache
nähere Auskunft gäbe. In dem Brief, den er dem Gesandten mit-
gab, wies er wieder vor allem auf die Notwendigkeit der Geheim-
haltung hin. Er unterdrückte dabei nicht seinen eigenen Unwillen
darüber, daß der Landgraf eine Person gewählt habe, mit der er
schon früher im Gerede gewesen sei, aber da es nun einmal ge-
schehen sei, sei es nicht mehr zu ändern, und man müsse nnn
dafür sorgen, daß die Sache nicht ruchbar werde. Er bat schließ-
1) Lenz, I, 8. 334. Rockwell, 8. 50.
2) Ldgf. an Kf., durch Hundelshausen überbracht Reg. C. No. 292, BL 32,
Hdbf.
3) Kf. an die Herzogin März 11, Reg. C. a. a. O. BL 33, Konz.
4) Rockwell, 8. 50 f.
5) Yergl. etwa Ldgf. an Kf. März 19. Der Kf. sollte mit Melanchthon und
Bncer mit ihr verhandeln, die ersten Hörner mit ihr abstofien, ehe der Ldgf.
mit ihr zusammenkäme, B^. C. a. a. O. BL 53—55.
6) An Ldgf. März 18, BL 48/49.
Beiträge zur neueren Geschichte Thüringens 1, 9. 17
Digitized by Google
258
Kapitel II.
lieh die Herzogin, ihren Unwillen gegen den Landgrafen nicht Thann
gegenüber, sondern gegen ihn bei ihrer persönlichen Zusammen-
kunft zum Ausdruck zu bringen ‘). An eine solche dachte nämlich
der Kurfürst doch noch dem dringenden Wunsche des Landgrafen
entsprechend, wußte nur noch nicht recht, wo er sie, ohne Aufsehen
zu erregen, abhalten könne*).
Tatsächlich wurde nuu durch Thanns Sendung erreicht, daß die
Herzogin versprach, weitere Schritte in der bewußten Sache zu unter-
lassen, auch nicht weiter mit ihrem Bruder zu korrespondieren, bis
der Kurfürst zwischen ihnen gütliche Handlung vorgenommen habe.
Auch ihrerseits forderte sie jetzt Geheimhaltung der Ehe und Ver-
hinderung irgendwelcher Erbansprüche der Kinder Margaretes®). In
diesem Punkte bestand eine gewisse Interessengemeinschaft zwischen
ihi- und dem Kurfürsten, auch wird es auf diesen nicht ohne Einfluß
geblieben sein, wenn sie ihm schrieb, daß der Landgraf die Sache
nicht geheimhalten wolle, auch nicht beabsichtige, die Margarete
der Welt gegenüber als Konkubine zu bezeichnen ‘). Johann Fried-
rich wurde durch ihre Briefe veranlaßt, am 5. April eine Unterredung
mit dem Landgrafen sowohl über die Frage der Geheimhaltung
wie über die der Erbfolge zu halten. Die Erklärungen Philipps
werden ihn kaum ganz befriedigt haben. Dieser meinte, seiner
Schwester gegenüber nicht verpflichtet zu sein, Geheimhaltung zu
versprechen, weil sie seine Verbindung mit Margarete nicht für
eine Ehe halten wolle, dem Kurfürsten gegenüber aber wollte er
sich verpflichten, es heimbch zu halten, so viel ihm möglich sei,
es wäre denn, daß er es nicht mehr leugnen könne. Auch daun
aber, wenn er darum angefochten würde, wollte er keine endgültige
.Antwort geben ohne Rat des Kurfürsten, Luthers, Melanchthons
und Bucers. Etwas anderes wäre es natürlich, wenn es ein ge-
meiner Gebrauch oder vom Kaiser bewilligt würde. Fenier wollte
er seiner Schwester gegenüber mit dem Heimlichhalten frei stehen,
wenn diese gegen Margarete böse Worte gebrauche, sie als Hure
bezeichne u. dgl.
1) Reg. C. No. 292, Bl. 229/230, o. D. Dem Ldgf. meldete der KI. am
22. März, dafi Thann gereist sei. Bl. 63/64.
2) An Ldgf. März 22, Bl. 63/64.
3) Kf. an die Herzogin März 28, eigenhändiges Konz. BL 226,227. Rock-
well, S. 65.
4) Die Herzogin an Kf. April 1 und 2, Bl. 68 — 70, Hdbf.
Digitized by Google
Band u. Beich : Die Jahre der Sorge u. der Unternehmungslast 1536—41. 259
Auch in dem Punkte der Erbfolge erklärte er sich nicht für
verpflichtet, der Herzogin gegenüber irgendetwas zu versprechen.
Gegenüber den sächsischen Fürsten wollte er sich freundlich darüber
erklären, wenn sie sich verpflichteten, ihm zu raten und zu helfen,
falls er wegen dieser Sache angegrift'en würde.
Bereit war der Landgraf, allenthalben zu erklären, daß seine
Schwester großes Mißfallen an der Ehe gehabt habe. Ferner be-
tonte er die Notwendigkeit einer Sicherung für die Mutter der
Margarete, wenn die Sache geheim bleiben sollte ‘).
Diese Erklärung konnte in bezug auf die Geheimhaltung einiger-
maßen genügen, dagegen ließ sie die Frage der Erbfolge in suspenso.
Daß diese dem Kurfürsten Sorge machte, zeigt sein Brief an Luther
vom 7. April, durch den er diesen davon abzuhalten suchte, dem
Landgrafen in dieser Beziehung irgend etwas zuzugestehen*). Die
Haupttätigkeit des Kurfürsten ist aber doch in der nächsten Zeit
noch dem Zustandebringen eines Vertrages zwischen dem Land-
grafen und seiner Schwester gewidmet*). Auf Grund der Ver-
abredung, die er mit Philipp in Schmalkalden getroffen hatte,
hat er am 13. Mai in Eilenburg eine Zusammenkunft mit der
Herzogin gehabt. Man setzte eine schriftliche Abrede auf, die
der Kurfürst noch an demselben Tage dem Landgrafen zusandte.
Sie hat die Form eines Vertrages zwischen diesem und seiner
Schwester. Jener sollte danach die „Beiwohnung“ mit Margarete
von der Sale mit allem Fleiß und so viel möglich in geheim halten.
Würde die Sache doch ruchbar, so sollte er sie als eine gemeine
Beiwohnung und keine Ehe verteidigen. Würde er gar zu sehr
bedrängt und könnte er die Sache nicht länger leugnen, so sollte
er keine endgültige Antwort erteilen ohne den Rat des Kurfürsten,
Luthers, Melanchthons und Bucers. Auch die Herzogin versprach,
die Sache geheimzuhalten und sie, wenn sie geheim bliebe, weder
zu loben noch zu schelten. Nach dem Wunsche des Landgrafen
1) Reg. C. a. a. O. Bl. 73/74, mo. n. quasimodogeniti, nicht April 11, wie
Rockwell S. 66, 1 annimmt. Was er im Text anführt, stammt aus dem Brief
an Bucer vom 29. Nov. 1540 und ist nicht etwa dem Kf. in Hchmalkalden er-
klärt worden.
2) Burkhardt, Briefwechsel, S.352f. Sehr verbeeserungsbedärftig, R^. C.
a. a. O. Bl. 71, Konz, mit Korrekturen Brücke.
3) Eine erregte Korrespondenz zwischen Kf. und Elisabeth wegen der Ge-
heimhaltung zieht sich durch die nächsten Wochen.
17*
Digitized by Google
260
Kapitel II.
hätte hier dann weiter eine Sicherstellung der Hofmeisterin erfolgen
müssen. Elisabeth war aber nicht dafür zu haben, diese in der
gewünschten Form zu gewähren. Sie wollte nur versprechen, nichts
Tätliches gegen sie vorzunehmen, sie wollte sie aber zur Rechen-
schaft ziehen, sie nicht mehr um sich dulden und ihr ihre andere
Tochter vorenthalten. Der Landgraf soUte weiter auch versprecheu,
seine Schwester zu verteidigen und für unschuldig zu erklären,
wenn die Sache ruchbar würde. Den Rechten des Hauses Sachsen
und denen der Herzogin sollte durch diese Abrede nichts be-
geben sein‘).
Die Berücksichtigung der Verabredungen vom 5. April ist in
dem ganzen Stücke unverkennbar, trotzdem lehnte der Landgraf den
Vertrag am 18. Mai als nnannehmbar ab*). Ob wirklich, wie der
Kurfürst annahm •), in erster Linie der Artikel über die Frau von der
Sale der Stein des Anstoßes war, kann vielleicht bezweifelt werden.
Auch die starke Betonung, daß die neue Ehe nur als „Beiwohnung“
gelten solle, wird Philipp schwerlich gepaßt haben. Das war auch
die Ansicht Elisabeths*).
So war der erste Versuch des Kurfürsten, die unerquickliche
Angelegenheit in dem von ihm gewünschten Fahrwasser zu halten,
gescheitert. Bald traten größere Schwierigkeiten ein. Man hatte
am herzoglich sächsischen Hofe Kunde von der Sache erhalten und
half sich, als der Kurfürst auf eingezogene Erkundigungen nur
ausweichende Antworten gab, mit der Gefangennahme und Aus-
fragung der Frau von der Sale*).
An eine wirkliche Geheimhaltung war jetzt nicht mehr zu
denken, und alle Beteiligten gerieten dadurch in ein schwieriges
Dilemma. Eine eifrige Korrespondenz zwischen dem Kurfürsten,
dem Landgrafen, den Wittenbergern fand statt. Am kursächsischen
Hofe war man geneigt, auch jetzt noch nichts zuzugestehen *), auch
Luther riet, daß der Landgraf gegen den Kaiser und öffentlich die
1) Die Abrede mit eigenhändigen Bemerkungen Elieabeths und des Kur-
fürsten Reg. C. a. a. O. Bl. 93 — 95. Kf. an Ldgf. Mai 13, ebenda 90/91, Konz,
ü) Ebenda Bl. 157, Or.
3) An die Herzogin Mai 24, ebenda Bl. 175.
4) P. S. zu Brief an Kf. vom 27. Mai, Bl. 86/87.
5) Vergl. Lenz, 1, 8. 337 f. Rockwell, 8. 66.
6) Vergl. etwa Kf. an seine Räte in Hagenau Juni 19, de W. VI, 267.
C. R. III, 1040 ff.
Digitized by Google
Bund n. Reich : Die Jahre der Sorge u. der UntemehmungBluat 1536—41. 261
Margarete als seine Konkubine ausgäbe*), dem Landgrafen aber
wurde diese feine Unterscheidung zwischen der heimlichen Ehe
und dem öffentlichen Konkubinat immer lästiger, er würde jetzt
am liebsten die Sache offen zugestanden haben, tat das schon dem
Dresdner Hofe gegenüber *). Für diesen Fall mußte er aber sicher
sein, daß die Wittenberger Theologen an der Dispensation, die sie
ihm früher erteilt hatten, auch öffentlich festhielten, und daß auch
der Kurfürst ihn nicht im Stich ließe. Er glaubte, das beanspruchen
zu können, da er ja an der Verlautbarung unschuldig sei, und drohte,
sich sonst eventuell dem Kaiser in die Arme zu werfen’).
Den Standpunkt des Kurfürsten können wir z. B. aus seinem
Briefe an Philipp vom 27. Juni entnehmen. Er hielt es für einen
Fehler, daß der Landgiaf die Sache dem Dresdener Hofe gegenüber
gestanden, auch Aktenstücke dorthin geschickt hatte, da dadurch die
-Ibleugnung so außerordentlich erschwert war. Andererseits schien
ihm aber auch das Zugeständnis schwer, vor allem auch weil es
sich um einen Beichtrat handelte. Er meinte, daß man deswegen
auch nicht über die Sache disputieren könne, auch ohne Offenbarung
des ganzen Beichtberichts die Dispensation schwer rechtfertigen.
Eine solche Offenbarung aber schien ihm aus Rücksicht auf Herzog
Heinrich von Braunschweig bedenklich. Er fürchtete ferner, daß
der Kaiser durch ein öffentliches Zugeständnis Gelegenheit zum Ein-
schreiten erhalten würde, denn die weltlichen Strafen würden durch
die Dispensation nicht aufgehoben. Auch wegen der Gefahr des
Beispiels riet schließlich der Kurfürst von einem öffentlichen Aus-
schreiben ab. Einen Rat über sein weiteres Verhalten erklärte er
dem Landgrafen erst geben zu können, wenn er dessen Meinung
darüber und sein Schreiben nach Dresden kenne*).
Den Gedanken, daß durch die Dispensation der Theologen die
Vergehung des Landgrafen gegen die weltlichen Gesetze nicht be-
ll An Thann Juni 27, Rockwell, S. 165, 2. Nach Thanne Brief an
Brück vom 20. Juni batte übrigens der Landgraf das selbst vorgeschlagen. Reg. C.
a. a. O. Bl. 199-201.
2) Lenz, I, S. 339, 2.
3) Ldgf. an Kf. J uni 20. R^. C. No. 292, BL 235—241 ; Juli 3, BL 259—268.
Beide Briefe bei Lenz und Rockwell benutzt.
4) Es ist der Brief, der den Ldgf. so erbitterte, wcU der Ef. darin die Krank-
heit Melanchthons mit der Doppelehe in Zusammenhang brachte. Lenz, I, S. 338,
Änm. 3, P. A. Sachsen, Ernestinische Linie, Juli, Or. Reg. C. No. 292, Bi. 249
—254, Konz, mit vielen Korrekturen Brücke. VergL auch Rockwell, 8. 181, 4.
Digitized by Google
262
Kapitel II.
seitigt werde und daß man kein Recht habe, sich einem Vor-
gehen des Kaisers gegen ihn zu widersetzen, hat der Kurfürst
besonders auch noch in seinem Briefe vom 3. Juli ausgeführt.
Er verstieg sich zum Entsetzen des Landgrafen hier zu dem Satze :
„Wir besorgen, wan schon uf allen blettern der ganzen biblien
etwas geschriben stunde, das vor dießen S. L. handel thete, und
wurde an tag bracht, so wurden sie doch berurt ergemus domit
nicht ablainen noch aus der leute herzen brengen, dieweil der
ganzen christenhait gebrauch darwidder, auch an ime selbst ehr-
licher, sitlicher und natürlicher, auch zu rechter ehelicher eintracht
dinstlicher ist.“ Eben um solches Aergernis zu verhüten, hätten
die Theologen Geheimhaltung verlangt. Das Gewissen des Land-
grafen bleibe rein, auch wenn die Sache nicht bekannt und öflfent-
lich verteidigt, sondern für eine Buhlerei gehalten würde, „dan
wiewol bulerei auch ain ergernus ist, so wirdets doch nicht geacht.
dieweil es laider zu gemain ist“. Immer wieder betonte Johann
Friedrich darum die Notwendigkeit der Geheimhaltung, da die
„großen Häupter“ auf ein bloßes Gerücht hin schwerlich etwas tun
würden, lieber seine eigene weitere Haltung, wenn der Landgraf
die Sache öffentlich bekenne, sprach sich der Kurfürst noch nicht
ganz bestimmt aus. Doch erklärte er es für unwahrscheinlich, daß
er sich dann der Sache mitannehmen könne, da zu viele Gründe da-
gegen sprächen und es mit beschwertem Gewissen geschehen werde.
Stets beunruhigte ihn auch der Gedanke, daß andere, etwa kinder-
lose .\dlige, das Beispiel des Landgrafen nachahmen könnten ‘).
Philipp hat auf diesen Brief ziemlich heftig geantwortet und
dabei klar formuliert, was er von den Theologen verlange, nämlich
ein Zeugnis, daß die Sache nicht wider Gott sei, nicht daß sie ihn
wider die kaiserlichen Gesetze und Rechte verträten. Dem Kur-
fürsten gegenüber aber bemühte er sich nachzuweisen, daß man der
Obrigkeit in dieser PYage ohne Gewissensbedenken Widerstand
leisten könne, besser sogai- als in der der PfaiFenehe, der Kloster-
gelübde u. ä. Mindestens bis zu einem Konzil müßte man die Sache
verteidigen. IVieder di’ohte er dann damit, daß er eventuell bei
1) Or. in P. A. Kopie des Konzepts in R^. C. No. 292, Bl. 269 — 278.
Lenz, I, S. 342, 1. Mit diesem Brief schickte der Kurfürst Kopie der Antwort,
die er Bucer im Dezember gegeben hatte. Uebrigens nahmen sowohl Bucer wie
8turm in jener Zeit ganz denselben Standpunkt wie der Kf. in der Doppelehen-
angelegenheit ein. Vergl. Lenz, I, 8. 175. P. C. III, 716f.
Digitized by Google
Bund u. Beicb; Die Jahre der Sorge u. der Untemebmungeluet 153ü— 41. 2G.3
Kaiser und König Wege suchen werde, um der Strafe zu entgehen,
ohne jedoch vom Evangelium abzufallen. Doch deutete er an, daß
das nur im äußersten Notfall geschehen werde, denn so lange wie
möglich werde er ein öffentliches Bekenntnis vermeiden und zwei-
deutige Antworten geben. Als Buhlerei könne er allerdings die
Sache nicht bezeichnen, aber vielleicht die Person als eine Kon-
kubine, wie Abraham sie gehabt habe. Ferner wollte er das Resultat
der Eisenacher Konferenz der Theologen und Räte abwarten‘).
Diese Eisenacher Konferenz*) war vom Landgrafen selbst am
3. Juli angeregt und vom Kurfüi-sten schon am 4. freudig accep-
tiert worden. Eine gründliche Besprechung auf Grundlage der
zuletzt ausgetauschten Bedenken schien ein geeignetes Mittel, um
weitere unerquickliche Debatten zu verhüten und einen einheit-
lichen Standpunkt zu gewinnen. Luther, Melanchthon und wegen
dessen Erkrankung Amsdorf, Brück, Pack, Uttenhofen und Eberhard
von der Thann nahmen von sächsischer Seite teil. Irgendwelche
neue Gedanken sind dabei aber eigentlich nicht zutage getreten.
Die Sachsen hielten fest an dem Standpunkt , daß die Sache
geheimgehalten werden müsse, und daß der Landgraf sich durch
zweideutige Antworten helfen müsse, im äußersten Notfall rieten
sie zu einer Notlüge. Die Verteidigung des Landgrafen gegen
den Kaiser in dieser Sache wollte der Kurfürst nicht über-
nehmen*). Philipp dagegen war wohl bereit, die Sache auch
jetzt noch so lange wie möglich geheimzuhalten, wünschte aber,
daß man ihn auch verteidige, wenn die Geheimhaltung nicht mehr
möglich sei^). Eine wirkliche Einigung war nicht zu erzieleu.
Man mußte zufrieden sein, daß der Landgiaf versprach, einstweilen
durch zweideutige Antworten für Geheimhaltung der Sache zu
sorgen. Den Hessen gelang es dagegen nicht, die Wittenberger für
die Anschauung ihres Herrn zu gewinnen, daß die Bigamie nicht
wider Gott sei, ebenso mußte sich der Landgraf klar darüber sein,
daß er nicht auf die Unterstützung seiner Verbündeten zu rechnen
1) Ldgf. an Kf. Juli 7, Reg. C. a. a. O. Bl. 296 — 301, Or. Vergl. Rock-
well, S. 76f.
2) Vergl. zum folgenden vor allem Rockwell, S. 170ff.
3) Vergl. etwa Lenz, I, S. 376 f. Ein kursächBischee Bedenken etwa vom
16. oder 17. Juli in Reg. C. a. a. O. Bl. 120 — 131. Rockwell, 8. 171.
4) Aufzeichnung der Rede der heegischen Gesandten vom 16. Juli, Reg. C.
a. a. O. Bl. 112 — 114. Vergl. Rockwell, 8. 171.
Digitized by Google
264
Kapitel II.
hätte, wenn er wegen seiner Doppelehe vom Kaiser zur Ver-
antwortung gezogen würde. Nur solange er sich nach einem von
knrsächsischer Seite eingereichten Bedenken richtete, wollte man
ihn unterstützen ‘).
Das war das verhängnisvollste Resultat der ganzen An-
gelegenheit, denn wenn es auch noch eine Weile dauerte, bis
der Landgraf mit dem Kaiser abschloß, schon von jetzt an hielt
er es für nötig, auf diesen Rücksicht zu nehmen und ihn nicht
unnütz zu reizen, und so hatte die Doppelehenangelegenheit eine
höchst unerwünschte Lähmung der protestantischen Politik zur
Folge. Das ist der Grund, weshalb manche Forscher die Haltung
des Kurfürsten in dieser Frage hart verurteilen, sie etwa als kurz-
sichtig und kleinmütig bezeichnen *). Demgegenüber muß man
bemerken, daß sie sich zunächst von Anfang an gleichblieb und
durchaus konsequent war, ferner daß seine Stellungnahme nicht
etwa darauf beruhte, daß er die möglichen Folgen nicht erkannte,
sondern daiauf, daß eine andere für ihn seiner Natur nach un-
möglich war. .\ls Kleinmut würde es ihm erschienen sein, wenn
er ans weltlichen Gründen etwas zugestanden hätte, das seinem
Gewissen widersprach. Schärferen Tadel verdient jedenfalls die
Haltung des Landgrafen, der jetzt alle politischen Interessen, die
er bisher vertreten hatte, vor allem die Sache des Protestantismus
zurflcktreten ließ hinter seiner privaten Angelegenheit. Selbst
Pläne, die er bisher empfohlen hatte, veru'arf er nun, und er
machte auch gar kein Hehl daraus, daß seine Politik nur durch
die Haltung seiner Verbündeten und vor allem des Kurfürsten in
der Doppelehenangelegenheit bestimmt würde. Dabei sekundierte
ihm sein Kanzler Feige, der ihm z. B. am 17. Juli schrieb, daß er
sich jetzt auf nichts Neues einlassen dürfe, vor allem nicht auf
Sachen, die ihn in Gegensatz zum Kaiser bringen könnten *). Dem-
gemäß lautete der Befehl des Landgrafen vom 18., und sehr un-
verblümt brachte er seinen egoistischen Standpunkt auch in dem
Brief an Bucer vom 24. Juli zum Ausdruck. In beiden Briefen
äußerte er die ja schon öfter angedeutete Absicht, durch Verhand-
1) Uttenhofen, Brück und Pack an Kf. Juli 20, Reg. C. a. a. O. Bl. 311
— 314. Gemeint ist daa Stück bei Kolde, Analecta, 8. 360—365. Rockwell,
a 173 f.
2) So Brandenburg, I, S. 102.
3) Lenz, I, S. 377 f.
Digitized by Google
Buod a. Reich: Die Jahre der Sorge u. der Cntemehmongelust 1536 — 41. 265
langen mit dem Kaiser sich vor weltlicher Strafe zu sichern, wenn
es ohne Schädigung in der Religion geschehen könne. Er wai’
aber bereit, in der geldrischen oder französischen, englischen oder
Wahlsache auf jeden antikaiserlichen Schritt zu verzichten ‘).
Wenn man diesen Brief des Landgrafen kennt, wird man be-
greifen, daß der große Bundesplan des Kurfürsten vom 2. August
auf keinen sehr fruchtbaren Boden bei ihm fiel. Er ließ sich auch
in dieser Sache von Feige beraten, hat aber dann in seiner Antwort
vom 8. August noch in etwas stärkerer Weise, als dieser vorge-
schlagen hatte, die Doppelehenangelegenheit hervorgehoben als einen
Grund, der ihn nötige, die Huld des Kaisers nicht zu verscherzen.
Die anderen von Feige vorgebrachten Argumente von der Un-
sicherheit der Nachrichten aus Polen wurden allerdings auch mit-
verwandt. Der Landgraf suchte aber offenbar die Sache als ein
Pressionsmittel auf den Kurfürsten zu benutzen, indem er erklärte,
er könne sich jenen Potentaten gegenüber erst dann mit dem Kur-
fürsten in etwas einlassen, wenn er wisse, welche Hilfe er von
diesem in seiner Sache zu erwarten habe’).
Nun hatte der Kurfürst noch in Eisenach den Eindruck ge-
habt, als sei der Landgraf mit der Schickung einverstanden ge-
wesen. Er geriet daher über seinen jetzigen Rückzug in die
höchste Entrüstung, wurde natürlich aber dadurch nicht zu irgend-
welcher Nachgiebigkeit in der Doppelehensache bestimmt. Er
dachte wohl daran, diese jetzt vor die Bundesstände zu bringen,
um einen Rückhalt an ihnen zu haben. Davon rieten Brück
und Pack ihm aber dringend ab aus Rücksicht auf den Land-
grafen und wegen der Geheimhaltung. Wie es seine Art war, wai’
Johann Fiiedrich geneigt, Philipp jetzt gleich vollkommen auf-
zugeben und auch au seiner Aufrichtigkeit in der Religionssache
zu zweifeln. An seinem Bundesplan aber hielt er zunächst noch
fest. Die Sendung nach Frankreich wollte er allerdings bis zur
Rückkehr Wallenrods verschieben, die nach Polen und Ungarn aber
vornehmen. Erst Brück veranlaßte ihn, auch diese vorläufig zu
unterlassen und sich beim Großmarschall von Polen mit dem Ge-
1) Lenz, I, S. 379 f. und 201 ff.
2) Feige an Ldgf. Aug. 6, P. A. No. 532, Bl. 22 ff., Hdbf. Ldgf. an Kf.
Aug. 8, Reg. H. p. 359, No. 139, Or. Aehnlich Sept. 3, B^. H. p. 365, No. 140,
Bl. 17 — 21, Or. Hier verlangt er Sicherheit, daß auch die Könige ihn in den
Sachen, die ihm am heftigsten anli^en, unterstützen.
Digitized by Google
266
Kapitel II.
rücht vom Tode Johanns von Ungarn zu entschuldigen, über den
man erst Erkundigungen einziehen müsse ‘).
Im Sinne dieser Ratschläge antwortete der Kurfürst auch am
25. August dem Landgrafen. In der Frage der Doppelehe verwies
er auf den Eisenacher Ratschlag und darauf, daß Philipp keine
Gefahr zu fürchten habe, wenn er sich an diesen hielte. Da darin
dem Landgrafen geraten war, das Kammergericht zu rekusieren,
wenn es ein Verfahren gegen ihn begönne, fragte dieser nun wieder
bei Johann Friedrich an, ob er auf Hilfe rechnen könne, wenn ihm
wegen dieser Rekusation etwas Tätliches begegne. Die Folge dieser
Anfrage war die entgegenkommendste Erklärung, die der Kurfürst
in der Doppelehenangelegenheit abgegeben hat. Er verwies darauf,
daß schon im Eisenacher Ratschlag an zwei Stellen hervorgehoben
sei, daß der Landgraf sowohl von den Erbeinungs- wie von den
Religionsverwandten unterstützt werden werde, wenn man ihn nicht
die ordentlichen Rechtsmittel genießen ließe, sondern „widder recht
und unausgefurter Sachen, do E. L. der dinge nit gestendig wheren“,
mit der Tat beschwerte. Bei dieser Erklärung hat sich dann
der Landgraf beruhigt’). Als wirklich ausreichend ist sie ihm
schwerlich erschienen, seine Politik wurde daher auch weiterhin
durch die Rücksicht auf die Bigamie gelähmt, und auch auf kur-
fürstlicher Seite bestand ein gewisses Mißtrauen fort.
Man kann überhaupt den Einfluß dieses Zwistes auf die pro-
testantische Politik der nächsten Zeit gar nicht hoch genug an-
schlagen. Wohl fehlte es nicht an Versuchen, den Streit auszu-
gleichen, etwa den Landgrafen über die Haltung Luthers und des
Kurfürsten zu beruhigen oder diesen zu größerem Entgegen-
kommen zu bestimmen, besonders Bucer Anden wir bis zum
Schlüsse des Jahres in diesem Sinne tätig*). Die Hartnäckigkeit
beider Teile war aber zu groß und vor allem das gegenseitige Miß-
trauen zu lebhaft. Immer wieder tauchte auf kursächsischer Seite
der Gedanke auf, daß der Landgraf beabsichtige, die ganze Sache
publik zu machen, ja man traute ihm schließlich sogar .Abfall vom
1) Kf. an Brück Aug. 14. Keg. U. p. 301, No. 123, Or. Brück an Kf.
Aug. 24, R^. H. p. 359, No. 139, Or.
2) Kf. an Ldgf. Aug. 25, Or. Ldgf. an Kf. 8ept. 3, Kopie. Kf. an Ldgf.
Sept. 17, Or. Ldgf. an Kf. Okt. 1, Konz. P. A. Sachsen, Ernestinische Linie.
Die Briefe des Ldgf. im Or. in Reg. H. p. 365, No. 140.
.3) Bucer an Ldgf. Aug. 8, Sept. 16, Lenz, I, S. 206 ff. 210 ff., Not. 22,
26, S. 235 ff. 240 ff. etc. bis Dez. 31, 8. 292 f.
Digitized by Google
Band u. Reich : Die Jahre der Sorge u. der Untemehmungelust 1536 — 41. 267
Bunde und Verbindnng mit dem Kaiser etwa gegen Jülich zu>),
während andererseits der Landgraf zwar an den Eisenacher Be-
schlüssen zunächst festhielt, aber im Grunde mit ihnen sehr unzu-
fineden war*) und glaubte, sich über diese hinaus für die Zukunft
sichern zu müssen. Gerade dieser Gedanke machte ihn aber un-
zugänglich für die antikaiserlichen Bundespläne, die der Kurfürst
auch in der nächsten Zeit noch lebhaft betrieb.
Johann Friedrich wurde dazu zunächst bestimmt durch neue
bedenkliche Nachrichten, die ihm über die Absichten des Kaisers zu-
gingen. Wallenrod brachte aus Frankreich mancherlei derartige
Gerüchte mit und bestärkte dadurch den Kurfürsten in seiner Ueber-
zeugung von der Notwendigkeit der Gesandtschaft nach Franki eich *).
Dazu kamen dann die engen Beziehungen, in die jetzt der Herzog
von Jülich mit Frankreich getreten war, nachdem die Verbindung
mit England sich gelöst hatte und nachdem auch die Versuche
König Ferdinands und des Herzogs von Braunschweig, ihn mit dem
Kaiser zu versöhnen, gescheitert waren. Seine Vermählung mit
Johanna von Navarra, der Nichte des Königs, schien sicher, ein
Bund war geschlossen. Den augenblicklichen Stimmungen Johann
Friedrichs entsprach es durchaus, ihn zu einem Bunde zwischen
Frankreich, Dänemark, Jülich und den Schmalkaldenein zu er-
w'eitern*). War das aber denkbar ohne den Landgrafen?
1) Kf. an Brück Aag. 8, Reg. C. No. 292, Bl. 339, Or. Brück an Kf.
Okt. 27, Reg. H. p. 295, No. 121, I, Hdbf., Brück an Kf. 1541 Jan. 1, R^. H.
p. 335, No. 134, III, Hdbf.
2) An Bucer Juli 24. Lenz, 1, S. 201 ff.
3) Bericht Wallenrods vom 1. Sept., Reg. C. No. 869, Bl. 102 — 120. Vergl.
Vetter, NASQ., XIV, 31.
4) Im April war Hz. Wilhelm w^en der Vermittlung Ferdinands und
Heinrichs von Braunschweig selbst in Gent gewesen. Der Kf. war wenig damit
einverstanden und ließ die Zusammenkunft durch Planitz beobachten. H c i d r i c h ,
S. 43, und die Korrespondenz mit Planitz, Reg. H. p. 290, No. 120 I. p. 321,
No. 130 A, mit Hz. Wilhelm, Reg. C. No. 868 II. Die Vermittlung scheiterte
aber, und Planitz war mit der Haltung des Hzs. sehr zufrieden. An Kf. Mai 6,
R^. H. p. 321, No. 130 A. Hdbf. Der Kf. riet nun dem Herzog wieder sehr,
sich einen Rücken zu machen. (Mai 26, Reg. C. No. 869, Bl. 22 — 27.) Hz.
Wilhelm erfüllte gewissermaßen diesen Wunsch durch die Verbindung mit Frank-
reich (an Kf. Juni 11, Reg. C. ebenda Bl. 45—48. 50 — 51; Heidrich, S. 49).
Johann Friedrich war sehr damit einverstanden, wie er durch die Sendung
Wallenrods bewies. Vom 16. Juli ist dann schon der Heiratsvertrag zwischen
Wilhelm imd Jeanne d’Albret. Ruble, S. 273—278. Gerade in derselben Zeit
kam die Nachricht von der Scheidung Heinrichs VIII. von Anna. (Wilh. an
Digitized by Google
268
Kapitel II.
Die sächsischen Politiker sind sich Tollkommen darQber klar
gewesen, daß das sehr schwierig sein werde *), und haben sich da-
her bemüht, Philipp trotz der Differenzen über die Doppelehe
doch noch zur Beteiligung an den französischen Verhandlungen
zu bestimmen. Eingedenk des Korbes, den er sich im August ge-
holt hatte, dachte Johann Friedrich eine Zeitlang damn, Brück an
den Landgrafen schreiben zu lassen, da er es für seine Pflicht
hielt, wenigstens auf diese Weise noch einen Versuch zur Ge-
winnung Philipps zu machen, schließlich hat er doch selbst ge-
schrieben*). Unter Hinweis auf den beiliegenden Bericht Wallenrods
hob er hervor, wie wichtig es für sie beide sein werde, einen Rück-
halt an Frankreich zu haben, wenn der Kaiser wirklich einen inner-
lichen Krieg in Deutschland erregen wolle, wie man aus Frankreich
berichte. Da der Kurfürst aber gleichzeitig eine Hineinziehung der
„bewußten Sache“ in die Bundesverhandlungen für ausgeschlossen er-
klärte, blieb auch der Landgraf auf seinem ablehnenden Standpunkt*).
Johann Friedrich war aber so überzeugt von der Nütz-
lichkeit der Verbindung mit Fi-ankreich, daß er die Verhand-
lungen ruhig weiterführte, in der Hoffnung, später auch die Schmal-
kaldener dafür zu gewinnen. Bei dieser Fortfühning der Bundes-
verhandlungen bildete der jülichsche Diplomat Cruser den Haupt-
vermittler. Ihn sandte der Herzog mit Udenheimer zusammen
Kf. Juli 13 und 21, Heg. H. p. 260, No. 111 III, Or.) Der Kf. war sehr empört,
riet von jeder weiteren Verbindung, mit dem Kg. ab (an Wilhelm Juli 25, 31,
Aug. 24, Beg. H. ebenda, Konz.). Daß für den Kf. die Verbindung mit Frank-
reich nun an Steile der mit England trat, besonders für den Schutz Geldems,
zeigt sein Brief an den Ldgf. vom 4. August, Keg. C. No. 475, Konz. Auch Hz.
Wilhelm gegenüber sprach er eich sehr erfreut über das französische Bündnis ans,
Aug. 21, Reg. C. No. 870, Bl. 7/8.
1) Betrachtungen darüber, ob der Kf. allein mit Frankreich abschliefien
solle, in Brief Brücks an Kf. vom 24. Aug., Keg. H. p. 350, No. 139, Or.
2) Kf. an Brück [vor Sept. 17], Reg. C. No. 869, Bl. 131 — 135, Konz. Kf. an
Ldgf. Sept. 17, P. A. Sachsen, Eroestinische Linie, Or. Reg. H. p. 365, No. 140,
BL 83—93, Konz, mit sehr vielen Korrekturen Brucks. VergL Vetter, N.\SG.
XIV, 8. 27. 31.
3) Ldgf. an Kf. Okt. 1, Reg. H. p. 365, No. 140, Bl. 121 — 124, Or., mit der
Dorsalbemerkung: Hierauf ist nit geantwort. Der Brief ist immerhin nicht ganz
hoffnungslos. Die Doppelehenangelegenheit sollte nur in verblümter Form genannt
werden, auch erklärte sich der Landgraf den Bündnisverhandlungen nicht ganz
abgeneigt, wenn Dänemark, Lüneburg und Württemberg teilnähmen. Offenbar
wünschte er schon damals die Fortführung der Verhandlungen durch den Kf.
ohne ihn.
Digitized by Google
Bund u. Reich : Die Jahre der Sorge u. der Untemehmungslust 1536 — 41. 269
am 6. Oktober an den Kurfürsten. Cruser war kurz vorher in
Frankreich f^ewesen und konnte auch direkte Aufträge des Königs
an Johann Friedrich übermitteln. Sie zeigten aufs deutlichste, daß
Franz ein Bündnis mit Jülich und den Schmalkaldenern wünschte
und es gelegentlich einer Gesandtschaft der letzteren an ihn, die
der Kurfürst herbeiführen sollte, zum Abschluß zu bringen hoffte.
Johann Friedrich hat die Verhandlungen mit Cruser teils persön-
lich, teils durch einen seiner Räte geführt und dabei das seiner
eigenen Stimmung entsprechende Entgegenkommen und die Zurück-
haltung, die durch die Ungewißheit der Haltung seiner Verbündeten
und das stets vorhandene Mißtrauen gegen Frankreichs Ehrlichkeit
geboten war, in geschickter Weise verbunden. Er sprach sich
persönlich sehr entschieden für das Bündnis aus und erklärte sich
auch bereit, mit seinen Verbündeten auf dem Bundestage, der in
IVs Monaten stattfinden sollte, über die Sache zu verhandeln. Er
erklärte auch, weshalb man nicht gleich auf Baifs Anregung hin
eine Gesandtschaft nach Frankreich geschickt habe. Er unterließ
aber nicht, an die schlechten Erfahrungen zu erinnern, die man 1538
gemacht habe. Sie erschwerten es den Verbündeten, ihrerseits
Vorschläge über das Bündnis zu machen. Es mag mit diesen Er-
innerungen Zusammenhängen, wenn Johann Friedrich sich auch
gegen eine Gesandtschaft der Verbündeten nach Frankreich aus-
sprach, vielmehr empfahl, daß beiderseitige Gesandte auf jülichschem
oder geldrischem Gebiete zusammenkämen. Cruser ging darauf
ein und schlug, allerdings ohne Auftrag, Neideck bei Düren [Ni-
deggen] dafür vor. Für dringend erforderlich erklärte der Kurfürst
es auch, daß man sich über die Modalitäten des Bundes schon vor
der Zusammenschickung einige, da die deutschen Stände ja ihre
Gesandten nicht plene zu instruieren pfiegten.
Cruser übernahm es, diese Vorschläge an König Franz ge-
langen zu lassen, während Johann Friedrich sich bemühen wollte,
seine Verbündeten zu gewinnen. Beide Teile sollten über das
Resultat ihrer Verhandlungen dem Herzog von Jülich berichten.
Auf die Frage, welcher Art dessen Stellung im Bunde sein sollte,
vermochte Cruser keine bestimmte Antwort zu geben. Der Herzog
hat sich später dahin erklärt, daß er eine Partei für sich in dem
Bunde bilden wolle ‘).
1 ) Kredenz Cmsen und Udenheimers vom 6. Okt., B^. C. No. 870, Bl. 10,
Heidrich, 8. 49. Die Akten über die VerhandlnDgeD, die am 22. Oktober
Digitized by Google
270
Kapitd II.
Die Aufgabe des Kurfürsten war nun also die Gewinnung
seiner Bundesgenossen, eine Aufgabe, bei der er bald auf große
Schwierigkeiten stieß. Es hatte zwar nicht allzuviel zu besagen,
wenn Ulrich von Württemberg die Teilnahme an dem Bunde ab-
lehnte, solange der König ihm eine Geldsumme, die er ihm
schuldete, nicht bezahlt hätte’), schlimm aber war, daß der Land-
graf auch jetzt in seinem Widerstande beharrte. Er war dagegen,
daß die Frage der Verbindung mit Frankreich in das Ausschreiben
des Bundestages zu Naumburg selbst käme, nur auf einem beson-
deren Zettel, den er nur im Namen des Kurfürsten ausgehen ließ,
durfte ihrer gedacht werden •). Auch durch Bucer ließ sich Philipp
von seiner Passivität nicht abbringen®). Dazu kam nun, daß man
auf protestantischer Seite mit Recht stets im Zweifel war, wie weit
man sich bei den Parteigegensätzen in Frankreich auf die von dort
ergehenden Aeußerungen und Gesandtschaften verlassen könne*),
und daß man beständig Nachrichten von Verfolgungen der fran-
zösischen Protestanten erhielt. Johann Friedrich hat diese aller-
dings in dieser Zeit merkwürdig leicht genommen, auf andere
Stände aber, besonders auf Straßburg haben sie viel Eindruck ge-
macht. Sie waren infolgedessen wohl zu einer Sendung nach
Fi ankreich eben wegen dieser Verfolgungen geneigt, aber nicht gerade
sehr für eine engere Verbindung mit dem König eingenommen®).
stattfanden, ebenfalls Keg. C. No. 870. üeber die Antwort des Kf. vergl. Belo w ,
I, S. 336 f., zu ergänzen aus Reg. C. No. 870, Bl. 26 — 36. 51 — 54. 60 — 63. 72/73.
Die Antwort Herzog Wilhelms auf Cmsers Bericht bei Below, I, S. 337 f.
1) Ulrich an Kf. Nov. 6, Reg. C. No. 871, Bl. 5. Heid rieh. S. 50.
2) Ldgf. an Kf. Nov. 6, Reg. H. p. 364, No. 141, Or. An die Dreizehn
von StraCburg Nov. 17, P. C. III, 124.
3) Bucer an Ldgf. Nov. 3. Lenz, I, S. 220 ff.
4) Die Protestanten waren stets geneigt, du Bellav und seiner Partei mehr
zu trauen, als solchen, die wie Vergerio, der im November auf dem Wormser Tage
erschien, oder Barnabas de la Forde zur Partei des Kanzlers oder des Kardinals
von Toumon gehörten. (Räte in Worms an Kf. Nov. 14, Reg. H. p. 329, No. 133, I,
Or. Dölzig an Kf. Nov. 15, ebenda Or. ; vergl. P. C. III, 127 f.) Herzog Wil-
helm dagegen warnte gerade vor dem Connetable und dem Kardinal du Beilay
und empfahl den Kanzler und den Kardinal de Tournon. (Sendung Udenheimers
Nov. 28, seine Werbung Dez. 12, Reg. C. No. 871, Bl. 25. 51 — 55. Heidrich,
8. 50. Burchard an Kf. 1541 Jan. 4. Kf. an Burchard Jan. 10, R^. H. p. 329,
No. 133 I.)
5) Verhandlungen des Kf. mit Johann von Heideclt, dem Gesandten Wil-
helms von Fürstenberg, Nov. 19, Reg. C. No. 871, Bl. 7 — 15. Heidrich, S. 50.
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der Untemehmuagslust 1536 — 41. 271
Man konnte daher eigentlich schon voraussehen, daß die kurfürst-
lichen Vorschläge in Naumhnrg nicht viel Anklang finden würden,
und es wäre nicht zu verwundern, wenn auch Johann Friedrich
durch diese Widerstände beeinflußt worden wäre. Das war insofern
allerdings der Fall, als er sich scheute, etwa dem französischen Ge-
sandten Fossanus gegenüber irgendwelche bestimmten Erklärungen
über das Bündnis abzugeben, da er keine Hoffnungen beim Könige
erwecken wollte, die nachher nicht erfüllt würden *), persönlich aber
hielt er an dem Bundesplan durchaus fest und hat auch mit dem
Herzog von Jülich und mit Cruser die Verhandlungen über die
Bündnisbedingungen fortgesetzt. König Franz und der Herzog
dachten sich den Bund entsprechend dem, der zwischen ihnen selbst
schon bestand, als ein Defensivbündnis gegen jedermann außer
gegen das Reich. Gegenseitig sollte man sich Leute unterhalten,
ohne daß die Höhe der Unterstützung festgesetzt werden sollte;
kein Teil sollte neue Bündnisse schließen, ohne den anderen Teil
mitaufzunehmen *). Johann Friedrich hat keine bestimmten Er-
klärungen über diese Vorschläge abgegeben*). Nicht ganz wüd
er wohl damit einverstanden gewesen sein, daß der König die Zu-
sammenschickung von Räten an einen dritten Ort ablehnte und
erneut um eine Gesandtschaft der Protestanten bat, doch hat er
auch für diesen Wunsch des Königs seine Gesandten in Naumburg
wirken lassen. Ob dort etwas erreicht wurde, hing aber natürlich
vor allem wieder von der Haltung des Landgrafen ab.
Verhaodlungen des Ldgfen. mit de la Fot^ (Fossanus) am 28. Not., Reg. H.
p. 313, No. 128 und p. 364, No. 141. Lenz, I, 8. 248. 496. Verhandlungen
des Kf. mit Fossanus Dez. 8, Reg. C. No. 871, Bl. 37 — 48, No. 870, Bl. 77/78;
Reg. H. p. 313, No. 128; P. C. III, S. 138. Für die Stellung des Kf. ist auch .
charakteristisch der Brief an Burchard vom 10. Jan. 1,541 (siehe die vorige An-
merkung) und einer an seine Räte in Naumburg vom 9. Jan., Reg. H. p. 335,
No. 134, I, Or. Er hielt für möglich, daß die Protestantenverfolgungen eine
hessische Eirfindung seien.
1) Siehe die vorige Anmerkung. Aehnlich Kf. an Burchard und Genossen
Nov. 27, P. C. III, 128 Anm. 2; Reg. H. p. 329, No. 133, I, Or.
2) VergL die Werbung Udenheimers, S. 270 Anm. 4. Hz. Wilhelm an Kf.
Dez. 12, Reg. C. No. 871, Bl. 57—60. 63. 65. Beilage: die von Cruser über-
brachten Vorschläge, Bl. 61.
3) Daß er nicht sehr mit ihnen einverstanden war, zeigt sein Brief an Brück
und Pack vom 23. Dez., Reg. C. No. 871, Bl. 84 — 86. Er wünschte eine klarere
Formulierung der Leistungen.
Digitized by Google
272
Kapitel II.
Da stand es nun nicht so, daß Philipp unter allen Umständen
gegen ein Bündnis mit Frankreich gewesen wäre. Seine Stimmung
war etwa im November derart, daß er meinte, jedenfalls entweder
beim Kaiser oder bei Frankreich Anschluß suchen zu müssen. Er
zog dabei die Verbindung mit dem Kaiser vor, war aber bereit,
wenn aus jenen Verhandlungen nichts würde, die von Frankreich
dargebotene Hand zu ergreifen*). Darum war es ihm gar nicht
so unrecht, daß der Kurfürst die Verhandlungen mit Frankreich
so eifrig betrieb und dieses dadurch festhielt. Noch in Worms
kamen dann aber seine Verhandlungen mit der anderen Partei so
weit, daß es kein Zurück mehr gab und daß jede Verbindung mit
Frankreich für ihn unmöglich wurde *). Die verzweifelten .-Vnstren-
gungen, die Bucer und Sturm jetzt noch machten, zwischen dem
Kurfürsten und ihm in der Frage der Doppelehe eine Einigung
herbeizuführen“), konnten zu keinem Resultat kommen, nicht des-
halb, weil die vorgeschlagenen Bedingungen für Philipp unannehm-
bar waren*), sondern weil er sich mit den Kaiserlichen schon zu
weit eingelassen hatte.
Unter diesen Umständen waren natürlich auch die Versuche
des Kurfürsten, in Naumburg für das Bündnis mit und die Gesandt-
schaft nach Frankreich zu wirken, hoffnungslos. Johann Friedrich
nahm sich aber der Sache zunächst noch mit großem Eifer an und
war bereit, eventuell auch nur mit Dänemark, Hessen, Wüittem-
berg, Straßburg und anderen Städten den Bund zu schließen “). Gar
1) Besonders charakteristisch ist der Brief des Ldgfen. an Feige vom 23. Nov.,
P. A. No. 556, Kons. Er scheute sich nicht, von den mit Frankreich im Gtang
befindlichen Verhandlungen Granvella Mitteilung zu machen, um dadurch einen
Druck auf ihn auszuQben.
2) Auf die Einzelheiten dieser Verhandlungen braucht hier nicht «nge-
gangen zu werden.
3) P. C. III, 717 f. Lenz, I, 8. 292 Anm. 3. Burchard an Kf. Dez. 13,
Reg. C. No. 292, Bl. 360-363. Kf. an Burchard Dez. 21, Reg. H. p. 329,
No. 133, I, Or.; an Brück Dez. 21, It^. H. p. 335, No. 134, III, Or. Brück
an Burchard Dez. 24, Reg. C. No. 292, Bl. 364 ; an Kf. Dez. 24, ebenda Bl. 367 f.
4) So P. C. III, 718, aber schon am 15. Dez. schreibt der Landgraf, es sei
zum Rückzug von den Verhandlnngen mit Granvella schon zu spät. Fortsetzung
der anderen Verhandlungen wünschte er nur noch zur Stärkung seiner Position;
an Bucer Lenz, 1, 8. 270 f.
5) Kf. an Brück und Pack Dez. 23, Reg. C. No. 871, BL 84—86. Ich ver-
mag nicht mit Heidrich, 8. 51, 1 aus diesem Brief auf ein Nachlassen des Eifers
des Kf. zu schließen.
Digitized by Google
Bund u. Reich : Die Jahre der Sorge u. der Unternehmungslust 1536—41. 273
nicht einverstanden war er mit dem besonders von Straßburg ver-
tretenen Gedanken, daß man nur wegen der Protestantenverfolgungeu
nach Frankreich schicken solle. Das schien ihm ganz zwecklos.
Er glaubte, daß man dadurch den König nur vor den Kopf stoßen
und auch iu dieser Sache nichts erreichen werde ‘). Seinen Befehlen
entsprechend haben seine Räte in Naumburg zunächst mit den
Stimmständen verhandelt, und zwar erst mit den einzelnen, dann
mit allen zusammen, aber alle ihre Bemühungen waren vergeblich.
Nur Herzog Ernst von Lüneburg und Bremen sprachen sich für
den Bund aus, die Mehrheit war nur für ein Schreiben oder eine
Schickung nach Frankreich wegen der verfolgten Protestanten zu
haben. Der Gedanke einer Gesandtschaft im Sinne des Kurfürsten
und des Königs wurde zwar nicht ganz abgelehnt, aber seine Aus-
führung verschoben. Man sollte sich zunächst entschuldigen, daß
man auf das Anbringen Baifs nicht geantwortet habe, und auf
dem Regensburger Reichstag sollten die Vertreter der einzelnen
Stände über die Frage des Bündnisses mit Frankreich, Dänemark
und Jülich instruiert sein. Das heißt also, man woUte, wie auch
der Landgraf geraten hatte, erst die weitere Entwicklung des Ver-
hältnisses zum Kaiser abwarten’). Johann Friedrich war zwar mit
dieser Haltung der Verbündeten durchaus nicht zufrieden, aber es
blieb ihm zunächst nichts anderes übrig, als sich zu fügen*). —
Die Trübung des Verhältnisses der beiden Bundeshauptleute
hat nicht nur auf die Beziehungen zu Frankreich störend ein-
gewirkt, auch die sonstigen Bundesverhandlungen in Naumburg
sind dadurch beeinflußt worden. Wir werden das im Interesse des
Protestantismus deswegen bedauern dürfen, weil gerade in jener
1) Sturm au Burchard Reg. C. No. 870, Bl. 59; P. C. III, 151. Baum-
garten, Briefwechsel, S. 11. 19, Änm. Doch herrscht bei ihm in der Datierung
eiuige Verwirrung. Kf. an Brück Dez. 27, Reg. H. p. 313, No. 128, Auszug; an
Dölzig und Burchard Dez. 30, Reg. H. p. 304, No. 125, III, Or.
2) Kf. an die Räte in Naumburg Dez. 23, Reg. C. No. 871, BI. 84 — 86.
Pack und Brück an Kf. Dez. 31, R^. H. p. 335, No. 13*1, III, Or. Brück
an Kf. Jan. 4, ebenda, Or. Ebenda fase. I ein Stück: Was zu Naumburg mit
den stimstenden Frankreich halben gehandelt, 1541. Zusanimenfassender Be-
richt Brücks an Kf. vom 25. Jan., Reg. H. p. 329, No. 133, I, Or. Burchard an
Kf. Jan. 4, ebenda, Hdbf.; an Brück Jan. 14, C. R. IV, 22—24. Danz, 8. 104
—106.
3) Dies ist gegen Heidricb, S. 51 zu betonen. Vergl. etwa Kf. an Hz.
V. Jülich Jan. 28, Reg. C. No. 872, Bl. 33 — 42.
Beiträge' zur neaereu Geschichte Thüringens I, 2. 1 B
Digitized by Google
274
KapitpJ II.
Zeit Kurfürst Johann Friedrich von einer seltenen Unternehmungs-
lust beseelt und durchaus davon überzeugt war, daß auf einen
dauernden Frieden mit den Gegnern nicht zu rechnen sei'). Er
bedauerte lebhaft, daß man den Bund nicht schon in Schmalkalden
seinen Vorschlägen entsprechend auf Profansachen ausgedehnt
habe*), er war jetzt besonders über das Verfahren gegen Braun-
schweig und Goslar empört und war der Meinung, daß man in
Naumburg darüber Beschluß fassen müsse, wie man sich „mit
Tapferkeit finden und mit Gottes Hilfe nicht hinziehen lassen
wolle“ ®).
Die Unterstützung der beiden Städte war offenbar- diejenige
Frage, die den Kurfürsten von den auf dem Bundestag zu erledigenden
Gegenständen am meisten interessierte, die ihm am wichtig.sten
erschien. Schon im Ausschreiben war anf die Notwendigkeit der
Unterstützung Brannschweigs gegen Herzog Heinrich verw-iesen *).
In diesem Punkte zeigten denn auch die Stände sich willig®), man
bewilligte 400 Beiter und zwei Fähnlein Knechte zur Unterstützung
der Stadt auf Bundeskosten. Schwierigkeiten aber machte die
Goslarsche Angelegenheit, da die Oberländer Bedenken hatten, sie
für eine Religionssache zu halten, auch die Acht fürchteten. Sie
versprachen schließlich, auf Städtetagen sich darüber schlüssig zu
werden und binnen 6 Wochen den Oberhauptleuteu zu berichten.
Einstweilen half man sich damit, daß man die Hilfe für Brauu-
schweig vergrößerte und erlaubte, daß sie eventuell auch für
1) Besonders stark bringt Brück in einem Briefe vom 28. Dezember seine
pessimistische Anschauung der Lage zum Ausdruck. Er meinte, dafi die Gegner
nur auf eine günstige Weltlage warteten, um dreinzuhauen oder wenigstens den
Bund zu sprengen. Dieser schien ihm ganz im Verfall begriffen. So schlimm
sah der Kurfürst die Sache doch noch nicht an, er hoffte noch, daß in Naumburg
etwas zustande käme. Brück an Kf. Dez. 28, Or.; Kf. an Brück Dez. 30, Konz.,
Reg. H. p. 335, No. 134, I.
2) An Ldgf. Nov. 20, Reg. H. p. 364, No. 141, Konz. Der Ldgf. erklärte
in seiner Antwort vom 28., daß er sein damaliges V'erbalten schon oft
bereut habe.
3) Kf. an die Räte in Naumburg Dez. 21, Reg. H. p. 335, No. 134, III, Or.
Aehnlich auch schon am 20. Dez. Begleitbrief der Instruktion, ebenda, Or.
4) P. C. III, 114.
5) Schon am 31. Dez. konnten die Bäte Günstiges über einen Beschluß des
Ausschusses wegen der Unterstützung Brannschweigs berichten. Reg. H. p. 335,
No. 134, III, Or.
Digitized by Google
Bund u. Kelch: Die Jahre der Sorge u. der UnteroehmuDgiduat 1536—41. 275
andere Stände verwandt würde, ein Beachluß, der dem Kurfürsten
allerdings nicht recht genügte ‘).
Einen zweiten Hanptberatungsgegenstand bildete die Frage der
Fortführung der am 21. Dezember zu Ende gehenden Hauptmann-
schaft durch den Kurfürsten und den Landgiafen. Dali Philipp gerade
in seiner damaligen Stimmung wenig Neigung hatte, sie zu be-
halten *), war begreiflich, auch der Kurfürst hatte die Sache gründ-
lich satt®). Dabei wirkten zum Teil noch die uns von früher her
bekannten Gründe, daneben aber auch das jetzige Mißtrauen gegen
den Landgrafen. Er führte einmal aus, wie schädlich für die Bundes-
angelegenheiten eine etwaige Verständigung des Landgrafen mit
dem Kaiser sein werde, und schlug vor, daß die Stände ihn
ersuchen sollten, sich dessen aus Rücksicht auf den Bund zu ent-
schlagen, damit der Kurfürst wie bisher frei und ungescheut mit
ihm verhandeln und ihm schreiben könne ■*). Auch bei den Ver-
handlungen, die in Naumburg wegen der Hauptmannschaft er-
folgten, merkte man nichts von dem sonst üblichen einheitlichen
.Auftreten von Sachsen und Hessen. So nahm der Landgraf zu-
nächst die Hauptmannschaft noch auf ein halbes Jahr bis Johanni
an, so daß der Kurfürst sie in der zweiten Hälfte des Jahres allein
hätte führen müssen. Das wollte er auf keinen Fall. Andere Forde-
rungen, in bezug auf das Burggraftum Magdeburg und auf Meißen,
ließ er auf Wunsch seiner Räte fallen, darauf bestand er, daß der
Landgraf die Hauptmannschaft ebenso lange behalte wie er, und
das ist dann auch geschehen. Man übernahm sie für noch ein
Jahr®).
Von den weiteren Beratungen des Bundesütgs ist eigentlich
nur noch die über die Beschickung des Reichstags von Wichtigkeit.
Man beschloß unter Ablehnung des Gedankens einer Gesamt-
beschickung, ihn „stattlich“ zu beschicken, womöglich durch dieselben
Theologen, die in Worms waren. Man beschloß auch, auf dem
1) P. U. III, S. 1561. Die Räte an Kf. Jan. 7, Reg. H. p. 335, No. 134,
I, Or. Kf. an die Räte Jan. 9, ebenda, Or. Abechied vom 16. Jan. P. C. III.
157, 1, Reg. H. p. 335, No. 134, I, Or.j Brnns, B. 50f.
2) Lenz, I, S. 283 ff.
3) An Brück Dez. 26, Reg. H. a. a. O., I, Or.
4) Kf. an die Räte Dez. 31. Reg. H. p. 335, No. 134, III, Or.
5) Räte an Kf. 1541 Jan. 7, Kf. an die Räte Jan. 9, ebenda, I. Kf. an die
Räte Jan. 7. 10, ebenda, fase. III. Räte an Kf. Jan. 12, Kf. an die Räte Jan. 14,
ebenda, I.
18*
Digitized by Google
276
Kapitel II.
Reichstage in Religionssachen zusammenzustehen. Türkenhilfe und
Unterhaltung des Kammergerichts wollte man nur bewilligen gegen
Zusicherung eines beständigen Friedens und einer genügenden
Reform des Gerichts. Diese beiden Punkte sollten nicht getrennt
werden dürfen. Man sah eben der Zukunft durchaus noch nicht
sehr optimistisch entgegen. Das zeigt auch der Beschluß, daß die
Oberhauptleute wegen der Gefahr der I^age einige Hauptleute in
Bestallung behalten und 12000 fl. dafür verwenden durften*).
Alles das entsprach durchaus der Stimmung des Kurfürsten.
Wir finden, daß er in den nächsten Wochen beständig drängt, um
die .\usführung des Beschlusses über Braunschweig zu bewirken,
nur mit Mühe gelang es dem Landgrafen, ihn zurückzuhalten, um
erst weitere Entscheidungen des Kaisers zu erwarten*). —
Diese Ungeduld Johann Friedrichs wird auch durch die Er-
fahrungen, die man in Worms gemacht hatte, nicht wenig genährt
worden sein. Die .Ausführung des in Hagenau Beschlossenen war
zunächst ja übeiraschend schnell erfolgt. Schon am 15. August
wurde der Wormser Gesprächstag ausgeschrieben und gleichzeitig
ein Reichstag angekündigt®). Man konnte es auch günstig deuten,
daß Hüfmann neue Versuche machte, die Wahlfrage beizulegen.
Es kam allerdings nichts dabei heraus, da kein Teil irgendwie
nachgeben wollte*). Daneben fehlte es allerdings auch jetzt
nicht an allerhand bedrohlichen Nachrichten®), doch mußte man
1) Abschied vom 16. Jan. und P. C. III, 156 f.
2) Beschluß über Braunschweig vom 14. Januar, Eeg. H. p. 338, No. 134,
III. Schon am 10. schrieb der Kf. wegen der Ausführung an Ldgf., R^. M.
p. 394, No. 149, II, Konz. Am 26. (ebenda I) erklärte er sich bereit, eventuell
die Hilfe allein zu leisten. Der Ldgf. suehte ihn am 29. Jan. zurückzuhalten,
Joh. Friedr. hielt aber Febr. 7. an seiner Anschauung fest Vergl. weiter Ldgf.
an Kf. März 17, ebenda, II. Am 23. März erklärte sich der Kf. endlich bereit,
mit der Hilfsleistung noch zu warten.
3) Seckendorf, III, S. 294. Sleidan, II, S. 196f. Kopie z. B. in
Reg. H. p. 304, No. 125, IV. Neudecker, Urk., S. 582 f.
4) Kf. an Hofmann 1540 Sept. 5, Reg. H. p. 329, No. 133, 1, Konz. Secken-
dorf, III, S. 294. Hofmann an Kf. Sept. 17, Loc. 10673 „Schriften zwischen
dem Kf. zu Sachsen und Herzog Franzen 1536 — 40“, Or. Kf. an Brück Sept 27,
ebenda, Konz.
5) Vergl. etwa die Berichte Kopps vom 29. Aug. und 26. Sept, P. C. III,
90 f. 102 ff. Auch das Mandat des Kaisers g^en die Ketzer in den Nieder-
landen vom 20. Sept gab zu allerlei Gedanken Anlaß. Spalatin, AnnaL ed.
Cypr., 8. 494 -510.
Digitized by Google
Band u. Keich: Die Jahre der Sorge n. der Unteinebmuiigslast 1536 — il. 277
nun zunächst den Verlauf des Wormser Gespräches abwarten.
Die Protestanten waren einig darin, daß man dieses beschicken
müsse. Religiöse Vorbereitungen dazu waren nach dem, was
man in Schmalkalden für Hagenau beschlossen hatte, kaum
mehr nötig, doch ließ der Kurfürst immerhin die Wittenbergei-
Theologen über die den Gesandten zu erteilenden Befehle be-
fragen ‘).
Als ein Resultat dieser Beratungen ist die neue Protestation
gegen den Primat des Papstes zu betrachten *). Sie ist in ihrer end-
gültigen Fassung zwar erst am 22. Oktober in Gotha von Melanchthon
vollendet worden, vielleicht haben wir aber doch schon eine Wirkung
des Gutachtens der Theologen darin zu sehen, wenn in der In-
struktion für die sächsischen Gesandten vom 17. Oktober gleich
davon ausgegangen wurde, daß man den Gedanken ablehnen müsse,
daß der Tag mit Zulassung des Papstes stattfinde oder daß dessen
Gesandten irgend welche autoritative Stellung auf ihm zustehe.
Die kursächsischeu Gesandten sollten an der Ablehnung des Primats
des Papstes unter allen Umständen festhalten, auch wenn andere
protestantische Gesandten nachgeben sollten. Dabei wurde das Miß-
trauen, daß der Landgraf auch in dieser Sache sich durch seine
Privatangelegenheiten könnte leiten lassen, ziemlich unverblümt
zum Ausdruck gebracht*). Weiterhin wurde die Notwendigkeit be-
tont, daß die elf protestantischen Stimmen beieinander blieben. Für
die Verhandlungen selbst wurde vorgeschrieben, daß man wie in
Hagenau so auch jetzt jede Anknüpfung an die Augsburger Hand-
lung ablehnen solle. Man müsse ganz von neuem beginnen im An-
schluß an die Konfession und dem schmalkaldischen Bedenken der
Theologen gemäß. Man solle seinerseits keine Voischläge machen,
sondern die der Gegner erwarten und sie dann ablehnen, wenn
sie der Konfession, Apologie und heiligen Schrift nicht gemäß
seien. Dann würden sich die Gegner zur Disputation entschließen
müssen, die sie eigentlich vermeiden wollten. Man rechnete darauf.
1) Kf. an Brück Sept 28, Reg. üg. No. 4131-, I, Konz.
2) Seckendorf, III, S. 294. C. R. III, 1143 ff. Pastor, S. ‘200.
3) Tatsächlich war der Landgraf nach seiner Instruktion vom 19. Okt.
bereit, dem Papst, wenn er fromm und christlich wäre und eich wollte reformieren
lassen, die Macht der Konzilsbcrufung zu überlassen. Im übrigen wollte er seine
Rechte beschränken. Von der Stellung des Papstes dem Gespräch gegenüber ist
in der Instruktion nicht die Rede. P. A. No. 554, Or.
Digitized by Google
278
Kapitel II.
daß sie dann des Gesprächs bald überdrüssig werden und es
abbrechen würden. Der Unglimpf würde dann auf ihrer Seite
sein. Der Kurfürst nahm an, daß die Verhandlungen über die
Beseitigung des Zwiespalts und den Frieden dann vor Kaiser und
Reich kommen würden, und das schien ihm offenbar eine nicht
unerwünschte Lösung. Jeder Gedanke an Nachgiebigkeit lag ihm
fern, die Konfession und Apologie waren für ihn die Norm. Diese
wollte er auch durch unverständliche und ungewöhnliche Worte
nicht verdunkeln lassen, da die bisher gebrauchten klar und ver-
ständlich seien und man an sie gewöhnt sei. Auch in dieser Be-
ziehung war er nicht ohne Mißtrauen gegen andere protestantische
Stände, vor allem wohl wieder den Landgrafen. Auch ihnen
gegenüber sollten die Gesandten streng an der Konfession fest-
halten*). Eben deswegen war der Kurfürst nicht dafür, daß man
in Worms Mehrheitsbeschlüsse fasse, doch entsprach das ja über-
haupt seiner und auch der streng protestantischen Anschauung,
daß religiöse Fragen nicht auf diese Weise entschieden werden
könnten. Wohl hoffte er, daß auch manche Stimmen der anderen
Partei, wie die brandenburgi.sche, mit den Protestanten gehen
würden, er legte aber keinen großen Wert darauf, da eben die
Majorität ohne Einfluß seL Wichtig erschien ihm dagegen, daß
von beiden Seiten gleich viel Schreiber und Notarien verordnet
würden. Vorher sollten sich die Gesandten überhaupt auf kein
Gespräch einlassen. Ferner sollten sie Disputationen über die geist-
lichen Güter mit der Erklärung zurückweisen, daß die Protestanten
sich darüber früher genügend hätten vernehmen lassen, vor allem
gegen Held in Schmalkalden und gegen die beiden Grafen’).
Die Instruktion ist jedenfalls ein Beweis für die Standhaftig-
keit oder, wenn man wiU, ünnachgiebigkeit des Kurfürsten, wenn
sie auch keine größere Wirkung weiter haben konnte, da aus dem
Gespräch so wenig wurde.
1) Den Standpunkt des Landgrafen kann man aus der Instruktion vorn
19. Okt., die sieb über die einzelnen Artikel des Glaubens verbreitet, entnehmen.
Sie durfte Sturm und Bucer, mit denen die Hessen überhaupt Zusammen-
gehen sollten, nicht aber den kursächsischen Gesandten gezeigt werden. P. A.
No. 554, Or.
2) Instruktion für Dölzig und Burchard Okt 17, Reg. H. p. 329, No. 133, I,
Konz. Seckendorf, III, S. 294 f. Kreditiv für die Gesandten bei Neudecker,
ürk., 8. 592 f.; C. R. III, 1122. Von den Gelehrten gingen Goldstein, Crudger,
Melancbthon und Menius mit.
Digitized by Google
Bund u. Beich; Die Jahre der Sorge u. der Unternehmungslust 1536 — 41. 279
Als Ergänzung der Instruktion ist die Protestation der Theo-
logen gegen den Primat des Papstes zu betrachten^). Die Pro-
testanten haben sich mit ihr auch in Worms, während sie auf
das Eintreffen von Naves und Granvella warten mußten, be-
schäftigt. Man war im wesentlichen einig, unterzog jedoch die Schrift
Melanchthons einer mildernden Umarbeitung, wollte auch nicht zu
schnell damit Vorgehen, um sich nicht den Unglimpf zuznziehen *).
Auch über gewisse Glaubensartikel haben in diesen ersten Tagen
Beratungen stattgefunden ®). Erst am 20. November begannen die
Verhandlungen mit den Gegnern*). Da der Papst dabei gar nicht
erwähnt wurde, konnte man die Protestation in der Tasche behalten.
Erst als dann Campeggi am 8. Dezember seine große Rede gehalten
hatte, dachte man sie vorzubringen. Auch jetzt wurde das aber
durch die Art und Weise, wie auch von katholischer Seite die Rede
beantwortet wurde, verhütet®).
-\uch die Befürchtungen, die der Kurfürst wegen der Einigkeit
der Protestanten gehegt hatte, erfüllten sich zunächst nicht Burchai d
schrieb sehr befriedigt über die Haltung der Theologen, wobei er
allerdings auch speziell an die sächsischen dachte *). Einmütig wies
man jedenfalls das Verlangen der Gegner zurück, daß man Artikel
verfassen soUe, die als äußerste Zugeständnisse der Protestanten
den Verhandlungen zugrunde gelegt werden sollten, und verwies
auf die Konfession. Nur von seiten des Landgrafen direkt traten
Vorschläge zu weiterem Entgegenkommen an den Kurfürsten heran.
Philipp wollte, daß die einst in Leipzig zwischen Feige, Bucer,
Witzei und den Räten Georgs verabredeten Artikel als Grund-
lage für eine Vereinigung benutzt würden. Johann lYiedrich, der
diese Artikel nie gebilligt hatte, lehnte das natürlich entschieden
t) BrOck handelt am 27. Oktober ausführlich davon, Reg. H. p. 295,
No. 121, 1, Hdbf. Do' Kf. sprach darauf Okt. 28 den Oelehrten seine Zufrieden-
heit mit der Proteetation aus, Beg. H. p. 329, No. 133, I, Or. Aehnlich Kf. an
die Räte und Theologen Nov. 2ö, ebenda II, Or.
2) Räte und Theologen an Kf. Nov. 6, Reg. H. p. 329, No. 133 1, Or. Die
neue Fassung der Protestation C. R. III, 1147 ff. Vergl. Boeder, 8. 4, 'S.
3) Die hees. Gesandten an Ldgf. Nov. 13, Neudecker, Urk. 8. 600. Eine
Aufzeichnung des Ulmers Frecht über diese Unterredung bringt Boeder 8. 192
—197.
4) VergL Moses, 8. 65 ff.
5) Moses, 8. 73 und dazu Dittrich, HJ., X, 8. 662.
6) Nov. 22, Reg. H. p. 329, No. 133, I, Hdbf.
Digitized by Google
280 Kapitel II.
ab'). In Worms ist es dann wohl gar nicht zu Verhandlungen
darüber gekommen.
Wenn die Ansichten des Kurfürsten in bezug auf die Teil-
nahme päpstlicher Vertreter und in bezug auf zu fürchtende Dif-
ferenzen unter den Evangelischen also unbegründet gewesen waren,
so hatte er dagegen durchaus richtig vorhergesehen, daß bei den
Katholiken keine Neigung vorhanden sein würde, das Gespräch in
der in Hagenau vorgesehenen Form zur Ausführung zu bringen.
Sie legten wenigstens dem Hagenauer Abschied jetzt Bedeutungen
unter, die er nimmermehr haben konnte, und führten dadm-ch aller-
hand Streitigkeiten und Verzögerungen herbei. Johann Friedrich
wird kaum besonders betrübt darüber gewesen sein, daß sich die
Aussichten des Gesprächs dadurch verschlechterten. Ihm kam es
auch jetzt wieder vor allem darauf an, daß man den „Glimpf be-
hielte“. Er scheint nichts dagegen gehabt zu haben, daß man in
der Frage des Notarieneides nachgab, dagegen entsprach es schwer-
lich ganz seinen Wünschen, daß manche Protestanten auf die Ab-
stimmung in Religionssachen Wert legten. Allerdings hat diese
Frage bei dem Gespräch wohl nicht die Rolle gespielt, die man
ihr gewöhnlich zuschreibt. Die Protestanten verwarfen die Ver-
handlung von Partei zu Partei, sie wünschten ein Gespräch, bei
dem jede der 22 Stimmen ihre Meinung sagen könnte, aber eine
Abstimmung mit Majoritätsbeschlüssen haben sie doch wohl nicht
verlangt*). Den Hauptwert legte der Kurfürst darauf, daß man
sich streng innerhalb der Grenzen des kaiserlichen Ausschreibens
hielte und sich nicht auf einen anderen Weg führen ließe. Er war
1) Kf. an Dölzig und Burchard Dez. 10, Keg. H. p. 329, No. 133, II, Or.
Von Moses, S. 81 f. nicht ganz richtig aufgefaQt.
2) Bei Moses, S. 861. kommt das noch nicht deutlich genug zum Ausdruck.
Die Antwort der Protestanten vom 27. Dez. (C. R. III, 1254 ff.; Spalatin, Annales,
S. 464 ff.) zeigt deutlich, daß sie Majoritätsbeschlüsse nicht wünschten. Für die
herrschende Auffassung spricht allerdings ein Brief Feiges an den Landgrafen
vom 5. Dezember, in dem er berichtet, daß die Kaiserlichen die Protestanten
„aus den Stimmen zu führen“ suchten, was diesen nicht passe, da sie auf die
pfälzische und brandenburgische Stimme rechneten (P. A. 536). Es mag das die
Anschauung einzelner Protestanten gewesen sein. Vergl. auch DClIinger, I,
S. 29. Auch Boeder, S. 26, scheint an eine wirkliche Abstimmung zu denken.
Richtiger S. 18 f., § 40. Die Richtigkeit dieser Anschauung ergibt eich aus S. 68.
79, C. R. III, 1179 f. 1182. ln der Erklärung der Präsidenten vom 27. Dez.,
C. R. III, 1253, wird die Sache allerdings so aufgefaßt, als wollten die Pro-
testanten Abstimmung.
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der UntemehmungsluBt 1536—41. 281
der Ueberzeugung, daß die Gegner doch „kein Herz zu wahr-
haftiger christlicher Vergleichung hätten nnd das Licht und die
rechte Bahn scheuten“ *). Auch die Haltung der Protestanten in
Worms ist zunächst diesen Wünschen des Kurfürsten gemäß ge-
wesen, wenn es auch an solchen, die etwas nachgeben wollten,
nicht fehlte ®). Auch in der Erklärung der Protestanten vom
5. Januar ging man über das, was man am 27. Dezember gesagt
hatte, eigentlich nicht hinaus®). Man hielt sich nach wie vor an
den Hagenauer Abschied, resp. das kaiserliche Ausschreiben. Man
erreichte dadurch, daß wenigstens den Protestanten die Freiheit
der Meinungsäußerung für alle Stimmen gewährt wurde, und da
sie sich damit zufrieden gaben <), auch zuließen, daß zunächst ein
Wortführer von jeder Seite sprach, konnte am 14. das Kolloquium
selbst beginnen.
Die Nachgiebigkeit der Protestanten erklärt sich wohl daher,
daß sie den Vorwurf vermeiden wollten, als seien sie an dem
Nichtzustandekommen des Gespräches schuld. .Allerdings waren
sie schon darauf gefaßt, daß es nicht lange dauern würde, da
der Kaiser zum Eeichstag eile®), und tatsächlich hatte man
ja nur erst den .Artikel von der Erbsünde erledigt, als Gran-
vella auf Grund eines kaiserlichen Befehls vom 15. Januar die
Versammlung auflöste und die weiteren Verhandlungen auf den
Kegensburger Reichstag verschob. Bestimmend mag dabei neben
der unsicheren Haltung mancher katholischer Kollokutoren ®) ge-
wesen sein, daß sich durch das Geheimgespräch, das Bucer und
Capito mit Zustimmung des Landgrafen mit Veltw7ck und Gropper
gehabt hatten, die .Aussicht eröffnet hatte, für die Vergleichsver-
handlungen eine geeignetere Grundlage als den Hagenauer .Ab-
schied und die .Augsburger Konfession zu finden.
Die Befürchtungen, die Johann Friedrich im Oktober gehegt
hatte, waren ja, soweit es sich um das öffentliche .Auftreten der
anderen Protestanten handelte, nicht in Erfüllung gegangen, hinter
1) Kf. an seine Oesandten Dez. 30, Reg. H. p. 329, No. 133, II. Secken-
dorf, III, S. 297.
21 Roeder, § 48. 56.
3) C. R. IV, 7 ff. Spalatin, a. a. O. 8. 511 ff.
4) C. R. IV, 16 und 17 f.
5) Die Räte und Theologen an Kf. 1541 Jan. 14, Reg. E. p. 48, No. 101,
BL 53—60. C. R. IV, 24 f. Vergl. im übrigen Moses.
6) Döllinger, I, S. 29.
Digitized by Google
282
Kapitel II.
den Kulissen aber spielten sich verhängnisvolle Intriguen ab, die
dem Kurfürsten vorläufig nur zum Teil bekannt wurden. Wir
brauchen hier nicht weiter auf die damaligen Verhandlungen der
Vertreter des Landgrafen mit den Kaiserlichen einzugehen, nur
soweit auch der Kurfürst mit in sie hineingezogen wurde, müssen
wir sie berühren. Wir verbinden damit gleich die Verhand-
lungen, die auch mit ihm und seinen Räten direkt geführt wurden.
So waren z. B. die Werbungen, die der Graf von Manderscheid
am 28. Oktober an den Landgrafen richtete, auch mit für den
Kurfürsten bestimmt. Der Graf wünschte, daß beide Fürsten
oder einer von ihnen sich in die Nähe von Worms begäben zum
Zweck einer Zusammenkunft mit Granvella. Johann Friedrich war
zwar für eine solche Privathandlung hinter dem Rücken der übrigen
Stände nicht sehr eingenommen, hatte aber nichts dagegen, seinen
Räten in Worms Befehl zu erteilen für eine Verhandlung mit
Granvella über einen äußerlichen Frieden. Er folgte bei diesem
Bescheide dem Rate Brücks, in dem sofort der Verdacht entstanden
war, daß ein Zusammentreften Manderscheids mit Feige in Worms
gefährliche Folgen haben könne *).
Sehr bald erfuhr man ja dann am sächsischen Hofe durch
Rudolf Schenk und Eberhard von der Thann von dem Beginn der
Verhandlungen des Landgrafen mit den Kaiserlichen. Thann ver-
mutete durchaus mit Recht, daß Feige eben deswegen nach Worms
gesandt sei *).
Merkwürdig ist nun, daß doch auch zwischen den kursächsischen
Vertretern und Granvella Sonderverhandlungen stattgefunden haben.
Man hielt es für nötig wegen der friedlichen Gesinnung, die man
dem kaiserlichen Minister, allerdings nicht mit voller Sicherheit,
zuschrieb, an ihn heranzutreten, lieber einen .Austausch von
friedlichen Versicherungen und die Benutzung Granvellas zur Be-
förderung von Briefen an den Kaiser ist man aber doch nicht
hinausgekommen ’).
1) Dietrich Gf. v. Mandcrechcid an Ldgf. 1540 Okt. 29. Reg. H. p. 364, No. 141,
Kopie. Ldgf. an Kf. Nov. 8, ebenda, Or. Kf. an Ldgf. Nov. 20, ebenda, Konz.
Noudecker, Urk., S. G05— 608. Kf. an Brück Nov. 16, Reg. H. p. 329, No. 133,
I, Konz. Brück an Kf. Nov. 18, Hdbf. ebenda. Kf. an die Räte in Worms
Nov. 25, ebenda II, Or. Ldgf. an Kf. Nov. 28, Reg. H. p. 364, No. 141, Or.
2) Eb. V. d. Thann an Kf. Nov. 19, Reg. C. No. 292, Bl. 355 f., Hdbf.
3) DoUig an Kf. Nov. 15, Reg. H. p. 329, No. 133, I, Hdbf. Kf. an Dölzig
und Burchard Dez. 6, ebenda, Or. Dolzig und Burchord an Kf. Dez. 23, Reg. H.
Digilized by Google
Bund u. Reich : Die Jahre der Sorge u. der Unternehmungslust 1536 — 41. 283
Auch in der Wahlsache wurde nicht viel eneicht. Mander-
scheid und Naves traten deswegen an Dölzig heran und baten ihn
um die Wiener Artikel und Vorschläge. Auch diesmal war es
GranveUa, in dessen Aufträge sie die Verhandlungen führten, da
er gern den Zwist beilegen wolle. Dölzig hatte sich, da er keinen
Auftrag dazu hatte, auf nichts weiter eingelassen, stellte dem
Kurfürsten aber anheim, ob er vielleicht scheinbar ohne dessen
Wissen über die Wiener Artikel berichten dürfe*). Johann Fried-
rich schickte darauf den Gesandten tatsächlich eine Kopie des
Kadaner Vertrages und einen Auszug aus dem Wiener Vertrage
zu, gab ihnen auch einen Ueberblick über die seitdem geführten
Verhandlungen. Mittel und Wege, die etwa von der Gegenpartei
vorgeschlagen würden, an ihren Heirn gelangen zu lassen, sollten
sie nicht übernehmen, es aber doch tun, damit er sich darüber
entschließen könne*). Die Gesandten scheinen keine Gelegenheit
gehabt zu haben, diese Weisung zur .\usführung zu bringen. Die
VV’ahlsache wurde von der Gegenpartei nicht wieder angeregt, und
die Gesandten hatten ausdrücklich Befehl, es ihrerseits nicht zu
tun. So ist denn nur noch ein eigentümlicher Versuch des Land-
grafen vom Anfang des Jahres 1541 zu verzeichnen. Er hegte in
merkwürdiger Verkennung des Charakters Johann Friedrichs die
Meinung, daß man durch Zugeständnisse in der Wahlangelegenheit
und in der geldrischen Sache größere Nachgiebigkeit des Sachsen
auf religiösem Gebiete erreichen könne. Auch von der anderen Seite
war ein solches Entgegenkommen, wie Philipp es verlangte, nicht
zu erwarten, so daß Feige die Vorschläge GranveUa gar nicht
übeneicht hat. .\uch der Landgraf erklärte sich schließlich ein-
verstanden damit, daß sein Vermittlungsplan verschoben würde,
bis er in besseren Beziehungen zum Kaiser stehe®).
Seine eigenen Verhandlungen waren ja inzwischen immer weiter-
gegangen, und wenigstens darüber, daß sie stattfanden, war man
ebenda II, ür. Seckendorf, III, 8. 299. Brück an Kf. Dez. 27, Reg. H.
p. 335, No. 134, I, ür. Kf. an seine Gesandten in Worms Dez. 30, Reg. H.
p. 329, No. 133, II.
1) Dölzig und Burchard an Kf. Dez. 23, Reg. H. p. 329, No. 133, II, Or.
Dölzig an Kf. Dez. 24, ebenda, I, Or.
2) Kf. an Dolzig und Burchard Dez. 30, Reg. H. p. 304, No. 125, III, Or.
3) Der Ldgf. an Feige und Bucer 1541 Jan. 3, P. A. 556, Konz. Lenz,
I, 8, 305 ff. Die Vorschläge des Ldgf. ebenda 8. 307 Anm. Feige und Bucer
an Ldgf. Jan. 10, Or., P. A. 556. Ldgf. an Feige und Bucer Jan. 13, ebenda.
Digitized by Google
284
Kapitel II.
kursächsischerseits wohlunterrichtet. Brück hat Anfang Januar in
Naumbur g sogar ein langes Gespräch deswegen mit dem Hessen Mals-
burg gehabt. Dieser teilte dabei mit, daß die Verhandlungen noch
nicht abgeschlossen seien, suchte aber auch zu beweisen, daß eine
Verbindung des Landgrafen mit dem Kaiser der protestantischen
Sache nur nützlich sein könne. Das erklärte Brück für sehr
unwahrscheinlich, der Kaiser werde jenen vielmehr nur immer
mehr an sich zu ziehen suchen. Auch w'eitere Versuche Malsburgs,
den Bund mit dem Kaiser zu rechtfertigen, wies Brück zurück,
doch gewann er aus dem Gespräch den Eindruck, daß die Sonder-
verhandlungen des Landgrafen mit Granvella die Religion nicht be-
rührten *). lieber ein Hauptresultat jener Wochen also, das Geheim-
gespräch und das dabei geschaffene „Regensburger Buch“, befand
man sich völlig im Dunkeln. Erst während des Regensburger
Reichstages wurde man allmählich mit ihm bekannt. —
Entsprechend den Hagenauer Beschlüssen hatte der Kaiser schon
am 14. September das Ausschreiben zum Reichstag auf den 6. Januar
ergehen lassen’). Während des ganzen November und Dezember
korrespondierten der Kurfürst und der Landgraf über die darauf
zu erteilende Antwort. Ein Vorschlag Philipps, sie bis zum Naum-
burger Tage zu verschieben, um mit den anderen Bundesständen
darüber zu konferieren, erschien dem Kurfürsten unausführbar,
da ja der Tag schon auf den (5. Januar ausgeschrieben sei; auch
über die Form der dem Kaiser zu erteilenden Antw'ort vermochten
sich die beiden Fürsten nur schwer zu einigen, so daß sie Gran-
vella erst am 23. Dezember in Worms übergeben werden konnte ’).
Vor allem kam es ihnen darauf an, vom Kaiser ein genügendes
Geleit zum Reichstag zu erlangen. Die Verhandlungen, die dar-
über in den nächsten ^lonaten stattfanden, zeigen, daß Karl von
dem unleugbaren Bestreben erfüllt war, den Protestanten den Be-
such des Reichstages zu erleichtern. Er stellte ihnen immer neue
1) Brück an Kf. ,Tan. 4, Rcr. H. p. 33.5, No. 134, III, ür., ausführlicher
Bericht über das Gespräch. Ders. an dens. Jan. 9, ebenda I, Or.
2) Der Kaiser an Kf. 1.540 Sept. 14, Reg. H. p. 391, No. 148. Or., pr. Nov. 2.
3) Neudecker, ürk., S. blO— (313. 613—621. Reinentwurf dieses Stückes
aus der sächsischen Kanzlei mit Korrekturen in P. A. No. 558. Briefwechsel
zwischen dem Kf. und dem Lgf. Reg. H. p. 364, No. 141. Neudecker, 8. 625
— 629. Brück an Kf. Dez. 10, Reg. H. ebenda, Hdbf. Lgf. an Feige Dez. 17,
P. A. No. 556. Feige an Lgf. Dez. 21. 23, ebenda; am 23. meldet er die Ueber-
antwortung des Briefes durch die sächsische Kanzlei.
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Borge u. der Unternehmungslust 153(5 — 11. 285
ei'weiterte Geleitsbriefe aus‘) und ließ am 28. Januar ein Mandat
ergehen, durch das die Achtsexekution gegen Goslai- und Minden
suspendiert und bis auf weiteres die Einstellung aller Prozesse gegen
die Protestanten befohlen wurde *). In derselben Richtung be-
wegten sich die Erklärungen Granvellas in Worms®).
Der Landgi'af hat sich, nachdem aUe seine Wünsche in der Geleits-
frage erfüllt waren, zur Reise nach Regensburg entschlossen*). Johann
Friedrich war wiederholt vom Kaiser noch extra eingeladen worden ®)
und ist jedenfaUs lange Zeit unschlüssig gewesen, ob er kommen
soUe oder nicht. Anfang Februar wurden schon alle sonst in solchen
Fällen üblichen Reisevorbereitungen getroffen , die Zugordnung
wurde entworfen, die Instruktion für die zurückbleibenden Räte
verfaßt®). Schließlich hielt es der Kurfürst aber doch für besser,
zu Hause zu bleiben. Er wurde dabei durch sehr mannigfaltige
Gründe bestimmt. Anfangs waren es die Mangelhaftigkeit des Ge-
leits und das damals noch von ihm für notwendig gehaltene Vor-
gehen in der braunschweigischen Angelegenheit, die ihn zurück-
hielten ^). Später hob er vor allem die Anwesenheit Heinrichs von
Braunschweig auf dem Reichstage, dessen neues Schmähbuch, das
Vorgehen des Kammergerichts gegen Eßlingen und seine eigene
Bedrohung durch das Gericht in der magdeburgischen und meiß-
nischen Sache hervor®). Man darf wohl aber auch die nur ge-
ll 1.541 Jan. 3, Weim. Arch. Urk. No. 1620 (Reg. H. p. 394, No. 148, X).
Jan. 26, Reg. H. p. 3(55, No. 140. Seckendorf, III, S. 366. Entwurf von Melan-
chthons Hand in Reg. H. p. 391, No. 148. Erklärung dea Kaisers vom 10. März,
P. A. No. 576. Rommel, II, S. 428 Anm. 152.
2) Reg. H. p. 391, No. 148, Kopie. Vetter, S. 3. 6f.
3) Dolzig und Burchard an Kf. Jan. 14, Reg. H. p. 329, No. 133, II, Konz.
Vergl. P. C. III, 160 f.
4) P. C. III, 167f. Lenz, II, S. 14f. Rommel, II, S. 429.
5) Z. B. noch Jan. 24, Febr. 25, Reg. E. p. 48, No. 100. Vetter, S. 9.
6) Zahlreiche Akten darüber in Reg. E. p. 48, No. 1(X) und Reg. Rr. p. 326,
No. 3. 22. Vergl. Jonas an Lang Febr. 8, Kawerau, I, S. 426.
7) Instruktion des Kf. für Christoph von Taubenheim und Eberhard von der
Thann, die ihn zunächst auf dem Rt vertreten sollten, Jan. 9, Reg. E. p. 48 No. 100,
Bl. 86— 92. Vergl. Clemeu, Heit, S. 124, 4. Kf. an seine Räte in Naumburg,
Jan. 9, Reg. H. p. 335, No. 134, I. Hier verweist er auch darauf, daß nur einer
der beiden Bundeshauptleute zum Rt. gehen könne. An Lgf. Jan. 26, Reg. H.
p. 394, No. 149, I, Konz. An die Räte in Worms Jan. 26, Reg. H. p. 329,
No. 133, II, Or;
8) An Lgf. Febr. 10. 15, März 3, Reg. H. p. 394, No. 149, I, Konz. In-
struktion des Kf. für die große Gesandtschaft, die er nach Regensburg schickte,
Digilized by Google
286
Kapitel II.
legentlich von Johann Friedrich ausgesprochene Furcht vor zu
großer Nachgiebigkeit des Landgrafen und anderer Protestanten
nicht unterschätzen. Er wollte bei solchen Vorgängen nicht einmal
dabei sein *) und hatte keine Lust, sich ganz allein die Ungnade des
Kaisers zuzuziehen’). Er nahm an, daß man seine Anwesenheit
nur deshalb wünsche, um ihn zur Nachgiebigkeit in der Religions-
sache, der Wahlsache, der magdeburgischen Angelegenheit, gegen
Heinrich von Hraunschweig und gegen den Bischof von Meißen zu
bestimmen, und fühlte sich nicht sicher genug, um auf seine Festig-
keit in allen diesen Fragen zu bauen*).
Die Versuche, Johann Friedrich zum Besuche des Reichstags zu
bestimmen, sind auch nach dessen Eröffnung noch wochenlang fort-
gesetzt worden, Granvella und der Kaiser selbst hatten lange Unter-
redungen deswegen mit den sächsischen Gesandten^), der Landgraf®)
März 15, Reg. E. p. 48, No. 97, Bl. 27 ff., zum Teil gedruckt 0. R. IV, 123—132.
Vergl. auch P. C. III, 175. Die Gesandtschaft bestand aus Wolfgang von Anhalt,
Taubenhaim, Dölzig, Pack, Thaun, Burcbard und Siudringer.
1) An die Räte in Regensbnrg April 7, Reg. E. p. 48, No. 97, Bl. 134 ff.,
Or.; April 24, ebenda. Bl. 23Hff.
2) Brück an Burchard Mai 6, Reg. E. p. 48, No. 100, Bl. 255 f.. Or.
Bruns, S. 68.
3) Vergl. die ausführliche Darlegung seiner Bedenken in Brief an Luther
und Bugenhagen vom 9. Mai, Reg. E. p. 48, No. 97, Bl. 349 — 355, Kopie.
Aktenst. No. 43.
4) Bericht Taubenheims und Thanns vom 26. Februar, Reg. E. p. 48, No. 100,
BL 161 ff. Der Kf. war mit ihrem Verhalten nicht recht einvostanden, da sie
sein Kommen zu bestimmt in Aussicht gestellt hatten (März 7, Bl. 186 f.). Sie
rechtfertigten sich März 13 (Bl. 218 ff. 222 f.l, worauf der Kf. sich beruhigte
(März 22, Bl. 225 ff.). Die große Gesandtschaft berichtete über ihre ersten Ver-
handlungen mit dem Kaiser und Granvella März 27 und 29, Reg. EL p. 48,
No. 97, Bl. 111—116. Seckendorf, III, B. 353. Ueber weitere Verhandlungen
berichteten die Räte am 3. April (ebenda Bl. 148 ff.) und sandten eine dringende
Aufforderung des Kaisers vom 2. (BL 152 ff.). Da sie sich damit nicht zufrieden
gegeben hatten (BL 162 f.), erging am 18. April eine neue kaiserliche Resolution
(Bl. 230f.). Hier waren alle Beschwerden des Kf. mit Ausnahme der meiß-
nischen Sache erledigt. Infolge dieses Mangels war natürUch der Kf. nicht
mit ihr zufrieden, auch in der magdeburgischen Angelegenheit genügte die Er-
klärung des Kaisers ihm nicht. (An die Räte April 24, BL 239 ff.) Noch im
Mai hatte Granvella Unterredungen mit Burchard über das Kommen des Kf.
(Burchard an Kf. Mai 14, Reg. E. p. 48, No. 97, BL 218, Or.)
5) Ldgf. an Kf. Febr. 2. 7, Jlärz 17, Reg. H. p. 394, No. 149, I. II; an
Bucer März 25, Lenz, II, S. 24. Den Kaiserlichen erklärte der Landgraf, er
täte sein möglichstes, um Kf. zum Kommen zu bestimmen, P. A. 574, Aitingers
Digilized by Google
Bund u. Reich; Die Jahre der Sorge u. der UnternchmungsluBt 1536—41. 287
uud Bucer‘) nahmen sich der Sache an, vor allem aber bemühte
sich Pfalzgraf Friedrich immer von neuem, den Kurfürsten von der
Nützlichkeit dieses Schrittes zu überzeugen*). Auch die eigenen
Gesandten Johann Friedrichs haben sich zeitweilig diese Argu-
mente zu eigen gemacht und waren geneigt, zu glauben, daß die
persönliche Gegenwart ihres Herrn für die Friedensverhandlungen
heilsam sein werde*). Dieser hat sich aber niemals zu dieser An-
schauung zu bekehren vermocht*) und war jedenfalls insofern im
Recht, als von ihm am allei-wenigsten irgendwelche Nachgiebigkeit
auf religiösem Gebiete zu erwarten war.
Eine andere Frage ist es, inwieweit etwa das Verhalten des
Kaisers und seiner Minister durch das persönliche Erscheinen des
Kurfürsten günstig für die Protestanten beeinflußt worden wäre.
Auch viele von diesen haben das damals geglaubt, bestochen
von den Friedensschalmeien Granvellas. Wie weit diese ernst
gemeint waren, ist kaum möglich zu sagen, die Dinge hätten
aber wohl auch bei der persönlichen Anwesenheit Johann Fried-
richs keinen wesentlich anderen Gang genommen. Es mag sein,
daß der Kaiser und seine Ratgeber sich in dieser Hinsicht
Illusionen hingaben, aber an eine wirkliche Vergleichung der
Religionsparteien war doch nicht zu denken. Gewiß wäre es w'ert-
voll gewesen, den Kurfürsten von Sachsen für eine solche zu ge-
winnen, und w'enu man von gegnerischer Seite so sehr viel Wert
auf sein Kommen legte, so lag das wahrscheinlich daran, daß man
leichter irgendwelche Zugeständnisse von ihm zu erlangen hoft'te.
wenn man persönlich mit ihm verhandeln konnte. Dabei unter-
schätzte man aber doch wohl die Standhaftigkeit des Sachsen gerade
Protokoll. Noch am 2. Juni empfahl Philipp gegen Dölzig das Kommen des Kf.
(Dölzig an Kf. Juni 2, Reg. E. p. 48, No. 100, Bl. 273 f., Or.)
1) An Ldgf. .März 21, Lenz, II, S. 22f.
2) Audienz der Gee. beim Pfalzgrafen am 2d. März, Reg. E. p. 48, No. 97,
Bl. 164b. Kf. an den Pfalzgf. April 15, Bl. 168f. Pfalzgf. an Kf. April 24,
BL 273ff. Kf. an den Pfalzgf. Juni 7, Bl. 2T6f. Verhandlungen de» Pfalzgf. mit
Pack und Burchard Juni 2, Reg. E. p. 48, No. 98, Bl. 9 — 13.
3) C. R. IV, 258. Räte an Kf. Mai 19, Zettel, Reg. E. p. 48, No. 97,
Bl. 393; Juni 3, Reg. E. p. 48, No. 98, Bl. 1 ff., Or. Am 20. Mai sprach sich
jedoch Burchard gegen Brück gegen das Kommen de» Kf. au», C. R. IV, 3401.
4) Daß er zuweilen etwas schwankte, zeigt sein Brief an Luther und Bugen-
hagen vom 9. Mai. VergL S. 280, Anm. 3. Die Theologen rieten ihm entschieden
von der Reise ab. de Wette, V, 8. 353 ff. Erl. 55, 305 ff. Burkhardt, Brief-
wechsel, 8. 379.
Digitized by Google
288
Kapitel II.
auf religiösem Gebiete. Sie hat sich gelegentlich des Regensburger
Reichstages zum ersten Male in ihrer ganzen Größe zu bewähren
gehabt. Die umfangreiche Korrespondenz des Kurfürsten mit seinen
nach Regensburg gesandten Räten und Theologen gewährt uns
reiche und interessante Einblicke in ihre Unerschütterlichkeit.
Dem Hagenauer Abschied hätte es ja zunächst entsprochen,
daß auf dem Reichstag über das Resultat des Wormser Ge-
spräches berichtet worden wäre^). Da nun aber in Worms fast
nichts zustande gekommen war, schien es Johann Friedrich am
ratsamsten, daß das Gespräch entsprechend dem Briefe des Kaisers
an Granvella in Regensburg einfach fortgesetzt werde. Aller-
dings glaubte er auch jetzt nicht, daß viel dabei herauskommen
werde, da er ja auf keinen Fall von Konfession, Apologie und der
schmalkaldischen Vergleichung weichen wollte. Er war auch darauf
gefaßt, daß das Gespräch dem Kaiser bald zu langwierig werden
würde, und hielt für das Beste, sich dann mit einem äußerlichen
beständigen Frieden zu begnügen. Der Kurfürst war der Meinung,
daß man auch Partikularverhandlungen zwischen dem Kaiser und
den Protestanten nicht absolut absclilagen solle, versprach sich aber
auch von ihnen keinen Erfolg. Er vermutete, daß Karl, w'enn
auch diesei' Weg zu nichts führe, zu einem vom Papst ans-
zuschreibenden Konzil seine Zuflucht nehmen würde. Er war über-
zeugt davon, daß man ein solches rekusieren könne, empfahl aber,
daß man dann, um den Glimpf zu behalten, seinerseits ein recht-
schaifenes, freies, christliches und unparteiisches Konzil in deutscher
Nation fordeie, in dem der Papst und seine Geistlichen nicht
Richter und Part zugleich seien*).
Die kursächsischen Gesandten haben sich in Regensburg zu-
nächst an diese Instruktion gehalten. Sie veranlaßten, daß man
den Vorschlag des Kaisers in der Proposition vom 5. April, durch
eine Anzahl von ihm bestimmter Personen über die religiösen
1) So instruiert« der Kf. noch am 9. Januar Taubenheim und Thann,
Keg. E. p. 48, No. 100, Bl. 86-92.
2) Instruktion vom 15. März, R^. E. p. 48, No. 97, Bl. 27ff. C. R. IV,
123 ff. Nachgeschickt wurde den Clesandten noch ein Bedenken der Theologen
über Frieden und KonziL Brück an Kf. März 13, Reg. fl. p. 391, No. 149, IL
Kf. an Brück März 16, Reg. E. p. 48, No. 101, Bl. 15; C. R. IV, 134ff. Brück
an Kf. März 17, Reg. fl. p. 335, No. 134, III, Or. Auch ein „Bedenken wegen
der christlichen Reformation“ (Reg. E. p. 48, No. 99, Bl. 1 f.) mag hierher gehören.
Digilized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der ünterDehnmDgslaet 1536 — 41. 289
Dinge verhandeln zu lassen, mit der Bitte um Fortsetzung des
Wormser Gespräches erwiderte. Auch als dann Karl seinen Vor-
schlag am 11. April wiederholte, haben Sachsen und Württemberg
sich dagegen ausgesprochen und schließlich nur nachgegeben, um
sich nicht von den anderen protestantischen Ständen zu trennen.
Selbst damit waren die Sachsen aber ihrem Herrn schon zu weit
gegangen ‘).
Der Kurfürst hat auch weiterhin die Verhandlungen mit dem
größten Mißtrauen verfolgt, war vor allem stets voll Besorgnis,
daß der Landgraf und auch andere Bundesstände zu weit „weichen“
würden, doch war er entschlossen, unter Umständen auch ganz
allein an dem einmal für wahr Erkannten festzuhalten*). Auch
1) Die Propoeition vom 5. April, Hortleder, I, 1, S. 203 ff.; Walch, XVII,
S. 701 ff.; unvollständig in C. R. IV, 151 ff. Die Antwort der Protestanten vom 9.,
C. R. IV, 156 ff. Dazu Bericht der kursächsischen Ges. vom 11., Reg. El a. a. O.
Bl. 206. Antwort des Kaisers vom 11., C. R. IV, 161 f. Wiederantwort der Pro-
testanten vom 12., ebenda, 162 f. Brief der Ges. vom 14., Reg. E. a. a. O. Bl. 208 f.
Vetter, 8. 64f. Kf. an die Ges. April 22, Reg. E. a. a. O. Bl. 221 ff.
2) Das Mißtrauen des Kf. tritt schon in der Instruktion vom 15. März
hervor, C. R. IV, 128. 131. Am 29. März berichteten die Räte Ober ihre erste
Unterredung mit dem Ldgfen. Er wollte danach in den Artikeln, die Gottes
Wort, das Gewissen und die Seligkeit beträfen, nicht weichen, empfahl aber
Nachgiebigkeit in den äußerlichen Dingen und den Ncutralia, sowie in der
Frage der geistlichen Güter. (Reg. El p. 48, No. 97, Bl. 125 — 128; vergl. Bruns,
8. 68, 1.) Johann E^edrich ließ diese Erklärung durch Brück Luther vorlegen.
Der Reformator äußerte sich ziemlich unzufrieden über die Haltung des Ldgfen.
und sprach die Ansicht aus, daß eine Vergleichung in der Religion von den
wesentlichen Stücken und nicht von den Neutralia ausgehen müsse, und daß
man auch in der Frage der geistlichen Güter nicht nachgeben dürfe (de Wette,
V, 337 f. 339 f.; E>L 55, 299 ff. ; Burkhardt, Briefwechsel, 8. 373 f.). Der
Kurfürst selbst legte seinen Standpunkt in Brief an Brück vom 5. April dar
und brachte dabei seine Abneigung gegen jede Nachgiebigkeit auch in der
Frage der geistlichen Güter sehr scharf zum Ausdruck. Er meinte, daß man
durch die Räte in Regensburg dem Landgrafen die kursächsische Auffassung
energisch klar machen müsse, er selbst hoffe auf Gottes Hilfe, wenn auch alle
anderen abfielen, wenn man nur selbst bei der Konfession, Apologie und schmal-
kaldischen Vereinigung bleibe. (Konz. Reg. H. p. 394, No. 149, II. Akteost.
No. 41.) Demgemäß bat der Kf. dann am 7. April unter Benutzung des Gut-
achtens Luthers an Brück seinen Räten geschrieben und sie beauftragt, festzu-
stellen, in welchen Artikeln der Landgraf Nachgiebigkeit für möglich halte. Sie
soUten eine schriftliche E>klärung Philippe darüber zu erlangen suchen und diese
zunächst Melanchthon und den anderen in Regensburg anwesenden Theologen
vorlegen. Wenn diese eie für unannehmbar hielten, so sollten die Räte sie dem
Beiträge zur neueren Geschichte Thüringens I, 2. 19
Digilized by Google
290
Kapitel II.
der Verlauf des Religionssgespräches erregte sein Mißfallen; die
Artikel, über die man sich geeinigt hatte, behagten ihm durchaus
nicht, vor allem erklärte er sich dagegen, daß einzelne Artikel der
Konfession übersprungen würden, weil man sich in ihnen nicht
einigen könne, und man andere herausgrilfe und so eine „stückigte“
Einigung schüfe'). Mit vollem Rechte betonte er, daß mit der
Laudgrafeu gegenüber ablelmoD und gar nicht er^^t an den Kurfürsten und Luther
schicken, ,und man kheme also mit dem landgraven einmalh und entlieh hindurch,
dann es wirdet doch endlich beschehen müssen“. Diese Verhandlungen sollten
jedoch möglichst glimpflich geschehen, um bei Philipp nicht den Eindruck zu
erwecken, als sei dem Kurfürsten nichts an ihm gelegen. (Reg. E. p. 48, No. 97,
Bl. 134ff., Or.; Seckendorf, III, S. 3.54 f. Äktenst. No. 42.) Die Räte haben
diesen Befehl zunächst überhaupt nicht ausgeführt, da sie inzwischen einen günsti-
geren Eindruck von der Haltung des Landgrafen erhalten hatten (an Kf. April 14,
ebenda Bl. 210f.). Johann Friedrich traute aber doch noch nicht und erneuerte
am 22. April seinen Befehl, indem er gleichzeitig von neuem betonte, daß er
selbst bei der einmal erkannten Wahrheit bleiben wolle, es falle von den anderen
ab, wer da wolle (BI. 221 ff.). Daraufhin haben die Räte dann den Befehl aus-
geführt und konnten am 2. Mai über ihre neuen Verhandlungen mit dem Land-
grafen nicht Ungünstiges berichten. Er erklärte mit Bestimmtheit, daß auch
er an der Konfession und dem schmalkaldischen Ratschlag festhalten wolle und
daß er in bezug auf die geistlichen Güter nur so weit auf annehmbare Vor-
schläge einzugeben empfehle, als sie nicht schon für die Unterhaltung von
Pfarrern u. dgl. gebraucht würden. (BI. 309>> und Reg. E. p. 48, No. 100, BL 247/248.)
Bei dieser Erklärung scheint Johann Friedrich sich dann beruhigt zu haben.
1) Die Proposition hielt der Kf. in der Religionssache mehr für einen !8chcin
als für Emst (an die Räte April 15, Reg. E. p. 48, No. 97, Bl. 172). V'on dem
Gespräch versprach er sich von vornherein nichts, fürchtete aber ein zu großes
Entgegenkommen Bucers und des ihm unbekannten Pistorius, so daß Melanchthon
mit den Freunden ebensoviel werde disputieren müssen, wie mit den Feinden
(ebenda Bl. 278 ff.; vergl. C. R. IV, 577 ff.). Den Artikel über die Rechtfertigungs-
lehre, mit dem seine Räte sehr zufrieden waren (C. R. IV, 253 ff.), billigte er
durchaus nicht (an Luther und die Wittenberger Mai 9; Burkhardt, S. 380 ff.).
Dagegen, daß man über die Artikel hinwegginge, über die man sich nicht einigen
könne, äußerte er sich z. B. in Briefen an die Räte von Mai 10 (C. R. IV, 281 ff. ;
Vetter, S. 97) und Mai 22 (Reg. E. p. 48, No. 97, Bl. 377 ff.; Seckendorf,
III, S. 3G0). Auch die verglichenen Artikel sollten nach seiner Meinung un-
gültig sein, wenn die anderen unrerglichen blieben (Mai 13, O. R. IV, 284 ff.).
Seine persönliche Unnaebgiebigkeit betont der Kf. auch Mai 19 wieder sehr stark
(an Burchard, C. R. IV, 306 ff.), vor allem aber in dem Briefe vom 28. Mai.
Gerade dieser zeigt, daß Johann Friedrich die Vergleichung in den Hauptpunkten
der Lehre für das Ausschlaggebende hielt, auf bloße Beseitigung der Mißbräuche
wenig Wert legte. Er war aber so überzeugt davon, daß jene nicht möglich sei,
daß er schrieb, „dieweil wir leben, so sollen durch Verleihung des Allmächtigen
die Worte: Vergleichung in derreligion bei uns unser petson halben nicht mehr
Digitized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der Untemehmungsluet 1536 — 41. 291
Einigung in äußerlichen Dingen nichts getan sei, daß es vor allem
auf Uebereinstimmung in den Hauptpunkten des Glaubens an-
komme. Nicht zu den äußerlichen Dingen rechnete er aber die
Frage der Kirchengüter. Die irenischen Ansichten, die der Land-
graf immer wieder in diesem Punkte vorbrachte, wies er nach wie
vor zurück*). Einverstanden war er mit den Artikeln, die die
Protestanten am 31. Mai bei der Rückgabe des Regensburger
Buches überreichten, besonders dem vom Sakrament*), alle weiteren
Vermittlungsversuche, wie den des Kurfürsten von Brandenburg*),
auch die Erfüllung des Wunsches des Kaisers, daß die Prote-
stanten ein Verzeichnis der Mißbräuche der katholischen Kirche
überreichen sollten, lehnte er ab*).
Im wesentlichen hatte Johann Friedrich bei seinem Widerstand
gegen die Regensburger Versöhnungsversuche Luther und Bugen-
hagen auf seiner Seite. Es ist aber bekannt, daß er selbst nach
Wittenberg eilte, um Luther den Rücken zu steifen, als durch den
Kaiser und den Kurfürsten von Brandenburg eine Gesandtschaft an
diesen geschickt wurde, um ihm die vier Artikel, auf die man sich
geeinigt hatte, vorzulegen und seine Zustimmung zu dem Plan
zu gewinnen, daß sie im Reiche verkündet, die unverglichenen
toleriert werden sollten *). Tatsächlich äußerte sich der Kurfürst in
statt fioden“ (U. B. IV, 342 — 346). Gegen eine ^stückliche“ Vergleichung
spricht sich der Kf. auch am 2. Juni wieder aus (C. R. IV, 380).
1) Brief an die Räte vom 7. April und vom 28. Mai.
2) C. R. IV, 386.
3) lieber dessen Gleichgültigkeit in religiösen Dingen hat sich Johann
Friedrich wiederholt in sehr charakteristischer Weise geäußert (an die Gesandten
April 22, Reg. E. p. 48, No. 97, BI, 221 ff.; Juni 21, ebenda No. 98, Bl. 45 — 50).
In dem zweiten dieser Briefe spricht er seine Zustimmung dazu aus, daß man
die brandenburgische Handlung abgeschlagen habe, ,dan wir sehen, das der Kf.
zu Brandenburg neutral ist und von einsteila relligion eben so vU halten muß
als von der andern'*.
4) C. R. IV, 339. 381 f. Später ließen sich die Protestanten aber doch zu
einer .solchen Zusammenstellung bestimmen (ebenda Sp. 557). Daraus entstanden
die Stücke C. R. IV, 530 ff. 542 ff. Der Kf. war wenig damit einverstanden, da
Melanchthon und Bucer ihm darin den Bischöfen gegenüber zu mild waren
(ebenda 609 f.).
5) Die Bäte in Regensburg an Kf. C. R. IV, 378 ff. Zur Verwunderung
des Ldgfen. versprach der Kaiser sich von Luther größeres Entgegenkommen als
von den anderen Theologen. (Dolzig an Kf. Juni 2, Reg. E. p. 48, No. 100,
Bl. 273 f., Or. Luther an Kf. Juni 6, de Wette, V, 364 f.; Erl. 55, 314 f. Kf.
an die Räte Juni 7, C. R. IV, 385 f. ; Seckendorf, III, S. 361 f. Brück an Kf.
19*
Digilized by Google
292
Kapitel II.
dieser Zeit zuweilen schärfer und unversöhnlicher als Luther selbst.
Er trug so mit dazu bei, das Vereiuigungswerk zum Scheitern zu
bringen, und da sich auf katholischer Seite ein nicht geringerer
Widerstand regte, sah sich der Kaiser schließlich genötigt, es fallen
zu lassen. Johann Friedrich wü'd kaum besonders betrübt darüber
gewesen sein.
.\uf dem Reichstage wandte man sich nun der Beratung über
einen beständigen Frieden im Reich und über die Türkenhilfe zu ‘).
.\uch auf diesem Gebiete zeigte sich der Kurfürst widerspenstiger
als seine Bundesgenossen. Da ihm damals eine Türkenhilfe nicht
sehr dringlich schien, da er außerdem der Meinung wai’, daß Fer-
dinand in dem diesjährigen Kriege der Angreifer gewesen sei*),
hielt er es für gänzlich unbedenklich, die Gewährung der Hilfe
abhängig zu machen von der eines „satten“ Friedens und des
immer vergeblich erstrebten Stillstandes am Kammergericht*). Er
fand dabei aber bei seinen Verbündeten nur mangelhafte Unter-
stützung, mau gewährte, besonders wohl auch dem M’illen des
Landgrafen folgend, eine eilende Hilfe ohne genügenden Frieden ^).
Juni 30, C. R. IV, 3951. 396-399; üurkhardt, S. 385 ff.; de Wette, V, 366 f.;
Vetter, S. 149f. Kf. an Burcbard Juni 14, Reg. E. p. 48, No. 101, ßl. llOf., Or.
Luther an Melanchthon Juni 12, de Wette, V, 371 f.) Vergl. über die Ueeandt-
schaft an Luther jetzt auch Nik. Müller, JbBrKG., IV, 8. 193 ff.
1) In der Proposition waren die Türkenhilfe und die Erhaltung des Friedens,
Rechtens und guter Polizei im Reiche als Beratungsgegenstände schon mitangegebeo
(Reg. E. p. 48, No. 97, Bl. 177 ff.; Hortleder, I, 1, S. 203f.). Die Protestanten
hatten darauf sofort dauernden Frieden und Stillstand des Kammergerichts als Be-
dingung für die Türkenhilfe bezeichnet (C. R. IV, 160). Wirkliche Verhandlungen
über diesen Funkt haben aber erst Mitte Juni begonnen. Gegen den Willen des
Kaisers und durch Schuld der katholischen Stände kam es auch hierbei zu eiuer
Sonderung der Stände nach Religionspartcien. Die Protestanten hielten dann zu-
nächst an ihren üblichen Forderungen fest, sehr zur Zufriedenheit des Kf., der
meinte, daß man bei der Art des diesmaligen Türkenkrieges ruhig Bedingungen
stellen könne. (Berichte der Räte Juni 16, 20, Reg. E. p. 48, No. 98, Bl. 114 — 118.
149 — 151. Äitingers Protokoll P. A. 574. Antwort der Protestanten vom 16. Juni an
Pfalzgf. Friedrich Reg. E. a. a. O. Bl. 125 ff. Kf. an die Räte Juni 26, Bl. 130 ff.) —
Die Beratungen über „Mittel zur Förderung und Erhaltung gemeinen Friedens
und Rechtens im Reich“ beginnen mit der Erklärung des Kaisers vom 7. Juli
(C. R, IV, 465 f.).
2) Kf. an seine Gesandten Juni 21, Reg. E. p. 48, No. 98, Bl. 45 ff.
3) Protokoll Äitingers sub Juli 11, P. A. No. 574. Kf. an Ldgf. Juli 14,
Reg. H. p. 394, No. 149, II, Konz.
4) Der I.andgraf befahl Feige schon am 14. Juli, dem Kaiser, dem König
und Granvella zu erklären, daß er mit der Ablehnung der Türkenhilfe nicht ein-
Digiiized by Google
Bond u. Reich : Die Jahre der Sorge n. der UntemehmungsluBt 1536 — 11. 293
Auch Johann Friedrich hat sich wohl schließlich der Majorität ge-
fügt 1).
Ein Gutachten über die beharrliche Hilfe, das er seinen
Räten am 2. April nach Regensburg nachgesandt hatte, kam nun
gar nicht weiter zur Verwendung. Es soUte erst für das nächste
Jahr gelten, da es zu spät sei. um in diesem Jahre noch etwas
zu erreichen, und ist unleugbar von einer gewissen Großartigkeit.
Mit Recht hielt es der Kurfürst für notwendig, einmal ganze Arbeit
zu machen und ein wirklich leistungsfiLhiges Heer aufzustellen.
80000 Mann sollte es stark sein. Für die Aufbringung der Mittel
kam Johann Friedrich auf die Gedanken zurück, die wir schon von
früher her kennen und für die vor allem charakteristisch ist, daß
die zu Hause Bleibenden zahlen sollten und unter ihnen wieder in
erster Linie die nicht als Prediger und Pfarrer tätigen Geistlichen.
Der Kurfürst machte auch schon Vorschläge über militärisches
Detail, die Persönlichkeit des Hauptmanns*) und der Kriegsräte,
das Verhältnis unter ihnen u. dgl. Interessant ist dabei der Ge-
danke, daß er die Mobilmachung, die „Verwaltung der Aufbringung
des Heeres im Reiche“ einem besonderen Hauptmann übertragen
zu sehen wünschte. Ihm selbst hätte wohl dieser Posten nicht
übel gepaßt. Wie groß der Plan angelegt war, geht auch daraus
hervor, daß Johann Friedrich wünschte, daß man von vornherein
ventimden Bei und sie selbst leisten werde (P. A. 589). Es war also kaum ehrlich
gemeint, wenn er am 23. Juli dem Kurfürsten seine Verwunderung darüber aus-
spracb, daß die Stände die Türkenhilfe ohne die üblichen Forderungen bewilligt
hätten, er habe sich aber gefügt, da es sich um eine so geringfügige Summe
handle (Reg. H. p. 394, No. 149, II, Or.). Mit ähnlichen Gründen rechtfertigten
übrigens die kursächsischen Gesandten schon am 5. und 8. Juli die Bewilligung
der Hilfe nur gegen einen Anstand auf Zeit (Reg. E. p. 48, No. 98, BL 212;
No. 99, Bl. 76 — 78, Or.). Der Kurfürst dagegen gab io einem wahrscheinlich aus
derselben Zeit stammenden undatierten Zettel noch den strikten Befehl, bei den
ursprünglichen Bedingungen zu beharren, wenn man auch ganz allein damit
stände. Vielleicht bezieht sich auf diese Dinge die Aeußerung Rehlingers gegen
Herwart in Augsburg vom 15. Juli (ARG. IV, 286, No. 121). Nicht ganz im
Einklang damit steht allerdings der Brief des Kf. an den Ldgfen. vom 14. Juli.
Danach wollte er sich fügen, wenn die Bundesstände die Hilfe bewilligen wollten
gegen einen sechsmonatigen Stillstand, während dessen über Frieden und Recht
verhandelt werden sollte. Eventuell wollte er aber auch mit dem Landgrafen
allein die Hilfe verweigern. (Reg. H. p. 394, No. 149, II, Konz.)
1) Vergl. auch Bruns, S. 77 ff.
2) Kf. legte dabei weniger auf die Kriegsübung als auf christlichen Wandel
und einen bedächtigen Verstand Wert.
Digilized by Google
294
Kapitel II.
Vorkehrungen für den „Nachdruck“ träfe, falls etwa der erste Zug
ungünstig abliefe '■). Wir werden zu beobachten haben, daß in den
Aeußerungen des Kurfürsten über die Türkenhilfe in den nächsten
Monaten vielfach Gedanken aus diesem Gutachten wiederkehren.
In Regensburg kam es zunächst nicht in Betracht, da die Voraus-
setzung einer beharrlichen Hilfe für den Kurfürsten die Erledigung
der Punkte Friedens und Rechtens war.
Für den Frieden hatte man in Hessen .Artikel entworfen, die
zwar nicht die volle Zustimmung Johann Friedrichs hatten, die er
sich aber doch zu eigen machte*). An ihre Annahme in Regens-
burg war allerdings nicht zu denken. Das, was dann im Abschied
des Reichstages über diese Punkte festgesetzt wurde, genügte den
Protestanten nicht. Zwar wurde der Nürnberger Flieden erneuert
bis zu einem Konzil in Deutschland, einer Nationalversammlung
oder, falls beide binnen 18 Monaten nicht zustande kämen, einem
Reichstag, zwar wurde den Geistlichen vom Kaiser eine Reformation
empfohlen, andererseits aber sollten die in Regensburg verglichenen
Artikel beobachtet werden, der .Augsburger Abschied sollte fort-
bestehen, die Protestanten sollten niemand weiter auf ihre Seite
ziehen, das Kammergericht sollte seine jetzige Zusammensetzung
behalten ^).
Auch die gemäßigteren unter den Protestanten hatten keine
Lust, unter solchen Bedingungen die Türkenhilfe zu bewUligen, und
meinten daher, gegen den Abschied Protest einlegen zu müssen.
Sie erreichten dadurch nach längeren Verhandlungen, in denen
wieder der Kurfürst von Brandenburg die Vermittlung übeniahm.
t) Reg. E. p. 48, No. 100, Bl. 358 —378, übersandt mit Brief vom 2. April,
ebenda No. 101, BI. 26.
2) Gedruckt C. B. IV, 469 ff. Sie stammen aber nicht vom Kf., sondern
vom Landgrafen, resp. von Feige. Entwürfe in P. A. No. .576. Schon Juni 2
erwähnte der Ldgf. gegen Dölzig die Friedensartikel, die er dem Kaiser übergeben
habe. (Reg. E. p. 48, No. 100, BI. 273 f.) Der Kf. bat Dölzig am 8. Juni um
eine Kopie davon (No. 101, Bl. 229ff.). Dieser erhielt sie vom Ldgfen. am 13. Juni
(No. 100, Bl. 295 ff., die Artikel ebenda Bl. 310 ff.). Der Kf. schickte sie am
26. Juni seinen Räten in Regensburg zu (No. 98, Bl. 132 b), sie ließen sie ab-
schreiben und schickten sie Juli 5 zurück (Bl. 218). Ferner legten sie sie den
anderen protestantischen Ständen vor, die sie sich mit etlichen Veränderungen
gefallen ließen. (Juli 13, ebenda, No. 99, Bl. 95.) Darauf antwortete dann der Kf.
in dem bekannten Brief vom 22. Juli (C. R. IV, 562 f.).
3) Neue Sammlung der Reichsabschiede II, 428 ft
Digitized by Google
Bund u. Reich; Die Jahre der Sorge u. der Untemehmung^luiit 1536 — 41. 295
daß der Kaiser ihnen eine Deklaration zu dem Abschied aus-
stellte, durch die die Gültigkeit des Augsburger Abschiedes für das
Gebiet der Religion aufgehoben, die ausschließlich katholische Be-
setzung des Kamraergerichts beseitigt, die Reformation von Klöstern
und Stiftern gestattet wurde, in der endlich den verglichenen Reli-
gionsartikeln die Erläuterungen, die die protestantischen Theologen
dazu gegeben hatten, gleichberechtigt an die Seite gestellt wurden *).
Es war eine Erklärung, die allerdings nur den Kaiser band und
nicht auch die katholischen Reichsstände, die aber doch für die
Protestanten sehr wichtig war, und auf die daher von ihnen in der
nächsten Zeit ein ähnlicher Wert gelegt wurde, wie bisher auf den
Nürnberger Frieden.
Diese Nachgiebigkeit des Kaisers wurde nun aber vollständig
wett gemacht durch den großen Erfolg, den er durch den Vertrag
mit dem Landgrafen davoutrug. Nur soweit die Verhandlungen
darüber zur Kenntnis des Kurfürsten kamen, sollen sie hier berührt
werden. Philipp würde sich vielleicht selbst damals noch von dem
Abschluß mit dem Kaiser haben zurückhalten lassen, wenn man
ihm in der Frage der Doppelehe zu Willen gewesen wäre. Er
benutzte jedenfalls jede Gelegenheit, um mit den kursächsischen
Diplomaten über diese Dinge zu sprechen. Sie rieten ihm dann
natürlich von dem Abschluß mit dem Kaiser ab, was wieder ihm
Gelegenheit gab, auf „die bewußte Sache“ hinzuweisen. Auch
Bucer nahm sich der Frage von neuem an. Vom Kurfürsten
w’ar aber nichts zu erlangen, vor allem Nachgiebigkeit in der
Successionsfrage lag ihm fern, und er machte mit Recht darauf
aufmerksam, daß auch der Kaiser diese Schwierigkeit nicht hin-
wegräumen könne. Später hat der Landgraf die Sachsen auch
über die Bemühungen, ihn in der jülichschen Angelegenheit zu
gewinnen, auf dem Laufenden erhalten. Man hat den Eindruck,
daß er in diesem Punkte, wie in den Fragen der Religion und des
Friedens, ein Zusammengehen mit dem Kurfürsten ganz gern ge-
sehen hätte. Ein solches war aber unmöglich, da er allerhand
1) C. R. IV, 623 ff. Ranke, IV, 162. lieber die Entstehung der De-
klaration C. R. IV, 612ff. 616ff. 62H. 622. 631. Vetter, 8. 208ff. Die Räte
an Kf. Juli 29. 30, C. R. IV, 632 f. 633 ff.; Rt^. E. p. 48, No. 99, Bl. 246;
No. 100, BI. 328ff. Feige an Ldgr. Aug. 5, Lenz, III, 8. 129ff. Mit der Einig-
keit der Protestanten bei diesen letzten Verhandlungen war Burchard sehr zu-
frieden. Melanchthon an Amsdorf Aug. 31, ZKG. II, 143.
Digilized by Google
296
Kapitel II.
einräumen wollte und der Kurfürst nichts. Johann Friedrich hatte
ja selbst gegen Nachgiebigkeit in der Wahlsache, um dadurch für
Jülich etwas zu erreichen, große Bedenken. Trotzdem ließ der
Landgraf auf eigene Verantwortung hin schon Vermittlungs Vorschläge
in der jülichschen Sache an Granvella gelangen, fand allerdings auch
auf dieser Seite kein Entgegenkommen. Erst als ultima ratio kam
schließlich bei Philipp der Abschluß des Vertrages mit dem Kaiser.
Auch von dessen Bedingungen machte er Burchard sofort Mitteilung.
Johann Friedrich bezweifelte zwar, ob der Landgraf alles gesagt
haben werde, schon die Neutralitätserklärung in bezug auf Frank-
reich und Jülich aber erschien ihm bedenklich genug. Im übrigen
faßte er seine Ansicht dahin zusammen, daß er „säuberlich und
gemach tun müsse, den Landgrafen wie hievor für seinen Freund
halten, aber gleichwohl der Dinge gewahr nehmen“ ‘).
.luch an Sonderverhandlungen mit dem Kurfürsten hat es in
Regensburg nicht gefehlt. Sie betrafen wieder in erster Linie die
Wahlsache, und was damit zusammenhing. Schon vor dem Beginn
des Reichstages bot der Landgraf seine Vermittlung in dieser Sache
an, Johann Friedrich versprach, darüber nachzudenken, hatte im
ganzen wohl nicht viel Neigung, darauf einzugehen *). Ueber die
Schwierigkeit, die darin gelegen war, daß der Kurfürst dem Könige
nicht den Titel geben konnte, kam man wie in Hagenau auch dies-
mal dadurch hinweg, daß Ferdinand den sächsischen Gesandten
eine Versicherung darüber ausstellte, daß die Gewährung des Titels
während des Reichstages den Rechten ihres Herrn nicht nachteilig
sein solle ®). Aber schon lange vor der erst Ende Juni erfolgenden
1) Kf. an Dölzig Juni 26, Beg. E. p. 46, No. 101, BL 142. VergL im übrigen
Burch^ an Kf. April 14, ebenda Bl. 310 ff., Hdbf. Kf. an Buicbaid April 23,
Bl. 287-292, Or. Pack an Kf. Jlai 21, No. 100, Bl. 263 ff., Hdbf. Burchaid an
Kf. Mai 26, Bl. 267 f., Hdbf. Pack an Kf. Juni 1, Bl. 260 f., Hdbf. Dölzig an
Kf. Juni 2, Bl. 273f., Or. Kf. an Dölzig Juni 8, No. 101, Bl. 229ff., Or. Dölzig
an Kf. Juni 14, No. 100, Bl. 301. Dazu Aufzeichnungen Dölzigs über Mitteilungen
des Ldgfen. vom 13. Juni, Bl. 295 —300. Burchard an Kf. Juni 18, No. 101,
Bl. 117 ff., Hdbf. Kf. an Burchard Juni 28, Bl. 160ff., Or. Der Verrat des
Landgrafen war also nicht so groß, wie etwa Egelhaaf, II, S. 400 annimmt.
2) Ldgf. an Kf. Febr. 2, Kf. an Ldgf. Febr. 10, Keg. H. p. 394, No. 149, I.
Seckendorf, III, 8. 352. Vetter, S. 9.
3) Instruktion vom 15. März, Reg. E. 48, No. 97, BL 27 ff. Berichte der
Räte vom 30. Juni und 13. Juli, No. 98, BL 178. 180; No. 99, BL 100. Eine
brandenburgische Vermittlung in der Wahlsache lehnte Johann Friedrich ab.
No. 98, BL 208 b.)
Digilized by Google
Bund u. Reich : Die Jahre der Sorge u. der UntemehmungBlaet 1536—41. 297
Ankunft Ferdinands in Regensburg haben Verhandlungen über die
Wahlsache stattgefunden. Es entsprach ja ganz der damaligen
Lage des Kaisers und seinem Wunsche, ein friedliches Verhältnis
zu den Protestanten herzustellen, wenn man sich von seiner Seite
bemühte, auch diesen Stein des Anstoßes zu beseitigen.
Offenbar hat man aber damit noch weitere Wünsche ver-
bunden. Man hoffte bei dieser Gelegenheit, auch dem Kurfürsten
in irgend einer Weise die Unterstützung Jülichs unmöglich zu
machen, suchte ihn daher auch durch einen Bund mit dem Kaiser
und eine Familienverbindung zu ködern. Eben deswegen hätte
man ihn gern persönlich in Regensburg gehabt, und der Kurfürst
kam allmählich zu der Ueberzeugung, daß das eigentlich der
Hauptgrund sei, weshalb man auf sein Kommen so sehr viel Wert
lege. Sein Standpunkt war dem gegenüber der, daß er von den
Grundgedanken seiner Forderungen in der Wahlsache nicht abgehen
könne, daß jedes Zugeständnis auf rel^iösem Gebiete unmöglich
sei und daß er auch den Herzog von Jülich auf keinen Fall im
Stich lassen könne. Auch auf die von GranveUa vorgeschlagene
,.beständige ewige Freundschaft“ woUte er nur eingehen, wenn es
ohne Verletzung seines Gewissens und seiner Ehre, auch ohne
Nachteil des Reiches und der Freiheiten des Hauses Sachsen ge-
schehen könne. Seine Bedenken in religiöser Beziehung suchte
ihm nun zwar GranveUa zu nehmen, aber auch die jülichsche
Sache schien dem Kurfürsten bedenklich genug. Er fürchtete, sich
zwischen zwei Stühle zu setzen, wenn er auf irgend einen Vertrag
mit dem Kaiser einginge. Nur wenn dieser in der geldrischen
Sache Entgegenkommen zeigte, schien ihm eine Vergleichung
möglich. Ein Verzicht des Herzogs auf Geldern nützte nach seiner
Meinung nichts, da die Landstände dadurch noch nicht gewonnen
seien. Diesen gegenüber Brief und Siegel zu brechen, könne er
seinem Schwager nicht raten. Natürlich hatte es auch keine V’irkung
auf ihn, wenn GranveUa Bestätigung der jülichschen Heirat in Aus-
sicht stellte, für den Fall, daß der Kurfürst jetzt den Herzog von
Jülich nicht unterstütze. Als dann der kaiserliche Minister Anfang
Juli auch seine schon im April vorgebrachten Vorschläge einer
ewigen, beständigen Freundschaft in Verbindung mit einer Heirat
einer Tochter des Königs mit einem Sohne des Kurfürsten wieder
aufnahm, war Johann Friedrich zwar der Meinung, daß man eine
solche Gelegenheit nicht ganz zurückw’eisen dürfe, doch zeigen
Digiiized by Google
298
Kapitol II.
seine Weisungen an Burchard vom 13. Juli, daß er nicht geneigt
war, diese habsburgische Freundschaft durch irgendwelche Zu-
geständnisse zu erkaufen. Denn es war doch fast naiv, wenn er
verlangte, daß in die Heiratsbestätigung auch Geldern und Zütphen
miteinbezogen würden, da der Heiratsvertrag sich auch auf die
künftig zu erwerbenden Länder erstrecke. In der Wahlfrage
wollte er mit den Bedingungen des Wiener Vertrages zufrieden
sein, nur sollten die Artikel über die Religion, das Konzil und
den Reiterdienst wegbleiben. .\uf den Heiratsplan ging er gar
nicht näher ein, Burchard sollte nur sagen, daß sich nach Er-
ledigung der geldrischen Sache und der Konfirmation des Heirats-
vertrages die anderen Fragen auch „wohl schicken“ würden.
Natürlich war nicht dai-an zu denken, daß man kaiserlicher-
seits auf solche Bedingungen einging. Die Forderung in bezug
auf Geldern lehnte Granvella aufs entschiedenste ab, und auch in
der Wahlfrage wollte der Kaiser dem Kurfürsten nur eine Er-
klärung ausstellen, daß die Wahl Ferdinands ihm nnd dem Hause
Sachsen in keiner Weise nachteilig sein solle. Nach neuer Rück-
sprache mit dem Kaiser schlug Granvella schließlich am 2fi. Juli
vor, daß der Kurfürst dem Könige auf zwei Jahre den Titel geben
solle, damit man inzwischen ruhig über Vergleichung und Freund-
schaft beraten könne. Burchard übernahm es, diesen Vorschlag
an den Kurfürsten gelangen zu lassen. Es scheint dann aber
nichts weiter erfolgt zu sein^).
Unzweifelhaft sind aber die habsbnrgischen Anerbietungen
dem Kurfürsten in der nächsten Zeit im Kopfe herumgegangen.
Das beweist uns ein eigenhändiger Aufsatz, der ins Jahr 1541
gehören muß, in dem er sich mit dem Gedanken eines Ver-
trages zwischen dem Kaiser und König, dem Herzog von
Jülich und ihm beschäftigt. Danach wollte er in der Wahl-
sache an den Bestimmungen des Wiener Vertrages festhalten,
1) Vergl. Burchard an Kf. April 14, R^. E. p. 48, No. 101, BL 310 ff-,
Hdbf. Kf. an Burchard Mai 6, ebenda BI. 270. 272. 273 ff., Or. Burchard an
Kf. Juni 4, ebenda Bl. 100—102, Or. Bericht Dolaige über die Cnterredung
mit Hofmann Juni 29, ebenda Bl. 169—175, Or. zum Teil eigenh., 334 — 337,
Konz. Burchard an Kf. Juli 5, BI. 344/345, Hdbf. Kf. an Burchard Juli 13,
Bl. 367 — 373, Or. Bericht Burchards über die Verhandlungen vom 23. und
26. Juli, Reg. H. p. 280, No. 111. III (an ganz falscher Stelle). Vielleicht ge-
hören hierher auch einige Aufzeichnungen in Loc. 10674 „zweites Buch, Hand-
lung zwischen . . .“
Digitized by Google
Bund u. Reich : Die Jahre der Sorge u. der Untemchmongsluet 1536 — 41. 299
Geldern und Zütphen sollte der Kaiser dem Herzog von Jülich
zu Lehen geben und allen Unwillen gegen ihn fallen lassen.
Dafür sollte der Herzog sich zum Gehorsam gegen den Kaiser
verpflichten, die Bündnisse, in denen er sich befände, sollte er
einhalten, sie sollten aber rein defensiv gemeint sein. Als Ent-
schädigung dafür wollte der Kurfürst für sich und seine Erben
die Erbanspiüche auf die jülichschen Gebiete (nicht auch auf
die bewegliche Habe) fallen lassen und seine Rechte dem Kaiser
übertragen. Dafür sollte dann wieder der König eine seiner
Töchter mit dem ältesten Sohne des Kurfürsten vermählen und sie
schon jetzt zur Erziehung an dessen Hof geben. Er sollte ferner
dem Kurfürsten die Ober- und Niederlausitz und ein namhaftes
Stück schlesischen Landes als Entschädigung für die jülichschen
Gebiete zu Lehen geben und ihm als Heiratsgut seiner Tochter die
Würde eines erblichen Gubernators über ganz Schlesien übertragen.
Würde aus der Heirat nichts, so sollte dieser letzte Punkt weg-
fallen, die anderen sollten auch dann zur Ausführung kommen ‘).
.\n Erfüllung solcher Pläne war schwerlich zu denken, aber
als Beweis dafür, wie richtig der Kurfürst die Aufgaben sächsischer
Ausdehnungspolitik erkannte, verdienen sie doch Beachtung.
Ohne positive Resultate scheinen auch die Verhandlungen ge-
blieben zu sein, die teils der Landgraf, teils die kursächsischen
Gesandten in Regensburg mit einzelnen katholischen Ständen über
einen Zusammenschluß zur Verteidigung der Freiheiten des Reichs
führten. Der bajTische Kanzler Eck trat einmal wieder mit
solchen Vorschlägen an den Landgrafen heran. Es war nicht zu
verwundern, daß die Protestanten auf Grund ihrer bisherigen Er-
fahiTiugen nicht viel Wert darauf legten. Johann Friedrich machte
nicht mit Unrecht auf die Aehnlichkeit der Lage mit der von 1539
aufmerksam. Damals seien die bayrischen Anerbietungen erfolgt,
solange ein Friede möglich schien; sobald klar gewesen sei, daß
ans ihm nichts würde, hätten sie aufgehört. So werde es diesmal
auch sein *). Direkte Verhandlungen zwischen Sachsen und Bayern
wurden erst durcli Warnungen Granvellas im Juli angeregt. Der
Kurfürst benutzte eine früher mit Herzog Wilhelm getroffene Ver-
1) Keg. C. No. 890, Bl. 130—133, eigenb. Die Zeit beetimmt eicb danach,
daß ea beißt, Johann Friedrich der Alittlere ginge ins 13. Jahr.
2) Bnrchard an Kf. April 14, Kf. an Burcbard April 23, Reg. E. p. 48,
No. 101, Bl. 310—314. 287—292, Or.
Digitized by Google
300
Kapitel II.
abredung, wonach man es sich mitteilen wollte, wenn man Be-
schwerden gegeneinander hätte, um den Herzog durch seine Räte
darüber zu unterrichteu, daß allerhand an ihn gelange, als wirke
jener dem Frieden entgegen. Wilhelm bat um bestimmtere Au-
gaben, ehe er antworten könne. Zu solchen waren aber die Räte
nicht bevollmächtigt*).
Mehr Vertrauen schenkte der Kurfürst ähnlichen Anregungen,
die von dem kurtrierischen Kanzler ausgingen. Er befahl Burchard
und Pack, mit diesem über den Gedanken eines Bundes deutscher
Fürsten zur Verteidigung der Freiheiten des Reichs weiter zu
reden. Ein solcher würde gut sein, wenn auch zunächst nur 4
oder 5 Fürsten teilnähmen. Er rechnete dafür doch auch auf
Bayern noch. Auch Vlatten nahm für Jülich an den Verhandlungen
teil. Zu einem Resultat scheinen sie aber doch nicht geführt zu
haben ’).
Ohne große Bedeutung sind auch die Verhandlungen gewesen,
die in Bundesangelegenheiten in Regensburg geführt wurden. Es
hat sich dabei vor allem um die Goslarsche Sache gehandelt. Nach
einem Protokoll vom 18. Juli hat schließlich doch die Mehrheit der
Bundesstände sich für die Unterstützung der Stadt ausgesprochen®).
Aus dem Bundesabschied vom 1. .-Vugust ist hervorzuheben, daß
man beschloß, die Artikel, auf die die Kollokutoren sich geeinigt
hatten, auzunehmen, jedoch nur mit den von den protestantischen
Gelehrten dazu gegebenen Erläuterungen. Im übrigen bekannte
man sich aufs neue zu Konfession und .Apologie. Den Reichs-
abschied nahm man nur mit der kaiserlichen Deklaration an und
protestierte gegen das Konzil und jede päpstliche Autorität. .Auf
dem Tage, der wegen der Türkenhilfe in Speier stattfinden sollte,
sollten die Gesandten der Verbündeten die beharrliche Hilfe nur
dann bewilligen dürfen, wenn vorher der Friede gesichert und das
Kammergericht reformiert sei. .Auch selbst wollte man sich der
Visitation des Gerichts eifrig annehmen*). —
1) Kf. an I.<dgf. Juli 13, P. A. Sachsen, Emestinische Linie, 1541. Auf-
träge an Pack und Burchard Juli 13, Reg. E. p. 48, No. 101, BI. 374. 357, 'SöS.
Bericht über deren Verhandlungen mit Hz. Wilhelm am 27. Juli, ebenda Bl. 356.
354. 355.
2) Burchard an Kf. Juni 18, Reg. E. No. 101, Bl. 117 ff. Kf. an Burchard
Juni 28, ebenda Bl. 160 ff.
3) Reg. H. p. 391, No. 148. Näheres bei Bruns, 8. 81 f.
4) Reg. H. p. 391, No. 148, 1, Urk.
Digilized by Google
Rund u. Reich : Die Jahre der Sorge u. der UntcrDehmungBlust 1536 — 41. 301
Tatsächlich tritt in den nächsten Monaten die Türkengefahr in
den Vordergrund des Interesses. Der unglückliche Ausgang des
Zuges Ferdinands zeigte, daß diesmal doch mit ihr nicht zu
spaßen wai', und wenn nun auch Johann Friedrich der Meinung
war, daß Ferdinand die Niederlage durch die unüberlegte Art,
in der er den Feldzug unternommen hatte, selbst verschuldet habe,
so verschloß er sich doch nicht der Ansicht, daß man ihn nicht
werde im Stich lassen können. Er berücksichtigte dabei auch den
Umstand, daß es vielfach Protestanten waren, denen in den öster-
reichischen Ländern die Heimsuchung durch die Türken drohte,
hielt auch nicht für ausgeschlosseu, daß auch die mittel- und nord-
deutschen Gebiete durch einen Angriff der Türken auf dem Wege
durch Polen und Schlesien gefährdet werden könnten. Nachrichten,
die ihm aus diesen Ländern zugingen, bestärkten ihn in dieser
Befürchtung. Wir linden ihn überhaupt während des ganzen Jalues
1541 in eifriger Korre.spondenz mit dem GroßmarschaU von Polen,
daun mit einzelnen Oesterreichern, vor allem Hans und Andreas
Ungnad, durch die ihm Zeitungen über die Türken zugingen*), und
es war für ihn jedenfalls sehr schwer, dem gegenüber au seinem
bisherigen ablehnenden Standpunkt festzuhalten. Gewiß wird es
ihm sehr recht gew’esen sein, als der Kurfürst von Brandenburg
anregte, eine Zusammenkunft mit dem Landgrafen und Herzog Moritz
abzuhalten, um über eine gemeinsame Haltung der Türkengefahr
gegenüber zu beraten. Auch König Ferdinand und die sclilesischen
Stände schickten Gesandte zu diesem Tage, der vom 16. — 24. Oktober
in Naumburg stattgefunden hat. Schriftstücke aus den Tagen vor
der Zusammenkunft *) zeigen, daß sich der Kurfürst und seine Rat-
geber eifrig mit der Frage der Türkenhilfe beschäftigten, daß
Johann Friedrich selbst dabei vor allem den Gedanken der Ab-
wehr eines aus Böhmen, Mähren und Schlesien her erfolgenden
Angriffs erwog, während Brück einen solchen für unwahrscheinlich
hielt, dagegen der Ansicht war, daß man die allgemeine Türken-
hilfe, auch wenn man keinen Frieden erlange, leisten müsse, da
die eigenen Interessen gegenüber der gemeinsamen Gefahr zurück-
1) Diese Korrespondenzen in Keg. B. No. 1635. 1636.
2) Ein Gutachten Dölzigs schon vom 12. Sept., Keg. B. No. 1635. Ein Be-
denken des Kurfürsten Reg. E. p. 48, No. Ü8, Bl. 266 ff. und 236 ff., Kopien
mit eigenhändigen Korrekturen. Ein Gutachten mit Korrekturen Brücks „furtragn
zu Naumburg“, ebenda BL 254 ff.
Digitized by Google
302
Kapitel II.
gestellt werden müßten. Diesen Standpunkt hat sich aber der
Kurfürst doch nicht so ganz zu eigen gemacht.
In Naumburg beschloß man, den Speierer Tag zu beschicken,
um über die beharrliche Türkenhilfe mitzubeschließen. Als Be-
dingung für sie wollte man ßeligionsvergleichung oder, wenn
diese nicht zu erlangen sei, einen mindestens zehnjährigen Frieden
fordern, ferner Reform des Kammergerichts und Stillstand aller
Prozesse in Religionssachen während des Friedens unter Berufung
auf den Regensburger Reichsabschied und die Deklaration dazu.
Weun diese Bedingungen erfüllt würden, wollte man für eine
Reichshilfe gegen die Türken von 40 000 Mann zu Fuß und
23 — 28 000 Reitern wirken. Käme eine Reichshilfe nicht zu-
stande, so wollte man trotzdem gemeinsam einen etwaigen
direkten Angriff der Türken abwehren. Man wollte auch in
Speier von diesem Plane Mitteilung machen und war bereit,
jeden zu unterstützen, der selbst den beteiligten Fürsten zu
helfen geneigt wäre. Man war überhaupt bestrebt, eventuell
unter Uebergehung Ferdinands, dessen Gesandte man auf den
Speierer Tag verwies, für die Verteidigung des Reichs zu wirken.
So verabredete mau in Naumburg auch Verhandlungen mit den
mannigfaltigsten anderen Reichsständen , um sie zu Schritten
gegen die Türken zu veranlassen. Sachsen und Hessen sollten
mit ihren Verbündeten, mit Köln und Paderborn und verschie-
denen Grafen, Sachsen außerdem mit dem Herzog von Jülich
verhandeln. Auch die Heranziehung der benachbarten Nationen
war geplant. Nicht geeinigt hat man sich anscheinend in Naum-
burg darüber, wie man sich in der Frage der allgemeinen Reichs-
hUfe verhalten wolle, wenn die verabredeten Forderungen nicht
gewährt würden. Joachim wollte wohl auch dann die Hilfe leisten,
während Sachsen und Hessen dann Ferdinand nicht unterstützen
und sich auf die Abwehr direkter Angriffe beschränken wollten ').
Der Kurfürst von Brandenburg erwies sich auch sonst den Wünschen
der Schmalkaldener nicht zugänglich. So lehnte er einen Vorschlag
auf gegenseitige Verteidigung in Religions- und Profansacheu im
Falle eines Ueberzuges unter Hinweis auf die Erbeinigung ab,
wollte nur allenfalls einen Artikel in diese aufhehmen, daß mau sich
1) Lenz, III, S. 151— IGO. 161— 1G7. P. A. No. 590. Nav» an den
Kaiser Nov. 12, Lanz, II, B. 328 f.
Digilized by Google
Bund u. Beich: Die Jahre der Sorge u. der Untemehroungslust 1530—41. 303
unterstützen wolle, wenn man während des Türkenkrieges ange-
griffen werde*).
Es ist begreiflich, daß die in Naumburg versammelten Fürsten
ihr Zusammensein benutzten, um auch über allerhand andere wichtige
Zeitfragen zu beraten. So sprach der Kurfürst mit dem Landgi afeu
über die Frage des Bundes mit Jülich und fand ihn etwas ent-
gegenkommender als früher, vor allem aber benutzten die beiden
Fürsten die Gelegenheit, um einmal ihr Verhältnis zu Heinrich
von Braunschweig einer gründlichen Erörterung zu unterziehen und
auch Herzog Moritz zu einem Vertrag mit ihnen darüber zu be-
stimmen. —
Werfen wir an dieser Stelle einen Blick auf die bisherige
Gestaltung des Verhältnisses der schmalkaldischen Bundeshäupter
zu dem unruhigen Herzog Heinrich, so hatte der Kurfürst niemals
zu dessen Freunden gehört, während Landgraf Philipp erst all-
mählich von seiner anfänglichen Intimität mit Heinrich abgekommen
war*). Als ein Feind des Evangeliums hatte sich der Herzog zuerst
in der Art, wie er einzelne Städte seines Gebietes, vor allem Goslar
und Braunschweig, behandelte, erwiesen. Schon im Jahre 1536
war Johann Friedrich genötigt, sich über die Frage klar zu werden,
ob man verpflichtet sei, Goslar zu helfen, und entschloß sich nach
einigem Schwanken zür Bejahung dieser Frage, veranlaßte aller-
dings, daß man es zunächst noch mit gütlicher Verhandlung ver-
suchte*). Eine weitere Beunruhigung wurde dann durch die Er-
nennung Heinrichs zum Konservator des Stiftes Bremen und die
damit verbundene Bedrohung dieser Stadt hervorgerufen*), auch
durch die enge Verbindung Heinrichs mit Held wurde das Ver-
hältnis immer gespannter®). Der Herzog selbst ließ etwa durch
1) P. A. 590.
2) Vergl. Mcinardus, 1, 2, S. 98ff.
3) Kf. an Brück 1536 Juli 28, R^. H. p. 110, No. 49, II, Konz. KI. an
Ldgf. Aug. 28, ebenda, Beinentw. Instruktion für Jobst von Hain zum Braun-
schweiger Tage ca. 1537 April 9, Beg. H. p. 129, No. 57. Benedikt Pauli an Kf.
Mai 2. Bericht Ober Verhandlungen mit Herzog Heinrich in Zeitz über Goslar
Beg. H. p. HO, No. 49, II, Or. Zahlreiche Akten über die Goslarsche Angelegen-
heit in Beg. H. p. 134, No. 62, II. lieber die Entstehung dieser Streitigkeiten
vergl. Bruns, 8. 13 ff. 30ff. Heinemann, II, 8.344ff. lieber Braunschweig
jetzt auch Hassebrauk, S. 14 ff.
4) Vergl. S. 136. 144.
5) Bruns, S. 19f.
Digilized by Google
304
Kapitel II.
die Art, wie er sich gelegentlich des Biaunschweiger Bundestages
im März 1538 benahm, keinen Zweifel darüber aufkommen, daß er
sich als Feind der Schmalkaldener betrachte'). Auch die Auffassung
des Kurfürsten und des Landgrafen w'ar offenbar damals schon die,
daß ihr Verhältnis zu dem Herzog als ein latenter Kriegszustand
zu betrachten sei. Sie trafen Verabredungen, die auf eine gelegent-
liche Gefangennahme des Gegnei’s hinausliefen *). Diese An.schläge
mißglückten nun allerdings, führten aber im Sommer 1538 zu einer
sehr gereizten Korrespondenz zwischen dem Kurfürsten und Hein-
rich®). Was man über dessen Stellung und Tätigkeit im Nürn-
berger Bunde hörte, trug auch nicht dazu bei, die Stimmung zu
verbessern.
In ein akutes Stadium trat der Gegensatz dann durch die Ge-
fangennahme des braunschweigischen Sekretärs durch den Land-
grafen. Die Papiere, die mau bei ihm fand, bewiesen, daß der
Herzog es jedenfalls an feindseliger Gesinnung nicht hatte fehlen
lassen. Johann Friedrich hat keinen Augenblick daran gezweifelt,
daß der Landgraf diesen Schritt mit vollem Hechte getan habe,
war aber auch darin mit ihm einig, daß man ihn in Briefen an
möglichst viele andere Fürsten und Stände rechtfertigen müsse').
Auch wü- werden gegen das Vorgehen des Landgrafen nicht allzuviel
einwenden können, dagegen war es wohl vor allem seine Schuld,
wenn ein so erbitterter Schriftenstreit mit dem Herzog sich an-
schloß. Heinrich zog bald auch den Kurfürsten in den Streit mit
hinein. Seit April 1539 ging man dazu über, die gegenseitigen
Streitschriften auch im Druck zu veröffentlichen, so daß nun ganz
Deutschland über den unerquicklichen Zwist unterrichtet wurde.
Die Angelegenheit wurde auf protestantischer Seite mit großem
Ernst behandelt. Korrespondenzen zwischen Sachsen und Hessen
wurden vor jeder Schrift gew^echselt, Entwürfe wui'den ausgetauscht
u. s. w'. ®). Da kein Teil dem anderen das letzte Wort lassen
wollte, und man sich natürlich gegenseitig immer steigerte, nahm der
1) Bruus, S. 20.
2) Ijdgf. an sciue Räte in Kassel 1538 Mai 3, Rommel, II, S. 4031. Kf.
an Ldgf. 10, Reg. II. p. 201, No. 92, Konz. Bruns, S. 21.
3) In Reg. H. p. 225, No. 102, I.
4) Vergl. S. 1731. Ueber die Ansicht des Kf. vergl. etwa Brief an Ldgf.
vom 12. Jan. 1539, Reg. H. p. 225, No. 102, II, Konz. Aktenst. No. 22.
5) Korrespondenzen darüber z. B. in Reg. H. p. 272, No. 115; p. 225, No. 102,
II; p. 282, No. 118; p. 329, No. 133, 1.
Digitized by Google
Bund n. Reich ; Die Jahre der Sorge u. der Unternehmungslust 1536 — 11. 305
Streitschriftenwechsel allmählich immer gröbere Formen an^). Es
war nur eine Frage der Zeit, wann man auch zu den Waffen greifen
würde. Schon vor dem Frankfurter Anstand war es nahe daran
gewesen*). Dieser hatte dann eine Ruhepause gebracht, und auch
im Herbst 1539 war der Kurfürst noch nicht geneigt, auf die großen
Angriffspläne einzngehen, die der Landgraf bereits entwarf*). Vor
allem hatte er keine Lust, ohne Zustimmung der anderen Bundes-
stände etwas gegen den Herzog zu unternehmen. Auch die Ver-
wicklung, in der er selbst sich mit dem Kurfürsten von Mainz be-
fand, ließ ihm ein Vorgehen gegen Heinrich bedenklich erscheinen.
Er wünschte, daß dann wenigstens gleichzeitig auch seine magde-
burgische Sache erledigt würde*).
Als Grund für ein Vorgehen gegen Herzog Heinrich konnte
nun der Welt und den Bundesständen gegenüber nicht gut der
persönliche Zwist zwischen ihm und den Bundeshäuptern benutzt
werden. Das Vorgehen des Herzogs gegen Goslar und Braun-
schweig aber bot die Möglichkeit, eine Bundessache aus einem
etwaigen Krieg mit ihm zu machen, doch gelang es nicht, schon
in Arnstadt im November 1539 einen Beschluß darüber zu ermög-
lichen. Zur Hilfe für Bremen in der Konservatoriumssache er-
klärten sich die Verbündeten allerdings schon jetzt bereit. Dagegen
dauerte es bis zum Bundestage in Schmalkalden (März 1540), ehe
die Stände zur ünteretützung Braunschweigs *), bis zum Regens-
burger Reichstage, ehe sie zu der Goslars ihre Zustimmung gaben.
Für den Kurfürsten und den Landgrafen kam es aber nicht
nur auf die Haltung ihrer Verbündeten an. Gerade ihre zahlreichen
Streitschriften sollten auch dazu dienen, zu beweisen, daß sie dem
Herzog gegenüber im Rechte seien, und diesem die Sympathien
1) VergL Koldewey, S. 12f. Heinemann, II, S. 353 ff.
2) Bruns, S. 23 f. 25ff.
3) VergL 8. 198, besonders Ldgf. an Kf. Nov. 1. 6, Reg. H. p. 285, No. 119.
Lenz, I, S. 407. Kf. an Ldgf. Mai 12, Lenz, 8. 407 f. Bruns, 8. 29.
4) Kf. an seine Räte in Arnstadt 1539 Nov. 22, Keg. H. p. 248, No. 108, I,
Or. Er sei nicht bedacht, „wider hz. Heinrichen von Braunschweigk furge-
schlagener mafi und besondem ausserhalb aller stende zu helfen, es wurde dan
der krigk so wol kegen dem bischoff als hz. Heinrichen furgenomen und unsere
Sache mit zu ende gefurt, dieweil doch wenig andere Ursachen kegen hz. Hein-
richen mngen furgenomen werden, sie seind gegen den bischoff so wol, wo nit
mher, vorhanden.*
5) VergL Hassebrauk, 8. 30.
Beiträge zur neueren Gescbicbte Thüringens I, 3. 20
Digilized by Google
306
Kapitel II.
und die Hilfe anderer Reichsstände und auch des Kaisers entziehen.
So ließ Johann Friedrich z. B. im April 1541 300 Stück seiner
dritten Verantwortung gegen den Herzog auf dem Reichstage ver-
teilen ^), auch dem Kaiser eine französische Uebersetzung davon
überreichen *). Und wenn Luther zur Abfassung einer Schrift gegen
den Herzog veranlaßt wurde®), wenn Spalatin historische Studien
über das Herkommen des Hauses Sachsen anstellen mußte®), so
geschah das auch, um die öffentliche Meinung gegen Heinrich ein-
zunehmen. Auch die mancherlei Verhandlungen, die am kaiser-
lichen Hofe, z. B. 1540 durch Planitz, über die brauschweigische
.Angelegenheit geführt wurden, hatten den Zweck, über die Um-
triebe des Herzogs zu unterrichten und ihnen entgegenzuwirken®).
Für den Regensburger Reichstag suchte man durch Granvella einen
Stillstand und eine gegenseitige Verpflichtung zum Schweigen zu
erlangen ®). Der Landgraf verhandelte auch mit dem Kaiser direkt
darüber’). .Als der Herzog dann am 10. Juni auf dem Reichs-
tag einen Vortrag gegen seine beiden Gegner hielt, beßen es
diese an einer Erwiderung natürbch nicht fehlen, in der sie sich
bemühten, den Nachweis zu liefern, daß der Herzog sowohl jetzt
auf dem Reichstage, wie mit den Schmähschriften angefangen
habe®). Es entsprach der allgemeinen Haltung der Kaiserlichen
in jener Zeit, wenn Granvella sich auch in der braunschwei-
gischen Sache im ganzen günstig für die Protestanten äußerte*).
Auch der Kaiser benahm sich demgemäß*®). Ueberhaupt stand
1) Kf. an seine Bäte 1541 April 16, Reg. E. p. 48, No. 97, Bl. 94, Or.
2) C. R. IV, 266, No. 2219.
3) Die erste Anregung ging vielleicht von Luther selbst aus. Brück an Kf.
1541 Jan. 22, Reg. H. p. 329, No. 133 I, Or. Einen ähnlichen Wunsch sprach
ca. Febr. 2 der Kf. aus, an Brück Reg. H. p. 225, No. 102 II. Vergl. weiter
Brück an Kf. Febr. 4, Reg. H. p. 329, No. 131 I, und die Literatur zur Schrift
wider Hans Worst, Köstlin-Ka werau, II, S. 558 f.
4) Bpal. an Kf. März 17. 28, Kf. an Spal. April 1, Mai 8, Reg. O. No. 51.
Kf. an Spal. Juni 14, Reg. O. No. 66.
5) Bruns, S. 33ff.
6) Kf. an seine Räte in Worms 1541 Jan. 26, Reg. H. p. 329, No. 133,
II, Or.
7) Bruns, S. 67. 70.
8) Uortleder, I, 2, S. 737 f. 738 ff. Bruns, S. 73.
6; Burchard an Kf. Juni 18, Reg. E. p. 48, No. 101, BL 117 — 127, HdbL
Bruns, S. 76.
10) Bruns, S. 70/71. 74 f.
Digilized by Google
Bund u. Reich: Die Jahre der tkirge u. der UntemehmaDgalast 1536 — 11. 307
es ja nicht so, daß die anderen katholischen Stände mit dem Ver-
halten des Herzogs so durchweg einverstanden gewesen wären.
Nicht einmal von denen, die mit ihm im Nürnberger Bunde ge-
eint waren, kann man das sagen. Die Herzöge von Bayern z. B.
dachten schon im Sommer 1540 an eine Vermittlung, im Laufe des
Jahres 1541 nahm diese bestimmtere Gestalt an ‘). In diesem Jahre
war der Gegensatz allmählich immer schärfer geworden, der Kur-
fürst und der Landgraf waren geneigt, auch die Brandstiftungen,
die damals in Norddeutschland stattfanden, dem Herzog in die
Schuhe zu schieben*), der Ton der gegenseitigen Streitschriften
ließ sich kaum mehr überbieten, die Bedrängnis Goslars und
Braunschweigs heischte dringend Unterstützung. Schon seit August
korrespondierte man über eine Zusammenkunft deswegen. Der
Landgraf und der Kurfürst waren schon damals darin einig, daß
man andere Wege gegen den Herzog einschlagen müsse. Johann
Friedrich hatte dagegen um so weniger Bedenken, als das Er-
scheinen einer neuen Schmähschrift des Herzogs gegen den Regens-
burger Abschied und die Befehle des Kaisers verstieß*).
.\ls dann aUerdings die beiden Fürsten über die Art und Weise
des Vorgehens gegen Heinrich zu verhandeln begannen, gab es
sofort wieder Differenzen. Dem Landgrafen schien es am prak-
tischsten, daß sie beide im Bunde mit Herzog Moritz das Unter-
nehmen im nächsten Frühjahr zunächst allein zur Ausführung
brächten und das Land unter sich teilten und die Regelung der
Angelegenheit mit den anderen Verbündeten auf später ver-
schöben, weil nur so Geheimhaltung möglich sei, der Kurfürst
hatte sowohl gegen den Aufschub bis zum Frühjahr wie gegen die
Verheimlichung vor den anderen Bundesständen gioße Bedenken,
in bezug auf die Teilung des Landes empfahl er, sich streng nach
den Bestimmungen der Bundesverfassung zu richten^). Zum kriege-
1) Eck an Ldgf. 1540 Mai 27, Ldgf. an Eck Jnli 4, Kopien, an Kf. Juli 3. 9,
Or., Reg. H. p. 359, No. 139. Hz. Wilhelm an Kf. und Ldgf. Dez. 8, R^. H.
p. 394, No. 149, I, Kopien.
2) Akten über diese Frage in Reg. H. p. 323, No. 132 I — III. Brück an
Kf. 1540 Dez. 10, Reg. H. p. 3&1, No. 141, Hdbf.
3) Kf. an Ldgf. 1541 Aug. 11, Reg. H. p. 394, No. 149 I, Konz. Lenz,
III, S. 155. Ldgf. an Kf. Aug. 13, Reg. H. ebenda, Or. Kf. an Ldgf. Aug. 17,
Konz., ebenda.
4) Ldgf. an Kf. Aug. 24, Reg. H. p. 394, No. 149, 1, Or. Kf. an Ldgf.
Sept. 1, Konz., ebenda. Lenz, III, S. 156.
20*
Digitized by Google
308
Kapitel II.
rischen Voi-gehen überhaupt aber war Johann Friedrich damals schon
unbedingt entschlossen, er lehnte daher auch ein Vermittlungs-
anerbieten des Herzogs von Jülich entschieden ab ').
Die weitere Erörterung über die Ausführung des Unternehmens
hat man schließlich auf den Naumburger Tag verschoben. Der Kur-
fürst forderte am 2. Oktober auch Magdeburg, Braunschweig und
Goslar auf, vertraute Personen dorthin zu schicken, da Dinge Vor-
kommen würden, die für sie und die ganze Einung wichtig seien *).
Das, was dann in Naumburg am 26. Oktober beschlossen wurde, war
ein Kompromiß zwischen den Ansichten des Kurfürsten und denen
des Landgrafen. Man hielt zunächst an dem Gedanken des Bundes-
unternehmens noch fest, der Koburger Abschied sollte streng be-
folgt werden, der Kurfürst Hauptmann sein, Eroberungen sollten
der Bundesverfassung gemäß behandelt werden, wenn die Sache
zur Bundessache gemacht würde. Sonst sollten die drei Fürsten
das Land teilen, denn eventuell wollte man die Sache auch allein
ausführen. Die Vorbereitungen w’oUten die drei Fürsten zunächst
allein treffen, erst im letzten Moment die Kriegsräte des Bundes
einweihen. 3000 Reiter und 14000 Mann Fußsoldaten wollte man
aufbieten. Als Termin des Auszugs wurde der 7. März festgesetzt.
Man wollte sich dann sofort gegen Wolfenbüttel wenden und dieses
zu überrumpeln suchen®).
In dem Vertrage wurden auch Verhandlungen mit Bayern vor-
gesehen. Es kam darauf an, dieses von der Unterstützung des
Herzogs abzuhalten, ja es überhanpt aus dem Nürnberger Bunde
herauszuziehen. Man konnte dabei an Verhandlungen anknüpfen,
die der Landgraf im September vor allem durch Vermittlung
Sailers mit Eck geführt hatte ^). Man hoffte diesen durch ein Geld-
geschenk gewinnen zu können®), ging anch auf bayrische Vermitt-
lungsanerbietungeu zum Schein ein, um die Sache dadurch hinzu-
1) Instruktion für Wallenrod zu einer Werbung an Hz. Wilhelm Aug. 31,
Reg. C. No. 873a, Bl. 101—9, Or.
2) Reg. B. No. iaS6.
3) M. P. C. I, 225 ff. Lenz, III, 8. 156. Brandenburg, I, 8. 170. Ein
Orig, des Vertrages auch in Reg. H. p. 705, BB. 3 (Urk. No. 1658).
4) Ldgf. an Kf. Sept. 24, Reg. H. p. 394, No. 149, II, Or.; Lenz, IH.
S. 187/188. Kf. an Ldgf. Sept 30, ebenda, Konz. ; Neudecker, Aktenst, S. 281 ft
5) Vertrag vom 28. Okt, M. P. C. I, 226. Ldgf. an Kf. Dez. V, Reg. H.
ebenda, Or.; Lenz, lU, 8. 203, 3. 188 ff.
Digilized by Google
Bund u. Reich : Die Jahre der Sorge u. der Untemehnrnngslust 1536—41. 309
ziehen*). Auch von einem Bündnis mit Bayern war wieder viel
die Rede, an eine Zusammenschickung bajTischer, sächsischer und
hessischer Räte zu diesem Zwecke wurde gedacht*). Auf Ver-
anlassung Herzog Wilhelms wurden die Verhandlungen dann aber
auf den Speierer Tag verschoben ®). Dort hat Eck sehr weitgehende
und merkwürdige Vorschläge über ein Bündnis gegen die Habs-
burger gemacht. Wie stets, ist es schwer zu bestimmen, wie weit
sie ernst gemeint waren. Bei der steten Doppelzüngigkeit der
bayrischen Politik kann man aber jedenfalls die Lenzsche Auffassung
nicht zurückweisen, daß es Eck in erster Linie darauf angekommen
sei, die Beteiligung der Protestanten am Türkenkriege zu erreichen
und einen Krieg gegen Herzog Heinrich zu hindern. Dein ent-
sprach auch die ziemlich kühle Aufnahme der Sache bei den
Protestanten*). Einen wesentlichen Unterschied zwischen der Auf-
fassung des Kurfürsten und der des Landgrafen und Moritzens ver-
mag ich dabei nicht zu entdecken®).
In anderer Beziehung dagegen kam es in jenen Monaten zu
Ditferenzen zwischen dem Landgrafen einerseits, dem Kurfürsten
und Moritz andererseits, nämlich über die Frage, ob die Verwandlung
des Speierer Tages in einen Reichstag eine Verschiebung des Braun-
schweiger Unternehmens nötig mache. Der Kurfürst war davon
sofort überzeugt, er vermutete, daß Heinrich selbst auf dem Reichs-
tag sein würde und den „Glimpfe gewinnen würde, wenn man ihn
während dieser Zeit angriffe, auch werde man dann als Bundesgenosse
von Türken und Franzosen erscheinen®). Moritz machte sich diese
1) Hz. Wilhelm an lAgf. Dez. 7, Reg. H. p. 225, No. 102, I, Kopie. Ldgf.
an Kf. und Hz. Moritz Dez. 20, M. P. C. I, 263 ff. Kf. an Moritz Dez. 29, ebenda
276, 3.
2) Ldgf. an Kf. und Moritz Dez. 20, M. P. C. I, 263 ff. Brück an Kf.
Dez. 24, Reg. H. p. 394, No. 149, II, Or. Kf. an Ldgf. 1542 Jan. 12, Reg. H.
p. 458, No. 162, Konz. Sacheen und Hessen an Bayern Jan. 14, Stumpf,
S. 240f.; Riezler, IV, S. 310; Konz, in Reg. H. p. 225, No. 102, I.
3) Hz. Wilhelm an Kf. und Ldgf. Jan. 27, Reg. E. p. 51a, No. 103 I,
Bl. 187 f.. Kopie.
4) Lenz, III, 8. 204 ff., besonders 8. 220 f.
5) Brandenburg, I, 8. 181f., nimmt einen solchen au, doch steht seine
Darstellung zu M. P. C. I, 297, No. 268, 8 im Widerspruch.
6j Ldgf. an Kf. Nov. 16, Reg. H. p. 394, Na 149, II, Or. Antwort auf
Brief vom 8., den ich nicht kenne, Brandenburg, I, 8. 177. Kf. an Ldgf.
Dez. 3, M. P. C. I, 243 ff.; Dez. 9, Lenz, III, 8. 158; Reg. H. p. 235, No. 101, I;
M. P. C. I, 247, 1.
Digilized by Google
310
Kapitel II.
Bedenken sofort zu eigen und benutzte die Gelegenheit, um sich
aus den ihm unbequem gewordenen Naumburger Beschlüssen nach
Möglichkeit herauszuziehen. Jedenfalls hatte er keine Lust, neue
Verpflichtungen einzugehen, und suchte deswegen eine vom Kur-
fürsten dringend gewünschte Zusammenkunft zwischen ihnen beiden
und dem Landgrafen zur Beratung über die Aufschiebung des Unter-
nebmens, aber auch über die Einzelheiten seiner Ausführung zu ver-
meiden’). Nur gelegentlich einer Zusammenkunft der Ernestinisehen
und Albertinischen Räte in Leipzig wurde daher in den ersten Tagen
des Jahres 1542 der Brief aufgesetzt, in dem die beiden sächsischen
Fürsten dem Landgrafen ihren Wunsch, daß das Unternehmen
gegen Herzog Heinrich verschoben werde, noch einmal energisch
auseinandersetzten*). Philipp blieb nichts übrig, als sich, wenn
auch widerstrebend, zu fügen und erst den Verlauf des Reichstages
abzuwarten®). —
Die Haltung des Kurfürsten und des Landgrafen auf diesem
Tage wurde natürlich durch die braunschweigische Sache stark be-
einflußt. Auf die des Kurfürsten wirkte außerdem der Stand seiner
privaten Beziehungen zu Ferdinand. Der große Regensburger Ver-
söhnungsplan war ja zunächst im Sande verlaufen, Asmus von
Könneritz, den Johann Friedrich auf die Anregungen Granvellas
hin an Hofmann gesandt hatte, hatte eine unbefriedigende Ant-
wort gebracht’). In den nächsten Monaten war die Stimmung des
Kurfürsten gegen den König besonders wegen der Dobrilngkschen
Sache wieder eine recht erbitterte geworden ®), bis dann die Größe
der Türkeugefahr Ferdinand zu einigem Entgegenkommen nötigte.
Als Vermittler diente Hans Hofmann, der auch in den Zeiten des
1) Moritz an Kf. Dez. 13, M. P. C. I, 254 ff. Kf. an Moritz Dez. 23, 28, ebenda
I, 270, 276f. Moritz an Kf. Dez. 31, ebenda 8. 277 f.; Brandenburg, 1, S. 180.
Kf. an Moritz 1542 Jan. 1, M. P. C. I, 284 ff. Moritz an Kf. Jan. 3, S. 287 f. Karlo-
witz an Moritz Jan. 5, 8. 289 f. Kf. an Brück und Ponikau Jan. 5, 8. 290 Anm.
2) Brück und Ponikau an Kf. Jan. 5, 7, M. P. C. I, 290ff. 306 ff.; Bran-
denburg, I, 8. 180. Kf. und Moritz an Ldgf. Jan. 12, M. P. C. I, 3I0ff.
3) Ldgf. an Kf. Jan. 17, ebenda 315 f. Anm.; Brandenburg, I, 8. 181.
Jan. 27, M. P. C. I, 322 Anm.; Brandenburg, a. a. O.
4) Kf. an Hofmaun Dez. 13, Loc. 10674 „Zweites Buch, Handlung zwischen
. . . 1541 — 1544“, Reinentwurf.
5) M. P. C. I, 186; Brandenburg, I, 8. 165. Hofmann an Kf. Nov. 8,
Loc. 10674, ebenda, Or. Kf. an Hofmann Dez. 13, Beinentwurf, ebenda. VergL
über die Besetzung Dobrilugks durch Nickel von Minckwitz im Aug. 1541 Falke,
A8G., X, 8. 426 ff.
Digilized by Google
Bond u. Reich: Die Jahre der Sorge u. der Untemehmungslust 1536—41. 311
größten Gegensatzes die Beziehungen zu Johann Friedrich aufrecht
erhalten hatte. Am 7. Januar 1542 erschien er selbst in Torgau
und hatte lange Unterredungen teils mit dem Kurfürsten selbst,
teils mit dessen Bäten. Johann Friedrich war geneigt, an allen
seinen alten Forderungen festzuhalten, während Brück zu einiger
Nachgiebigkeit riet. Schließlich stach auch jenem das Entgegen-
kommen, zu dem Ferdinand jetzt bereit war, in die Äugen. Vor
allem der in Aussicht gesteUte Stillstand in allen obwaltenden
Streitigkeiten, der jülichschen, geldrischen, grünhainschen, dobrilugk-
schen Sache war ihm erwünscht*). So kam denn am 9. Januar
eine .\brede zustande dahin gehend, daß der Kaiser die Vermittlung
zwischen dem Kurfürsten und dem König übernehmen soUte, und
zwar soUten Pfalzgraf Friedrich, Hofmann und Naves zu Unter-
händlern ernannt werden. Der Kurfürst wollte persönlich zu den
Verhandlungen erscheinen, wenn der Reichstag nach Nürnberg ver-
legt würde. Nicht nur die Wahlsache, auch alle anderen Streit-
punkte sollten erledigt werden. Hatte man sich geeinigt, so sollte
dann der König die Einwilligung des Kaisers zu dem Vertrage
einholeu. Der Kurfürst dagegen verpflichtete sich, dem König bis
Fastnacht 1543 den Titel zu geben gegen eine Versicherung, wie sie
in Regensburg ausgestellt worden sei. Während dieser Zeit sollte
in allen den berührten Sachen nichts mit der Tat vorgenommen
werden, auch durfte der Kurfürst inzwischen das Kloster Dobrilugk
ruhig behalten. Eine Differenz gab es nur über die Frage der
Beziehungen der Verbündeten des Kurfürsten zu den protestantischen
Untertanen des Königs. Nach dem Wunsche Ferdinands und Hof-
manns sollte der Kurfürst für sich und seine Verbündeten eine
Verpflichtung übernehmen, die Untertanen des Königs der Religion
halber nicht an sich zu ziehen. Johann Friedrich erklärte sich für
außerstande, eine solche Erklärung für seine Verbündeten abzu-
geben, und veranlaßte daher die Streichung dieses Artikels. Der
König war darüber zunächst sehr erregt, beruhigte sich dann aber
mit der Erklärung Hofmanns, daß es dem Kurfürsten persönlich
gänzlich fern liege, des Königs Lande und Untertanen in der Re-
ligion an sich zu ziehen, und ratifizierte die Abrede*).
1) Kf. an Hz. WUhelm v. Jülich 1542 Febr. 13, Reg. C. No. 874, Bl. 11
— 17; Below, I, 8. 448, 1; Heidrich, 8. 75, 2.
2) Akten über die Verhandlungen mit Hofmann vom 7. — 9. Januar 1542
in Loc. 10674 „Zweites Buch, Handlung zwischen . . .* Den Tag seiner Ankunft
Digitized by Google
312
Kapitel II.
Wir dürfen in diesem Vertrage wohl eine erste Abkehr des
Kurfürsten von seiner seit 1536/37 befolgten Politik des Miß-
trauens gegen die Habsburger sehen.
Blicken wir an dieser Stelle zurück, so ist das Bild, das uns die
Jahre 1536 — 1541 von der Politik Johann Friedrichs gegeben haben,
ofi'enbar ein ganz anderes als dasjenige, das wir aus dem Inhalt des
ersten Kapitels entnehmen mußten. Er erscheint jetzt nicht nur von
rastloser Tätigkeit, dabei aber beständig durch Zweifel und Bedenk-
lichkeiten gehemmt, sondern setzt sich mit überraschender Kühnheit
über alle Rücksichten hinweg. Nicht er ist schuld, wenn in dieser
Zeit die Chancen der europäischen Lage von den Schmalkaldenern
nicht ausgenutzt werden, sondern anfangs die Schwerfälligkeit der
Bundesstände, später der unglückliche Ehehandel des Landgrafen.
Ermöglicht wurde das freiere Auftreten des Kurfürsten in diesen
Jahren, wie wir sahen, durch die Enttäuschungen, die er bei den
Verhandlungen mit den Habsburgem erlebt hatte, deren unauf-
richtige Politik schließlich auch seine Geduld zum Reißen gebracht
hatte. Es läge nahe, auch die neue Wendung, die sich in der
Haltung Johann Friedrichs seit dem Regensburger Reichstage an-
bahnt und die seit Anfang 1542 deutlicher hervortritt, mit seinen
Beziehungen zu den Habsburgern in Zusammenhang zu bringen.
Gewiß werden wir auch die verlockenden Anerbietungen Gran-
vellas in Regensburg und die ungewohnte Nachgiebigkeit, die der
Kaiser in der Regensburger Deklaration, der König bei den Tor-
gauer Verhandlungen bewiesen, nicht unterschätzen dürfen. Als
wesentlicher möchte ich aber doch das Gefühl der Isolierung be-
trachten, das bei dem Kurfüi’sten infolge des Verhaltens Philipps
von Hessen entstanden war*). Eine gewisse Wirksamkeit möchte
ich daneben noch dem Umstande zuschreiben, daß an der Tatsäch-
lichkeit der Türkengefahr jetzt nicht zu zweifeln war.
ergibt Melonchthon an Veit Dietrich Jan. 8, C. R. IV, 753. Der Vertrag in
Loc. 10671, ebenda. Erklärung König Ferdinands vom 16. Jan. ebenda, Kopie.
Hofmann an Kf. Jan. 16, ebenda, Or. Vergl. auch Seckendorf, III, S. .382.
1) Bei den Torgauer Verhandlungen empfahl Brück dem Kf., auf die Vor-
schläge Hofmanns einzugehen, da ja seine Adhärenten alle von ihm abgefallen
seien und man sich auf die Auswärtigen nicht verlassen könne.
Digilized by Google
Kapitel III.
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
Die Erfahrungen, die Johann Friedrich in den ersten zehn
Jahren seiner Regierung gemacht hatte, hatten eine gewisse Un-
sicherheit in ihm erzeugt. Es war schwer für ihn, zu einem vollen
Vertrauensverhältnis zu den Habsburgern zu gelangen, so erwünscht
ihm ein solches auch gewesen wäre. Hätte er wirklich alles, was er
mit ihnen erlebt hatte, vergessen können, so hätte doch die jülichsche
Sache genügt, um ihn in Unruhe zu erhalten, und auch weiterhin
konnte er seine Augen gegenüber der Tatsache, daß die alten Ge-
fahren fortbestanden, nicht verschließen. .Andererseits hatte er aber
bei seinen Bundesgenossen und auch beim Landgrafen mit seinen
antihabsburgischen Plänen so wenig .Anklang gefunden und stieß
auch weiterhin bei ihnen auf so viel Widerstand, daß seine Bundes-
müdigkeit wuchs und er wohl gelegentlich geneigt war, mit einer
gewissen Resignation die Hände in den Schoß zu legen und die
Dinge gehen zu lassen, wie sie gingen. Seine Energie und seine
staatsmännischen Fähigkeiten waren nicht groß genug, um die vor-
handenen Schwierigkeiten zu überwinden. Es darf nicht ver-
schwiegen werden, daß er sich außerdem selbst in persönliche
Unternehmungen zu Gunsten seines Territorialstaats eingelassen
hatte, die ihm auch seinerseits ein gutes Verhältnis zu den Habs-
burgem erwünscht erscheinen lassen mußten *), .die außerdem auch
dazu beitrugen, eine einheitliche Politik der Protestanten zu er-
schweren. Wenn wir diese verschiedenen Gesichtspunkte berück-
sichtigen, werden wir es begreifen, daß die Politik Johann Fried-
richs in den Jahren 1542 — 1546 keinen so einheitlichen Charakter
1) Gerade in den Januar 1542 fällt nein Vorgehen in Naumburg.
Digitized by Google
314
Kapitel III.
trug, wie in der vorhergehenden Periode, daß Momente, wo er zu
den energischsten Schritten gegen die Habsburger bereit war,
wechselten mit solchen, wo er eine merkwürdige Schwäche und
Vertrauensseligkeit ihnen gegenüber zeigte, nnd daß auch die
Bundespolitik von ihm in dieser Zeit ebenso oft gehemmt wie
gefördert wurde. Folgen wir nun aber wieder dem Gang der
Begebenheiten !
Die mit Ferdinand begonnenen Verhandlungen gingen nicht so
schnell weiter, wie man wohl in Torgau vorausgesetzt hatte. Da
der Reichstag nicht nach Nürnberg verlegt wurde, war an ein
persönliches Kommen des Kurfürsten nicht zu denken'). In einer
Instruktion aber, die Johann Friedrich am 26. Febrnar Burchard
für Verhandlungen mit Hans Hofmann erteilte, knüpfte er an die
Torgauer Verabredungen an und bat, Hofmann zu veranlassen, daß
Tag und Malstatt bestimmt würden, damit die Sache innerhalb der
Zeit des Anstandes erledigt werden könne. Burchard hatte Voll-
macht, eventuell auch mit König Ferdinand direkt zu verhandeln.
Das ist dann geschehen. Der König konnte zunächst nur eine
aufschiebende Antwort erteilen, da die Genehmigung des Kaisers
zu den Verhandlungen noch ausstand. Noch in Speier hat er
sie erhalten und konnte nun den in Speier beschlossenen neuen
Reichstag in Nüraberg als Ort für die Verhandlungen festsetzen.
Er lag ja jedenfalls noch innerhalb der Zeit des Anstandes, und
so scheint denn auch der Kurfürst mit dem kleinen Aufschub nicht
weiter unzufrieden gewesen zu sein*).
Uns interessiert zunächst jetzt aber die Frage, ob die Haltung
des Kurfürsten auf dem Speierer Reichstage durch die neuen Be-
ziehungen zu Ferdiuand irgendwie beeinflußt worden sei. Hofmann
scheint da auf größere Nachgiebigkeit Johann Friedrichs in der
Frage der Türkenhilfe gerechnet zu haben®), während dieser da-
gegen geneigt war, in Speier die Frage der Türkenhilfe noch zu
benutzen, um einen Druck auf den König in seinen Sachen aus-
1) Brief Hofmanne vom 16. Jan.
2) Instruktion für Burchard Beg. E. p. 51a, No. 103 I, Or. Ef. an Bur-
chard Febr. 26, ebenda. Burchard an Kf. März 28 mit der ersten Antwort des
Königs, ebenda. Zustimmung des Kaisers März 7 an Naves, Lanz, II, S. 342 ff.
Burchi^ an Kf. April 15, Beg. E. No. 104, vol. II, Hdbf. Kf. an Hofmann
Juni 3, Loc. 10674 „Zweites Buch. Handlung zwischen . . .“
3) Nach Brief vom 16. Jan.
Digitized by Google
Band und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542—1546.
315
zuüben ‘). Irgendwelche Verpflichtungen in dieser Hinsicht hat er
also doch wohl in Torgau nicht übernommen. Dem entspricht
auch die Haltung der knrsächsischen Politik während der Reichs-
tagsverhandlungen. Die Gesandten des Kurfürsten, Gotzmann,
Eberhaid von der Thann und Burchard, hatten zunächst den Befehl,
an den Nanmburger Verabredungen festzuhalten, also die Türkenhilfe
nur unter der Bedingung zu gewähren, daß die Punkte Friedens
und Rechtens erledigt würden. Nur wenn die anderen protestan-
tischen Stände sie im Stich ließen, durften sie eventuell in die
Türkenhilfe auch unter gemäßigteren Bedingungen willigen, gegen
das Kammergericht in seiner jetzigen Form aber sollten sie unter
allen Umständen protestieren*). Der Kurfürst hat den Gesandten
diesen Befehl noch öfter wiederholt®), und wenn diese auch nicht
stets seinen Wünschen entsprochen haben, im ganzen haben sie
doch zusammen mit Hessen und einigen anderen Ständen bis in
den April hinein an dem von ihrem Herra vorgeschriebenen Stand-
punkte festgehalten und sich erst im letzten Moment dem Willen
der Majorität auch der protestantischen Stände gefügt ‘).
Ueber die ziemlich verwickelten, der Aufklärung noch sehr
bedürftigen Reicbstagsverhandlungen ®) ist sonst zu bemerken, daß
es im Sinne des Kurfürsten gewesen wäre, wenn man sich von
voiTiherein nach Religionsparteien geschieden hätte, wie in Regens-
burg. Er war durchaus nicht damit einverstanden, daß man die
Frage der Türkenhilfe „in den Reichsrat kommen“ ließ, d. h. in der
üblichen Form der drei Kollegien beriet®). Tatsächlich hatte eine
solche Form der Beratung ja für die Protestanten manche Be-
denken. Im Kurfürstenrat hatte Sachsen zwar die Majorität auf
seiner Seite, das Resultat aber wurde durch die Parteilichkeit des
1) Kf. an Burchard Febr. 26.
2) Instruktion vom 28. Jan., Reg. E. p. 51a, No. 103 I, Or. Nachtrag dazu
vom 6. Februar, ebenda, Or. Vergl. Heckendorf, III, S. 382.
3) VergL etwa Kf. an seine Ges. März 30, Keg. E. ebenda Bl. 249 — 256, Or.
4) Thann an Kf. Febr. 23, Reg. E. ebenda BL 60 — 79. Die Räte an Kf.
Febr. 24, ebenda Bl. 56 — 58; März 16, Zettel, ebenda Bl. 226 f.; ÄprU 6, Bl. 302
— 319. Hessische Berichte in P. A. 596. Erst am 28. März finde ich eine Klage,
dafi die Knrsachsen sich der Mehrheit der Verbündeten anschlSssen und Heesen
im Stich lieflen. Es handelte sich darum, ob man sich mit einer Suspension der
Acht gegen Goslar, statt der Absolvierung Goslars von der Acht begnügen wollte.
5) P. C. genügt nicht, bei Trant ist vieles schief.
6) Instruktion vom 28. Januar, Kf. an die Räte März 8, Reg. E. a. a. 0.
BL 136—142, Or.
Digilized by Google
316
Kapitel III.
mainzischen Kanzlers gefälscht ‘); im Fürstenrat konnten die Pro-
testanten jederzeit überstimmt werden, und auch das Gutachten,
das durch einen Ausschuß beider oberen Reichsräte verfaßt und
dem Könige überreicht wurde, entsprach nicht dem Wunsche
Sachsens und Hessens. Einen Genossen ihres Widerstandes fanden
sie bei dem Städterat, der keine Türkenhilfe vor einer Verbesserung
der Anschläge bewilligen wollte und auch mit der Art, wie er
formell auf dem Reichstag behandelt wurde, sehr wenig zufrieden
war. Die kursächsischen Gesandten scheinen sich zwar an der
schlechten Behandlung der Städte nicht direkt beteiligt zu haben,
aber sie taten auch nichts, um sie zu verhindern, und das war
wenig nach dem Sinne ihres Herrn. Er hätte ein Handinhand-
gehen der Protestanten mit den gesamten Städten gewünscht, auch
auf städtischer Seite hat man eine Zeitlang Neigung zu einem
solchen gezeigt, doch wurde schließlich der Konflikt durch eine Er-
klärung Ferdinands beigelegt’).
Den eigentlichen Reichstagsverhandlungen gingen Sonderver-
handlungen Ferdinands mit den Protestanten unter Vermittlung des
Kurfürsten von Brandenburg und des Pfalzgiafen Friedrich zur
Seite. Es handelte sich dabei um eine Verlängerung des Regens-
burger hYiedens um 5 Jahre, mit der die Protestanten sich nur
dann begnügen wollten, wenn gleichzeitig die Deklaration verlängert,
die Acht gegen Goslar aufgehoben und eine Reformation des
Kammergerichts vorgenommen würde. Nach sehr langwierigen Ver-
handlungen kam endlich durch gegenseitige Nachgiebigkeit die De-
klaration Ferdinands vom 10. April zustande. Sachsen und Hessen
leisteten länger Widerstand als die anderen Stände, so daß es zu
„harten Reden“ deswegen kam. Schließlich scheint Sachsen eher
nachgegeben zu haben als Hessen ’).
Von Interesse ist es auch noch, die Stellung des Kuifürsten
zu einzelnen mit der Türkenhilfe zusammenhängenden Fragen zu
verfolgen. Schon vor dem Regensburger Reichstag hatte er sich
ja mit diesen Dingen beschäftigt, während der Naumburger Zu-
sammenkunft und im Dezember l.Wl hatte er Beratungen mit seinen
1) Thanns Bericht vom 23. Febr.
2) Vergl. außer P. C. und Traut Kf. an seine Räte März 31, Reg. E. p. 51a,
No. 103 I, Bl. 263, '264, Or. Räte an Kf. April 6, ebenda 302—319. Ldgf. an Kf.
März 26, Or., Kf. an Ldgf. März 31, Konz., Reg. H. p. 452, No. 161.
3) P. C., Traut, P. A. No. 506 und Reg. E. p. 51a, No. 103 I etc.
Digitized by Google
Bund und Reich; Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
317
Räten darüber abgehalten'), und in der Instruktion und einzelnen
Weisungen an seine Vertreter in Speier brachte er seine Wünsche
auch wiederholt zum Ausdruck. Er war da z. B. entschieden
dagegen, daß die Türkenhilfe durch einen gemeinen Pfennig auf-
gebracht würde, da dadurch ein Einblick in das Vermögen der
einzelnen Stände gewährt würde. Er wünschte vielmehr, daß man
die alten Anschläge reformiere oder allenfalls auch diesmal noch
an ihnen festhielte*).
Johann Friedrich wünschte ferner, daß die Hilfe lieber in
Truppen als in Geld geleistet würde. Dabei wirkte wohl das stets
vorhandene Mißtrauen mit, daß das Geld nicht die richtige An-
wendung finden würde. Auch war er nicht dafür, daß die Reichs-
hilfe einfach Ferdinand überlassen würde, sondern verlangte, daß
sie einem vom Reich bestellten Hauptmann anvertraut würde. Für
diesen Posten schien ihm der Landgraf oder Herzog Albrecht von
Preußen geeignet, während er gegen den Kurfürsten von Branden-
burg anfangs große Bedenken hatte wegen seiner militärischen Un-
erfahrenheit und seines geringen Kredits und Ansehens bei den
Soldaten. Später hat er sich aber doch in dessen Ernennung ge-
funden, verlangte nun nur, daß Joachim seine Stellung nicht be-
nutzen dürfe, um sich von der eigenen Hilfsleistung zu befreien ®).
Nach wie vor hielt Johann Friedrich an dem Gedanken fest,
daß eine besondere Behörde im Reich mit dem Mobilmachungs-
und Ersatzgeschäft betraut werden müsse. Hierfür schien ihm ein
Kurfürst als Leiter am geeignetsten, er war wohl nicht abgeneigt,
sich auch selbst dazu gebrauchen zu lassen').
Erörterungen gab es auch noch über die Gültigkeit des Regens-
burger Buches. Sturm hatte den Vorschlag gemacht, daß man den
Gegnern erlauben soUe, die in Regensburg verglichenen .\rtikel zu
halten und zu predigen und im übrigen sich nach dem Regens-
burger Buch zu richten. Der Landgraf eignete sich diese Vorschläge
an und brachte auch in seiner Instruktion für Speier ähnliche
Gedanken zum .Ausdruck, auch die Fortsetzung der religiösen Ver-
gleichsverhandlungen wünschte er. Der Kurfürst dagegen sprach
1) Aufzeichnungen darüber in Reg. E. p. 51a, No. 104 II.
2) Ki. an seine Räte März 19, Reg. E. p. 51a, No. 103 I, Bl. 171 — 175.
3) Nach der Instruktion vom 28. Jan. und 6. Fobr, Kf. an Burchard
Febr. 26, Reg. E. a. a. O., Or.
4) Siehe die vorige Änm.
Digilized by Google
318
Kapitel III.
sich auf Grund eines Gutachtens seiner Theologen entschieden
gegen alle diese Pläne aus, nur mit den von den Theologen dazu
gegebenen Erläuterungen wollte er die Regensburger Vergleichs-
artikel allenfalls zulassen. Demgemäß verfuhren die kursäch-
sischen Gesandten in Regensburg, und es gelang ihnen auch, eine
Beschlußfassung zu Gunsten der Regensburger Artikel zu ver-
hindern*). So ist denn auch in Speier die religiöse Vergleichs-
frage keinen Schritt weiter gekommen. Im Abschied wird sie gar
nicht berührt. Dieser betrifft vor allem die Türkenfrage. Daß er
die Aufbringung der Türkensteuer durch den gemeinen Pfennig
festsetzte, war natürlich nicht im Sinne Johann Friedrichs, doch
war den einzelnen Ständen, die sich schon mit ihren Untertanen
wegen der Türkensteuer verglichen hatten, selbständige Zahlung
erlaubt, und Johann Friedrich hatte ja eine doppelt so hohe Steuer
ausgeschrieben, als der Reichstag vorschrieb. Im übrigen klingen
manche der Beschlüsse an die fiüheren Vorschläge des Kurfürsten
an. So wird ihm die starke Heranziehung der Geistlichen gewiß
sympathisch gewesen sein. Unerwünscht war ihm, daß für die
Besteuerung der Wohnsitz der Steuerpflichtigen, nicht die Lage der
Güter maßgebend sein sollte. Dagegen war einem Wunsche des
Kurfürstenkollegs Rechnung getragen, wenn die Hilfe für zwei
Jahre in eins geschlagen wurde. Auch die Einsetzung von 4 Räten
in Regensburg, um den Verkehr zwischen dem Heere und den
deutschen Reichsständen zu vermitteln, war wenigstens ein Anklang
an die von Johann Friedrich geplante Mobilmachungsbehörde“).
Obgleich der Reichsabschied durch die Deklaration Ferdinands
über den 5-jährigen Frieden etc. ergänzt wurde, war der Kurfürst
mit ihm doch nichts weniger als zufrieden. Außer der Bestimmung
über den gemeinen Pfennig mißfiel ihm die Mitbesteuerung der
Kammergüter, die besondere Veranlagung seiner Bischöfe und
Prälaten, die Veranschlagung der Güter an den Wohnsitzen ihrer
Eigentümer u. dgl. m. Er hat diese Beschwerden zusammengestellt,
als er seine Gesandten für einen Kreistag des obersächsischen
Kreises, der im Mai in Zerbst wegen der Türkenhilfe stattfand,
1) Lenz, II, S. 42. 43 Anm. 2. Instroktion dee Ldgf. für Speier Jan. 12,
Keg. H. p. 401, No. 150; Lenz, II, p. 50, 3; 57, 4; Traut, 8. 4ff. Ldgf. an
Kf. Jon. 17, M. P. C. I, 310 f. Inetruktion dee Kf. vom 28. Jan., die Räte an
Kf. Febr. 24, Reg. E. p. 51a. No. 103 I. 56 ff.
2) Neue Sammlung der Reichsabschiede II, S. 444 ff.
Digilized by Google
Bond und Beich: Die Jahre der Unsicherheit 1542—1546. 319
instruierte. Nach dem Keichsabschied sollte ja die Hilfe nach
Kreisen erfolgen, auch hatte jeder Kreis einen Kriegsrat zu stellen.
Dazu wurde in Zerbst Kunz Gotzmann gewählt. Sonst kam so gut
wie nichts zustande, da alle Stände selbständig ihre Kontingente
sandten und sich Beschlüsse über die Leistungen des Kreises
dadurch erübrigten*).
Auch die kursächsischen Truppen haben im Türkenkriege ein
selbständiges Kontingent gebildet, lieber ihre Schicksale, sowie
überhaupt über den Verlauf des Zuges sind wir durch die zahl-
reichen Berichte von Könneritz, Gotzmann und Wolf Dietrich
von Pfirt an den Kurfürsten gut unterrichtet. Doch brauchen
wir hier darauf nicht näher einzugehen. Die kursächsischen
Truppen zeichneten sich dadurch aus, daß sie gleich auf 3 Monate
besoldet und auch weiterhin gut ausgestattet waien. Der Kurfürst
hatte jedenfalls an den finanziellen Schwierigkeiten, die bald den
Fortgang des Krieges hemmten, keinen Anteil. Zu langen Erörte-
rungen führte eine Aeußerung Agricolas, daß der Kurfürst von
Sachsen als Verbündeter Frankreichs „gut türkisch“ sei. Von Johann
Friedrich wurde das natürlich mit Entrüstung zurückgewiesen,
während Joachim nicht ganz den erwünschten Eifer bei der Unter-
suchung der Frage zeigte.
Wenig zufrieden war man in Sachsen auch mit dem Verlauf
des Krieges und berief schließlich die Truppen eher zurück, als
es Ferdinand erwünscht war*). —
Gewissermaßen als Gegengabe für die Türkenhilfe hatte König
Ferdinand Visitation und Reformation des Kammergerichts durch
einen Visitationstag in Speier versprochen. Diese Frage hatte
auch während des Speierer Reichstages einen der Hauptberatungs-
gegenstände gebildet in den Verhandlungen, die die Bundesstände
1) Ferd. an Kf. April 12, Reg. E. p. 51a, No. 104 II. Äusachreiben des Tages
durch Kf. April 29, ebenda No. 105. Brück an Kf. Mai 16, Reg. H. p. 467,
No. 164, Or. Instruktion des Kf. für den Tag zu Zerbst Mai 18, Reg. E. p. 51a,
No. KB, Kopie. Kf. an seine Räte in Zerbst Mai 20, ebenda, Or. Abschied des
Tages vom 22. Mai, M. P. C. I, 429, 1. Tra u t, S. 88. Bestallung Gotzmanns zum
Kri^rat von dems. Tage, Reg. E. a. a. O., Kopie. Vergl. auch Traut, S. 88 f.
2) Ueber die Korrespondenz des Kurfürsten mit Könneritz etc. vergl. Könne-
ritz, ASG., VIII, 8. 82 ff., weiteres in Reg. B. No. 1639 — 1641. Einzelnes auch
in Loc. 9138 „Allerhand Sendschreiben“, Bl. 21. Brandenburg, I, 8. 211.
213 f. Vergl. auch Meyer in Zeitschr. f. Preuß. Gesch. 1879, 8. 488 ff. Traut,
8. 50 f. 56. 84 f. 117.
Digitized by Google
320
Kapitel III.
unter sich damals pflogen. Nach alter Gewohnheit hatten sie den
Speierer Reichstag zur Abhaltung eines Bundestages benutzt '). Als
Beratungsgegenstände waren zunächst die Fortführung der Haupt-
mannschaft, die weitere Unterhaltung von Rittmeistern und die
Rechnungslegung bestimmt worden *). Außer diesen Punkten kamen
aber auch noch verschiedene der den Reichstag beschäftigenden
.Angelegenheiten zur Besprechung. Die Beschlüsse, die gefaßt
wurden, zeigen, daß nicht gerade sehr große Einigkeit unter den
Verbündeten herrschte. Man tadelte z. B., daß von den Bundes-
hauptleuten mehr Hauptleute und Rittmeister unterhalten w'ürden,
als von der Ordinarianlage bezahlt werden könnten, und bat, das
abzustellen. Seitens der Bundeshauptleute scheint es wieder nicht
an Klagen über die unpünktlichen Zahler gefehlt zu haben, denn
man beschloß, auf dem nächsten Tage, der unmittelbar vor dem
Nürnberger Reichstage stattfinden sollte, davon zu reden, wie
pünktliche Zahlung zu erreichen sei. Ein Gedanke, der noch öfter
zu Debatten geführt hat, war der, daß die „Stimmen“ auf den Bund
und seine Verfassung vereidigt werden und bei Abstimmungen der
Pflichten gegen ihre Oberen entbunden sein sollten. Auch die Be-
ratung über diese TYage wurde auf den nächsten Tag verschoben.
Schon jetzt erklärte man sich prinzipiell mit der Aufnahme
Schwedens in den Bund einverstanden, die weiteren Verhandlungen
über ihre Bedingungen sollten zunächst durch Sachsen und Hessen
geführt werden.
In bezug auf die Visitation und Reformation des Kammer-
gerichts wiederholte man zunächst die Regensburger Beschlüsse,
bestimmte die Stände, die Deputierte zu der Visitation schicken
sollten, und setzte fest, daß die Betreffenden zu vorheriger Be-
ratung am 12. Juni in Speier Zusammenkommen sollten. Würde
die Visitation nicht stattflnden, so sollte miin sich dann über eine
Protestation, oder was man sonst vornehmen wollte, einigen®).
Die Reform des Kammergerichts war eine Frage, mit der sich
die Protestanten schon während des ganzen Winters beschäftigt
1) In Naumburg wurde der Tag beechlosaen. Auaschreiben vom 24. Ott,
P. C. III, 21G.
2) Instruktion für die sächsischen Gesandten vom 28. .Tan. 1542, Beg. E.
p. 51a, No. 103 I, Or.
3) VergL P. C., wenig in P. A. Abschied vom 14. April, Reg. H. p. 401,
No. 150, Or. (Urk. No. 1C21).
Digilized by Google
Band und Beicb: Die Jahre der Unsicherheit 1542—1546. 321
hatten, zahlreiche Gutachten darüber liegen vor‘). Den Stand-
punkt des Kurfürsten kann man etwa aus der Instruktion ent-
nehmen, die er seinen Visitatoren Erasmus von llinckwitz und
Benediktus Pauli am 6. Juni erteilte. Die Reform sollte danach
in einem Personenwechsel und in einer Reform der Kanzlei be-
stehen. Diese sollte dem Kurfürsten von Mainz entzogen und
wieder an das Reich gebracht werden. Der Kurfürst empfahl die
größte Vorsicht, damit das Gericht nicht durch die Reformation
schlimmer werde, als es gewesen sei, denn nachher könne man es
nicht mehr rekusieren. Pfaffen und Geistliche sollten weder als
Beisitzer noch in der Kanzlei zugelassen werden, auch sollte nie-
mand an den Verhandlungen über die Reformation teilnehmen
dürfen, der früher im Kammergericht gew'esen sei. Dadurch wollte
der Kurfürst vor allem den mainzischen Kanzler Jonas ausschließen *).
.A.lles das war nun zunächst vergebliche Mühe, denn durch ein
Gebot des Kaisers vom 7. Mai wurde die Visitation bis zu seiner
Ankunft im Reiche verschoben, weil er fürchtete, daß die Verhand-
lungen darüber zu Uneinigkeiten unter den Reichsstäuden führen
würden*). Am 2. Juni sandte König Ferdinand Schwarzenberg
mit dieser Mitteilung an den Kurfürsten. Dieser war natürlich
wenig erfreut und machte auf die vielleicht auch für die Türken-
hilfe nachteiligen Folgen aufmerksam. Er würde, so erklärte er
dem Gesandten, wenigstens gewünscht haben, daß mit der Ver-
schiebung der Visitation eine Suspension des Kammergerichts
verbunden worden wäre, jetzt würden die Protestanten dieses
den Speierer Beschlüssen gemäß rekusieren müssen*). Dem ent-
sprechende Weisungen sandte dann der Kurfürst auch an seine
Gesandten in Speier, ja er würde sogar nichts dagegen gehabt
haben, wenn man die Visitation trotz des kaiserlichen Mandats
vorgenommen hätte. Jedenfalls waren er sowohl wie der Land-
graf der Meinung, daß man gegen den Aufschub protestieren
und das Gericht jetzt auch in Profansachen rekusieren solle *). Für
1) Ein ganzer Band davon in Reg. H. p. 403, No. 151 A I.
2) Reg. H. p. 403, No. 151 A II, Or.
3) Reg. H. p. 403, No. 151 A II, der Kaiaer an Kf., Or.
4) Instruktion des Kgs. für Schwarzenberg Juni 2, Reg. H. p. 403, No. 151 A
II, Or. Antwort des Kf. ebenda. Ossa erteilte sie im Namen des Kf. am
5. Juni (?), Handelsbach, S. 19.
5) Kf. und Ldgf. an ihre Ges. Juni 11, Reg. H. a. a. O., Or. Seckendorf,
III, S. 385 f.
Beiträge zur neueren Geschichte Thüringens 1, 3. 21
Digilized by Google
322
Kapitel UI.
ein so energisches Vorgehen waren aber die meisten anderen be-
teiligten Stände nicht zu haben.
Man war in Speier schon in die Beratungen über die Visitation
eingetreten, als die Nachricht von der Verschiebung des Tages ein-
traf. Trotzdem wurde die kursächsische RekusationspoUtik nur von
Hessen und Württemberg unterstützt, die städtischen Vertreter
waren gegen die völlige Rekusation, und man beschränkte sich
daher schließlich darauf, die weitere Unterhaltung des Gerichts zu
verweigern und gegen seinen Gerichtszwang zu protestieren, behielt
sich außerdem alles vor, was man durch die früheren Reichsabschiede,
die kaiserliche Deklaration und die königliche Urkunde vom 10. .\pril
gewährt erhalten hatte. Unter sich haben die Protestanten in Speier
auch darüber beraten, ob man sich an neuen Beschlüssen über die
Ansetzung eines Visitatioustermins in Nürnberg überhaupt beteiligen
oder vielmehr darauf bestehen solle, daß die Visitation sofoit in
Nürnberg stattftnde, doch kam es darüber zu keinem Beschluß*). —
Angesetzt war der Nürnberger Reichstag anfänglich, um ge-
wisse Punkte zu erledigen, die auf dem Speierer Tage unentschieden
geblieben waren, vor allem die Verringerung der Anschläge, den
Erlaß einer Münz- und einer Polizeiordnung und die Einrichtung
des Winterlagers im Türkenkiiege*). Diese Dinge wurden aber
in Wirklichkeit durch neu aufgetanchte Sachen ganz in den Hinter-
grund gedrängt. Ferdinand hatte über Mangelhaftigkeit der Türken-
hilfe zu klagen und sah sich genötigt, um Mittel dagegen zu
bitten, und vor allem war alles erfüllt von dem Beginn des Brauu-
schweiger Krieges. Da dies Ereignis den Gang der Verhandlungen
in erster Linie beeinflußt hat, wollen wü' zunächst seiner Ent-
stehung nachgeheu.
Wir sahen, daß der Kurfürst und Herzog Moritz gegen den
Willen des Landgrafen eine Verschiebung des braunschweigischen
Unternehmens bis nach dem Speierer Reichstage durchgesetzt hatten.
Die dadurch gewonnene Pause wurde von mehreren Seiten zu Ver-
mittlungsversuchen benutzt, vor allem trat zu der bayrischen Ver-
mittlung eine solche König Ferdinands“). Er sandte im Februar
1) Berichte des Minckwitz und Paulis in Reg. H. p. 403, No. 161 I. II;
P. C. III, 271 und Aum. 4. Die Protestation Reg. H. ebenda II. Der Abschied
Reg. H. p. 404, No. 151 A», ürk. vom 26. Juni (No. 1623).
2) Neue Sammlung der Reichsabschiede, II, 453, § 45; 465, § 130.
3) Eine jülichschc Vermittlung wies der Kf. entschieden zurück. Instruktion
für Planitz an Hz. Wilhelm 1542 März 5, Reg. C. No. 874, BL .52 — 62, Or.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542—1546.
323
ZU diesem Zwecke Dr. Kneller an den Kurfürsten und den Land-
grafen. Am 14. März finden wir ihn beim I.andgrafen, am 25. beim
Kurfürsten. Der König empfahl gütliche Beilegung des Streites
und ernannte zu diesem Zweck die Kurfürsten von Trier und von
der Pfalz zu Kommissaren. Wenn diese nicht alles erledigen
könnten, wollte er sich auch selbst mit der Verhandlung beladen.
Beide Fürsten erklärten, erst nach Beratung mit ihren Bundes-
genossen antworten zu können, beide waren wohl auch darin einig,
daß sie nur zum Schein auf die Verhandlungen eingehen, dabei
aber doch nicht den Unglimpf der ünfriedlichkeit auf sich laden
wollten. Der Kurfürst hofite dies Ziel dadurch zu erreichen, daß
man Bedingungen stellte, die sowohl für Heinrich wie für den König
und die Kommissare unannehmbar seien und die diese daher ab-
schlagen müßten. Der Landgraf legte vor allem Wert darauf, daß
die Städte Braunschweig und Goslar bei den Verhandlungen zuge-
zogen würden, und daß vorher das Verhör der Zeugen, die er gegen
den Herzog habe, erfolgen müsse. Diese letzte Forderung finden
wir dann auch in der .-Antwort, die die beiden Fürsten dem Könige
am 30. April erteilten '). Sie kam zu.stande bei der Zusammenkunft,
die der Kurfürst und der Landgraf Ende April in Weimar hielten.
Die Anwesenheit des Landgrafen in Sachsen gelegentlich des
Wurzener Streites gab ja natürlich Gelegenheit, auch über die
braunschweigische Sache zu .sprechen. Zunächst wurde Moritzens
Hilfsverpflichtung hier genau geregelt*). Daran schloß sich dann
eine Beratung zwischen dem Kurfürsten und dem Landgrafen in
Grimma. Von kursächsischer Seite wurden dabei zunächst nur
Ponikau und Brück zugezogen, dann erst wurden die anderen Räte
(Mila, Dölzig, Ossa) eingeweiht. Der Kanzler Ossa war stets gegen
den Plan, auch Brück und Ponikau hatten für jetzt Bedenken. Der
Kurfürst ließ sich dadurch bestimmen. Brück mit der .Abfassung
eines neuen Gutachtens über die Sache zu beauftragen*).
1) Kredenz und Instruktion für Kneller vom 22. Februar, R^. H. p. 225,
No. ICß I. Antwort des Ldgf. vom 14. März ebenda, des Kfen. vom 25. März
ebenda und Reg. E. p. 51a, No. 103 I, Bl. 241 ff.; Ossa, Handelsbuch, S. 8.
Ldgf. an Kf. Febr. 26, Kf. an Ldgf. März 8, Reg. H. p. 452, No. 161. Ldgf.
an Kf. März 14, ebenda, Or. Kf. und Ldgf. an Kg. Ferdinand April 30, Reg. H.
p. 225, No. 102 I, Kopie.
2) M. P. C. I, 412 f.
3) Ossa, S. 12/13. Langen n , S. 36. I ss leib. Der braunschw. Krieg, S. 3.
21*
Digilized by Google
324
Kapitel III.
Als der Landgraf daun Ende April aus Dresden zurückkehlte,
fanden neue Verliandlungen in Torgau statt. Brück, Mila und
Ponikau nahmen von kursächsischer, Feige, Malsburg und Hundels-
hausen von hessischer Seite daran teil, Dölzig und Ossa wurden erst
nachträglich gerufen und über die gefaßten Beschlüsse unterrichtet.
Man verabredete nämlich, in bezug auf Goslar den Speierischen
Abschied zur Ausführung zu bringen. Braunschweig wollte mau zu
Margarete die in Naumburg festgesetzte Hilfe senden. Man war
auf Gegeumaßregelu Heinrichs gefaßt und beschloß darum gleich,
alle Kriegsräte auf den 20. Juli nach Eisenach zu berufen ‘).
Bei dieser Gelegenheit ist dann auch das Schreiben au den
König vom 30. April zustande gekommen. Ferdinand ging in
seiner Antwort vom 10. Mai auf die Wünsche der beiden Fürsten
ein, bat sie nur, die Vermittlung der Kurfürsten von Trier und von
der Pfalz sofort vor sich gehen zu lassen und das Resultat des
Zeugenverhörs abzuwarten, ehe sie weitere Schritte täten ®). Dieses
Verhör haben die Kommissare am 22. Mai vorgenommen. Die
Gesandten Herzog Heinrichs appellierten darauf an den Kaiser
und das Kammergericht, was die Kommissare für unzulässig er-
kläiteu*). Auch sonst wurde deu beiden protestantischen Fürsten
ihr Vorgehen durch das Verhalten des Herzogs erleichtert. Es
fiel ihm z. B. gar nicht ein, sich in bezug auf die Goslarsche Acht
nach den Versprechungen, die Ferdinand in Speier gegeben hatte,
zu richten. Auch der Kurfürst war demgegenüber der Meinung,
daß man nun „das Hauptwerk“ vornehmen müsse. Er empfahl dem
Vetter Berufung der Kriegsräte schon auf .\nfang Juli und eine
Zusammenkunft zwischen ihnen selbst am 18. Juni, um die letzten
Verabredungen zu treften*). Tatsächlich finden wir den Land-
grafen am 18. und den folgenden Tagen in Weimar. Sclion vorher
aber, am 12. Juni antworteten die beiden Fürsten auf Ferdinands
Brief vom 10. Mai. Sie erklärten hier, daß sie sich wegen der
Schmähungen Herzog Heinrichs nicht „im AVinkel“ mit ihm vertragen
1) Ossa, S. 15. Langenn, S. 38. Der Vertrag ist datiert do. n. miseric.
d“i den 28. [!] April. VVeim. Arch. Urk. No. 1659, Or. .Akten über die vorher-
gehenden Verhandlungen Reg. H. p. 711, DD.
2) R^. H. p. 225, No. 102 I, Kopie.
3) Bericht über das Zeugenverhör vom 22. Mai, vom Ldgf. mit Brief vom
29. an Kf. gesandt, Reg. H. p. 452, No. 161.
4) An Ijdgf. Juni 4, Reg. H., ebenda, Konz., ür. in P. A. Sachsen, Emesti-
nische Linie, 1542.
Digitized by Google
Bund und Reich : Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
325
lassen könnten, sondern seine Untaten ans Licht bringen müßten.
Doch würden sie wegen dieser Schmähungen noch keinen Krieg
gegen ihn anfangen; da er aber trotz des kaiserlichen Friedens
noch immer die Städte Goslar und Braunschweig bedränge, nötige
er sie, zu deren Verteidigung aufzutreten '). Noch entschiedener
sprachen sie das in einem zweiten Briefe vom 25. Juni aus>), be-
gannen nun auch schon energisch mit den militärischen Vorbe-
reitungen. Alle Kriegshauptleute wurden in Weimai- versammelt
und von dort ausgeschickt, um Volk zu werben®). Der Herzog
von Jülich wurde durch Georg v. d. Planitz gebeten, den Ver-
bündeten Eittmeister zu überlassen; auch Wilhelm von Nassau
diente als Vermittler zwischen den Fürsten und den Militärs <).
Zum Schutze der beiden Städte wurde einstweilen Bernhard von
Mila mit etlichen Reitern und Knechten abgefertigt®). Durch
Ausschreiben , die an protestantische sowohl wie katholische
Fürsten versandt wurden, suchte man die öffentliche Meinung auf
seine Seite zu bringen, auch irgendwelche Unterstützung des
Herzogs zu hindern®). Vor allem bestand dabei stets das Bestreben,
das braunschweigische Unternehmen als eine Buudessache erscheinen
zu lassen. So erging am 13. Juni eine Aufforderung an die ein-
zelnen Bundesstände zur Unterstützung der bedrohten Städte, und
die Kriegsräte wurden auf den 8. Juli nach Eisenach berufen, ja
von Weimar aus sandten die Bundeshäupter den Amtmann Johann
Nordeck nach Straßburg, um gleich den ersten Doppelmonat zur
Bundesanlage zu erheben Gerade bei den oberländischen Städten
war allerdings die Neigung, an dem Unternehmen irgendwie teil-
1) Reg. H. p. 225, No. 102 I, Kopie.
2) Ebeoda, Kopie. Ferdinand machte gelegentlich der Sendung Wilhelms
von Schwarzenberg am 30. Juni noch einen Versuch, die beiden Fürsten aus
Rücksicht auf die Türkengefahr von ihrem Unternehmen abzuhalten, hatte aber
keinen Erfolg damit. Reg. H. p. 463, No. 163. Antwort des Kf. an Schwarzen-
berg vom ir>. Juli, ebenda.
3) Ldgf. an Kf. Juni 10, Reg. H. p. 452, No. 161, Or.; Ossa, 8. 19;
Langenn, 8. 38 f. Akten in Reg. H. p. 711 DD; p. 723 FF.
4) Instruktion des Kf. für Planitz Juni 22, Reg. C. No. 875, Bl. 4 — 12, Or.;
Heidrich, S. 68. Planitz an Kf. Juni 25, Reg. C. No. 875, Bl. 18 — 26; Below,
I, S. 412.
5) P. C. ril, 268 f.
6) Ldgf. an Kf. Juni 13, Reg. H. p. 452, No. 161, Or., undatierter Zettel
[ca. Juli], Reg. H. p. 348, No. 136, Or.
7) P. C. III, 269, 3.
Digitized by Google
326
Kapitel III.
zunehmen , sehr geling. Besonders auf einem Städtetage Ln
Ulm trat diese Abneigung zutage, doch zahlte man schließlich
28000 11. Unterstützung und beschickte wenigstens zum Teil auch
die Bundesvei’sammlungen, die wegen der braunschweigischen
Sache noch stattfanden*).
Zunächst handelte es sich da um die auf den 8. Juli angesetzte
Versammlung der Kiiegsräte. Eigentlich hätte hier erst über die
Ausführung oder Nichtsausführung des Unternehmens Beschluß ge-
faßt werden müssen. Es erschienen aber so wenige Kriegsräte, daß
an eine Beschlußfassung überhaupt nicht zu denken war, auch hatten
der Kurfürst und der Landgraf nicht die Absicht, die Ausführung
noch von einer solchen abhängig zu machen. Es handelte sich nicht
mehr um das Ob, nur noch um das Wie*). Die beiden Fürsten
trafen hier die letzten militärischen und politischen Vorbereitungen*);
als Termin des Auszuges wurde der 22. Juli festgesetzt, am 13. er-
ging der Fehdebrief an den Herzog, am 17. wurde eine ausführliche
Rechtfertigung des Zuges versandt*). .Auch den anderen Bundes-
ständen machte man am 14. Juli von dem bevorstehenden Beginn des
Zuges einfach Mitteilung, verlangte Erlegung des zweiten Doppel-
mouats und berief sie auf den 20. .August zu einer Beratung nach
Güttingen*). Diesen Beschlüssen haben sich dann später auch die
Kriegsräte angeschlossen. Zugleich in ihrem Namen erging am
5. August eine zweite Einladung. Erneut wurde hier um die Er-
legung des zweiten Doppelmonats gebeten, auch bemühten sich die
Fürsten, ihr schnelles Vorgehen zu rechtfertigen®). Die ober-
deutschen Städte haben darauf wieder einen Städtetag in Ulm ab-
gehalten, aber nur die zweite Hälfte des ersten Doppelmonats ge-
schickt, da sie den zweiten selbst zu brauchen behaupteten. Der
Göttinger Tag wurde wenigstens durch Straßburg beschickt, das
zwar auch möglichst billig davonzukommen suchte, aber doch
1) P. C. III, 275. 277 f.
2) Ossa, S. 21/22. Lena, II, 8, 97, 2.
3) Akten darüber P. A. No. 618. 619; Reg. H. p. 711 DD. Von Wichtig-
keit die Vergleichung zwischen den beiden Fürsten über die Führung im Kriege
(Hortleder, I, 2, 8. 773 tf.). Die Ankunft der Kriegsräte erwartete man nicht.
Den Kf. finden wir auch mit Verhandlungen mit seinen Landständen beschäftigt.
Diese hatten z. B. Bedenken dagegen, daß er persönlich mitziehen wollte. Reg. H.
p. 723 FF.
4) Hortleder, I, 2, 8. 777 ff. 792ff.
5) P. C. III, 283 f.
6) Ebenda 290 f.
Digilized by Google
Bund und Kuicb: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
327
auch die Fürsten nicht ganz im Stich lassen wollte'). Die Ver-
sammlung ist dann später nach Braunschweig verlegt worden. Als
sie stattfand, war das Unteniehmen schon im wesentlichen beendet.
Der Feldzug hatte sich ja als außerordentlich leicht erwiesen. Der
Kurfürst nahm selbst teil, brachte 13 Fähnlein ober- und nieder-
ländischer Knechte und 2000 Reiter mit*). Er soll auch gute
Mannszucht gehalten haben, überhaupt wird die Haltung der pro-
testantischen Truppen von manchen Seiten gerühmt*). Die mili-
tärische Aktion bestand in erster Linie in Festungsbelagerungen.
Bei der von Wolfenbüttel, der Hauptaufgabe, soll der Kurfürst
nach Liedern, die in jener Zeit entstanden, persönlich Anteil ge-
nommen und sich durch seine Kaltblütigkeit, aber auch Versöhnlich-
keit Verdienste erworben haben'). Sowie auch nur ein Teil des
Landes besetzt war, begann er mit der Einführung der Reformation *).
Da die Verbündeten für das Unternehmen, das so geringe
Schwierigkeiten bot, verhältnismäßig große Truppenmassen auf-
geboten hatten, entstanden vielfach Befürchtungen, daß sie weitere
Pläne hätten, daß etwa der Kurfürst auch gleich an Albrecht
von Mainz sein Mütchen kühlen wolle*). Tatsächlich hatte Johann
Friedrich ja früher solche Pläne gehabt, damals scheint er aber
doch gegen eine Fortsetzung des Krieges gewesen zu sein’). Und
besonders als dann die Aktion des Reichstages einsetzte, wurde
eine solche ganz unmöglich.
Es war begi’eiflich, daß der erste kriegerische Zusammenstoß
zwischen führenden Angehörigen der beiden Religionsparteien im
Reiche ein gewaltiges Aufsehen hervorrief und die mannigfaltigsten
Befürchtungen erweckte. Noch stand man mitten im Türkenkriege,
und auch das Zusammenfallen des braunschweigischen Unter-
nehmens mit dem Reichstag widersprach allen Traditionen. Selbst-
verständlich suchte der Herzog den Vorgang aufs ki’äftigste gegen
seine Gegner auszunutzeu, während andererseits auch diese ihr
D P. C. m, 289 f. 291. 294 f.
2) Schertlin, S.22f. lieber den Krieg vergl. Heinemann, II, g.360ff.
3) Duller, 8.40; Koldewey, ZHVNieders., 1868, 8. 298, weniger gfinetig
Koldewey, 8. 57.
4) Liliencron, IV, 8. 193.
5) Koldewey, ZHVNiedcrs., 1868, 8. 258f. 287. Heinemann, U,
8. 364 ff. Akten in Reg. H. p. 408, No. 152.
6) M. P. C. I, 468, 1. Bt. P. IX (1849), 98 ff.
7) Mel. an Camerarius Aug. 21, C. R. IV, 856.
Digilized by Google
328
Kapitel III.
möglichstes taten, um die Notwendigkeit ihres Unternehmens nach-
zuweisen und den Reichsständen jede Furcht davor, daß sie weitere
Pläne hätten, zu nehmen. Wie die Lage damals war, war nun
aber auch für den König und die Stände irgend ein scharfes Auf-
ti'eten gegen die Schmalkaldener unmöglich. Man mußte jeden
Konflikt mit diesen zu vermeiden suchen, und da bot sich denn
eine Gesandtschaft an die Kriegführenden und eine Vermittlung
als der geeignetste Ausweg. Unmittelbar nach der am 21. Juli
erfolgten Eröffnung des Reichstages, schon am 23. Juli, wurde die
Gesandtschaft an den Kurfürsten und den Landgrafen beschlossen,
ihre Abreise verzögerte sich aber bis zum Ende des Monats. Aus
Graf Niklas von Salm, Friedrich von Fürstenberg und Dr. Vogt
setzte sie sich zusammen, am 5. August richtete sie ihre Werbung
bei den kriegführenden Fürsten aus, doch wagte sie nicht in vollem
Maße von ihren Aufträgen Gebrauch zu machen, hielt es auch für
besser, die scharfen Mandate, die ihr mitgegeben waren, gar nicht
zu überreichen, da der Krieg bei ihrem Eintreffen schon fast be-
endet war und sie sich davon überzeugte, daß die Fürsten sonst
niemand Schaden zu tun beabsichtigten. In Nürnberg hat man
sich dann auch mit ihrem Verfahren einverstanden erklärt*).
Auf dem Reichstag selbst waren trotz der Sendung der Ge-
sandtschaft die Verhandlungen über die braunschweigische Sache
weitergegangen. Die kursächsischen Abgeordneten verteilten auf
Befehl ihres Herrn das Ausschreiben gegen den Herzog und glaubten
eine günstige Wirkung davon wahrzunehmen*). Aber auch Hein-
rich wai- nicht untätig, sein Kanzler übergab am 6. August eine
schriftliche Instruktion, Eberhard v. d. Thann antwortete jedoch
1) Die Räte an Kf. Juli 23, Reg. E. p. 52, No. 107 I, Bl. 57 f., Konz. Kf.
an die Räte Aug. 5, ebenda Bl. 180 — 183, Or. Thann und Minckwitz an Kf.
Aug. 5, R^. H. p. 421, No. 154, II, Or., ebenda „ungefährlicher Inhalt des
Berichts, den die Gesandten aus dem Lager dem Rt. sandten“; P. C. III, 290 f.
294. Kf. an Brück Aug. 13. Reg. H. p. 421, No. 154, II, Or. Nach ihrer In-
struktion sollten die Gesandten erklären, daß das Unternehmen die Türkenhilfe
hemme und Aufruhr und Empörung im Reich errege, dafi es dem Landfrieden,
dem Regensburger Abschied und allen Reichsordnungen zuwider sei. Sie sollten
dann gütliche Beilegung des Streites versuchen und, wenn alle Bemühungen in
dieser Einsicht vergeblich seien, die Mandate verteilen. Alles das kam nicht zur
Ausführung. Die Räte an Kf. Aug. 20, Reg. E. p. 52, No. 107, Bl. 241. Vergl.
auch Seckendorf, III, 8. 386 f. Ossa, S. 24 f.
2) Instruktion des Kf. für seine Räte Juli 24, Reg. E. p. 52, No. 107 I,
BL 73—87, Or. Thann und Minkwitz an Kf. Aug. 1, ebenda p. 51a, No. 101, II.
Digilized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546. 329
sofort unter Wiederholung des sächsisch-hessischen Ausschreibens.
Die Stände beschlossen, die Sache zu überlegen, auch die Einungs-
verwandten unter sich berieten am 7. August darüber, schoben
aber Sachsen und Hessen die Verantwortung zu. Diese ist am
12. August fertig geworden und zugleich im Namen der anderen
Buudesstände überreicht worden, natürlich wurde das Unternehmen
darin als eine Handlung der Notwehr zur Rettung Goslars und
Braunschweigs dargestellt *).
Durch die Reichstagsgesandtschaft an sie wurden der Kur-
fürst und der Landgraf veranlaßt, ihren Vertretern in Nürnberg
neue Befehle in der braunschweigischen Sache zu erteilen. Auch
hier wurde betont, daß das Unternehmen eine durchaus recht-
mäßige Defension gewesen sei. Die Fürsten erklärten sich ferner
bereit, sich zu verantworten, auch ihre Rüstungen zergehen zu
lassen, wenn sie vom König, den kaiserlichen Kommissaren und
den Reichsständen eine Versicherung erhielten, daß niemand sich
des Herzogs von Braunschweig annehmen werde. Erlangten sie
keinen beständigen Flieden, sondern müßten sie befürchten, daß
jemand für den Braunschweiger eintrete, so würden sie sich zur
Wehr setzen *). Die Gesandten führten diesen Befehl am 19. August
aus, erhielten zunächst aber keine .Antwort®). Inzwischen ließ der
Herzog eine neue Eingabe gegen seine beiden Gegner überreichen,
in der er jede Feindseligkeit nach dem Regensburger Abschied
leugnete, auch behauptete, nicht gerüstet zu habeu. Die Vertreter
Hessens und Sachsens bemühten sich in ihrer Replik, das Gegen-
teil zu beweisen ♦). Erst am 24. erhielten sie dann eine .Antwort
auf ihre neue Forderung, bestehend in einer mündlichen Friedens-
versicherung. Auf weiteres Anhalten erklärten sich der König und
die kaiserlichen Kommissare auch zu einer schriftlichen Assekuration
bereit, während die Stände keinen Befehl dazu zu haben erklärten.
Die Gesandten und ebenso ihre Herren mußten sich schließlich
damit zufrieden geben ®).
1) Die ües. an den Kf. Aug. 7, Reg. E. p. 52, No. 107, Bl. 199-203, Or.,
Ang. 12, Bl. 218-225, Kopie. P. C. III, 296«.
2) Aug. 14, Instruktion für die sächsischen und hessischen Räte, Reg. H.
p. 421, No. 154 II, Konz, und Or.
3) Die Ges. an Kf. Aug. 20, Reg. E. p. 52, No. 107, Bl. 241; P. C. III, 306.
4) Beide Stücke in Reg. II. p. 421, No. 154 II.
5) Hortleder, I, 2, S. 806; P. C. III, 307. Die Räte an Kf. und Ldgf.
Aug. 24. 25, Reg. E. p. 52, No. 107, Bl. 255—258. 264/265 ; an Kf. allein Aug. 24,
Digilized by Google
330
Kapitel III.
Auf den Gang der übrigen Reiclistagsverhandlungen ist die
braunschweigische Sache höchstens insofern von Einfluß gewesen,
als der Kurfürst hier und da Neigung zu größerem Entgegenkommen
in der Frage der Türkenhilfe zeigte, um sidi nicht den Vorwurf
zuzuziehen, daß der braunschweigische Feldzug diese hemme.
Ferdinand hatte auch schon durch Schwai-zenberg über die
Mangelhaftigkeit der Türkenhilfe klagen und den Kurfürsten eben
deswegen dringend bitten lassen, den Reichstag persönlich zu be-
suchen. Daran war nun natürlich nicht zu denken. Ausführlicher
hat dann der König in seiner Proposition die Notwendigkeit einer
Fortsetzung der Expedition und weiteren Unterhaltung des Kriegs-
volks darlegen lassen. Er selbst hatte schon 30000 fl. vorgeschossen
und bat, daß man schleunigst das Geld für die weitere Unterhaltung
der Armee aufbringe. Ferner müsse man über einen neuen „ge-
waltigen“ Zuzug reden, da ein großer Angriff des Sultans drohen
solle, endlich von der Unterhaltung des Winterlagers').
Gegenüber diesen neuen Forderungen haben die sächsischen
Gesandten zunächst, da sie ihre Insti uktion noch nicht hatten, eine
hinhaltende Politik verfolgt ; auch als jene eingetioft'en war, war es
aber für sie unmöglich, dem Beschluß der übrigen Stände vom
2. August*), der auf die Bewilligung der Hälfte der vorigen Hilfe
hiuauslief, zuzustimmen, da sie nichts bewilligen durften ohne die
Genehmigung des Kurfürsten®). Dessen Entscheidung fiel dann
gegen eine neue Bewilligung aus, dagegen erboten sich Sachsen
und Hessen, ihr nach der Beendigung des braunschweigischen
Kiieges frei werdendes Kriegsvolk auf Reichskosten gegen die
Türken zu schicken, wenn sie wegen der braunschweigischen Ex-
jtedition unangefochten blieben'). Die Reichsversammlung lehnte
dies .\nerbieten zwar ab, überließ es aber den einzelnen Kreisen,
davon Gebrauch zu machen®). Doch ist auch das schließlich nicht
ebenda Bl. 2G1— 263, Or. Kf. und Ldgf. an die Räte Aug. 29, ebenda Bl. 253
—2.54, Or.
1) Die Propoeition vom 24. Juli in Reg. E. p. 52, No. 107 I, BL 118—130.
Vergl. Traut, S. 62.
2) Traut, S. 62f. P. C. Ill, 292. Die Städte nahmen nicht an dem Be-
echluQ teil, befanden sich überhaupt während des ganzen Reichstages in Opposition.
3) Die Gesandten an den Kf. Aug. 2, R^. E. a. a. O. Bl. 166, Or. j P. C. HI,
293. Traut, S. 64.
4) Kf. an die Räte Aug. 5, Reg. E. a. a. 0. Bl. 180 — 183, Or.; P. C. lU, 297.
5) P. C. lll, 299, 1. Ges. an Kf. Aug. 17, Rt«. E. a. a. O. Bl. 333.
Digitized by Google
Band und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
331
geschehen *). Dieses Anerbieten konnte natürlich aber nicht als
Ersatz für die Türkenhilfe gelten. Hier war der Standpunkt des
Kurfürsten der, daß das an der vorigen Hilfe Fehlende, also auch
die vom König vorgeschossenen 30000 fl., von denen bezahlt werden
müßten, die im Rückstände seien. Der neue gewaltige Zuzug
durfte seiner Meinung nach nicht den Xächstgesessenen aufgebürdet
wei den. Ein praktischer Weg schien ihm eben in der Uebernahme
der sächsisch-hessischen Truppen zu liegen“).
Auf dem Reichstage gewann nun aber gerade der Gedanke,
daß die nächstgelegenen Kreise den Zuzug leisten müßten, Boden *).
Jedenfalls stimmte Sachsen mit dem Beschluß, der schließlich in
den Reicbsabschied kam, durchaus nicht überein und protestierte
zusammen mit Trier, Hessen und allen Städten gegen die neue
Anlage <).
-■Vußer den Beschlüssen in der braunschweigischen Angelegen-
heit und in der Frage der Türkenhilfe hat der Nürnberger
Reichstag kaum irgend etwas zustande gebracht Der König
hatte von vornherein die Erledigung der anderen Angelegenheiten,
wie der Verringerung der Anschläge, gleichmäßiger Münze, Besse-
rung, Reformation und Ordnung guter Polizei, überhaupt das, was
durch den Speierer Reichstag nach Nürnberg verwiesen war,
hinter die Erledigung der Türkenhilfsfrage verlegt. Die Städte
legten nun aber gerade auf die Erneuerung der Anschläge den
höchsten Wert und wurden dadurch zur Opposition getrieben. Dem
Kurfürsten andererseits kam es vor allem auf die Reformation und
Visitation des Kammergerichts an. In seiner Instruktion hob er
hervor, daß man diese Sache benutzen müsse, um eine Verhandlung
nach Religionsparteien und nicht nach Kollegien zu bewirken, ein
Wunsch, den die Gesandten nicht ausfüliren konnten. Er wünschte
ferner, daß die Protestanten in dieser Frage eine gemeinsame
Politik verfolgten. Er glaubte überhaupt, daß man sich die Nicht-
reformation des Kammergerichts möglichst zu nutze machen solle,
man könne nun den Speierer Abschied als aufgehoben betrachten,
könne unerwünschte Beschlüsse ablehnen etc. Der Kurfürst wai-
1) Kf. und Ldgf. an ihre Räte Aug. 29, Reg. E. p. 52, No. 107, BL 253,254, Or.
2) Brief an seine Räte vom 5. Aug.
3) Die Räte an Kf. Aug. 17, ebenda BL 333.
4) Bericht Thanns über den RL, dem Kf. am 22. Okt. übersandt. Reg. K.
a. a. ü. BL 339-340.
Digilized by Google
332
Kapitel III.
nicht dafür, daß man sich auf einen neuen Visitationstag einlasse,
ebensowenig aber billigte er die Vornahme der Reformation in
Nürnberg. Sein Gedanke war, daß man protestantischerseits über
die Rekusation beraten, wenn auch noch nicht Beschluß fassen
müsse ‘).
Tatsächlich ist es nun in Nürnberg nur unter den Protestanten
für sich zu Besprechungen über das Kammergericht gekommen.
Man beschloß von neuem, nichts mehr für das Gericht zu leisten.
Würde dann der kaiserliche Fiskal Prozesse gegen einzelne
Stände deswegen vornehmen, so sollten diese auf Grund der könig-
lichen Urkunde und der anderen bisherigen Handlungen Einrede
(Exzeption) erheben. Würde diese vom Kammergericht nicht aner-
kannt, so sollten die Betreffenden die Rekusation vornehmen.
Sachsen und Hessen sollten für Exzeption und Rekusation gleich-
förmige Formeln festst eUen lassen und einen ihrer Gelehrten da-
mit nach Speier schicken, damit sich die betreffenden Stände bei
ihm unterrichten könnten. Ueber die Rekusation in allen Sachen
wurde ein Beschluß noch aufgeschoben, Sachsen und Hessen wurden
beauftragt, noch vor dem Nürnberger Tage einen Tag anzusetzen,
um diese Sache endlich zu erledigen. .\uf diesem Tage sollten sie
entweder beide oder einer von ihnen persönlich erscheinen oder
ihre trefflichsten Räte schicken*).
In Bundesangelegenheiten ist sonst offenbar nichts beschlossen
worden, der Tag zu Braunschweig stand ja vor der Tür. Versuche
Ferdinands, die Städte von den Fürsten zu trennen, mißglückten ®).
Nicht von der Stelle kam in Nürnberg die Wahlsache. Die
im Januar verabredete Verhandlung hatte ja hier stattfinden sollen.
Noch am 11. Juni ließ der König dem Kurfürsten mitteilen, daß
man die Sache werde verschieben müssen, da er und Hofmann nicht
kommen könnten. Am .30. änderte er aber seine .Absichten und ließ
nun durch Schwarzenberg den Kurfürsten dringend auffordern, zu
kommen, da er, Hofmann und Naves zugegen sein würden*). Ein
1) Nach der Inetruktion vom 24. Juli.
2) P. C. III, 8. 309, No. 296, Aug. 27. Der Beschluß wohl in Reg. H.
p. 421, No. 154 II, falls nicht nach 8]>cier in den Juni gehörig.
3) Die Ges. an Kf. Aug. 12, Reg. E. p. 52, No. 107, Bl. 218—225; P. C.
III, 300 ff.
4) Instruktion des Königs für Schwarzenberg vom 2. Juni, Reg. H. p. 403,
No. 151 A. II. Hofmann an Kf., Loc. 10674 „zweites Buch, Handlung zwischen . . .*
Digitized by Google
Bund und Reich; Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546. 33.3
Kommen Johann Friediichs war natürlich damals unmöglich, er
erbot sich aber, eine stattliche, genügend instruierte Gesandtschaft
zu schicken. Dazu wurde es daun aber doch zu spät, da Ferdinand
sich nicht lange in Nürnberg aufh.alten wollte. Der König versprach
aber, die Handlung noch vor Ausgang des bewilligten Anstandes
zur Vergleichung zu biingen. Erst auf dem zweiten Nürnberger
Reichstag ist es wieder zu ernstlichen Verhandlungen gekommen. —
Die Zeit bis zu diesem steht vor allem noch unter dem
Einfluß der Braunschweiger Unternehmung und des Verhältnisses
der Protestanten zum Kammergericht. Ja, beides trat in engste
Verbindung miteinander, da das Gericht sich an die vom König
gewährte hYiedensassekuration nicht kehrte und sowohl gegen den
Kuifürtten wie gegen den Landgrafen vorzugehen wagte *). Für
diese kam es jetzt darauf an, zu bewirken, daß die übrigen Bundes-
stäude in der braunschweigischen Sache mit ihnen zusammen-
hielten und ferner Beschlüsse über das künftige Geschick des er-
oberten Landes zu fassen. Beiden Aufgaben war schon der
Braunschweiger Bundestag im August und September gewidmet.
Es gelang hier, die anwesenden Bundesstände dahin zu bringen,
daß sie sich mit dem Verfahren der Hauptleute einverstanden er-
klärten, auch den zweiten Doppelmonat bewilligten. Sie waren
bereit, die Sache als Bundessache zu betrachten, sie auch gegen-
über Kaiser, König, Kammergericht u. s. w. gemeinsam mit den
beiden Fürsten zu vertreten. Dagegen gelang es nicht, auch über
die künftigen Schicksale des Landes eine gemeinsame Beschluß-
fassung zu erzielen, da die meisten Stände darüber nicht instruiert
waren. .\uf einem neuen Bundestage, der kurz vor dem Reichs-
tage in Nürnberg stattfinden sollte, sollte darüber beraten werden,
einstweilen überließ man diese Dinge den Hauptleuten und Kriegs-
räten. Auch über die Erstattung der Kosten des Braunschweiger
Zuges, um die die Hauptleute dringend baten, da sie sich ganz
Or. Instruktion des Königs für Schwarzenberg Juni 30, Reg. H. p. 463, Ko. 163.
Antwort des Kf. vom 15. Juli, ebenda. Kf. an Ferd. Juli 21, Reg. E. p. 52,
Ko. 107 I, Bl. 54/55. Ferd. an Kf. Juli 27, Loc. 10674 a. a. O., Or.
1) Kf. an Brück Sept. 11, Loc. 9655 ,Des Kfen. zu Sachsen . . .“, Bl. 11.
lidgf. an Kf. Okt. 6, Reg. H. p. 456, No. 162, Or. Das Mandat des Kammer-
gerichts an den Kf. vom 13. Sept. wurde diesem am 5. Okt. übergeben, der Kf.
ließ am 7. Okt. feierlichst dagegen protestieren. Nolariatsinstrument darüber
Weim. Arch. ürk. No. 1668. Or. des Mandats in Reg. H. p. 797 VV.
Digitized by Google
334
Kapitel III.
von Mitteln entblößt hätten, war ein Beschluß noch nicht möglich.
Man beschloß wohl, daß jeder Stand sich einstweilen mit dem
dritten Doppelmonat gefaßt machen und Vorbereitungen für den
4.-6. treffen solle, wegen der Kosten des Zuges aber wollte man
erst auf dem nächsten Tage die Rechnung hören, einstweilen sollten
Abschriften davon nach Frankfuil und Braunschweig geschickt
werden, damit sich die einzelnen Stände dort darüber unterrichten
könnten ‘).
Tatsächlich sind ja dann in diesen Braunschweiger Tagen schon
eine ganze Reihe von Schritten geschehen, die das künftige Ge-
schick des gewonnenen Gebietes betrafen: die Landstände wurden
berufen, ihre Huldigung wurde entgegengenommen*), Statthalter
und Räte, die die Venvaltung des Landes einstweilen führen sollten,
wurden vereidigt. Ueberhaupt richteten der Kurfürst und der
I.,andgraf eine provisorische Regierung im Lande ein®), dessen
üeberführung zur Reformation wurde damit verbunden ‘). Mit dem
Stift sowohl wie der Stadt Hildesheim trat man in Verbindung,
und die letztere schloß sich nach längeren Verhandlungen dem
Bunde an®).
Mit Hilfe der in Wolfenbüttel erbeuteten .\kten bereitete man
sich auf die öffentliche Rechtfertigung des ganzen Unternehmens
vor
Besondei-s für die Vertretung nach außen hin wäre es sehr
wertvoll gewesen, wenn in der braunschweigischen Sache volle
Einigkeit unter den Verbündeten geherrscht hätte. Sie war aber
schon vor dem Unternehmen nicht groß und wurde in der nächsten
Zeit immer geringer. Wenn wir von dem völligen Beiseitestehen
1) Proposition auf dem Braunschweiger Tage Aug. 26, Eeg. H. p. 4CiS,
Xo. 152; P. C. III, 313. Antwort der Stände Aug. 27, P. C. III, 313. Dort auch
einiges über die weiteren Beratungen und den Abschied vom 12. Sept., Reg. H.
p. 408, No. 152, 1 (Urk. No. 1626), Or. Räte zu Braunschweig an Kf. Sept. 7,
Reg. H. a. a. 0., Or. Protokoll über Verhandlungen vom 11. Sept, ebenda.
2) Koldewey, ZHVNieders., 1868, 259f. Ossa, S. 26.
3) P. C. III, 314. Koldewey, S. .55ff. und ZHVNieders., 1868, 250f.
4l Vergl. die Briefe ßngenhagens Vogt, 38, 241 ff. 249 ff.
5) Bischof V. Hildesheim an Kf. Aug. 18, Reg. H. p. 434, No. 155, Or.
Ossa, S. 26. Langenn, 8. 41. P. C. III, 313. Vogt, 38, 239. 241ff. Lenz,
II, S. 93 f.
6) Ueber die Verteilung der Akten kam am 17. Sept ein Vertrag zwischen
Burchard und Aitinger zustande, P. A. No. 631.
Digilized by Googb
Hund und Reich: Die Jahre der L’neicherheit 1542 — 1546. 335
des Markgrafen Hans von Küstrin und Ulrichs von Württemberg
in der braunschweigischen Sache ganz absehen, so zeigte sich die
Meinungsverschiedenheit zunächst darin, daß gerade die Stände,
die sonst am bundestreue.sten und zahlungseifiügsten gewe.sen waren,
die oberländischen Städte, jetzt die Dinge an sich herankommen
ließen und selbst den zweiten Doppelmonat erst auf eine Mahnung
des Landgrafen hin zahlten ‘). Es war gewiß sehr diplomatisch,
wenn dieser empfahl, daß man eine besondere Dankgesandtschaft
an die oberländischen Städte schicken solle; der Kurfürst war
aber nicht dafür zu haben *).
Dadurch, daß das Kammergericht gegen die am braunschwei-
gischen Kriege Beteiligten vorzugehen begann, wurde es erst recht
erwünscht, daß diese zusammenhielten und eine gemeinsame Politik
befolgten. Es war Aufgabe des schon in Braunschweig in Aussicht
genommenen neuen Bundestages, der schließlich nach Schweinfurt
angesetzt worden war, diese Dinge zu regeln. Der Kurfürst
wünschte, daß hier verhandelt würde über das Geschick des braun-
schweigischen Landes, über die Bedingungen, unter denen mau es
etwa den Söhnen des Herzogs zuiückgeben könne, über die Er-
setzung der Kriegskosten und über die Rekusation des Kammer-
gerichts ä). Er stand dabei schon unter dem Einfluß der nach
Beendigung des Feldzuges wieder aufgeuommenen Vermittlungs-
bestrebungen König Ferdinands und der Herzoge von Bayern <).
Nach seiner Instruktion vom 2. November dachte er sich das
Schicksal des Landes etwa so, daß es den Söhnen des Herzogs
gegeben werde unter zwölfjähriger Vormundschaft Ulrichs von
Württemberg und Herzog Ernsts von Lüneburg. Dabei sollte
aber dafür gesorgt werden, daß das Land bei der protestantischen
Religion bliebe. Würden die Unterhändler, d. h. Bayern und der
König, dafür nicht zu haben sein, so sollte man sich eventuell mit
einer Verpflichtung der Vormünder begnügen, die als solche in
die Einung aufgenommen werden sollten. Der Kurfürst hoffte,
daß in 12 Jahren das Land dann ganz evangelisch sein werde.
1) p. c. m, 3ia
2) Ldgf. Bn Kf. öept. 10, Reg. H. p. 452, No. 161, Or. Antwort des Kf.
undatierter Zettel, ebenda.
3) P. C. III, 319 und Anm. 2. Entwürfe de» Ausaehreibena in Reg. H.
p. 418, No. 153.
4) Lenz, III, S. 234. P. A. Bayern 1542.
Digilized by Google
336
Kapitel III.
Zur Entschädigung für die Kriegskosten, die er auf eine Million
Gulden berechnete, sollten Teile des Landes den Verbündeten ver-
pfändet werden.
Alles das war nun aber nur für den Fall gedacht, daß über-
haupt eine Einigung zwischen den Verbündeten und den Ver-
mittlern erzielt wurde. Gelang das nicht, so empfahl der Kurfürst,
die jetzige Art der Bestellung des Landes bestehen zu lassen und
abzuwarten, was weiter geschehe, denn weder die Ueberlassung
des Landes an einen einzelnen noch seine Teilung erschien ihm
empfehlenswert.
Nicht besonders großen Wert legte Johann Friedrich auf die
Brechung Wolfenbüttels. Solange man das Land behielt, schien
sie ihm töricht, aber auch für den Fall der Rückgabe hielt er nicht
für ratsam, die Verhandlungen an dieser Frage scheitern zu lassen.
Dem Kammergericht gegenüber empfahl der Kurfürst aufs ent-
schiedenste die Rekusation, und zwar müßte sie bis zum 17. No-
vember geschehen, da man zu diesem Tilge vorgeladen sei. Von
Schweinfurt aus sollten 3 oder 4 Personen mit einem Notar des-
wegen nach Speier geschickt werden. Eine in Brauuschweig be-
schlossene Sendung an den Kaiser empfahl der Kurfürst bis nach
dem Reichstag aufzuschieben, jedoch einstweilen immer über die
Personen dafür zu beraten ^).
Zu Beschlüssen ist es in Schweinfurt nur über die Kammer-
geriehtsrekusation gekommen. Das war ja allerdings auch die
dringlichste Angelegenheit. Da ein größerer Entwurf der sächsischen
Gelehrten für die Rekusation niclit rechtzeitig fertig wurde, konnte
der Kurfürst seinen Gesandten nur eine kürzere „Notel“ zusenden*).
Er beauftragte sie außerdem, in Schweinfurt einen einhelligen Be-
schluß zustande zu bringen, damit das Gericht auch in Profau-
sachen rekusiert werde®). Auf dem Bundestage hat man dann
aber einen milderen hessischen Entwurf für die Rekusation vor-
gezogen, in dem die braunschweigische .Angelegenheit nicht aus-
drücklich genannt wurde und in dem man außerdem weniger das
Gericht als die Personen der Richter, solange die Reformation
1) Reg. H. p. 418, No. 153, Or.
2) Sie bekamen außerdem ein Bedenken Dr. Ossas über die Rekusation mit,
dieser war aber gegen die Rekusation in Profansachen.
3) Kf. an seine Räte Nov. 8, R^. H. p. 418, No. 153, Or. Das Gutachten
Ossas mit anderen ähnlichen Stücken in Reg. H. p. 498, No. 170.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
337
nicht erfolgt sei, rekusierte, diese allerdings in allen Sachen ‘). In
dieser Form kam die Rekusatiou am 4. Dezember zur Ausführung.
Daß sie vom Kammergericht vereorfen wur-de, wai- zu erwarten
gewesen *).
Außer über die Rekusation ist es in Schweinfurt kaum zu
irgendwelchen Verhandlungen gekommen. Die Stände wäien wohl
bereit gewesen, über die Rechnungen des braunschweigischen Zuges
zu beraten, aber die sächsischen waren zu spät nach Frankfurt
und Braunschweig geschickt wurden, so daß man doch für besser
hielt, die Verhandlung auf den nächsten Tag zu verschieben“).
Eine Zeitlang hat man daran gedacht, auch noch einige andere
besonders wichtige Punkte zu erledigen , man unterließ das
dann aber und verschob alles auf den Nürnberger Tag, da in
Schweinfurt eine Senche herrschte und infolge der Verschiebung
des Reichstages manche Sachen weniger dringend schienen^). Aus
dem Abschied vom 15. November“) ist nur noch hervorzuheben,
daß man gegen den Widerspruch der sächsischen Städte daran fest-
hielt, daß der nächste Bundestag mit dem Nürnberger Reichtag
verbunden werden solle, und daß noch einmal die Erlegung des
dritten Doppelmonats beschlossen wurde. Gar nicht weiter kam
dagegen die braunschweigische Suche, und auch darüber, wie man
sich in der Frage der Türkenhilfe verhalten wolle, ist nichts be-
schlossen worden. Johann Friedrich hatte über diesen Punkt seinen
Räten noch am 15. November eine ausführliche Weisung nach-
gesandt. Er kehrte danach jetzt ganz auf seinen alten Stand-
punkt zurück, daß man die Türkenhilfe erst nach Bewilligung der
Forderungen der Protestanten gewähren dürfe. Diese bestanden jetzt
vor aUem in dem Verlangen nach Sicherung gegen jedes Vorgehen
des Kammergerichts. Auch nach Erfüllung dieser Forderungen aber
woUte der Kurfürst die Hilfe nicht bedingungslos gewähren. Man
1) Thann und Roeenecker an Kf. Nov. 13, Reg. H. p. 418, No. 153, Or.;
P. C. m, 338.
2) Die Rekusation bei Hortleder, I, 2, 8. 1305 — 1311. Bericht Lauterbecks
über den äufieren Hergang Dez. 15, R^. H. p. 403, No. 15 LA II. Ueber die
Antwort dee Gerichts P. C. III, 338, 2.
3) P. C. III, 338 und der Abschied vom 15. Nov., Reg. H. p. 419, No. 153, 1,
Or. (ürk. No. 1627).
4) Thann und Rosen ecker an Kf. Nov. 14, R^. H. p. 418, No. 153. Das
zugehörige Verzeichnis Reg. H. p. 408, No. 152.
5) Vergl. Anm. 3.
Bcxträg« zur neueren Geschichte Thüringens I, 2. 22
Digitized by Google
338
Kapitel III.
sollte vielmehr nach seiner Meinung dafür sorgen, daß sie leidlich
bliebe, ferner sollte man sich bemühen, jetzt seine Beschwerden
gegen den Speierer Abschied, die er für den Zerbster Tag formuliert
hatte, zu beseitigen, denn gerade bei dem diesjährigen Zuge habe
man ja wieder sehr traurige Erfahrungen gemacht. Der Kurfürst
hielt aber für nicht unmöglich, daß man den Angriff der Türken
nach Sachsen lenken werde, wenn die Protestanten die Hilfe ver-
weigerten, und er wünschte daher, daß man sich die Unterstützung
der anderen Stände für einen solchen Fall sichere*). Die kur-
sächsischen Gesandten haben natürlich keine Gelegenheit mehr ge-
habt, von diesen Befehlen in Schweinfurt Gebrauch zu machen.
Wir werden aber sehen, daß Johann Friedrich sie für den Nürn-
berger Tag zum Teil einfach wiederholte.
Infolge des schnellen Abbruches der Schweinfurter Tagfahrt
ist es dort auch zu Verhandlungen über die Metzer .■Angelegenheit
kaum gekommen. Die Metzer Protestanten wollten unter den
Schutz des schmalkaldischen Bundes und eventuell in diesen treten,
um dadurch die freie Predigt des Evangeliums in ihrer Stadt zu er-
möglichen, der die katholische Mehrheit des Magistrats sich wider-
setzte. Trotz mancher Bedenken entschlossen sich die Dreizehn
von Straßburg, dies Gesuch beim Kurfürsten und Landgrafen zu
befürworten, noch wärmer nahm sich Bucer der Sache an. Der
Landgraf schickte sofort mit Frankfurt und Straßburg zusammen
eine Gesandtschaft im Namen des Bundes nach Metz, auch Johann
Friedrich gab nachträglich seine Zustimmung dazu’). Als dieser
Schritt aber nicht die gewünschte Wirkung auf den Metzer Magistrat
ausübte und nun die Frage der .Aufnahme der Metzer Protestanten
in den Bund zur Erörterung kam^), nahm der Kurfürst einen
Standpunkt ein, der sich zwar durch große Besonnenheit und
Korrektheit auszeichnete, aber nicht geeignet war, den Beifall
Philipps von Hessen und Sti’aßburgs zu gewinnen. Ein Entwurf
Melanchthons für ein gemeinsames sächsisch-hessisches Schreiben
an Herzog .Anton von Lothringen fand zwar wegen zu großer Klein-
mütigkeit nicht den Beifall Johann Friedrichs*), aber eine .Aufnahme
1) Kf. an die Rate Nov. 15, Reg. H. p. 418, No. 153, Or.
2) Lenz, II, S. 83 ff. Kleinwächter, S. 43 ff. Reg. H. p. 442, No. 158.
3) P. C. III, 319 ff. Ldgf. an Kf. Okt. 17, Reg. H. p. 458, No. 162, Or.
4) C. R. IV, 892 ff. Vergl. dazu Winckelmann, Jahrbuch, S. 225, 3.
Brück an Kf. Nov. 11, Loc. 96.55 „des Kf. zu Sachsen mit Dr. Gregorio Brücken,
Digitized by Google
Bund und Beich: Die Jahre der UDsicherheit 1542 — 1546. 339
des protestantischen Teils der Metzer in den Bund schien ihm
doch zu geföhrliche Konsequenzen mit sich zu führen, würde ja
auch den Gewohnheiten der Einung ganz widersprochen haben').
Wohl aber war er einverstanden damit, daß man durch Schriften
an die andere Partei den Evangelischen in der Stadt nach Kräften
zu Hilfe käme, sie auch mit Trost, Rat und Beistand, wie ein
Christ gegen den anderen verpflichtet wäre, nicht verlasse, wenn
sie vom anderen Teil verfolgt oder beschwert würden. Er war
aber bereit, sich zu fügen, wenn die Mehrheit der Stände sich in
Schweinfurt schon jetzt für die Aufnahme der Metzer Protestanten
in den Bund ausspräche*). Zu einem solchen Beschluß ist es
nun in Schweinfurt nicht gekommen, man scheint aber immerhin
über die Metzer Angelegenheit gesprochen zu haben und beschloß,
daß der Kurfürst und der Landgraf im Namen der Verbündeten
an den Herzog von Lothringen schreiben und ihn bitten sollten,
sich durch die Gegner der Metzer Protestanten nicht zu deren
Unterdrückung verleiten zu lassen. Diese wollten ja nicht die
anderen von ihrer Religion abdringen, sondern nur erreichen, daß
denen, die es begehrten, die freie Lehre des Evangeliums gepredigt
werden dürfe“).
Zu gründlichen Erörterungen der Sache ist es dann erst auf
dem Nürnberger Tage gekommen. Auch der Kurfürst entschloß
sich jetzt zu einer entschiedeneren Haltung. Ueberhaupt zeigen
die Aeußerungen, die von ihm aus der Zeit der Reichstagsver-
handlungen vorliegen, daß seine neue Annäherung an die Habs-
burger noch keine sehr weitgehende oder irgendwie auf inner-
licher Ueberzeugung begründete war. Im Grunde war er doch
vom größten Mißtrauen nach wie vor erfüllt, der Gedanke, daß sie
das Reich in eine Monarchie verwandeln wollten, tauchte immer
1542“, BL 86—90, Or. Kf. an Brück Not. 14, ebenda Bl. 82 — 84, Konz. Brflck
an Kf. Not. 21, Reg. H. p. 442, No. 158, Or. Seckendorf, III, 8. 399.
1) AnSer durch Brück wurde der Kf. dabei durch Luther beeinflußt,
de Wette, V, 506 f., Erl. 56, 34 ff. Burkhardt, S. 418.
2) Kf. an seine Räte in Schweinfurt Not. 22, Reg. H. p. 421, No. 154 II,
Or. Ldgf. an Kf. Not. 19, Reg. H. p. 458, No. 162, Or. Kf. an Ldgf. Not. 22,
ebenda. EioTerstanden mit der Toraichtigen Haltung des Kf. istWinckelmann,
Jahrb., 8. 226. 235.
3) Vielleicht handelt es sich hier nur um ein Gutachten der Gesandten in
Schweinfurt darüber, wie man dem Herzog schreiben solle. Reg. H. p. 418, No. 153
bei dem Konz, des Briefes des Kf. TOm 22. Not.
22*
Digilized by Google
340
Kapitel III.
wieder bei ihm auf^). Feruer vertrat er jetzt wieder, wie schon
in der Weisung^, die er seinen Räten am 15. November nach
Schweinfurt geschickt hatte, den Gedanken, daß man die Türken-
gefahr politiscli ausnutzen müsse und eine neue Hilfe nicht be-
willigen dürfe, ehe Friede und Recht gewährt seien. Immer wieder
kehren diese Gedanken in den Befehlen, die er nach Nürnberg
schickte, wieder*). Wenn er zuweilen ein wenig schwankte*), so
werden wir das aus der eigentümlichen Situation erklären dürfen,
in der er sich damals befand. Mancherlei wirkte ja zusammen,
um ihm einen völligen Bruch mit den Habsburgern unmöglich zu
machen. Da war zunächst der Stand der Verhandlungen über die
V’ahlsache. —
Wir sahen, daß es nicht möglich gewesen war, diese Ange-
legenheit auf dem ersten Nürnberger Reichstage zu erledigen.
Jetzt nahte nun das Ende des vom Kurfttrten bewilligten Anstands,
und wenn er auch bereit war, den Termin bis zum Ende des Reichs-
tages zu verlängern ‘), so war es doch jedenfalls nötig, die Sache
auf diesem Tage zu erledigen. Erwünscht wäre zu diesem Zwecke
die persönliche Anwesenheit des Kurfürsten gewesen, und der König
hatte ihn auch im November 1542 und Januar 1543 durch Andreas
von Könneritz zweimal dazu auffordem lassen, der Sachse hatte
das aber wegen der Kammergerichtsprozesse und wegen des Jfilicher
Krieges abgelehnt*). Seine Räte hatten aber genügende Vollmacht,
und zwischen ihnen, besonders Ossa und Burchard, und Granvella und
Hofmann, haben dann auch in Nürnberg lange Unterredungen statt-
gefunden ®). Die .Ansichten des Kurfürsten können wir wohl am
besten aus der Instruktion entnehmen, die er seinen beiden Kanzlern
1) BeRODders intereiwant ein Gutachten aus der letzten Zeit des Reichstages,
Beg. H. p. 421, No. 1Ö4, II, Kopie. Äktenst. No. 47. Dazu dann der Brief an
Franz von Lüneburg vom 28. März 1543, Reg. C. No. 888, Bl. 53 — 55, Konz.
2) Instruktion vom 9. Dez., Kf. an die Räte 1543 Febr. 21, Beg. E. p. 52,
No. 107, Or.; April 5. 14, Reg. H. p. 421, No. 154 II, Bl. 210 ff. 206 ff., Or.
3) So schon in der Instruktion vom 9. Dez., Beg. E. p. 52, No. 107, Or.
Kf. an die Räte 1543 März 12, Reg. H. p. 421, No. 154 II, Bl. 174 ff., Or.
4) Kf. an die Räte in Nürnberg Jan. 23, Reg. H. p. 421, Na 1.54, II, Or.
5) Verhandlungen mit Könneritz in Lochau am 23. Not., Beg. H. p. 463,
No. 163. Kredenz für die zweite Sendung vom 21. Dez., Antwort des Kf. vom
6. Jan. 1543 aus Torgau, ebenda.
6) VergL Burchard an Kf. Jan. 7, Beg. C. No. 895, Bl. 34—43; Heidrich,
S. 83; Febr. 2, Beg. £. p. 52, No. 109, Hdbf.; Febr. 24, ebenda, Or.
Digilized by Google
Bund und Reich; Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
341
am 18. und 20. Februar erteilte. Er kam in der Wahlsache selbst
jetzt ein ganzes Teil weiter entgegen als früher. Er wollte die
Artikel annehmen, die Hans Hofmann im Januar 1542 in Torgau
yorgeschlagen hatte. An seinen früheren Konditionen hielt er nur
noch insofern fest, als er die Renovation der goldenen Bulle auf
dem nächsten Reichstag verlangte, ferner sollte die Berechtigung
des Kurfürsten zum Widerspruch gegen die Wahl Ferdinands in
der vom Kaiser auszustellenden Versicherung sehr deutlich aus-
gesprochen werden. Nicht einlassen wollte sich Johann Friedrich
auf irgend welche Verpflichtung, sich der Untertanen des Königs
in religiöser Beziehung nicht anzunehmen. Doch darein hatte sich
Ferdinand ja schon im Januar 1542 gefügt. So würden wohl die
direkt mit der Wahlsache in Verbindung stehenden Forderungen
des Kurfürsten einer Einigung jetzt nicht im Wege gestanden
haben. Aber er verband mit dieser Frage zahlreiche andere und
verlangte, daß sie zugleich mit ihr vorgenommen würden. Da war
die dobrilugksche, die grünhainsche, die Schnldsache, vor allem
aber die Forderung der Bestätigung des jülichschen Heirats-
vertrages und in Verbindung damit die des Friedens für seinen
Schwager von Jülich.
Recht geringes Entgegenkommen zeigte der Kurfürst jetzt be-
züglich des früher vorgeschlagenen Bundes und der Familienver-
bindung mit den Habsburgem. Ein Bündnis in zeitlichen Sachen
sollten die Räte einfach abschlagen, ebenso einen Reiterdienst gegen
Frankreich, zu Diensten im Reich dagegen sollten sie ihn bereit
erklären, wenn er auch dessen lieber müßig stände. Ueber den
Heiratsplan gab er keine bestimmteren Erklärungen ab^).
Der Grund, weshalb der Kurfürst in der Wahlsache so weit
entgegenkam, war, wie aus späteren Aeußerungen von ihm hervor-
geht’). der, daß er hott'te, dann die jülichsche Sache mit vertragen
zu können. Diese Hoffnung erfüllte sich natürlich nicht, auch sonst
kam man sehr langsam von der Stelle®). Erst am 14. März be-
gannen die offiziellen Verhandlungen beim Pfalzgrafen Friedrich
unter Zuziehung von Granvella, Naves und Hofmann. Die kaiser-
1) InetruktioD für Osea und Burchard vom 18. Febr., Loc. 10674 „Zweites
Buch. Handlung zwischen . . Or. Kf. an Ossa und Burchard Febr. 20, ebenda, Or.
2) An Ldgf. März 22, P. A. Sachsen, Erneetiniache Linie, 1543 März, Or.
An Oasa und Burchard März 26, Loc. 10674 „zweites Buch etc.“, Or.
3) Die Kanzler an Kf. März 3, l.«c. 10674, ebenda, Konz.
Digitized by Google
342
Kapitel III.
liehen und königlichen Räte machten den Versuch, die Frage der
Heiratsbestätigung und die geldrische Angelegenheit ganz aus den
Verhandlungen auszuschließen, weil diese Sachen jetzt „in einen
anderen Stand“ gekommen seien. Die kursächsischen Kanzler wider-
setzten sich dem entschieden und erreichten, daß Ober diese beiden
Punkte wenigstens auch gesprochen wurde. Doch ging man damals
ohne ein Resultat auseinander *), und erst am 28. März überreichten
dann die Unterhändler Vorschläge für eine Vergleichung. Auch hier
gingen sie zunächst nur auf die vier Punkte ein, die sie schon am
14. vorgelegt hatten. Der König sollte eine Versicherung aus-
stellen, wonach es dem Kurfürsten und dem Hause Sachsen nicht
nachteilig sein soUe, daß seine Wahl in Abwesenheit des Vaters
des Kurfürsten erfolgt sei. Dafür sollte der Kurfürst den König
für sich und seine Erben anerkennen und ihm den schuldigen Ge-
horsam leisten. Aller gegenseitige Unwille sollte aufgehoben sein.
In bezug auf die Dörfer des Klosters Grünhain ließ der König er-
klären, daß er sie nur beschlagnahmt habe, weil der Kurfürst die
hergebrachte Religion und das klösterliche Wesen im Kloster ab-
gestellt habe. Wenn der Kurfürst die Sachen im Kloster wieder
in den alten Stand setze, werde ihm der König die Dörfer zurück-
geben. Das Kloster Dobrilugk sollte der Kurfürst dem König zu-
rückgeben nebst allem, was etwa daraus entnommen sei. Dagegen
sollte ihm von alledem nichts entzogen werden, was ihm an Schutz
und Schirm dem Kloster gegenüber zustehe, soweit er das gewiß
beweisen könne. Wenn diese Artikel in dieser Weise verglichen
seien, sollte der König dem Kurfürsten den Rest der Schuld zahlen.
Die Unterhändler nahmen an, daß dann auch der Kaiser sich in
der Frage der Konfirmation der jülichschen Heirat gnädig erweisen
würde*). Von dem jülichschen Kriege war überhaupt nicht die
Rede, und auch sonst zeigten diese Vorschläge, wie außerordentlich
gering noch immer das Entgegenkommen der Habsburger war. Es
war selbstverständlich, daß der Kurfürst diese Artikel für unan-
nehmbar erklärte. Schon die Versicherung des Königs genügte
ihm nicht. Nicht die Abwesenheit Johanns, sondern die Reichs-
freiheiten und die Privilegien seien die Ursachen des Widerspruchs
gewesen, sie müßten in der Versicherung miterwähnt werden. Von
1) Die Kanzler an Kf. März 19, Loc. 10674 a. a. O., Konz.
2) Die Kanzler an Kf. März 29, Doc. 10674 a. a. O. Die zugehörigen „Mittel''
der Unterhändler ebenda, Kopie.
Digilized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546. 343
neuem verlangte dann Johann Friedlich, daß ein Artikel wegen
der jülichschen Heiratsbestätigung und des geldrischen Krieges
hineingebracht werde. Den Vorschlag in der grünhainschen Sache
lehnte er entschieden ab. Er verlangte ferner, daß die Schuldsache
auch miterledigt werde, damit kein Grund zum Zank übrig bleibe.
Als ein sehr geeignetes Aequivalent für seine Forderungen erschien
ihm Dobrilugk').
Schon ehe sie diese Weisung erhielten, hatten die Räte des
Kurfürsten den Unterhändlern fast ganz in diesem Sinne ge-
antwortet*). Sie sowohl wie der Landgraf hatten den Eindruck,
daß sich alles werde erledigen lassen, wenn nur die jülichsche
Sache nicht wäre *). Diese war tatsächlich der Hauptstein des An-
stoßes. Der Kurfürst rechnete auf einiges Entgegenkommen, da
der Herzog gerade siegreich wai-. Für unannehmbar hielt er auf
Grund der Mitteilungen, die er vom Herzog erhielt, die Forderung
der Abtretung Gelderns an den Kaiser*). Gerade daran hielt ja
nun aber Karl V. mit seiner ganzen Zähigkeit fest. Infolgedessen
wurde man sich bald darüber klar, daß eine Einigung jetzt un-
möglich sein würde. Es half nichts, daß die Unterhändler in den
anderen Punkten noch einige Schritte entgegenkamen. Sie machten
in der Frage der Versicherung einige Zugeständnisse, vor allem
aber boten sie an, daß die anderen drei Punkte in der Weise ge-
regelt werden sollten, daß der König dem Kurfürsten gegen Rück-
gabe Dobrilugks die Nutzung der grünhainschen Dörfer bis zur
Religionsvergleichung überließe und den Rest der Schuld Maxi-
milians zahle ^). Eine Antwort der kurfürstlichen Räte darauf fand
nicht die Billigung ihres Herrn. Dieser hatte zu dem Tausch
Dobrilugks gegen die acht Grünhainschen Dörfer wenig Neigung,
da diese kein sicherer Besitz sein würden“). Aber das Haupt-
1) Kf. an die Kanzler April 5, L«c. 10674 a. a. O., Or.
2) Die Kanzler an Kf. April 4, ebenda, Or., mit ihren Oegenartikeln vom
3. April.
3) Osaa an Kf. April 4, Reg. C. No. Ö89, Bl. 27 — 30, Hdbf. Ldgf. an Kf.
April 5, R^. H. p. 530, No. 177, Or. Burchard an Kf. April 13, R^. E. p. 52,
No. 109, Hdbf.
4) An die Kanzler April 5, Loc. 10 674 a. a. O., Or.
5) Die Kanzler an Kf. April 16, Reg. E. p. 52, No. 109, Or. Die zuge-
hörige Erklärung der Vermittler, auf die « April 17“ geechrieben ist, in Loc. 10674
„zweitee Buch etc.“
6) Kf. an die Kanzler April 22, Lor. 10674 a. a. O., Or.
Digitized by Google
344
Kapitel III.
hindernis einer Vergleichung blieb doch die jülichsche Angelegen-
heit. Sie mußte erst geklärt sein, ehe man weiterkommen konnte.
Man mußte also Zeit zu gewinnen suchen. Demgemäß erklärte
sich der Kurfürst schon am 14. April einverstanden damit, daß
der torgauische Abschied auf 6 Monate erstreckt werde, voraus-
gesetzt, daß auch der König seine Erklärung entsprechend ver-
längere‘). In dieser Weise ist man dann wohl auch schließlich
voneinander geschieden. —
Ein modus vivendi mit den Habsburgem war deshalb damals
für den Kurfürsten so erwünscht, weil er ja stets fürchten mußte,
in der jülichschen Sache in den direktesten Gegensatz zu ihnen zu
geraten. Es wird Zeit, daß wir der Entwicklung dieser für die
Haltung Johann Friedrichs so wichtigen Angelegenheit jetzt wieder
unsere Aufmerksamkeit zuwenden. Sie kann allerdings nur im
engsten Zusammenhang mit den Beziehungen des Kurfürsten zu
Frankreich behandelt werden.
Wir sahen, mit welchem Eifer er sich im Jahre 1540 bemüht
hatte, einen Bund zwischen den Schmalkaldenern, Frankreich und
Jülich zustande zu bringen. Nachdem der Plan gescheitert war,
blieb ihm zunächst nichts anderes übrig, als ein möglichst gutes
Verhältnis zu Frankreich ohne einen Bund zu wahren. Seine eigene
Meinung änderte sich deshalb nicht. Aber gegenüber neuen An-
regungen und Gesandtschaften Frankreichs im Anfang des Jahres
1541 blieb ihm, wie Vetter mit Eecht betont, gar nichts anderes
übrig, als die Gesandten nach Regensburg zu venveisen. Ohne
die anderen Bundesstände konnte er ja doch nicht gut abschließen.
Er scheute sich aber auch davor, dem König irgendwelche Hoff-
nungen zu machen, die sich nicht erfüllen ließen*). Er hatte aus
diesem Grunde lange sogar dagegen Bedenken, seinerseits einen
Gesandten nach Frankreich zu senden, um die Verbindung auf-
reclit zu erhalten. Brück dagegen sprach sich in einem sehr in-
teressanten Gutachten vom 20. Februar dafür aus, schon jetzt
Planitz nach Fianki-eich gehen zu lassen*). Einig wai-en er und
1) Kf. an seine Räte in Nürnberg April 14, R^. E. p. 52, No. 107, Konz.
2) Sendung Morelete und Sleidans im Februar 1,541, vergl. Vetter, S. 12 ff.;
Baumgarteu, Briefwechsel, 8. 25 f.; Heidrich, S. 51, 4; Bourrilly, S. 314;
Reg. C. No. 872, Bl. 61 — 63. 152 ff. Auch Fossanus war damals wieder in Deutsch-
land, an Kf. aus Marburg Febr. 10, Reg. C. No. 872, Bl. 71, Or.
3) Reg. C. No. 872, Bl. 89-95, Or. Aktenst. No. 40.
Digitized by Google
Bund und Reich; Die Jahre der Unsicherheit 154'J — 1546.
345
der Kurfürst darin, daß man bei Franz nicht den Eindruck er-
wecken dürfe, als solle er nur Lückenbüßer sein für den Fall,
daß man sein Ziel beim Kaiser nicht erreiche, sie verwarfen also
die Politik, die damals der Landgraf ging, der Frankreich nur als
einen Notbehelf betrachtete*). So weit ging allerdings auch die
Begeisterung Johann Friedrichs für den französischen Bund nicht,
daß er deswegen für irgendwelche Zugeständnisse in der Frage
der Doppelehe zu haben gewesen wäre, wie man von französischer
Seite vorschlug. In Bezug auf die Sendung von Planitz folgte er
dem Rate Brücks, im übrigen beschränkte er sich darauf, während
des Reichstages nach Möglichkeit für den Bund mit Frankreich und
Jülich zu arbeiten. Seine Gesandten beauftragte er, sich des Ver-
ständnisses mit Frankreich energisch anzunehmen. Der Geheim-
haltung wegen sollten sie die anderen Bundesgesandten einzeln
vornehmen und ihnen klarmachen, daß man die Sache nicht länger
hinziehen dürfe, sondern das Schreiben des französischen Gesandten
beantworten müsse. Der Kurfürst war darauf gefaßt, daß der Land-
graf erst den Verlauf der Friedensverhandlungen mit dem Kaiser
werde abwarten woUen, während er auf Unterstützung Sturms und
Straßbnrgs hoffte*).
In bezug auf den Landgrafen erwies sich diese Ansicht als
nur allzu richtig. Er war dagegen, daß überhaupt während des
Reichstages über die Sache verhandelt würde, empfahl, den fran-
zösischen Gesandten hinzuhalten, bis sich entschieden habe, was
auf dem Reichstag zustande käme, und meinte, daß man später
immer noch werde mit Frankreich wieder anknüpfen können®).
Er äußerte unter anderem auch, daß außer Straßburg kaum irgend
ein Stand für die Pläne des Kurfürsten zu haben sein würde. Da
diese Ansicht den Gesandten durch Sturm bestätigt wurde, der
erklärte, daß nur Ulm vielleicht der Sache nicht abgeneigt sei, so
hielten sie es für das Beste, Morelet hinzuhalten und eret weitere
Weisungen des Kurfürsten zu erwarten*). Dieser und Brück
haben zunächst daran gedacht, nun dem Gesandten sofort eine
1) Ldgf. an die Königin v. Navarra Febr. 20, ebenda BI. 97 — 99, Kopie;
Heid rieh, S. 52.
2) Spezialinetruktion vom 15. März für die Verhandlungen mit Frankreich,
Reg. H. p. 391, No. 148, Or. Vetter, S. 158f.
3) Aufzeichnung Burrhards vom 30. März, Reg. H. ebenda, Or. in Chiffern.
4) Die Räte an Kf. April 3, Reg. H. p. 391, No. 148, Or.
Digilized by Google
346
Kapitel III.
definitiv ablehnende Antwort zu geben, sie haben sich dann aber
doch entschlossen, ihn noch etwas hinzuhalten und noch einen Ver-
such beim Landgrafen machen zu lassen'). Erst als auch dieser
mißglückt war, erklärten die kursächsischen Räte dem Franzosen,
daß bei der Mehrheit der Bundesstände keine Neigung zum Bunde
mit dem König und zur Schickung an ihn vorhanden sei*). Wir
müssen diesen schnellen Bescheid vor allem als einen Ausfluß der
Ehrlichkeit des Kurfürsten betrachten, der dem Könige nicht ver-
gebliche Hoffnungen machen wollte *). Morelet nahm ihn im ganzen
recht ruhig hin, bat, daß die Protestanten trotzdem an der alten
Freundschaft mit Frankreich festhalten möchten, mahnte, daß der
Kurfürst und der Landgraf sich nicht trennen ließen, und äußerte
einige Wünsche PYankreichs in bezug auf Savoyen, Mailand u. dgl.
Er blieb sogar noch längere Zeit in Regensburg und machte sich
erst Mitte Juli auf den Heimweg*).
Zustande gekommen ist in Regensbui'g eine Verwendung der
protestantischen Stände für ihre Glaubensgenossen in PYankreich.
Ein Brief deswegen an König Franz entstand unter Mitwirkung
Calvins®). Der Tatsache, daß Protestantenverfolgungen in Frank-
reich stattfanden, wird sich auch der Kurfürst damals nicht mehr
haben verschließen können, machte doch die Königin von Navarra
selbst Planitz solche Mitteilungen®). Johann Friedrich ließ aber
seine Politik nicht dadurch beeinflussen, er bat es damals fertig
gebracht, Religion und Politik zu trennen und wenn auch
von einem Bündnis mit PYanz nun vorläufig nicht die Rede sein
1) Kf. an Hz. v. Jülich April 16, Keg. C. No. 873, Bl. 54/55, Konz. Brück
an Kf. April 14, Reg. H. p. 329, No. 133, I, Or. Kf. an die Räte April 14.
Reg. H. p. 391, No. 148, Or. und Konz.
2) Zweite Antwort des Ldgf. [vor Mai 5], Reg. H. p. 391, No. 148. Kf. an
Reine Räte Mai 5, Reg. E. p. 48, No. 97, Bl. 299. Die Räte an Kf. Joni 11,
R^. H. p. 391, No. 148. Vetter, S. 161. Seckendorf, III, S. 366.
3) Daß der Kurfürst prinzipiell auch damals noch an dem Gedanken das
Bundes mit Frankreich fusthielt, zeigt z. B. der Brief an seine Gesandten vom
26. Juni, R^. H. p. 391, No. 148, Aklenst. No. 44, und der vom 10. Juli ebenda.
4) Bericht der Gesandten vom 11. Juni, ferner Juni 18, ebenda. V’etter.
S. 161 f.
5) Herminjard, VII, S. 126ff. 183f.
6) Generalbericht l’lanitzens vom 11. Juli, Reg. C. No. 873a, eigenh. Or.
7) Merkwürdig ist auch, daß Johann Friedrich dem Georg von der Planitz
auch freundschaftliche Aufträge an die Herzogin von Etampes mitg^eben hat.
Hiehe S. 347 Anm. 2.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546. 347
konnte, so war er doch bemüht, wenigstens eine gemeinsame Politik
mit Frankreich zu befolgen ^).
Er wurde dazu durchaus nicht nur durch die jülichschen
Verwickelungen bestimmt, auch die Bedrohung der Freiheiten
des Reichs durch die Habsburger spielte in seinen Erwägungen
nach wie vor eine große Rolle*). Das aber läßt sich natürlich
nicht leugnen, daß die jülich-geldrische Angelegenheit ein Haupt-
moment bei seinen Entschließungen bildete. Beständig stand er ja
mit dem Herzog in Korrespondenz, er erteUte ihm Rat darüber,
ob er den Reichstag besuchen solle oder nicht *), er ließ von seinen
Gelehrten ein Gutachten über die geldrische Frage anfertigen*),
er erlaubte seinen Räten, in Regensburg für den Schwager zu
arbeiten®), er gab seine vollste Zustimmung zu der Reise des
Herzogs nach Frankieich zu erkennen “). Auch die Sendung Georgs
V. d. Planitz am 24. März 1541 sollte wenigstens zum Teil dazu
dienen, die Interessen Herzog Wilhelms bei König Franz zu
vertreten. Ferner war sie allerdings auch dazu bestimmt, dem
Könige den Standpunkt des Kurfürsten, seine Neigung zum Bunde
mit Frankieich, sein Mißtrauen gegen die kaiserlichen Friedens-
versprechungen klar zu machen und dem Kurfürsten selbst .Auf-
klärungen über die Verhältnisse in Fi ankreich zu verschaffen.
In beiden Beziehungen wurde der Zweck der Sendung erreicht.
In den meisten Punkten ergab sich Uebereinstimmung in den .An-
schauungen des Königs und denen Johann Friedrichs, und durch
die Königin vou Navarra erfuhr man außerdem das nötige über die
Parteien in Frankieich’) und die Lage der dortigen Protestanten.
1) Interessant ist besonders der Brief an die Bäte vom 10. Juli. Der Kf.
macht hier auch auf die Grenzen eines solchen Zusammengehens auf dem Reichs-
tag aufmerksam.
2) Vergl. etwa Instruktion für Planitz vom 24. März, Reg. C. No. 873,
Bl. 19 ff.; Vetter, S. 160. Vergl. auch Neudecker, Aktenst., S. 272. Kf. an
seine Räte Juli 10, Reg. H. p. 391, No. 148, Or.
3; Kf. an Hz. v. Jülich Febr. 21, R^. C. No. 872, Bl. 135 ff., zugehöriges Be-
denken Bl. 142—151, zurückgehend auf ein Gutachten Brücks, ebenda Bl. 80—88.
4) Am 23. April übersandt nach Zettel des Kf. ebenda No. 873, Bl. 62.
5) Kf. an den Hz. April 15, ebenda Bl. 49, Konz., Zettel.
6) An den Hz. April 23, ebwda Bl. 59 f.
7) Sie gab zu, dali du Bellay dem Evangelium mehr geneigt wäre, als der
Kardinal von Toumon, aber dieser, der Kanzler und der Marschall Hennebault
befänden sich jetzt im Vertrauen des Königs. Sie seien zwar große Feinde des
Digilized by Google
348
Kapitel III.
Nicht ganz einig war man in bezug auf die Behandlung des
Landgrafen, in Frankreich hätte man wohl gewünscht, daß der
Kurfürst etwas entgegenkommender gewesen wäre, um ihn fest-
zuhalten, ferner hätte man auch gern gesehen, daß Planitz über
die Bedingungen eines etwaigen Bündnisses der Schmalkaldener
mit Frankreich und Jülich verhandelt hätte, und dazu hatte er
keine Vollmacht').
Noch während Planitz in Frankreich weilte, erfuhr der Kur-
fürst aus Regensburg, einen wie außerordentlich großen Wert der
Kaiser auf Geldern lege, und auch von dem zu erwartenden Neu-
tralitätsversprechen des Landgrafen“). Er mußte sich die Frage
vorlegen, ob er in dieser Lage seine bisherige antikaiserliche
Politik fortsetzen könne oder ob er eingehen solle auf die lockenden
.\nerbietungen, die auch ihm von habsburgischer Seite gemacht
wurden. Er entschied sich dafür, diese zwar nicht ganz zurück-
zuweisen, wie es ihm überhaupt stets am liebsten gewesen wäre,
wenn man die geldrische Sache mit in den Frieden hätte hinein-
ziehen können®), im wesentlichen aber doch an der Verbindung
mit Jülich und Frankreich festzuhalten. Wollte er das aber tun,
so mußte er, um sich nicht zwischen zwei Stühle zu setzen, Sicher-
heiten dafür erlangen, daß er im Falle der Gefahr auf die Hilfe
Jülichs und Frankreichs rechnen könne und daß auch seine persön-
lichen Interessen am Niederrhein unter allen Umständen gewahrt
blieben. Schon am 2. Juni beauftragte er Planitz, mit Herzog
Wilhelm über diese Dinge zu sprechen'), vor allem haben dann
aber die Sendungen Wallenrods zum Herzog von Jülich im Juli und
Oktober der Erreichung dieses Zieles gedient. Besonders die Instruk-
tion, die der Gesandte am 19. Juli mitbekam, ist für die Auffassung
der Lage durch den Kurfürsten charakteristisch. Er machte gar kein
Hehl aus den Anerbietungen Granvellas und daraus, daß sie viel
Evangeliums, Tournon und der Marschall seien aber in weltlichen Dingen zuverlässig
und wünschten jetzt einen Bund mit den deutschen Fürsten. Auch dem wieder
in Gnaden angenommenen Admiral könne man trauen, und zwar ihm auch in
Religionssachen.
1) Berichte des Planitz in Reg. C. No. 873, am wichtigsten sein General-
bericht vom 11. Juli nach der Heimkehr, Reg. C. No. 873a, Bl. 2—69.
2) Burchard an Kf. Mai 26, Reg. E. p. 48, No. 100, Bl. 267,268. Hdbf.
Kl. an Burchard Juni 7, Reg. H. p. 391, No. 148, ür.
3) An die Räte Juli 10.
4) Reg. C. No. 873, Bl. 119-133.
Digilized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Uunichcrheit 1542—1546. 349
Verlockendes für ihn hätten, erklärte dann aber doch, dall er die
gemeine Wohlfahrt des Reichs, das sich im Zustande der Unter-
drückung befinde, und dem weitere Gefahren drohten, aUen Sonder-
vorteilen vorziehen woUe. Die Möglichkeit zur Abwehr jener
Gefahren sah er in einem Bunde mit dem König von Frankieich
und anderen auswärtigen Potentaten. Er empfahl, daß zunächst
der Herzog und er einen Bund miteinander schlössen und daß
er dann gelegentlich der Heimfahrt der Gemahlin des Herzogs
mit der Königin von Navarra und dem Admiral von Frankreich
zu weiteren Verhandlungen zusammenkäme. Johann Friedrich
hoffte, daß der König von Dänemark und der Landgiaf für solche
Bnndesverhandlungen zu haben sein würden. Er kam zu dieser
sonderbaren Vermutung über den Landgrafen durch die Resultate
des Regensburger Reichstages, die dort eingetretene Spaltung
der Stände. Er meinte, daß der Kaiser jetzt zwar keiner Partei
mächtig sei, aber ein Kampf zwischen ihnen ihm doch zugute
kommen würde ‘). Natürlich war aber in Wirküchkeit auf den
Landgrafen jetzt gar nicht zu rechnen.
Wallenrod sollte sich bestreben, eine schriftliche Antwort vom
Herzog Wilhelm zu erlangen. Er erhielt sie nur in bezug auf die
Bündnisbedingungen, mußte sich im übrigen mit einer mündlichen
Erklärung des Herzogs begnügen. Und auch das. was dieser im
Falle eines Bündnisses versprechen wollte, entsprach wenig den
Wünschen des Kurfürsten. Wilhelm erklärte sich geneigt, dem
Schwager nach allem seinem Vermögen zu helfen, wenn dieser von
jemand überzogen würde und sich zu gebührlichem, gleichmäßigem
Rechte erbiete, dagegen vermochte WaUenrod nicht zu erlangen,
daß die Religions- und Wahlsache dabei ausdrücklich erwähnt
würde. Nur mündlich bandelte man auch von den Beziehungen
zu Frankreich. Der Herzog betonte dabei die Bereitwilligkeit
des Königs zum Bunde mit den Protestanten, lehnte seinerseits
ein Bündnis mit Dänemark ab. Wiederholt wies er daiauf hin,
daß der König von Frankreich sich Freunde suchen müsse, wo
er sie fände, z. B. bei Bayern, wenn die Protestanten ihn im
Stiche Ueßen. Den Bund mit diesen denke sich der König zu-
nächst als Defeusivbündnis. Er habe nichts dagegen, daß sie das
1) B^. C. No. 873a, Bl. 88—97, Or. Heidrich, S. 75, Anm. 2. Aktenst.
IJo. 45.
Digitized by Google
350
Kapitel III.
Reich ausnähmen. Die Religion solle nicht ausdrücklich genannt
weiden, das Bündnis aber für alle Sachen gelten. Der Herzog
erklärte sich bereit, wenn er näheren Bescheid vom Kurfürsten
habe, die Sache beim König weiter zu betreiben ‘).
Johann Friedrich hat Wallenrod unmittelbar nach seiner Rück-
kehr zum zweiten Male an den Herzog gesandt. Mit dessen schrift-
lichen Bündnisparagraphen gab er sich, obschon Religions- und
Wahlsache nicht genannt waren, zufirieden, da solche Sachen ja
überhaupt immer mehr auf dem gegenseitigen Vertrauen als auf
dem Buchstaben beruhten. Großen Wert legte er dagegen, da Gran-
vella es rundweg abgelehnt hatte, in die Heiratsbestätigung des
Kurfürsten Geldeni mithineinzuziehen, jetzt darauf, daß die Land-
schaften der Staaten des Herzogs ihm eine Erklänmg abgäben, daß
die Heiratsverschreibung auch ohne die kaiserliche Bestätigung
gelten solle, und daß eine ähnliche Verschreibung auch von den
geldrischen Ständen ausgestellt würde. In bezug auf das Ver-
hältnis zu Frankreich stellte der Kurfürst weitere Bemühungen beim
Landgrafen und seinen anderen Verbündeten in Aussicht Nur mit
dem Herzog den Bund mit Frankreich zu schließen, erschien ihm
dagegen bedenklich. An dem Gedanken einer Zuziehung Däne-
marks hielt er noch fest. Nach wie vor hoffte er auf eine Zusammen-
kunft mit der Königin von Navarra und einem Vertrauten des Königs
bei der Heimfahrt der Gemahlin des Herzogs *).
Durch eiue Erkrankung Wallenrods verzögerte sich die Er-
ledigung seiner Aufträge bis in den Oktober. Es ergab sich
bei den Verhandlungen Einigkeit in der Frage des Bündnisses,
ja der Herzog war sogai* in bezug auf die Zuziehung Däne-
marks jetzt anderer Ansicht geworden, eine dänische Gesandt-
schaft war bei ihm gewesen und von ihm nach Frankreich weiter-
gereist. Er stellte nur als Bedingung, daß dem Pfälzer kein Anlaß
zum Unwillen gegeben werde. Der Herzog bat schließlich, daß
der Kurfürst ihm einen Entwurf des Bündnisses schicke. Vor die
Landschaften wollte er die kursächsischen Wünsche gleich auf dem
nächsten Landtage bringen, glaubte nicht, daß sie irgendwelche
1) Rekreditiv und schriftliche Antwort vom 4. Aug., Beg. C. No. 873a,
BI. 98. 99. Heidrich, B. 75. Die mündliche Antwort ebenda No. 873b,
BI. 20 ff.
2) Instruktion vom 31. Aug., Beg. C. No. 873a, Bl. 101 — 109, Or. Heid-
rich, S. 75.
Digitized by Google
Bund und Reich; Die Jahre der Unsicherheit 1542—1546. ij51
Schwierigkeiten machen würden, wenn sie von dem Verständnis
zwischen dem Kurfürsten und ihm hörten. Dem König von
Frankreich wollte er die Erbietungen des Kurfürsten berichten,
auch bewirken, daß der Admiral bei der Heimfahrt mitgeschickt
werde. Allerdings mußte er gleichzeitig berichten, daß diese noch
bis zum Frühjahr verschoben sei *).
Die Wirkung dieser Nachricht auf den Kurfürsten wurde durch
vertrauliche Mitteilungen Wallenrods verstärkt, der zwar dem Herzog
ein vortreft’liches Zeugnis ausstellte, aber gegen Frankreich miß-
trauisch geworden war und bezweifelte, daß aus der Heimfahrt der
Prinzessin von Navarra überhaupt etwas werden würde*). Diese
Nachrichten stimmten zu Mitteilungen, die Granvella in Regens-
burg gemacht hatte. Doch ließ Johann Friedrich sich zunächst
noch nicht stärker durch sie beeinflussen, erhielt er doch gerade
im Oktober 1541 wieder die freundschaftlichsten Versicherungen
vom König von Frankreich und von der Königin von Navarra*).
So arbeitete er denn weiter für das Bündnis mit Frankreich und
mit Jülich, benutzte z. B. die Naumburger Zusammenkunft, um auch
mit dem Landgrafen noch einmal über diese Dinge zu sprechen.
Er fand ihn leidlich entgegenkommend in bezug auf den Bund mit
Jülich*), hatte aber den Eindruck, daß alle weiteren Bemühungen,
ihn für ein Bündnis mit Frankreich zu gewinnen, wegen der Ver-
pflichtungen, die er in Regensburg gegen den Kaiser eingegangen
war, zwecklos seien*).
Wenn es bis zum Dezember dauerte, bis die Verhandlungen
mit Jülich weitergingen, so war eine Erkrankung Johann Fried-
richs daran schuld. Er schickte jetzt dem Herzog einen Bündnis-
entwnrf zu, steUte ihm anheim, ihn zu erweitern, und sprach im
1) Rekreditiv für Wallenrod vom 10. Okt, Reg. C. No. 873b, Bl. 6, Or. Seine
Relation d. d. Schneeberg Okt 20, ebenda BI. 7 ff. Heidrich, S. 72, Anm. 2.
Die Antwort des Hzs. R^. C. ebenda BL 95/96. Vergl. auch Below, I, S. 352 f.
354, und für die Lamdtagsrerhandlungen S. 294 ff. 360 ff. 366 f.
2) Die vertrauliche Anzeigung Reg. C. ebenda BL 15—19.
3) Franz I. an Kf. Okt. 4, Reg. C. No. 873b, BL 3, Or. Die Königin von
Navarra an Kf. o. D., Reg. C. No. 382, Or. Kredenz der Kgin. für de Lacroix
und dessen Werbung in Zeitz ebenda, ferner die Antwort, die er erhielt. Kf. an
die Kgin. Okt 22, ebenda.
4) Ein Aufzeichnung von hessischer Kanzleihand, die vermutlich nach Naum-
burg g^ört. Reg. C. No. 873 b, Bl. 119.
5) Kf. an Hz. v. Jülich Dez. 14, Reg. C. ebenda BL 77—87.
Digilized by Google
352
Kapitel III.
Übrigen seine Freude aus über die günstigen Aeußerungen, die jener
gegen WiUlenrod getan hatte, nur daß man einen Bund mit Däne-
mark schließen könne, ohne den Pfalzgrafeu zu verletzen, erklärte
er für unwahrscheinlich ‘).
Der mitübersandte, von Brück entworfene und vom Kur-
fürsten korrigierte Bündnisvorschlag wiederholte den Inhalt des
Erbvertrages zwischen Sachsen und Jülich, dehnte ihn auf Geldern
aus und schloß daran ein sehr allgemein gehaltenes Bündnis auf
eine noch unbestimmte Reihe von Jahren. Würde ein Teil an-
gegriffen, so sollte ihm der andere Teil mit ganzer Kraft helfen,
doch wurde auch eine sofortige eilende Hilfe von 500 gerüsteten
Pferden und 2000 Knechten auf Kosten des Helfenden in Aussicht
genommeu *).
Herzog \\’ilhelm hat auf diese Sendung zunächst nur ganz all-
gemein geantwortet, indem er versprach, die fragliche Angelegen-
heit zu fördern*), und es tritt nun überhaupt in der Entwicklung
des Verhältnisses Kursachsens sowohl zu Jülich wie zu Frankreich
eine gewisse Stockung ein. Es läge nahe, anzunehmen, daß der
Abschluß des Torgauer Vertrages zwischen dem Kurfürsten und
Ferdinand dabei mitwirkte, aber der Hauptmangel lag doch auf
der Gegenseite. Die Stockung wuide vor allem dadurch hervor-
gerufen, daß zunächst die Landschaften der Herzogtümer für die
sächsischen Wünsche gewonnen werden mußten und es dabei aller-
hand Schwierigkeiten gab. Diese waren sogar, als der geldrische
Kiieg ausbrach, noch nicht ganz beseitigt *). Mit Frankreich wurde
die Verbindung aufrecht erhalten, Sendungen gingen hin und her.
Der König war bemüht, anf dem Speierer Reichstag die Stände
für sich zu gewinnen, vor allem den Makel des Bundes mit den
Türken von sich abzuwaschen. Seine Gesandten fanden aber eine
wenig befriedigende Aufnahme, Kursachsen scheint nicht die Mög-
lichkeit gehabt zu haben, etwas daran zu ändern *). Erst seit dem
1) Kf. an Hz. v. JQIich Dez. 14, Reg. C. a. a. O. Heidrich, 8. 76.
2) Keg. C. a. a. O. Bl. 128 ff.
3) Der Hz. an Kf. 1542 Jao. 6/7, Reg. C. No. 874, BL 6, 7«.
4) Heidrich, S. 76.
5) Hermann Cniser an Kf. 1541 Nov. 1, R^. C. No. 873b, BL ölt Georg
V. Harstall aus Speier an Kf. Not. 16, Bag. H. p. 383, No. 145, Or. Franz I.
au die Reichsstände Dez. 19, Reg. E. p. 51a, No. ICH II, Kopie; Seckendorf,
III, 8. 384. Kf. an Dr. Cruser Dez. 21, Reg. C. a. a. O. BL 101t, an den Kg.
Digilized by Google
Bond und Reich: Die Jahre der Unaicheiheit 1542 — 1546. 353
Sommer 1542 kam alles wieder mehr in Fluß, um nun allerdings
schnell der Katastrophe zuzueilen. Der Krieg zwischen dem Kaiser
und Frankreich brach aus. Er veranlaßte neue Bündnisanerbietungen
Frankreichs an Johann Friedrich*), brachte vor allem aber den
Herzog Ton Jülich in eine schwierige Lage. Er tat sein mög-
lichstes, um die Neutralität zu behaupten, wurde aber durch Frank-
reich und den französischen Obersten Longueral wider seinen
Willen doch in den Krieg hineingezogen’).
Johann Friedrich hatte, als die Verwicklung seines Schwagers
in den Krieg drohte, sofort eine lebhafte Tätigkeit entfaltet, um
eine Vermittlung in Gang zu bringen. Er bemühte sich vor allem,
den Landgrafen zu bestimmen, an den Niederrhein zu reisen und
sich mit dem Kurfürsten von Köln zusammen ins Mittel zu legen.
Auch Philipp wünschte die gütliche Beilegung des Streits, hatte
gegen die Vorschläge des Kurfürsten aber mancherlei Bedenken,
machte darauf aufmerksam, daß ohne die Abtretung Geldems beim
Kaiser nichts zu erreichen sein würde, und schlug seinerseits vor,
daß Johann Friedrich mit den drei rheinischen Kurfürsten zu-
sammen die Vermittlung übernähme. Schließlich hat er aber doch
die Sache in die Hand genommen, allerdings ohne das Ziel zu er-
reichen •).
ebenda BI. 106 — 109. Der Kg. an Kf. und Ldgf. 1542 Jan. 12, Reg. C. p. 380,
Kopie. Vergl. über Reckerods Sendung auch Seckendorf, III, S. 384.
Oliviers Rede in Speier. Ruble, S. 162. Ki. an seine Räte in Speier März 5 — 12
(die Woche nach reminiscerel, Reg, H. p. 441, No. 157 B, Konz. Burchard an Kf.
März 10, Reg. E. p. 51a, No. 103 I, Hdbf. Franz v. Lüneburg an KL Jan. 27,
Febr. 2, Reg. C, No. 672, Hdbf. Auch er vermittelte damals zwischen dem Kf.
und Frankreich. Räte an KL März 15, Reg. E. a. a. O. BL 221 ff., Or. Antwort
des Hzs. V. Jülich an Planitz März 30 und dessen Bericht Reg. C. No. 874,
BL 21 ff. Die Reichsstände an den Kg. von Frankreich April 11, Reg. E. p. 51a,
No. 104 II, BL 429 ff.
1) Kf. an Hz. v. Jülich Juli 12, Reg. C. No. 875, BL 48ff., Konz.
2) Hz. Wilhelm an Kf. Juni 10, Reg. C. No. 874, BL 80 L, Or.; Juli 4,
ebenda No. 875, BL 42 ff., Or.; Ang. 28, BL 105 L (Auflösung dazu in No. 884,
Bl. 47 f); SepL 11, Kredenz für SibertMutzhagen, Reg. C. No. 876, BL 5. Vergl.
Heidrich, S. 65 ff.; Below, I, S 438 ff.; Lenz , II, S. 103, 3.
3) Heidrich, S. 71 f. Kf. an Ldgf. Okt. 15, Marburg, Emestinische
Länie 1542 OkL, Or., R^. C. No. 877, BL 43 ff., Konz. Ldgf. an Kf. Okt. 16.
Reg. H. p. 458, No. 162, Or.; Okt. 19, Reg. C. a. a. O. BL 76—80; Heidrich,
8. 81 f.
Beiträge nir neoeren Geechichte ThOringenf I, 2. 23
Digilized by Google
354
Kapitel III.
Inzwischen war der Kurfürst vor die viel schwierigere Frage
gestellt worden, ob er den dringenden Hilfsgesuchen seines Schwagers
nachkommen sollte*). Es war wohl die schwerste Entscheidung
seines Lebens, und es ist begreiflich, daß er seine namhaftesten
Räte zu einem Kronrat versammelte, ehe er sie fällte. Es kam
ihm dabei vor allem auch darauf an, einen Rückhalt der Land-
schaft gegenüber zu haben. Hans v. Weißenbach, Hans v. Dölzig,
Christoph Groß, Heiniich v. Einsiedel, Asmus Spiegel, Dr. Teut-
leben, Hans V. Ponikau, Hans Metzsch, W. v. Schönberg, Jobst
V. Hain, den Marschall Heinrich v. Schönberg und Brück finden
wir in diesem Kronrat versammelt, während der Kanzler Ossa, der
damals schon in Ungnade gefallen war, nicht zugezogen wurde.
Der Kurfürst hat offenbar seine Ansicht den Räten schon fertig
vorgelegt. Sie ging dahin, daß man Jülich nicht im Stiche lassen
dürfe. Der Kurfürst plante eine Gesandtschaft an den Herzog,
für die er die Instruktion schon vorlegte, und eine Hilfssendung
von 3000 Knechten, er bat die Räte, über beides und über die
Art und Weise der Aufbringung des Volkes ihre Meinung zu
äußern.
Obgleich der Bund mit Jülich nicht wirklich zum Abschluß
gekommen war, zweifelte außer dem nicht zugezogenen Ossa keiner
der Räte daran, daß man dem Herzog helfen müsse. Einige fügten
allerdings die Voraussetzung hinzu, daß die Sache den Verpflich-
tungen gegen Kaiser und Reich und dem letzten Frieden nicht
zuwider sei. Aus Rücksicht auf den Kaiser gab auch Asmus
Spiegel zur Erwägung, ob man die Hilfe nicht lieber in Geld
leisten solle, damit sie geheimer bliebe.
Als Grund für die Hilfe wurden von keinem der Räte die
eigenen Rechte des Kurfürsten auf Jülich bezeichnet, sondern sie
legten nur Wert darauf, daß der Krieg kein justum bellum sei, da
die Burgunder ihn nicht vorher angesagt hätten. Besonders ausführ-
lich sprachen sich über diese Frage Jobst v. Hain und Brück ans.
Dabei nahm jener noch an, daß der Kaiser nichts mit der Sache
zu tun habe, während dieser die Hilfe auch dann für berechtigt
hielt, wenn die Absage an den Herzog vom Kaiser geschehe. Er
machte dabei auf das aUmähliche Umsichgreifen der Burgunder am
Niederrhein aufmerksam. Die meisten Räte sprachen sich dafür
1) Der Hz. an Kf. Okt 4, Be);. C. No. 877, Bl. 22; Heidrich, S. 75.
Digilized by Google
Bund und Keich: Die Jahre der Unsicherheit 1542—1546.
355
aus, daß man 3000 Mann Fußvolk verspreche, empfahlen aber, es
nicht aus dem kurfürstlichen Gebiete zu nehmen. Einige, be-
sonders Ponikau, rieten, daß man den lAndgrafen und andere
Fürsten zur Vermittlung veranlasse ‘).
Der Kurfürst ist offenbar mit diesen Vorschlägen völlig ein-
verstanden gewesen und hat ihnen entsprechend gehandelt. Unter
Berufung auf die erfolgte Beratung ließ er sich am 20. Oktober
1542 vom kleinen Ausschuß der Landschaft 32000 fl. bis Michaelis
1543 leihen *). Ferner ist dann die geplante Gesandtschaft an den
Herzog zur Ausführung gekommen. Dölzig und Planitz wurden
gesandt. Sie sollten sich erkundigen, wie sich der Herzog den
Widerstand denke, was er selbst zu tun beabsichtige, ob er die
Burgunder wieder aus dem Lande treiben oder nur seine festen
Plätze verteidigen wolle. Dem Kurfürsten schien ersteres wegen
der Nähe des Winters bedenklich. Die Räte sollten dann auf die
Erschöpfung des Kurfürsten durch die Wurzener Fehde, den Braun-
schweiger Zug, den Türkenkrieg, die Teilung mit Johann Emst
und dessen Beilager aufmerksam machen, schließlich aber doch
8 Fähnlein Knechte = 4000 Mann unter Thumshims Führung in
Aussicht stellen.
Am liebsten wäre dem Kurfürsten natürlich auch jetzt noch
eine friedliche Beilegung des Streits gewesen. Darum sollten sich
denn auch die Gesandten bemühen, eine Vermittlung in Gang zu
bringen. Wenn der Herzog einverstanden war, sollten sie Briefe
deswegen an die Kurfürsten von Köln, Trier, von der Pfalz, an die
Grafen von Nassau und von Neuenahr überreichen, während der Kur-
fürst dem Landgrafen direkt schreiben wollte *). Diese Bemühungen,
die Vermittlung in Gang zu bringen, hat Johann Friedrich auch
in den nächsten W^ochen eifrig fortgesetzt; er war zwar der Mei-
nung, sich persönlich nicht beteiligen zu können, da man ihn für
parteiisch halten würde*), aber mit allen Schritten, die durch den
Landgrafen, den Kölner etc. geschahen, war er sehr einverstanden.
1) Protokoll der Beratungen in Reg. C. No. 877, BL 65—69. Vergl. v,
Langenn, Osea, 8. 43.
2) Quittung ebenda BL 88/89, Konz.
3) Inatruktion vom 18. Okt, nachträglich noch geändert, Reg. C. No. 877,
BL 47—59, Konz.; Heidrich, 8. 76. 81. Entwürfe für die Briefe an die Kfen.
Reg. C. ebenda BI. 62 — 64.
4) Kf. an Ldgf. Okt. 26, Reg. C. No. 877, Bl. 127-130, Konz.
23*
Digitized by Google
356
Kapitel III.
Seine Ansichten über die Aussichten der Vermittlung schwankten*).
Anfangs war er aber nicht dafür, daß der Herzog sehr weit ent-
gegenkäme. So eignete er sich den Gedanken Brücks, daß dieser
eventuell aus der Not eine Tugend machen und in die Abtretung
Gelderns willigen müsse, nicht an, setzte vielmehr seinem Schwager
die Möglichkeiten des Widerstandes auseinander und knüpfte daran
die Ermalmung, seinen Trost auf Gott zu setzen, der ihn nicht
verlassen werde, wenn auch er ihm die Ehre gebe und sein Wort
ohne Menschenfurcht in seinen Landen rein und lauter predigen
lasse *).
Bei seiner eigenen Hilfsleistung, die durch die langsame Rück-
kehr seiner Truppen aus Ungarn verzögert und schließlich zum Teil
in Geld geleistet wurde*), eignete sich Johann Friedrich den Ge-
dankengang an, daß der Kaiser mit dem burgundischen Unter-
nehmen nichts zu tun habe und wahrscheinlich nicht damit über-
einstimme, rechtfertigte außerdem seine Hilfe mit dem Bruch des
Landfriedens, mit seiner Verwandtschaft mit dem Herzog und seinen
Rechten auf die Herzogtümer*). Durch die Erfolge des Jttlichers
im November wurde er veranlaßt, diesem ein Vordringen in das
Gebiet seiner Feinde zu empfehlen ®), er war aber nicht dafür, daß
auch seine eigenen Truppen sich an solchen Aktionen beteiligten,
da er dadurch in zu großen Gegensatz zum Kaiser zu geraten
fürchtete. Er folgte dabei einem Rate Brücks, der überhaupt im
November und Dezember allen seinen Einfluß aufbot, um seinen
Herrn von jeder weiteren Beteiligung an der jülichschen Ver-
wicklung femzuhalten. Er wies dabei hin auf die Aenderung der
Lage, die dadurch eingetreten sei, daß man jetzt über die .\^uf-
fassung des Kaisers klarer sähe, auf die vollzogene Rettung Jülichs,
für die doch die Hilfe nur bestimmt gewesen sei, auf die geringe
Zuverlässigkeit Frankreichs und auf die Gefahr der Isolierung, die
für den Kurfürsten mit dem Anschluß an Frankreich und Jülich
1) GflDBtig SEÜi er sie z. B. am 25. Nov. an (an den Uz. Beg. C. No. 883,
Bl. 20 ff.), weniger günstig z. B. am 21. Dez. (an dens. ebenda No. 885, Bl. GOff.i.
’ 2) Kf. an Hz. v. Jülich Okt. 27, Reg. C. No. 877, Bl. 133 ff, Konz, mit
Korrektoren Brücks, dann aber, vermntlich auf Veranlassung des Kf.. stark um-
gestaltet. Kopie in Reg. H. p. 467, No. 164.
3) Kf. an den Hz. Dez. 1, Reg. C. No. 884, Bl. 3 ff., Konz. Planitz an Kf.
Dez. 4, ebenda BL 6 ff., Or.
4) Kf. an Kgin. Maria Okt. 25, R^. C. No. 877, Bl. 119—125.
5) Kf. an Dölzig und Planitz Nor. 13, Reg. C. No. 881, BL 57 — 67, Or.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Uneicherheit 1542 — 154ü. 357
verbunden sei '). Johann Friedrich stimmte zwar mit den Gedanken
Biiicks nicht in jeder Hinsicht überein, eignete sie sich aber doch
im wesentlichen an *). In seinem Verhältnis zu Frankreich tritt
seit dem Ende des Jahres 1542 eine unverkennbare Abkühlung
ein®), und die Bitte des Herzogs von Jülich, ihm die Truppen noch
1 — 2 Monate zu lassen, erfüllte er nicht*), ließ sich auch dadurch,
daß der Herzog jetzt das Abendmahl in beiderlei Gestalt nahm,
nicht von seiner Zurückhaltung abbringen ®). Daß die Frage seiner
Erbrechte immer noch nicht geregelt war, konnte ihn auch nicht
opferwilliger machen®).
In gleicher Richtung bewegte sich auch die Politik des Kur-
fürsten auf dem Nürnberger Reichstage. Es kam ihm hier darauf
an, seine eigene bisherige Haltung in der geldemschen Sache den
kaiserlichen Räten gegenüber zu rechtfertigen, er wünschte nicht,
daß diese Angelegenheit zum Bruch zwischen ihm und den Habs-
burgem führe ’). Auch jetzt lag es ihm aber fern, etwa den Herzog
ganz aufzugeben und seinen Vorteil allein zu suchen. Er verlangte
daher, wie wir sahen, daß die jülichsche Sache gleichzeitig mit der
Wahlsache und seinen anderen Affairen erledigt würde, außerdem
1) Brück an Kf. Nov. 14, R^. C. No. 882, BL 6f., Or.; Der. 14. 18, Reg. H.
p. 467, No. 164, Or. ; Der. 22, Reg. C. No. 885, BL 86 — 92, Or. Heidrich,
8. 7a
2) An Dölzig and Planitz Nov. 19, Reg. C. No. 882, BL 33. 34, Konz, und
Or. ; An Dölzig Jan. 2, Na 886, BL 6— a Brief Brücke vom 18. Dez.
3) Anfang Dez. empfängt er noch den Fraxineue (Reg. U. p. 441, No. 157 B.
Seckendorf, 111, S.403f.). Ende Dez. läßt er auf Rat Brücke eine franzöeiecbe
Oeeandtschaft gar nicht mehr zu eich kommen, da eie ja doch immer daeeelbe
brächten. (Brück an Kf. Dez. 22, Reg. C. No. 885, BL 86—92. Kf. an Dölzig und
Planitz Dez. 23, ebenda BL 115 f., Or. Heidrich, 8. 78, 5.)
4) Hz. Wilhelm an Kf. Dez. 23, Reg. C. ebenda BL 112 ff., Or. Kf. an
den Hz. Jan. 7, Reg. C. No. 886, BL 26—29. Hz. an Kf. Jan. 23, BL 56—59.
Kf. an Hz. Febr. 3, BL 89—97. Heidrich, S. 83.
5) Dölzig an Kf. Dez. 29. Vergl. Heidrich, 8.83, 3. Kf. an Dölzig und
Planitz Jan. 20, Reg. C. No. 886, BL 46 — 52.
6) ln Brief vom 3. Febr. machte Kf. den Hz. auf dieee Dinge aufmerkeam.
Ale Dölzig am 28. Jan. von neuem an den Hz. gesandt wurde, sollte er vor allem
auch die gewünschte Verschreibung zu erlangen suchen. Instruktion R^. C.
No. 886, BL 70—78, Konz. Heidrich, 8. 80, 2.
7) Der Rechtfertigung des Kf. diente vor allem die Verhandlung Burchards
mit Granvella am 7. Jan. 1543. Der Bericht Burchards in Reg. C. No. 895,
BL 34—43. Heidrich, 8. 83.
Digilized by Google
358
Kapitel III.
suchte er die Tttrkengetahr zugunsten des Herzogs zu benutzen.
Ein Vorschlag, den der Landgraf ihm am 3. November gemacht
hatte, die Türkenhüfe zu verweigern, bis dem Herzog sein Land
wiedergegeben sei‘), war ganz nach seinem Geschmack*). Aller-
dings hatte er doch auch wieder Bedenken, ganz allein in dieser
Hinsicht vorzugehen, wollte es nur tun, wenn einige katholische
Stände sich beteiligten. Die Gefahr der Isolierung, mit der Brück
ihm auch jetzt wieder im Ohr lag*), schreckte ihn doch wohl
etwas. Wenn die anderen Schmalkaldener ihn im Stich ließen,
wollte er nur an der Forderung der Suspension des Kammergerichts
unbedingt festhalten ‘). Er wurde nicht vor diese Alternative ge-
stellt, da die anderen Verbündeten sich von einer erstaunlichen
Festigkeit erwiesen, so daß man gemeinsam gegen den Reichs-
abschied und die Türkenhilfe protestieren konnte®). Aber ein
Nachgeben des Kaisers in der jülichschen Sache wurde dadurch
nicht erreicht, es stellte sich vielmehr immer wieder heraus, daß
eine friedliche Erledigung des Streites nur möglich war, wenn der
Herzog sich zu einigem Entgegenkommen entschloß. Schon seit
dem Januar sehen wir Johann Friedrich bemüht, seinen Schwager
zu einer Aeußerung über seine endgültigen Forderungen zu be-
wegen *). Wie so oft, war es auch diesmal außerordentlich schwer,
von Herzog Wilhelm bestimmte Erklärungen zu erlangen. Der
Kurfürst selbst hielt einen Anstand von einigen Jahren unter Rück-
gabe der beiderseitigen Eroberungen für ratsam. Während dieser
Zeit sollten dann die bestehenden Differenzen erledigt werden. Als
1) R^. C. No. 880, Bl. 52.
2) An Dölzig und Planitz Not. 13, Zettel, ebenda No. 881, BL 57 ff. Ldgf.
an Kf. März 26, Reg. H. p. 530, No. 177, Or. Kf. an Ldgf. März 30, ebenda,
Konz.
3) Vergl. sein ausführliches Bedenken etwa aus dem Februar, Reg. C. No. 893,
Bl. 120—129, Or. Aktenst. No. 46.
4) VergL etwa Brief an die Räte vom 12. März, Reg. H. p. 421, No. 154 II,
Bl. 174 ff., Or. An Ldgf. März 22, P. A. Sachsen, Ernestinische Linie 1543, März.
.5) Vom 14. April z. B. ein Bedenken des Ausschusses, ,dofi kein Stand der
augsburgischen Konfession und Religion, sonderlich aber die Stände der christ-
lichen Einung Partikulartürkenhülfe heimlich, noch öffentlich nicht tun sollen*.
Reg. H. p. 421, No. 154 II. Der Abschied kam ohne die Protestanten zustande,
sie protestierten gegen ihn. Vergl. etwa Ranke, IV, S. 206.
6) An Hz. Wilhelm Jan. 7, Reg. C. No. 886, Bl. 26—29, Reinentw.; an
Dölzig und Planitz Jan. 10, ebenda Bl. 46—52, Konz.
Digilized by Google
Bund und Reich; Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546. 359
Mittel dazu schien dem Sachsen die Sequestration Geldems, seine
Uebergabe in die dritte Hand, nicht besonders empfehlenswert, er
empfahl vielmehr, daü der Herzog das Land vom Haus Burgund
zu Afterlehen nehme und einen „nachbarlichen guten Verstand“ mit
diesem Hause und dem Kaiser suche*).
Man siebt schon ans diesen Vorschlägen, daß dem Kurfürsten
trotz der bisherigen Erfolge des Herzogs dessen Lage durchaus
nicht sehr sicher erschien, auch mit der Art seiner Kriegsfühmng,
seiner Abhängigkeit von seinen Leuten war er wenig zufrieden*).
Es drohte ja jetzt das Eingreifen des Kaisers. Nicht ganz zu den
früheren Aeußerungen des Kurfürsten paßt es, wenn er sich jetzt
unzufrieden über den Einfall des Herzogs in Brabant aussprach*).
Erst Ende März erfuhr der Kurfürst endlich etwas über die
„Mittel“, die der Herzog selbst vorschlug. Weder auf eine Ab-
tretung Geldems, noch auf Uebergabe des Landes in die dritte
Hand wollte er sich einlassen. Der Kurfürst bat nun den Land-
grafen, gegen Granvella die Afterlehnschaft vorzuschlagen*). In-
zwischen hatte der hessische Rat Dr. Walter von Naves verhältnis-
mäßig günstige Mitteilungen erhalten. Man verlangte danach kaiser-
licherseits nur, daß der Herzog für seine Person von Geldern
einstweilen abstehe, wollte aUes weitere gütlicher und rechtlicher
Erörterung überlassen und stellte sogar in Aussicht, daß nach Ver-
söhnung des Kaisers der Herzog das Land ganz oder zum Teil
znrückerhaiten könne®). Als Vlatten auch diese Vorschläge ab-
lehnte, entwarf der Landgraf seinerseits neue Bedingungen, die
auch der Kurfürst seinem Schwager mit geringen Aenderungen aufs
dringendste empfahl Sie wurden aber sowohl von jülichscher, wie
von kaiserlicher Seite verworfen®). Dagegen wäre man durch die
1) An Dölzig and Planitz Jan. 10, b. S. 358, Anm. 6. Instruktion für Dölzig
vom 28. Jan., b. S. 357, Anm. 6. Kf. an Bnrchard Febr. 8, Reg. EX p. 52, No. 109;
an Ldgf. März 22, P. A. Sachsen, Emeetinieche Linie 1543, März, Or.
2) Kf. an Hz. Franz v. Lüneburg März 28, Reg. C. No. 888, BL 53 ff.
3) Brief an Ldgf. vom 22. März, s. Anm. 1.
4) Kf. an Ldgf. Marz 31, P. A. Sachsen, Emestin. Linie 1543, April, Or.
5) Ldgf. an Kf. April 5, Reg. H. p. 530, No. 177, Or. nebst Beilagen. Kf.
an Ossa and Burchard April 15, Loc. 10674 „Zweites Buch, Handlung zwischen . . .“,
Or., ebenda die Mittel des Naves.
6) Brief an Ossa und Bnrchard vom 15., Kf. an Ldgf. April 12, Reg. H.
p. 530, No. 177. Ldgf. an Kf. April 10, Reg. H. p. 536, No. 178, Or. Kf. an
Hz. Wilhelm April 19, R^. C. No. 887, Bl. 83—90. Hz. Wilhelm an Kf. Mai 3,
Digilized by Google
360
Kapitel III.
Verhandlungen, die in Nürnberg selbst zwischen den Parteien direkt
geführt worden waren, fast zu einem Vertrage oder wenigstens
zu einem Waffenstillstände gelangt. Die jülichschen Räte hatten
aber ohne genügende Vollmacht abgeschlossen, und ihr Herr rer-
warf auch diesen Vertrag'). Der Kurfürst hat das offenbar sehr
wohl begriffen, stimmte doch selbst Ossa mit dem Vertrag nicht
überein*); er riet aber dem Herzog aufs dringendste, sich seiner
Kriegshändel besser als bisher anzunehmen, einen beständigen
stattlichen Kriegsrat zu verordnen, auch die Obersten und Haupt-
leute mit zu Rate zu ziehen, da die, die taten sollten, auch mit
raten müßten. Ein Angriff des Kaisers auf den Herzog war nun-
mehr ja unvermeidlich —
Bleiben wir aber, ehe wir ihn und seine Wirkungen auf die
Politik Johann Friedrichs verfolgen, zunächst noch bei dem Nüni-
berger Reichstag! Allerdings bieten die eigentlichen Reichstags-
verhandlungen kaum noch etwas von Interesse. Den Standpunkt
des Kurfürsten über die Türkenhilfe kennen wir schon. Da
man Frieden und Recht nicht erhielt, wurde nichts ans ihr. Die
Weisungen, die Johann Friedrich seinen Gesandten für den Fall der
Türkenhilfe erteilt hatte, kamen daher anch nicht weiter in Betracht
Was den äußeren Gang der Verhandlungen betrifft, so hatte der
Kurfürst schon am 14. Dezember vorgescblagen, daß sie durch
einen gleichmäßigen, d. h. paritätischen Ausschuß erfolgen soUten.
Dazu ist es nun doch nicht gekommen. Die knrsächsischen Ge-
sandten mußten sich damit begnügen, dafür zu sorgen, daß die
Protestanten, von denen nur die herzoglich-sächsischen und zum
Teil die nümbergischen sich absonderten, unter sich znsammen-
hielten‘). Es kam also diesmal gar nicht zu Verhandlungen nach
Kollegien. Die Protestanten bereiteten sich schon vor der Pro-
position darauf vor, dem Könige gemeinsam entgegenzutreten.
Gleich nach seiner Ankunft begab man sich zu ihm, um um Ab-
schaffung der Kammergerichtsprozesse zu bitten, und nachdem die
Reg. C. No. 892, BI. 2. Die „Mittel“ dee Ldgf. ebenda Bl. 11 — 13. Kf. au den
Hz. Mai 12, ebenda Bl. 25—27.
1) Lacomblet, IV, S. 675 ff. Heidrich, S. 88.
2) V. Langeun, 8. 47/48.
3) Kf. an Hz. Wilh. Mai 12 und 13, Keg. C. No. 892, BL 25—27 ; No. 891,
Bl. 12—15, Konz. Heidrich, 8. 96/97.
4) Thann und Burchard an Kf. 1542 Dez. 27, R^. E. p. 52, No. 109, Or.
Digilized by Google
Bund and Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546. 361
Proposition ergangen war, überreichte man ihm und den kaiser-
lichen Kommissaren eine schon lange vorbereitete Supplikation').
Der König erwiderte darauf, und in den nächsten Wochen sind
dann beständig die Schriftstücke zwischen ihm und den Protestanten
hin und her gegangen *), ohne daß es zu wirklichen Reichstags-
plenarverhandlungen kam. Im Reichsrat waren die Katholiken meist
unter sich. Bei jenem Schriftwechsel handelte es sich in erster
Linie um das Kammergericht. Mit der Haltung, die man ihm gegen-
über einnehmen wollte, mit der Frage, ob man es gemeinsam oder
einzeln rekusieren soUte, finden wir die Protestanten auch bei ihren
Sonderberatungen besonders im Januar beständig beschäftigt.
Im engsten Zusammenhang mit der Frage der Reform des
Kammergerichts stand die des Friedens, und da legte man nun
jetzt von kursächsischer und landgräflicher Seite vor allem darauf
Wert, daß die braunschweigische Sache in ihn hineingezogen würde.
Gerade diese Angelegenheit war es ja, die seit dem Jahre 1542
die Protestanten nie mehr aus einem Gefühl der Unsicherheit her-
auskommen ließ. Der Herzog hatte das Kammergericht gegen sie
mobil gemacht, und man konnte nie wissen, wie lange die Zurück-
haltung, die die Habsburger zunächst in dieser Frage beobachteten,
Vorhalten würde. So waren schließlich die Vermittlungsversuche,
die von verschiedenen Seiten gemacht wurden, auch für die Pro-
testanten ganz erwünscht Sie waren aber gänzlich aussichtslos,
solange man sich nicht über das künftige Geschick des Landes
einigte. Die Ansichten des Kurfürsten darüber zur Zeit des
Schweinfurter Tages lernten wir kennen. Besonders eingehende
Erörterungen über diese PYage haben in kursächsischen Kreisen
um die Wende des Jahres 1542/43 stattgefunden. Es fehlte da-
bei, wie wir von Ossa hören, nicht an Gegensätzen. Er und die
Wittenberger waren dagegen, daß mau ein Eroberungsrecht geltend
machen könne, die entgegengesetzte Ansicht Brücks aber trug den
Sieg beim Kurfürsten davon®). Tatsächlich finden wir diese An-
sicht, daß Braunschweig ein erobertes Land sei, schon in der In-
struktion des Kurfürsten für seine Räte in Nürnberg vom 9. De-
1) Hessische Berichte in P. A. No. 650, Ossa, S. 31.
2) Bleidan, II, S. 298 f. Die Reichstagsakten in P. A. No. 652 und 655.
Reg. E. p. 52, No. lOfi; Reg. H. p. 421, No. 154 II. Vergl. auch P. C. III,
345; M. P. C. I, 545. 5591.
3) V. Langenn, S. 43. Ossa, S. 28/29.
Digilized by Google
362
Kapitel III.
zember *). Weitere Aeußerungen von ihm aus den nächsten Wochen
zeigen aber, daß er sich doch anderen Ansichten nicht so ganz
verschloß. So sprach er sich z. B. am 26. Dezember dem Land-
grafen gegenüber gegen die Teilung des Landes aus, weil man die
bayrische Vermittlung angenommen habe, und wegen der Ansprüche
der Mitbelehnten’), und in einem Briefe vom 1. Februar stellte er
die verschiedenen Ansichten seiner Gelehrten einander gegenüber.
Er neigte zwar offenbar zu der radikaleren, aber besonders die
Ansprüche der Mitbelehnten erschienen ihm doch bedenklich’).
Als den besten Ausweg betrachtete er nach wie vor, daß das
Land durch Unterhandlung an die Kinder des Herzogs käme’).
Das war die Grundlage, an der er vor allem gegenüber der
bayerischen Vermittlung festzuhalten sich bemühte.
Diese stand im engsten Zusammenhang mit den Annäherungs-
versuchen, die überhaupt von bayrischer Seite seit dem Sommer 1542
wieder erfolgt waren ®). Eck hatte sich auf dem ersten Nürnberger
Reichstage der Vermittlung des jülichschen Gesandten Vlatten be-
dient, um wieder gegen die Habsburger zu wühlen. Von protestan-
tischer Seite hatte man darauf als Vorbedingung jedes Bundes mit
Bayern die Sicherheit bezeichnet, daß der Braunschweiger bei diesem
keine Unterstützung fände. Eck gab in dieser Beziehung beruhigende
Erklärungen ab. Zn ii'gendwelchem Abschluß kam es zwar nicht,
da die kursächsischen Gesandten gar keine Vollmachten hatten.
Thann hatte aber einen günstigen Eindruck von Ecks Ehrlichkeit ’),
und die Sache kam denn auch nicht so bald wieder zur Ruhe.
Vor allem war Johann Friedrich ganz außerordentlich für den
Gedanken eines Bundes mit Bayern, Jülich und Trier (auch mit
diesem hatte man in Nürnberg schon verhandelt) begeistert. Daß
man nicht der gleichen Religion sei, schien ihm kein Hindernis,
er meinte, es werde genügen, wenn die beteiligten katholischen
Stände versprächen, ihre Untertanen der protestantischen Religion
1) R^. E. p. 52, No. 107, Or.
2) Reg. H. p. 513, No. 174, Konz.
3) An Ldgf. ebenda.
4) Kf. an seine Räte in Nürnberg Jan. lü. Reg. H. p. 421, No. 154 II, Or.
5) Uebrigens verabredeten Kf. und Ldgf. schon in dem Torgauer Vertrage
vom 27. April 1542, die Verhandlung mit Bayern in Nürnberg fortzusetzen.
Weim. Arch. Urk. No. 1659.
6) Thann an Kf. Sept. 1, Reg. H. p. 421, No. 154 I, Or.
Digilized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Uneicherheit 1542 — 1546.
363
halber nicht zu verfolgen und nicht wider die Protestanten zu
handeln ^). Dagegen war er durchaus nicht damit einverstanden, daß
der Landgraf Kaiser und König ausnehmen wollte und erklärte, daß
er sich zu keiner Unterstützung Jülichs verpflichten könne, sondern
nur zur Nichtbeteiligung an Unternehmungen gegen den Herzog.
Besonders die Ausnehmung des Kaisers und Königs schien dem
Kurfürsten geradezu lächerlich*). Sicher wurde er zu dieser Hal-
tung stark mitbestimmt durch die Jülich drohende Gefahr*), man
braucht das aber nicht als sein einziges Motiv zu betrachten, wenn
man seine ganze seit 1537 befolgte Politik im Auge hat.
Es ist begreiflich, daß dem Kurfürsten bei dieser großen
Neigung zum Bunde mit Bayern auch dessen Vermittlung in der
Braunschweiger Sache, die Ende September einsetzte, ganz sym-
pathisch war^). Der Landgraf war weniger dafür begeistert, ließ
sich aber schließlich auch darauf ein unter der Bedingung, daß
nur mit den Kindern des Herzogs verhandelt würde. Recht in
Gang kam die Sache erst während des Nürnberger Reichstages.
Als man dort Mitte Februar zusammenkam, erklärten nun aller-
dings die Vertreter Bayerns, daß weder der Herzog noch seine
Kinder sich darauf einlassen würden, daß das Land jenem ge-
nommen werden sollte. Auf einer anderen Grundlage durften die
Vertreter der Stände aber überhaupt nicht verhandeln und mußten
erst nach Hause berichten *). Dazu, das Land den Kindern zurück-
zugeben, waren die Verbündeten bereit unter der Bedingung, daß
die Kammergerichtsprozesse abgeschafit und sie selbst gegen jeden
tätlichen Angriff des Herzogs gesichert würden. Schließlich hat
auch Bayern jene Grundlage acceptiert, nun aber vorgeschlagen,
daß das Land den Kindern des Herzogs zurückgegeben werden
müsse in dem Umfang und Zustand, wie es ihrem Vater ge-
ll Kf. an Ldgf. gept 7, P. A. Sachsen, Ernestin. Linie, Or.
2) Ldgf. an Kf. Sept. 13, Konz, ebenda; Or. von Sept. 16, Reg. H. p. 458,
No. 162. Kf. an Ldgf. Sept. 22, Reg. H. ebenda, Konz., Or. P. A. Ldgf.
an Kf. Sept. 27, P. A., Konz. Kf. an Ldgf. Okt. 9, Lenz, III, S. 233. Lgf. an
Kf. Okt. 16. Lenz, S. 234 etc.
3) Lenz, III, S. 233 f.
4) Die Hze. von Bayern an Kf. and Ldgf. Sept. 27, Reg. H. p. 421, No. 154 B,
IV, Kopie. Lenz, III, S. 232, Anm. 2. Dort falsch auf Sept. 29 datiert. Kf.
und Ldgf. an die Hze. Okt. 10, Reg. H. a. a. O. Kopie. Lenz, III, S. 234, 1.
5) Kopie eines Ansschufibedenkens über die Verhandlungen etwa vom 19. Febr.,
R<*. H. p. 421, No. 154 B, IV.
Digitized by Google
364
Kapitel III.
nommen worden sei, daß die Kleinodien und die Einkünfte dieses
Jahres gegen die Kriegskosten aufgerechnet würden und daß über
Braunschweig und Goslar eine rechtliche Erörterung stattfinde. Die
Verbündeten erklärten alle drei Vorschläge für unannehmbar, be-
standen außerdem auf der Notwendigkeit einer Versicherung gegen
einen Angriff des Herzogs. Darauf konnten sich aber wieder die
Bayern nicht einlassen und machten daher den neuen Vorschlag,
daß das Land entweder in die Hände des Kaisers oder in die
zweier Fürsten gegeben werde, damit dann binnen Jahresfrist
die Sache beigelegt würde. Da das etwas ganz Neues war,
mußten die Vertreter der Verbündeten erst darüber nach Hause
berichten ').
Die bayrische Vermittlung scheint dann allmählich im Sande
verlaufen zu sein. Sie wurde verdrängt durch eine Aktion König
Ferdinands. Er lud am 10. März den Kurfürsten und Landgrafen
und ihre Verbündeten auf Quasimodogeniti zu einem Verhörtag
vor*). Das gab Anlaß zu einer Erörterung zwischen den beiden
Bundeshäuptem darüber, ob man sich schon jetzt auf einen solchen
Tag einlassen könne. Der Kurfürst war der Meinung, daß man
nicht genügend darauf vorbereitet sei, und es gelang ihm, auch
den Landgrafen für diese Anschauung zu gewinnen *). So ließ man
denn am 1. April dem Könige und den kaiserlichen Kommissaren
eine Schrift überreichen, in der man den Tag ablehnte und um
Verschiebung der Sache bis zur Ankunft des Kaisers bat. Als
Gründe führte man 1) die noch nicht beendete bayrische Ver-
handlung an und 2) die Kürze der Zeit, die es ihnen unmöglich
mache, ihre Verbündeten zu benachrichtigen und sich mit ihnen zu
unterreden. Man fügte hinzu, daß man sich überhaupt nur auf ein
Verhör vor Kaiser und Reich einlassen wolle *). Ferdinand erfüllte
diesen Wunsch der Verbündeten. Der Verhörtag wurde bis zur
Ankunft des Kaisers verschoben. Die Zwischenzeit wollten die
Verbündeten zu gründlicheren Vorbereitungen benutzen.
1) Protokoll über die Verhandlungen vom 21. Februar bis 1. März, Bcg. H.
p. 421, No. 154 B, vol. IV.
2) Or. Reg. H. p. 1118, St, No. 3.
3) Ldgf. an Kf. März 15, Reg. H. p. 536, No. 178, Or. Ldgf. an K£
März 21, ebenda 530, No. 177, Or. Kf. an Ldgf. März 29, ebenda, Konz. Ldgf.
an Kf. April 1, ebenda, Or.
4) Reg. H. p. 421, No. 154 I. Vergl. auch Oesa, S. 34; Langenn, S. 47.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546. 3ßö
Ebensowenig wie die bayrische Vermittlung haben die Bündnis-
verhandlungen mit Bayern einen Erfolg gehabt. Der Landgraf
hatte im Herbst 1542 schließlich Eck verständigt, daß man auf
dem Keichstage über den Plan verhandeln wolle. Er und der
Kurfürst wai'en dabei ungefähr darin einig, daß man die ersten
Vorschläge von Bayern ausgehen lassen müsse. Als einen sehr
wertvollen Gewinn würde man es vor allem betrachtet haben,
wenn Bayern und andere Fürsten sich bereit erklärt hätten, ihren
Untertanen die Religion frei zu lassen. Eventuell wollte man
aber auch mit einer gegenseitigen Verpflichtung zufrieden sein,
daß keiner den andern der Religion halber überziehen und daß man
gemeinsam die Reichsfreiheiten verteidigen solle. Der Landgraf
hielt dabei nach wie vor an der Ausnehmung von Kaiser und König
fest, was in Eck den Gedanken erweckte, wenigstens hinzuzufügen :
sofern er sich hielte, wie einem Kaiser gebühre ‘).
Den Gang der Verhandlungen in Nürnberg brauchen wir
nicht in allen Einzelheiten zu verfolgen. Der Kurfürst war noch
im Februar Feuer und Flamme für das Bündnis, aber ohne irgend
welche Ausnehmungen, er betrachtete den Bund ja vor allem als
ein Mittel zur Verteidigung der Reichsfreiheiten gegen die Habs-
burger und glaubte darin mit Eck und den Bayern einig zu sein *).
Aber auch der Landgraf verharrte auf seinem Standpunkt. Wenn
er trotzdem auf den Bund Wert legte, so geschah es, weil er da-
durch Bayern von Heinrich von Braunschweig abzuziehen hoffte’).
Nicht geneigt wai- nach seinen Mitteilungen Bayern allerdings zu
einer Aufnahme Jülichs in den Bund‘).
Hier lag ein Anlaß zu einem Gegensatz zwischen Sachsen und
Bayern. Eck erlaubte sich Aeußerungen des Mißtrauens gegen
Kursachsen®), andererseits war der Kurfürst mit Bündnisartikeln,
die der bayrische Kanzler überreichte, wenig einverstanden. In
religiöser Hinsicht genügten sie ihm nicht, außerdem gewann er aus
1) Nach einem gummariechen Verzeichnie, dae zu einer Relation Sailers
vom 13. Dez. gehört, Reg. H. p. 513, No. 174 und p. 421, No. 154 I.
2) Kf. an Ldgf. Febr. 14, P. A. Sachsen, Emeet. Linie, Or. Vergl. Lenz,
m, 8. 247.
3) Vergl. etwa Ldgf. an Kf. Febr. 11, Reg. H. p. 525, No. 176, Or.
4) Ldgf. an Kf. Febr. 12, Reg. H. p. 519, No. 175, Or. Dazu hessische
Bäte ans Nürnberg an Ldgf. Febr. 7, ebenda, Kopie.
5) Bericht Aitingers vom 12. Febr., Lenz, III, S. 245.
Digitized by Google
366
Kapitel III.
ihnen den Eindruck, als wolle Baj’ern nur die Verbündeten doch
noch zur Türkenhilfe veranlassen^). Er nahm schließlich an, daß
die ganze Verhandlung mit Wissen des Kaisers erfolge und nicht
ehrlich gemeint sei; er schloß sich zwar der Ansicht des Land-
grafen an, daß man sie trotzdem fortsetzen müsse, warnte aber
dringend vor jedem Zugeständnis auf religiösem Gebiete*). Irgeud-
welche Begeisterung für die Verhandlungen war jetzt bei ihm nicht
mehr vorhanden, um so weniger, als er auch dem Landgrafen nicht
recht traute®).
Dieser sowohl wie Burchard suchte die bayrische Politik zu ver-
teidigen*). Eck mußte zwar wegen der Aenderungen, die Sachsen
und Hessen an seinen Artikeln vorgenommen hatten, nach Hause
berichten, doch hatte er persönlich nur gegen die Ausnehmung Be-
denken, nahm also die sächsischen Aenderungen an®). Auch über
eine Beteiligung Württembergs an dem Bunde wurde im März viel
verhandelt®). Wirklich von der Stelle kam man erst am 30. März
und 1. April wieder. Man verhandelte über die von Sachsen und
Hessen geänderten Bundesartikel, und Bayern nahm dabei Anstoß
an der von ihm verlangten ausdrücklichen Verpflichtung, nichts
für Herzog Heinrich zu tun, die es nicht aussprechen wollte, und
an der .Ausnehmung, die es für unnütz hielt*). Es ist begreiflich,
daß besonders die Bedenken Bayerns in der braunschweigischen
Sache den anderen Ftti-sten höchst verdächtig waren, auch der
Landgraf war jetzt voll Mißtrauen und verlangte, daß man eine
1) Kf. an Ldgf. Febr. 25, Lenz, III, S. 250ff. Or. P. A. ^ächzen,
E^est Linie, März. Ganz ähnlich schon Brief an Burchard vom 12. Jan., Reg. U.
p. 421, No. 154, I, Or., so daß die verletzenden Aeußerungen Ecks nicht alldn die
Verstimmung herbeiführten. Daß sich der Kf. aber durch sie gekränkt fühlte,
zeigt Brief an Burchard vom 26. Febr., ebenda.
2) Kf. an Ldgf. März 4, Reg. H. p. 525, No. 176, Konz.
3) Brief an Burchard vom 26. Febr. (s. Anm. 1).
4) Ldgf. an Kf. März 4, Reg. H. p. 525, No. 176. Zum Täl gedruckt bei
Lenz , III, 8. 252 Anm. Burchard an Kf. [ca. Febr. 26 oder 27], Reg. H. p. 421,
No. 154, I, Or.
5) Burchard an Kf. März 12, R^. H. p. 421, No. 154 I, Or,; März 25,
ebenda.
6) Hz. LTrichan Kf. und Ldgf. Febr. 24, M. P. C I, 569. VergL Heyd,
III, S. 267. Ldgf. an Kf. März 5, Kf. an Ldgf. März 15, Reg. H. p. 525,
Na 176, Or.; Lenz, III, 8. 270, 1. Der Hz. an Ldgf. März 15, Neudecker,
Aktenst., S. 292—297. Vergl. auch Riezier, IV, 8. 313 f.
1) Neudecker, Aktenst, 8. 304 — 311. Reg. H. p. 421, No. 154, I.
Digitized by Google
fiand und Beich; Die Jahre der Unsicherheit 1542—1546.
367
bestimmte ErkläruDg in diesem Punkte von den Herzögen fordere
und dadurch eine Entscheidung herbeiführe*). Der Kurfürst hob
zwar hervor, daß sie beide durch die Ausnehmung auch Anlaß zu
Weitläufigkeiten gegeben hätten, aber auch er nahm an dem Ver-
halten Bayerns in der braunschweigischen Frage den größten An-
stoß, verwies auch auf die Schwierigkeiten, die Eck bei den Ver-
handlungen über Frieden und Recht und über den jülichschen
Frieden mache. Er empfahl, die Verhandlungen jetzt abzubrechen,
aber doch mit den Bayern Fühlung zu behalten entweder durch
Vermittlung Herzog Ulrichs, oder indem man eine persönliche
Zusammenkunft zwischen den Herzogen und ihnen beiden vor-
schlüge ’).
Der Landgraf war im ganzen wohl mit einer solchen Haltung
einverstanden*), doch gingen auch die Verhandlungen in Nürnberg
noch weiter. Auf Veranlassung Philipps schlug man Eck vor, die
Erwähnung des Braunschweigers in eine Beiverschreibung hineinzu-
bringen *). Eck lehnte aber auch das ab *). Das steigerte natürlich
das Mißtrauen und nahm auch dem Landgrafen die Lust an der
geplanten persönlichen Zusammenkunft. Nur wenn man vorher
von Bayern Sicherheit in bezug auf Braunschweig habe und wenn
es eine Versicherung gäbe, daß es überhaupt nichts gegen die Ver-
bündeten tun wolle, auch wenn der Kaiser und das Konzil etwas der-
art beschlössen, wollte er sich auf die Zusammenkunft einlassen ^).
Ganz streng hat er an diesem Standpunkte allerdings nicht fest-
gehalten; durch Ulrich von Württemberg ließ er sich für den Ge-
danken gewinnen, daß die beteiligten Fürsten sich gegenseitig durch
Handschlag verpfiichten sollten, nichts gegeneinander zu tun. In
Schweinfurt sollte zu diesem Zweck eine Zusammenkunft stattfinden ').
Auch der Kurfürst gab am 20. Juni seine Zustimmung zu diesem
Plane*). Daß Herzog Wilhelm dann aber doch wieder um Ver-
1) Ldgf. an Kf. April 5, Reg. H. p. 530, No. 177, Or.
2) Kf. an Ldgf. April 9, Reg. H. p. 421, No. 154, I; Lenz, III, S. 268, 1.
3) Ldgf. an Kf. April 16, Reg. H. p. 536, No. 178, Or.
4) Kf. an Bnrchard April 22, Reg. H. p. 421, No. 154, I, Or.
5) Bnrchard an Kf. April 24. ebenda, Or. Mit BeUage Ober die Verband-
langen mit Eck vom 20. April.
6) Ldgf. an Kf. Mai 4, Reg. H. p. 541, No. 179, Or.
7) Ulrich an Ldgf. Jani 1, Neudecker, Aktenst, S. 325 — 328.
8) P. A. Sachsen, Emeetinische Linie, Or.; Neudecker, Aktenst., S. 331
—336; Lenz, HI, 8. 279, 1.
Digilized by Google
368
Kapitel III.
Schiebung dieser Zusammenkunft auf den Reichstag bat '), mußte das
Mißtrauen gegen die bajTische Politik verstärken. Im Sommer 1543
waren sowolil der Kurfürst wie Brück der Meinung, daß auf Bayern
kein Verlaß sei. und daß das Ganze nur ein Betrug gewesen sei*);
auch der Landgraf wurde gerade dadurch, daß Eck ihn beständig
vor dem Kurfürsten warnte, in seinem Mißtrauen gegen die Bayern
bestärkt®). Die Korrespondenz scheint in der nächsten Zeit dann
ganz eingeschlafen zu sein, erst im April 1544 suchten der Kur-
fürst und der Landgraf wieder engere Fühlung mit Bayern, doch
scheint auch damals nichts Rechtes erreicht worden zu sein‘). —
Auf dem Schweinfurter Tage hatte man beschlossen, gleich-
zeitig mit dem Nürnberger Reichstage einen Bundestag abznhalten.
Er war allerdings nur sehr mangelhaft beschickt, und es mußten
noch im Februar Aufforderungen zum Kommen an einzelne Bundes-
stände ergehen®), trotzdem begann man aber schon im Januar mit
den Beratungen. Vor allem handelte es sich dabei um das fernere
Verhältnis zum Kammergericht. Lange Verhandlungen fanden noch
über die Ratifikation der Rekusation des Gerichts statt, man be-
schloß schließlich doch, daß jeder einzelne Stand sie vornehmen
solle*). Ferner tauchte der Gedanke auf, auch eine Anzahl von
katholischen Ständen zur Mitwirkung bei der Entfernung der ver-
dächtigen Mitglieder des Gerichts und seiner paritätischen Be-
setzung zu veranlassen’).
Dadurch, daß der Reichstag die Suspension der Kammergerichts-
prozesse bis zur erfolgten Visitation anordnete, wurde das zunächst
unnütz, man beschloß aber, für den Fall, daß das Gericht sich
daran nicht kehre, die Kurfürsten durch die Bundeshauptleute zur
Abberufung ihrer Beisitzer auffordem zu lassen. Zur Vorbereitung
auf die Visitation sollten die einzelnen Stände Gutachten darüber
1) Neudeckcr, Aktenet., S. 335f.
2) Kf. an Ldgf. Aug. I, Bommel, II, S. 45S. Brück an Kf. Sept. 9,
Zettel, Reg. H. p. 467, No. 164, Or.
3) Ijdgf. an Kf. Sept. 22, E^. H. p. 555, No. 182, I, Or.
4) Druffel, Abt. Ba^r. Ak. XIII, S. 174f. 257 ff. P. A. Bayern 1544.
5) Ldgf. an Kf. Jan. 29, Eeg. H. p. 519, No. 175, Or. Aneschreiben vom
10. Febr., ebenda, Konz.
6) Die Bäte an Kf. Jan. 11, 13, Beg. E. p. 52, No. 109, Or. Ldgf. an Kf.
Febr. 24, Beg. H. p. 525, No. 176, Or. Abschied vom 28. April, Weimar. Arch.
Drk. No. 1629, Or.,
7) Bericht der Bäte an Kf. vom 11. Jan.
Digitized by Google
Bund und Reich; Die Jahre der Uneicherheit 1542 — 1546. 369
verfassen, die dann von sächsischen, hessischen und frankfurtischen
Rechtsverständigen zu einem Gesamtgutachten znsammengearbeitet
werden sollten ‘).
Die Hauptfrage war aber die, wie man sich gegen ein etwaiges
weiteres Vorgehen des Kammergerichts schätzen und fttr den Mangel
eines höchsten Gerichts Ersatz schaffen sollte. Johann Friedrich
nahm da den schon öfter erwogenen, damals auch von Aitinger an-
geregten *) Gedanken wieder auf, das schmalkaldische Bündnis auch
auf Profansachen auszndehnen *). Er fand aber selbst beim Land-
grafen nicht viel Anklang damit *), noch weniger waren die anderen
Verbündeten dafür zu haben °). Immerhin kam am 16. Februar
ein Beschluß zustande, der einigermaßen als ein Ersatz für eine
solche Aasdehnung betrachtet werden konnte. Man verabredete
nämlich, sich ebenso wie in Religionssachen zu schützen, wenn man
wegen der braunschweigischen Defension oder wegen Nichtunter-
haltung des Kammergerichts mit der Tat beschwert werden würde.
Würde es aus anderen Gründen vom Kammergericht geschehen,
so sollte den Gegnern von den Oberhanptleuten ein Aastrag vor-
geschlagen werden. Nähmen sie das nicht au, so wollte man den
beschwerten Ständen ebenfalls wie in Religionssachen helfen. Eine
Beschlußfassung über eine etwaige Erstreckung der Einung auf
Profansachen and über die Einrichtung eines Austrags für den
Fall, daß es unter den Verbündeten selbst zu Streitigkeiten käme,
wurde auf den nächsten Bundestag verschoben*).
Dieser, für den Frankfurt in Aussicht genommen wurde, sollte
auch über die Mängel des Bundes beraten. Sie waren gerade in
1) Alles nach dem Bundeeabschied.
2) Aitinger an Ldgf. Dez. 12. Kopie davon schickte Philipp am 26. Dez.
an Kf., R^. H. p. 513, No. 174.
3) Kf. an die Räte Jan. 13, Reg. H. p. 421, No. 154, II, Or.
4) Philipp war zwar im Prinzip einverstanden, fürchtete aber, daß viele
andere Bnndeestände nicht dafür zu haben sein würden. Außerdem hatte er
selbst Bedenken dagegen, sich auf alle Dinge, die die Städte hätten, einzulassen,
und meinte, selbst die Häuser Sachsen und Brandenburg, Württemberg, die
rheinische Einung und wahrscheinlich auch Kaiser und König ausnehmen zu
müssen. (Ldgf. an seine Räte in Nürnberg Jan. 24, P. A. No. 650, Konz.)
5) Die Räte an Kf. Jan. 30, Reg. E. p. 52, No. 109, Or.
6) Ee handelt sich zunächst nur um ein Bedenken des Ausschusses, das ad
referendum genommen wurde (Reg. H. p. 421, No. 154, II). Der Abschied zeigt
aber, daß man es zum Beschluß erhob. Zustimmung des Kf. vom 21. Febr. an
die Räte, Reg. K p. 52, No. 109, Or.
Beiträge xnr oeuereo Geschichte ThSringees I, 2. 24
Digilized by Google
370
Kapitel III.
Nürnberg wieder sehr stark hervorgetreten. Mit der Zahlung des
dritten Doppelmonats war es sehr mangelhaft bestellt, immer wieder
mußten die Botschafter über alle wichtigeren Fragen erst nach
Hause berichten u. dgl. m. Unangenehm wurde vor allem empfunden,
daß bald in der einen, bald in der anderen Frage einzelne Stände
sich absonderten. So nahm Württemberg an allem, was mit dem
braunschweigischen Unternehmen zusammenhing, nicht teil ‘), Pom-
mern verweigerte in Nürnberg jede Beteiligung an den Beratungen,
ehe die Stände sich über seine Irrung mit Dänemark erklärt hätten *),
und von einer Zugehöiigkeit des Herzogs Moritz zum Bunde konnte
überhaupt kaum mehr die Rede sein. Beim Kurfürsten ist dem-
gegenüber der Gedanke eines Sonderbündnisses zwischen dem Land-
grafen, Herzog Moritz und ihm aufgetaucht. Philipp wollte sich
jedoch höchstens dann darauf einlassen, wenn der schmalkaldische
Bund daneben fortbestände *). Außerdem befürwortete der Kurfürst
die Ersetzung der abfallenden Mitglieder durch neue, vor allem
durch die Aufnahme Jülichs, von dem er voraussetzte, daß es
jetzt nach Annahme des Abendmahls unter beiderlei Gestalt zum
Eintritt in den Bund bereit sein würde ‘). Er fand damit aber
beim Landgrafen wenig Anklang’), und so kam denn auch kein
Beschluß darüber zustande, obgleich Johann Fiiedrich ausdrück-
lich hervorhob, daß der jetzige Krieg natürlich nicht unter das
Bündnis gehören solle®).
Auch über manche anderen Bundeserweiterungen wurde in
Nürnberg verhandelt. Einverstanden war man mit der Aufnahme
des Pfalzgrafen Ottheinrich. Dagegen wurde über die Schwedens,
über die Dänemark schon seit längerer Zeit verhandelte, eine Be-
schlußfassung noch verschoben, da man befürchtete, daß der König
nur in den Bund woUe, weil er jetzt in Not sei, und daß er
1) G^en den Abschied protestierte es, soweit er Braunschwdg betraf.
2) Die Räte an Kf. Jan. 30, Febr. 16/16, Reg. E. p. 52, No. 109, Or. Der
Kf. war mit dem Verhalten der Herzöge sehr unzufrieden. An die Räte
Jan. 30, ebenda. VergL Heling, XI, S. 44ff.
3) Kf. an Ldgf. Febr. 26, M. P. C. I, 623 Anm. Or. in P. A. Sachsen,
Emeetinische Linie, 1543 März. Ldgf. an Kf. März 4, M. P. C. ebenda, Or. in
Reg. H. p. 525, No. 176.
4) Kf. an Ldgf. Jan. 23, Or. P. A. Sachsen, Elmestinische Linie, 1543 Jan.
VergL Ranke, IV. S. 208.
5) Ldgf. an Kf. Jan. 29, R^. H. p. 519, No. 175, Or.
6) Kf. an Ldgf. Febr. 9, ebenda, Konz.
Digitized by Google
Bund und Reich; Die Jahre der üneicherhdt 1542 — 1546. 37X
bald Hilfe begehren werde. Der Landgraf meinte deshalb, daß
man den Bund jedenfalls auf Religionssachen beschränken müsse.
Der Kurfürst war weniger bedenklich, doch kam ein Beschluß in
Nürnberg noch nicht zustande ‘). Manches Kopfzerbrechen machte
auch das Gesuch des Bischofs von Münster um Aufnahme in den
Bund. Vielen schien die eines geistlichen, nicht erblichen Fürsten
bedenklich. Man half sich schließlich in der Weise, daß man sich
bereit erklärte, den Bischof zusammen mit denjenigen seiner
Stände und Städte, die dem Evangelium geneigt seien, aufzu-
nehmen, wenn auch das Kapitel und die ganze Landschaft noch
nicht eingewilligt hätten. Man woUte den Bischof daher zunächst
auch nur wenig belasten. Erst wenn die Kapitel seiner 3 Stifter
und die Stände und Städte der Landschaft seinem Eintritt in den
Bund zustimmten, sollte er stärker herangezogen werden*).
In allen diesen Fragen hat der Kurfürst eine bemerkens-
werte Bereitwilligkeit gezeigt. Auch dem Gedanken der Aufnahme
Wilhelms von Fürstenberg in den Bund stimmte er sofort freudig
zu®), ja sogar mit der von Metz und mit der Unterstützung der
dortigen Protestanten war er jetzt einverstanden ®). Zurückhaltender
als den Landgrafen finden wir ihn nur gegenüber den mancherlei
Gerüchten von Werbungen, die in den ersten Monaten des Jahres
1543 wieder gingen. Er war geneigt, die Lage für weniger ge-
fährlich anzusehen, als Philipp, wollte auch nur im äußersten Not-
fall Gegenmaßregeln ohne Zustimmung der anderen Bundesstände
ergreifen ®). Deren Beschluß ging schließlich dahin, daß Rüstungen
für jetzt noch nicht nötig seien, daß man aber gut aufpassen müsse *).
1) Nach dem Bundesabechied. Ueber Bchweden vergL Ldgf. an Ef. ÄprU 15,
Reg. H. p. 536, No. 178, Or. Kf. an Ldgf. April 24, Konz., Or. in P. A.
2) Mte an Kf. Febr. 16, Reg. E. p. 52, No. 109, Or. Ein Bedenken über
die Anfnahme von demselben Tage in Reg. H. p. 421, No. 154, II. Ef. an die
Räte Febr. 21, R^. E. ebenda, Or. Der Absdiied. Vergl. Franz Fischer,
8. 63 ff.
3) Vergl. P. C. III, 344. Kf. an die Räte Jan. 30, Reg. E. a. a. O.
4) Die bendong von Manderschäd nud Peter Sturm erfolgte auch mit im
Namen des Kf. Instruktion vom 8. März ans Torgan, Reg. H. p. 458, No. 162,
Konz. Vergl. P. C. III, 359, 1. Winckelmann, Jahrbuch, S. 229f.
5) Ldgf. an Kf. Jan. 12, 14, 20, Reg. H. p. 513, No. 174, Or.; Febr. 19,
Reg. H. p. 519, No. 175, Or. Kf. an Ldgf. Jan. 23, Febr. 1, 3, Reg. H. p. 513,
No. 174, Konz.; Febr. 22, Reg. H. p. 519, No. 175, Konz. etc.
6) Abschied vom 28. April.
24*
Digilized by Google
372
Kapitel UL
Natürlich wurden die Werbungen mit der braunschweigischen
Sache in Zusammenhang gebracht. Sie bat auch sonst den Bundestag
vielfach beschäftigt. Erwähnt zu werden verdient, daß man nun
endlich beschloß, die schon in Braunschweig geplante Gesandtschaft
an den Kaiser zur Ausführung zu bringen. Sie sollte die doppelte
Aufgabe haben, eine Entschuldigung in der braunschweigischen
Sache vorzubringen und über die Verhandlungen zu berichten, die
auf dem Reichstag über Frieden und Recht stattgefunden hatten.
Ihre Instruktion sollte durch jene kursächsischen, hessischen und
frankfurtischen Rechtsgelehrten verfaßt werden, die auch über die
Kammergeiichtsvisitation beraten sollten. Sie sollten sich auch
darüber unterreden, was man auf dem Verhörtag in der braun-
schweigischen Sache Vorbringen wolle.
Vorausgehen sollte der Sendung an den Kaiser eine Schrift
an ihn, in der ebenfalls jene beiden Punkte erörtert werden sollten.
Man wollte Straßburg ersuchen, Dr. Kopp damit zum Kaiser zu
schicken. Er wurde überhaupt als SoUicitator für die Angelegen-
heiten der Bundesstände am kaiserlichen Hofe ins Auge gefaßt ‘). —
Gerade nachdem der Nürnberger Reichstag mit einem so
völligen Bruch der Protestanten mit dem übrigen Reiche geendet
hatte, mußte es ja für jene wertvoll erscheinen, das Verhalten des
Kaisers genau zu beobachten. Es ist begreiflich, daß ihre Stim-
mung zunächst etwas sorgenvoll war*), daß sie für nötig hielten,
anderen Fürsten gegenüber ihre Haltung in Nürnberg zu recht-
fertigen, und auch schon an militärische Vorbereitungen dachten*).
Fast als eine Beruhigung konnte es erscheinen, daß Ferdinand
seine Bemühungen fortsetzte, die Protestanten für die Türkenhilfe
zu gewinnen. Könneritz wurde deswegen an den Kurfürsten und
Landgrafen gesandt. Letzterer war nicht abgeneigt, die Hilfe zu
leisten, um dadurch den Kaiser und den König von der katho-
lischen Partei im Reiche abzuziehen. Johann Friedrich aber be-
stand unbedingt darauf, daß man an den Nürnberger Beschlüssen
festhalte. Er betonte nicht mit Unrecht, daß etwaige Versiche-
rungen der Habsbuiger in Widerspruch stehen würden zu dem
1) Nach dem Bundeaabechied.
2) Ldgf. an Kf. April 24, Eeg. H. p. 53ö, No. 178, Or.
3) Ldgf. an Kf. April 28, Beg. H. p. 541, No. 179, Or. Der Kf. emptehl
am 8. Mai, mit Rüatuogen noch zu warten und weitere Kundschaft abzuwarten.
Die anderen Stände seien ja doch nicht dafür zu haben. Ebenda, Konz.
Digilized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542—1546. 373
Nürnberger Abschied, und daß jene daher stets die Wahl haben
würden, welche Versprechungen sie halten wollten. Der Landgraf
fügte sich den Wünschen des Kurfürsten*). Auch wir werden
dessen Haltung billigen können. Wohl fehlt es nicht an fried-
lichen Aeußerungen des Kaisers aus dieser Zeit*), aber auf die
Dauer konnte man sich darauf doch nicht verlassen. Der Kurfürst
hielt an seiner ablehnenden Haltung auch gegenüber direkten Auf-
forderungen des Kaisers und erneuten Lockungen des Landgrafen
fest. Auf keinen Fall wollte er ohne Zustimmung der anderen
Verbündeten etwas bewilligen*).
Auch in anderen Punkten hielt sich Johann Friedrich streng an
die Nürnberger Beschlüsse und nötigte dadurch auch die anderen
Verbündeten dazu. So fand denn auch die in Aussicht genommene
Zusammenkunft sächsischer, hessischer und frankfurtischer Juristen
in Eisenach statt. Man beriet über die braunschweigische Frage
und über die Beschickung des auf den 3. Juli angesetzten Visi-
tationstages in Speier und beschloß, diesen zu beschicken*). Der
Kurfürst war unter dem Eindruck des Schreibens des Kaisers vom
26. Mai damit einverstanden, doch sollte die definitive Entscheidung
erst auf dem schmalkaldischen Bundestage erfolgen*). Dorthin
war nämlich der in Nürnberg für Frankfurt in Aussicht genommene
Tag verlegt worden. Am 27. Juni begann er seine Beratungen*).
Als erster Punkt wurde die Frage der Beschickung des Visitations-
tages vorgenommen. Nur aus Rücksicht auf das Schreiben des
Kaisers beschloß man eine Entschnldigungsgesandtschaft nach
Speier zu schicken. Diese durfte sich aber nicht auf die Visitation
1) Kredenz für Kfinneritz Mai 2, Reg. H. p. 463, No. 163, Or. Seine
Werbung und die Antwort, die Ldgf. und Kf. ihm am 18. gaben, ebenda. Kf.
an Eberb. v. d. Thann Mai 11, ebenda. Ldgf. an Kf. Mai 4. und 13, Reg. H.
p. 541, No. 170, Or. Kf. an Ldgf. Mai 11, ebenda, Konz.
2) Qranrella an Ldgf. Mai 14. Duller, S. 54ff. Vergl. ferner Lanz,
Staatspapiere, S. 379—382.
3) Der Kaiser an Kf. und Ldgf. Mai 26, Neudecker, Urk., 8. 665 — 667.
Kf. an Ldgf. Juni 20, Reg. H. p. 546, No. 180, Konz, und Kopie. Ldgf. an Kf.
Juni 27, ebenda. Or.
4) Kf. an Ldgf. Juni 22, Neudecker, Urk., S. 654 f.; P. C. III, 416.
Ossa und Sindringer an Kf. Juni 24, Reg. H. p. 501, No. 171, I, Or. Die
hessischen Ges. in Schmalkalden an Ldgf. Juni 28, Neudccker, Äktenst,
S. 338—344; Langenn, Ossa, S. 48; P. A. No. 670 — 672, juristische Akten.
5) Kf. an Ldgf. Juni 24, Neudecker, Urk., S. 661 ff.
6) P. C. III, 405.
Digitized by Google
374
Kapitel III.
selbst einlassen, sondern nur eine Beteiligung ihrer Herren in Aus-
sicht stellen, wenn die den Protestanten verdächtigen Mitglieder
des Gerichts entfernt würden. Würde die Visitation trotzdem vor-
genommen, so sollten die Gesandten protestieren ').
Diesen Beschlüssen gemäß wurden Heinrich Schneidewin für
Sachsen und Johann Kendel für Hessen nach Speier geschickt und
gäben am 11. Juli die ihrer Instruktion entsprechende Erklärung
ab. Die kaiserlichen Kommissare ließen sich auf keine weiteren
Verhandlungen mit ihnen ein, sondern schickten das von den pro-
testantischen Gesandten übergebene Schriftstück einfach dem Kaiser
zu. Aus der Visitation selbst aber wurde nichts, sie mußte, da
nicht genug Visitatoren erschienen waren, auf den 1. Oktober ver-
schoben werden*).
An zweiter Stelle beriet man in Schmalkalden über die seit
langem geplante Gesandtschaft an den Kaiser. Berichte Kopps
vom kaiserlichen Hofe waren zwar noch nicht eingetroffen *).
das Schreiben Karls vom 26. Mai aus Genua aber hatte einen
nicht ganz ungünstigen Eindruck gemacht, man hofite auf etwas
größeres Entgegenkommen in den Fragen Friedens und Rechts.
Die Aufgabe der Gesandten sollte daher nicht nur sein, die Pro-
testanten wegen der Nichtannahme des Nürnberger Abschieds zu
entschuldigen und darzulegen, warum die Versicherung über Frieden
und Recht nicht genüge, sondern sie durften auch, wenn der Kaiser
in diesen Punkten eine bessere Erklärung abgab, eine viermonatige
Türkenhilfe bewilligen. Viele der ständischen Vertreter faßten aller-
dings diesen Beschluß ohne Vollmacht, und ihre Oberen sollten erst Zu-
stimmungserklärungen an den Kurfürsten und Landgrafen senden *).
Die Fertigstellung der Instruktion für die Gesandten hat noch
längere Zeit in Anspruch genommen®). Wie von vornherein in
1) iDBtruktion für die Ges. Juli 2, Keg. H. p. 475, No. 167, 1, Konz.; P. C.
III, 405 f.
2) Lanz, Korresp., II, B. 395. Berichte der Gee. an Kf. und Ldgf. vom 14.
und 27. Juli in Keg. H. p. 501, No. 171, IL Or. Seckendorf, III, S. 420.
3) Der erste vom 20. Juni traf am 2. Juli in Straßburg ein. P. C. III,
8. 396 ff.
4) P. C. III, 406. Räte an Ldgf. Juli 2, Neudecker, Aktenst, S. 344 fi
5) Räte an Ldgf. Juli 6, Neudecker a. a. O. S. 357 ff.; P. C. III. 414f.
Die Instruktion vom 15. Juli, Reg. H. p. 489, No. 168, Konz, und Or. Ldgf. an
seine Ges. Juli 19, P. A. 675. Abschied vom 21. Juli, Reg. H. p. 475, No. 167, III
(Urk. No. 1636), Or.
Digilized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Uneicherheit 1542 — 1546. 375
Aussicht genommen wai-, sollten sie auch über die braunschweigische
Angelegenheit mit dem Kaiser verhandeln. Eine kurze Neben-
instruktion wurde ihnen dafür mitgegeben, die große Haupt-
instruktion sollte ihnen nur zu ihrer eigenen Belehrung dienen*).
Blicken wir, ehe wir die Schicksale dieser Gesandtschaft weiter
verfolgen, noch auf die übrigen Beratungen und Beschlüsse des
schmalkaldischen Tages, so stellte man nach Erledigung der Sendung
an den Kaiser die braunschweigische Sache aus Rücksicht auf
Württemberg zurück und nahm zunächst die in Nürnberg unerledigt
gebliebenen Punkte vor. Dabei führte dann die Frage der Ver-
eidigung der Stimmen zu heftigen Streitigkeiten zwischen den
Vertretern der Städte, die sie wünschten, und denen des Kurfürsten
und Landgrafen, die sie ablehnen mußten. Man sah sich schließlich
genötigt, die weiteren Beratungen über diese Frage auf den
nächsten Bundestag zu verschieben*).
Auch über die Frage der Ausdehnung des Bundes auf Profan-
sachen konnte man sich nicht einigen. Man verschob sie daher
auch auf den nächsten Bundestag und ließ es vorläufig bei den
Schweinfurter und Nürnberger Beschlüssen, daß man in der
Frage der Rekusation für einen Mann stehen wolle. Erörtert
wurde auch wieder der Gedanke der Schaffung eines Austrages
für Streitigkeiten der Verbündeten untereinander, man beschloß
aber, erst noch abzuwaiten, ob vielleicht der nächste Reichstag
gleichmäßiges Recht bringe, und eventuell dann während dieses
Reichstages die Angelegenheit von neuem zu beraten*). .
Ferner wurden in Schmalkalden die Verhandlungen über die
Aufnahme neuer Mitglieder fortgesetzt. Alle Stände waren bereit,
Schweden aufzunehmen, doch nur unter strikter Beschränkung des
Bundes auf Religionssachen und unter der Vorraussetzung recht
bedeutender Zahlungen Schwedens. Sachsen und Hessen sollten die
weiteren Verhandlungen führen*). Auch die mit Pfalzgraf Ott-Heinrich
kamen noch nicht zum Abschluß, da er nur halb so viel zahlen wollte,
1) Die NebeninBtrnktion in Reg. H. p. 475, No. 167, I, Kopie.
2) Die Räte an Ldgf. Juli 8, Neudecker, Aktenst, S. 362 ff.; P. C. III,
8. 421. Räte an Ldgf. Juli 15, Neu decket, Aktenst, S. 387. Abschied vom
21. Juli. Der Standpunkt des Kf. ergibt sich aus Briefen an seine Oes. vom
5. und 10. Juli, Reg. H. a. a. O. vol. II, Bl. 50 f. 98 ff.
3) Abschied vom 21. Juli.
4) Ebenda. Ve^L ferner P. C. III, 415, 5; P. A. No. 674; Seckendorf,
III, S. 418.
Digilized by Google
376
Kapitel III.
wie Herzog Emst von Lüneburg, und die Gesandten keine Voll-
macht batten, darauf einzugehen. Auch über Metz fanden wieder
Beratungen statt. Man beschloß, mit den kaiserlichen Räten über
die Sache zu sprechen, schrieb auch an den Metzer Rat und forderte
ihn auf, gemäß dem Vertrage vom 16. März einen protestantischen
Prediger zu dulden, regte auch ein Religionsgespräch an ^). Noch
nicht zu einem Resultat führten Verhandlungen über die Auf-
nahme Wolfgangs von Zweibrücken und einiger anderer kleinerer
Stände. In bezug auf den Bischof von Münster erneuerte man den
in Nürnberg gefaßten Beschluß. Der Landgraf wurde mit den
weiteren Verhandlungen beauftragt. Er sollte auch noch einen
Versuch machen, durch eine persönliche Zusammenkunft Herzog
Moritz beim Bunde festzuhalten. Eursachsen sollte ihm die Grund-
lagen liefern, um die Gründe, die der Herzog gegen seine Zuge-
hörigkeit zum Bunde vorbrachte, zu widerlegen. Auch Hans von
Eüstrin hoffte man noch beim Bunde festhalten zu können. Ebenso
sollten weitere Versuche gemacht werden, die Bewilligung sechs
weiterer einfacher Monate auch von den Ständen zu erlangen, die
sie bisher abgelehnt hatten. Da es sich dabei nur um sächsische
Stände handelte, fielen diese Verhandlungen natürlich dem Kur-
fürsten zu. Der dritte Doppelmonat sollte binnen zwei Monaten
bezahlt werden, und man wollte auf dem nächsten Bundestage
darüber beraten, wie gegen Säumige vorzugehen sei. Dorthin, d. h.
nach Frankfurt, sollten auch alle Rückstände gezahlt werden. Alle
Stände, die seit dem Eoburger Abschied in den Bund eingetreten
waren, soUten angehalten werden, ihren Anteil am Geschütz zu er-
legen *).
Zu nicht uninteressanten Debatten führte ein Hilfsgesuch des
Königs von Dänemark. Er war in einen Konflikt mit dem Kaiser
und der Königin Marie geraten und hatte seine Verbündeten schon
während des Nürnberger Tages um Hilfe gebeten®). Sie verschoben
1) P. C. III, 414. SächsiiKhe und hessische Räte aus Schmalk. an Kf. und
Ldgf. Juli 17, R^. H. p. 458, No. 162. Die Verbündeten an Metz Juli 20,
Winckelman, Jahrbuch, 8. 233. VergL Seckendorf, III, S. 400.
2) Alles nach dem Abschied. Ueber Münster vergl. Franz Fischer, 8.69.
3) Kg. Christian an Kf. und Ldgf. Febr. 26, Reg. H. p. 510, No. 173, Or.
Beilage dazu ein sehr ausführlicher Bericht über die Entstehung des Konflikts,
ebenda No. 172 B, Or. Antwort des Kf. vom 16. März, ebenda, Konz. Kf. an
Ldgf. März 16, Reg. H. p. 530, No. 177, Konz. Ldgf. an Kf. März 21, ebenda,
Or. Vergl. Schäfer, IV, S. 457 ff.
Digilized by Google
Bund und Reich : Die Jahre der Unnicherheit 1542—1546.
377
die Beschlußfassung auf den schmalkaldischen Tag, und auf diesen
verwies auch Johann Friedrich den dänischen Gesandten Förster,
als er am 10. Juli eine neue Werbung wegen der Hilfe an ihn
richtete *). Dem Landgrafen gegenüber sprach sich der Kurfürst
entschieden für die Unterstützung Dänemarks aus, da sie nach
Niederwerfung Jülichs und Ermattung oder Abwendigmachung
Dänemarks das Land zu Braunschweig und schließlich auch sich
selbst schwer würden retten können *). Wie oft in dieser Zeit, war
auch diesmal der Landgraf der Kleinlichere und Bedenklichere. Er
meinte, daß die Stände schwerlich für die Unterstützung zu haben
sein würden, da es sich nicht um eine Religionssache handle. Auch
er selbst hatte offenbar wenig Lust zur Hilfsleistung und verwies
darauf, daß der König nicht der angegriff'ene Teil sei. Auch das
Neben Verständnis mit Dänemark kam nach seiner Ansicht nicht in
Frage, da auch dieses nur einen defensiven Charakter habe, doch
empfahl er, erst noch den Wortlaut einzusehen. Daß der König
gegen den Brannschweiger eine Geldnnterstützung geleistet hatte,
schien ihm nichts auszumachen, da ja Goslar und Braunschweig
damals angegriffen gewesen seien*). War schon der Landgraf so
bedenklich, so war erst recht nicht zu erwarten, daß die anderen
Verbündeten zur Hilfsleistung bereit sein würden. Man erkläi-te,
daß die Frage, um die es sich handle, nicht unter den Schutz des
Bundes gehöre, und lehnte daraufhin die Unterstützung ab*).
Johann Friedrich war mit diesem Beschluß durchaus nicht ein-
verstanden. Er machte daher den Versuch, auf Grund des
Bündnisses in Profansachen doch noch eine Hilfe zu erlangen,
besonders auch wegen der Unterstützung, die Christian gegen
den Braunschweiger geleistet hatte. Der Landgraf war aber
nicht für eine Beteiligung an einer solchen Politik zu haben,
und so blieb schließlich auch dem Kurfürsten nichts anderes
übrig, als sich den Wünschen seiner Verbündeten zu fügen.
1) Kredenzbrief für Förster vom 12. Juni, Reg. H. p. 510, No. 172 B, Or.
Seine Werbung vom 10. Juli, ebenda, Or. undatiert.
2) Kf. an Ldgf. Juli 11, ebenda, Kopie und Konz., Or. P. Ä. Sachsen, Er-
neetinieche Linie, 1543. Ahtenst. No. 48.
3) Instruktion für die hessischen Räte in Schmalkalden vom 24. Juni, P. A.
No. 675, Or. Benutzt bei Rommel, II, 8. 454 ff. Ldgf. an Kf. Juli 13, Reg. H.
a. a. 0., Or.
4) Abschied vom 21. Juli; P. C. III, 415, 5.
Digilized by Google
378 Kapitel III.
Man lehnte die Hilfe also ab, weil der König nicht angegriffen
sei *).
Stets ist diese Haltung der Schmalkaldener als kurzsichtig
getadelt worden. Wir sehen, daß Johann Friedrich keine Schuld
an ihr trug.
Nachdem die wichtigsten Bundesangelegenheiten erledigt waren,
trat man in Schmalkalden ohne die wfirttembergischen Gesandten
in die Beratung über die braunschweigische Sache ein’). Es kam
darüber zu tagelangen Erörterungen trotz der Vorbereitungen, die
die in Eisenach versammelt gewesenen Räte getroffen hatten. Sie
hatten unter anderem ein „Faktum“ in der braunschweigischen Sache
verfaßt, das den Ständen in Schmalkalden vorgelegt werden sollte ’).
Zu Erörterungen führte auf dem Bundestage vor allem die Frage
der Kosten der Verwaltung des Braunschweiger Landes. Sie waren
größer als die Einnahmen, und man beschloß daher, daß die Ver-
waltung vereinfacht werden solle. Auch die Schuldenlast des
Herzogtums und ihre Tilgung führte zu Verhandlungen. Die
braunschweigischen Stände schlugen vor, einige Aemter zu diesem
Zwecke zu verpfänden, ln Schmalkalden konnte man sich nur
schwer dazu entschließen. Man empfahl, zunächst die geistlichen
Güter, soweit sie nicht zum Kirchendienst gebraucht würden, für
die Schuldentilgung zu verwenden, genehmigte aber auch, daß
eventuell ein oder zwei Aemter versetzt würden*).
Eine große Meinungsverschiedenheit gab es über die Frage der
Schleifung der Festungen, über die schon seit der Eroberung des
Landes immer wieder verhandelt worden war. Zeitweilig hatte sich
sogar der Landgraf dafür ausgesprochen, während der Kurfürst
immer entschieden dagegen gewesen war“). In Schmalkalden
standen beide zusammen den Städten und dem Herzog von Lüne-
burg gegenüber, die sowohl wegen der Kosten, wie für den Fall
1) Kf. an Ldgf. Juli 19, Or. P. A. Sachsen, hlmeetinische Linie, 1543 Juli.
Ldgf. an Kf. Juli 19, Reg. H. p. 510, No. 172 B, Or. Ldgf. an seine Bäte Juli 20.
P. A. 575, Or. Kf. an Ldgf. Juli 22, Beg. H. ebenda. Kf. und Ldgf. an Kg.
Christian Juli 22, ebenda, Konz.
2) Allmählich wurde es üblich, die an dem braonschweigiBchen Unternehmen
beteiligten Stände als die „Defensionsverwandten“ zu bezeichnen.
3) Kf. an seine Bäte Juli 3, P. A. No. 673, Kopie.
4) P. C. III, 418 f. Abschied vom 21. Juli, Beg. H. p. 475, No. 167, vol. I.
5) Kf. an Ldgf. 1542 Dez. 26, Ldgf. an Kf. 1543 Jan. 10, Beg. H. p. 513,
No. 174, Konz, und Or.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Dneicherheit 1542 — 154ß.
379
der Wiedereinsetzung der Kinder Herzog Heinrichs die Schleifung
wünschten. Die beiden Bundeshauptleute wollten höchstens zu-
geben, daß die Festungen zum Teil gebrochen würden. Da die
andere Partei damit nicht zufrieden war, kam schließlich gar kein
Beschluß zustande, die anderen Stände erklärten aber, daß sie
weitere Kosten der Festungen wegen nicht tragen würden ‘).
So machte die braunschweigische Frage immer wieder ihre
zerstörende Wirkung im Bunde geltend. Der Kurfürst und der
Landgraf, die während eines Teiles des Tages in Eisenach bei-
sammen gewesen wai-en, vor allem aber der Kurfürst, wurden
durch die in Schmalkalden und w'eiterhin gemachten Erfahrungen
in eine etwas bundesmüde Stimmung versetzt*). Das mag mitge-
wirkt haben, um bei Johann Friedrich eine etwas kleinmütigere
Auffassung der Lage und der dem Kaiser gegenüber zu befolgenden
Politik zu erzeugen. Die Hauptursachen für diese Umstimmung
werden wir aber doch wohl auf anderen Gebieten zu suchen haben.
Sie lagen einerseits in der Entwicklung, die die jülichschen An-
gelegenheiten genommen hatten, andererseits in der Aufnahme, die
die protestantische Gesandtschaft beim Kaiser fand. —
Wir hatten die jülichsche Frage bis zum Scheitern der Nürn-
berger Verhandlungen verfolgt. Dadurch wai- es nun so gut wie
sicher geworden, daß es zu einem Zusammenstoß zwischen dem
Kaiser und Herzog Wilhelm kommen w'ürde. Die Folge davon w’ai-,
daß jetzt der Herzog ernstlich an eine Reformation seines Landes
dachte, und daß er nunmehr auch beim schmalkaldischen Bunde
Anschluß zu gewinnen suchte. Er dachte sogar schon daran, persön-
lich an dem bevorstehenden Bundestage teilzunehmen*). Eventuell
woBte er sich auch mit einem Bündnis mit dem Kurfürsten, dem
Landgrafen, dem Kurfürsten von Köln und dem Bischof von Münster
begnügen ^). Johann Friedrich hat demgegenüber zwar die Veiwerfung
des Nürnberger Vertrags durch den Herzog gebilligt, auch erlaubt,
daß Melanchthon sich zu diesem begab, im übrigen aber gab er sich
1) Ldgf. an Kf. Juli 14, Reg. H. p. 546, No. 180, Or. Kf. an Ldgf. Juli 17,
P. A., Or. Neudecker, Aktenst H. 372. 3861. P. C. III, 4191.
2) Kl. an Ldgl. Aug. 9, 31, Reg. H. p. 551, No. 181, Konz. Ldgl. an Kl.
8ept. 5, ebenda, Or.
3) Der Hz. an Kl. Mai 16, Reg. C. No. 892, BI. 39/40. Dölzig an Kl. Mai 17,
ebenda BL 43 — 16. Heidricb, S. 93.
4) Hz. an Kl. Mai 22, Reg. C. No. 892, Bl. 59, Or. Heidricb, B. 94,
Anm. 2.
Digitized by Google
380
Kapitel III.
keinerlei Illusionen hin. Der Emst der Reformationsabsichten des
Herzogs schien ihm zweifelhaft, er woUte auf keinen Fall bei einem
„Flickwerk“ mitwirken, vor allem aber war er sich völlig darüber
klar, daß auf eine Aufiiahme des Herzogs in den Bund jetzt nicht
zu rechnen sei. Er riet ihm daher sogar von der Beschickung des
schmalkaldischen Tages ab. Auch für ein solches Sonderbündnis,
wie der Herzog es vorhabe, sei es jetzt zu spät. Vor einigen
Jahren hätte man darüber handeln können, jetzt werde sich der
Landgraf auf keinen Fall darauf einlassen 0.
Das einzige, was Johann Friedrich jetzt für den Herzog tun zu
können glaubte, war, daß er neue Vermittlungsversuche zu seinen
Gunsten in Gang brachte. So sprach er mit dem Landgrafen darüber,
als er Anfang Juli in Eisenach mit ihm zusammenkam. Wirklich ließ
sich Philipp bereit finden, noch einen Versuch zu machen. Er erbot
sich, an Granvella den Vorschlag gelangen zu lassen, daß zwischen
dem Herzog und den Burgundern ein Anstand bis zum Reichstag
und während desselben gemacht werden solle. Während dieser Zeit
könne man dann vielleicht die Sache vertragen’). Der Kurfürst
ließ den gleichen Vorschlag an den Herzog gelangen, und dieser
war jetzt klar genug über seine Lage, so sehr „des Krieges müde“,
daß er darauf einging’), wenn auch in etwas verklausulierter Form.
Der Landgraf dagegen erhielt von Granvella eine schroft’ ablehnende
Antwort^). Es war deutlich, daß der Kaiser die vollständige De-
mütigung des Jülichers wünschte. Dieser Gefahr gegenüber ver-
suchte dieser noch mehrfach, den Kurfürsten zu bestimmen, ihn
wenigstens mit Geld zu unterstützen ’), er fand dabei einen warmen
Fürsprecher an dem kurfürstlichen Rat Dölzig, der auf alle die
schlimmen Folgen hinwies, die die Unterwerfung des Herzogs für
die Protestanten haben müsse *). Es waren Argumente, wie sie der
1) Kf. an den Hz. Mai 28, Beg. 0. No. 892, Bl. 69—76, Konz. H eidricb,
S. 93. Kf. an Dolzig und Melanchtbon Mai 28, ebenda Bl. 77—79. Heidricb,
S. 93 f.
2) Kf. an Hz. Wilbebn Juli 4, Reg. C. No. 893. Bl. 3—8, Konz. Heid-
rich, S. 95.
3) Der Hz. an Kf. Juli 13, ebenda Bl. 13—17, ür.; Juli 18, Reg. C. No. 891,
Bl. 112, Hdbf.
4) Burcbard an Kf. Ang. 1, Reg. H. p. 489, No. 168, Hdbf.
5) Hz. an Kf. Juli 18, vcrgl. Anm. 3; Aug. 21, Reg. C. No. 894, Bl. 58, Hdbf.
6) Dolzig an Kf. Aug. 1, Reg. C. No. 894, Bl. 3/4, Hdbf.; Aug. 21, ebenda
Bl. 59—62, Hdbf.; Aug. 26, ebenda, Or.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
Kurfürst oft genug selbst seiuen Verbündeten gegenüber gebraucht
hatte, es wäre aber Tollkühnheit gewesen, wenn er jetzt noch ein-
mal, wie im Herbst 1542, allein für den Herzog eingetreten wäre ‘).
Nur durch Verhandlungen konnte er noch für ihn zu wirken suchen.
So benutzte er z. B. auch die Anwesenheit Burchards am kaiser-
lichen Hofe, um ihn mit Granvella über Jülich reden zu lassen;
der sächsische Bat hatte den Eindruck, als ob vielleicht durch
eine persönliche Reise einiger Reichsfürsten zum Kaiser noch etwas
zu machen sei, der Landgraf wies aber auch diesen Gedanken zu-
rück*). Er war sich klar darüber, daß alles vergeblich sei, und
bald brach ja dann die Katastrophe über den Herzog herein.
Gerade die Aeußerungen Granvellas sowohl gegen Burchard wie
gegen den hessischen Gesandten Kreuter zeigten nun aber, wie
außerordentbch groß die Erbitterung des Kaisers gegen den Kur-
fOi'sten noch war. Es war begreiflich, daß sich in diesem Be-
fürchtungen regten, daß er selbst nach dem Herzog an die Reihe
kommen werde, und daß er dadurch in eine etwas kleinmütige
Stimmung geriet*).
Diese Kleinmütigkeit äußerte sich z. B. in der Art und Weise,
wie er im Juli einen französischen Gesandten behandelte, der für
JflUch um Hilfe bitten sollte^), sie kam zum Ausdruck in seiner Be-
reitwilbgkeit, den Kaiser im Kriege mit Frankreich mit Geld zu
unterstützen, wenn dafür ein Anstand in der geldiischen Sache und
Befreiung von der Türkenhilfe erlangt werde*), vor allem aber
kann man sich über sie aus der Korrespondenz mit dem Land-
grafen belehren. Johann Friedrich wünschte, daß dieser seine
guten Beziehungen zum Kaiser zum allgemeinen Besten benutze *),
1) Kf. an Dölzig Aug. 28, ebenda Bl. 93/94, Aktenst. No. 50. An den Hz.
Ton demselben Tage, ebenda Bl. 96 — 99, Aktenst. No. 51.
2) Relation Burchards vom 3. — 12. Aug., Reg. H. p. 489, No. 168. Kf. an
Ldgf. R^. H. p. 551, No. 181, Konz. Ldgf. an Kf. Aug. 14, ebenda, Or.
3) Kf. an Hz. v. Jfilich Aug. 24, Reg. C. No. 894, BL 78 — 80, Konz.
4) Er empfing ihn gar nicht, schickte ihm Burchard entgegen. Er folgte
dabei einem Gutachten Brücks. Lenz, II, S. 208, Anm. 1. Seckendorf, III,
S. 427. Kf. an de Lacroix Juli 23, Reg. H. p. 441, No. 157 B. Das Bedenken
Brücke, ebenda. Kf. an Hz. v. Jülich, Juli 25, Reg. C. No. 891, Bl. 113 — 116.
Burchard an Kf. Juli 26, Reg. H. p. 510, No. 173, Hdbf.
5) Kf. an Burchard Aug. 4, Reg. H. p. 489, No. 168, Or., beruhend auf
einem Gutachten Brücks vom 26. Juli, Reg. C. No. 384, Or.
6) Kf. an Ldgf. Aug. 1, Rommel, II, S. 461.
Digitized by Google
382
Kapitel III.
daß er vor allem bestimmte Auskunft über die Stimmung Karls
zu erhalten suche. Es schien jetzt dem Kurfürsten ratsam, daß
man durch Gewährung der Türkenhilfe eine genügende Versiche-
rung des Kaisers über Frieden und Recht zu erlangen suche *).
Am 9. August hoffte er noch, durch die Antwort, die der Kaiser
den protestantischen Gesandten erteilte, Klarheit zu gewinnen.
Wenn sich feindselige Absichten des Kaisers aus ihr ergäben, so
riet er, ihn entweder dadurch zu versöhnen, daß man ihm
eine Hilfe von 40— 50000 11. gewähre, oder gegen ihn in den
jülichschen Krieg einzugreifen und so den Krieg von den eigenen
Landen femzuhalten. Für diesen Fall müsse man die Bundes-
genossen nehmen, wo man sie fände, dürfe Frankreich, Dänemark,
Jülich nicht ausschlagen *).
Der Landgraf sah die Lage weit weniger bedenklich an, nur
auf einen Angrifl’ des Braunschweigers glaubte er sich gefaßt
machen zu müssen, meinte auch, daß man in dieser Angelegenheit
eine bestimmte Erklärung des Kaisers erzielen müsse *). Auch der
Kurfürst beruhigte sich etwas infolge der Berichte seiner Gesandten
am kaiserlichen Hofe*), völlig allerdings nicht, vor allem hielt er
stets an der Anschauung fest, daß die Nichtunterstützung Jülichs
ein Fehler gewesen sei*). Wie es seine Art war, fügte er sich
aber den Wünschen seiner Verbündeten, um so leichter, da ja die
Ergebnisse der Gesandtschaft an den Kaiser nicht ganz ungünstig
gewesen waren. —
Die Gesandten hatten, an das kaiserliche Schreiben aus Genna
anknüpfend, darlegen sollen, daß ihre Herren durchaus nicht
genügend Frieden und Recht hätten und daher mit vollem Recht
den Reichsabschied nicht angenommen hätten. Sie sollten ferner
die Unmöglichkeit einer Anerkennung des Kammergerichts dar-
legen, solange dessen verdächtige Mitglieder nicht abgesetzt seien.
Der Kaiser möge dafür und überhaupt für Frieden und Recht
1) Zu berücksicbtigeD ist allerdings auch, daß der Kf. auf Orund der Nach-
richten, die er selbst aus Ungarn erhielt, auch jetzt wieder an die Wirklichkeit
der Türkengefahr glaubte. (B^. B. No. 1649.)
2) An Ldgf. Äug. 9, Beg. H. p. 551, No. 181, Or., zum Teil Chiffre.
Aktenst. No. 49.
3) Ldgf. an Kf. Aug. 14, ebenda, Or.
4) An Ldgf. Aug. 20, Konz., ebenda.
5) Vergl. besonders an Ldgf. Aug. 31 und Sept. 8, Konz., ebenda, Or.
P. A. Sachsen, Ernestinische Linie, 1543 Sept Aktenst No. 52.
Digitized by Google
Bund und Keich: Die Jahre der Unsicherheit 1542—1546. 383
sorgen; dann werde er sie in bezug auf die Türkenhilfe gehorsam
finden. lieber deren Maß müßten die Gesandten allerdings erst
noch Erkundigungen ihrer Auftraggeber einziehen. Weiterhin
sollten sie auch noch den Standpunkt der Protestanten in der
braunschweigischen Sache darlegen ‘). Von kursächsischer Seite
nahm Burchard an der Gesandtschaft teil. Die ersten Verhand-
lungen mit Karl V. verliefen wenig befriedigend, da er eigent-
lich alles auf die Zukunft verschob. Die endgültige Antwort, die
Granvella und Naves erteilten, lautete aber doch nicht ganz aus-
sichtslos. Der Kaiser gab zunächst darin für die Zeit seiner An-
wesenheit im Reiche eine bestimmte Friedensversicherung ab, die
Beurlaubung der Kammergerichtspersonen lehnte er allerdings
vor der Visitation ab, für später versprach er, die zu ent-
fernen, die verdächtig befunden würden. Die Beseitigung der
Ungleichheit der Anschläge, um die die Protestanten auch gebeten
hatten, stellte er erst für den Reichstag in Aussicht. Am wenigsten
befriedigend lautete seine Antwort in der braunschweigischen
Sache, da er Restitution des Landes vor dem Verhör verlangte “).
Im übrigen war der Landgraf der Meinung, daß man mit der
kaiserlichen Antwort zufrieden sein und nuu die Türkenhilfe be-
willigen könne*). Johann Friedlich war zwar weniger zufrieden,
stimmte aber doch auch der Hilfsleistung zu, bestand allerdings
darauf, daß vorher erst noch eine Versammlung der Verbündeten
berufen werde, doch gab er zur Beschleunigung der Sache gleich
im Ausschreiben die Türkenhilfe als Beratungsgegenstand an und
bat die Bundesstände sofort um Zustimmung zu ihrer Gewährung ‘).
Es war nicht wirkliche Ueberzeugung von der Beseitigung der
Gefahr, sondern eher Furcht, die auch ihm jetzt eine gewisse Nach-
giebigkeit geraten erscheinen ließ. Auch ihm kam es eben darauf an,
einen Konfiikt mit dem Kaiser zu vermeiden. Deswegen hatte er
Burchard noch besondere geheime Aufträge an Granvella und
1) lustruktion vom 15. Juli, R^. H. p. 489, No. 168, Or.
2) Am klarsten die Antwort des Kaisers in Brief Boyneburgs an Ldgf.
vom 16. Aug., Reg. H. p. 551, No. 181. Beilage zu Brief des Ldgf. an Kf. vom
21. Aug. Vergl. Lanz, Staatspap., 8. 383 f. Seckendorf, III, 8. 419.
Sleidan, II, 8. 316f. Akten in Reg. H. p. 489, No. 168. Dort auch Berichte
Burchards, er war schon am 17. Aug. wieder in Weimar, während die anderen
Gesandten ihre Bemühungen noch fortsctzten. P. C. III, 427 ff.
3) Ldgf. an Kf. Aug. 10, 14, 21, 25, Reg. H. p. 551, No. 181, Or.
4) Kf. an Ldgf. Aug. 20, ebenda, Konz.
Digitized by Google
384
Kapitel III.
eventuell auch den Kaiser gegeben. Er sollte zunächst die Haltung
des Kurfürsten in der jülichschen Sache entschuldigen und zugunsten
Jülichs wirken, ferner aber auch die Wahlsache beizulegen suchen*).
Der Gesandte ist durch Granrella anfangs sehr schroff behandelt
worden, später hat er aber doch ganz befriedigende Erklärungen
erzielt*), so daß im September sogar ein recht freundschaftlicher
Briefwechsel zwischen dem Kurfürsten und dem kaiserlichen Minister
möglich war®). —
Eins der Mittel, durch das der Kurfürst und der Landgraf ihre
Dienstfertigkeit zu beweisen suchten, war die Berufung des Frank-
furter Bundestages zur Beschlußfassung über die Türkenhilfe. Außer-
dem sollte über die braunschweigische Defension und über die
Visitation des Kammergerichts beraten werden*). Der Kurfürst
betrachtete als den Hauptpunkt offenbar die Frage der Türken-
hilfe. Er war, wenn die Mehrheit sich dafür erklärte, einver-
standen damit, daß jetzt die in Schmalkalden in Aussicht ge-
nommene viermonatige Hilfe geleistet würde, er wollte sich aber
auch einem gegenteiligen Beschluß der Stände fügen. Er sprach
sich ferner jetzt für die Beschickung des Speierer Visitationstages
aus, ein Ausschuß sollte auf Grund der Gutachten der Gelehrten
einen Beschluß über die Art und Weise der Visitation fassen, den
die nach Speier bestimmten Bäte mitnehmen sollten. Der Kurfürst
hatte auch nichts dagegen, daß man an den Kaiser schriebe, er
wünschte sogar, daß man sich bei ihm darüber beschwere, daß das
Kammergericht fortfahre, gegen Kursachsen zu procedieren. Sollte
es deswegen zur Acht kommen, so müsse man für einen Mann
stehen ®). Wegen des Schreibens an den Kaiser hat Johann Fried-
rich dann am 19. September seinem Gesandten Burchard eine
Weisung nachgeschickt zusammen mit einem Entwurf für die dem
1) Bciinetruktion des Kf. für Burchard an Granrella Juli 24, Reg. H. p. 489,
No. ica
2) Bericht Burchards über die Verhandlung vom 3. — 12. Ang., ebenda,
eigenh. Konz, und Reinschrift.
3) Kf. an Granrella Sept. 1, Reg. C. No. 895, BL 47 ff. lateinisches, 55 fl.
deutsches Konz. Granrella an Kf. Scpt 13, ebenda Bl. 76.
4) Kf. sendet das Ausschreiben am 20. Ang., datiert ist es schließlich rom
27. Aug. Seckendorf, III, S. 419. Brandenburg, I, S. 248, 3. Reg. H.
p. 490, No. 169. Vergl. auch P. C. III, 433.
5) Instruktion des Kf. für Minckwitz, Sindringer und Burchard rom 11. SepU,
Reg. H. p. 490, No. 169, II, Or.
Digitized by Google
Bund und Bdch: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
385
Kaiser in der braunschweigischen Sache and in der Frage der Tfirken-
hilfe zu erteilende Antwort. Der KurfOrst hatte nichts dagegen, daß
man außer der Hilfe, die auf dem Reichstag bewilligt war, noch einen
Znzug leiste, wenn der Kaiser den Protestanten dafür eine Versiche-
rung gäbe, daß sie von Herzog Heinrich nichts zu befürchten hätten').
Die Befürchtungen wegen eines von dem Herzog drohenden
Angriffs waren damals beim Kurfürsten und Landgrafen wieder
sehr groß, sie dachten schon an Rüstungen und planten unter
anderem, die Schweizer in ihre Dienste zu nehmen*). Auch eine
kaiserliche Versicherung erschien dem Kurfürsten durchaus nicht
als volle Sicherheit, da man im nächsten Jahre auf demselben
Fleck stehen werde wie jetzt, aber er hielt damals doch einiges
Entgegenkommen für nötig *). Man kann seine Auffassung von der
Lage im September 1543 überhaupt dahin zusammenfassen, daß
sie ihm noch recht bedenklich erschien, daß er Beschlüsse des
Bundes darüber wünschte, wie man sich im Falle der Gefahr ver-
halten wolle, daß er aber zu den anderen Verbündeten sehr wenig
Vertrauen hatte und daher bereit war, auf annehmbare Bedingungen
der Gegner einzugehen*).
Unter dem Einfluß dieser Stimmungen stand der Frankfurter
Bundestag, der Ende September zusammentrat. Man hat sich hier
zunächst mit dem Visitationstag beschäftigt und die Instruktion für
die Gesandten, durch die man ihn beschicken wollte, fertiggestellt *).
Von sächsischer Seite wurden Erasmus von Minckwitz, Melchior
Kling und Ulrich Mordeisen gesandt. Die Tagung in Speier be-
gann am 1. Oktober und hat monatelang gedauert*).
1) Ef. an Borchard Sept. 19, Reg. H. p. 490, No. 169, II, Or.
2) Ldgf. an Kf. Bept. 5, Reg. H. p. 551, No. 181, Or. Vergl. Clemen,
Heit, S. 134 f.
3) An Burchard Sept. 19, Reg. H. p. 490, No. 169, II. Or.
4) An Burchard Sept 24, ebenda, Or. Korreepondenz mit dem Ldgf. meist
undatierte Zettel, einer des Kf. vom 25. Sept, Reg. H. p. 555, No. 182, I. II.
Aktenst No. 53. Eine etwas zuversichtlichere Stimmung zeigte der Kurfürst
gegenüber den Vermittlungsanerbietungen des Grafen Albrecbt von Mansfeld.
Der Qf. an Kf. Sept 26, Reg. H. p. 510, No. 173, Hdbf. Aufzeichnungen über
Verhandlungen mit dem Grafen in Loc. 9656 „des Landgraf»] zu Hessen . . .
1543/44", BL 26-36. 37—40.
5) Vom 28. Sept, R^. H. p. 490, No. 169, I. Burchard an Kf. Sept 23,
25, ebenda voL II, Or.
6) Seckendorf, III, S. 420ff., Harpprecht, V, S. 151 ff. und Akten
in Reg. H. p. 501, No. 171, I.
Beiträge inr neueren Geschichte Thäringens I, 3. 25
Digitized by Google
386
Kapitel III.
ln Frankfurt hat man sich dann weiter mit den geplanten
Briefen an den Kaiser beschäftigt. In einem vom 29. September
bewilligte man die Türkenhilfe auf 4 Monate, erklärte jedoch aus-
drücklich, daß es nicht auf Grund des Reichsabschiedes geschehe,
und bat gleichzeitig den Kaiser, für Einstellung der Kammer-
gerichtsprozesse, überhaupt für Frieden und Recht zu sorgen ').
Die Zahlung des bewilligten Geldes sollte bis Martini in Nürnberg
erfolgen *). In einem zweiten Schreiben vom 2. Oktober richtete
man die Bitte an Karl, in der braunschweigischen Sache keine
Schritte zn tun, ehe sich die Protestanten auf dem Reichstage ge-
rechtfertigt hätten. Ursprünglich war dabei ein Passus hinzugefügt,
daß der Kaiser ihnen die Restitution „ohne vorhergehende genüg-
same Handlung“ nicht zumuten werde. Auf Veranlassung des
Landgrafen wurden von den niederdeutschen Gesandten auf der
Rückreise in Marburg die beschränkenden Worte dieses Passus
gestrichen. Man machte den Oberdeutschen zwar sofort Mitteilung
davon, aber es war begreiflich, wenn sie doch etwas verwundert
über eine solche Eigenmächtigkeit waren®).
Von den sonstigen Beschlüssen des Frankfurter Tages ist noch
hervorzuheben, daß man den bevorstehenden Reichstag recht statt-
lich und zahlreich beschicken, auch Brandenburg, Köln, Münster
u. a. zu gemeinsamem Vorgehen veranlassen wollte. Wegen der
„gefährlichen Läufte“ sollten alle gute Kundschaft halten, den Ober-
hauptleuten berichten und ihr Volk anheimhalten. Die Festsetzung
von Strafen für säumige Zahler der Bundesbeiträge wurde auf
den nächsten Bundestag verschoben ‘). Dieser sollte gleichzeitig
mit dem Speierer Reichstage abgehalten werden. Dessen Nähe,
ebenso wie der Zug des Kaisers gegen Frankreich®) wirkte be-
ruhigend auf die Stimmung der Verbündeten, auch der Brief, mit
1) Oes. der Stände an den Kaiser Sept. 29, Reg. H. p. 490, Ko. 169, L
2) Abschied vom 3. Okt, Reg. H. ebenda, Urk. P. C. III, 434, 4. Sleidan ,
II, a 327.
3) Die in Frankfurt Tersammelten Stände an den Kaiser Okt. 2, Reg. H.
p. 490, No. 169, I, Kopie. Ldgf. an Kf. Okt 8, Reg. H. p. SS.*), No. 182, II, Or.
Die in Marburg Versammelten an Ulm Okt. 6, Reg. H. p. 490, No. 169, II,
Kopie. Die Antwort der Ulmor vom 18. Okt. sandte Ldgf. am 29. Okt dem
Kf., Reg. H. p. B55, No. 182, II; P. C. III, 434, Anm. 4.
4) Abschied vom 3. Oktober.
5) Kf. an Ldgf. Sept. 23, Reg. H. p. 551, No. 181, Konz.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
387
dem Karl das Frankfurter Schreiben beantwortete , lautete zu-
friedenstellend *), und der Gang des Visitationstages in Speier war
nicht ganz ungünstig, erreichte man doch die Entfernung des
mainzischen Kanzlers Jonas und vermochte zu verhüten, daß das
Kammer^ericht über die Beobachtung des Reichsabschiedes von
1530 befragt wurde*).
Auch in der braunschweigischen Sache konnte man sich einiger-
maßen sicher fühlen, nachdem der Kaiser Moritz die Vermittlung
darin übertragen hatte®). Allerdings erwartete weder der Land-
graf noch der Kurfürst von dieser Vermittlung eine wirkliche Bei-
legung des Streites, sie waren auf unannehmbare Vorschläge ge-
faßt*). Tatsächlich lief ja dann die Forderung des Kaisers auf
Restitution entweder an den Herzog selbst oder an ihn hinaus,
worauf die Bundeshäupter sich auf keinen Fall ohne irgendwelche
Garantien für das künftige Geschick des Landes einlassen wollten.
Man half sich Moritz gegenüber damit, daß man seine Vermittlung
zwar acceptierte, aber erklärte, eine definitive Antwort erst nach
Beratung mit den Verbündeten erteilen zu können, die am besten
auf dem Reichstag stattfinden werde ®). Inzwischen erörterten
der Kurfürst und der Landgraf untereinander aber schon die
Frage, wie man sich der Restitutionsforderung gegenüber ver-
halten oder was man sonst für Bedingungen stellen solle. Beide
Fürsten hatten auch ihre Gelehrten schon darüber zu Rate ge-
zogen. Der Kurfürst war geneigt, sofort Vorschläge darüber zu
machen, auf welcher Grundlage man mit dem Herzog verhandeln
könne, und dabei als Grund für die Verweigerung der Sequestration
auch die religiösen Verhältnisse hervortreten zu lassen. Der Land-
graf hielt teils aus Rücksicht auf die anderen Verbündeten, teils
1) Kaiser an die Protestanten Okt. 17, Seckendorf, III, S. 419; M. P. C.
I, 690, 1; Brandenburg, I, S. 255. Kopie in Reg. H. p. 555, No. 182, vol. II
und öfter.
2) Viele Akten in Reg. H. p. 501, No. 171, 1 und II. Vergl. etwa in fase. II
Miuckwitz, Kling und Mordeisen an Kf. Not. 9.
3) Karl an Moritz Okt 11. M. P. C. I, 689 f.
4) Kf. an Ldgf. Nov. 3, M. P. C. I, 696, 2. Ldgf. an Kf. Not. 4, ebenda.
Kf. an Ldgf. Not. 16, ebenda S. 697, 2.
5) Verhandlungen zwischen Moritz und dem Ldgf. Tom 2. Dez., M. P. C.
I, 699 — 708, zwischen Al berlinischen Räten und Kf. Dez. 29, M. P. C. I, 718
—720.
25*
Digitized by Google
388
Kapitel III.
um nicht merken zu lassen, daß vor allem religiöse Gründe die
Rückgabe Braunschweigs hinderten, beides zurück. Die Antwort,
die man Moritz erteilte, beschränkte sich daher auf die Erklärung,
daß sie erst auf dem Reichstag mit ihren Verbündeten beraten
müßten, und die Bitte, zu bewirken, daß sie vor dem Reichstag
zu einem öffentlichen Verhör in der Sache kämen, auch setzte man
die Gründe auseinander, weshalb man dem Kaiser bisher keinen
ausführlichen Bericht über die braunschweigische Angelegenheit
erstattet habe '). Da der Kaiser sich mit dieser Antwort zufrieden
gab *), so kam es also auch für diese Vemdcklung auf den Verlauf
des Reichstages an. —
Das Charakteristische für diesen Reichstag ist, daß die be-
gonnene Annäherung der Protestanten, vor allem auch des Kur-
fürsten an den Kaiser fortgesetzt wurde. Schon daß Johann Friedrich
sich ohne allzu große Schwierigkeiten entschloß, den wiederholten
Einladungen des Kaisers stattzugeben und persönlich den Reichs-
tag zu besuchen^), zeigte, wie sehr sich die Lage etwa gegen 1541
geändert hatte. Während der Kurfürst ferner auf den letzten Reichs-
tagen immer dagegen gewesen war, daß man sich auf Verhand-
lungen „im Reichsrat“, d. h. nach Kollegien einließe, beauftragte er
seine Gesandten diesmal ausdrücklich, einen Versuch damit zu
machen, vielleicht weil er hoffte, daß man andere Stände auf diese
Weise beeinflussen könne ®). Auch nachdem er selbst am 18. Februar
eingetroffen war, hat Johann Friedrich zunächst wie an den offi-
ziellen Reichstagszermonieu, so auch an den Sitzungen des Kur-
1) Kf. und Ldgf. an Moritz 1544 Jan. 1, M. P. C. II, 5—9, beruhend auf
Ldgf. an Kf. Dez. 26, K^. H. p. 574, No. Ib8, I, Or. Ueber die weitergehendeo
Wünsche des Kf. rergl. Kf. an Ldgf. Dez. 29, P. Ä. No. 690, Kopie. Dazu gehört
da» Bedenken der Wittenberger Theologen vom 20. Dez., Burkhardt, S. 435
—437. Vergl. M. P. C. II, 6, Anm. 2.
2) Karl V. an Moritz Jan. 30, M. P. C. II, 20, No. 571.
3) Es sind solche da vom 2. Juni und 23. Nov. 1543 und 2. Jan. 1544.
Beg. E. p. 55a, No. 110.
4) Er äufierte die Absicht, zu kommen, z. B. Dez. 26 gegen Hans Hofmann
nach dessen Brief vom 2. Jan. 1544, Loc. 10674 „zweites Buch, Handlung zwischen
.•. .“, Or. Zugordnung u. dgl. in Reg. E. p. 55a, No. 110.
5) Instruktion für die Räte vom 6. Jan., in Reg. E. p. 55a, No. 110, Or.
Der Kf. war aber bereit, sich in dieser Frage einem Beschluß der anderen Stände
zu fügen. Vergl. auch Lenz, II, S. 1S4.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 154ö. 389
fürstenrates teilgenommen*). Dabei trat dann aber in diesem so-
wohl wie im Fürstenrat sehr bald eine große Differenz zwischen
den Protestanten und den Ständen der anderen Partei hervor, in-
dem jene wünschten, daß vor der Beratung über die vom Kaiser
und König in ihren Propositionen begehrten Hilfsleistungen wider
die Türken und Frankreich erst die Punkte Friedens und Rechts
erledigt würden, während die andere Partei sofort über die Türken-
hilfe beraten und die Erledigung der anderen beiden Punkte dem
Kaiser überlassen wollte*). Da man sich über diese Fragen nicht
einigen konnte, kam es doch wieder dahin, daß die Protestanten
„für einen Mann standen“ und sich absonderten. Verhältnismäßig
schnell ist es aber dem Kaiser gelungen , die Schmalkaldener
zu bestimmen, wenigstens in die gleichzeitige Beratung beider
Gegenstände zu willigen*). Vor allem der Kurfürst trat für die
Erfüllung der Wünsche des Kaisers ein*), während allerdings manche
städtische Vertreter, z. B. Jakob Sturm, mit diesem Verfahren gar
nicht einverstanden waren ‘). Johann Friedrich wird wahrscheinlich
die Nachgiebigkeit als eine rein formelle angesehen haben, er wenig-
stens hielt bis zum Schlüsse des Reichstages daran fest, daß eine wirk-
liche Bewilligung der Hilfe erst möglich sei, wenn man auch über
Frieden und Recht befriedigende Erklärungen erlangt habe, und es
bat gegen Ende des Reichstages noch manchen harten Zusammen-
stoß deswegen gegeben *). Zunächst aber trat man nun also in die
Beratung innerhalb der Kollegien wieder ein.
Es ist, wie gesagt, vielleicht gar nicht nötig, nach be-
sonderen Gründen für das Verhalten des Kurfürsten zu suchen.
Da es aber den Zeitgenossen ohne solche nicht erklärlich
schien, so dürfen auch wir uns vielleicht die Frage vorlegen, ob
1) Berichte über die Audienz beim Kaiser ii. dgl. in Reg. E. p. 55a, No. 113.
114; Ossa, S. 46. Armstrong, II, S. 25. Protokoll der Beratungen im Kur-
fürstenrat Reg. EX p. 55a, No. 112. Vergl. de Boor, S. 35f. P. C. III, 458ft
2) Nach dem Protokoll des Kurfüretenratcs und P. C. III, 462.
3) P. C. III, 462 f. Reg. E. p. 55a, No. 111.
4) de Boor, S. 37. C. R. V, .3361.
5) Besonders nicht mit der BewUligung der Hilfe gegen Frankreich. P. C.
III, 467 f. 476 f.
6) Protokoll der Sitzungen des Kurfürstenrates, Reg. E. p. 55a, No. 112. Kf.
an Jüh. Ernst, April 8, Cob. Arch. A. I, 28, b 1, No. 12, Konz. Die zwischen
dem Kaiser und den Protestanten gewechselten Schriften in Reg. E. p. 55a, No. 111.
de Boor, S. 53. 60f. P. C.
Digitized by Google
390
Kapitel III.
deren vorhanden waren. Und da muß nun doch darauf hingewiesen
werden, daß tatsächlich außerordentlich günstige Erklärungen von
kaiserlicher Seite Vorlagen, daß man auf protestantischer Seite
auch sehr wohl über die zwischen Kaiser und Papst bestehenden
Differenzen unterrichtet war und daher sogar Zugeständnisse
Karls auf religiösem Gebiete nicht für gänzlich unmöglich hielt*).
Für den Kurfürsten und Landgrafen kam ferner allerdings stets in
Betracht, daß sie es wegen der braunschweigischen Sache nicht
gern mit dem Kaiser verdarben. Ob für Johann Friedrich auch
seine Zwistigkeiten mit Moritz und mit Albrecht von Mainz irgend-
wie bestimmend waren, bleibe zunächst dahingestellt *). Mit Sicher-
heit dagegen können wir annehmen, daß die .\ussicht, durch kaiser-
liche Vermittlung alle seine Streitigkeiten mit Ferdinand beizulegen,
die ihm der Reichstag eröffnete, und damit verbunden die Hoffnung
auf Bund, ja vielleicht sogar Familienverbindung mit den Habs-
burgern nicht ohne Wirkung auf ihn blieb. Das war ja ein Ziel,
dem stets seine Neigung gegolten hatte®).
Alles das hat aber doch, um es noch einmal zu betonen, keine
Nachgiebigkeit des Kurfürsten in prinzipiellen Dingen zur Folge
gehabt. Er hat die Türkenhilfe nur bedingungsweise bewilligt, und
auch die anderen schmalkaldischen Stände hielten an diesem Stand-
punkt fest. Sie erreichten dadurch, daß schließlich sogar die Ge-
samtheit der Stände den Kaiser bat, die Punkte Friedens und Rechts
zu erledigen *). Karl beauftragte darauf die Kurfürsten von der Pfalz
und von Brandenburg, Naves und den alten Herrn von Madruzzo.
die Verhandlungen darüber in die Hand zu nehmen®). Sie kamen
in ihren Vorschlägen den Protestanten so weit entgegen, daß sie den
1) Burchard an Kf. Jan. 21, Reg. E. p. 55a, No. 110, Hdbf.; Secken-
dorf, III, S. 473. Antwort des Kf. vom 27. Jan., ebenda, Or. Bnrchard an
Kf. Febr. 4, ebenda, Hdbf. Daß wenigstens Ferdinand damals aufrichtig einen
Frieden wünschte, darf man wohl aus seinem Brief an den Kaiser vom 18. Okt.
1543 schließen. Lanz, Korr., II, S. 396—399. Vergl. über die Lage anch
Druffel, Abh. Bayr. Ak. XIII, S. 161 f.
2) de Boor, 8. 44ff. nimmt es an, auch Ossa, S. 47 denkt an eigen-
nützige Beweggründe der einzelnen Stände.
3) Mit umfangreichen Ratschlägen, z. B. über den Türkenkrieg, war er auch
damals gleich wieder bei der Hand, Reg. E. p. 55a, No. 112.
4) de Boor, 8. 62 f. Vergl. P. C. III, S. 489. Zahlreicbe Akten über die
Funkte Friedens und Rechts in Reg. E. p. 55a, No. 111.
5) P. C. III, 497. Burchard an Ponikau April 30, Reg. E. p. 55a, No. 1 10,
Hdbf.
Digitized by Google
Bund und Reich; Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546. 391
Katholiken nnaunehmbar erschienen ; ähnlich stand es mit manchen
späteren Vorschlägen des Kaisers *). Auch mit dem, was schließlich
in den Abschied kam, waren die Katholiken weniger zufrieden als
die Protestanten*). Diesen war man tatsächlich weiter als je ent-
gegengekommen. Man verlängerte ihnen den Nürnberger Frieden
bis zum Konzil oder bis zur Religionsvergleichung, man suspendierte
die Prozesse gegen sie während dieser Zeit und stellte in Aussicht,
daß auf dem nächsten Reichstag neue Beisitzer für das Kammer-
gericht ohne Unterschied der Religion präsentiert werden sollten*).
Dafür bewilligten nun also die Protestanten eine Defensivhilfe
gegen Frankreich, deren Ertrag eventuell auch gegen die Türken
verwendet werden durfte, und eine Offensivhilfe gegen die Türken.
Lange Debatten hat es darüber gegeben, in welcher Weise die
Hilfe aufgebracht werden solle, ob auf Grund der alten Anschläge
oder eines gemeinen Pfennigs. Der Kurfürst hielt auch jetzt wieder
aufs entschiedenste an seinem ablehnenden Standpunkt gegenüber
dem gemeinen Pfennig fest und fand dabei Unterstützung bei
Pfalz und Trier im Kurfürstenrat und bei den „vermögenden
Ständen“ im Fürstenrat ‘). Da man sich nicht einigen konnte,
wurden dem Kaiser am 21. April zwei verschiedene Gutachten
überreicht. Er schlug vor, die Defensivhilfe, die sofort geleistet
werden sollte, nach den alten Anschlägen zu leisten, die Offensiv-
hilfe dagegen auf Grund eines gemeinen Pfennigs. Die Stände
bewilligten darauf am 26. jene nach den alten Anschlägen, für
die Beratung über diese setzten sie einen Ausschuß ein, der
wieder einen engeren Ausschuß bildete. Dieser sprach sich am
31. Mai ebenfalls für den gemeinen Pfennig, zahlbar am letzten
November, aus, da die Anschläge jetzt nicht so schnell reformiert
1) P. C. III, 499. 504/505. de Boor, 8. 65«. 74«.
2) Abschied vom 10. Juni. Schon am 28. Mai war man aber einig. P. C.
III, 5091. de Boor, 8. 77f.
3) Sleidan, II, 8. 347«. Seckendorf, III, 8. 475f. Banke, IV,
8. 219«. Neue Sammlung der Beicbsabschiede (1747), II, 495«. de Boor,
S. 85 «. Daß der Kurfürst mit dem Erreichten zufrieden war, zeigt z. B. Brief
an Ldgf. vom 29. Mai, Reg. H. p. 574, No. 188, II, Konz.; an die Bäte Juni 4,
Reg. E. p. 56a, No. 113.
4) Protokoll des Kurfürstenrates. Burchard an Ponikau April 9 und 19,
Reg. El p. 55a, No. 110, Hdbf. Ein ausführliches eigenhändiges Bedenken des
Kf. über den gemeinen Pfennig ebenda No. 114. Vergl. Ossa bei Langenn,
8. 58. Druffel, Abh. Bayr. Ak. XIU, S. 173, 25.
Digitized by Google
392
Kapitel lU.
werden könnten. Da anzunehmen war, daß auch der große Aus-
schuß sich diesem Beschluß anschließen würde, protestierte Kur-
sachsen dagegen, erbot sich jedoch, ebensoviel zu zahlen, wie irgend
ein anderer Kurfürst*).
Nicht ganz zufrieden war man auf protestantischer Seite auch
mit der Bestimmung des Abschieds, daß der Religionszwiespalt auf
einem gemeinen freien christlichen Konzil entschieden werden solle
oder, wenn dieses nicht zustande käme, auf dem Reichstag im
nächsten Winter, und daß die einzelnen Stände zu diesem Zweck
Reformationsentwürfe ansarbeiten sollten. Man hielt wenigstens
für nötig, einen Protest wegen des Konzils und der Autorität des
Papstes einznreichen und zu erklären, daß man sich dadurch nicht
aus der kaiserlichen Deklaration begeben wolle*).
Auch in der braunschweigischen Sache kam es in Speier zu
keinem ganz befriedigenden Resultat. Die Position der Verbündeten
wurde dadurch geschwächt, daß zwischen ihnen selbst, d. h. den
Bundeshäuptem einerseits, den oberdeutschen Städten anderseits
so geringe Einigkeit bestand. Den Städten erschien die Restitution
oder auch die Sequestration als ganz annehmbar, während sich die
beiden Fürsten auf beide durchaus nicht einlassen wollten*). ^Zu-
gute kam andererseits den Verbündeten, daß der Kaiser mit den
beständigen Umtrieben und Kriegsvorbereitungen Herzog Heinrichs
nicht einverstanden war und eine friedliche Erledigung des ganzen
Stieitfalls wünschte. Im Sinne Sachsens und Hessens wäre aller-
dings gewesen, daß der Herzog von den Reichstagsverhandlnngen
überhaupt ausgeschlossen worden wäre. Darauf ließ sich zwar
der Kaiser nicht ein, doch erlaubte er, daß sie eine kurze Pro-
testation gegen die Teilnahme des Herzogs verlasen. Heinrich ließ
es natürlich an einer Antwort nicht fehlen. Daß Sachsen und
Hessen darauf erwiderten, erlaubte der Kaiser nicht, kurz, er be-
mühte sich unparteiisch zu sein*). So war es wieder gar nicht
sehr nach dem Sinne des Herzogs, wenn endlich am 5. April den
Verbündeten das lange geplante Verhör gewährt, ihnen also Ge-
legenheit gegeben wurde, ihr Vorgehen gegen ihn zu rechtfertigen.
1) Der ganze Schriftwechael in Reg. E. p. 55a, No. 111. Vergl. de Boor,
8. 57. 82 f.
2) de Boor, 8. 94. Reg. H. p. .563, No. 183.
3) P. C. III, 454 ff. 460 ff.
4) Ebenda 8. 458ff. de Boor, 8. 99ff.
Digitized by Google
Bund und Kelch: Die Jshre der Uneicherheit 1542 — 1546. 393
Der sächsische Kanzler Ossa hielt einen fünfstündigen Vortrag vor
Kaiser, König und Keichsständen, aber in Abwesenheit Herzog
Heinrichs*). Der Kaiser hat darauf nicht geantwortet, sich nur
am 20. April mit dem Landgrafen in nicht unbefriedigender Weise
über die Sache unterhalten*) und außerdem Heinrich Gelegenheit
gegeben, sich vor ihm, König Ferdinand, Trier, Brandenburg, Jülich
und dem Landgrafen von Leuchtenberg zu verteidigen®).
Karl V. selbst hat sich erst im Mai der braunschweigischen
Sache angenommen. Er blieb bei seiner Forderung der Restitution
des Herzogs oder der Uebergabe des Landes in seine, des Lehn-
herm, Hand. Er wollte es dann bis zum rechtlichen Ausspruch be-
halten ®). Die Protestanten lehnten nach heftigen Kämpfen zwischen
dem Landgrafen und den Oberländern am 17. Mai auf Grund eines
Mehrheitsbeschlusses sowohl die Restitution wie die Sequestration
ab und erboten sich zum Recht vor dem reformierten Kammer-
gericht oder vor unparteiischen Kommissaren ®). Der Kurfürst
schloß sich dabei durchaus den Ansichten an, die der Landgraf
vertrat*), war aber sehr wenig damit einverstanden, als dieser in
seiner Abschiedsaudienz beim Kaiser andeutete, daß man allen-
falls Statthalter und Räte des Landes sowohl dem Kaiser wie den
Defensionsverwandten schwören lassen könne. Der Sachse hatte
gegen diesen Gedanken zwar an sich nichts, fürchtete aber, daß
der Kaiser dadurch in seiner Hartnäckigkeit bestärkt werden
würde, auch lag kein derartiger Bundesbeschluß vor. Alle Ver-
suche des Landgrafen, seinen Schritt zu rechtfertigen, fruchteten
nichts *).
Der Kaiser war übrigens fern davon, auf jenen Vorschlag ein-
zugehen, er blieb bei seiner Restitutionsforderung, wobei er weniger
1) Sleidan, II, S. 338ff. Hortleder, I, 2, 8. 857— 914. Langenn,Owa,
8.5a de Boor, 8. 29. P. C. III, 484f. Brandt, I, 8. 63.
2) Ein Bericht über diese Unterredung in Keg. H. p. 563, Xo. 183.
3) DieReplik gedruckt bei Hortleder, I, 2, 8. 915 — 971. Vergl. Sleid an,
II, 8. 342. P. C. III, 488. de Boor, 8. 31.
4) P. C. III, 501.
5) Ebenda 8. 506 f. Burchard an Kf. Mai 14, Keg. E. p. 55a, Xo. 113,
Hdbf.; P. Ä. Xo. 697.
6) Kf. an Burchard Mai 15, Keg. E. ebenda.
7) Kf. an die Räte Mai 22, ebenda. Ldgf. an Kf. Mai 18, 25, Keg. H.
p. 574, Xo. 188, II, Or. Kf. an Ldgf. Mai 22, 29, ebenda, Konz. Ldgf. an Kf.
Juni 3, Kf. an Ldgf. Juni 7, ebenda.
Digitized by Google
394
Kapitel III.
das Interesse Herzog Heinrichs, als seine eigene Reputation und
den Frieden des Reiches als Beweggrund anfQhrte. Die kur-
sächsischen und hessischen Gesandten, die die größte Mühe hatten,
die anderen Stände von völliger Nachgiebigkeit femzuhalten, mußten
sich entschließen, etwas entgegenzukommen. Sie willigten also
in die Sequestration, suchten aber durch allerhand Klauseln die
schädlichen Folgen zu verhüten, die mit einer solchen verbunden
sein konnten. So sollte sich der Kaiser verpflichten, das Land nicht
in andere Hände kommen zu lassen ohne ihre Einwilligung, und
ehe ihnen die Kriegskosten ersetzt seien, die jetzigen Statthalter
sollten bleiben, aber auch dem Kaiser schwören, die jetzt abge-
schlossenen Verträge sollten weiterbestehen u. dgl. m. Der Kaiser
aber wollte nur zugestehen, daß er das Land einem unparteiischen
Fürsten in Verwaltung geben und die Rückkehr Heinrichs nicht
dulden wolle, ehe die Sache erledigt sei, und daß er den Herzog von
kriegerischen Schritten abhalten wolle. Da die schmalkaldischen
Gesandten gar nicht genügend bevollmächtigt waren, konnte kein
Abschluß erzielt werden. Der Kaiser gewährte den Protestanten
6 Wochen Bedenkzeit, um sich über seinen Sequestrations-
vorschlag zu entscheiden, inzwischen sollten der Hesse Keudel und
ein Straßburger ihm gewissermaßen als Bürgen für eine baldige
Entscheidung folgen*). —
Die braunschweigische Sache blieb auch in den nächsten
Monaten im Vordergründe des Interesses. Blicken wir jedoch zu-
nächst noch auf die sonstigen Verhandlungen, zu denen der Reichs-
tag benutzt wurde, so muß vor allem erwähnt werden, was für die
Beilegung der Zwistigkeiten zwischen dem Kurfürsten und König
Ferdinand geschah.
Die Unterhaltungen, die Burchard im August mit Granvella
gehabt hatte, hatten ja zu keinem wirklichen Resultat geführt, aber
doch die freundschaftliche Fortsetzung des Verkehrs ermöglicht.
Es wurde festgehalten an dem Gedanken, daß der Kaiser zwischen
seinem Bruder und dem Kurfürsten vermitteln solle. Auch auf
königlicher Seite nahm mau die Vermittlung an. Eine Erstreckung
des Torgauer Vertrages und der dazu gehörigen Versicherung des
1) Am besten unterrichtet man sich über die letzten Verhandlungen aus den
Akten in P. A. G97 und C99. Vergl. ferner P. C. III, 519, .5. Manches auch in
Reg. H. p. 574, No. 188, II bei dem Brief des Ldgf. vom 14. Juni.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 154Ö.
395
Königs hatte nun auch keine besonderen Schwierigkeiten ‘), ja, wir
dürfen wohl anuehmen, daß der Kurfürst sich vor allem wegen
dieser Verhandlungen auf den Reichstag begab. Auch Rrück war
zugegen und vertrat mit Burchard die kurfürstlichen Interessen,
während von habsburgischer Seite Granvella und Hofmann teil-
nahmen. Ohne Schwierigkeiten war die Sache auch jetzt noch nicht,
man hat von März bis Juni gebraucht, ehe man völlig vertragen
war. So war es z. B. schwer, eine Einigung in der dobrilugkschen
Sache zu erzielen. Der Kurfürst legte auf dessen Besitz so viel
Wert, daß er sogar auf die grünhainschen Dörfer und auf die
Schuld dafür zu verzichten bereit war, der König aber behauptete,
daß eine Abtretung unmöglich sei aus Rücksicht auf seine Ehre
und sein Gewissen und wegen des Widerstandes der böhmischen
Stände. Auch der geplanten Vermählung eines Sohnes des Kur-
fürsten mit Ferdinands Tochter Eleonore stand noch mancherlei im
Wege. Johann Friedrich meinte, daß das Weib in der Religion
dem Manne folgen müsse, und daß die Prinzessin daher schon in
Sachsen erzogen werden solle, die Habsburger wollten das natür-
lich nicht zugestehen, und so einigte man sich schließlich dahin,
daß die Ehe überhaupt nur vollzogen werden solle, wenn vorher
die Eintracht in der Religion zustande gekommen sei*). Von deren
Vorhandensein meinte der Kaiser auch die Bestätigung der jülich-
schen Heirat des Kurfürsten abhängig machen zu müssen*).
Immerhin war das, was man schließlich in den Verträgen vom
7. — 13. Mai erreichte, nicht so ganz unbedeutend. Der Kaiser be-
stätigte die Wiener Lehnserteilung ‘) und die Erbteilung zwischen
Johann Friedrich und Johann Emst*), er bestätigte ferner auch
die Ehe Johann Friedrichs mit Sibylle, doch mußten beide dafür
einen Revers ausstellen, daß sie im Falle des Erbfalles auf alle
ihre Ansprüche auf Geldern und Zütphen zu Gunsten des Kaisers
verzichten würden. Ferner sollte die Bestätigung nur gelten, wenn
1) Hofmann an Kf. Okt. 25, Nov. 30, Loc. 10674 „zweites Buch, Handlung
zwischen . . .“, Or. Kf. an Hofmann Dez. 9, ebenda, Konz.
2) Hortleder, II, 1, S. 293, unvollständig.
3) Korrespondenzen zwischen dem Kurfürsten und seinen Räten über diese
Dinge in Loc. 10674 „zweites Buch, Handlung zwischen . , .“ Briefe Burchards
an Ponikau in Reg. E. p. 55a, No. 110.
4) Am7.Mai, Müller, 8.100; Or.R^.F. p. 55C, No. XII (ürk. No. 1041).
5) Am 8. Mai, Müller, 8. 100; Or. R^. F. p. 54 C, No. XI (Urk. No. 1040).
Digitized by Google
396
Kapitel III.
zur Zeit des Heimfalles des Erbes die Konkordie in der Religion
erreicht sei, oder wenn der Kurfürst oder seine Erben dann ver-
sprächen, daß sie die Untertanen der Herzogtümer bei ihrem
Glauben und ihrer Religion lassen würden. Der Kurfürst seiner-
seits erkannte die Wahl Ferdinands an, wogegen dieser er-
klärte, daß sie dem Kurfürsten und seinen Erben in keiner Weise
nachteilig sein solle. Dobrilugk sollte der Kurfürst bis Martini
an den König zurückgeben. Vor diesem Termin sollten die grün-
hainschen Dörfer durch beiderseitige Kommissare beritten und auf
ihren jährlichen Ertrag hin taxiert werden. Wenn diese sich nicht
einigen könnten, sollte der Burggraf von Meißen Obmann sein.
Ebenso sollte vor jenem Termin festgestellt werden, wie viel der
Kurfürst von der Schuld Maximilians noch zu fordern habe. Beide
Summen sollten dann zusammengeschlagen und dem Kurfürsten ein
entsprechender Teil von den Gütern des Klosters Dobrilugk pfand-
weise überlassen werden gegen Rückgabe des Schuldbriefes Maxi-
milians und die Verpflichtung, die Güter zurückzugeben, wenn der
Pfandschilling einmal bezahlt werde*).
Von dem Abschluß eines Bundes nach dem Muster des einst
in Wien beschlossenen hat man wohl nur gesprochen. Auch in den
übrigen Punkten war noch nicht alles erledigt, als der Kurfürst am
14. Mai den Reichstag verließ’); Burchard hat noch über mancherlei
Einzelheiten mit Grauvella zu verhandeln gehabt, am 15. Juni
konnte er aber doch melden, daß alles in Ordnung sei, und daß er
die abgeschlossenen Verträge mitbringen werde. Nur die Ueber-
au twortung der Versicherung des Königs und der Ratiflkation
des speierischen Vertrages durch den Kaiser sollte erst in Prag
erfolgen, wenn die vom Kurfürsten vollzogenen Verträge dem
Könige überreicht würden ’).
Im ganzen wird man dies Ergebnis des langjährigen Streites
als einen Rückzug des Kurfürsten betrachten müssen, wenigstens
insofern, als er nun Ferdinand anerkannt hatte, ohne daß von den
früher immer verlangten Ergänzungen der goldenen Bulle über-
haupt die Rede war. Dafür konnte er allerdings in seinen eigenen
1) Vergl. über die Verträge de Boor, S. Tlf.; Hortleder, II, 1,8. 290ff.
2) Reg. Bb. No. .'>595.
3) Reg. E. p. 55a, No. 113, Or. Die vorhergehende Eorreepondenz des KI.
mit Burchard in Loc. 10674 a. a. O.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542—1546. 397
Angelegenheiten auf eine einigermaßen befriedigende Erledigung
hoffen. Man wird diese Nachgiebigkeit des Kurfürsten, die zu seiner
früheren Hartnäckigkeit, besonders in bezug auf die Ergänzung
der goldenen Bulle, in seltsamem Widerspruch steht, nur aus der
etwas kleinmütigen Stimmung, die 1543/44 überhaupt bei ihm
herrschte“), erklären können. Es war wohl teils eine Wirkung des
Jülicher Krieges, teils eine solche der Ueberzeugung von der ge-
ringen Zuverlässigkeit des schmalkaldischen Bundes. —
Auch dieser hatte den Speierer Reichstag wieder zu Beratungen
benutzt. Es kam dabei aber wegen der mannigfaltigen anderen
Geschäfte und wegen der frühzeitigen Abreise mancher Stände wenig
heraus. Der Abschied vom 11. Juni beschäftigte sich im wesent-
lichen mit den Angelegenheiten einzelner Stände, außerdem verwies
man auf die Protestation, die man gegen einzelne Punkte des
Reichsabschiedes ausgesprochen habe, und traf Anordnungen, in
welcher Weise man sich auf die vom Kaiser für den nächsten
Reichstag geplanten Religionsverhandlungen und auf die Neube-
setzung des Kammergerichts vorbereiten wolle. Die Bundesange-
legenheiten wurden nur insofern gefördert, als Pfalzgraf Ott-Heinrich
aufgenommen wurde und unter der Bedingung der Zustimmung der
Stände, deren Gesandte nicht instruiert gewesen waren, auch die
Grafen von Oettingen und Graf Ulrich von Helfenstein, als ferner
endlich einmal ein Weg für das Vorgehen gegen die säumigen
Zahler ins Auge gefaßt wurde. Man wollte ihnen mit Beschlag-
nahme ihrer Habe und ihrer Güter drohen. Doch wurde es den
Oberhauptleuten anheimgestellt, ob sie diesen Weg gehen wollten,
sonst wollte man auf dem nächsten Tage über einen anderen be-
raten. Dorthin wurden auch alle anderen Punkte, die eigentlich
in Speier hatten erledigt werden sollen, verschoben, vor allem
sollte gleich als erster Punkt die Rechnung über die kleine Ordinari-
anlage vorgenommen werden, allen Ständen wurde eingeschärft,
die diesjährige und die Restanten der voijährigen bis Johanni zu
zahlen •).
1) Möglich i«t auch, daß Johann Friedrich eich jetzt den Standpunkt an-
eignete, den Brück im Februar 1543 vertreten hatte, daß man auch An-schluß l>ei
den Habeburgem Buchen müsse.
2) Kurze protokollarische Aufzeichnungen über die Verhandlungen vom 10.
und 11. Juni in Reg. H. p. 401, No. 150 am Ende. Abschied vom 11. Juni,
Reg. H. p. 563, No. 183, I (Urk. No. 1640). Seckendorf, III, S. 405.
Digitized by Google
398
Kapitel III.
Da die sächsischen Städte in Speier meist nicht vertreten ge-
wesen waren, wurde im Juli noch eine besondere Versammlung mit
ihnen in Gotha gehalten, um über die Sequestration Braunschweigs
zu beraten 1). Die Bedingungen, unter denen man auf die Vor-
schläge des Kaisers eingehen wollte, wurden hier festgesetzt.
Man schickte dann eine Gesandtschaft an den Kaiser nach Metz,
um mit ihm darüber zu verhandeln. Die Bedingungen liefen
darauf hinaus, daß die Bewilligung der Sequestration hinfällig
sein solle, wenn Herzog Heinrich vor der Uebergabe des Landes
etwas Tätliches unternähme, und daß der Kaiser auch für die
Dauer des Sequesters den Verbündeten Sicherheit gegen Angriffe
gäbe. Ferner sollten sich unter den beiden Verwesern des braun-
schweigischen Landes, die der Kaiser ernennen wollte, entweder der
Kurfürst von Brandenburg oder Herzog Moritz von Sachsen be-
finden. Die Gesandten sollten außerdem noch zu eiTcichen suchen,
daß die jetzigen Statthalter und Räte des Landes in ihren Aemtern
belassen würden, indem sie auch dem Kaiser schwüren ’).
Während man so mit der Entscheidung über das künftige
Geschick des eroberten Landes beschäftigt war, verlor man doch
auch die Rechtfertigung des Vergangenen und die Verteidigung
gegen etwaige Angiiffe Herzog Heinrichs nie aus den Augen.
Ersterem Zwecke diente die vom Landgrafen angeregte Sendung
an die italienischen Gelehrten Mariano Socino in Padua und Alciato
in Bologna, um ein Gutachten über die braunschweigische Sache
zu erlangen*), die zweite Frage zieht sich während des ganzen
Jahres durch die Korrespondenzen zwischen den Bundeshäuptem
hin. Besonders im Juni waren die Befürchtungen vor einem An-
1) Äusschreiben an die sächaiechen Städte vom 17. Juni, Beg. H. p. 569,
No. 184, Konz. Uraprünglich sollte der Tag in Arnstadt stattfinden. Ldgf. an
Kf. Juni 19, 21, Keg. H. p. 574, No. 188, III, Or. P. C. III, 519, No. 4S5.
2) Protokoll über die Voten der sächsischen Stände und Städte vom 30. Juni,
Reg. H. p. 569, No. 184 von Burchards Hand. Abschied vom 2. Juli, Keg. H.
p. 569, No. 184 A (Urk. No. 1644). Instruktion der Ges. an den Kaiser P. C.
III, 528. Lenz, II, 8. 260, Anm.
3) Ldgf. an Kf. Juni 22, K^. H. p. 574, No. 188, II, Or.; Aug. 4, Keg. H.
p. 580, No. 189, I. Kf. an Ldgf. Aug. 12, ebenda. Ldgf. an Kf. Aug. 17, Beg. H.
p. 630, No. 197, III. Kf. an Ldgf. Scpt. 3, mit einem Bedenken Brücks. Ldgf.
an Kf. Aug. 30, Reg. H. p. 580, No. 169, I. Kf. an Ldgf. Okt. 6, ebenda. Der
Kf. zog die Sache sehr lange hin, doch ist im Oktober I.ersner wohl endlich ge-
reist. Ein Bericht von ihm vom 16. Nov., Reg. H. p. 630, No. 197, II, Kopie.
Vergl. Lenz, II, S. 405.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
399
griff des Herzogs sehr lebhaft *), iu Gotha wurden Gegenniaßregeln
beschlossen, auch hielt man für nötig, die Kiiegsräte des Bundes
nach Mühlhausen zu berufen, um bei etwa notwendig werdenden
Maßregeln einen Rückhalt an ihnen zu haben*). Ende Juli trat aber
eine Beruhigung ein, so daß man sie schnell wieder entlassen und
die begonnenen Rüstungen einstellen konnte *). Schon im September
envachten aber die Befürchtungen beim Landgrafen von neuem,
und wir finden ihn ähnlich wie im Sommer bemüht, den Kurfürsten
zu Rüstungen und Verteidigungsmaßregeln hinzureißen, während
dieser beständig bremste, nichts ohne die anderen Verbündeten tun
wollte, auch die Gefahr nicht für brennend hielt*). Er hatte damit
zunächst wohl recht. Es war auch offenbar nicht nur die Furcht
vor wirklich vorhandener Gefahr, die den Landgrafen so unruhig
machte, sondern der Wunsch, der lästigen Angelegenheit einmal
ein definitives Ende zu machen und dabei gleich an einigen
kleineren norddeutschen Fürsten, die ihm als Helfershelfer des
Herzogs erschienen, dem Grafen von Oldenburg, dem von Schaum-
burg, dem Herzog von Lauenburg, dem Bischof von Bremen sein
Mütchen zu kühlen und diese „Rattennester auszunehmen“ *). Philipp
mußte sich schließlich aber doch den Bedenklichkeiten des Kur-
fürsten fügen, war aber so überzeugt von der Tatsächlichkeit der
Rüstungen Herzog Heinrichs, daß er glaubte, für die dadurch ent-
standenen Kosten bei der Fortsetzung der Sequestrationsverhand-
lungen eine Entschädigung verlangen zu können ®).
Die Gesandtschaft an den Kaiser war nämlich resultatlos ver-
laufen. Die Gesandten hatten den Kaiser, der sich auf dem Zuge
gegen Frankreich befand, in Metz nicht mehr getroffen. Sie waren
ihm nach Toul gefolgt und hatten, als ihnen der Aufenthalt dort
1) Ldgf. an Kf. Juni 22, siehe 8. 398, Anm. 3, Juli 11, Reg. H. p. 580, No. 189, II.
2) Vertrag zwischen Kf. und Ldgf. vom 1. Juli 1544, Reg. H. p. 570, No. 184
(Urk. No. 1644), Or., in den Gothaer Abschied aufgenommen. P. C. III, 8. 520,
No. 485. Nendecker, Urk., 8. 675 ff.
3) Ldgf. an Kf. Juli 16, Reg. H. p. 580, No. 189, I, Or. P. C. III, 529 f.
Abschied vom 30. Juli, Reg. H. p. 1070, M., No. 1 (Urk. No. 1695).
4) Vergl. etwa Ldgf. an Kf. 8ept. 13, 15, Kf. an Ldgf. Sept. 21, Reg. H.
p. 580, No. 189, II. Ldgf. an Kf. Okt. 19, 22, Kf. an Ldgf. Okt. 24, 28, R^. H.
p. 585, No. 190, I.
5) Ldgf. an Kf. Juni 3, Reg. H. p. 574, No. 188, II, Or.; Juli 11, 14,
Aug. 4, Reg. H. p. 580, No. 189, I, Or.
6) Ldgf. an Kf. Sept. 13, Reg. H. p. 580, No. 189, II. Or.; Sept. 28, Reg. H.
p. 585, No. 190, II, Or.
Digitized by Google
400
Kapitel III.
wegen des Krieges zu gefährlich wurde, eine Antwort provoziert
Sie war darauf hinausgelaufen, daß Karl die ganze Angelegen-
heit auf den Reichstag verschob ‘). Die Protestanten konnten
sich nun also die Frage vorlegen, ob sie auch im Falle neuer Ver-
handlungen an den bisherigen Sequestrationsbedingungen festhalten
wollten, und da war nun eben der Landgraf der Meinung, daß man
wegen der neuen durch den Herzog verursachten Unkosten neue
Forderungen stellen müsse, ja er war entschlossen, eventuell" die
Sequestration ganz zu verweigern, vermutete jedoch, daß der
Kaiser überhaupt nicht wieder auf sie zurückkommen, sondern
einen Vergleich vorschlagen würde*). Johann Friedrich hatte im
ganzen gegen den Vorschlag des Landgrafen nichts einznwenden,
bezeichnete nur als Vorbedingung dafür, daß man die Behauptungen
über die Rüstungen des Herzogs auch beweisen könne, Zweifel,
die beim Landgrafen einige Verwunderung hervorriefen*).
Die geringere Neigung zum Eingehen auf die Sequestration, die
Philipp jetzt hatte, wurde auch dadurch hervorgerofen, daß sich
nach Nachrichten ans dem Oberland die Ansichten der süddeutschen
Städte in diesem Punkte geändert haben sollten ‘). Johann Friedrich
traute diesen Nachrichten noch nicht so recht, wäre außerdem
offenbar gern in irgend einer annehmbaren Weise aus der braun-
schweigischen Affaire herausgekommen, sei es durch die Seque-
stration, sei es durch gütlichen Vergleich, da die Verwaltung des
Landes so viel kostete und es mit dem Protestantismus darin doch
nicht so recht vorwärtsging®). Daher fielen denn auch kaiserliche
Ermahnungen, daß man sich von kriegerischen Maßnahmen gegen
Herzog Heinrich vor dem Reichstage femhalten solle*), bei ihm
1) P. C. III, 527 f. 531. Karl V. an die protest. Ges. Aug. 25; Kolde-
wey, ZHV'Nieders. 1868, S. 317. Gninvella an Kf. und Ldgf. Okt. 16, Secken-
dorf, III, S. 496.
2) Vergl. beeoiidere Ldgf. an Kf. Dez. 13, Keg. H. p. 585, No. 190, II. Or.
3) Kf. an Ldgf. Dez. 24, ebenda, Konz. P. A. Sachsen, Emestin. Linie.
1545, Jan., Or. Ldgf. an Kf. 1545 Jan. 2, Reg. H. p. 630, No. 197 I, Or.
4) Ldgf. an Kf. Nov. 21, Reg. H. p. 585, No. 190, II. Ala Beilage Briefe
Aitingere, Fröhliche, Sailers. Schärtlina.
5) Brief vom 24. Dez. Siehe Anm. 3.
6) Karl V. an Kf. und Ldgf. Nov. 10, Reg. H. p. 585, No. 190, II, Or.
Beilage zu Brief des Ldgfen. vom 26. Nov., Kf. an Ldgf. Dez. 2, ebenda, Konz.
Dem Landgrafen verbot der Kaiser auch am 22. Dez. wieder jede tAtliche Hand-
lung, teilte ihm gleichzeitig mit, dafl er an Hz. Heinrich ein gleiches Verbot habe
ergehen lassen. (Kopie in Reg. H. p. 630, No. 197 I, bei Brief dee Ldgfen.
vom 26. Jan. 1545.)
Digitized by Google
Bund uDd Beich: Die Jahre der Uneicberheit 1542—1546. 401
auf einen fruchtbaren Boden. War er doch jetzt wieder in eine
Zeit eingetreten, wo er auf die Habsburger zu vertrauen geneigt
war. Denn daß das die Wirkung der Speierer Verhandlungen
war, läßt sich wohl nicht bezweifeln. Die diplomatische Besiegung
des Kurfürsten durch Karl gehört in diese Zeit, er ist längere Zeit
wie gelähmt und fern von der Klarheit und Einsicht in die Lage,
die ihn seit 1537 eigentlich nie verlassen hatten*).
Man darf zur Entschuldigung anführen, daß gerade 1544 die
Weltlage der Art war, daß die Versöhnungsschritte des Kaisers leicht
ernst genommen werden konnten und daß wir noch heute nicht voll-
kommen klar darüber sind, wie sie gemeint waren. Das Wahrschein-
lichste ist allerdings wohl, daß wenigstens Karl selbst nur Zeit ge-
winnen wollte, um erst Frankreich zu besiegen, die Niederwerfung
der Protestanten dabei aber durchaus nicht aus den Augen verlor ’).
Diejenigen von diesen hatten also recht, die, wie Sturm, Calvin,
Bucer, Fröhlich, ihre Speierer Bewilligung für einen Fehler hielten *).
Johann Friedrich dagegen hat sich sehr gern einem gewissen Gefühl
der Ruhe und Sicherheit hingegeben und hatte auch deswegen
nicht die geringste Neigung, etwa durch vorzeitige Abwehrmaßregeln
gegen den Braunschweiger die Ruhe zu stören. Er widmete sich
vielmehr mit Eifer der Fortführung der Verhandlungen mit den
Habsburgem, bei der Ausführung des in Speier Beschlossenen war
wenigstens bei ihm kein Mangel. Da wurde im Juli Erasmus von
Könneritz nach Prag geschickt, um die Vertragsurkunden auszu-
tauschen und nähere Verabredungen über die Ausführung des Ver-
trages zu treffen*). Da erstattete der Kurfürst selbst am 12. Sep-
tember Hofmann Bericht über die Höhe seiner noch rückstän-
digen Schuldforderungen, da trafen Könneritz und Georg v. d.
Planitz rechtzeitig in Kadan ein, um sich bei der Schätzung der
grünhainschen Dörfer zu beteiligen. Erst auf einer zweiten Zu-
1) Ee liegt nabe, anzunebmen, daß das Verbältnis des Ef. zn Moritz und
besonders die magdeburgiscbe Verwicklung seine Haltung gegenüber den Habs-
burgern beeinflußte, aber einen aktenmäßigen Beweis dafür vermag icb nicht zu
erbringen.
2) de Boor, S. 1 f. 13. 96. Besonders beweisend für seine Änsicbt ist die
Btelle bei Gacbard, S. 285 f.
3) de Boor, S. 49 f. 97 f. Seckendorf, III, S. 476.
4) Instruktion für Asmus v. Könneritz an Hans Hofmann vom 20. Juli,
Loc. 10 674 „Instruktion und Abfertigung . . . 1544“, Konz. Bericht des
Könneritz vom 1. Aug., ebenda.
Beitrüge zur neueren Geechichte Thüringeni 1, z. 26
Digitized by Google
402
Kapital III.
sammenkunft im November vermochte man sich allerdings zu
einigen, und auch die Auslieferung Dobrilugks und die Verpfandung
eines Teiles seiner Güter mußten deswegen verschoben werden. Auch
zur Erledigung dieser Angelegenheit fand sich der kurfürstliche
Gesandte Planitz wieder pünktlich ein, die Vertreter des Königs
blieben aus'). Erst im nächsten Jahre kam es zu Verhandlungen.
Sie ergaben natürlich doch wieder Schwierigkeiten , und trotz
häufiger Versuche*) ist es nicht mehr gelungen, diese Angelegen-
heit und damit den letzten Rest der langjährigen Differenzen
zwischen dem Kurfürsten und Ferdinand aus der Welt zu schaffen,
ehe der Krieg ausbrach.
Es läßt sich aber nichts davon bemerken, daß die unvoll-
kommene Vertragstreue, die die Habsburger auch diesmal wieder
zeigten •), etwa schon auf dem Wormser Reichstage ungünstig
auf die Stimmung des Sachsen gewirkt hätte. Seit dem Herbst
1544 ließ er sich offenbar auch in seinen sonstigen Beziehungen
durch die neue Freundschaft beeinflussen. So lehnte er etwa
eine Verbindung seines ältesten Sohnes mit einer Tochter des
Landgrafen ans Rücksicht auf den habsburgischen Heiratsplan
ab, und auch den Verhandlungen über ein Bündnis mit Bayern,
die Philipp damals mit Eifer wieder aufnahm, brachte er, ver-
mutlich auch wegen jener Beziehungen, ein geringes Interesse ent-
gegen*). Als Philipp in einem Briefe vom 21. November eine
ganze Anzahl von Gründen zusammenstellte, weshalb er vermute,
1) Die Akten über alles das in Reg. B. No. 1652.
2) Befehl an Bnrchard zu Verhandlungen über Dobrilugk vom 5. Juni 1545
in Reg. E. p. 59a, No. 115. Ferdinand an Kf. 1546 Febr. 21, Reg. H. p. 612,
No. 196, V, Kopie. Instruktion für Könneritz vom 2. Mai 1546, dessen Bericht
vom 23. Mai, ebenda. Instruktion für Burchard zu Vohandlnngen mit Hofmann
Juni 13, Reg. J. p. 984 DD. No. 8, 236, R^. H. p. 612, No. 196, V. Man
stand damals ziemlich wieder auf dem alten Fleck.
3) Man kann immerhin anerkennen, dafi Ferdinand in allen übrigen Punkten
seinen Verpflichtungen nachkam. Am 1. Bept. 1544 übersandte z. B. Hofmann die
beiden in Bpeier verabredeten königlichen Verschreibungen, Reg. H. p. 563, No. 183.
4) Der Ldgf. bezeichnet in einem Briefe vom 17. Februar 1545 die religiöse
Haltung Bayerns und die geplante Familienverbindung mit Ferdinand als Gründe
für die Abneigung des Kurfürsten gegen den Bund mit Bayern (an Bailer, Lenz,
III, S. 348). In der nächsten Zeit hat man dann wohl gelegentlich an einen
Bund ohne Sachsen gedacht (Lenz, III, S. 348 ff.; Hasenclever, I, S. 97;
N. B. VIII, 663), im Sommer suchte aber der Landgraf doch auch den Kurfürsten
wieder zuzuziehen.
Digitized by Google
Bniid und Beich: Die Jshre der Oneicherheit 1542—1546. 403
daß das „Gemüt des Kaisers gegen sie unrichtig sei“, und deswegen
unter anderem Anknüpfung mit Bayern empfahl, antwortete der
Kurfürst, daß ihn das wenig bewege. Er entwickelte dann seine
Ansicht dahin, daß der Kaiser zunächst den Türkenkrieg unter-
nehmen und erst im Falle des Sieges „mit dem Konzil und der
Exekution fortfahren“ werde*). Der Kurfürst nahm also an, daß
man zwar nicht dauernd, aber doch vorläufig sicher sei, und
empfahl, zunächst den Beichstag abzuwarten, auf dem man klarer
sehen werde*). Es ist begreiflich, daß es Johann Friedrich mit
größter Entrüstung erfüllte, als gerade jetzt Moritz vom kaiserlichen
Hofe die Behauptung mitbrachte, der Kurfürst habe von Frankreich
Geld genommen. Er wies dem Landgrafen gegenüber diese Ver-
dächtigung entschieden zurück, hielt es aber für besser, dem
Kaiser und den Kaiserlichen gegenüber sich erst zu verteidigen,
wenn er direkt beschuldigt werde, und das ist ja dann nicht ge-
schehen ®).
Man kann Johann Friedrich auch während des Wormser Keichs-
tages von einem gewissen Quietismus nicht freisprechen, so wenn
er gegenüber Besorgnissen des Landgrafen vom 17. März einfach
auf die Hilfe Gottes verwies *), ja noch am 20. Mai neue Warnungen
Philipps als unwahrscheinlich und unsicher ablehnte*). Etwas be-
denklicher schienen ihm ja die Nachrichten, die seine Räte ihm am
1 7. Mai über das Bündnis und die Rüstungen der Gegner sandten,
aber auch jetzt entschloß er sich nur mit Widerstreben, an die Ge-
fahr zu glauben, verwies auf Gottes Hilfe und stellte sich vor
allem auf den Standpunkt, daß man auf keinen Fall durch vor-
zeitige Rüstungen selbst Anlaß zu dem geben dürfe, was man ver-
meiden wolle”). Seit dem Juni gewann der Kurfürst dann außer-
1) Ldgf. an Kf. 1544 Nov. 21, ß^. H. p. 585, No. 190, II, Or. Kf. an
Ldgf. Nov. 29, ebenda, Konz. P. A. Sachsen, Erneet Linie, 1.544 Dez., Or.
2) Kf. an Ldgf. Dez. 2, Reg. H. a. a. O., Konz. Aehnlich 1545 Jan. 3,
Reg. H. p. 630, No. 197, II, Konz. Andere optimistische Aeufierungen aus kor-
sSchsischen Kreisen bei Kawerau, II, 8. 145 f. Anm.
3) M. P. C. II, 120, Anm. 1. Brück an Kf. Dez. 11, Reg. H. p. 585,
No. 190, II, Or. Darauf beruht Kf. an Ldgf. Dez. 15, ebenda, und M. P. C.
a. a. O.
4) März 29, Zettel, P. A. Sachsen, Emest. Linie, 1545 März.
5) Reg. H. p. 636, No. 198, II, Or. Aktenst. No. 56.
6) Räte an Kf. Mai 17, Kf. an Räte Mai 26, Reg. E. p. 59a, No. 121, Or.
Aktenst. No. 55 und 57.
2G*
Digitized by Google
404
Kapitel III.
dem die auch von den anderen protestantischen Ständen geteilte
beruhigende Gewißheit, daß in diesem Sommer kein Krieg zu be-
fürchten sei‘). Immerhin war er jetzt darauf gefaßt, daß im nächsten
Jahr ein Angriff im Anschluß an das Konzil drohe. Er empfahl
daher, für ein besseres Zusammenhalten der Verbündeten und für
Zahlung der Rückstände zu sorgen, damit man mit Geld versehen
sei*). Manche Nachrichten, wie die von großen Geldleistungen des
Papstes an den Kaiser*) oder die von dem Briefe des Kaisers an
den König von Polen, nahm er aber auch jetzt noch mit merk-
würdiger Gleichgültigkeit auf*).
Diesen allgemeinen Ansichten und Stimmungen des Kurfürsten
entsprach seine Haltung in einzelnen Fragen. In der der Fran-
zosen- und Türkenhilfe z. B. hielt er sich korrekt an das in
Speier Beschlossene. Er unterstützte also den Kaiser im Feldzug
gegen Frankreich, und als Grundlage für die Türkenhilfe lehnte
er zwar den gemeinen Pfennig nach wie vor ab, den auf ihn
entfallenden .4.nteil aber sandte er pünktlich bis Ende November
nach Frankfurt*). —
Man hatte die Offensivhilfe noch auf Grund des gemeinen
Pfennigs beschlossen, weil die alten .Anschläge so vielfach ange-
griffen wurden. Sie zu reformieren, sollte auch eine der .\ufgaben
des neuen Reichstages sein, vorbereitet wurden seine Beschlüsse
durch einen Tag der zehn Kreise, der kurz vor dem Reichstage in
Worms stattfand, und diesem Tag der Kreise wieder gingen Kreis-
tage in den einzelnen Kreisen voran. Der des obersächsischen
Kreises wurde vom Kurfürsten auf den 19. September nach Zerbst
ausgeschrieben®). Sachsen war sowohl dort wie in Worms durch
Jobst von Hain vertreten. Er war mit dem Resultat der Zerbster
Verhandlungen im ganzen zufrieden, teilten doch die anderen
Stände des Kreises in der Frage der Veranlagung im wesenl-
1) Die Rate an Kf. Juni 3, Kf. an die Räte Juni 12, Reg. E. p. 59a, No. 121.
Hessische Räte an Ldgf. Juni 1, R^. H. pi 636, No. 198, I, Kopie.
2) An die Räte Juni 12, Aktenst. No. .58.
3) Sie schienen ihm unwahrscheinlich, da der Papst das Geld lieber für seine
Nepoten verwenden werde. An Burchard Aug. 9, Reg. £. a. a. O.
4) An Ldgf. Juli 24, Reg. H. p. 636, No. 198, II, Konz.
5) Quittung des kais. Generaleinnehmers Hans Lochinger vom 18. Nov.,
Urk. des Weimar. Staatsarchives.
6) Am 9. Aug. Vergl. M. P. C. II, 113, Anm. 1.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
405
liehen den knrsäehsischen Standpunkt*). Dieser lief darauf hinaus,
daß der gemeine Pfennig entschieden abgelehnt werden müsse,
daß an den alten Anschlägen festgehalten werden könne, wenn
die Bischöfe, Grafen u. s. w. nicht extra veranschlagt würden, daß
eine Erhöhung der Anschläge aber abzulehnen sei, höhere Be-
dürfiiisse vielmehr dadurch gedeckt werden müßten, daß ein Viertel
oder ein halber Anschlag mehr aufgelegt würde’).
Der Tag der zehn Kreise faßte das Resultat seiner lang-
wierigen Beratungen®) in einem Gutachten vom 23. Februar zu-
sammen. Dieses galt als durchaus unverbindlich und war nur als
Material für den sich anschließenden Reichstag zu betrachten. Auch
die Forderungen des Kurfürsten von Sachsen wurden darin er-
wähnt, ohne daß jedoch die Versammlung der Kreise eine Ent-
scheidung darüber zu fallen wagte*). Sie machte den Vorschlag,
vor aUem die Frage der Bischöfe, Grafen u. s. w. duich einen Aus-
trag rechtlich zu entscheiden. Johann Friedrich stimmte mit diesem
Gedanken zwar nicht überein, erklärte sich aber, da er bei Moritz
keine rechte Unterstützung fand, doch schließlich bereit, darauf
einzugehen, wenn der Kaiser und König für ihre Erblande und
die anderen Stände es ebenfalls täten. Auch die Beschlüsse, die
dann schließlich in Worms in bezug auf die „ausgezogenen“ Stände
und den gemeinen Pfennig gefaßt Wurden, entsprachen wenig den
Wünschen des Kurfürsten, und er befahl daher seinen Räten am
29. März, eventuell dagegen zu protestieren®).
Außer über die Verringerung der Anschläge sollte auch
auf dem Wormser Reichstage wieder über die Reformierung und
Neubesetzung des Kammergerichts beraten werden. Nach einem
Briefe Brücks vom 6. November wollte der Kaiser diese Punkte
sogar in allererster Linie vornehmen®). Auch der Kurfürst
legte, wie seine Instruktion vom 25. November zeigt, großen
Wert darauf, daß der Speierer Abschied in dieser Beziehung aus-
1) M. P. C. II, 117, Amu. 1, Akten de« Ereistege« in Reg. E. p. 59a, No. 119.
Die Beschwerden, die man in Worms vorbrachte, ebenda No. 120, Bl. 74 f.
2) Instruktion für Hain vom 8. Okt. für Worms in Reg. E. p. 59, No. 116, Or.
3) Korrespondenz zwischen dem Kf. und seinen Gesandten ebenda und Keg. E.
p. 59a, No. 115. Vergl. Kannengieüer, 8. 115, Anm. 127.
4) Reg. E. p. 59. No. 116.
5) Kf. an seine Räte März 10, 29, Reg. R p. 59, No. 117, Or.
6) Reg. H. p. 603, No. 194, Bl. 30-35.
Digitized by Google
406
Kapitel III.
geführt werde. Er war bereit, eventuell das Kammergericht mit
dem Kaiser allein ein Jahr lang zu unterhalten, wenn die pfäfflschen
Stände an der Neubesetzung nicht teilnehmen wollten ‘).
Nach protestantischer Anschauung waren Frieden und Recht
ja auch jetzt noch Bedingungen der Türkenhilfe, während der Kaiser
schon in der Proposition vom 24. März Frieden und Recht für ge-
nügend erklärte*) und auch die Katholiken Beratungen darüber jetzt
nicht für nötig hielten, ja sogar die Wiederherstellung des alten
Kammergerichts forderten. Merkwürdig ist nun, daß der Kurfüi-st
jetzt auch in der Frage des Kammergerichts eine gewisse Weichheit
zeigte. Es war nicht nur die Ansicht seiner Gesandten in Worms,
sondern auch seine eigene, daß die Frage der Neubesetzung des
Kammergerichts eventuell auch auf einen späteren Tag verschoben
werden könne. Er glaubte allerdings nicht, daß seine Verbündeten
sich auf die Türkenhilfe einlassen würden, ehe der speierische Be-
schluß über das Gericht ausgeführt sei").
Zu wirklichen Verhandlungen über das Kammergericht ist es
in Worms wohl gar nicht gekommen. Nur der schon oft gehegte
Plan einer Polizeiordnung ist auf diesem Reichstag endlich einmal
weitergekommeu. Johann Friedrich hatte seine Räte einfach auf
die Instruktion verwiesen, die er ihnen für den Speierer Reichstag
darüber gegeben hatte. .A,m 20. Februar war ein dafür verordueter
Ausschuß mit einem Entwurf für die Sache fertig ‘). Der Kuifürst
gab am 13. März ein Gutachten darüber ab, er wünschte Zusätze
über die Kleider der Doktoren und ihrer Weiber und dachte an
einen Zoll auf auswärtige Waren, um dem Kleiderluxus zu steuern.
Er empfahl ferner auch einen Zusatz über die Monopolien der
Kaufleute und einen .Artikel über die Legitimierung der unehelichen
Kinder, besonders von Adligen. Sein Vertreter Thann mußte ihm
dann aber am 14. .4pril berichten, daß er weder den Artikel über
die Doktoren, noch den über die unehelichen Kinder habe durch-
setzen können ®).
.411es das zeigt aber doch, daß sich Johann Fiiediich jetzt
mit einem gewissen Eifer den Reichsgeschäften widmete. Eine
1) Reg. E. p. 59a, No. 120, BL 1 ff., Or.
2) Reg. E. p. 59a, No. 115.
3) Gea. an Kf. April 14, Kf. an Gee. April 26, Reg. E. p. 59a, No. 121.
4) Reg. E. p. 59a, No. 120, Bl. 189 ff.
5) Kf. an Thann März 13, ebenda No. 122, Or. Thann an Kf. April 14, ebenda.
Digitized by Google
Bund und Keich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546. 407
Erschütterung seiner Ruhe wurde erst durch die Nachrichten
über den Crespyer Frieden ‘) und über einen geplanten Anstand
mit den Türken herbeigeführt. Zwar die Kunde von dem Ab-
schluß des Friedens zwischen dem Kaiser und Frankreich an
sich scheint Johann Friedrich noch nicht besonders aufgeregt zu
haben*); man erfuhr aber bald, daß in dem Friedensvertrag ein
Paragraph enthalten sei, der als eine Bedrohung der Protestanten
aufgefaßt werden konnte, indem die Deutschen, nur sofern sie dem
Kaiser gehorsam seien, in den Vertrag mitaufgenommen sein
sollten. Es dauerte allerdings lange, bis diese Nachricht so sicher
war, daß man auch nach Ansicht Johann Friedrichs bestimmte
Schlüsse daranf aufbauen konnte, und auch dann folgerte er
eigentlich nur daraus, daß man gut acht geben und aus dem Ver-
lauf des Reichstages seine Folgerungen ziehen müsse, vor allem
daraus, ob die Religionsvergleichung vorgeuommen werde oder
nicht •).
Bedenklicher als die unbestimmten Nachrichten über den
kaiserlich-französischen Frieden mußten die Gerüchte von einem
Anstand mit den Türken erscheinen, die seit dem Frühjahr 1545
nicht mehr zur Ruhe kamen <). Johann Friedrich wnrde durch
1) Vergl. über Um Springer, S. lOf. Drnffel, Abh. Bayr. Ak. XIII,
S. 194, 20. Schon am 12. Oktober gratniieren der Kf. und der Ldgf. dem Kaieer
zum Frieden, Reg. H. p. 585, No. 190, II, Konz.
2) Noch am 29. Nov. war Johann Friedrich der Meinung, dafi die Konkordie
zwischen dem Kaiser und Frankreich nur ,ans dem gröbsten gehauen* sei. An
Ldgf. ebenda, Konz.
3) Ldgf. an Kf. Jan. 13, 31, Reg. H. p. 630. No. 197, I, Or.; Jan. 23,
ebenda, No. 197, II, Kf. an Ldgf. Jan. 20, ebenda I, Konz.; Febr. 2, ebenda II.
Burchard an Kf. Jan. 20. Reg. E. p. 59, No. 116. Kf. an seine Räte Febr. 5,
Reg. E. p. 59a, No. 122; März 10, ebenda. Erst am 3. April äuBerte der Kur-
fürst gegen Brück, dafi der Artikel in dem kaiserlich-französischen Frieden Ober
die Ungläubigen ihm Nachdenken verursache. Reg. H. p. 603, No. 194.
4) Der Kf. berührt die Sache schon in Brief an Ldgf. vom 30. Jan., hält
sie aber für sehr unwahrscheinlich. Neudecker, Aktenst, S. 411. Die In-
struktion des Kaisers vom 25. Dez. bei L a n z , Staatspap., S. 388 ff. spricht auch
dafür, dafi dieser damals den Türkenkrieg noch wünschte. Bestimmtere Gerüchte
über den Anstand tauchten in Worms im April auf. (Springer, S. 23 f.;
Kannengiefier, S. 41; P. C. III, 581. 587.) Die sächsischen Gesandten be-
richteten ihrem Herrn am 20. April davon (R^. E. p. 59a, No. 121). Diese Ge-
rüchte wirkten mit, wenn man in einer Versammlung der Schmalkaldener etwa
vom 29. April beschloß, mit anderen Ständen und Potentaten wegen des Konzils
in Verbindung zu treten (sächs. Protokoll). Der Kurfürst betonte aber noch am
Digitized by Google
408
Kapitel III.
Hans Ungnad darüber auf dem Laufenden erhalten, aber es dauerte
bis zum Ende des Jahres 1545, ehe man Sicherheit über den Ab-
schluß des Vertrages mit den Türken hatte*), dann erst konnten
die Stimmungen und Entschlüsse in Deutschland dadurch beeinflußt
werden.
Als der Wormser Reichstag Ende 1544 eröffiiet wurde, mußte
man noch mit einem für 1545 bevorstehenden Tüi'kenkrieg rechnen
und konnte glauben, selbst dadurch vor einem Angriff des Kaisers
sicher zu sein. Es entsprach ganz der allgemeinen Politik, die
Johann Friedrich damals befolgte, wenn er der Meinung war, daß
man die in Speier bewilligte Offensivhilfe leisten müsse und nicht
durch die beständigen Rüstungen des Braunschweigers sich davon
dürfe abhalten lassen. Der Kurfürst hielt wohl für erlaubt, diese
neben seiner Leibesbeschaffenheit als Grund zu benutzen, um per-
sönlichen Besuch des Reichstags abzulehnen *), er meinte auch, daß
man sich beim Kaiser über sie beschweren müsse, war aber zu-
nächst nicht dafür, daß man das Vorgehen des Herzogs als einen
Bruch von Frieden und Recht betrachte *). Auf dem Wormser Tage
selbst hat allerdings die Haltung des Kurfürsten oder seiner Ge-
sandten diesen Gedanken nicht ganz entsprochen, doch löst sich
der Widerspruch vielleicht so, daß Johann Friedrich die Offensiv-
hilfe dann unter allen Umständen leisten wollte, wenn der Kaiser
selbst nach Ungarn zöge, sonst nur, wenn man des Friedens in der
Religion sicher sei bis auf ein den Wünschen der Protestanten ent-
sprechendes Konzil, und wenn man auch auf Frieden von dem
Braunschweiger und auf gleichmäßiges unparteiisches Recht am
Kammergericht rechnen könne*). Jedenfalls sehen wir die kur-
sächsischen Gesandten auf dem Reichstage in der Frage der
20. Mai, daß man ent Sicheres über den Anstand mit den Türken wissen müsse,
ehe man seine Handlangen danach einrichten könne, er werde einen der Seinen
deswegen aussenden (an Ldgf. Reg. H. p. 636, No. 198, II, Konz.). Ueber den
tatsächlichen Fortgang der Verhandlungen vergl. Lanz, II, 8. 435 ff. ; Gachard ,
S. 437 f.
1) Korrespondenz des Kf. mit Ungnad in Reg. B. No. 1653 und 1654.
2) Instruktion für Hain und Burchard vom 24. Dez., Reg. £. p. 59a, No. 1 16,
Or. Kf. an den Kaiser 1545 Febr. 5, ebenda No. 115, Konz. Am 4. Dez. schwankte
der Kf. noch, ob er kommen solle. (An Hain, ebenda No. 115, Or.)
3) Instruktion des Kf. für seine Gesandten in Bandesangelegenheiten Nor. 25,
Reg. H. p. 589, No. 191, IV, Or.
4) Neudecker, Aktenst, S. 401 f und 412, Jan. 30.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542—1546. 409
Türkenbilfe und in der braunschweigischen Sache im ganzen im
Einklang mit den hessischen vergehen*).
Eine im wesentlichen gemeinsame Politik haben die beiden
Fürsten auch in den Bundesangelegenheiten getrieben. Sogar die
Bemühungen des Landgrafen um das Zustandebringen von Rüstungen
der Verbündeten wurden vom Kuifürsten bis zu einem gewissen
Grade unterstützt *). Man muß eben berücksichtigen, daß die beiden
Bundeshauptleute doch vielfach gemeinsame Interessen zu vertreten
batten und aufeinander angewiesen waren. Vor allem mußten sich
beide bemühen, ihre Verbündeten zur Tragung der Kosten des
braunschweigischen Unternehmens mitheranzuziehen. Diese dagegen
wollten nur eiuen Teil der Kosten übernehmen, verlangten vor allem,
daß die beiden Fürsten das, was sie für ihre eigenen Reiter und Wagen
ansgegeben hatten, selbst trügen. Es war zuerst der Kurfürst, der
sich, um ein AuseinanderfaUen des Bundes zu verhüten, dazu bereit
erklärte *), erst nach langem Sträuben gab auch Philipp nach *). Die
Fürsten verlangten dafür nun aber, daß die Anteile, die auf Pommern,
Württemberg u. a. fielen, gleichmäßig auf alle anderen Stände ver-
teilt würden ®). Auch bei der Behandlung dieser beiden Abtrünnigen
zeigte Johann Friedrich ein größeres Entgegenkommen als der Land-
graf, dem die Geduld zu reißen begann und der ziemlich radikal
gegen sie Vorgehen wollte®). Das Bestreben des Kurfürsten war
1) Das zeigt vor allem da« eächsiacbe Protokoll. Nur in der Frage der
Rüstungen gegen den Braunschweiger fand der Landgraf beim Kurfürsten nicht
immer die gewünschte Unterstützung. VergL auch Kan nengiefier, S. 43;
Nendecker, Aktenst., S. 417 ff. 421 ff. 427 ff. Kf. an Ldgf. März 10, Reg. H.
p. 630, No. 197, III, Konz., etc.
2) Zunächst war er gegen vorzeitige Rüstungen, besonders aus Rücksicht
auf den Kaiser, wünschte auch vorherige Zustimmung der anderen Verbündeten
(P. C. III, 560; Neudecker, Aktenst, S. 424. 427 ff.), im April willigte er
aber darein, dafi 3000 fl. für Rüstungen anfgewandt würden, wenn auch nur die
Defensionsverwandten zustimmten (April 11, Reg. H. p. 630, No. 198, III, Konz.).
3) An Ldgf. Febr. 13, Neudecker, Aktenst, S. 431 ff.; Fcbr. 25, R^. H.
p. 630, No. 197, II. Konz.
41 Ldgf. an Kf. März 15, R^. H. p. 630, No. 197, II, Or. Vergl. P. C.
III, 569.
5) Ueber die Rechnungen gab es schon seit dem Herbst beständige Ver-
handlungen. Ueber die Beratungen des Wormser Tages gibt ein sächsisches Pro-
tokoll, das vom 25. Dez. 1544 bis zum 26. Juli 1545 reicht, gut Auskunft, Keg. H.
p. 589, No. 191, VI.
6) Elr riet, noch einen Versuch zu machen, die Hze. zu bestimmen, ihren
Verpflichtungen nachzukommen, sie aber, wenn das nichts nütze, vor die Einung
Digitized by Google
410
Kapitel III.
offenbar, den Bund durch Nachgiebigkeit zusammenzuhalten, zu-
weilen, besonders gegen Ende des Wormser Tages, ist aber auch
er ziemlich bundesmüde gewesen, oder wollte wenigstens in eine
Verlängerung des Bundes nur willigen, wenn seine Reform damit
verbunden würde.
Die Frage der „Erstreckung“ des Bundes stand schon vom An-
fang der V^ersammlung an auf der Tagesordnung. Johann Friedrich
erkannte ihre Notwendigkeit an, betonte aber von vornherein, daß
die Verbesserung der Bundesverfassung vorhergehen müsse und auch
seine finanziellen Forderungen an den Bund erst befriedigt sein
müßten. Auch als dann Sachsen und Hessen am 22. April gemein-
sam Beratungen über die Erstreckung und Verbesserung der Einung
beantragten, legte der Kurfürst auf den zweiten Punkt das Haupt-
gewicht, die Beseitigung der Mängel des Bundes galt ihm als
Bedingung für die Erstreckung, ja gelegentlich verstimmten ihn die
Schwierigkeiten, die man mit den Defensionsrechnungen fand, sogar
so sehr, daß er völlige Preisgabe des Bundes erwog. Würden da-
gegen seine Beschwerden beseitigt, so war er nicht nur zur Ver-
längerung des Bundes, sondern auch zu seiner .Ausdehnung auf
Profansachen bereit *).
In engster Verbindung mit den Beratungen über die Er-
streckung des Bundes standen die über seine Erweiterung. Gerade
während des Wormser Tages knüpften sich ja sehr hoffnungsvolle
Beziehungen zu Kurköln an, Sachsen und Hessen traten schon im März
aufs wärmste dafür ein. daß man sich der kölnischen Appellation an-
schließe ’). Weiterhin entstand ja dann auf diesem Tage der gi-oße
zu zitieren und diese erkennen zu lassen, was sie zu geben schuldig seien. Würden
sie der Zitation nicht folgen, so müßte man andere Wege suchen, sie zur Leistung
der Gebühr zu veranlassen. (Instruktion des Ldgf. für seine Ges. in Worms in
Bundesangelegenheiten vom 20. Nov., P. A. 72.5, Or.) Der Kf. b^iügte sich in
seiner Instruktion vom 25. Nov. damit, seinen Gesandten zu befehlen, die Meinung
der anderen Stände über die Frage einzuholen.
1) Ldgf. an Kf. Dez. 13, Kf. an Ldgf. Dez. 24, B^. H. p. 585, No. 190, II.
Kf. an seine Räte 1545 April 3, Reg. H. p. 652, No. 201, Or, Sächsisches Proto-
koll vom 22. April. Beschluß von diesem Tage P. A. No. 728 und Reg. H.
p. 589, No. 191, 111; P. C. III, 585, 2. Kannengießer, S. 45. Kf. an Ldgf.
April 29, Reg. H. p. 636, No. 198, I, Konz.; an die Räte Juni 5, Reg. H. p. 652,
No. 201, Or. Ldgf. an Kf. Juiii 23, Kf. an Ldgf. Juni 28, Reg. H. p. 636,
No. 198, II.
21 P. C. III, 571. Varrentrapp, 1, S. 245. Sächsisches Protokoll
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
411
Plan, alle noch außenstehenden protestantischen Stände in den Bund
hineinzuziehen, den wir wohl als das Hauptresultat dieses Bundes-
tages betiachten dürfen. Die erste Anregung zu diesem Beschlüsse
scheint durch die Gerüchte vom Anstand mit den Türken, die Fort-
setzung des Konzils und die Nachrichten von einer „Zusammen-
setzung“ der Gegner gegeben worden zu sein. In einer Beratung
der Bundesstände etwa vom 29. April schlug der Herzog vou Lüne-
burg vor, auch andere Stände für die Verteidigung der Libertät zu
gewinnen, und empfahl, auch mit Frankreich und England in Ver-
bindung zu treten ‘). Beide Gedanken und auch der einer Zusammen-
kunft aller protestantischen Stände nach dem Reichstag spielen
dann in den Briefen des Landgrafen seit Anfang Mai eine große
Rolle *). Es war verhängnisvoll, daß Johann Friedrich infolge seiner
früheren Erfahrungen für einen Bund mit den beiden auswärtigen
Königen jetzt so wenig zu haben war. Die Beratung über die
Heranziehung der anderen protestantischen Stände wurde einem
engeren Ausschuß übertragen, und auf Grund von dessen Bericht
haben sich, wie es scheint, alle Stände am 1. Juni für Verhand-
lungen mit jenen ausgesprochen ®). Für das Ende des Jahres faßte
man eine Versammlung aller protestantischen Stände in Frankfurt
ins Auge und beauftragte einstweilen einzelne Bundesglieder, mit
einzelnen dieser noch Außenstehenden zu verhandeln und zu son-
dieren, ob sie zu einer gemeinsamen Politik geneigt seien. Dabei
wurden z. B. Sachsen und Hessen gemeinsam der Kurfürst vou
Köln und die Söhne Markgraf Georgs zugewiesen, dem Kurfürsten
allein Herzog Friedrich von Liegnitz und Münsterberg. Mit seinem
Bruder Johann Emst zusammen sollte er den Grafen Ernst vou
Henneberg zu gewännen suchen, den Grafen Wilhelm von Nassau
sollte er veranlassen, mit den Grafen der Wetterau zu verhandeln.
Jeder Stand sollte mit den Freien seines Adels, soweit sie Pro-
testanten seien, in Unterhandlung treten. Auch die „Neutralen“,
Pfalzgi’af Fiiedrich und Herzog Wilhelm von Bayern, wollte man
herauziehen ^).
1) Sächsisches Protokoll.
2) An Kf. Mai 2, R<^. H. p. 636, No. 198, II, ür. VerRl. M. P. C. II, 250«.
Christian BrOck an Kf. o. D., Reg. H. p. 589. No. 101, 111, Hdbf. Lenz, II,
8. 360. fiasenclever, I, S. 56.
3) Sächsisches Protokoll.
4) Abschied vom 7. Aug., Reg. H. p. 589, No. 191, IV, Or. Als Ergänzung
dazu ist zu betrachten ein Bedenken des engeren Ausschusses, was mit etlichen
Digitized by Google
412
Kapitel III.
Wenn dieser wichtige Beschluß vor allem durch die Befürch-
tungen, die man über die Zukunft hegte, herbeigeführt wurde, so sind
andere wesentliche Beschlüsse des Bundestages durch die Religions-
verhandlungen veranlaßt worden, die auf dem gleichzeitigen Wormser
Reichstage stattfanden. Dieser sollte ja nach den Absichten des
Kaisers vor allem auch zur Herbeiführung der religiösen Ver-
gleichung dienen, und die einzelnen Stände hatten die Aufgabe ge-
habt, Reformationsentwürfe zu diesem Zwecke zu verfassen ^). Auch
die Wittenberger Theologen waren durch den Kurfürsten zur Aus-
führung dieses Beschlusses veranlaßt worden, und es war so das
Stück entstanden, das unter dem Namen der Wittenberger Re-
formation bekannt geworden ist*). Nach einem in Speier gefaßten
Beschluß der Verbündeten sollten die von den Theologen der ver-
schiedenen protestantischen Stände entworfenen Gutachten in Worms
zusammengearbeitet werden, doch hat dabei außer dem witten-
bergischen nur das Straßburger eine größere Rolle gespielt *). Da-
neben waren schon bei der Abfassung der Wittenberger Reformation
manche Wünsche des Landgrafen berücksichtigt worden ^). In
Worms selbst haben die entscheidenden Verhandlungen im März
und Juni stattgefunden. Ihr Resultat war, daß die beiden ersten
Teile des auf Bucer zurückgehenden Straßburger Gutachtens, die von
der rechten Form der alten Kirche und davon, wie man von der-
selben abgeschritten sei, handelten, übernommen wurden, im dritten
Teil, der sich auf die jetzt vorzunehmende Reformation und Ab-
hilfe bezog, sollte das Wittenberger Werk mit anderen Gutachten,
wie dem Marburger, zusammengearbeitet werden. Die Schlußre-
daktion soUte einer einzelnen Person Übetragen werden *). Fragen
Potentaten und Ständen des trientiniscben KontiU halben zu handeln, Reg. H.
p. 612, No. 196, III.
1) de Boor, S. 87. Auftrag des Ldgfen. an seine Theologen schon vom
4. Aug. 1544, Rommel, III, No. 27, S. 104—107.
2) Vergl. etwa Burkhardt, Briefwechsel, S. 454. C. R. V, 533f. 577 f.
579—606. 607—643.
3) Vergl. über dieses Neudecker, Urk. S. 703ff.; Lenz, II, S. 285, 2.
C. R. V, 6-14 — 647 ist dagegen gerichtet
4) C. R. V, 672 ff. 674 ff. Kf. an die Wittenberger Theologen Febr. 14,
Reg. H. p. 589, No. 191, Konz.; März 9, ebenda Konz. Antwort der Theologen
C. R. V, 680 — 691. Vergl. auch Lenz, II, S. 337.
5) Im März wurde Sturm beauftragt, die beiden ersten Teile der Reformation
aus dem Bedenken Bucers zusammenzustellen, der letzte Teil wurde den Sachsen
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546. 413
wir nach der Stellung des Kurfürsten, so gefiel ihm die Witten-
berger Reformation natürlich besser als das Straßburger Gutachten,
doch legte er, nachdem ihm klar geworden war, daß der Kaiser
die Religionsvergleichung auf diesem Reichstage schwerlich vor-
nehmen werde, keinen großen Wert mehr darauf, daß man sich
überhaupt über eine Reformation einigte ‘).
Tatsächlich ist es ja dann auch zu einer Ueberreichung des
Werkes der Theologen an den Kaiser nicht gekommen, da in Wonns
überhaupt keine Beratungen über die Religion stattfanden’); nur
inoffiziell hat Bnrchard Granvella Einsicht in den Reformations-
entwurf der Protestanten gewährt, doch ließ er dabei die bedenk-
lichsten Teile weg®). Für den Kaiser war ja der Gedanke, durch
eine Religionsvergleichung zur Versöhnung mit den Protestanten
zu gelangen, seit dem Frieden mit Frankreich, und seitdem der
Papst das Konzil ausgeschrieben hatte, sowie unter dem Eindruck
des Briefes des Papstes vom 24. August®) ganz zurückgetreten. Wir
wissen heute, daß er für den Sommer 1545 einen Krieg gegen die
Protestanten plante, und daß dieser schließlich nur deshalb ver-
schoben wurde, weil das Jahr zu weit vorgeschritten und die
Rüstungen nicht weit genug gediehen waren®). An eine Versöhnung
dachte Karl jetzt jedenfalls nicht mehr. Die Möglichkeit, den
fibertragen. (Die heesbchen Räte an den Ugf. März 31, P. A. No. 728, Or.
Lenz, II, S. 339.) Im Juni wurde ein großer Aueecbuß eingesetzt, um aus den
verschiedenen Ratschlägen eine Reformation zu machen, auch Kurköln und Nürn-
berg waren mit darin. Drei Tage lang sahen seine Mitglieder die eingegangenen
Ratschläge durch. Man fand, daß alle in der Lehre übereinstimmten, nur in der
Form verschieden seien. Man beschloß, die von fiucer vorgeschlagene via ac-
cusationis fallen zu lassen, dagegen die beiden anderen Teile seines Bedenkens in
ein ordentliches Konzept zu bringen, in bezug auf den letzten Teil den witten-
bergischen, marburgischen Vorschlag u. s. w. zusammenzuziehen. Eine einzelne
Person sollte dann das Werk fertig machen und es dem großen Ausschuß wieder
zustellen. (Die hess. Räte an Ldgf. ca. Juni 6, P. A. No. 729, Or.)
1) Neudecker, Aktenst-, 8. 388ff.
2) Der Ldgf. vermutete das schon am 4. Dez. 1544, an Kf., Reg. H. p. 585,
No. 190, II, Bnrchard am 18. Dez., Reg. E. p. 59a, No. 122.
3) Bnrchard an Kf. Juni 14, Juli 9, Reg. E. p. 59a, No. 121, Or. Secken-
dorf, III, S. 555.
4) Concilinm Tridentinum IV, 364ff. Vergl. C. R. V, 574. Druffel, Abh.
Bayr. Ak. XIII, S. 214 ff. 229 ff., Anm. 17.
5) Die kuraächs. Ges. melden das dem Kf. am 7. Aug. (Reg. E. p. 59a,
No. 121), ein Beweis, wie trefflich man auf dem Laufenden war.
Digitized by Google
414
Kapitel III.
Plan der Religionsvergleichung zurückzustellen, bot ihm das jetzt
vom Papst von neuem nach Trient auf den 15. März 1545 aus-
geschriebene Konzil ').
Wir hatten vielfach Gelegenheit, eine zu große Vertrauens-
seligkeit an Johann Friedrich in diesen Jahren zu tadeln. An
einem hat er unbedingt festgehalten : an der Ablehnung des päpst-
lichen Konzils, und wenn irgend etwas auch ihn besorgt machte
und ihn ein Vorgehen gegen die Protestanten befürchten ließ, so
war es die Berufung des Konzils und seine Anerkennung durch
den Kaiser. In seiner systematischen Weise dachte er sich das
Verfahren der Gegner nun etwa so, daß das Konzil Beschlüsse
gegen die Protestanten fassen und der Kaiser dann deren Exekution
übernehmen werde. Er glaubte eben deswegen, daß man noch
etwas Zeit und im Jahre 1545 noch nichts zu befürchten habe*),
er hielt aber andererseits für nötig, daß man seine Stellung zum
Konzil, die Gründe seiner Ablehnung erneut formuliere und mög-
lichst viele Genossen für seine ablehnende Haltung gewinne. Durch
das ganze Jahr 1545 ziehen sich Erörterungen darüber, und auch
Johann Friedrich selbst hat seine Stellung öfter zum Ausdruck ge-
bracht. Verfolgen wir diese Dinge zunächst für die Zeit des
Wormser Reichstages, so empfahl der Kurfürst schon am 16. Januar,
daß Luther eine Schrift gegen das Papsttum verfasse als Antwort
auf den Brief des Papstes an den Kaiser und das Konzilsaus-
schreiben®), auch riet er, daß man sich in Worms über die Ab-
lehnung des Konzils einige *). Zu größerer Tätigkeit wurde er dann
dadurch veranlaßt, daß in der Proposition vom 24. März die ge-
plante Reformation verschoben wurde, um erst das Resultat des
Konzils abzuwarten. Damit war das eingetreten, was er immer als
Kriterium für die Absichten des Kaisers bezeichnet hatte. Doch
ging er auch jetzt noch sehr besonnen vor. Er hatte selbst schon ein
Gutachten verfaßt, wonach „fromme, gutherzige und in der heiligen
Schrift gelehrte“ Leute zu einem Kolloquium oder Konzil zusammen-
1) Das wird z. B. in der Proposition Ferdinands vom 24. März ganz offen
gesagt, Reg. & p. 59a, No. 115. Die Berufungsballe vom 19. Nov. 1544 in Conc.
Trident. IV, 385 ff.
2) Vergl. etwa an Ldgf. Nov. 29, Reg. H. p. 585, No. 190, II, Konz.; 1545
Jan. 24, N eudecker, Äktenst., S. 388ff.
3) An Bruck C. R. V, b53ff.; R^. H. p. «03, No. 194, Bl. 71 ff.
4) Ncudecker, Äktenst, 8. 401. Kannengieäer, S. 32.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542—1546.
415
treten sollten, und bemerkte selbst dazu, daß es die Schuld der
Gegner sei, wenn sie keine solchen Persönlichkeiten hätten '). Außer-
dem ließ er aber Luther und Melanchthon durch Brück zu einem
Gutachten über das Konzil auffordern*), und die kursächsichen
Gesandten empfahlen in Worms in der Versammlung der Pro-
testanten, vor allem über das Konzil zu beraten und sich darüber
zu vergleichen, dann erst über die Türkenhilfe. Man hielt dabei
diesmal für gut, nicht nacli Religionsparteien, sondern nach KoUegien
zu beraten, weil man hoffte, noch andere Stände, vor allem Köln
und Pfalz, zu gewinnen. Tatsächlich wai’en diese im Kurfürstenrat
mit Sachsen in der Forderung einig, daß die Religionssache auf
dem Reichstage vorgenommen werden soUe und nicht aufs Konzil
verschoben werden dürfe. Mainz und Trier waren allerdings da-
gegen, Brandenburg enthielt sich der Stimme*).
Es wird im Zusammenhang mit diesen Beschlüssen stehen,
wenn gerade Ende März die Beratungen der Protestanten über die
Eeligionsfrage begannen. Daneben gingen die Verhandlungen über
die den Kaiserlichen zu erteilende Antwort weiter. Am 3. April
scheint sie überreicht worden zu sein. Man bat darin, die Beratung
Ober die Religion vorzunehmen, da der Reichstag deswegen berufen
sei. Wäre das unmöglich, so bat man um einen PYieden, der nicht
bloß bis zum Konzil reiche, da man das Tridentiner Konzil nicht als
das versprochene anerkennen könne, sondern so lange bis über die
ganze Sache in frommer nnd christlicher Weise gehandelt sei. Man
erklärte ferner, daß zum Frieden auch gleichmäßiges Recht gehöre
nnd daß man bereit sei, mitzuwirken, damit darin dem Reichs-
abschied gemäß gehandelt werde. Erst nach Lösung dieser beiden
Fragen sei man zu Beratungen über den Türkenkrieg bereit*).
So stand man Anfang April 1545 glücklich wieder auf dem-
selben Standpunkt, wie vor einem Jahre: ohne Frieden und
Recht keine Türkenhilfe, wozu jetzt noch die Ablehnung des
vom Papst berufenen Konzils kam. Die Religionsangelegenheit
1) An Ldgf. März 29, Reg. U. p. 630, No. 197, III. Das Bedenken des
Kf. in Reg. H. p. 589, No. 191, IV.
2) April 3, Reg. H. p. 603, No. 194, Konz.
3) Sächsisches Protokoll, Reg. H. p. 589, No. 191. VI. Protokoll der Sitzung
des Kurfürstenrates, Reg. £. p. 59a, No. 121; Springer, S. 22.
4) Sleidan, II, S. 376ff. Kannengießer, S. 39. P. C. III, 577 f. Ein
Konz, des Stücks in Reg. E. p. 59a, No. 115.
Digitized by Google
416
Kapitel III.
wollten die Protestanten allenfalls auf einen neuen, sofort anzn-
setzenden Reichstag verschieben lassen, im übrigen blieben sie
allen Bemühungen Ferdinands gegenüber fest, obgleich diesmal
Sachsen wenigstens in der Kammergerichtssache nichts gegen einiges
Entgegenkommen, z. B. eine Verschiebung auf den nächsten Reichs-
tag, einzuwenden gehabt hätte. Auch auf Ferdinands Vorschlag
vom 7. Mai, diese Fragen bis zur Ankunft des Kaisers zu ver-
schieben und inzwischen mit den anderen Ständen über die Türken-
hilfe zu beraten, ließ man sich nicht ein^).
Auch als am 19. Mai der Kaiser selbst die Verhandlungen
mit den Protestanten in die Hand nahm, kam man nicht weiter,
da jeder Teil auf seinem Standpunkt beharrte *). Dabei traten bald
die Verhandlungen über die Annahme des Konzils in den Vorder-
grund*). Johann Friedrich war sehr erfreut darüber, daß seine
Religionsverwandten gerade in diesem Punkte fest blieben*). Am
14. Juni setzte dann die von den Protestanten veranlaßte Ver-
mittlung des Pfalzgiafen Friedrich ein. Auch ihm gelang es nicht,
die Protestanten zur Anerkennung des Konzils zu bestimmen, wohl
aber schuf er dadurch, daß er den Gedanken des Kolloquiums anf-
warf, die Möglichkeit, einen für beide Teile annehmbaren Abschluß
zu finden, bei dem jeder im wesentlichen auf seinem Standpunkt
beharrte *).
Erwähnung verdient noch, daß der Kurfürst damals doch auch
dem Versuch, ihn durch eine Sendung Pfirts an ihn zur Nach-
giebigkeit zu bestimmen, widerstand. Auch der Hinweis auf seine
feindlichen Nachbarn wirkte nicht. Er erklärte, sich in aUen anderen
Sachen so halten zu wollen, daß der Kaiser keinen Grund zur
Mißstimmung gegen ihn haben solle, beharrte in bezug auf das
Konzil aber auf seinem Standpunkt, betonte auch, daß er allein in
dieser Sache gar nichts tun könne®).
1) Sleidan, II, S. 378ff. Akten in Reg. E. p. 59a, No. 115. Kannen-
gießer, S. 39f. P. C. III, 577 ff. Die Räte an Kf. April 14, Kf. au die Räte
April 26, Reg. E. p. 59a, No. 121.
2) Kannen gießer, S. 53f. P. C. III, 597 ff.
3} Springer, S. 30ff. Kannen gießer, S. ßlff.
4) An Brück Juni 12, R^. H. p. 603, No. 194.
5) Für alle Einzelheiten verweise ich auf Kannen gießer, S. 68ff. ; P. C-
III, 608.
6) Karl V. an Kf. Mai 25. Werbung Pfirts vom 8. Juni, Antwort des Kf.
vom 17. Juni, Reg. E. p. 59a, No. 115. Kf. an seine Oes. Juni 17, ebenda No. 121;
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546. 417
Auch nachdem durch die pfälzische Vermittlung zwischen dem
Kaiser und den Protestanten eine Einigung über das Kolloquium
erzielt war, hat man über Frieden und Recht noch einige Wochen
verhandelt. Zn einer Vergleichung darüber kam es nicht. Die
Protestanten erklärten daher dem Abschied gegenüber ausdrücklich,
daß sie am Speierer .Abschiede festhielten. Eine Neuorganisation
des Kammergerichts unterblieb, die Frage der Türkenhilfe wurde
auf den nächsten Reichstag verschoben *).
Die Unzufriedenheit der Protestanten über den Reichsabschied
^kam auch in ihrem eigenen Bundesabschied vom 7. August zum
-Ausdruck. Sie hielten für nötig, sich auf die Rekusation des Konzils
von neuem vorzubereiten, und beauftragten Sachsen, Hessen, Württem-
berg, Straßburg und Nürnberg, durch ihre Theologen und Juristen
Ratschläge darüber verfassen zu lassen. Diese sollten an Sachsen
und Hessen geschickt und dann von einem einzelnen zu einer
Rekusation verarbeitet werden, die auf dem nächsten Bundestag
verlesen und ausgefertigt werden sollte. .\uch wenn man beschloß,
in der Not znsammenzuhalten und alle Streitigkeiten untereinander
beizulegen, wenn jeder Bundesstand seine Gesandten auf dem
nächsten Tage über Erstreckung, Verbesserung und Erweiterung
der Einung instruieren sollte, und wenn endlich die schon er-
wähnten Verhandlungen mit den anderen protestantischen Ständen
und auch außerdeutschen Potentaten in Aussicht genommen wurden,
so können wir das alles als einen Beweis dafür ansehen, daß die Lage
den Verbündeten sehr gefährlich erschien’). Keinen Augenblick
haben sie daian gezweifelt, daß das Religionsgespiäch für den
Kaiser nur eiu Mittel sei, um Zeit zu gewinnen.
Endete so der Reichstag in den Hauptfragen mit einem nur
verschleierten Bruch, so war es dagegen in einer anderen .An-
gelegenheit, die viel böses Blut gemacht hatte, in der braun-
schw’eigischen, gelungen, eine Einigung zwischen dem Kaiser und
den Schmalkaldenern zu erzielen. Zunächst war zwar, wie wir
sahen, beim Landgrafen wenig Neigung vorhanden gewesen, an der
1544 schon halb gewährten Sequestration festzuhalten, und auch
N. B. VIII, 224. 238. 631 ff. Bei Seckendorf, III, S. 546 ist die Sendung
irrtümlich in den Juli verlegt, danach Kannengießer, S. 78f. Dadurch löst
aich auch deesen Zweifel auf S. 128, Anm. 277.
1) Kannengießer, S. 83 ff.
2) Abschied vom 7. Aug. und Ergänzung dazu. Siehe S. 411, Anm. 4.
ßdträze rur neueren Geschichte Thüringeni I, ». 27
Digitized by Google
418
Kapitel III.
die Vertreter des Kurfürsten hatten in dieser Frage den anderen
Ständen gegenüber gemeinsam mit den hessischen Gesandten ope-
riert '). Der Grundstimmung des Kurfürsten aber entsprach es doch
mehr, wenn auch nicht die Restitution Braunschweigs, die manche
andere Stände wünschten, so doch die Sequestration zu gewähren *).
Anfang Mai fügte sich auch der Landgraf, es kostete aber noch
einige Mühe, zu erreichen, daß die anderen Stände, die die Resti-
tution des Landes vorgezogen hätten, sich damit zufrieden gaben.
Erst am 14. Juni einigte man sich über den Vorschlag, den man
wegen der Sequestration dem Kaiser überreichen wollte®).
Auf dieser Grundlage konnte nun mit diesem verhandelt werden,
und bis zum 7. Juli kam dann der vom 10. datierte Vertrag zustande.
Danach versprach man, das Land binnen eines Monats nach er-
folgter Bewilligung in die Hände des Kaisers zu übergeben. Dieser
sollte dann aus einer sofort benannten Anzahl von Fürsten zwei
mit der Administration des Landes betrauen. Diese sollten das,
was von den Protestanten seit der Eroberung im Lande einge-
richtet sei, bis znm Austrag des Streites bestehen lassen und Herzog
Heinrich nicht ins Land lassen. Die Kommissarien sollten ferner
den Streit durch gütliche Handlung oder rechtliche Entscheidung bei-
legen. Inzwischen durfte keine der beiden Parteien etwas Tätliches
gegen die andere vornehmen. Wer gegen diese Abrede handelte,
sollte als Landfriedensbrecher gelten, und der Kaiser sollte bei der
Exekution gegen ihn helfen. Dessen Aufgabe sollte auch sein, über
die Annahme dieses Vertrages mit dem Herzog zu verhandeln, sie
ihm eventuell bei Strafe des Bruches des Landfriedens zu gebieten ‘).
So konnte man hoffen, diese schwierige Frage aus der Welt
geschafft zu haben. Nur zu bald aber zeigte sich, daß an ein Ein-
gehen des Herzogs auf die Sequestration nicht zu denken sei.
Nach wie vor wurde man durch angebliche und wirkliche Rüstungen
1) Seit März kamen die Verhandlungen mit den Kaiserlichen über die
Sequestration in Gang. Akten in Reg. H. p. 589, No. 191, V.
2) In einer Ausschußberatung vom 10. April über die Sequestration gab
Sachsen ein ausweichendes Votum ab, P. C. III, 579 f. und sächs. Protokoll ; am
29. April sprach der Kf. sich dafür aus, daß man die Sequestration bewillige
(Reg. H. p. 636, No. 198, I, Kouz. an Ldgf.), am 2. Mai fügte sich notgedrungen
auch der Ldgf., ebenda II, Or., vollständig allerdings erst Anfang Juli, sächs.
Protokoll. Ldgf. an Kf. Juli 6, Reg. H. p. 636, No. 198, II, Or.
3) Sächsisches Protokoll. P. C. III, 606. Kannengießer, S. 47 ff.
4) Hortleder, I, 2, S. 1036f. P. C. III, 612 f.
Digitized by Google
Band and Reich: Die Jahre der ünsicherheit 1542 — 1546. 419
Heinrichs in Atem gehalten, und es entstand wieder der alte Zu-
stand, daß der Landgraf dagegen Abwehrmaßregeln forderte, während
der Kurfürst voreilige Ausgaben zu vermeiden suchte *).
Es ist zuweilen nicht ganz leicht, festzustellen, ob in dem Brief-
wechsel der beiden Fürsten nur von der vom Braunschweiger drohen-
den Gefahr oder von der allgemeinen Lage die Rede ist, und mancher
ist wohl durch zu große Verallgemeinerung der in diesen Briefen
ausgesprochenen Ansichten zu schiefen Urteilen geführt worden’).
Doch kann deshalb daran doch kein Zweifel sein, daß der Land-
graf in den nächsten Monaten nach dem Wormser Reichstage die
Lage für außerordentlich geföhrlich ansah und fast mit Sicherheit
den Ausbruch des Krieges im nächsten Jahre erwartete. Wenigstens
zeitweilig war er geneigt, demgegenüber den „Vorstreich“ für das
Richtigste zu halten ®). Doch beschränken wir uns auf die Stellung
Johann Friedrichs!
Auch er ist zunächst über alles, was bei der Gegenpartei
vorging, stets vortrefflich auf dem Laufenden gewesen. Abgesehen
davon, daß der Landgraf ihm wohl jede Nachricht, die er er-
hielt, sofort zusandte, schrieb ihm z. B. Eberhard v. d. Thann
Briefe, die von einer geradezu verblüffenden Klarheit über die
Absichten der Gegner zeugen*). Demgegenüber ist der Stand-
punkt Johann Friedrichs bis unmittelbar vor dem Ausbruch des
Krieges der gewesen, daß an den feindlichen Absichten des Papstes
und der Bischöfe natürlich kein Zweifel sei, daß aber doch noch
nicht zur Genüge bewiesen sei, daß auch der Kaiser sich zum
Werkzeug dieser Pläne machen werde. Er meinte, daß man
darüber erst volle Sicherheit gewinnen müsse, ehe man irgend-
welche direkten Schritte dagegen tun dürfe, um nicht durch eigene
1) Die umfaogrdche Korrespondenz der beiden Fürsten über diese Dinge in
Reg. H. p. 645, No. 199/200, II. III. ßniges gedruckt bei Neudecker,
Aktenst., S. 462 If., ürk., 8. 735 ff.
2) Hasenclever, I, S. 1 nicht ganz davon frei.
3) Vergl. Brandenburg, I, 8. 394 f. die Sendung Günderodes und
vor allem Ldgf. an Kf. Sept, 9, Reg. H. p. 64.5, No. 199/200, II, Or., Aktenst.
No. 61, Dez. 26, Reg. H. p. 670, No. 209, II, Or. In dieselbe Zeit mag das
Memorial des Ldgf. in P. A. 645 gehören. Daß auch er zuweilen schwankte, zeigt
sein Brief an BIf. vom 17. Jan. 1546, Reg. H. p. 670, No. 209, I, Or., in dem er es
für unwahrscheinlich erklärte, daß das Spiel dies Jahr werde angefangen werden.
4) Vergl. besonders den Brief vom 31. Aug. 1.545 in Reg. II. p. 600, No. 193.
Seckendorf, III, 8. 566f. Hasenclever, I, 8.4, Anm. 3. Aktenst. No. 60.
27*
Digitized by Google
420
Kapitel III.
voi t41ige Handlungen selbst das herbeizuführen, was man vermeiden
wolle. Jeder Zeitgewinn schien ihm dabei erwünscht, weil Gott
inzwischen Wege finden könne, sein Evangelium doch noch vor
der Gefahr zu bewahren ■)•
Das sind ungeföhr die Gedanken, die immer wiederkehren,
doch werden sie gelegentlich abgelöst durch andere Stimmungen
und Aeußerungen bald sorgloserer *), bald aber auch entschlossenerer
Art*). Jene wird man vielfach aus dem Wunsche zu erklären
haben, zurückhaltend auf den ungestümen Landgrafen zu wirken,
diese sind wohl meist durch augenblickliche besonders bedrohliche
Nachrichten veranlaßt, die momentan dem Kurfürsten doch die Ge-
fahr als sicher erscheinen ließen, oder sie sind der Ausdruck eines
erhöhten Selbstgefühls, wie unmittelbar nach der Besiegung des
Braunschweigers. Die immer wiederkehrende Grundstimmung aber
bleibt die oben geschilderte*).
Es geht nicht an, sie einfach aus dem Chaiakter und Tem-
perament Johann Friedrichs zu erklären, da wir ihn früher weit
besorgter und unternehmungslustiger gesehen haben. .\uch in
seiner Konstitution wird sich seit 1542 schwerlich so viel ge-
ändert haben, daß man das gi-ößere Phlegma etwa auf körper-
liche Einfiüsse zurückführeu könnte. Eher könnte man vielleicht
Wert legen auf die engen Beziehungen zu den Habsburgern.
1) Neudecker, Aktenst., S. 483 f. (Aup. 16); Urk., S. 736 (Scpt, 7|; an Ixlpf.
Sept. 14, Reg. H. p. 645, No. 190, I, Konz. P. A. Sachsen, Emeelin. Linie, 1.545.
Or. Siehe Aktcnst. No. 62. An Thann Okt. 18, Reg. H. p. 600, No. 193; an Ldgf.
Dez. 24, Reg. H. p. 636, No. 198 IV; 1546 Jan. 3, Reg. H. p. 670, No. 209, III.
Konz. Brück bestärkte den Kf. in seiner Zurückhaltung Dez. 27, Reg. H.
p. 603, No. 194, Bl. 201 ff. Vergl. Hasenclever, I, S. 49, 13. 191, 23. Kf. an
Ldgf. 15-16 Jan. 30, Reg. II. p. 670, No. 209, I, Kunz., Aktenst. No. 64 ; Febr. 24,
ebenda, Aktenst. No. 65.
2) z. B. Kf. an Ldgf. Aug. 9, Reg. H. p. 645, No. 199;'200, III, Konz.; an
Pfirt Dez. 10 (unter dem Eindruck des Sieges über den Braunschweiger), Reg. H.
p. 600, No. 193. Kf. an Thann 1546 März 29, Reg. J. p. 593 AA [Y|, No. 19.
3) An die Ges. in Frankfurt Dez. 31, Reg. H. p. 612, No. 196, I, Or. ; an
Ldgf. 1546 Jan. 20, Reg. H. p. 670, No. 209, I; an Ldgf., Hz. Emst und die
Räte 1545 Okt. 26, Reg. H. p. 1086, FM. Hier spricht sich der Kf. dafür aus. dall
man während des Winters, wenn^uch nicht das ganze, so doch einen Teil des
gegen den Braunschweiger aufgebotenen Kriegsvolkes unterhalte, „dan man des-
selben uf den frulinge wider wol wirdet bedürfen“.
4) Keinen Wert möchte ich auf solche Unterlassungen legen, wie die. daß
der Kf. nicht energischer bei der Mainzer Wahl eingriff. Er wird das als ins
Gebiet des Ldgf. gehörig betrachtet haben. Hasenclever, 1, 8. 34 f.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542—1546.
421
die ja seit 1544 seine Politik so stark gelähmt hatten *). Auch
die Erfahrungen, die man im Bunde gemacht hatte, werden
nicht ohne Einfluß gewesen sein. Betonte doch der Kurfürst in
dieser Zeit oft, daß die Erstreckung und Verbesserung des Bundes
allen anderen Beschlüssen Vorgehen müsse *), wurde er doch
zeitweilig von großer Bundesmüdigkeit ergriffen*). Aber als den
Hauptgiund, weshalb sich Johann Friedrich so außerordentlich
schwer entschloß, jetzt an die wirkliche Nähe der Gefahr zu
glauben, möchte ich doch noch etwas anderes betracliten. Es war
bei ihm dadurch, daß man sich in der letzten Zeit so oft bedroht
gefühlt hatte und daß schließlich immer das Befürchtete nicht eiu-
getreten war, eine gewisse Ermüdung entstanden. Er leugnete
zwar die Gefahr nicht, aber er hoffte, daß sie mit Hilfe Gottes, wie
so oft, auch diesmid noch vorübergehen werde, darum wünschte
er, daß man sich vorbereite, soweit es ohne Verletzung des Ge-
wissens, und ohne zu gi-oßes Aufsehen zu erregen, geschehen
könne, daß man aber alles vermeide, was vom Kaiser als feind-
licher Schritt aufgefaßt werden könne.
Von dieser Grundlage" aus wird man die Haltung Johann
Friedrichs bis zum Sommer 1546 verstehen. Schon mit den Be-
schlüssen, die von den Schmalkaldenem in Worms unter dem Ein-
druck der Reichstagsverhandlungen und des Keichsabschiedes ge-
faßt worden waren, stimmte er nur zum Teil überein. Er hatte
zwar gegen die Verhandlungen mit anderen protestantischen Ständen
über ein gemeinsames Vei halten dem Konzil gegenüber und über
ihren etwaigen Eintritt in den Bund, kurz gegen die Erweiterung
der Einung, wenn ihre Verbesserung und Verlängerung vorher-
gingen, nichts einzuwendeu, hat auch die Aufträge, die speziell ihm
in dieser Beziehung zugewiesen wurden, gewissenhaft erfüllt*), er
1) In einem Vortrag, den der Kf. 1553 vor »einer Landschaft hallen wollte,
gibt er »elbst zu, daß er 154.5 einen Angriff des Kaisers nicht vermutet habe,
weil ja 1544 alles vertragen worden sei. (Loc. 914!) ,Kf. Moritzen und Hz. Johann
Friedrich» . . . 1553“, Bl. 109 ff.)
2) Kf. an seine Ges. in Worms Juli 20, Reg. E. p. .59a, No. 121.
3) Nach den Frankfurter Beratungen meinte er am 21. Febr. 1546, er habe
den Eindruck, daß es mit der Einung nur ein Hchein sei und daß sie nichts
nützen werde, wenn es zur Tat gereichen würde, an Ldgf. Reg. H. p. 670, No. 209,
1, Konz.
4) Hierher gehörige Aktenstücke finden eich in Reg. H. p. 589, No. 191, VI,
vor allem Burchard an Kf. Aug. 27, ür. davon in Reg. H. p. 603, No. 194,
Bl. 171 ff. Antwort des Kf. vom 31. Aug. ebenda Bl. 174 f.
Digitized by Google
422
E^pitel III.
lehnte es aber ab, sich an den Verhandlungen mit Frankreich und
England, die man in Worms beschlossen hatte, irgendwie aktiv zu
beteiligen '). Die Rücksicht auf den Kaiser wurde in diesem Falle
unterstützt durch die Verstimmi^ng, die durch das frühere Be-
nehmen der beiden Könige in ihm geweckt worden war, und Eng-
land gegenüber auch durch den Einfluß von Gewissensbedenken,
man kann fast sagen eines gewissen Abscheus, der sich im Laufe
der Jahre gegen Heinrich VIII. in ihm entwickelt hatte. Nun ist
es gewiß bedauerlich, daß der Kurfürst, der früher gelegentlich mit
solchem Eifer sowohl für den Bund mit England, wie für den mit
Frankreich gewirkt hatte, jetzt unmittelbar vor der Entscheidung
passiv beiseite stand, aber man kann doch nicht sagen, daß da-
durch nun wirklich sehr viel geschadet worden sei. Die Verhand-
lungen wurden ja trotzdem begonnen ’), der Versuch, zwischen den
beiden noch im Kriege befindlichen Kronen zu vermitteln, wurde
gemacht*), und es war weniger die Schuld der deutschen Prote-
stanten, als der beiden Könige, wenn schließlich, als der Krieg aus-
brach, keiner von ihnen zu sofortiger Unterstützung jener bereit
war. Es wäre doch kühn, zu behaupten, daß man bei aktiver Be-
teiligung Kursachsens weiter gekommen wäre.
Wenn bei den Verhandlungen mit Frankreich und England die
Grenze dessen, was Johann Friedrich damals für erwünscht hielt,
überschritten wurde, so finden wir ihn im übrigen durchaus bereit, für
1) Das Mißtrauen des Kf. g^n Frankreich tritt z. B. in seinem Briefe an
seine Ges. in Worms vom 25. Juni 1545 zn Tage, Beg. E. p. 59a, Na 121.
Becken dorf, III, 8. 569. Daß es nicht unberechtigt war, zeigt etwa Oachard
8. 470. Ueber Heinrich VIII. äußert sich der Kurfürst sehr scharf am 12. Jan.
1545 gegen den Ldgf., Lenz, II, 8. 283ff. Anm. Ohne Erkubnia seines
Herrn hat dann Burchard in Worms an den Verhandlungen über England teil-
genommen, doch beugte sich der Ef. schließlich damit, sich von jeder offizielleo
Beteiligung an den Verhandlungen femzuhalten. (Lenz, II, 8. 361 f., Hasen -
clever, 1, 8. 56 f.) Alle seine Bedenken gegen den Bund mit England hat Johann
Friedrich in rinem Briefe an seine Gesandten in Worms vom 20. Juli zusammen-
gestellt, Beg. E. p. 59a, No. 121. Aktenst No. 59. Hasenclevers Ansicht,
daß er dabei unter dem Einfluß der Theologen handelte, erscheint mir etwas
gesucht VetgL über die Wiederaufnahme der Beziehungen zn England und den
Widerstand Bachsens jetzt auch L. a. P. XIK, 2, No. 596, 614, 746; XX, 1,
No. 28, 80, 212.
2) z. B. in Worms über ein Bündnis mit England, Hasenclever, I, 8.67;
Kannengießer, 8. 131, Anm. 312. L. a. P. XX, 1, Na 667, 715, 808, 1206, 1229.
3) P. C. III, 618. Hasenclever, I, 8. 52 ff. ZOO. XX, 229 ff. L. a. P.
XX, 2, No. 984, 1013 etc.
Digitized by Google
Band and Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546. 423
die Stärkung der Position der Verbündeten zu wirken. Schon in Worms
war ja für Ende des Jahres ein Tag in Frankfurt angesetzt worden,
um zunächst über die Reformierung und Verlängerung des Bundes
zu beraten und daun mit den ebenfalls eingeladenen außerhalb des
Bundes stehenden protestantischen Ständen über eine gemeinsame
Politik zu verhandeln*). Im Laufe des Sommers und Herbstes
traten Ereignisse ein, die eine frühere Abhaltung der Zusammen-
kunft erwünscht erscheinen ließen. Es war einerseits die Ange-
legenheit des Kurfürsten von Köln, andererseits der Versuch des
Herzogs von Braunschweig, sein Land wiederzugewinnen. Ver-
folgen wir bei dieser Gelegenheit die Haltung Johann Friedrichs
in der Kölner Sache! —
Bei den ersten Nachrichten von den reformatorischen Ab-
sichten des Kurfürsten von Köln hatten sich bei Johann Friedrich
Bedenken dagegen geregt, daß die Reformation allzusehr unter
Bucerschem Einfluß erfolgen könne’), doch hatte er sich trotzdem
im Februar 1543 bereit finden lassen, ein von Bucer gewünschtes *)
und vom Landgrafen befürwortetes*) Trostschreiben an den Erz-
bischof zu senden <'), nach einigem Sträuben entschloß er sich im
April desselben Jahres auch, zu einer Reise Melanchthons nach
Köln seine Zustimmung zu geben, da er glaubte, daß die Interessen
seiner Universität hinter denen des Evangeliums zurücktreten
müßten*). Auch dadurch bewies er Verständnis für die Wichtigkeit
der Kölner Reformation, daß er der auf dem schmalkaldischen
Bundestage im Juli 1543 beschlossenen Gesandtschaft nach Köln
einen seiner tüchtigsten Diplomaten, Eberhard v. d. Thann, beigab *),
und daß er gleichzeitig Melanchthon erlaubte, noch über den
Bonner Landtag hinaus zu bleiben *). Bei diesem Entschlüsse wirkte
aUerdings wohl auch die Hofiiung auf eine Reformation in Jülich
mit. Durch den günstigen Eindruck, den sowohl Thann ’) wie
1) Äbechied vom 7. Aug., Reg. H. p. 586, No. 191, IV.
2) Lenz, II, S. 120, Anm. 3. Vnrrentrapp, I, 8. 139; II, 8. 57, 2.
3) Lenz, II, 8. 1131. 11&
4) Ldgf. an Kl 1543 Jan. 23, Reg. H. p. 519, No. 175, Or. Lenz, II,
8. 1191
5) Kl an Ldgf. Febr. 14, R^. H. p. 519, No. 175, Konz.
6) Kf. an Mel., Kl an Brück April 10, C. R. V, 891 and Anm.
7) Varrentrapp, I, 8. 2041
8) Kl an MeL Joli 8, Reg. C. No. 891, BL 104, Konz.
9) Varrentrapp, I, 8. 208, Joli 29.
Digitized by Google
424
Kapitel III.
Melanchthon *) vou der Reformation Hermanns hatten, wird der Kur-
fürst in seiner entgegenkommenden Haltung bestärkt worden sein.
Erst im Sommer des nächsten Jahres gab es Schwierigkeiten.
Beim Kurfürsten *) sowohl wie bei Luther waren Zweifel ent-
standen, ob das von Melanchthon und Bucer verfaßte Kölner Buch
der reinen Lehre entspräche, Luther fand in dem Artikel vom
-Abendmahl Zwinglischen Geist ®). Doch sind diese Differenzen bald
beigelegt worden, und als seit dem Ende des Jahres die Lage des
Kölners gefährlich wurde, war doch die Möglichkeit einer Unter-
stützung durch die Schmalkaldeuer vorhanden. Dem entsprach die
Haltung, die der Kurfürst einnahm, als im Dezember Peter Med-
mann bei ihm erschien, um im .-Vuftrage Hermanns um Rat und
Unterstützung gegen sein Kapitel und die ihm etwa sonst drohenden
Gefahren zu bitten, auch von der Universität Wittenberg ein Gut-
achten über den erzbischöflichen Reformationsentwurf einzufordem <).
Natürlich vermied Johann Friedrich es auch in diesem FaUe, für
sich aUein eine definitive Antwort zu geben, auch war er seiner
damaligen Stimmung entsprechend geneigt, nicht recht zu glauben,
daß der Kaiser etwas gegen den Erzbischof unternehmen würde,
im übrigen zweifelte er aber absolut nicht daran , daß man
diesem beistehen müsse. Dem Kaiser müsse man klar machen,
daß der in Speier aufgerichtete Friede auch für den Erzbischof
gelte, ihn auch auf die gefährlichen Konsequenzen hinweisen. die
eine solche Empörung der Untertanen gegen ihren Herrn, wie die
des Kölner Kapitels, mit sich bringe. .4uch darauf könne man
ihn aufmerksam machen, daß die Offensivhilfe nicht gut möglich
sei, wenn man .Aufruhr und gänzliche Entsetzung von den eigenen
Untertanen zu gewärtigen habe. .4n das Kapitel und die Land-
schaft von Köln empfahl der Kurfürst Gesandte zu schicken ®).
Alle diese Gedanken sprach Johann Friedrich jedoch nur in
einem Briefe an Brück aus, den kölnischen Gesandten versicherte
er nur seine Freude über die Ausdauer ihres Herrn, stellte eine
1) Aug. 25, BindBeil, 8. 178—180.
2) Kf. an Amedorf 1544 Juni 4, Keg. H. p. 506, No. 172 A. Vergl. C. K. V,
461, Anm. Varrentrapp, I, S. 229, Anm. 4.
3) de Wette, V, S. 708f.; VI, S. 483, 1. Erl. 56, S. 121 f.
4) InetruktioD vom 30. Nov., M. P. C. II, 128 ff. Viele Akten über die
Sache in Reg. H. p. 589, No. 191, V.
5) Kf. an Brück Dez. 15, Reg. H. p. 613, No. 194, Bl. 40 — 45, Konz.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
425
definitive Antwort erst, nachdem er mit dem Landgrafen verhandelt
habe, in Aussicht, entweder durch seine Gesandten in Worms oder
durch einen eigenen Boten, und versprach, sich bei den anderen
Protestanten der Sache des Kölners anzunehmen ‘). Das offizielle
Gutachten Kursachsens über die Kölner Sache wurde inzwischen
durch Brück verfallt und am 15. Januar dem Landgrafen über-
sandt In ihm wurde anerkannt, daß es sich um eine Angelegen-
heit aller evangelischen Stände handle, daß alle den Erzbischof
unterstützen müßten. Diesem wurde empfohlen, einstweilen eine
Appellation ergehen zu lassen an ein freies, christliches etc. Konzil
oder an eine Nationalversammlung unter Ablehnung des triden-
tinischen. Dieser Appellation müßten dann die Verbündeten „ad-
härieren“. Die kursächsischen Politiker hoftten, daß sich dabei auch
der Bischof von Münster, der Kurfürst von Brandenburg und Herzog
Moritz beteiligen würden, und daß auf diese Weise auch mit allen
diesen Ständen eine engere Verbindung in religiösen Dingen her-
gestellt werden würde, auch ohne daß sie dem Bunde angehörten.
Würde aus diesem Wege nichts, so dürften doch die Verbündeten
auf dem Reichstag den Kölner nicht verlassen, sondern müßten
ihn in jeder Weise unterstützen.
Hier wai'en Gedanken entwickelt, mit denen der Landgraf
außerordentlich zufrieden war*). Man hat dann auch in dieser
Weise geantwortet, und auch der Kölner hat den Ratschlägen des
Kurfürsten gemäß die Appellation vorgenommen. Die „Adhärenz“
einer größeren Anzahl von Ständen dazu auf dem Wormser Reichs-
tag zu erlangen, hat allerdings noch einige Schwierigkeiten ge-
kostet‘), doch haben schließlich ja am 4. August Sachsen, Pfalz,
Brandenburg u. a. eine gemeinsame Fürbitte für Kurköln beim
Kaiser eingelegt“), denn inzwischen war durch dessen Vorgehen
die Kölner Angelegenheit in ein neues Stadium getreten. Auch
dem Kurfürsten machte das Verhalten Karls doch einige Sorge,
er entnahm daraus, „wie unsre Religion gemeint werde“®). Im
1) 1545 Jan. 6, Reg. H. p. 589, No. 191, V, Konz.
2) Varren trapp, I, 8. 245; II, 8. 96 — 103. Die Vcrfaseerechaft Brücke
ergibt eich wohl aus Brief Brücke an Kf. vom 20. Jan., C. R. V, 662.
3j Ldgf. an Bucer Jan. 22, Lenz, II, 8. 283 ff.
4) Sächeisebee Protokoll des Bundestages, Reg. H. p. 589, No. 191, VI.
Vortrag der Kölner Gesandten vom 14. März, ebenda faec. III.
5) P. C. III, 624, Anm. 1. Kan nengießer, 8. 89.
6) An Ldgf. Aug. 16, Reg. H. p. 645, No. 199, III, Konz.
Digitized by Google
426
Kapitel 111.
September hat dann Hermann von Wied eine Gesandtschaft an den
Kurfürsten, den Landgrafen und andere Fürsten gesandt, um über
seine Lage zu berichten^). Auch Brück wurde dadurch in eine
äußerst bedenkliche Stimmung versetzt *). Weder er noch der Kur-
fürst wurden aber dadurch zu so tatkräftigen Plänen hingerissen,
wie sie der Landgraf damals vorschlug, der jetzt sofort den
„Vorstreich“ ergreifen wollte*). Sie empfahlen nur eine Zusammen-
schickung der Räte*) und dachten daran, zunächst durch Gesandt-
schaften an den Kaiser, das Kapitel, die Stadt Köln und die Land-
schaft für den Erzbischof zu wirken®).
Die geplante Zusammenkunft kursächsischer und hessischer Bäte
hat am 29. September in Eisenach stattgefunden. Ihr Resultat war
ein entschiedener Sieg der bedächtigen sächsischen Politik über
die stürmische des Landgrafen®). Man riet dem Kölner in dem
Trostbrief vom 1. Oktober, der von sächsischer Seite aufgesetzt,
auch vom Kurfürsten korrigiert wurde, daß er sich auf keinerlei
rechtliche Erörterungen einlassen, es vielmehr bei der AppeUation
bewenden lassen solle, man versprach, da es früher wegen der
braunschweigischen Unruhe nicht möglich sei, auf dem Frank-
furter Bundestag über die Sache des Erzbischofs mit den anderen
Verbündeten zu verhandeln, diese aber schon vorher zu benach-
richtigen, man stellte in Aussicht, dann eine Sendung an den
Kaiser und nach Köln zu bewirken, erklärte sich ferner bereit, den
Kölner Landtag zu beschicken. Eigenhändig fügte Johann Friedrich
dem Konzept ein, daß man den Erzbischof im Falle eines tätlichen
Angriffs mit Rat und Hilfe nicht verlassen würde ').
Die kursächsische Politik hielt sich also auch in dieser Frage
innerhalb der oben von uns gezeichneten Schranken, sie hielt auch
hier ein rein defensives Verfahren für das Richtigste. An die Be-
rechtigung eines solchen aber glaubte sie unbedingt, obgleich der
1) Kredenrbrief vom 30., Instruktion vom 31. Aug., Eeg. H. p. 589, No. 191,
VI. Ebenda die Werbung der Gesandten vom 13. Sept und die Antwort des Kf.
Sept. 13.
2) An Kf. Sept. 19, R«^. H. p. 589, No. 191, V, Or. Vergl. Hasenclever,
I, 8. 20; Yarrentrapp, 1, S. 268f. Aktenst No. 63.
3) Ldgf. an Kf. Sept. 9, Beg. H. p. 645, No. 199, II, Or. Aktout. No. 61.
4) Kf. an Ldgf. Sept. 14, P. A. Sachsen, Emesünische Linie, 1545, Or.
5) Brief Brücke vom 19. Sept. Siehe Anm. 2.
6) Abschied vom 29. Sept. in Beg. H. p. 589, No. 191, vol. VI.
7) Konz, des Troetbriefs ebenda Okt. 1.
Digitized by Google
Bnnd und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542—1546. 427
Kölner dem schmalkaldischen Bande eigentlich noch nicht beige-
treten war, trotz der Verhandlungen, die man schon lange darüber
geführt hatte.
Den Versprechungen vom 1. Oktober gemäß wurde in dem
Ausschreiben zum Frankfurter Tage gleich die kölnische Sache
als einer der Gründe für die Tagung mitangeführt ‘). Die Bundes-
häupter würden auch nichts dagegen gehabt haben, dem Wunsche
Hermanns v. Wied entsprechend den Frankfurter Tag schon im
November abzuhalten, wenn das nicht durch die Kürze der Zeit
und durch die Braunschweiger Angelegenheit unmöglich gemacht
worden wäre. Immerhin wurde der Tag einige Wochen früher an-
gesetzt, als man in Worms beschlossen hatte. Dabei wirkte neben
der Kölner Sache auch die neue Verwicklung mit dem Braun-
schweiger stark mit. —
Wir sahen, daß schon bald nach dem Wormser Tage klar
wurde, daß der Herzog dem Sequestrationsvertrage und dem sich
daran anschließenden Befehl *des Kaisers nicht gehorchen würde.
Demgegenüber rechnete Johann Friedrich zunächst darauf, daß der
Kaiser sich einen solchen Ungehorsam nicht werde gefallen lassen *),
eine Anschauung, die Philipp mit Recht zurückwies *). Der Kurfürst
war bereit, dem Landgrafen im Notfall zu Hilfe zu kommen, wünschte
aber auch in diesem Falte wieder, daß man erst dann etwas täte,
wenn die feindlichen Absichten des Herzogs ganz sicher seien, und
daß man, wenn irgend möglich, erst durch Berufung der Kriegs-
räte sich den Einklang mit den anderen Verbündeten sichere*).
Auch daß man Briefe an den Kaiser und Naves richtete und sich
über den Landfriedensbruch des Herzogs beschwerte, war gewiß
ganz in seinem Sinne
Der Landgraf hat sich dem Verlangen nach Berufung der
Kriegsräte gefügt *), konnte aber um dieselbe Zeit schon so sichere
1) P. C. UI, 661. M. P. C. II, 3H2 ft, Okt 20.
2) VergL etwa an Ldgf. Aug. 16, Neudecker, Äktenst, & 479; Sept. 7,
ürk., 8. 735 H.
3) Ldgf. an Kf. Aug. 30, Reg. H. p. 645, No. 199, II, Or.
4) Brief vom 7. Sept
5) Entwürfe dieeer Briefe in Reg. H. p. 600, No. 193 vom 17. Sept. Vergl.
Hasenclever, I, 8. 219. Aus P. A. ergibt sich, dafi die Briefe noch geändert
wurden. Sie gingen dann wohl rast am 14. Okt ab. M. P. C. U, 335, Anm.,
Issleib, Jahrb. 1903, 8. 17.
6) Ldgf. au Ef. Sept 18, Reg. H. p. 645, No. 199, I, Or.
Digitized by Google
428
Kapitel III.
Nachrichten über die Rüstungen des Gegners senden, daß auch
Johann Friedrich nichts übrig blieb, als Verteidiguugsmaßregeln zu
ergreifen *). Er hat später selbst zugegeben, daß man etwas zu
lange gezögert habe, auch sah er sich genötigt, gegen 300 Pferde
seiner Landreiter zu verwenden, da er nicht schnell genug zu
fremden Reitern kommen konnte*). Aus demselben Grunde ist
dann wohl auch die Vereinigung seiner Truppen mit denen des
Landgrafen etwas später erfolgt als ursprünglich beabsichtigt war*).
Dem Kurfürsten ist das alles aber vermutlich als unwesentlich er-
schienen gegenüber den bedeutenden Ersparnissen, die man dadurch
machte, daß man nicht immer sofort rüstete, wenn der Landgraf
es wünschte.
Mit diesem ist Johann Friedrich am 27. und 28. September in
Eisenach zusammengekommen, um die letzten Verabredungen zu
treffen. Das wichtigste Resultat dieser Besprechung war, daß
er sich entschloß, den Feldzug nicht persönlich mitzumachen,
sondern Ernst von Braunschweig m'it seiner Vertretung zu be-
auftragen^). Mau wird den Hauptgrund dafür wohl in seiner
Leibesbeschaflfenheit zu sehen haben, die einen Kriegszug zu
einer so schwierigen Sache für ihn machte, daß die Mühe der
damals vorliegenden Aufgabe nicht zu entsprechen schien. Daß die
Gründe, die der Kurfürst im Jahre 1546 gegen die Fortführung
der Bundeshauptmannschaft zusammenstellte, ihn auch in dieser
mehr militärischen .Angelegenheit bestimmt hätten, glaube ich
nicht recht *).
In Eisenach einigte man sich auch noch über allerhand
andere militärische Fragen. Für die Vereinigung der beiderseitigen
Truppen hatte der Landgraf Göttingen ins -Auge gefaßt, auf Wunsch
des Kurfürsten erfolgte sie aber am 13. Oktober in Nordheira*).
1) Schon am 17. Sept. schreibt Kf. an Hz. Moritz, daß er rüste. M. P. C.
II, 316, 1.
’i) Kf. an Ldgf. Okt. 3, Reg. H. p. 636, No. 198, V ; Or. in P. A. Sachsen,
Ernest. Linie 1546.
3) Vergl. die tägliche Korrespondenz dieser Tage in Reg. H. p. 636, No. 198,
V, und P. A.
4) Vergl. Hasenclever, I, 8. 10. Issleib, Jahrb. 1903, 8.14. Verschiedene
Briefe vom 27. und 28. — 30. öept. Die Mühlhäuser Znsammenkunft vom 7.-9.
Okt., die Brandenburg, I, 8. 397f. erwähnt, muß auf einem Irrtum beruhen.
5) Issleib, Jahrb. 1903, 8. 14, nimmt es an.
6) Nach der Korrespondenz beider Pürsten in P. A.
Digitized by Google
Bund und Reich; Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
429
Sachsen hatte 7000 Mann zu Fuß und 800 Reiter gestellt*). Ob-
gleich der Kurfürst persönlich am Feldzuge nicht teilnahni, suchte
er doch auf dessen Verlauf Einfluß zu gewinnen. Herzog Ernst
und die kursächsischen Hauptleute sollten zwar den Hefehlen des
Landgrafen Folge leisten, im Kiiegsrate aber auf möglichst langes
Hinhalten und Vermeiden einer Hauptschlacht dringen, da der Aus-
gang einer solchen stets unsicher sei, während die Verbündeten
mit Geld und Proviant reichlicher versehen seien als der Gegner.
Zu Verhandlungen mit dem Feinde erhielten sie keine Vollmacht,
sollten vielmehr dem Kurfürsten berichteh, wenn solche angeknüpft
würden. Dieser wünschte, daß beim Abschluß eines Vertrages die
übrigen Bundesvertreter zugezogen würden*).
Der außerordentlich schnelle Verlauf des Feldzuges, auf des.sen
Einzelheiten ich nicht eingehe, machte eine Befolgung der Vor-
schriften des Kurfürsten unmöglich, auch wurden seine Vertretei'
vom Landgrafen bei den Verhandlungen, die zur Gefangennahme
des Herzogs und seines Sohnes führten, so wenig zugezogen, daß
sie gar nicht in der Lage waj-eu, ihrem Herrn erst zu berichten.
Sie haben das selbst offenbar als eine Kränkung empfunden*).
Daß auch Johann Friedrich selbst so sehr ungehalten darüber ge-
wesen sei, kann ich nicht finden*), nur durch die Sendung Bur-
chards ins Lager scheint er Ende Oktober eine gewisse Unzu-
friedenheit zum .lusdruck gebracht zu haben. Das gab dann dem
Landgrafen .Inlaß, zu erklären, daß er nicht vorsätzlich, sondern nur
aus Eile die Kurfürstlichen bei der Gefangennahme Heinrichs nicht
zugezogen habe, daß er aber viel darum gäbe, wenn er es getan
hätte *).
1) Issleib, Jahrb. 1903, 8. 17.
2) Instruktion für Hz. Ernst und die Hauptleute in Reg. H. p. 1086, FM,
Or. Vergl. M. P. C. II, 346, 1; Issleib, Jahrb. 1903, 8.17. Kf. an Hz. Ernst
und die Hauptleute Okt. 19, Reg. H. ebenda. Kf. an Ldgf., Hz. Emst und die
sächsischen Kriegsräte Okt. 20, ebenda.
3) Vergl. ihre Briefe vom 18., 23., 26. Okt, Reg. H. p. 1086, FM. .\I. P. C.
II, 381 ff. 399, 1. Issleib, Jahrb. lOttl, 8. 42.
4) Aus den Briefen an den Landgrafen vom 22. und 26. Okt., die Issleib,
Jahrb. 1903, 8. 42, Anm. 3 anführt, vermag ich keine Ungebaltenheit beraus-
zulesen. Tadelnd äußert sich Kf. in Briefen an seine Befehlshaber vom 23. und
27. Okt., aber nur über sie und nicht über den Landgrafen, Reg. H. a. a. O.
5) Berichte Burchards vom 28. und 29. Okt., Reg. H. p. 1086, FM. Vergl.
M. P. C. II, 400 Anm.; Issleib, Jahrb. 1903, 8. 48.
Digitized by Google
430
Kapitel IIL
Itn ganzen war der Kurfürst mit dem erreichten Resultat
offenbar sehr zufrieden. Von besonderem Interesse erschien ihm
die Frage, ob Herzog Heinrich nur Gefangener des Landgrafen
oder des ganzen Bundes geworden sei '). Philipp mußte antworten,
daß in der Eile versäumt worden sei, ausdrücklich zu betonen, daß
die Ergebung in die Hände des Landgrafen und der Stände ge-
schehe, daß es aber natürlich so gemeint gewesen sei*). Eifrig
linden wir Johann Friedrich ferner in den nächsten Wochen mit
der Erwägung und Erörterung der nun weiter zu ergreifenden
Maßregeln beschäftigt. Er hatte nichts dagegen, daß man den Zug
gegen Heinrichs Anhänger fortsetze, wenn es mit Zustimmung der
Kriegsräte und auf Kosten der ganzen Einung geschehe, nur sein
Landvolk berief er zurück*). Er war jetzt dafür, daß man Wolfen-
büttel breche, unter anderem um das Interesse des Kaisers an dem
Lande zu vermindern, empfahl aber Schöningen und Steinbrück noch
befestigt zu lassen ^). Im Einverständnis mit Brück veranlaßte er,
daß man jetzt nicht an den Kaiser schrieb, um ihn um eine Achts-
erklärung gegen den Herzog zu bitten, da dieser durch seine Unter-
nehmung ja ganz von selbst der .4cht verfallen sei*). .\uch ver-
trat Johann Friedrich jetzt unbedingt die Ansicht, daß das eroberte
Land der Einung gehöre und daß man es am praktischsten zwischen
ihm und dem Landgrafen teilen werde ®). Sehr entschieden sprach
er sich gegen eine Freilassung des Herzogs aus, fand bald darin
auch bei Luther Unterstützung ’), und auch dem Gesuche des Herzogs
Moritz, seinen Sekretär allein mit dem Gefangenen verhandeln zu
lassen, stand er schroff ablehnend gegenüber*). Sonst hat er zu
1) Kf. an Ldgf. Nov. 5, Reg, H. p. 636, No. 198, V, Konz.
2) Ldgf. an Kf. Nov. 14, Reg. H. p. 636, No. 198, V, Or.
3) Kf. an Hz. Ernst und seine Kriegsräte Okt. 26, Reg. H. p. 1086, FM.
4) Kf. an Ldgf. Nov. 5, Reg. H. p. 636, No. 198, V, Konz. Instruktion
für Ges. an Ldgf. vom 2. Dez., Reg. H. p. 612, No. 196, I, Or. Vergl. Hasen -
clever, I, 8. 170.
5) Kf. an Brück Nov. 7, Reg H. p. 603, No. 194, Bl. 179, Konz. Brück
an Kf. Nov. 10, ebenda BL 184 f., Or. Vergl. Hasenclevcr, 1, 8. 169. Kf. und
Ixigf. an den Kaiser Nov. 15, Or., nicht abgesandt. Reg. H. p. 636, Na 198, IV,
bei Brief des Ldgf. vom 22. Nov.
6) Vergl. die Instruktion vom 2. Dez.
7) de Wette, VI, 8. 385ff. Hasenclever, I, S. 172 f.
8) Vergl. die Instruktion vom 2. Dez. Kf. an Ldgf. Dez. 7, 9, R^. H.
p. 636, No. 198, IV, Konz., Isslcib, Jahrb. 1903, S. 54, Aum. 2.
Digitized by Google
Band und Reich: Die Jahre der Unaicherheit 1542—1546. 431
dem beginnenden Streit über die Art und Weise der Gefangen-
nahme des Herzogs nicht weiter Stellung genommen, da er ja
absolut nichts darüber wissen konnte. Er ließ es bei dem Bericht
des Landgrafen bewenden, lehnte allerdings ab, ihn in seinem Lande
drucken zu lassen, da ihm das unnötig schien ^). In vielen der
berührten Punkte und Fragen war der Kurfürst aber bereit, die
letzte Entscheidung dem Frankfurter Bundestage zu überlassen.
Dieser mußte also auch für die braunschweigischen Dinge von
Bedeutung werden. —
Es war überhaupt eine Zusammenkunft, die an Wichtigkeit
wenigen anderen Bundestagen nachstand*). Man muß aber sagen,
daß sich die Verbündeten diesmal weniger als je der Situation
gewachsen gezeigt haben, und das hat natürlich auch mit be-
wirkt, daß die für Frankfurt geplante .\nbahnung einer allgemein-
protestantischen Politik nur zu so geringen Resultaten führte.
Sollte sich doch der Bundestag nach dem ursprünglichen Plan nach
achttägiger Tagung zu einem allgemeinen Protestantentag erweitern.
.4uch als man den Termin verschob, trug man dem Rechnung : am
6. Dezember sollten nun die Bundesstände ihre Beratungen be-
ginnen, vom 13. an dann auch die anderen Erschienenen zugezogen
werden. Da war es nun von vornherein sehr unbequem, daß die
kursächsischen Gesandten nicht rechtzeitig erschienen, falsch ist es
aber, wenn man daraus auf geringes Interesse des Kurfürsten für
die Bundesangelegenheiten schließt. Johann Friedrich hatte schon
am 6. November Eberhard von der Thann den Befehl zum Besuche
des Frankfurter Tages erteilt*); sowohl Thann selbst, wie Herzog
Johann Ernst, sein Herr, hatten darauf gebeten, ihn mit dieser
Aufgabe zu verschonen*), erst einer neuen Aufforderung des Kur-
fürsten fügte sich Thann *). Inzwischen war aber schon der 4. De-
zember herangekommen. Nicht erklärt ist damit allerdings, weshalb
auch Burchard nicht früher eintraf und weshalb auch die Instruktion
des Kurfürsten für seine Gesandten erst vom 4. Dezember ist, doch
zeigt sein sonstiges Verhalten nichts von Gleichgültigkeit gegen
1) lasleib, Jahrb. 1903, S. 56, 2 und öfter, Konz., Reg. H. p. 636, No. 198,
V, Or. in P. A. Sachsen, Ernestiner, 1545 Dez.
2) Vergl. zu allem Folgenden Hascnclever, I, S. lOOff.
3) Reg. H. p. 612, No. 196, I, Konz.
4) Thann an Kf. Nov. 15, Job. P>ii9t an Kf. Nov. 18, ebenda, Or.
5) Kf. an Thann Nov. 30, Thann an Kf. Dez. 4, ebenda.
Digitized by Google
432
Kapitel III.
deu Frankfurter Tag. Er ermahnte etwa noch am 16. Dezember
Herzog Philipp von Pommern, deu Tag zu beschicken, da es sich
um sehr wichtige Verhandlungen handle ‘); er beschäftigte sich
auch lebhaft mit der Frage der Erstreckung und Erweiterung der
Einung, sprach sich dabei allerdings, einem Gutachten der Witten-
berger Theologen folgend, gegen die Aufnahme der Schweizer aus *).
Ratsam schien es ihm nach der Instruktion, die er seinen Gesandten
gab, daß die Erstreckung der Einung ihrer Erweiterung vorher-
gehe*). Nach einem späteren Briefe Brücks^) soll der Kurfürst
zuweilen daran gedacht haben, die Erstreckung der Einung nicht
mitzumachen, doch ist nicht gesagt, daß gerade in der Zeit des
Frankfurter Tages diese Stimmung ihn erfüllte. Wenig Neigung
zeigte er auch jetzt zu den Verhandlungen mit Frankreich und
England. Er war zwar bereit, die Kosten der erfolgten Sendungen
mitzutragen, wollte aber nach wie vor aktiv nichts mit dieser Sache
zu tun haben. Energisch üuden wir ihn nur in der Braunschweiger
.Angelegenheit, über die den Ständen ausführlich berichtet werden
sollte, ferner scheint er für die Vornahme von Verhandlungen mit
den anderen konfessiousverwandten Ständen sehr eingenommen
gewesen zu sein. Er wünschte, daß diesen ein ausführlicher Vor-
trag über die Lage gehalten werde und daß man gemeinsam mit
ihnen Türkeuhilfe verweigere, solange man nicht Frieden und
Recht habe, er hoffte, daß man dadureh über die -Absichten der
Gegner Klarheit gewinnen werde und daß es auch zu einem
wenigstens losen Zusammenschluß aller dieser Stände kommen
werde, der Unterstützung im Falle der Not garantiere. Auf die
kölnische Sache ging der Kurfürst nur kurz ein, meinte, daß ein
Schreiben an deu Kaiser dieselben Dienste tun werde, wie eine
Gesandtschaft. Daß er die Lage für nicht unbedenklich hielt, tritt
darin hervor, daß er dringend Maßregeln gegen die „Garden“ empfahl,
und meinte, daß mau sie eventuell auch ohne die oberdeutschen
Städte nur mit deu sächsischen Städten und dem König von Däne-
1) Kf. an Hz. Philipp Dez. 16, Reg. H. p. 612, No. 196, VI. Konz.
2) Das Stück C. R. V, 719 — 724 gehört wohl jedcnfalla in den November.
Vergl. Hasenclever, I, S. 150 Anm. 73.
3) Instruktion für Thann und Burchard vom 4. Dez., Reg. H. p. 612,
No. 196, 1, Or.
4) 1.54S Mai 14, Loc. 9139 , Schreiben Dr. Brückens ... 1546 — 48“, Bl. 104
— 110, Kopie.
Digitized by Google
Bund und Reidi: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546. 433
mark Tomehmen müsse. Den Bund mit diesem empfahl der Kur-
fürst jedenfalls zu erneuern.
Nach dem Beschluß des Wormser Tages sollten Bedenken über
die Rekusation des Konzils von den einzelnen Ständen eingesandt
werden. Das war nicht geschehen, der Kurfürst hatte aber trotzdem
seinerseits befohlen, eine Rekusation znsammenznbringen, und
woUte sie den Räten nachschicken ^).
Die Instruktion nimmt im ganzen einen ruhigen und ver-
nünftigen Standpunkt ein, zeigt aber auch, daß Knrsachsen wenig-
stens damals nicht geeignet war, die Führung der Protestanten zu
übernehmen. Einen ähnlichen Eindruck erhält man auch von den
Verhandlungen des Frankfurter Tages selbst*).
Nachdem die sächsischen Gesandten endlich am 15. Dezember
erschienen waren, beriet man zunächst über die Erstreckung des
Bandes. Man war im allgemeinen von ihrer Notwendigkeit über-
zeugt, Sachsen und Hessen aber, die auch auf diesem Tage Hand
in Hand gingen, wünschten, daß erst allerlei Beschwerden, die sie
hatten, abgestellt würden. So beschloß man denn am 16. Dezember,
daß, ehe man die anderen Religionsstände zuziehe, von „den
Mängeln und der Besserung der Verständnis“ geredet werde, und
wählte dazu einen Ausschuß, der aus Sachsen, Hessen, Lüneburg,
Württemberg, Anhalt, drei oberländischen und drei sächsischen
Städten bestand.
Dieser hat seine Beratungen am 17. Dezember begonnen und
nicht übel gearbeitet So faßte man wieder einmal den Plan, einen
Artikel über die Beilegung von Irrungen zwischen den Ständen
in die Verfassung zu bringen, ferner beschloß man, daß die Auf-
nahme neuer Mitglieder durch Mehrheitsbeschluß erfolgen dürfe,
doch soUten die, die dagegen seien, nicht gebunden sein, mit den
Neuaufgenommenen in Einung zu stehen, die Majorität sollte viel-
mehr dann mit diesen einen Sonderbund bilden. Es war also
derselbe Weg, den man schon früher dem Grafen von Nassau
gegenüber eingeschlagen hatte, und es ist auch diesmal Hessen ge-
wesen, das die Verklausulierung des Beschlusses erwirkte*). Mit
1) Allee nach der Inetniktion vom 4. Dez.
2) Ich arbeite im folgenden Haeenclever, P. C., die heeeiechen Berichte
bei Neudecker, Aktenstücke, und das sächsische Protokoll in Reg. H. p. 612,
No. 196, 111 zusammen.
3) Protokoll Aitingers über die Verhandlungen, P. A. No. 645.
Beitrög« zur neueren Geschichte Thüringens I, 2. 28
Digitized by Google
434 Kapitel III.
diesen Verbesserungen wurde die Erstreckung des Bundes auf
6 Jahre beschlossen.
Man nahm dann die Verfassung zur Gegenwehr vor. Der
Gedanke Straßburgs, einen Bundesrat nach dem Muster des schwä-
bischen Bundes einzurichten, wurde von den meisten abgelehnt.
Zu längeren Debatten führte der schon oft berührte Gedanke einer
Vereidigung der Stimmräte. Wie stets waren auch jetzt Sachsen
und Hessen gegen einen solchen Beschluß, durch den ihre Be-
vollmächtigten eine aUzugroße Selbständigkeit erhalten haben
würden. Auch ein von städtischer Seite vorgeschlagener Kom-
promiß kam nicht zur Annahme ‘).
Zn Differenzen führte auch die Frage der Reform der Bundes-
anlagen. Viele Stände wünschten ihre Verminderung. Sachsen
erklärte mit Recht, daß der Zeitpunkt dafür gänzlich ungeeignet
sei, da „die Leufte nie so sorglich gestanden hätten“, wie jetzt.
Man setzte schließlich auch für diese Frage einen Ausschuß ein.
Auch er kam aber zu keiner Entscheidung und beschloß endlich
am 22. Dezember, die Beschlußfassung aufznschieben, bis man von
allen protestierenden Ständen gehört habe, was sie in Religions-
sachen zu tun geneigt seien.
Wie in dieser Frage, so ließen es auch bei Verhandlungen
über die von Hessen für nötig gehaltenen und empfohlenen Rüstungen
die Bundesstände an dem rechten Verständnis für die Gefahr der
Lage fehlen. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß Sachsen
auch in dieser Frage mit Hessen gemeinsam operierte und daß
auch der Kurfürst persönlich sich für die Annahme von 1500 — 2000
guten Pferden und Reitern für etliche Monate aussprach ^). Man
dachte an die Einzahlung eines dritten Doppelmonats zu diesem
Zweck, stieß aber auch in diesem Falle wieder auf Schwierigkeiten
bei den sächsischen Städten, so daß man schließlich, um eine ge-
meinsame Beschlußfassung möglich zu machen, die Entscheidung
bis zum 1. März verschob. Dann sollte auch im übrigen die Frage
der Bundesfinanzen geregelt werden. In dieser Beziehung war
der Gedanke eines gemeinen Pfennigs anfgetaucht, der besonders
von den Oberländern befürwortet wurde. Der Kurfürst und der
1) Brück war übrigens dafür, dafi man eventuell nachgebe, wenn Hessen
dazu bereit sei, da auf keinen Fall die Einung jetzt zergehen dürfe, an Kf.
Dez. 29, Rq;. H. p. 6Ö3, No. 203, ür.
2j Kf. an seine Räte 1546 Jan. 5, R^. H. p. 612, Na 196, voL III.
Digitized by Google
Bund und Heich: Die Jahre der Unsicherheit 1542—1546.
435
I>andgraf waren entschieden dagegen*), und man beschloß schließ-
lich, daß die einzelnen Stände sich bis zum 1. März hierüber äußern
sollten und daß dann ein neuer Bundestag Beschluß fassen solle.
Für jetzt erreichte der Landgraf nur, daß 12000 fl. Wartgeld für
Reiter bewilligt wurden, von denen Sachsen und Hessen je 4000 fl.
und Württemberg, Augsburg und Ulm zusammen auch 4000 fl. ver-
wenden sollten. Jeder Stand sollte seinen Anteil an dieser Snmme
bis Lätare erlegen. Man sprach die Hoffnung aus, auch Köln,
Münster, Nürnberg und andere Religionsverwandte zu bestimmen,
etwas Wartgeld über jene Summe hinaus zu zahlen. Der Gefähr-
lichkeit der Lage trug man ferner insofern Rechnung, als alle
Stände beauftragt wurden, ihre Untertanen anheim zu halten, auf
durchziehende Knechte, besonders die, die nach Italien zögen, zu
achten und sie, wo möglich, aufzuhalten, Kundschaften zu bestellen
u. s. w. *).
Bei dem geringen Verständnis, das sie bei den Bundesständen
fanden, ist es nicht zu verwundern, daß Sachsen und Hessen einige
Neigung zeigten, auf die Hauptmannschaft zu verzichten. Man hat
bei der Beratung über die Reform der Verfassung auch diese Frage
berührt, schlug wohl einen jährlichen Wechsel der Hauptmannschaft
vor *). Doch wurde dieser Gedanke, ebenso wie alle anderen auf die
Verbesserung der Verfassung bezüglichen Punkte schließlich nur ad
referendum genommen, erst der nächste Bundestag sollte im April
in Worms darüber entscheiden. Auch eine Beschlußfassung über die
gegen die Vergardnngen, die Knechtansammlungen in Niederdeutsch-
land zu ergreifenden Maßregeln wurde auf eine neue Versammlung
verschoben, die am 1. März in Hannover stattfinden sollte. Zu ihr
sollten auch andere benachbarte Stände, wie Jülich, der Erzbischof
von Magdeburg und Halberstadt u. s. w., zugezogen werden *).
Da nun die wichtigsten Fragen der Bundesverfassung unent-
schieden blieben, konnten auch über die Erweiterung des Bundes nur
1) Der Kf. äußert sich u B. in Brief an seine Ges. vom 10. Jan. 1546,
Eeg. H. p. 612, No. 196, II, Or.
2) Abschied vom 7. Febr. im Weimarer Arch., Urk. No. 1648, Or.
3) Hasenclever, I, S. 140 f. Aitingers Protokoll. Die bestimmte Ab-
sicht, auf die Oberhauptmannschaft zu verzichten, äußert der Kurfürst in Brief
vom 25. Jan. an Bnrchard, Reg. H. p. 612, No. 196, I, Or.
4) Hasenclever, I, S. 179. Or. des Abschiedes vom 15. Januar in dieser
Frage in Weimar, Urk. No. 1650. Vor dem Tage zu Hannover sollten nur Ver-
bote an die Untertanen erfolgen, Kundschaften vorgenommen werden u. dgl.
28*
Digitized by Google
436
Kapitel III.
vorläufige Verhandlungeu stattfinden. Johann Friedrich legte da be-
sonders gi'oßen Wert auf die Gewinnung des Kurfürsten von der
Pfalz, er ist mit viel größerer Bereitwilligkeit als der Landgraf
auf die geplante Zusammenkunft zwischen diesem und dem Pfälzer
eingegangen und hat gewiß mit ein Verdienst daran, daß sie zu-
stande kam. Er war der Meinung, daß man wegen der Unfertig-
keit der Verfassungsverbesserung zwar über die Form der Auf-
nahme im einzelnen noch nichts bestimmen könne, daß aber die
Aufnahme an sich unbedingt empfehlenswert sei*). Einverstanden
war er auch mit der Aufnahme des Bischofs von Münster, Wilhelms
von Fürstenberg und der Städte Donauwörth und Kaufbeuren,
dagegen erschien ihm die Schertlins als eines Privatmannes nicht
angängig*). Der Abschied des Bundestages zeigt, daß die Auf-
nahme des Bischofs von Münster noch verschoben wurde, da er
sich erst mit dem evangelischen Teile seiner Landschaft über seine
Leistungen einigen sollte. Wilhelm von Fürstenberg wurde auf-
genommen. Mit Donauwörth sollte Augsburg weiter verhandeln.
Ueber die Möglichkeit der Auftiahme Scheitlins sollte auf dem
nächsten Bundestage Beschluß gefaßt werden").
Eine Sache für sich bildete auch in Frankfurt die braun-
schweigische Angelegenheit, da ja nur die „Defensionsverwandten“
daran teilnabmen, allerdings stand sie auch mit den Vergardungen
in einem gewissen Zusammenhang. Der Kurfürst und der Land-
graf waren beide entschlossen, das Land zu behalten, dachten wohl
daran, sich eventuell vom Kaiser damit belehnen zu lassen, suchten
aber zunächst doch noch im Einklang mit ihren Verbündeten vor-
zugehen*). Dabei zeigte sich, daß diese auch jetzt wieder sehr
schwer zu bestimmten Entschlüssen in dieser Sache zu bringen
waren. Selbst eine so unbedeutende Frage, wie die der Zulassung
des Sekretärs des Herzogs Moritz, überließen sie der Entscheidung
des Landgrafen, der dann für dieses Mal die Genehmigung erteilt
1) Hasenclever, I, 8. 189ff. VergL besoodere Brief des Kf. ao Ldgf.
Dez. 20, Reg. H. p. 636, No. 198, IV, Konz. Brück dagegen war sehr miß-
trauisch gegen den Pfälzer, Dez. 27, ß^. H. p. 603, No. 194, BL 201 ff. Hasen-
clever, I, 8. 191 f., Anm. 23.
2) Kf. an seine Ges. Febr. 4, Reg. H. p. 612, No. 196, II, Or.
3) Abschied vom 7. Februar. Ueber Münster vergL Franz Fischer, 8. 147 ff.
4) Kf. an Burchard 1546 Jan. 1, Reg. H. p. 612, No. 196, II. Ldgf. an
Kf. Jan. 7, Kf. an Ldgf. Jan. 20, Reg. H. p. 670, No. 209, I. Hasenclever,
I, 8. 169 f.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
437
hat‘). Schließlich ist es aber doch, besonders wohl durch das
Drängen der sächsischen Städte*), gelungen, einige Beschlüsse zu-
stande zu bringen, die in einem Abschied der Defensionsverwandten
vom 7. Februar zusammengefaßt wurden®). Dabei wurden aller-
dings viele der wichtigsten Fragen auf den Tag, der am 1. Mäiz
wegen der Vergardungen in Hannover stattfinden sollte, verschoben,
so vor allem die der künftigen Verwendung des Landes. Man
hielt für nötig, daß vorher erst noch genaue Feststellungen über
seinen finanziellen Wert erfolgten, hatte aber offenbarkeine Neigung,
es einfach Sachsen und Hessen zu überlassen. Einstweilen wollte
man die bisherigen Statthalter und Räte bitten, die Verwaltung
fortzuführen®); wenn sie sich weigerten, sollten der Kurfürst und
der l..andgraf neue ernennen. Beschlossen wurde die Schleifung
VVolfenbüttels, über die Steinbinicks und Schöningens sollte erst
der Hannoversche Tag entscheiden. Die gefangenen Herzoge sollte
der Landgraf einstweilen behalten und sie nicht freilassen ohne
Einwilligung seiner Verbündeten, er sollte auch niemand zu ihnen
lassen, ohne daß jemand von seiner Seite dabei wäre.
Auch in Hannover ist es zu einer Erledigung der unentschieden
gebliebenen Punkte nicht gekommen, und die Schleifung Wolfen-
büttels schoben die Bundeshäupter am 23. Februar noch auf, um
erst die weitere Haltung der sächsischen Städte abzuwarten®).
Den Bundesverhandlungen in Frankfurt gingen schon seit dem
22. Dezember solche mit den anderen evangelischen Ständen, den
„Konfessionsverwandten“, zur Seite ®). Es handelte sich dabei ja in
erster Linie um die Kölner Angelegenheit, doch verbanden Sachsen
und Hessen damit gleich einen Vortrag über die allgemeine Lage.
Das Konzil, die Verfolgungen in den Niederlanden, die Umtriebe des
Papstes, der angebliche fünfjährige Anstand mit den Türken dienten
ihnen als Mittel, um deren Gefährlichkeit zu beweisen. Sie empfahlen
1) M. P. C. II, 463, 1. Ein Bedenken der Stimmstände über die Krage
vom 21. Dez., Reg. H. p. 670, No. 209, II. Ldgf. an Moritz Dez. 24, M. P. C.
II, 462 fl.
2) Hasenclever, I, 8. 171. P. C. III, 711 f.
3) Weimar. Arcb., Urk. No. 1649. Vergl. Hasenclever, I, S. 174ff.
4) Sie batten wiederholt um Urlaub gebeten. Am 27. Dez. legte Mila das
Statthalteramt nieder, Reg. H. p. 612, No. 196, III.
5) Ldgf. an Kf. Fcbr. 23, Kf. an Ldgf. März 2, Reg. H. p. 670, No. 209, III.
' 6) Das sächsische Protokoll gibt auch hierüber gut Auskunft. Vergl. außer-
dem Hasenclever und P. C.
Digitized by Google
438
Kapitel III.
darüber nachzadenken, wie sich die Protestanten Friede und Recht
sichern könnten. Als ein Mittel dafür bezeichneten sie den be-
stehenden Bund, der auch den anderen zugute gekommen sei, und
empfahlen seine Ausdehnung. Am 23. Dezember fand dann eine
Umfrage hierüber statt, aber nur Münster sprach sich von den
noch außen stehenden für den Bund aus, während die meisten
anderen den Vorschlag nur ad referendum nahmen. Die Frage
wurde schließlich einem Ausschuß übertragen, der dadurch gebildet
wurde, daß dem Bundesaiisschuß einige konfessionsverwandte Stände
angegliedert wurden. Dieser Ausschuß sollte auch darüber beraten,
wer sonst noch aufgefordert werden solle, ferner über die Kölner
Sache und über die Rekusation des Konzils.
Auch über die Kölner Angelegenheit hatten die Verhandlungen
im Plenum am 22. Dezember begonnen. Die kölnischen Gesandten
hatten über den Gang der Dinge seit dem Wormser Reichstage
berichtet und die Versammelten gebeten, sich der Appellation an-
zuschließen, ferner eine Botschaft mit der Bitte um Einstellung
des Prozesses au den Kaiser, das Domkapitel u. s. w. zu schicken,
endlich zu raten, was geschehen solle, wenn diese Schritte erfolglos
blieben *).
Eine Umfrage am 23. Dezember ergab eine recht günstige
Stimmung, doch wurde die Entscheidung im einzelnen dem schon
erwähnten .Ausschuß überlassen. In ihm sprachen Sachsen und
Hessen sich mehr für ein Schreiben an den Kaiser als für eine
Gesandtschaft aus, doch überließ man die Entscheidung schließlich
dem Erzbischof. Seine Vertreter entschieden für die Gesandtschaft.
Man beschloß in diesem Sinne am 27. Dezember und beauftragte
Sachsen, Hessen, Württemberg und Frankfurt mit der Ausführung,
forderte außerdem die Kurfürsten von der Pfalz und von Branden-
burg auf, sich zu beteiligen. Ueber die Instruktionen für die Ge-
sandten gab es noch längere Beratungen*).
Auch für die Unterstützung des Kölners im Falle der Gefahr
war die Stimmung nicht ungünstig, doch ließ man erst noch Ab-
geordnete des Ausschusses mit den kölnischen Gesandten über die
etwaigen Gegenleistungen ihres Herrn, über die Beziehungen, die
1) Ein Auszug aus der Werbung der kölnischen Gesandten vom 22. Dez.
in Reg. H. p. 012, No. 196, VII. Dort auch zahlreiche weitere Akten über die
Kölner Angelegenheit.
2) P. C. III, 704. Hasenclever, I, 8. 1591. 1621.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
439
er sonst angeknüpft habe, u. dgl. verhandeln. Nicht einigen konnte
man sich im Ansschuß über die Frage, in welcher Form die Hilfe
für Köln aufgebracht werden solle. Auch im Plenum konnte man
nicht zu einem einheitlichen Entschlüsse kommen, obgleich sowohl
der Kurfürst wie der Landgraf die Festsetzung bestimmter Leistungen
für sehr nötig hielten'). Gerade sie stimmten allerdings mit dem
Gedanken eines gemeinen Pfennigs, der auch in diesem Zusammen-
hänge gefaßt wurde, nicht überein. Es blieb schließlich auch in
dieser Frage nichts anderes übrig, als die Entscheidung zu ver-
schieben. Bis zum 14. März sollten sich die einzelnen Stände
gegen Sachsen und Hessen über den gemeinen Pfennig äußern, und
auf dem Wormser Tage sollte dann über ihn Beschluß gefaßt
werden. Wenn man sich nicht auf ihn einigte, sollte dort in zweiter
Linie über einen monatlichen Anschlag beraten werden. Auch
hierüber sollten die Vertreter der Stände dann instruiert sein. Für
den Fall, daß der Kurfürst von Köln schon vor dem Wormser Tag
angegiiffen würde, sollte ihm eine eilende Hilfe geleistet werden *).
Wurde so in militärischer Hinsicht wenig über die Unterstützung
des Kölners entschieden, so herrschte dagegen eine allgemeine Be-
reitwilligkeit zum .Anschluß an die kölnische Appellation. In einem
feierlichen Akt wurde er vor Notar und Zeugen am 31. Dezember
vollzogen *).
Zu den gemeinsamen Angelegenheiten aller protestantischen
Stände wurde auch die Stellungnahme zum Konzil gerechnet, hatte
man doch schon auf dem Wormser Tage unter die Stände, die Gut-
achten über die Reknsation abgeben sollten, Nürnberg einfach mit-
anfgenommen *). In Frankfurt legte man die verschiedenen Be-
denken ’’) vor und beauftragte Hieronymus zum Lamb, sie zusammen-
zufassen ®). Er überreichte seinen Auszug am 22. Januar und wurde
1) Hasenclever, I, S. 154. Kf. an seine Oee. Febr. 4, Reg. H. p. 612,
No. 196, II, Or.
2) Der Abechied der konfessionsvenrandten Stände vom 7. Febr. in Weimar.
Urk. No. 1650.
3) Hasenclever, I, S. 156. Bericht der sächsischen Räte vom 31. Dez.,
R^. H. p. 612, No. 196, vol. II, Or.
4) Vergl. darüber Burchard an Kf. Äug. 27, Reg. H. p. 589, No. 191, VI,
Konz.; Reg. H. p. 603, No. 194, Bl. 171 ff., Or.
5) Sie finden sich in Reg. H. p. 612, No. 196, vol. IVa. Das kursächsische
Bedenken von Melanchthon.
6) P. C. III, 704.
Digitized by Google
440
Kapitel III.
darauf gebeten, einige Aendemngen daran vorznnebmen und das
Ganze in Form einer Rekusation zu bringen ‘). Sie ist in deutscher
Sprache im Februar fertig gewesen*), wurde aber nicht vollzogen,
man verschob vielmehr die definitive Beschlußfassung auch auf
den Wormser Tag. Inzwischen sollten die Gelehrten der einzelnen
Stände das Stück durchsehen , Melanchthon es ins Lateinische.
Sleidan ins Französische übersetzen*). Johann Friedrich nahm au
allen diesen Verhandlungen regen Anteil*). Er hätte gewünscht,
daß man in Frankfurt auch gleich darüber beraten hätte, wie
man sich verhalten wolle, wenn die Exekution von Konzils-
beschlüssen durch den weltlichen Arm erfolge und wie man da-
gegen gewappnet sein wolle*). Daraus ist aber wohl nichts ge-
worden.
Auch die Beratungeu der Konfessionsverwandten erhielten in
einem Abschied ihren Abschluß *). Aus ihm geht hervor, daß man
auch über das Kolloquium, über Friede und Recht und über re-
ligiöse Fragen gesprochen hat. Von dem Kolloquium versprach
man sich nichts, da man auf keinen Fall von der Konfession
und der „wahren christlichen Religion“ weichen wollte. Man war
gefaßt darauf, daß das Kolloquium sich bald zerschlagen und
die Gegner alles aufs Konzil verschieben würden. Dann sollten
sich die protestantischen Theologen und Kolloquenten zu öffent-
lichem Verhör über ihre Konfession und Religion vor Kaiser und
Reich erbieten.
Auf dem Reichstage wollte man sich ferner wieder nm Frieden
und Recht bemühen, man dachte daran, eventuell selbst die Neu-
besetzung des Kammergericbts vorzunehmen, nm nicht ohne Recht
zu sein. Einstweilen sollten die Rechtsgelehrten der einzelnen
Stände ein Gutachten darüber abfassen, wie weit die Stände der
1) P. C. III, S. 708.
2) Räte an Kf. Febr. 8, Reg. H. p. 612, No. 196, II, Or. Seckendorf,
III, S. 610, irrt sich wohl im Datum.
3) Abschied der Konfessionsverwandten.
4) An seine Ges. Jan. 22, B^. H. p. 612, No. 196, II. VergL Secken-
dorf, III, B. 611.
5) An Ldgf. Dez. 21, Reg. H. p. 636, No. 198, IV.
6) Weim. Arch. Urk. No. 1650. Kr wurde außer von den Schmaikaldenem
von Kurköln, Münster, Wolfgang von Zweibrücken, Preußen, Nürnberg, zugleich
für Schweinfurt, Windsheim und Weißenburg im Nordgau, Rotenburg, Dinkels-
bühl und Nordhausen unterzeichnet
Digitized by Google
Bond and Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542—1546.
441
Gegenpartei an die Klausel des Speierer Abschieds gebunden
seien. — Alle Stände sollten durch Visitationen u. dgl. für Einig-
keit der christlichen Lehre, Beseitigung von Aergemissen u. s. w.
sorgen, auch bis zur nächsten Zusammenkunft darüber nach-
denken, wie Zweihelligkeiten und Unordnungen verbessert werden
könnten.
Man sieht, es fehlte nicht an ganz hoffnungsvollen Ansätzen
zu einem weiteren Zusammenschluß der Evangelischen, aber es
waren eben alles erst Ansätze, während die Zeit drängte. Manche
erkannten das wohl, aber im allgemeinen erfolgten alle Maßregeln
doch zu gemächlich, allerdings fanden auch die Führer der Pro-
testanten nicht überall das richtige Verständnis. Das zeigte sich
z. B. bei den Versuchen, noch weitere in Frankfurt nicht vertretene
Stände zum Eintritt in den Bund zu veranlassen, die in Frankfurt
beschlossen worden waren. In dem Aufforderungsbrief vom 8. Februar
betonte man den gemeinsamen Glauben, das Konzil und die Ge-
fährdung des Erzbischofs von Köln. Vor allem zur Mitwirkung bei
dessen Rettung wurden die .Adressaten aufgefordert. Zeigten sie
dazu Neigung, so sollten sie dann in die hVankfurter Verhand-
lungen über die „Zusammensetzung“ eingeweiht werden. Auch dies-
mal waren die Stände, die man zu gewinnen hoffte, wieder an die
einzelnen Verbündeten verteilt w’orden. Dabei hatten Sachsen und
Hessen gemeinsam den .Auftrag zu Verhandlungen mit dem Kur-
fürsten von Brandenburg und Markgrafen Hans erhalten, dem Kur-
fürsten allein fielen Heinrich von Mecklenburg und Philipp zu
Braunschweig-Grubenhagen zu u. s. w. u. s. w. *). Das Resultat der
Aktion scheint ein sehr geringes gew'esen zu sein. Den Gedanken,
Joachim II. für eine Einung zu gewinnen, hielt Johann Friedrich
von vornherein für aussichtslos, doch hat er noch gehofft, daß er
wenigstens für ein gemeinsames Vorgehen in der Kölner Sache und
in den Fragen der Religion und Friedens und Rechts auf dem
Reichstage zu haben sein w'ürde *). .Auch daran war natürlich nicht
zu denken.
Auch die übrigen auf dem Frankfurter Tage verabredeten
.Aktionen nahmen einen wenig hoft'nungsvollen Verlauf. Zunächst
kam die Gesandtschaft an den Kaiser wegen der kölnischen Sache
1) Konzepte und Formulare für diese Verhandlungen in Reg. H. p. 612,
No. 196. II, einiges auch in VI.
2) Kf. an Ldgf. März 2, ebenda fase. II.
Digitized by Google
442
Kapitel III.
zur Ausführung. Am 26. Februar haben die Gesandten ihre
Werbung ausgerichtet gleichzeitig mit solchen der drei weltlichen
Kurfürsten. Man bat den Kaiser, die kölnische Sache den übrigen
Religionssachen zuzufflgen und das Vorgehen des Klerus rück-
gängig zu machen, erklärte gleichzeitig, daß man den Erzbischof
nicht verlassen werde, wenn ihm Gewalt geschehe*). Der Kaiser
antwortete Anfang März mit starken Vorwürfen gegen den Kölner
und verlangte Gehorsam von ihm. Im übrigen verschob er die
Entscheidung auf den Reichstag, um dessen Besuch er bat’). Die
Gesandten haben es daraufhin für besser gehalten, gar nicht erst
noch nach Köln zu gehen’). In Frankfurt hatte man beschlossen,
daß sie auch wegen der Rüstungen des Kaisers um Auskunft
bitten sollten, und ihnen eine Instruktion deswegen nach-
geschickt*). Der Kaiser wies natürlich jede solche Behauptung
zurück ®).
Andere Beschlüsse des Frankfurter Tages bezogen sich auf
die Vergardungen in Norddeutschland. Der Tag zu Hannover, der
für Beratungen darüber angesetzt war, war nun zwar sehr mangel-
haft beschickt, man hat aber dort doch Beschlüsse über den Erlaß
von Mandaten, Verhandlungen mit Hauptleuten n. dgl. gefaßt. Das
Wesentliche, die Festsetzung einer bestimmten Hilfe zu Roß und
Fuß, verschob man auf Kreistage, die im April für die drei nord-
deutschen Kreise in Münster, Lüneburg und Mühlhausen statt-
finden sollten. Diese kamen aber sämtlich nicht zustande, so daß
die ganze Sache schließlich auf den Regensburger Reichstag ver-
schoben werden mußte*).
1) Sleidan, II, S. 421. Hasenclever, II, S. 27, 5.
2) Ebenda. Brandenburg, 1,8.425. N. B. VIII, 691ff. Reg. H. p. 666,
No. 206, Or. der Antwort an die Protest, Kopie der Antwort an die drei welt-
lichen Kf.
3) Kcudel an Ldgf. MSrz 7, P. A. Kaiser 1546. Instniktion des Kf. für
Worms April 1, E^. E. p. 59a, No. 123, BL 8-41, Kopie.
4) Hasenclever, I, 8.164 datiert sie vom 26. Jan. Ich finde in Reg. H.
p. 612, No. 196, VII ein Exemplar vom 24. Jan., in P. A. No. 845 solche vom
20. und 21. Jan.
5) N. B. VIII, 567 f.
6) Instruktion des Kf. für O. v. d. Planitz zum Hannoverschen Tage o. D.
Reg. H. p. 664, No. 204. Berichte Planitzens vom 3. und 9. März, Antwort des
Kf. vom 10, Abschied des Tages zu Hannover vom 8. März, Instruktion des
Kf, für Friedrich von Wangenheim zum Tag zu Mühlhausen vom 12. April,
dessen Bericht vom 23. ApriL Bischof v. Münster an Kf. April 23, Kf. an den
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
443
Nicht viel besser ging es, wie wir noch sehen werden, mit
allen den wichtigen Fragen, die auf dem Wormser Bundestage er-
ledigt werden sollten. Nur die Beschlüsse kamen wirklich voll-
ständig zur Ausführung, die nur von einzelnen Ständen oder gar
nur von den Bundeshauptleuten abhängig waren, so etwa die über
die Annahme von Reitern. Dafür sorgte schon der Landgraf, daß
sie nicht vergessen wurden, aber auch den Kurfürsten sehen wir
treulich dabei mitwirken ‘). Auch er zweifelte ja nicht an der Ge-
fahr der Lage und hielt es schon im Januar nicht für möglich,
einem seiner Hauptleute Urlaub zu erteilen*). Offenbar sind ihm
die in Frankfurt beschlossenen Rüstungen noch nicht als Offensiv-
schritte ei-schienen, durch die man herbeiführen werde, was man
vermeiden wolle, es handelte sich ja auch nur um Annahme von
Reitern auf \\'artgeld. —
Manchem könnte vielleicht das Benehmen des Kurfürsten in
der Frage des Regensburger Kolloquiums als im Widerspruch
stehend erscheinen zu seiner oben von mir geschilderten Grund-
auffassung, denn der Kaiser wurde dadurch ja fast mehr gereizt
als durch kleine Truppenwerbungen, aber man muß bedenken, daß
es sich hier um Gewissensangelegenheiten handelte, bei denen es
für Johann Friedrich keine Rücksicht gab. Er hatte sich von vorn-
herein nichts von diesem Kolloquium versprochen *), hätte am
liebsten gesehen, wenn man es ganz abgeschlagen hätte*), über-
zeugte sich aber bald davon, daß das nicht ginge. Seit Juli finden
wir ihn dann mit der Frage beschäftigt, wer von protestantischer
Seite dafür ausgewählt w'erden solle. Er hat daran gedacht, Wider-
spruch dagegen zu erheben, daß Bucer sich unter den protestan-
tischen Vertretern befinden sollte, den Bemühungen Brücks und
Bischof Mai 7, alles ebenda. Kg. von Dänemark an Kf. Mai 14, Kf. an den
Kg. Juni 11, Reg. U. p. 669, No. 20U. Kf. an seine Ges. in Regeneburg Mai 11,
Reg. E. p. 59a, No. 123, Bl. 137 — 139. Vergl. auch Hasenclever, II, S. 47.
1) Ldgf. an Kf. Febr. 13, Reg. H. p. 670, No. 209, I, Or. Kf. an Ldgf.
Febr. 21, ebenda, Konz. Er hatte allerdings keine Lust, etwas für andere Blande
aaszulegen. Kf. an die Hauptleute Knipping und Yiermund Febr. 21, Reg. J.
p. 930, CG, No. 1, Konz. Kf. an Mila, Febr. 21.
2) Job. T. Viermnnd an Kf. Jan. 15, Or., Kf. an Joh. v. Viennund, Konz,
o. D., Reg. H. p. 669. No. 20a Vergl. ZThGA. NF. XV, 424.
3) An Hans Ungnad schreibt er z. B. am 25. August, er „trage zu diesem
Kolloquium wenig Hoffnung“. Reg. B. No. 1653.
4) Neudecker, Urk., S. 736.
Digitized by Google
444
Kapitel III.
vielleicht auch den Einwirkungen des Landgrafen ist es aber ge-
lungen, ihn von diesem Widerstande abzubringen*). Ein gewisses
Mißtrauen aber blieb bei ihm zurück, er fürchtete, daß beabsichtigt
sei, einzelne Vertreter der Protestanten zu gewinnen, und daß diese
dann nicht fest genug. sein würden*). Neue Straßburger Vor-
schläge, die darauf hinausliefen, daß man nach dem Scheitern des
Gesprächs die Verständiguugsversuche noch fortsetzen solle, indem
man etwa eine andere Form für das Gespräch vorschlage, be-
stärkten ihn in seinen Befürchtungen*). Er selbst wünschte, daß
man unbedingt an der Konfession und den schmalkaldischen Artikeln
von 1537 festhalte, und wird daher sehr einverstanden damit ge-
wesen sein , daß die in Frankfurt versammelten Konfessions-
verwandten eineu ähulichen Beschluß faßten*). Für ihn gab es
ebenso wie 1541 eben keine „Vergleichung der Religion“, denn es
war sicher, daß das Kolloquium sich bald zerschlagen würde, wenn
die protestantischen Vertreter an jenem Standpunkte festhielten.
Deshalb schien es auch eigentlich zwecklos, Melanchthon nach
Regensburg zu senden, und es wird nicht schwer gewesen sein,
den Kurfürsten zu bestimmen, davon Abstand zu nehmen ®).
1) ln Briefen an seine Ges. in Worms vom 20. Juli und 1. Aug. hebt der
Kf. selbst hervor, daß man, so gern man ee auch täte, doch aus Kücksicht auf
den Ldgfen. und die Oberländer Bucer nicht gut werde zurückweisen können.
(Reg. E. p. 59a, No. 121.) Im August fand dann aber eine Einwirkung Luthers
auf ihn statt, und nun schrieb er den Brief an Brück vom 16. Aug., in dem er
doch um einen Weg bat, Bucer anszuschließen. (Reg. H. p. 603, No. 194,
Bl. 168 f., Konz.; Hasenclever, I, S. 220.) Brück batte sdion am 18. Juli
durch Brief an den isekretär Lauenstein gegen diesen Ge<lanken zu wirken ge-
sucht (Reg. H. ebenda Bl. 164 f.) und wird diese Bemühungen jetzt fortgesetzt
haben. Eine Einwirkung des Ldgfen. vermutet Hasenclever, I, S. 221 f., ans
den Akten ist nichts darüber zu entnehmen. Vergl. auch Caemmerer, S. 37.
2) .Aus den Worten des Schreibens des Kf. und Ldgf. an Straßburg vom
17. Sept. (P. C. 111, 633 f.), auf die Hasenclever, I, S. 221 verweist, möchte
ich allerdings nicht allzuviel schließen, der Kf. äußert sich schon 1540.41 fast
genau so, die Worte sind gewissermaßen typisch. Richtiger Caemmerer, S. 34 f.
Für den Fortbestand des Mißtrauens des Kf. aber spricht ein Brief an Brück
vom 19. Nov., Reg. H. p. 603, No. 194, Bl. 187 ff., Konz. Seckendorf, HI,
S. 576 unter Nov. 15. Hasenclever, I, 8. 222.
3) P. C. III, 666. 695, No. 649. Kf. an Brück Nov. 19, Hasen clever,
1, S. 222.
4) Siehe S. 440.
5) Am 28. Nov. befahl der Kf. Melanchthon noch, sich auf die Reise vor-
zubereiten, aber weitere Befehle zu erwarten. Reg. H. p. 600, No. 193, Konz.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542—1546.
445
Zoch und Major sollten Kursachsen nun in Regensburg ver-
treten. Auch ihnen wurde wieder strenges Festhalten an Kon-
fession und Apologie eingeschärft, außerdem wurde ihnen die
Wittenberger Reformation mitgegeben, nur in der Frage der
Bischöfe und der Kirchengüter war ihnen einige Nachgiebigkeit
erlaubt. Nicht mit Unrecht wurden sie vor Sonderbestrebungen
Bucers gewarnt*). Dessen größere Bereitwilligkeit zum Entgegen-
kommen ist ja auch während des Gesprächs noch hervorgetreten,
scheiterte aber an dem Widerstand der übrigen Kolloqnenten. Der
Kurfürst wurde von Major und Zoch über das Kolloquium, das
am 27. Januar wirklich begonnen hatte, gut auf dem Laufenden
erhalten, hat auch alles mit Interesse verfolgt und veranlaßt, daß
das Gespräch mit zahlreichen Bedenken der Wittenberger Theologen
begleitet wurde*). Man hatte in diesen Kreisen erwartet, daß es
bei irgend einem Punkte des Glaubens, etwa bei der Justiflkations-
lehre zum Bruche kommen würde*). Tatsächlich waren es Fragen
der äußeren Form des Gesprächs, der Protokollführung und Be-
richterstattung, die den Streit bewirkten ; der Kaiser hatte da neue
Formen vorgeschlagen, während die Protestanten an der alten
Wormser und Regensburger Form festhalten wollten*). Schon am
13. Febrnar befahl Johann Friedrich seinen Vertretern, eventuell
Nach C. R. V, 869 hielten auch UniverBitätaangelegenheiten Melanchthon zarUck.
Am II. Dez. empfiehlt QrOck dem Kf., mit der Beschickung des Kolloquiums
nicht zu eilen. Reg. H. p. 603, No. 164, Bl. 195 f. C. R. V, 904 ff. mit falschem
Datum. In Brief aus Frankfurt vom 19. Dez. sprach sich dann Burchard gegen
die Sendung Melanchthons aus. (Reg. H. p. 612, Na 196, 1; Hasenclever,
I, 8. 225 f.) Auch Brück befürwortete Burchards Vorschlag am 29. Dez.
(Reg. H. p. 663, No. 203, Or.) Am 1. Jan. 1546 acceptierte ihn der Kf. (an
Burchard, Reg. H. p. 612, No. 196, vol. III, Or.; Hasenclever, I, S. 226).
Kf. an Major, Zoch und Melanchthon Jan. 6, Dresd. BibL Mskr. A. 90, Bl. 5/6,
Or. Sollte Melanchthons Anwesenheit noch nötig werden, so woUte der Kf. ihn
nachschicken.
1) Jan. 10, Reg. H. p. 663, No. 203, Konz. Seckendorf, III, S. 621.
VergL auch Brück an Kf. 1546 Febr. 11, Reg. G. No. 27, Bl. 2.5—28.
2) Vergl. Caemmerer und C. R. Die Korrespondenz zwischen Kf. und
seinen Ges. findet eich in Reg. H. p. 663, No. 203 und Mskr. Dresd. A. 90. Die
Bedenken der Wittenberger ließen sich danach in Ordnung bringen.
3) VergL Luther an Kf. Jan. 9, Erl. 56, 147 f., und das Bedenken Melan-
chthons C. R. VI, 14 f.
4) Vergl. etwa Brück an Kf. März 10, Reg. H. p. 663, No. 203, Or. Darauf
beruhend Kf. an Major und Zoch März 11, Mskr. Dresd. A. 90, Bl. 48 — 50, Or.
Digitized by Google
446
Kapitol III.
das Gespräch über dieser Frage zergehen zu lassen *). Den
direkten Befehl, das aussichtslose Kolloquium zu verlassen, erteilte
er ihnen am 11. März*), und tatsächlich ist ja dann die Abreise
der protestantischen Kollokutoren schon am 20. März erfolgt*).
Der Kurfürst ging dabei hinaus über die Wünsche der Theologen,
die geraten hatten, daß die Kollokutoren bis zur Ankunft des
Kaisers bleiben sollten^). Er ließ sich überhaupt in dieser Frage
von keiner Vorsicht leiten und kümmerte sich nicht um den Un-
willen, den die Nachricht beim Kaiser erwecken mußte. —
Dieser erhielt sie, als er gerade in Speier mit dem Landgrafen
zusammen war. Diese Zusammenkunft, über die Hasenclever alles
Wesentliche zusammengestellt hat ®), bedeutet von kaiserlicher Seite
einen gelungenen Versuch, die Protestanten über seine Absichten
zu täuschen und ungehindeit nach Regensbnrg zu kommen. Diese
gingen auf den Plan ein, vor allem, weil sie hofften, dadurch Klar-
heit über die Lage zu gewinnen und durch gegenseitige Aussprache
einen Zusammenstoß zu verhüten. Ihre Stimmung war ja nach
dem Frankfurter Tage und schon in den letzten Zeiten dieses Tages
eine nichts weniger als rosige. Beständig gingen ihnen die be-
drohlichsten Nachrichten über die Pläne des Kaisers zu*), und
demgegenüber hatte sich nun der Bund so wenig bildungsfähig
erwiesen, mit Mühe hatte man die Erlaubnis zu den geringfügigen
Kriegsvorbereitungen erhalten, von denen wir gesprochen haben.
Es ist begreiflich, daß man sich nach anderen Hilfs- und Schutz-
mitteln umsah. Der Landgraf empfahl etwa einen Bund zwischen
dem Kurfürsten, dem von der Pfalz, Herzog Moritz, dem Herzog
von Württemberg und ihm selbst. Er meinte, daß jeder von ihnen
ein Jahr lang 1000 Pferde unterhalten, daß man die Hilfe der
Städte hinzuziehen müsse. Der Kurfürst war bereit, auf diesen
1) C. R. VI, 46, ür. in Makr. Dresd. A. 90, Bl. 19—23.
2) Siehe S. 445 Anm. 4.
3) Neudecker, Aktenst., S. 726, Anm. 92.
4) C. R. VI, 75.
5) II, B. 16«.
6) Vcrgl. etwa die sächs. Ues. an Kf. Jan. 24, über die Absicht dea Kaisen
mit einem Heere durch das Erzstift Köln zum Rt. zu ziehen, Reg. H. p. 612,
N'o. 196, II. Seckendorf, III, B. 613. Die hess. Räte an Ldgf. Jan. 20,
Neadecker, Urk., S. 775«. Ldgf. an Kf. Febr. 28, Reg. H. p. 676, Na 210,
fase. III. Hasenclevcr, II, 8. 30, 1. P. C. III, B. 707 f.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
447
Plan einzngehen *), seinerseits erhoffte er von einem Kurfürsteutag
in Gelnhausen Beschlösse für die Erhaltung der Libertät des
Reichs, die Abwehr der Succession und Monarchie u. dgL Er
meinte, daß, auch wenn Mainz und Trier nicht wollten, doch ein
solcher Tag gehalten werden müsse*). Daß Mainz nicht dafür zu
haben sei, zeigte sich, als der Landgraf nach seiner Zusammen-
kunft mit dem Pfälzer auch mit Kurfürst Sebastian zusammenkam,
aus einem Tage ohne Mainz ist aber auch nichts geworden®).
Ein besonders vom Landgrafen befürwortetes Schutzmittel war
es auch, wenn man Beziehungen in Italien anznknüpfeu suchte.
Schon seit der Zeit des Speierer Reichstages bestanden solche zu
Balthasar Altieri in Venedig. Von ihm erhielten Veit Dietrich,
Eberhard v. d. Thann u. a. manche wichtige Kunde. Schon öfter
hatte sich Altieri erboten, die Stellung eines Geschäftsführers und
Prokurators für die Verbündeten in Venedig zu übernehmen. Er
wollte bei der Republik für sie wirken, sie außerdem mit Nachrichten
versehen. In Frankfurt hatte man beschlossen, auf seine Vor-
schläge einzugehen und ihn im Namen des Bundes zu beauftragen,
auf die Praktiken der Gegner in Italien Achtung zu haben. Der
Landgraf nahm Ende Februar die Ausführung dieses Plaues in die
Hand, fand damit aber bei Johann Friedl ich wenig Anklang. Dieser
hegte Mißtrauen gegen die Person des Italieners, da man nicht
einmal wisse, wes Glaubens er sei, und wollte persönlich nichts mit
der Sache zu tun haben ‘). Diese ist trotzdem, wenn auch vielleicht
langsamer, weiter verfolgt worden®), unleugbar aber ist, daß der
1) Ldgf. an Kf. Jan. 23, Reg. H. p. 670, No. 209, I. (HaBenclever, I,
S. 198.) Kf. an Ldgf. Jan. 30, ebenda, Konz. Ixlgf. an Kf. Febr. 8, ebenda II.
Kf. an Ldgf. Febr. 21, ebenda.
2) Kf. an eeine Gea. Jan. 28, R^. H. p. 612, No. 196, I, Or.
3) Ldgf. an Kf. Febr. 14, Reg. H. p. 670, No. 209, II. Kf. an Ldgf.
Febr. 21, ebenda fase. I. Vergl. Hasenclever, I, 8. 211 ff.
4) Ldgf. an Kf. Febr. 24, Kf. an Ldgf. März 2, Reg. H. p. 676, No. 210,
III. Neudecker, Akteost 8. 695 ff. Thann an Kf. März 5, Reg. J. p. 593, AA
[Y], No. 19, Or. Aktenst. No. 66. P. A. Sachsen, Emestinischc Linie, 1546 Juni,
Beilage zu Brief des Kf. vom 27. Juni. P. C. III, 711.
5) Balt[hasar] Aljterius] an Thann Apnl 10 und 30, Trient, Keg. J. p. 984
DD, No. 8, 13, Kopien. Miockwitz an Kf. Juli 1, ebenda 104. Danach hatte
Alterius die von Frankfurt aus gesandten Schriften dem Dogen überreicht
Entwürfe für diese Bride vom 20. Febr. in Reg. H. p. G66, No. 206. Ein Ent-
warf vom 7. Febr. in Keg. H. p. 676, No. 210, III als Beilage zum Brief des
Ldgfeo. vom 24. Febr.
Digitized by Google
448
Kapitel III.
Kurfürst in dieser Frage eine gewisse Enge des Gesichtskreises
zeigte, die der Größe der ihm gewordenen Stellung und der ihm
gestellten Aufgabe nicht entsprach.
Ihm wäre es jedenfalls noch am liebsten gewesen, w’enn der
Ausbruch der Feindseligkeiten mit dem Kaiser sich hätte vermeiden
lassen. Eben deswegen war ihm der Gedanke einer Zusammen-
kunft zwischen diesem und dem Landgrafen sehr sjunpathisch. Er
hoffte, daß das gegenseitige Mißtrauen dadurch beseitigt werden
würde, durch das man sonst schließlich zusammenwacbsen könne,
man wisse nicht wie *). Getrübt wurde seine Freude allerdings durch
ein gewisses Mißtrauen gegen den Landgrafen, er warnte diesen
davor, sich in der kölnischen Sache irgendwie die Hände binden
zu lassen, sprach sich auch gegen neue Verhandlungen über die
Braunschweiger Sache aus’). Er dachte ursprünglich daran, Bur-
chard als seinen Vertreter an der Zusammenkunft teilnehmen zu
lassen, infolge von dessen Saumseligkeit wurde nichts daraus. Der
Kurfürst würde dann auch die Naumburger und die Magdeburger
Sache mit vorgebracht haben *). Das unterblieb nun natürlich. Mit
dem Verhalten des Landgrafen konnte der Kurfürst im ganzen zu-
frieden sein. Dieser konnte es zwar nicht unterlassen, über den
Braunschweiger zu sprechen, die Erklärungen des Kaisers lauteten
aber zufriedenstellend, und in den anderen Punkten, in der kölnischen
Angelegenheit, der Frage des Kolloquiums, der religiösen Frage u. s. w.
hielt sich Philipp innerhalb der Grenzen, von denen er annehmen
konnte, daß sie seinen Verbündeten genehm sein würden. Anstoß
bei Johann Friedrich erregte nur, daß der Landgraf die Zwistig-
keiten zwischen den beiden sächsischen Linien als Grund anführte,
weshalb er nicht werde zum Reichstag kommen können. Der Kur-
fürst vermutete, daß der Kaiser das nicht ungern gehört haben
werde, war aber der Meinung, daß diesen Irrungen damit eine zu
große Bedeutung gegeben werde. Der Landgraf erläuterte seinen
Bericht dann dahin, daß er als Entschuldigung für sein Wegbleiben
vom Reichstag nur etliche nachbarliche Gebrechen angeführt habe *).
1) Kf. an I>]gf. Febr. 24, Reg. H. p. 670, No. 209, I.
2) Hasenclever, II, 8. 25.
3) Kf. an Ldgf. März 9, Reg. H. p. 676, No. 210, III, Konz. Entwurf einer
Instruktion für Burchard schickte Brück dem KL am 25. März, Reg. H. p. 663,
No. 203. Hasenclever, II, S. 26.
4) Hasenclever, II, S. 36 ff. Ldgf. an Kf. März 31, Kf. an Ldgf. April 10,
Ldgf. an Kf. April 22, Reg. H. p. 676, No. 210, vol. III. Druffel, lU, S. Iff.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
449
Nicht ganz sicher scheint mir Hasenclerers Ansicht, daß sich
der Landgraf nunmehr keinen Illusionen Ober die Absichten des
Kaisers mehr hingegeben habe. Ich finde ihn gerade im April
weniger besorgt als vorher. Als ein Kriterium können wir die
Auffassung der Rüstungen des Markgrafen Albrecht ansehen, der
ja in Speier und sonst aus seiner Feindseligkeit gegen die Führer
der Protestanten kein Hehl gemacht hatte. Man verfolgte sie
schon seit dem Februar mit Besorgnis ^). Damals und noch
bis Mitte März bestritt der Kurfürst, daß sie für den Kaiser
erfolgten*). Während wir ihn dann aber im April davon über-
zeugt finden, daß der Markgraf dabei an diesem einen Rück-
halt habe, hatte sich der Landgraf durch die Versicherungen der
kaiserlichen Minister, daß diese Rüstungen nicht für den Kaiser
erfolgten, täuschen lassen und wies jenen Gedanken des Kurfürsten
zurück*). —
Unmittelbar an die Speierer Zusammenkunft schloß sich der
in Frankfurt schon festgesetzte Wormser Bundestag an. Große
Aufgaben waren ihm zugeschoben. Es war aber von vornherein
unwahrscheinlich, daß sie dort erledigt werden würden. Der Reichs-
tag stand unmittelbar vor der Tür, und es erschien bedenklich, ihm
gewissermaßen einen Nebenreichstag an die Seite zu setzen, ferner
hatten die sächsischen Städte über die Frankfurter Beschlüsse
nicht so schnell schlüssig werden können und hatten darum von
vornherein nur eine Sendung nach Regensburg ins Auge gefaßt.
Unter diesen Umständen dirigierte auch der Kurfürst seine Schreiber
gleich nach Regensburg und ließ nur seine Räte Eberhard v. d. Thann
und Burchard persönlich an den Wormser Beratungen teilnehmen *).
u. Einl. 8t. P. XI, 86ff. Rommel, II, 8. 4751. Heyd, III, 8. 325H. N. B.
VIII, 66 f.
1) Ldgf. an Kf. Febr. 24, Reg. H. p. 676, No. 210, III, Or. Jakob Wahl
an Kf. Loc. 9656 „Dr. Gregorien Brücken Schriften . . . 1546“, Bl. 28 ff.
2) Vergl. z. B. an Ldgf. März 15, Neudecker, Aktenst, 8. 704 ff.
3) Kf. an Ldgf. April 10 und 28, Reg. H. p. 676, No. 210, III, Konz. I.dgf.
an Kf. April 2, 22, ebenda, Or.
4) Schon März 16 empfahl Kf. die Verlegung nach Regenaburg, fügte sich
dann aber der gegenteiligen Ansicht des Ldgf. An Ldgf. März 16, Ldgf. an Kf.
März 21, Reg. H. p. 670, No. 209, III. Kf. an Thann und Burchard April 1,
Reg. H. p. 664, No. 205. Hasenclever, II, 8. 47,4. Am klarsten die Gründe
für die Verlegung in Brief an die Geaandten vom 19. April zusammengestellt.
Reg. H. ebenda, Or.
Beiträge züi Q eueren Gcecbichte Thüringens I. s. 29
Digitized by Google
450
Kapitel III.
Die Instruktion, die er ihnen mitgab, gewährt uns interessante Ein-
blicke in seine Anschauungen über die Bundesangelegenheiten. Eine
Aufgabe des Wormser Tages sollte ja auch die Beratung und
Beschlußfassung über die Erstreckung und Erweiterung des Bundes
und über die neue Bundesverfassung sein. Johann Friedrich nahm da-
her jetzt zu diesen Fragen Stellung. Zwei Punkte des Verfassungs-
entwurfes waren es vor allem, an denen er Anstoß nahm : die Ver-
eidigung der Stimmen und das, was über die geistlichen Güter be-
schlossen worden war. Brück hatte sich zwar bemüht, beide
Bedenken zu zerstreuen, indem er zu dem ersten Punkte einen
Zusatz vorschlug und in bezug auf den zweiten darauf hinwies,
daß der Kurfürst und der Landgraf mit den betreffenden Sätzen
nicht gemeint seien ^). Wie die Instruktion zeigt, hat sich der
Kurfürst darauf in diesem letzten Punkte beruhigt und nun seinen
Gesandten nur befohlen, zu bewirken, daß jene Beschränkung
seiner Geltung deutlich zum Ausdruck gebracht werde. Dagegen
finden wir ihn hinsichtlich der Vereidigung noch nicht ganz be-
friedigt Er erklärt sich in der Instruktion doch wieder gegen
eine allgemeine Vereidigung der Stimmen, und auch die in
eiligen Fällen wollte er nur gewähren, wenn die Majorität durchaus
dafür sei.
Einverstanden war Johann Friedrich damit, daß nach der neuen
Verfassung die Bundesversammlungen abwechselnd an zwei Plätzen,
einem in Oberdentschland, einem in Niederdeutschland, gehalten
werden sollten, von denen in Niederdeutschland hielt er NaumbuiTg
für den geeignetsten. Nicht annehmbar erschien ihm dagegen der
Gedanke, daß die Stimmräte ihren Herren nicht über die Einzel-
heiten der Abstimmung Mitteilung machen sollten, denn der Land-
graf und er würden, wenn sie selbst zugegen wären, ja auch alles
hören. Er befürwortete die Aufoahme von Kurköln und Kurpfalz,
Münster, Nürnberg und Regensburg, hielt aber nicht für nötig, daß
deswegen die Zahl der 13 Stimmen erhöht w’ürde, er meinte, daß
eventuell der Landgraf und er den beiden Kurfürsten ihre zweite
Stimme abtreten könnten. Stets müßten jedenfalls die Fürsten eine
Stimme mehr haben als die Städte. Mit der geplanten Bestimmung
über das pünktliche Erscheinen der Stimmräte war der Kurfürst
einverstanden, auch damit, daß die Hauptleute das Recht haben
1) Brück an Kf. M&rz 25, Beg. H. p. 664, No. 205, Or.
Digitized by Google
Bund und B«ich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546. 451
soDten, Rüstungen vorzunehmen, wenn eine vorherige Berufung
der Stimmräte gefährlich wäre. Von richtiger Einsicht in die Lage
und in das politisch und militärisch Notwendige zeugt es, wenn
Johann Friedrich die Beschränkung bekämpfte, daß die wirkliche
Vornahme der Defension erst abhängig gemacht werden sollte von
dem Beschluß der Hauptleute und der Stimmräte. Er legte die
Inkonsequenz dieser Bestimmung dar.
Sehr entschieden erklärte sich der Kurfürst wieder gegen den
gemeinen Pfennig. Er empfahl, daß jeder Stand drei Monate er-
lege, damit man auf drei Monate mit Geld gefaßt sei. Mindestens
zwei Monate müßten gezahlt werden, doch sollten die Räte auch
den Gedanken des Landgrafen, vier Monate zu erlegen, unter-
stützen.
Besonderes Interesse verdienen noch die Aeußerungen Johann
Friedrichs über die Hauptmannschaft. Er war einverstanden mit
dem Gedanken, daß es zwei Hanptleute geben sollte, die mit der
Führung der Geschäfte jährlich abwechseln sollten. Er empfahl
aber, daß die Ausschreiben n. dgl. immer von beiden unter-
schrieben würden, wie der Landgraf und er es auch getan hätten.
Aufs wärmste sprach er sich dafür ans, daß man den Land-
grafen wieder wähle, „dan S. L. hat es bisher an allem dem,
so der ainung zum besten geraicht mit kuntschaft und anderm nicht
lassen erwinden, zn dem ist sein lieb ain krigsman, auch der krigs-
hendel erfaren und verständig, darumb er gewiß in keinem wege
zu verbessern“. Der andere Hauptmann müsse auch ein Fürst
sein, der Land und Leute und sowohl Erfahrung in Kriegssachen,
wie in anderen Geschäften hätte. Von seiner Person bat der Kur-
fürst abzusehen wegen seines schweren Leibes, und weil er zu
wandern und reisen unvermögend sei, so daß er einen etwaigen
Zug nicht gut mitmachen könne. Wenn die anderen Verbündeten
sich mit diesen Gründen nicht begnügten und weiter in die Ge-
sandten drängen, sollten diese darauf hinweisen, daß ihr Herr auch
andere Beschwerden habe, und als solche anführen, daß er der
Einung große Summen habe vorstrecken müssen, daß die Anschläge
im sächsischen Kreise sehr schlecht erlegt würden, daß manche
ausgetreten seien, die noch schuldeten, und daß endlich die Einung
sich mancher kurfürstlichen Angelegenheiten, die als Religionssachen
zu betrachten seien, z. B. der haUeschen, der naumburgischen
Sache, nicht angenommen habe. Würden sich die Stände dann zur
29*
Digitized by Google
452
Kapitel III.
Erledigung dieser Beschwerden erbieten, so sollten die Räte ant-
worten, daß sie dem Kurfürsten berichten wollten*).
Man könnte vielleicht aus dieser Schlußerklärung folgern, daß
Johann Friedrich schließlich die Hauptmannschaft doch behalten
wollte, wenn er nur genügend gebeten wurde. Aus einer mehr
privaten, wahrscheinlich auch in diese Zeit gehörigen Aufzeichnung
des Kurfürsten geht aber hervor, daß er es mit jener Absicht ernst
meinte. Als Gründe führte er dabei dieselben Punkte an, wie in
der Instruktion, fügte jedoch das Benehmen des Landgrafen hinzu,
der sich beständig in die Angelegenheiten auch seiner Provinz ein-
mische, überhaupt die Führung an sich reiße, es dabei aber ver-
stehe, immer den Unglimpf ihm zuzuschieben. Auf die Beschlüsse
des Bundes glaubte Johann Friedrich, auch wenn er nicht mehr
Hauptmann sei, noch einwirken zu können, auch wies er darauf
hin, daß in 6— 8 Jahren vielleicht einer seiner Söhne so weit sein
werde, das Amt zu übernehmen*).
Bei der geringen Dauer und mangelhaften Beschickung des
Wormser Tages konnten die Gesandten des Kurfürsten natürlich
den größten Teil der Instruktion in ihrer Tasche behalten. Immer-
hin hat man wenigstens über ein paar der wichtigsten Fragen ge-
sprochen und vorläufige Beschlüsse gefaßt. So erklärte man sich
bei dem bisherigen Nutzen des Bundes für die Religion im Prinzip
für seine Erstreckung und Erweiterung. Auch Köln, Pfalz und
Münster schlossen sich dieser Ansicht an. Ferner besprach man
die Frage des gemeinen Pfennigs. Auf Grund der eingegangenen
Entscheidungen der einzelnen Stände hielt man es doch für besser,
von ihm Abstand zu nehmen und lieber feste Anschläge zu
machen, wie schon in Frankfurt ins Auge gefaßt war. Man be-
schloß, die sächsischen Städte, die in Worms nicht vertreten waren,
aufzufordem, zusammenzukommen, sich über die PTankfurter Be-
schlüsse zu einigen und dann einen Ausschuß nach Regensburg
zu schicken. Dort oder auf einem neuen Bundestage sollten dann
beide Punkte erledigt werden. In bezug auf Friedeu und Recht
beschloß man bei dem Frankfurter Entwurf zu beharren. Von
1) Instruktion des Kf. für Eb. v. d. Thann und Franz Burchard in Beg. E.
p. 59a, No. 123, Bl. 8—41, Kopia
2) Reg. J. p. 979, DD, No. 6, Abschrift mit eigenhändigen Korrekturen des
Kf., wahrscheinlich beruhend auf einem eigenhändigen Elntwurf. Benutzt von
Issleib, Jahrbuch 1903, 8. 14, 3.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546. 453
Wichtigkeit waren noch die Beratungen über das Kolloquium. Man
verfaßte ein Gutachten darüber, wie die Abreise der Kolloquenten
und Auditoren aus Regensburg beim Kaiser entschuldigt werden
könne und wie man diesen um Abstellung der Mängel und um
eine richtige Form des Gespräches bitten könne. Dieses Schrift-
stück sollte den Räten nach Regensburg mitgegeben werden ‘).
Johann Friedrich wird mit diesem Beschluß schwerlich ganz ein-
verstanden gewesen sein. Er war, in Uebereinstimmung mit den
Wittenberger Theologen, zwar der Meinung, daß man sich beim
Kaiser wegen des Abbruchs des Gesprächs entschuldigen müsse,
hielt aber nicht für ratsam, daß man ein neues Kolloquium vor-
schlage*). Er hat an diesem Standpunkt auch in den nächsten
Wochen gegenüber den entgegengesetzten Ansichten der Straß-
burger und des Landgrafen festgehalten*), denn auch während des
Regensburger Reichstages spielte diese Frage noch eine große
Rolle. Schließlich hat sich aber die Majorität der Protestanten
auf den Wittenberger Standpunkt gestellt. Man beschränkte
sich also auf die Entschuldigung, hätte diese gern vor der
Reichstagsproposition vorgebracht, kam aber nicht dazu*). Ganz
war der Kurfürst allerdings dann doch mit der Form der Ent-
schuldigung nicht zufrieden, da ein Unterschied gemacht wurde
zwischen den Kollokutoren, die abberufen wurden, und denen, die
nach der Abreise jener nicht mehr verhandeln konnten, denn dadurch
wurde ihm der Unglimpf zugeschoben*). Der kursächsische Ge-
1) BundeeabBchied vom 22. April in Reg. H. p. 664, No. 205. Das Be-
denken wegen des KoUoqniumB auch Reg. H. p. 663, No. 203. Aitingera Pro-
tokoll P. A. No. 845. Vergl. Haaenclever, II, S. 51.
2) C. R. VI, 118 — 120. 120. Inatmktion des Kf. für Minckwitz nach Regeng-
bnrg. Reg. E. p. 59a, No. 123, Or. Kf. an Ldgf. Mai 10, Neudecker, Aktenst,
8. 753 ff. ; an geine Gee. Mai 11, Reg. E. ebenda, Or.
3) C. R. VI, 129 f. Dazu gehörig ein „Strafipurgigch Bedenken dee zer-
achlagen Kolioquii halben“ 1546, Reg. H. p. 663, No. 203. Sturm an Ldgf.
Mai 8, Neudecker, Aktengt., S. 737 ff. Ldgf. an Bucer und Sturm Mai 15,
Lenz, II, 8. 437 ff.; an Kf. Mai 15, Reg. H. p. 676, No. 210, II, Or.; Hagen-
clever, II, S. 57. Kf. an Ldgf. Juni 10, Nendecker, Aktengt., S. 747 ff.
Dort 8. 751 ff. dae Bedenken der Wittenberger über die Straßburger Vonchläge,
nicht C. R. VI, 135 ff. Dies Stück gehört in den Januar. Caemmerer,
8. 37, 4.
4) Caemmerer, S. 66, 5. Räte an Kf. Mai 28, Juni 4, Reg. J. p. 984, DD,
No. 8, 3A 39. 62.
5) Kf. an die Räte Juni 21, Reg. E. p. 59a, No. 123, Bl. 283 ff.
Digitized by Google
454
Kapitel UI.
sandte Minckwitz suchte seinen Herrn über diese Fassung zu be-
ruhigen^), auch wurden weitere Erörterungen durch den Ausbruch
des Krieges abgeschnitten. —
Dieser unterbrach auch die sonstigen Bundesverhandlungen,
die in Regensburg noch stattgefunden hatten, vor ihrem Abschluß.
Einen Hauptberatungsgegenstand bildete auch hier wieder die
Frage der Erstreckimg der Einung. Sie hing zusammen mit der in
Worms beschlossenen Aufforderung an die sächsischen Stände und
Städte, deren Absendung sich bis in den Mai verzögerte. Man bat
sie, einen Ausschuß nach Regensburg zu schicken, damit man dort
über die Verlängerung des Bundes beraten könne’). Man hat
aber doch schon vorher mit den Besprechungen darüber begonnen,
der Kurfürst wai- entschieden für die Erstreckung, wünschte auch,
daß sie schon in Regensburg erfolge und nicht auf einen neuen
Tag verschoben werde’); seine Gesandten scheinen in diesem, wie
in anderen Punkten nicht ganz nach seinen Befehlen gehandelt und die
hessische Politik nicht genügend unterstützt zu haben *). Der Land-
graf dachte daran, zunächst mit denen, die willig seien, die Einung
zu erneuern und den anderen den Beitritt zu überlassen. Er nahm
an, daß auch der Kurfürst für eine solche Politik sei ’). Schließlich
konnte dieser dann aber doch melden, daß Magdeburg, Braun-
schweig, Goslar, Hannover, Göttingen, Hildesheim und Einbeck mit
der Verlängerung des Bundes einverstanden seien. Er hielt aller-
dings noch für möglich, daß sie die Brechung Wolfenbüttels fordern
würden, und schlug, an einen älteren Gedanken des Landgrafen
anknüpfend, vor, ihnen Zahlung aller ihrer Außenstände und Ein-
willigung in die Erstreckung der Einung als Bedingung dafür zu
stellen®). Auch beim Kurfürsten selbst finden wir übrigens ein-
1) Minckwitz an Kf. Juni 28, Keg. J. p. 984, DD, No. 8, 100.
2) Ldgf. an Kf. AprU 22, Kf. an Ldgf. April 27, Keg. H. p. 676, No. 210,
III, Or. und Konz. Kf. an Ldgf. April 26, Reg. H. p. 069, No. 208. Dabei
Entwurf für die Aufforderung an die Stände des sächs. Kreises ; Mai 2 erklärt
Ldgf. sich einverstanden. Reg. H. p. 676, No. 210, II, Or. Am 10. Mai erwähnt
Kf., daß das Schreiben abg^ngen sei. Neudecker, AktensU, 8. 758.
3) Kf. an Minckwitz und Burchard Juni 2, Reg. E. p. 59a, No. 123, BL 187 ff.,
Or.; Juni 13 ebenda Bl. 218 ff.
4) Vergl. bes. die hessischen Räte an Ldgf. Mai 24, P. A. No. 856; Hasen -
clever, II, 8. 52. 56.
5) Lenz, II, 8. 442.
6) Hasenclever, II, 8. 58. P. A Sachsen, Erneet. Linie, 1546 Juni.
Digitized by Google
Bund und Reich; Die Jahre der Unsicherheit 1542—1546.
455
mal den Gedanken, seine Zustimmung zu der Verlängerung au die
Bedingung zu knüpfen, daß man ihm gegen Pflug helfe*). Als
dann der Krieg sicher war, kam das nicht weiter in Betracht, und
er empfahl nun einfach schleunige Erstreckung der Einung*). Jetzt
war es aber dazu schon zu spät, doch bestand der Bund ja vor-
läufig noch fort und konnte nun noch in seiner alten Form seine
Belastungsprobe bestehen; daß er nicht verlängert war, war zu-
nächst ohne Bedeutung. Wesentlich dagegen wäre es gewesen,
wenn die Verhandlungen, die in Regensburg über seine Erweite-
rung stattfanden, zum Ziele geführt hätten. Besonders um die
Aufnahme des Pfälzers handelte es sich; der Kurfürst hat dabei
nichts an sich fehlen lassen. Es waren von pfälzischer Seite
zwei Bedingungen gestellt worden. Einerseits wünschte Fiiedrich,
daß man ihn bei der Verteidigung seiner Kurwürde schütze, an-
dererseits beanspruchte er Unterstützung gegen Dänemark. Johann
Friedrich war, einem Rate Brücks folgend, unbedingt dafür, daß
man die erste Forderung bewillige, indem man etwa einen Artikel
in den Bundesvertrag aufnähme, durch den man verpflichtet
würde, die Mitglieder bei ihren Würden u. s. w. zu schützen.
Dänemark gegenüber dürfe man sich allerdings nur zu einem
Versuch gütlicher Verhandlungen erbieten*). Zu einer Entschei-
dung dieser Fragen ist es dann aber in Regensburg nicht mehr
gekommen.
Bei der Gefahr der Lage mußten als besonders eilig Entschei-
dungen in der Frage der Bundesfinanzen betrachtet werden. Auch
das war ja ein Punkt, der in Worms erörtert worden wai- und
über den die sächsischen Stände sich entscheiden sollten. Johann
Friedrich war natürlich damit sehr einverstanden, daß man sich in
Worms gegen den gemeinen Pfennig entschieden hatte. Dagegen
schien es ihm verfehlt, daß viele Stände eine Verringerung der
Anschläge unter die Frankfurter Beschlüsse hinab wünschten. Er
hielt nach wie vor die Erlegung von 4 oder besser noch von
6 einfachen Monaten für nötig, denn wenn man gar nichts in
Händen haben solle, sei die Einung fast vergeblich und wenig
1) Kf. an die Räte Juni 13. Vergl. S. 454, Anm. 3.
2) Kf. an die Räte Juni 21, Reg. E. p. 59, No. 123, Bl. 283«.
3) Brück an Kf. Mai 6/7, Reg. H. p. 603, No. 194, Bl. 221—226. KL an
Ldgf. Mai 10, Nendecker, AktensL, S. 753«.
Digitized by Google
456 Kapitel III.
nütz >). Auch diese Frage ist dann aber durch die Ereignisse übei^
holt worden. —
Das gilt auch von den Verhandlungen in der braunschwei-
gischen Angelegenheit, ln Frankfurt waren die wichtigen darauf
' bezüglichen Fragen ja unerledigt geblieben und meist nach Worms
verschoben worden. Ehe dort der Bundestag zusammentrat, hatte
dann eine Vermittlung des Herzogs Moritz eingesetzt. Johann
Friedrich hatte anfangs wenig Neigung gezeigt, auf diesen Vor-
schlag einzugehen, hatte sich aber schließlich doch für die Ansicht
des Landgrafen gewinnen lassen, daß es ratsam sei, die Vermitt-
lung zwar anzunehmen, aber unannehmbare Bedingungen zu stellen *).
Inzwischen kam dann aber schon der Wormser Tag heran. Hier
hat Moritz erneut seine Vermittlung anbieten lassen, und die De-
fensionsvemandten beschlossen am 22. April, sie anznnehmen *).
Eine Darstellung der Gefangennahme Heinrichs, die Moritz in-
zwischen verfaßt hatte, hatte ergeben, daß seine Auffassung des
Hergangs sich mit der des Landgrafen ganz gut vertrug*). Auch
dieser gab dann im Mai eine ähnliche Schrift ans, mit der auch
Moritz im ganzen einverstanden war®).
Der Wormser Beschluß scheint nun aber doch noch nicht als
definitiv gegolten zu haben, denn in Kegensburg haben noch lange
Verhandlungen der Bäte Moritzens mit den defensionsverwandten
Ständen stattgefunden®). Der Landgraf plante jetzt, die Vermitt-
lung Moritzens nur anzunehmen, wenn Heinrich vorher die herzog-
lich sächsische Darstellung der Vorgänge bei der Gefangennahme
anerkenne, viele andere Verbündete, vor allem die Oberländer,
waren dagegen dafür, die Vermittlung bedingungslos anzunehmen ^).
1) Au Ldgf. Mai 10, Neudecker, a. a. O. Kf. an seine Räte in Begensborg
Mai 22, Reg. E. p. 59a, No. 123, BL 150—153.
2) Moritz an Ldgf. Febr. 15, M. P. C. II, 522 ff. Ldgf. an Kt Febr. 22,
Kf. an Ldgf. März 3, Reg. H. p. 670, No. 209, III. M. P. C. U, 522, Anm. 1;
551, 1. Neudecker, Aktenst, S. 698 — 704. Ldgf. an Kf. März 11, Kt an Lägt
März 24, Reg. H. p. 670, No. 209, II. Brück an Kf. März 22, Kt an Ldgt
März 23, M. P. C. II, 523/524. Anm. Instruktion für Worms vom 1. ApriL
3) Abschied der Defensionsverwandten vom 22. April, Reg. H. p. 664, No. 205.
VergL Brandenburg, I, 8. 428t
4) M. P. C. II, 560 Anm. Issleib, Jahrb., 8. 59.
5) M. P. C. II, 8. 607.
6) Akten darüber in R^. H. p. 612, No. 196, IV. Vergl. auch Issleib,
Jahrb., 8. 68.
7) M. P. C. II, 592, 1. 605, 1 (Juni 4).
Digitized by Google
Bund und Räch: Die Jahre der Unaicherheit 1542 — 1546. 457
Der Kurfürst war nicht abgeneigt, zu fordern, daß Moritz nur vor-
schlage, was für den Landgrafen und ihn annehmlich sei, und daß
er es nicht übel nehme, wenn man irgend etwas als unannehmbar
zurückwiese, auch müsse Heinrich vorher erklären, daß er des
Landgrafen, des Kurfürsten und der Einung Gefangener wäre und
daß er der Handlung „auf Gnade und Erbarmen und nicht auf
einige Pflicht“ gewärtig sein müsse*).
Es war wohl kaum auf Annahme solcher Bedingungen zu
rechnen, aber auch diese Verhandlungen wurden ja schließlich durch
den Krieg unterbrochen. Er bewirkte, daß auch ein anderer viel
amstrittener Punkt, von dem auch in Kegensburg noch gelegentlich
die Rede war, die Brechung der braunschweigischen Festungen,
endlich im Sinne der sächsischen Stände entschieden wurde. Der
Kurfürst und der Landgraf sahen sich genötigt, den Befehl zur
Schleifung der Festungen zu geben, weil sie nicht imstande waren,
sie während des Krieges besetzt zu halten’).
Nicht mehr zur Erörterung scheint in Regensburg die Frage der
Verwaltung des braunschweigischen Landes gekommen zu sein. —
Wenn schon die Beratungen über Bundesangelegenheiten in
Regensburg durch die Unsicherheit der Lage und die bevorstehenden
Ereignisse gestört wurden, so war erst recht nicht zu erwarten,
daß die eigentlichen Reichstagsverbandlungen zu irgend welchen
Resultaten führen würden. War doch für den Kaiser die Ver-
sammlung nur ein Mittel, um ohne allzu großes Aufsehen die letzten
Kriegsvorbereitungen zu treffen, Bündnisse zu schließen, Spaltung
in die Reihen der Protestanten zu tragen u. dgl. Diese traten,
wenn wir absehen von Männern wie Herzog Moritz, Markgraf
Albrecht und den anderen Brandenburgern, die schon lange eine
Sonderstellung eingenommen hatten, auf diesem Reichstage in
seltener Einmütigkeit auf. Schon in Frankfurt war beschlossen
worden, daß man den Gesandten zum Reichstage gleichlautende
Instruktionen mitgeben wolle, auch Kurköln und Kurpfalz hatten
sich diesem Beschluß angeschlossen ‘). Man schlug darin einen
ziemlich energischen Ton an, rekapitulierte die Friedensverhand-
1) Kf. an Ldgf. Juni 10, Keudecker, Äktenat., S. 764 f.; Juni 16, M. P. C.
n, 653, 2.
2) Ldgf. an El. Juni 26, Beg. J. p. 626, Aa, No. 2. Kf. und Ldgf. an
Statthalter und Räte zu Wolfeubüttel Juni 29, Reg. J. p. 935, CC, No. 3.
3) Vergl. die Inetruktion des Eurfürsten und Landgrafen für ihre Gesandten
an Hz. Moritz März 17, M. P. C. II, 543 — 546.
Digitized by Google
458
Kapitel III.
Jungen vom Jahre 1526 an und verlangte, daß es in den Punliten
Friedens und Rechts bei den Beschlüssen des Speierer Abschiedes
von 1544 belassen werde, der auch für die Gegner gültig sei ‘).
Johann Friedrich hat seinem Gesandten Erasmus von Minckwitz
diese Instruktion mitgegeben, dann aber einige weitere Weisungen
in seinen Privatangelegenheiten und in der Frage des Religions-
gespräches hinzugefügt*). Wir haben seine Ansichten in dieser
letzten Frage schon an anderer Stelle kennen gelernt®).
An persönlichen Besuch des Reichstages hat der Kurfürst wohl
kaum je im Ernste gedacht, seine Leibesbeschaffenheit, die drohende
Zusammenrottung der Freunde Herzog Heinrichs und die nachbar-
lichen Gebrechen mit Moritz waren die Entschuldigungsgründe, die
seine Gesandten Vorbringen sollten*).
Es dauerte bis zum 5. Juni, ehe die Eröffnung des Reichstages
wirklich erfolgte, die Fragen der Religion, Friedens und Rechts
wurden jetzt auch vom Kaiser als die zuerst zu erledigenden Punkte
bezeichnet®). Die Fortschritte, die die Sache des Protestantismus
in der letzten Zeit gemacht hatte, traten bei den sich anschließenden
Beratungen in erfreulicher Weise hervor®). Infolge des Ueber-
tiittes von Pfalz und Köln hatten die Protestanten im Kurfürsten-
kolleg die Majorität, ja man dachte wohl gar gelegentlich an eine
gemeinsame Politik sämtlicher Kurfürsten, für die Johann Friedrich
ein interessantes Programm entwarf '), konnte die Absonderung von
Mainz und Trier aber schließlich doch nicht hindern. Diese waren
bereit, in Beratungen über die OffensivhUfe einzutreten, auch ehe
die Punkte der Religion, Friedens und Rechts erledigt waren, was
Köln, Sachsen und Pfalz ablehnten*).
Lange hat man ja auch geglaubt, daß es möglich sein werde,
zusammen mit den katholischen Ständen den Kaiser wegen seiner
1) Eine Abechrift der Instruktion in Beg. E. p. 59a, Na 123, Bl. 43—49.
2) Or. vom 20. April, ebenda Bl. 69 — 76. Vergl. Seckendorf, III, S. 661.
3) Siehe S. 453.
4) Kf. an Minckwitz und Burchard Mai 1, Reg. E. a. a. O. BL 81 — 88, Or.
5) Abechrift der Proposition ebenda BL 207—213. S leid an, II, S. 459.
6) Ein Protokoll über die Verhandlungen vom 5. — 26. Juni Keg. E. a. a. O.
BL 325—352.
7) Dabei brachte er seine bekannten Pläne für die Erhaltung der Reichs-
freiheiten wieder vor. Reg. E. p. 59a, No. 123a am Ende, eigenh. Entw. VergL 8. 3.
8) Minckwitz an Kf. Juni 13 und protokollartiger Bericht über Verhand-
lungen im Kurfürstenrat R^. J. p. 984, DD, No. 8, 94 — 96.
Digitized by Google
Bund und Reich: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
459
Rüstungen zu interpellieren. Auch daraus wurde schließlich nichts,
man mußte froh sein, daß wenigstens die Mehrzahl der nicht im
Bunde befindlichen Protestanten an den Beratungen der Schmal-
kaldener teilnahm und gemeinsam mit ihnen opeiierte^).
Die Antwort, die der Kaiser auf die Interpellation erteilte, ja
schon die Art und Weise, wie er sie aufnahm, gaben endlich völlige
Klarheit über seine Absichten *), und wenn jetzt die protestantischen
Gesandten noch in Regensburg blieben, so geschah es nur, um
Kundschaften einzuziehen und um den Gegnern jede Möglichkeit
zu nehmen, sie als Angreifer erscheinen zu lassen’). —
Erst die letzten Vorgänge in Regensburg haben auch Johann
Friedrich denjenigen Grad von Sicherheit über die feindlichen Ab-
sichten des Kaisers verschallt, den er für nötig hielt, um mit wirk-
lichen Rüstungen beginnen, um die Wallen ergreifen zu können.
Das bleibt ja auch in dieser Zeit seine Gruudanschauung: er will
vermeiden, daß man als Angreifer dasteht, er will die Ausgaben,
die man sich macht, möglichst reduzieren, solange auch nur die
Spur einer Möglichkeit vorhanden ist, daß auch diesmal die Gefahr
noch vorübergeht ^). Wenig kommt dagegen eigentlich darauf an.
1) Nach dem erwähnten Protokoll. In den Tagen vom 12. — 16. Jnni fanden
noch Vereuche statt, ein gemeinsamca Auftreten der Stände g(^n den Kaiser zu
bewirken. (Lenz, HZ. 49, S. 403 f.) Schliefllich antwortete man doch nach
Konfeesionsporteien, Reg. E. p. 59a, No. 123, Bl. 254—268 und 271 — 273. Die
Bäte an Kf. Juni 14, Reg. J. p. 984, DD, No. 8, 82.
2) Räte an Kf. Juni 16, R^. J. p. 984, DD, No. 8, 81. Kf. an die Räte
Juni 21, Reg. E. p. 59a, No. 123, BL 283—292, Or. Ihm war besonders das
Lachen des Kaisers verdächtig; dessen Antwort ließ ihm dann völlig klar er-
scheinen, wem die Werbungen gälten.
3) Ueber die Stimmung der Verbündeten in Regensbnrg gibt das Protokoll
Bl. 349 — 352 unter dem 26. Juni Auskunft. Abschrift davon auch Reg. J.
p. 743, AA, No. 9. Beratungen über die Abreise vom 3. Juli. Protokoll darüber
R^. J. p. 984, DD, No. 8, 260, Kopie. Kf. und I.dgf. befahlen gerade am 3. Juli
ihren Gesandten, abzureisen. Reg. E. p. 59a, No. 123, BI. 315/316, Reinentw.
4) Deutlich wird dieser Standpunkt des Kf. entwickelt in Brief an Ldgf.
vom 25. Juni, R^. J. p. 626, AA, No. 2. Aktenst. No. 68. Klar über die Lage
and zu Rüstungen entschlossen ist Kf. aber auch schon am 21. Juni. An die
Räte Reg. E. p. 59a, No. 123, Bl. 283 — 292, und an Ldgf. R^. H. p. 676, No. 210,
1, Zettel. Ein ganz anderer, viel ängstlicherer Ton in Brücks Brief vom 24. Juni,
Reg. J. p. 579, Y, No. 18, Or., benutzt 51. P. C. II, 678, 1. Dieser kann aber für
die Stimmung des Kf. nicht maßgebend sein. Der alte Kanzler vertritt hier einen
ähnlichen Standpunkt wie sonst Ossa und heute Issleib.
Digitized by Google
460
Kapitel II L
ob er nun an einem oder dem anderen Tage mehr oder weniger
besorgt war, ob einzelne Nachrichten, die ihm zugingen, ihm mehr
oder weniger gefährlich erschienen, auch muß man bei einer Ver-
wendung seiner einzelnen Aeußerungen immer berücksichtigen, daß
deren Färbung vielfach von dem Adressaten abhing, daß er sich
etwa über denselben Vorgang dem ungestümen Landgrafen gegen-
über scheinbar unbesorgt aussprach, während er ihn gegenüber
irgend einem der sächsischen Stände selbst als Beweis für die Ge-
fahr der Lage benutzte*).
Immerhin wird man aber vielleicht aus den Aeußerungen des
Kurfürsten aus dem April bis Juni das Folgende über seine Auf-
fassungen und Stimmungen entnehmen können: Stets ist ihm die
Rüstung des Markgrafen Albrecht Alcibiades als besorgniserregend
erschienen. Eine dem Landgrafen zugegangene Nachricht, daß sie
für den Herzog von Preußen erfolge, erschien ihm ebensowenig
wie jenem wahrscheinlich, doch zog er bei dem Herzog Erkundi-
gungen ein*). Dessen Mitteilung, daß der Markgraf zwar dem
Kaiser einen Reiterdienst versprochen habe, aber von diesem Dienste
abstehen wolle, wenn er merke, daß Karl etwas gegen Gottes Wort
unternehmen wolle®), scheint auf Johann Friedrich Eindruck ge-
macht zu haben, während der Landgraf meinte, daß der Herzog
1) Man vergleiche etwa die Art, wie Johann Friedrich sich Aber die Adels-
veraammlung in Halle am 10. Juni gegen den Ldgfen. ausspricht (P. A. t$arhsen,
Emestinische Linie, 1546 Juni; Hasenclever legt viel Wert darauf), mit der
Behandlung derselben Sache in einem Brief an Wolf von Anhalt von demselben
Tage. (Reg. H. p. 676, No. 210, I, Konz.) Dort heiflt es, es würde ,verweislich
für ihre Majestät sein, wenn sie so direkt dem entg^en handelte, was sie in Halle
hätte erklären lassen'*, hier, es sei in Halle ja allerdings ein gnädiges Erbieten
durch die kaiserlichen Kommissare geschehen, aber er besorge doch, ,4nan werde
sich darauf nit aller Dinge zu verlassen haben, dann wie uns angelangt, auch ein
kundschaft über di ander zukombt, so sollen allerlei gewerbe von neuem wider-
umb für sein, weliche ein sorgliche ansehen und nachdenken haben“. Man ver-
gleiche auch Brief des Kf. an den Kg. von Dänemark vom 11. Juni über die
Verhandlungen des Kaisers mit dem Adel: die worte lauten friedlich, man mu£
sich aber doch allerlei befaren. (Reg. H. p. 669, No. 208, Konz.)
2) Der Markgf. an Kf., Hz. Moritz und Ldgf. April 23, Kf. an Moritz Mai I,
hL F. C. II, 576, 5. Ldgf. an Kf. Mai 3, Kf. an Ldgf. Mai 9, an Hz. von
Preußen Mai 9, Reg. H. p. 676, No. 210, II, Konz. Kf. an Ldgf. Mai 22, ebenda.
Ldgf. an Kf. Mai 20, übereinstimmend mit M. P. O. II, 601 f. Auch damals
nahm Philipp noch nicht an, daß die Werbungen des Markgrafen für den Kaiser
erfolgten.
3) Hz. Albrecht an Kf. Mai 27, Reg. J. p. 12, A, No. 5, Kopie.
Digitized by Google
Bund und Bdch: Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
461
leicht durch den Markgrafen „umgefOhrt“ werden könne Nicht
beweiskräftig erschienen dem Kurfürsten die Mitteilungen des
Campanns über die Pläne des Kaisers, weil er dem Berichterstatter
selbst nicht traute’). Nicht ganz genügend gewürdigt hat er wohl
auch die Umtriebe, die im Namen des Kaisers beim fränkischen
und thüringischen Adel erfolgten, doch war er stets der Meinung,
daß man diese Dinge im Auge behalten müsse”). Gegen Moritz
war Johann Friedrich schon zu einer Zeit mit Mißtrauen erfüllt,
wo der Landgraf jenen noch festhalten zu können glaubte*). Voll-
ständig überzeugt wurde er von der Gefahr der Lage aber doch
erst durch das Auftreten des Kaisers auf dem Reichstage.
Da es nicht ganz sicher ist, wie weit man aus einzelnen
Aeußerungen Johann Friedrichs auf seine jeweilige Stimmung
schließen kann, wird mau, um Klarheit über diese zu gewinnen,
auf seine Handlungen achten müssen. Man wird also vor allem
festzustellen haben, wie weit er Kriegsvorbereitungen getroffen
hat, wann er zu rüsten begann. Da sahen ivir schon, daß er
mit dem Frankfurter Vorschlag der Verwendung von 12000 11. für
Reiter völlig einverstanden war und daß er nach dem Fiankfurter
Tage an die Ausführung des Beschlossenen ging. Seine Opfer-
freudigkeit und seine Kriegsbefürchtungen gingen dabei allerdings
nicht so weit, daß er Lust gehabt hätte, das Geld für jene Reiter-
bestellung für andere Stände auszulegen. Er beschränkte sich
daher auf die Annahme von 400 statt 800 Reitern, für die das
vorhandene, vor allem aus seinem eigenen Anteil bestehende Geld
1) Ldgf. an Kf. Juni 17, Reg. H. p. 676, No. 210, I, Or. Vergl. jedoch KS.
an Beine Räte Juni 13, Reg. E. p. .59a, No. 123, Bl 226 ff. Danach traute Kf.
der Hache doch nicht ganz.
2) Lenz, II, S. 4a5. Kf. an Ldgf. Mai 22, Reg. H. p. 676, No. 210, II.
3) Brück schreibt Mai 6/7 und 8 sehr besorgt, besonders über die fränkischen
AdelsTersammlungen, Reg. H. p. 603, No. 194, BL 221—226. 227/228, ebenso noch
am 15. Mai, Loc. 9656 „Dr. Gregorii Brücken..., 1544/1545“, Bl. 111 ff., Or. Der
Ldgf. äuQert eich besonders am 17. Mai sehr bedenklich über den fränkischen
Adelstag. Der Kurfürst gestand io seiner Antwort vom 28. Mai zu, dafi die Sache
sehr gefährlich sei, knüpfte allerdings die Bemerkung an, daß er sich dessen vom
Kaiser nicht versehen wolle und außerdem auf die Hilfe Gottes hoffe. (Reg. J.
p. 617, AA, 1.) Man wird diesen verklausulierten Brief ebenso aufzufassen haben,
wie den schon erwähnten vom 10. Juni, in dem Johann Friedrich sich über den
Adelstag äußerte, der am 1. Juni in Halle stattgefunden hatte.
4) M. P. C. II, 605, Anm. 1.
Digitized by Google
462
Kapitel III.
reichte ‘). Als dann im Mai der Landgraf sich von der unmittelbar
bevorstehenden Gefahr überzeugte und nun riet, daß der Kur-
fürst, Moritz und er je 2000 fl. anwendeten, um die Reiter über
den 31. Mai hinaus, bis zu dem die Stände sie nur bewilligt hatten,
auf weitere 3 Monate zu unterhalten ’), ist der Kurfürst auch dazu
bereit gewesen, beschränkte sich allerdings auch jetzt auf die
weitere Unterhaltung jener schon bestellten 400 Reiter®). Auch
im Mai kam es wieder vor, daß er einem Hauptmann, der um
Urlaub bat, das Gesuch abschlug, da die Lage dazu zu gefähr-
lich sei*).
Alles das spricht dafür, daß Johann Friedrich nicht blind war
für die Verhältnisse, daß er nur aus den gleichen Ueberzeugungen
andere Folgerungen zog als der Landgraf, daß es weniger ein
Unterschied der Einsicht, als des Temperaments war, durch den
er von diesem abwich®). Vor allem kam es ihm eben auf volle
1) Kf. an Ldgf. Juni 11, Beg. H. p. 676, No. 210, I, Konz.
2) Zuerst am 20. Mai je 1000 fl. reep. 200 Pferde, M. P. C. II, 604 f. Dann
am 30. Mai Kf. und er je 2000 fl. reep. 400 Pferde, Reg. H. p. 676, No. 210, L
Lenz, HZ. 49, S. 388. Uebrigens befürchtete der Ldgf. zuerst nur ein Unter-
nehmen zu Gunsten dee Braunechweigers. Vergl. den Brief Philippe vom 30. MaL
3) Der Kf. sprach schon Mai 28 seine Zustimmung aus, Beg. J. p. 617, AA,
1; M. P. C. II, 605, 1. Seinen Räten befahl der Kf. schon am 22. Mai, dafür
einzutreten, dafi die Reiter noch einige Monate unterhalten würden. Beg. E. p. 59a,
No. 123, Bl. 150—153, Or. Bereitwilligkeit, 2000 fL auf 400 Pferde zu verwenden,
Juni 11 an Ldgf., Beg. H. p. 676, No. 210 I, Konz.
4) Kf. an JoL v. Viermund Mai 6, Beg. H. p. 669, No. 208: Dieweil aber
die zeit und leufte dieSer zeit ganz sorglich stehen und uns gutt ufsehens. Dich
auch und andere unsere bestelte riettmeister und diener an der hand und gewifl
zu haben, unser unvermaidliche nottnrft nach von nüten sein will etc.
5) Zum Bewebe dafür, daß der Kurfürst nicht so sorglos war, wie man zu-
weUen angenommen hat, führe ich noch eine Stelle aus einem Briefe an seine
Räte in Begensbiurg vom 2. Juni an (Beg. E. p. 59a, No. 123, Bl. 187 — 103):
,Dann nachdeme die zeit und leufte vast sorglich und geschwinde stehen, zu
deme das, wie die rolnischen rette berichtet, das urtel wider iren hem ergangen
und ein bebetlicher nuntius, nemlich Feraesius ufm wege sein solte, gein Begens-
burgk zu kommen und bei kais. M‘ (die zum executori gemelts nrtels verordent)
und den Stenden des reichs umb die ezecution anzuhalten, desgleichen das der
pfelzische canzler gein Begensburg vertreulich geschrieben, das in Italien auch
grosse bewerbungen und rustungen für sein, darzu das der babst der ende so
wol als kais. M< in den niderlanden gros gelt machen sollen, so wil die hohe und
unvermeidliche notturft erfordern, das man uf diesem teil etzlicher messen gefast
sei und im valh der nott . . so gar bloe nit befunden werde, und stellen in keineo
Digitized by Google
Bund und Reich; Die Jahre der Unsicherheit 1542 — 1546.
463
Klarheit an. Sobald er sie zn haben glaubte, begann er auch
sofort mit Eifer zu rüsten'). Gewiß war er schuld daran, daß
man so lange zögerte, die folgenden Ereignisse zeigten, daß es
nicht zu lange gewesen war. Denn nicht Mangel an Truppen oder
zn späte Rüstungen haben die Niederlage der Protestanten im
Schmalkaldischen Kriege verschuldet.
zweivel die stende werden (ca), do sie die sorge und fahr vermerken und derselboi
berichtet, zu der weitem beetellung der reuter auch gneigt srin und iree teils
doran nit lassen erwinden.“ Man könnt« auch darauf hinweisen, dafi die Witten-
berger Theologen, vor allem Melanchthon, Ende Mai imd Anfang Juni mit Gut-
achten über die Gegenwehr beschäftigt waren. VergL Christmann, 8. 51.
1) An Ldgf. Juni 25, 28, B^. J. p. 626, AA, No. 2, Konz.
Digitized by Google
Kapitel IV,
Das Verhältnis Johann Friedrichs zu den Albertinem
und zum Kurfürsten von Mainz.
Es gehörte zu den Eigentümlichkeiten Johann Friedrichs des
Großmütigen, daß er eine Verknüpfung verschiedener politischer
Aktionen, die ihn gleichzeitig beschäftigten, zu vermeiden suchte.
Man braucht nur etwa den Gang der Verhandlungen über die
lYage der Anerkennung der Wahl Ferdinands zu verfolgen, um
sich zu überzeugen, wie schwer es ihm wurde, diese Waffe zu be-
nutzen, um Zugeständnisse der Habsburger auf Gebieten, die nicht
im direktesten Zusammenhang mit ihr standen, zu erlangen, wie
fern ihm das, was man heute Kuhhandel nennt, lag. In ähnlicher
Weise pflegte er die Streitigkeiten, die er mit seinen Nachbarn um
Besitzrechte, Geleitsfnvgen u. a. hatte, streng von den Fragen der
großen Politik zu scheiden, und es wollte ihm nur schwer in den
Sinn, daß ein Mann wie Moritz diese Differenzen sogar über die
gemeinsamen Giaubensinteressen stellen könne.
Trotz alledem wird man die Möglichkeit nicht ganz ableugnen
können, daß auch Johann Friedrich stärker, als es ihm selbst zum
Bewußtsein kam, durch diese unerquicklichen und langwierigen
Zwistigkeiten beeinflußt worden ist, und daß z. B. seine entgegen-
kommende Haltung den Habsburgem gegenüber in den letzten
Jahren vor dem Schmalkaldischen Kriege doch auch mitherbei-
geführt worden ist durch den Wunsch, sie in dem Kampf um die
sächsischen Bistümer nicht zu Gegnern zu haben. Jedenfalls hat
das Verhältnis Johann Friedrichs zu seinen albertinischen Vettern
eine solche Rolle in seinem Leben gespielt und sein Geschick in
so verhängnisvoller Weise beeinflußt, daß es eine etwas eingehendere
Digitized by Google
Das Verhältnis Joh. Friedrichs zu den Älbertinem u. znm Kurf. t. Mainz. 465
Darstellung verdient Sie kann aber nicht gegeben werden, ohne
daü auch die Beziehungen des Kurfürsten zu Albrecht von Mainz
in seiner Eigenschaft als Erzbischof von Magdeburg mitberück-
sichtigt werden. —
Die langjährigen Streitigkeiten mit Herzog Georg, die die Re-
gierung Friedrichs des Weisen und Johanns des Beständigen durch-
zogen hatten, hatten ganz am Ende der Regierung Johanns am
17. Juli 1531 durch den Grimmaischen Machtspruch einen ge-
wissen Abschluß erhalten. Die Verhandlungen über seine Aus-
führung waren aber noch nicht beendet, als der alte Kurfürst
starb. Wenige Monate nach dem Regierungswechsel traten sowohl
die Albertinische Landschaft, wie Herzog Georg selbst an Johann
Friedrich heran, um ihn zur tatsächlichen Ausführung des Ver-
trages zu veranlassen’). Der Kurfürst war demgegenüber der
Meinung, daß der Machtspruch vielmehr vou Georg gebrochen
worden sei, und daß daher auch er nicht Sn ihn gebunden sei,
soweit er nicht schon bei Lebzeiten seines Vaters zur Ausführung
gekommen sei. Er beantragte, daß eine neue Entscheidung, eine
neue gütliche Verhandlung durch die von der Landschaft, die den
Machtspruch zustande gebracht hätten, stattfände. Georg dagegen,
der natürlich jede Schuld an der Nichtausführung des Grimmaischen
Vertrages ablehnte, wollte in engerem Anschluß an diesen nur zu-
gestehen, daß die dort vorgesehenen 12 Verordneten die be-
stehenden Differenzen entschieden ®). Nach längeren Debatten einigte
man sich einem Vorschlag des Ausschusses der Albertinischen Land-
schaft entsprechend mehr im Sinne des Kurfürsten dahin, daß die
Ansschüsse der beiderseitigen Landschaften, die bei der Grimma-
ischen Verhandlung tätig gewesen waren, die 32, zusammentreten,
und daß die beiden Fürsten vor dieser Versammlung ihre Sache
1) Lünig, Beichsarchiv, Para spec. Cont. II, S. 256 ff.
2) Der herzogl. Bachs. Ausschuß zu der Grimmaischen Handlung an den
kurfürstlich sächsischen 1532 Okt. 29, Reg. A. No. 247, Or.; Burkhardt,
Landtageakten I, No. 482. Gesandtschaft Georgs an den Kf. während des Jenaer
Landtages 1533 Jan. 7, R^. A. No. 248. Weitere Akten in No. 251 und in
Loc. 9812 „ergangene Schriften und Handlungen . . 1533 — 35“. Der kurfürstl.
Landschaftsausschuß an den herzoglichen Jan. 18, Reg. A. No. 248. Der Kf.
sowohl wie die Landschaft verwiesen auf eine von jenem geplante Gesandtschaft
an Georg.
3) Gesandtschaft des Kf. an Georg vom 19. März, dessen Antwort vom
25. März u. s. w. in Ix>c. 9812 a. a. O. und Reg. A. No. 248.
Beiträge lur neueren Geschichte Thüringens I, a. 30
Digitized by Google
466
Kapitel IV.
durch Bevollmächtigte führen lassen sollten ‘). In dieser Weise
hat man im August 1533 in Leipzig’) und im Oktober und No-
vember in Grimma®) getagt und schließlich den Vertrag vom
18. November zustande gebracht, durch den die noch vorhandenen
Zweifel gelöst und vor allem die schwierige Frage der geistlichen
Zinsen dahin entschieden wurde, daß sie trotz aller Gewissens-
bedenken, die das beiden Teilen erregte, in der alten W'eise weiter
gezahlt werden sollten^). Besonders der kurfürstliche Hofmeister
Hans von Minckwitz und der herzogliche Rat Georg von Karlowitz
sollen sich Verdienste um das Zustandekommen dieses Vertrages
erworben haben®).
Der Gegensatz, den diese nachbarlichen Gebrechen zwischen
den Vettern erzeugt hatten, war im Frühjahr 1533 stark verschärft
worden durch Luthers Brief an die von Georg verfolgten und be-
drückten Evangelischen in Leipzig und die scharfen Ausdrücke
gegen den Herzog, «deren er sich dabei bedient hatte®). Als
dieser sich darauf beschwerdeführend an den Kurfürsten gewandt
hatte, hatte dieser in einer Weise geantwortet, die es dem reiz-
baren alten HeiTn gegenüber im Tone gänzlich versah und den
Gegensatz nur steigern konnte ’). Der Herzog antwortete ziemlich
scharf®) und wurde, als Johann Friedrich seine Ermahnungen in
einem Briefe vom 11. Mai wiederholte, direkt grob®). Das gab
dann wieder dem Ernestiner Veranlassung zu einem warmen Be-
kenntnis zu Luther, aber auch zu dem ganz vernünftigen Vorschlag,
weitere Disputationen über diese religiösen Fragen lieber zu ver-
1) Akten in Reg. Ä. No. 249 und Loc. 9812 a. a. O.
2) Akten über die Verhandlungen vom Aug. 10 ff., Reg. A. No. 286. Ab-
schied bei Lünig, S. 260 f.
3) Reg. A. No. 250.
4) LOnig, S. 261 — 266.
5) Georg v. Karlowitz an Kf. 1535 Mai 3, Reg. N. No. 62, I, Hdbf. Hzin.
Elisabeth an Kf. 1536 Okt. 27, Loc. 8607, „Handschreiben der«: Kur- und
Fürsten . . .“, Bl. 112/113, Hdbf.
6) AprU 11. Enders, IX, S. 290f. Erl. 55, 7f.
7) Georg an Kf. April 30, Beidemann, Beiträge, I, S. 233. Kf. an Georg
Mai 3, Reg. N. No. 57, Konz. Vergl. Seckendorf, UI, S. 58 mit dem falschen
Datum April 26. Vor der Antwort des Kf. schrieb Georg am 2. Mai zum zweiten
Male. Seidemann, I, S. 234. Der Kf. antwortete darauf am 6. Mai, ebenda
S. 234 f., Konz, in Reg. N. No. 57, aus Weimar datiert, was auch richtig isL
8) Mai 8, R^. N. No. 57, Or. Inhalt bei Seckendorf, a a O.
9) Kf. an Georg Mai 11, Georg an Kf. Mai 18, Reg. N. ebenda
Digitized by Google
Das Verhältnis Joh. Friedricha zu den Albertinem u. zum Kurf. v. Mainz. 4^7
meiden*). Auch die Art und Weise, wie er am 12. Mai an Luther
schrieb, spricht dafür, daß er weiteren Streit zu verhüten wünschte ®).
Der Reformator ließ sich dadurch aber nicht davon abhalten, in
seiner „Verantwortung des aufgelegten Aufruhrs“®) doch wieder
einen sehr scharfen Ton gegen den Herzog anzuschlagen, so daß
dieser nun Luther durch eine feierliche Gesandtschaft beim Kur-
fürsten verklagen ließ*).
Demgegenüber hielt Johann Friedrich wieder treu zu dem Re-
formator und ließ vor der Gesandtschaft und seinem ganzen Hof-
staat ein feierliches Bekenntnis zu Luther und seiner Lehre ver-
lesen*). Dann aber wurde der Streit den Schiedsrichtern mit-
überwiesen, die über die nachbarlichen Gebrechen zu entscheiden
hatten. In dem Grimmaer Novembervertrage wurde dann auch
dieser Streit beigelegt, indem den Theologen verboten wurde,
weiterhin Anlaß zum Zank zu geben®).
Nachdem auch diese Angelegenheit erledigt war, war die Möglich-
keit eines freundschaftlichen Verhältnisses zwischen den beiden säch-
sischen Linien gegeben. Leider hatten sich die wettinischen Gebiete
nur etwa ein Jahr lang dieses glücklichen Zustandes zu erfreuen.
Es war eine Zeit, in der ein Besuch Johann Friedrichs am Dresdener
Hofe möglich war*), in der mancherlei gemeinsame Verwaltungs-
angelegenheiten geregelt oder wenigstens erörtert werden konnten *),
1) Mai 24. Kopie eines Teiles des Briefes in Reg. N. No. 57, des ganzen
in No. 57a. Das Konzept habe ich leider nicht finden können. Aktenst. No. 1.
2) Enders, IX, S. 209 f. Der Brief Georgs, den der Kf. zitiert, ist der
vom 8. Mai, statt „damit“ ist ZI. 21 zu lesen „dann“.
3) Erl. 31, 227. VergL Seidemann, I, S. 137.
4) Instruktion für die Gesandtschaft vom 1. Aug., R^. N. No. 57, Or.
5) In Altenburg Aug. 9/10. VergL Spalatin beiMencken, II, Sp. 2133.
Seckendorf, III, S. 59.
6) Seidemann, I, S. 141, fügt hinzu: „indem sie die Fürsten in ihre
Schriften mengten“. Tatsächlich wurden aber alle Schmähbücher und Schmäh-
briefe, auch gegen die Untertanen, und andere beschwerliche Handlungen verboten.
(Lünig, S. 266.)
7) Am 30. Januar 1534 erOffnete Georg einen eigenhändigen Briefwechsel
mit dem Kf., Reg. A. No. 252, Hdbf. Am 1. Februar kündigte dieser seinen
Besuch für den 5. an, ebenda, Konz. Dem Ldgf. schreibt er am 14., dafi er am
Donnerstag [den 12.] vom Hz. zurückgekommen sei, Loc. 8607 „Handschreiben
. . .“, Bl. 1^/128, eigenh. Konz. Vergl. auch Bucholtz, IX, S. 77 f. Der
eigenh. Briefwechsel ging noch fort.
8) Siehe Teil III Kapitel II.
30*
Digitized by Google
468
Kapitel lY.
in der Herzog Georg als Vermittler zwischen dem Kurfürsten und
König Ferdinand dienen konnte ^). Man hat den Eindruck, als sei
Johann Friedrich aufrichtig bemüht gewesen, diesen Zustand zu
verlängern. Schon gegen Ende des Jahres 1534 führte aber der
religiöse Gegensatz, verbunden mit der Verzwicktheit der terri-
torialen Verhältnisse, zu einem neuen Konflikt, der sich bei der
Hartköpfigkeit beider Fürsten schnell wieder zu außerordentlicher
Erbitterung steigerte. —
Die zwischen den beiden Linien geschlossenen Verträge ge-
währten den einzelnen Fürsten das Recht, von ihren Lehnsträgem
die Annahme ihrer Religion oder den Verkauf ihrer Güter zu ver-
langen. Bei denen, die von beiden Linien Güter zu Lehen trugen,
sollte für die Güter die Lage in dem einen oder dem anderen
Territorium maßgebend sein, für die Lehnsträger selbst, wenigstens
nach Ansicht Herzog Georgs, der Hauptsitz, die Lage des Haupt-
gutes. Er wollte niemand, dessen Vorfahren mit ihrem Hauptsitze
unter ihm gesessen hatten, belehnen, noch in seinem Fürstentum
leiden, wenn der Betreffende sich nicht persönlich nach christlicher,
d. h. der bisher üblichen Kirchenordnung hielte. So glaubte er es nicht
dulden zu können, daß die Gebrüder v. Hopfgarten sich damit
begnügten, auf ihren im Herzogtum gelegenen Gütern die alte
Lehre beizubehalten, ihrerseits aber im Gebiete des Kurfürsten
ihren Wohnsitz nahmen und pei-sönlich der neuen Lehre sich an-
schlossen. Er meinte ihnen vielmehr daraufhin ihre Lehen vor-
enthalten zu müssen®). In ähnlicher Weise ging er gegen Georg
Spiegel und Antonius v. Schönberg vor. Sie alle wandten sich
darauf beschwerdeführend und ratsuchend an den Kurfürsten, der
sofort bereit war, sich ihrer Sache anzunehmen, und ihnen z. B.
die Erklärung, die sie dem Herzog geben sollten, aufsetzen ließ’).
Er ging dabei von der Ueberzeugung aus, daß das Verfahren des
Herzogs dem Machtspruch widerspräche und daß nur der Wohn-
sitz für das Bekenntnis der Adligen maßgebend sein dürfe. Der
Wunsch, trotz des damit wieder aufsteigenden Gewitters doch noch
eine Katastrophe zu vermeiden, war es, der den Kurfürsten ver-
anlaßte, sich nun aber nicht sofort an Georg zu wenden, sondern
1) Siehe Kapitel I, S. 33 ff.
2) Seidemann, I, S. 151. Kopien der seit August 1534 in der Ange-
l^enheit ergangenen Briefe in Keg. N. No. 64.
3) Ebenda.
Digitized by Google
Dag Verhältnü Job. Friedrichg zn den Albertinern n. znm Kurf. v. Mainz. 469
entsprechend einer früheren Verabredung zwischen Hans \. Minck-
witz und den herzoglichen Räten G. v. Karlowitz und Pistoris
zunächst an diese heranzutreten*). Sie stellten sich aber durchaus
auf den herzoglichen Standpunkt*). Der Kurfürst ließ sich aber
dadurch von seiner Auffassung nicht abbringen, er versuchte gegen
Ende des Jahres noch durch Herzog Johann, Georgs Sohn, und
seine Gemahlin Elisabeth eine Einwirkung auf den alten Herrn
auszuüben ®), und da auch diese versagten, blieb ihm nichts anderes
übrig, als am 8. Januar 1535 schließlich doch an Herzog Georg
direkt zu schreiben*).
Schwerlich würde diese Hopfgaitensche Sache nun aber so
viel böses Blut gemacht haben, wie tatsächlich geschehen ist,
wenn sie sich nicht mit einem anderen höchst bedenklichen Kon-
flikt verquickt hätte, zu dem wieder Luther, diesmal allerdings un-
schuldigerweise, den Anstoß gegen hatte.
Es war durch Verschulden der Herzogin Elisabeth von Braun-
schweig das Gerücht entstanden und an den Dresdner Hof ge-
drungen, daß Luther am 1. November seine Gemeinde zu einem
Gebet gegen Herzog Georg aufgefordert habe®). Dessen Sohn
Johann und seine Gemahlin Elisabeth beschwerten sich darauf bei
Johann Fiiedrich*). Dieser war zwar der Meinung, daß es rat-
samer sei, sich um solche Uebergrilfe der beiderseitigen Prediger,
die sich nie ganz vermeiden ließen, nicht zu kümmern, erklärte
sich aber doch bereit, Luther um Auskunft zu bitten *). Er tat
das durch Brief vom 21. Dezember und veranlaßte auch Brück,
dem Reformator zu schreiben. Besonders aus dem Briefe Brücks
1) Sept. 30, Or. in Loc. P812 „Eixangene Schriften . . . 1533 — 35“, Bl. 70/71.
Betraf zunächst nnr Spiegel und Schönberg.
2) Pistoris an Kf. Okt. 5, Kf. an Karlowitz und Pistoris Okt. 12, Karlowitz
und Pistoris an Kf. Okt. 18, Keg. N. No. 63, II. Der Kf. ließ die Schönbergsche
Sache fallen, aber in der Spiegelschen und Hopfgartenscheu blieb er fest.
3) Kf. an Hz. Johann, an Elisabeth Dez. 25, Reg. N. No. 62. Seide-
mann, I, S. 151.
4) Or. Loc. 9812 a. a. O. Seidemann, I, S. 152, irrtümlich auf den 15.
datiert.
5) Seidemann, I, S. 149f.
6) Dez. 15, Reg. N. No. 60. Seidemann, I, S. 150. Seckendorf, III,
S. 90 f.
7) Kf. an Joh. Dez. 20, an EUisabeth von dems. Tage, Reg. N. No. 60, Konz.
Das an Elisabeth eigenh. und Abschrift davon. Aktenst. No. 4. Vergl. Enders,
X, S. 103, Anm. 1.
Digitized by Google
470
Kapitel IV.
geht hervor, daß man die Sache am Hofe durchaus nicht für un-
wahrscheinlich hielt. Man forderte daher Luther auf, die Berech-
tigung seines Vorgehens nachzuweisen und außerdem zur Abwehr
aus den Schriften des Cochläus ähnliche .4eußerungen gegen den
Kurfürsten zusammenstellen zu lassen *). Tatsächlich lag die Sache
aber wohl so, daß Luther in seinem Gebet nur den Kurfürsten von
Mainz genannt hatte, nachher bei Tisch in Gegenwart der Herzogin
Elisabeth sich aber so scharf auch über den Herzog geäußert
hatte, daß diese dadurch zu ihrem Mißverständnis veranlaßt worden
war. Es war nicht gerade sehr verheißungsvoll, daß Luther an
diese Aufklärung die Bemerkung knüpfte, daß er das Gebet gegen
den Herzog künftig noch nachholen werde*).
Der Kurfürst wird schwerlich sehr befriedigt von dieser
Erklärung gewesen sein, und richtete, als er am 29. Dezember
von Karlowitz erfuhr, daß man dem alten Herzog die Sache wieder
aus dem Sinn geredet habe, die Bitte an Luther, den Herzog lieber
künftig nicht mehr bei Namen zu nennen, damit der äußerliche
Friede mit ihm erhalten bleibe, in bezug auf sein Vorgehen
gegen die herzoglichen Theologen w'olle er ihm ja keinerlei Maß
setzen *).
So schien es zunächst, als ob es noch gelingen werde, diese
Ursache zum Konflikt zu beseitigen, im Laufe des Januar hat
aber Georg doch die Frage des Lutherschen Gebetes hinein-
gezogen in den eiregten Briefwechsel, in den er wegen der Hopf-
gartenschen Sache mit dem Kurfürsten geraten war. Dieser hatte
sich, wie gesagt, am 8. Januar wegen dieser Angelegenheit direkt
an den Herzog gewandt und vorgeschlagen, sie durch Zusaramen-
schickung der Räte entscheiden, vorläufig aber die Hopfgarten un-
gestört in ihrem Besitze bleiben zu lassen. Er hatte dabei mit
Gegenmaßregeln, d. h. mit entsprechendem Vorgehen gegen Lehns-
leute des Herzogs gedroht, wenn dieser irgendetwas gegen die
seinigen unternehme *).
1) Kf. an Luther Dez. 21, Reg. N. No. 60, Konz. Aktenst No, 5. Brück
an Luther Dez. 21, Enders, X, S. 101 ff.
2) Luther an Kf. Dez. 23, Enders, X, S. 104; £>1. 55, 78 ff.; an Brück
Dez. 23, Enders, X, S. 104 f.; Erl. 55, 8. 80f. Originale in Reg. N. Na 60.
3) Dez. 30, Enders, X, 8. llOf., Konz. Reg. N. No. 60.
4) Loa 9812 „Ergangene Schriften ... 1533 —35“, Or. 8eidemann, I,
8. 152.
Digitized by Google
Das Verhältnis Job. Friedrichs zu den Älbertinem u. zum Kurf. v. Mainz. 471
Es fiel Georg nicht ein, sich durch diese Vorschläge beeinfiussen
zu lassen. Am 31. Januar ergingen die Befehle, die die Hopfgarten
ihrer Güter entsetzten ‘), was dann bewirkte, daß der Kurfürst im
März zur „Gegenschanze“ den Georg v. Harras der seinen be-
raubte ’), ferner brachte dann der Herzog in dem Briefwechsel mit
dem Kurfürsten, der sich an dessen Brief vom 8. Januar ange-
schlossen hatte, seit dem 23. Januar die Frage des Lutherschen
Gebets mit vor*). Dabei stellte sich auch in dieser Frage bald
ein Gegensatz der Meinungen heraus, indem Johann Friedrich er-
klärte, erst dann etwas gegen Luther tun zu können, wenn dieser
„überwiesen“ sei, während Georg jede Verpfiichtung zum Beweis
seiner Behauptung ablehnte*). Das Resultat der Korre.spondenz
der beiden Fürsten war schließlich, daß beide Streitfälle vor die
zwölf im Machtspruch vorgesehenen Schiedsrichter aus der Zahl der
beiderseitigen Räte gebracht wurden, doch wurde der Beginn der
Verhandlungen auf Georgs Wunsch bis zum 28. April verschoben.
Vor den Zwölfen, die während der Verhandlungen von aUen Pfiichten
gegen ihre Herrn losgesprochen waren“), hatten nun beiderseitige
Anwälte die Sache der beiden Fürsten zu führen. Von kurfürst-
licher Seite wurden Wolf v. Weißenbach, Brück und Sindringer
dazu ausgewählt. Ihre Instruktion befahl ihnen, nicht die Klage
der Gegner abzuwarten, sondern sie von kurfürstlicher Seite in
der Hopfgartenschen Sache einzureichen. Der Kurfürst gab ferner
an, in welcher Weise er diese Sache erledigt zu haben wünschte.
Seine Vorschläge liefen darauf hinaus, daß ausschließlich der Wohn-
sitz für die Konfession eines Belehnten maßgebend sein solle, und
daß er mit Gütern im Gebiet des anderen Teiles trotz der Ver-
schiedenheit der Religion belehnt werden müsse, wenn er nur
auf diesen Gütern keine Abweichungen vom Landesgebrauch vor-
nähme. Johann Friedlich wünschte schließlich noch, daß eine Er-
kläning der Zwölf darüber herbeigeführt werde, daß er in solchen
FäUen wie dem Lutherschen nicht zum Einschreiten gezwungen
1) Reg. N. No. 64, Bl. 18f., Kopie.
2) Ebenda Bl. 22-28.
3) Reg. N. No. 62.
4) Kf. an Georg 1535 Jan. 27, Georg an Kf. Jan. 31, ebenda.
5) Der Kf. ernannte seine Sechs am 3. April, Reg. N. No. 62; Reg. A.
No. 253.
Digitized by Google
472 Kapitel IV.
sei, sondern daB erst der Herzog sich über die Sache erkundigen
müsse ^).
Natürlich war nicht daran zu denken, daß die Streitfälle so
einfach zu Gunsten des Kurfürsten erledigt würden. Langwierige
Verhandlungen fanden statt*). Sie ließen bald das Zustande-
kommen eines gütlichen Vergleiches unwahrscheinlich erscheinen *),
und nachdem ein Versuch Georgs v. Karlowitz, durch einen
direkten Brief an den Kurfürsten einen friedlichen Ausweg
herbeizuführen ^), an dessen Mißtrauen gescheitert war®), schien
nur der von diesem stets vertretene Weg einer rechtlichen Ent-
scheidung durch die Zwölf übrig zu bleiben. Gerade ihn aber
fürchteten diese wegen der notwendig damit verbundenen Erbitte-
rung. Sie haben daher in dem Abschied vom 8. Mai doch noch
den Versuch gemacht, die Differenzen gütlich beizulegen. Die
Hopfgarten sollten danach den Herzog bitten, ihnen zu verzeihen
und die Lehnsgüter gegen die hergebrachte Gehorsamsverpflichtung
zu erteilen«). Beide Teile sollten sich künftig der Untertanen des
anderen Teiles nicht annehmen, es sei denn, daß die Untertanen
unter beiden Herren Ansitze hätten. Den Gelehrten und Predigern
sollte befohlen werden, sich der Schmähschriften und Reden gegen
den anderen Teil zu enthalten’).
Der Kurfürst sah mit Recht in diesen außerordentlich unbe-
stimmten Festsetzungen keine Lösung der Frage, meinte vor allem,
daß durch sie keine Sicherheit gegen künftige Irrungen gegeben
sei. Daher konnte er sich nicht entschließen, wie die Nieder-
gesetzten wünschten, dem Herzog bis zum 29. Mai die Annahme
dieses Vertrages mitzuteilen, hielt vielmehr für besser, die Ent-
scheidung einem neuen Tag zu überlassen, den die Zwölf für den
1) April 26, Eeg. N. No. 62, Or.
2) Sie finden sich in Loc. 8786 „den Tag za Leipzig 1535 belangend“ und
in Reg. N. No. 64, Bl. 73 ff.
3) Brück an Kf., Zettel o. D., Reg. N. No. 63, I. Die Räte an Kf. Mai 2,
Reg. N. No. 62.
4) Danach sollten sich die Untertanen in einem solchen Fall wie dem Hopf*
gartenschen mit ihrer Klage an die herzogliche Landschaft and nicht an Kf.
wenden. (Mai 3, Reg. N. No. 62, I, Hdbf.)
5) Kf. an Karlowitz Mai 4, ebenda, Konz.; an Brück Mai 4, ebenda.
6) Sie sollten sich erbieten, „die gewonliche lehenspfhcht, wie vor alters ber-
kommen and utgen gehorsam zu leisten“.
7) Reg. N. No. 62, II, Kopie. Seidemann, I, S. 153.
Digitized by Google
Das Verhältnis Joh. Friedrichs zu den Albertinem u. zum Kurf. v. Mainz. 473
20. Juni in Aussicht genommen hatten für den Fall, daß die Fürsten
ihren Vorschlag nicht annähmen ^).
Georg hatte allerdings am 26. Mai seine Zustimmung zu dem
Abschied vom 8. Mai ausgesprochen, aber in einer Form, die den
Kurfürsten kränken mußte. Zunächst legte er sich darin den Satz
über die Untertanen in bezug auf die Hopfgartensche Sache durch-
aus zu seinen Gunsten aus, ferner verband er die Annahme des
Satzes über die Prediger mit herabsetzenden Worten gegen Luther’).
Diese Glossierung des Vertrages bestärkte den Kurfürsten nur in
dessen Ablehnung. Er schlug dann aber bei der Verteidigung
Luthers auch seinerseits wieder einen sehr scharfen Ton an, ja er
ließ sich zu der Aeußerung hinreißen, daß das angebliche Gebet
Luthers am Ende eine Erfindung des Herzogs sei*). Georg hat
eine Erwiderung dieses Hiebes lieber vermieden, aber auch die
vom Kurfürsten gewünschte weitere Erörterung der Sache durch
die Zwölf hielt er für aussichtslos. Er erklärte diesen, daß er sich
jetzt an seine Freunde und an die Untertanen, d. h. die Landschaft
wenden werde, und kündigte den auf den 20. Juni angesetzten
Rechtstermin auf<).
Der damit eingetretene Bruch rief bei den Niedergesetzten
große Erregung hervor, und wir finden sie in der nächsten Zeit
bemüht, doch noch irgend welche Verhandlungen zu ermöglichen*).
Johann Friedrich legte sich natürlich zu seinen Gunsten aus, daß
Georg die Sache nicht der Entscheidung der Zwölf zu überlassen
1) Kf. an Georg Mai 26, Reg. N. No. 62, II, Konz., in keiner Weise ver-
letzend.
2) Mai 26, ebenda, Or.: weil wir uns vor seinem verdamplichen schmehe-
lichen gebet und unwarheit gleich als wenigk entsetzen, als das wir uns seiner
vorbitt und lobes viel wüsten zu trösten.
3) Kf. an Georg Mai 30, Reg. N. No. 62, II, Konz., in Reg. Ä. No. 2ö7c
ein eigenh. Konz. Nach der Steile über Luther bei K o 1 d e , II, S. 405, heiüt es weiter,
da der Hz. immer wieder auf das angebliche Gebet Luthers zurückkomme, so
„müssen wir es dafür achten, bis E. L. dasselbe, wie sich gebürt, nochmals er-
weisen, das E. L. solchs durch diejhenigen, welche E. L. und uns nicht gerne in
freundlichen willen sehen, sundem denselben zu verhindern eich stehets bevleissigen,
mit ungrund wirdet bericht oder von E. L. selbst erfunden sein, damit je E. L.
Ursachen haben, iren mnt zu khulen und sich mit uns in unnotturftiger imd alder
Weiber zank zu erregnng nnfrundlichs gemuts und willens einzulegen“.
4) Juni 11, Reg. N. No. 62, II, Or. Seidemann, I, 8. 154. Auch in diesem
Brief scharfe Ausfälle g%en Luther.
5) R^. N. No. 64, Bl. 204 ff.
Digitized by Google
474
Kapitel IV.
wagte’). Gegenüber den Anschuldigungen, die in dem Brief des
Herzogs an die Niedergesetzten enthalten waren, legte er seinen
Standpunkt in einer wahrscheinlich unter Mitwirkung Brücks ent-
standenen Denkschrift ausführlich dar*).
Diese Schrift veranlaßte die sechs kurfürstlichen Nieder-
gesetzten, die herzoglichen um eine erneute Zusammenkunft zu
bitten. Diese gingen zwar darauf ein, und man kam dann auch
am 28. Juli in Leipzig zusammen, wagte aber, da nicht alle er-
schienen waren, nichts zu beschließen. Erst ein neuer Tag, der
am 5. und 6. September in Grimma stattfand, führte dem Wunsche
des Kurfürsten entsprechend zur Ansetzung eines „endlichen und
peremptorischen“ Gerichtstages auf den 2. Oktober nach Leipzig.
Beide Parteien wurden an%efordert, durch ihre Anwälte zu er-
scheinen*). Der Kurfürst ließ sich auf diesem Tage durch den
Hofmeister Christoph Groß, Dr. Hieronymus Schürf und Dr. Bleikart
Sindringer vertreten. Aber auch jetzt kam es noch nicht zu der
rechtlichen Entscheidung. Die Niedergesetzten zogen es vor, noch
einmal einen Versuch zu gütlicher Beilegung zu machen. Sie ver-
schoben daher den Rechtstag auf den 7. Oktober und sandten den
beiden Fürsten noch einmal Ausgleichsvorschläge zu. Diese stimmen
in der Lehnsfrage fast genau mit dem Nauniburger Vertrage von
1536 überein, indem sie Verkauf der Güter oder ihre Besetzung mit
einem rittermäßigen Mann anordnen. In der Sache Luthers sollte
sich Georg mit der wiederholten Erklärung des Kurfürsten zufrieden
geben, daß Luther der ihm schuldgegebenen Worte nicht geständig
sei ’).
Diese Vorschläge fanden nun aber auf keiner Seite volle Zu-
stimmung. Dei- Kurfürst erklärte sich zwar im allgemeinen ein-
verstanden, machte in der Lehnsfrage aber einige Zusätze, durch
die die Artikel ganz der späteren Naumburger Entscheidung gleich-
lautend wurden. Ferner verlangte er die Aufnahme eines Para-
graphen, wonach der unfreundliche Wille zwischen ihm und Georg
1) An Brück Juni 15, Reg. N. No. t>2, II, eigenb. Konz. Der Brief zeigt,
daß der Kf. für ratsam hielt, daß Luther selbst sich den Niedergesetzten gegen-
über rechtfertige, damit er bei der Sache aus dem Spiele käme.
2) Juli 4, Reg. N. No. 62, II, Or.
2) Dies alles nach Reg. N. No. 64, BI. 229 ff.
4) Ebenda BI. 249 ff.
Digitized by Google
Das Verhältnis Job. Friedrichs za den Albertinem u. zum Kurf. v. Mainz. 475
aufgehoben sein sollte ‘). Der Herzog dagegen war bereit, die
Vorschläge anzunehmen, wollte sich dabei aber die weitere Ver-
folgung der Frage des Lutherschen Gebets Vorbehalten, für das er
als Zeugen jetzt Johann Spiegel und Hans Wilhelm v. Weißenbach
anführte, die damals in Diensten Herzog Erichs von Braunschweig
waren, und andere angesehene Personen, „die in auch solch s un-
christlichen gepetts halben angeredt, die angezogene beneunung
unserer person von Lutter gehört“. Ferner nahm er an, daß in
dem Vertrag die Beleidigung, die sich der Kurfürst gegen ihn hatte
zu schulden kommen lassen, nicht erwähnt sei, hatte aber nichts
dagegen, daß die Zwölf über diesen Punkt ein rechtliches Erkennt-
nis fällten*).
Die Zwölf faßten diese Antworten als Ablehnungen ihrer güt-
lichen Vorschläge auf und fällten nun am 7. Oktober das Urteil, daß
beide Fürsten einer dem anderen auf die erhobene Anklage vor
ihnen zu antworten hätten ®).
Herzog Georg lehnte aber durch Brief vom 11. Oktober diese
rechtliche Erörterung ab, da erst die Beleidigungen (.A.ttentata) be-
seitigt sein müßten, die der Kurfürst sich gegen ihn erlaubt habe‘).
Da sich die kurfürstlichen Niedergesetzten gerade auf dem Wege
nach Wien befanden, mußte man die Verhandlungen darüber dann
aber verschieben. Erst am 20. Dezember konnten sie in Grimma be-
ginnen. Unter dem Eindruck neuer Briefe beider Fürsten beschlossen
die Zwölf, einen Rechtstag auf den 4. Februar 1536 anzusetzen,
wobei nicht klar zum Ausdruck kam, ob dort zunächst die Atten-
tata erledigt werden sollten. Man wollte wohl alles vereinigen*).
Dieser Tag hat in Leipzig stattgefuuden. Da wegen der
Attentats kein Teil dem anderen auf die Hauptsachen antwortete,
kam es zu dem Abschied und der Sendung an beide Fürsten
vom 6. Februar. Zu jedem begaben sich sechs der Nieder-
gesetzten und schlugen vor, daß die aus den Schriften entstandenen
Irrungen durch den landständischen Ausschuß der 32 „mächtiglich“
entschieden werden sollten. Für die Hauptklagen empfahlen sie noch
1) Kf. an die Niedergeeetzten Okt. 5 und mündlicher Vortrag des Kaspar
V. Minckwitz mit den verbesserten Vorschlägen, ebenda BI. 251 ff.
2) Ebenda Bl. 253b ff. (Okt. 4).
3) Ebenda Bl. 255.
4) Bl. 255 ff.
5) Die Niedergesetzten an die beiden Fürsten Dez. 22, Bl. 264 f.
Digitized by Google
476
Kapitel IV.
einmal die Annahme ihrer Leipziger Oktoberartikel. Sollten die
Fürsten oder einer von ihnen auf diese Vorschläge nicht eingehen,
so baten sie um Erstreckung der Instanz, d. h. der Zeit, innerhalb
deren ein solcher Streit nach dem Machtspruch entschieden sein
mußte, bis Michaelis, wollten auf jeden Fall aber am 12. März in
Grimma zu weiterer Beratung Zusammenkommen. Dort sollten
dann eventuell auch die 32 sich einfinden*).
Gegen diese Vorschläge hatten zwar beide Fürsten Bedenken,
besonders Georg hätte rechtliche Entscheidung der Attentata durch
die Zwölf lieber gesehen, und Johann Friedrich machte darauf auf-
merksam, daß manche von den 32 gestorben seien. Schließlich
acceptierten aber doch beide den Vorschlag, daß die Zwölf ihrerseits
20 weitere Personen aus der Landschaft zuzögen und daß die In-
stanz bei Michaelis erstreckt würde. Am 12. März sollten die 32
in Leipzig zusammentreten, beide Fürsten sich in die Nähe begeben ’).
Das geschah. Das Resultat der Beratung der 32 war, daß sie
sich in corpore erst zum Kurfürsten, dann zum Herzog begaben,
ihnen erklärten, daß sie beide in einigen Punkten zu weit gegangen
seien, und sie baten, künftig dergleichen zu vermeiden, für jetzt
aber den Unwillen gegeneinander fallen zu lassen. Durch Briefe,
die beide miteinander wechseln sollten, sollte das zum Ausdruck
gebracht werden. Künftig sollten sie in Religionssachen lieber
immer die Räte schreiben lassen. Die 32 stellten in Aussicht, nach
Erledigung dieser Sache die Hauptsache, die Frage der Auslegung
des Machtspruchs, vorzunehmen; würde dagegen auf diesem Wege
nichts erreicht, so müßte die Sache an die Landschaft oder an die
erbverbrüderten Fürsten gebracht werden*).
Obgleich Johann Friedrich an diesen Vorschlägen mancherlei
auszusetzen hatte, gab er doch am 17. März seine Zustimmung
dazu, daß die Frage in dieser Weise beigelegt würde, nur im Falle
einer rechtlichen Entscheidung wünschte er, daß sie nicht durch
die Landschaft oder die Erbverbrüderten, sondern dem Machtspruch
gemäß durch die Zwölf erfolge *). Auch Georg war bereit, auf den
Vorschlag der 32 einzugehen, vorausgesetzt, daß sie ihn in dem
Schriftenstreit mit dem Kurfürsten für unschuldig erklärten. Darauf
1) Bl. 267 ff.
2) Bl. 271 ff.
3) R«g. N. No. 62, IV.
4) Antwort des Kf. ebenda.
Digitized by Google
Das Verhältnis Joh. Friedrichs za den Älbertinem u. zum Kurf. v. Mainz. 477
gaben 27 von jenen eine Erklärung ab, daß sie sowohl ihn wie
den Kurfürsten für entschuldigt hielten, während 5 der kurfürst-
lichen Niedergesetzten sich von dieser Erklärung ausschlossen,
lieber diese äußerte sich der Herzog dann zwar sehr scharf, gab
sich aber im übrigen zufrieden, ließ auch das gewünschte Schreiben
an den Kurfürsten ergehen, um dadurch die Korrespondenz wieder
aufzunehmen *).
Inzwischen hatte nun aber Johann Friedrich von jener Spaltung
der 32 gehört, er fürchtete, durch die dem Herzog gegebene Er-
klärung in Nachteil zu geraten, besonders sich in religiöser Be-
ziehung etwas zu vergeben, wenn er dies Verfahren ruhig hin-
gehen ließe*). Er bemühte sich, die 32 noch zusammenzuhalten
zu weiteren Erörterungen. Das gelang nicht. Die anderen suchten
ihn zu beruhigen, besonders indem sie darauf hinwiesen, daß von
der Religion in der Erklärung der 27 ja gar nicht die Rede sei.
Der Kurfürst gab sich damit schließlich zufrieden und wollte nun
seinerseits das Zuschreiben an Georg ergehen lassen. Inzwischen
hatte dieser aber die Geduld verloren, fühlte sich durch den Brief
des Kurfürsten an die Niedergesetzten auch von neuem gekränkt
und brach alle Verhandlungen ab®).
Die Schuld an diesem Ausgang wird man jedenfalls nicht ein-
seitig dem Kurfürsten zuschreiben dürfen, er hat sich bei den
Märzverhandlungen ganz korrekt benommen, die Beleidigungen, die
er Georg zugefügt hatte, waren allerdings größer, als die, die jener
sich gegen ihn hatte zu Schulden kommen lassen.
Der Kurfürst hielt für nicht ganz unmöglich, daß Georg nun
zu Gewaltmaßregeln greifen würde, jedenfalls schien es ihm ratsam,
sich die Hilfe des Bundes zu sichern. .\uf dem Frankfurter
Bundestage haben die kursächsischen Gesandten in allererster Linie
für diese Frage arbeiten müssen. Die Antwort der Stände lautete
recht günstig, doch empfahlen sie, zunächst die Vermittlung des Land-
grafen anzunehmen ‘). An diesen war nämlich die herzoglich säch-
1) Ueber die Verhandlungen mit Georg unterrichten uns ein „Summarie
bericht“ über die Verhandlungen von Hans v. Weißenbach, Hans Metzsch und
Kaspar v. Minckwitz an Joh. Friedrich vom 28. März, Reg. N. No. 62, IV am
Ende und Beilagen dazu in dems. ßde.
2) Eigenh. Aufzeichnung des Kf. über die Sache ca. März 21, E^. N. No. 62, III.
3) Alles nach Reg. N. No. 62, IV. Abschriften auch in Reg. N. 64.
4) P. C. II, 356. 365. Brück an Kf. April 13, Loc. 9650 „des Kf. zu
Sachsen nnd Dr. Gr^orii Brücken . . .“, 1537, Or. Instruktion imd Beiinstruktion
Digitized by Google
478
Kapitel lY.
sische Landschaft herangetreten, und auch Philipp war der Meinung,
daß seine Vermittlung der beste Ausweg sein würde. Durch Otto
Hund machte er dem Kurfürsten von dem Antrag Mitteilung,
bot seine Vemittlung an und schlug den 29. Mai als Verhand-
lungstag vor 1). Johann Friedrich äußerte sich darauf nicht gerade
sehr entgegenkommend, nahm aber schließlich doch den Vorschlag
an*), so daß Ende Mai der Tag in Naumburg zusammentreten
konnte. Der Landgraf entfaltete eine sehr eifrige Tätigkeit, schrieb
viel und reiste zwischen Naumburg, wo der Kurfürst weilte, und
Weißenfels, wo der Herzog sich aufhielt, hin und her®). Am
1. Juni schlossen die 5 Niedergesetzten sich der Erklärung der 27
an, nachdem diese versichert hatten, daß ihre Entschuldigung sich
nicht auf die Keligion beziehe noch auf die Sachen, die sich in
die Religion ziehen ließen*). .\m 3. Juni wurde dann alles durch
einen Vertrag des Landgrafen mit den beiden Parteien beigelegt,
im wesentlichen indem das schon früher von den Niedergesetzten
Vorgeschlageue wiederholt wurde. Man nahm also in der Frage
der Lehnsgüter und Luthers deren Vorschläge von Oktober an mit
den Zusätzen, die der Kurfürst damals dazu gemacht hatte. Die
gegenseitigen Beleidigungen wurden ungefölir in der Weise auf-
gehoben, wie man im März geplant hatte. In Keligionssachen
sollten künftig immer je zwei Räte zu Verhandlungen entsandt
werden. Neu war auch noch, daß die Zwölf das Recht erhielten,
im Falle künftiger Gebrechen die Instanz auf 2 Jahre zu er-
strecken®). —
Wieder einmal schien nun jeder Grund zum Streite beseitigt
und die Möglichkeit zu friedlichem Verkehr gegeben. Es läßt sich
jedoch nichts davon bemerken, daß man geneigt gewesen wäre, diesen
mit solcher Wärme aufzunehmen, wie das im Jahre 1534 geschehen
war, auch gab es noch in demselben Jahre mancherlei kleine
für die Ges. in Frankfurt AprU 15, Reg. H. p. 106, No. 47, auch Reg. N. No. 64.
Bl. 340 ff. Kf. an die Ges. April 22, Reg. N. No. 62, III, Or.
1) Instruktion des Ldgf. für Frankfurt April 22, P. A. No. 439, Konz.
Instruktion für Hund April 14, R^. A. No. 254, Kopie. Ldgf. an Kf. April 21,
Reg. N. No. 62, III, Or.
2) Antwort des Kf. an Hund April 30, P. A. Sachsen, Emestin. Linie, 1536,
Or., in Reg. N. No. 64 eine Kopie.
3) Akten in Reg. N. No. 62, IV, und in P. A. Sachsen, Ernestin. Linie, 1536.
4) Reg. N. ebenda.
5) Lünig, Reichsarchiv, Pars spec. oontin. II, S. 267 f.
Digitized by Google
Das Verhältnis Job. Friedrichs zu den Albertinem u. zum Kurf. v. Mainz. 479
Reibungen, die zur größten Vorsicht nötigten. Da veranlaßte Packs
Gefangennehmung den Herzog zu verfänglichen Fragen über diese
Angelegenheit'), da ließ der Kurfürst den Erfurter Syndikus
Dr. Wolfgang Blick wegen Schmähreden verhaften, ohne zu ahnen,
daß er ein Untertan Georgs sei, und versetzte diesen dadurch in
die größte Erregung*) u. dgl. m. Wohl machten dann die Herzogin
Elisabeth und Georg v. Karlowitz einen Versuch, durch eine Zu-
sammeukunft mit Hans v. Ponikau und Kaspar v. Minckwitz
unter Fernhaltung der Juristen ein ebenso gutes Verhältnis, wie
1533/34, eine wirklich vollständige Versöhnung herbeizuführen,
Johann Friedrich verdarb aber den Plan. Mit der Beilegung der
noch bestehenden Differenzen durch gütliche Verhandlungen war
er wohl einverstanden, verlangte aber, daß dabei Juristen zugezogen
würden, wollte sich auch die Ausschließung Brücks nur ungern ge-
fallen lassen®).
In den Erörterungen der Herzogin Elisabeth spielt schon die
Sendung des jungen Predigers Schenk nach Freiberg eine Rolle.
Herzog Georg wai- der Meinung, daß der Kurfürst dadurch Un-
einigkeit zwischen ihm und seinem Bruder und Neffen säen wolle*).
Das war ja nun allerdings nicht das Motiv des Kurfürsten, sein
Interesse für die Reformation in Fieiberg, seine engen Beziehungen
zu dem dortigen Herzogspaar wurden aber natürlich eine neue
Ursache zu Differenzen mit dem alten Herrn in Dresden. Handelte
es sich doch auch jetzt wieder um ein Gebiet, auf dem auch ihm
jede Nachgiebigkeit gegen das Gewissen ging, um das Religiöse.
Um so mehr dürfen wir die Haltung loben, die er im Dezember 1536
einnahm. Er wies zwar auf eine Anfrage der Herzogin Katharina
hin die Forderung Georgs resp. den Vorschlag Georgs v. Karlowitz,
daß Schenk sich weihen lassen solle, auf Grund eines Gutachtens
1) Georg an Kf. Juli 27, Reg. H. p. 112, No. 52. Kf. an Georg Aug. 1,
ebenda. Man ließ die Korreepondenz zum Teil lieber durch die Räte führen.
2) Ldgf. an Kf. Okt. 12, Reg. H. ebenda, Or. Kf. an Ldgf. Okt 2(1, Konz.,
ebenda. Kf. an Brück Nov. 10, Reg. Gg. No. 413L, I, Konz. Ldgf. an Kf.
Nov. 11, Reg. H. ebenda, Or. Akten über den Fall Blick in Reg. G. No. 11.
3) Elisabeth an Kf. Okt. 27 und Nov. 2, Loc. SC07 „Handschreiben . . .“,
BL 112/113, BL 114/115 Hdbf. Georg v. Karlowitz an Kaspar v. Minckwitz
Okt. 28, Reg. A. No. 254, Or. Ponikau war danach tatsächlich geschickt worden,
den weiteren Plan aber verdarb der Kf. Ponikau an Georg v. Karlowitz Nov. 7,
Reg. A. ebenda, Konz, mit Korrekturen des Kf.
4) Brief der Herzogin vom 2. Nov.
Digitized by Google
480
Kapitel IV.
der Wittenberger Theologen zurück, empfahl aber, daß Schenk eine
Zeitlang aus Freiberg entfernt und durch den Pfarrer auf dem
Schneeberge, Magister Zeuner, der geweiht sei, ersetzt werde ^ ).
Allerdings bestand er nicht auf diesem Vorschlag, als Schenk selbst
sein Bleiben und ein Hinziehen der Sache für ratsamer hielt *) und
als sich auch Heinrich entschieden für sein Bleihen aussprach ®).
Der religiöse Gegensatz war daran schuld, wenn sich im März
1537 auch das letzte Band, das Johann Friedrich und Georg noch
verknüpfte, die Erbeinigung, löste. Schon seit dem Jahre 1533
war von ihrer Erneuerung die Rede gewesen^), im Herbst 1536
hatten die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg den Vor-
schlag gemacht, ihr eine Beratung der Räte vorhergehen zu lassen ®).
Da aber weder Herzog Georg noch der Landgi af darauf eingingen,
war es schließlich doch zu der einfachen Zusammenkunft der be-
teiligten Füreten in Zeitz gekommen. Der Zwist, der nun hier
entstand, wurde dadurch hervorgerufen, daß die eifrigen Pro-
testanten unter den beteiligten Fürsten, vor allem auch Johann Fried-
rich, daran Anstoß nahmen, daß die Erbeinigung nach ihrem bis-
herigen Wortlaut auch der römischen Kurie zu Ehren aufgerichtet
war, daß der Papst darin ausgenommen wurde und daß man den
Eid auf die Heiligen leistete. Sie wün.schten diesen letzten Punkt
ganz wegzulassen, statt der Kurie „cliristliche Kirche“ einzusetzen
und den zweiten Punkt dahin zu erläutern, daß sie dadurch in
nichts gewilligt haben wollten, das der Antwort, die sie Held in
Schmalkalden gegeben hätten, widerspräche. Herzog Georg, der
einzige der beteiligten Fürsten, der noch wirklich katholisch war,
ließ sich aber auf keine dieser Aenderungen ein und betrachtete sich,
da sein Widerspruch unberücksichtigt blieb, als künftig nur noch
mit dem Landgrafen durch die Erbeinung verbunden, da nur dieser
sie früher ebenso wie er beschworen habe. Die übrigen Fürsten
haben in Zeitz den Vertrag erneuert, nachdem sie ihn in der an-
1) Kf. an Herzogin Katharina Dez. 2, Seidemann, Schenk, S. 14. 128 ff.,
Konz., Keg. N. No. G5. Da» Gutachten der Theologen C. B. III, 183 ff. VergL
Brandenburg, Heinrich, S. 129 f.
2) Schenk an Kf. Dez. 16, Seidemann, Schenk, S. 133 ff., Or. Reg. N.
No. 65. Kf. an Schenk 1537 Jan. 1, Seidemann a. a. O. S. 141 f.
3) Brandenburg, S. 130.
4) R^. D. No. 504.
5) Reg. D. No. 505.
Digitized by Google
Das Verhältnis Job. Friedrichs zu den Albertinern u. zum Kurf. v. Mainz. 481
gegebenen Weise geändert hatten. Sie ergänzten ihn aber noch
durch einen Reibrief, indem sie die Ausnehmung des Papstes aus-
drücklich Zurücknahmen und sich außerdem verpflichteten, auf
keinen Fall einander Feind zu sein, wenn einer der Beteiligten
angegriffen würde, von wem es auch sei, ohne jede Ausnahme *).
Unter den Fürsten, die diese Verträge Unterzeichneten, befand
sich auch Herzog Heinrich, der Bruder Georgs. Der Gegensatz
zwischen ihnen beiden wurde immer lebhafter, je mehr sich der
Uebergang Heinrichs und seines Gebietes zur neuen Lehre ent-
schied, und auch das Verhältnis Johann Friedrichs zu dem Dresdner
Herzog wurde mehr und mehr durch diese internen albertinischen
Verhältnisse beeinflußt. Gerade seit dem Anfang des Jahres 1537
hatten die Beziehungen zwischen Georg und Heinrich dadurch an
Wichtigkeit gewonnen, daß Georgs Sohn Johann am 11. Januar
gestorben war und sich nun bei der Geistesschwäche des zweiten
Sohnes Friedrich die Aussicht auf eine Nachfolge Heinrichs im
Herzogtum Sachsen und eine damit verbundene Reformation auch
dieses Gebietes eröfihete. Es ist bekannt, daß Herzog Georg seinen
Widerstand gegen die neue Lehre nun dadurch über das Grab hinaus
fortzusetzen suchte, daß er sich bemühte, die Nachfolge des blöd-
sinnigen Friedrich dadurch zu ermöglichen , daß er ihm einen
Regentschaftsrat von 24 Mitgliedern der Landschaft an die Seite
setzte. Er rechnete darauf, daß die Interessen des Adels für die
Ausführung dieses Planes nach seinem Tode sorgen würden’).
Natürlich beschäftigte man sich aber auch auf der anderen Seite
mit der Sache, nachdem sie durch die Landtagsverhandlungen vom
Frühjahr 1537 bekannt geworden war, und besonders Johann
Friedrich hatte lebhaftes Interesse dafür, gewiß nicht nur aus
Freundschaft für Herzog Heinrich, sondern auch wegen der .Aus-
sichten, die dessen Nachfolge dem Protestantismus eröffhete. Es
erwies sich nun aber als nicht ganz einfach, Wege zu finden, um
1) Müller, Iteichstagstheater II, S. 356 ff. Ranke, IV, S. 76, Akten in Reg.
D. No. 506. Or. der Erbeinigung in Weimar, Urk. No. 1104, des Beibriefs No. 1105
(Reg. F. fol. 101, E, No. VIII, 4a. b). Danach bezog sich die gegenseitige
NeutralitätsverpfUchtung nicht nur auf die Religion, sondern auf alle l^hen.
Man wollte einander nicht feind sein „umb niemands noch umb keinerlei sacken
willen, die betref die religion oder ichu anders, wie man das erdenken mocht,
auch unser jedes religionverwandten von sacken wegen der religion nicht uber-
ziehen und vergewaltigen helfen".
2) Brandenburg, Heinrich, 8. 135 f.
Beiträge zur neueren Geschichte Thüringens I, 2. 31
Digitized by Google
482
Kapitel IV.
den Plan des alten Herzogs zu hindern. Wenigstens waren auch
Brück und andere kursächsische Juristen der Ansicht, daß der
„brüderliche Vertrag“ zwischen Georg und Heinrich, durch den die
Erbfolgeordnung ihres Vaters Albrecht aufgehoben worden war, dem
Freiberger Herzog keine Handhabe gegen die Nachfolge Friedrichs
böte, daß dieser also höchstens auf Grund des gemeinen Rechtes
für regierungsunfähig erklärt werden könne, darüber aber hätte
eben die Landschaft zu entscheiden *). Johann Friedrich scheint
geneigt gewesen zu sein, die Sachlage etwas günstiger für Heinrich
anzusehen, das Resultat der Verhandlungen, die zwischen ihm,
Heinrich und dem Landgrafen stattfanden, und einer Unterredung,
die er mit Philipp im August 15.87 in Rotenburg au der Fulda
hatte, war aber doch nur, daß sie beide dem Freiberger rieten, der
Sache ruhig bis nach Georgs Tode Anstand zu geben*).
Mußte man so zunächst darauf verzichten , irgendwelche
juristischen Schritte gegen Georgs Pläne zu tim, so hat sich Johann
Friedrich doch in anderer Weise bemüht, die Position Heinrichs
zu stärken. Wie er selbst erzählt, riet er ihm, zunächst fest bei
Gottes Wort zu verharren, ferner die Visitation in seinem Lande
vorzunehmen, in den schmalkaldischen Bund einzutreten und seinen
Sohn Moritz von dem Hofe des Bruders hinwegzunehmen*). Es
stand also in einem gewissen Zusammenhang mit den Erbfolge-
plänen Georgs, wenn der Kurfürst im Mai 1537 selbst mit Melchior
V. Kreitzen und Spalatin in Freiberg erechien, um Herzog Hein-
rich und Schenk bei der vollen Durchführung der Reformation zu
unterstützen ‘). Wie zu erwarten war, wurde der Zorn Herzog
1) Gutachten vom 19. und 24. April 1537 in Loc. 10041 „Instruktion wegen
Hz. Georgs Verordnung . . . 1537 — 39“, Bl. 109 ff.
2) Gutachten des Kf. vom 27. April in Loc. 10041 „Instractiones und
Schriften 1506 — 39“, Bl. 47 — 49; eigenh. Aufzeichnung de« Kf. über das. wa.s er
dem Ldgf. vortragen wollte, Aug. 7, ebenda Bl. 241 — 246. Kf. an Brück Aug. 24,
BL 237 — 240, Konz., Loc. 10041 „Instruktion über . . . 1537 — 39“, BL 134—136.
Brandenburg, Heinrich, S. 140.
3) Ich folge von hier an vielfach dem sogenannten Wurzener Manuskript
Johann Friedrichs [W. M.], einer eigenhändigen Aufzeichnung, die er bald nach
dem April 1542 über die nachbarlichen Streitigkeiten für Spalatin machte, Keg. O.
No. 28*. Obiges auf BL 2b und 11a. Vergl. auch Issleib, NASG. XXVI,
S. 280 f.
4) Seidemann, Schenk, S. 20.> Brandenburg, Heinrich, S. 137. Iss-
Icib, a. a. O. S. 281.
Digitized by Google
Das Verhältnis Job. Friedrirhs zu den Albertinem u. zum Kurf. v. Mainz. 4^3
Georgs gegen seinen Bruder dadurch noch gesteigert. Die gegen-
seitige Erbittening wurde so groß, daß Herzog Heinrich im Sommer
einen Angriff seines Bruders befürchtete und Johann Friedrich für
diesen Fall um Hilfe bat. Der Kurfürst war bereit dazu und er-
teilte, als er sich damals nach Franken begab, den Befehlshabern
des altenburgischen Landkreises die nötigen Befehle. Sie zeigen,
daß er dabei bestrebt war, jeden Schritt zu vermeiden, der aggressiv
gedeutet werden konnte. Bald erwiesen auch von kurfürstlicher
Seite eingezogene Kundschaften, daß die Befürchtungen Heinrichs
unbegründet gewesen waren, und man konnte wieder abrüsten*).
Gerade solche Erfahrungen mußten es Johann Friedrich er-
wünscht erscheinen lassen, im Falle eines bewaffneten Zusammen-
stoßes zwischen den Albertinischen Brüdern nicht allein die Ver-
teidigung Heinrichs auf sich nehmen zu müssen. Sie bestärkten
ihn daher in seinen schon seit dem .Anfang des Jahres 1537 eifrig
betriebenen Bemühungen um den Eintritt Herzog Heinrichs in
den schmalkaldisclien Bund. Es ist bekannt, wie er zunächst die
Zustimmung des Herzogs und seiner Gemahlin dazu gewann, wie
er dann die Bedenken, die manche Bundesstände wegen der zweifel-
haften Stellung Heinrichs zu Georg und zum Protestantismus
hatten, überwand und bis zum November 1537 die Aufnahme
durchsetzte, wie aber dadurch, daß Heinrich zu keinen bestimmten
Leistungen verpflichtet wurde und nur in den Bund, nicht auch
in die „Verfassung zur Gegenwehr“ aufgenommen wurde, eine
Quelle für manche späteren Schwierigkeiten eröffnet wurde*).
Hinter dem großen Gegensatz, der durch die enge Verbindung
des Kurfürsten mit den Freibergern geweckt wai-, traten die nach-
barlichen Streitigkeiten zwischen ihm und Georg stai'k zurück.
Die Anregungen der Herzogin Elisabeth im Herbst 153(5 hatten,
wie wir sahen, durch die Schuld des Kurfürsten doch wieder nur
zu einer der üblichen „Zusammen.schickungen“ der Käte geführt,
nachdem man vorher die neu entstandenen Gebrechen gegeneinander
au.sgetauscht hatte. Das Resultat der Beratungen, die vom 8. bis
13. Dezember 1536 in Oschatz stattfanden, war ein Vertrag, in
dem allerhand mit der Frage der geistlichen Zinsen zusammen-
1) Brandenburg, S. 138 f. Akten in Loc. 10(M1 „Instruktion wegen Hz.
Georgs Verordnung . . . 1537 — 39“; W. M. Bl. 11b.
2) Brandenburg, S. 130f. 133 ff.
31*
Digitized by Google
484
Kapitel IV.
hängende Einzelheiten erledigt wurden *). Ueber viele Punkte
waren allerdings noch weitere Erörterungen nötig, um festzustellen,
was bisher Gewohnheit gewesen sei, so daß sich noch längere
Korrespondenzen an den Oschatzer Vertrag anschlossen®), dann
trat Ruhe in diesen Dingen ein. Im übrigen aber war das Ver-
hältnis gerade im Jahre 1537 aus den schon angegebenen Gründen
das denkbar schlechteste. Im Herbst wurde der Groll des alten
Herrn in Dresden dadurch noch gesteigert, daß seine Schwieger-
tochter, die Herzogin von Rochlitz, mit Unterstützung Johann
Friedrichs in ihrem Gebiete die Reformation einführte®). Im No-
vember gab es dann schon einmal einen Moment, wo man den Tod
Georgs nahe bevorstehend glaubte. Der Gedanke des Kurfürsten
war damals der, daß Heinrich nach dem Tode seines Bruders ein
Ausschreiben au die Untertanen müsse ergehen lassen, worin er
diese aufforderte, Herzog Fiiedrich und den 24 nicht zu huldigen,
ehe die Frage der Nachfolge durch einen Erbeinungstag in Naum-
burg entschieden sei*). Herzog Georg erholte sich aber wieder
und setzte seine Umtriebe und Schikanen gegen seinen Bruder fort.
So sperrte er ihm z. B. die Einkünfte der Freiberger Klöster und
faßte vor allem den Plan, durch eine Verheiratung Herzog Fried-
richs alle Hoffnungen der Freiberger zuschanden zu machen®).
Die Sperrung jener Einkünfte war für Heinrich ein sehr harter
Schlag. Da Voi'stellungen dagegen bei Georg, bei deren Abfassung
Johann PTiedrich ihm die Feder führte, nichts halfen®), wandte er
sich an den Tag der Erbeinungsverwandten, der im Februar 1.538
wegen des Streites des Kurfürsten mit Albrecht von Mainz in
Zerbst stattfaud. Gemeinsam nahmen sich jetzt die Fürsten der
1) LUnig, S. 208 ff.
2) Kf. an Kaspar v. Minckwitz und Hans v. Ponikau 1537 Jan. 6,
Reg. A. Xo. 2.55, Or. Ein Bedenken BrUcks über die Oschatzer Handlung in
Weimar, Kopialbuch F. 4, Bl. 93. April 10 erteilt der Kf. Hauptmann und Rat
zu Altcnburg Befehle für die Ausfühning, Beg. A. No. 255.
3) Brandenburg, S. 142 f., vor allem aber Planitz, Zur Einführung
der Reformation in den Aemtern Rochlitz und Kriebstein, Beiträge zur Sächsischen
Kirchengeschichte XVII (1904), S. 24 ff.
4) Entwurf für das Ausschreiben von der Hand des Kf. Loc. 10041 „In-
structioncs und Schriften“, Bl. 111 — 114, am 16. November zur Begutachtung an
Brück gesandt, Bl. 151 — 153.
.5) Vergl. M. P. C. I, 15 f.; Brandenburg, Heinrich, 8. 167.
6) Brandenburg, S. 141 f.
Digitized by Google
Da« Verhältois Job. Friedrichs zu den Albertinem u. zum Kurf. v. Mainz. 485
Erbeiuung seiner Sache bei Georg au und forderten diesen auf,
die Speinnaßregeln gegen die Freiberger Klöster aufzuheben ‘).
Erreicht wurde aber auch dadurch nichts*).
Zwischen dem Kurfürsten und Georg direkt scheint es in
dieser Zeit keine bedeutenderen Streitigkeiten gegeben zu haben,
doch wird man das mehr als einen Beweis für den völligsten .\b-
bruch der Beziehungen als für ein Zeichen der Freundschaft an-
sehen müssen. Im Sommer erhielt der Gegensatz ja dann den
deutlichsten Ausdruck dadurch, daß Georg sich dem Nürnberger
Bunde anschloß. Er war für ihn zugleich ein Mittel, um die Nach-
folge seines Sohnes zu sichern. Daß der Kurfürst und der Land-
graf darauf in eine Korrespondenz mit ihm darüber eintraten, ob
er die Erbeinung ausgenommen habe, berührt bei der Haltung, die
der Herzog in Zeitz eingenommen hatte, eigeutümlich und mag
wohl hauptsächlich durch den Wunsch eingegeben gewesen sein.
Näheres über das Nürnberger Bündnis zu erfahren®). Natürlich
wurde aber auch durch diese Korrespondenz und die damit ver-
bundenen Erörterungen über die beiderseitigen Bündnisse die
Stimmung nicht verbessert.
Es wäre zu wünschen gewesen, daß wenigstens alle anderen
Mitglieder der Erbeinung Georg gegenüber zusammengehalten
hätten. Dann hätte der Tag, der Michaelis 1538 in Naumburg in
Angelegenheiten des Markgrafen Georg stattfand, dazu dienen
können, auch in der Frage der Albertinischen Erbfolge eine ein-
heitliche Haltung der Erbvereiuigten zu verabreden^). Unglück-
licherweise hatte sich nun aber im Laufe des Jahres 1538 eine
starke Entfremdung zwischen Johann Friedrich und dem Freiberger
Herzogspaare entwickelt. Mancherlei hatte dabei zusammengewirkt:
Heinrich war der Meinung, daß der Kurfürst und die Schmalkaldener
1) Die erbvcreinigten Fürsten an Hz. Georg 1538 Febr. 20, Branden-
berg, S. 144.
2) Brandenburg, S. 144.
3) Der Ldgf. regte die Sache an. An Kf. Juli 8, Reg. H. p. 203, No. 93,
Or. Kf. an Ldgf. Juli 12, ebenda, Konz.; Juli 15, ebenda. Kf. und Ldgf. an
Georg Juli 16, ebenda, Entw. Ldgf. an Kf. Juli 20, ebenda, Or. Damals ging
der Brief an Georg ab. Georg an Kf. und Ldgf. Juli 28, ebenda, Or. Kf. an
Ldgf. Aug. 1, Konz.; Aug. 17, Entw. für Brief an Georg Sept. 16. Georg an Kf.
und Ldgf. Sept. 14, ebenda, Or. Brandenburg, S. 163.
4) Ldgf. an Kf. Aug. 21, Loc. 10041 „Instructiones und Schriften . . .“,
Bl. 173f.
Digitized by Google
486
Kapitel IV.
ihn ffegenüber den Schädigungen, die Georg ihm zufügte, nicht in
genügender Weise unterstützten ‘). Sein Hofprediger Schenk geriet
in Streit mit den Wittenbergern und mit Lindenau, seinem Frei-
berger Kollegen. Diese Schwierigkeit suchte nun zwar Johann
Friedrich auf Rat Luthers in sehr geschickter Weise dadurch zu
beseitigen, daß er Schenk zu seinem eigenen Hofprediger machte,
es geschah aber in Abwesenheit der Herzogin Katharina und ohne
ihre Einwilligung, und sie war die Hauptperson in Freiberg *J. Als
die Hauptursache des Streites endlich dürfen wir die FamUien-
verbindung betrachten, die die Herzogin zwischen ihrer Tochter und
dem Herzog Franz von Sachsen-Lauenburg abschloß, obgleich dieser
mit dem Kurfürsten aufs heftigste verfeindet war, weil er sich das
sächsische Wappen anmaßte*). Daß Katharina auf die Vorstellungen
Johann Friedrichs keinerlei Rücksicht nahm, steigerte dessen Er-
bitterung, und er hatte wenig Neigung, auf dem Naumburger Tage
sich der .\ngelegenheiten Herzog Heinrichs anzunehmen, benutzte
vielmehr diesen Tag, um seine eigenen Beschwerden, besonders die
gegen den Herzog von Lauenburg, vorzubringen ‘). Er erreichte,
daß beschlossen wurde, im Namen der Erbeinungsverwandten an
diesen zu schreiben*).
Der Zwist zwischen Johann Friedlich und den Freibergem war
auch in Dresden nicht unbemerkt geblieben, und Herzog Georg
suchte ihn zu benutzen, um seinen Bruder wieder an sich zu ziehen *).
Von schmalkaldischer Seite setzte sofort eine energische Gegen-
aktion ein. Johann Friedrich suchte durch Moritz dessen Vater zu
beeinflussen ’), und der Landgraf eilte selbst nach Sachsen, um für
die Vei-söhnung zwischen dem Kurfürsten und den Freibergern zu
1) Brandenburg, S. 149ff.
2) Ebenda S. 152 ff.
3) Im W. M. betrachtet der Kf. die Anstiftung untreuer Leute als Haupt-
ursache des Streites, geht dann aber näher zuerst auf die lauenburgische Sache
ein (Bl. 5a. b), die er als die erste Undankbarkeit Hz. Heinrichs bezeichnet
(Bl. 5b. 26a).
4) Kf. an I.dgf. März 28, Keg. H. p. 156, No. 76, Konz. Brandenburg,
Hebirich, S. 155 — 158. Akten des Naumburger Tages in R^. A. No. 256. Or-
des Abschiedes vom 3. Okt. in Reg. C. p. 20, No. 14, la 1, Urk.
.5) Kf. an Ldgf. Dez. 20, Reg. H. p. 211, No. 95, Konz., Zettel.
6) Diesem Zwecke dienten die Zusammenkünfte auf dem Schellenberg im
Sept., in Dresden im Okt Brandenburg, Heinrich, S. 160. 166.
7) Brandenburg, S. 161.
Digitized by Google
Das Verhältnis Job. Friedrichs zu den Älbertincm u. zum Kurf. v. Mainz. 487
wirken. Bei dieser Gelegenheit hatte er auch die merkwürdige
Unterredung mit Karlowitz, die zur Verabredung eines Religions-
gespräches führte ‘). Mit seinen Bemühungen, eine Versöhnung
zwischen Katharina und dem Kurfürsten herbeizuführen, hatte
Philipp zunächst keinen großen Erfolg*). Erst als auch eine
Zusammenkunft zwischen Georg und Heinrich in Dresden Ende
Oktober nicht zu einem Vergleich zwischen den Brüdern geführt
hatte, sahen sich die Freiberger wieder zu engerem Anschluß an
den Emestiner genötigt, die lauenburgische Angelegenheit blieb
allerdings als Stein des Anstoßes bestehen“).
Merkwürdig ist, daß in dieser Zeit auch von Dresden her An-
näherungsversuche an den Kurfürsten stattfanden. Es scheint fast,
als habe nicht nur Georg von Karlowitz, sondern auch der alte
Herzog selbst damals ernstlich an eine Beilegung des religiösen
Zwiespaltes gedacht. Den Bemühungen Karlowitz’ auf dem Leip-
ziger Tage waren merkwürdige Aeußerungen Georgs gegen seine
Geistlichen im Juli 1538 vorhergegangen ^). Auch als im No-
vember Brück und Karlowitz in Mühlberg zusammenkamen, war
wieder von der Religion die Rede®), und daran schloß sich dann
endlich Anfang Januar 1539 das Leipziger Religionsgespräch*).
Das, was hier vorgeschlagen wurde, genügte zwar nicht den
Wünschen Johann Friedrichs, er hat sich später häufig entschieden
dagegen ausgesprochen, aber es bewies doch ein weitgehendes
Entgegenkommen von albertinischer Seite. Man wird es wohl am
richtigsten aus der Erkenntnis Georgs erklären, daß sein Land nur
1) Brandenburg, 8. 161 ff.
2) Ebenda 8. 162 ff. Georg an Heinrich von Braunachweig Okt. 17, P. Ä.
No. 834, 127. Karlowitz an Heinrich von Braunnchweig, R^. H. p. 838, No. X;
M. P. C. I, 22ff. Der Ldgf. an Hzin. Katharina Okt. 18, Bommel, II,
8. 388 ff.
3) Hzin. Elisabeth an Kf. Nov. 23, M. P. C. I, 26 — 28. Ldgf. an Kf. Dez. 12,
Reg. H. p. 211, No. 95, Or. Kf. an Ldgf. Dez. 20, ebenda, Konz.
4) Vergl. jetzt vor allem C a r d a u n s in Q. u. F. X, 8. 1 14 ff. 133 ff. Christoph
V. Taubenheim an Kf. 1538 Juli 24, Loc. 10041 „Instruktion wegen Hz. Georgs
Verordnung . . .“, Bl. 211. 214, Hdbf.
5) Seckendorf, III, 8. 208. Brandenburg, 8. 168f. Vergl. auch
Neudecker, Aktcnst., 8. 162 ff. Der Landgraf dachte schon an eine Gewinnung
Georgs und seines Landes. An Kf. Nor. 6, Lenz, I, 8. 52, No. 19; Reg. H.
p. 214, No. 96, Or.
6) C. R. III, 621f. 623f. 624 ff. Seckendorf, III, 8. 210. Branden-
burg, 8. 170.
Digitized by Google
I
488 Kapitel IV.
dann vor dem Eindringen der neuen Lehre bewahrt werden könne,
wenn in gewissen Punkten, wie in der Frage des Abendmahls in
beiderlei Gestalt und der der Priesterehe, nachgegeben würde ‘).
Doch sei wenigstens auf die Möglichkeit verwiesen, daß man speziell
auf Johann Friedrich durch diese Schritte Eindruck machen und
dadurch die Nachfolge Friedrichs sichern wollte. Auch damals
wurden wieder einige nachbarliche Gebrechen verglichen*), auch
finden sich Spuren davon, daß man Sicherheit gegen ein Vorgehen
des Kurfürsten gegen Herzog Friedrich nach Georgs Tode zu ge-
winnen suchte. Die Erklärungen, die Johann Friedrich daraufhin
abgeben ließ, wird man, falls man sie nicht direkt als Täuschung
betrachten wül, nur aus seiner noch fortdauernden Verstimmung
gegen die Freiberger erklären können®).
Seit Januar 15.39 wurden dann allerdings die Beziehungen zu
Heinrich wieder besser *), mit Georg dagegen gab es wieder manche
neue DiflTerenzen ®), und als dann gar Herzog Friedrich wenige
Wochen nach seiner Hochzeit gestorben war und der alte Herzog
nun mit seinen neuen Plänen, sei es der Gewinnung des jungen
Moritz für den alten Glauben, sei es der Preisgabe des beweglichen
Teiles seiner Hinterlassenschaft an König Ferdinand, vorging®), gab
es bei Johann Friedrich keinerlei Schwankungen. Wie einst im
1) So CardauDs und ähnlich auch Vetter in ZKG. XIII, S. 285.
2) Vertrag zu Mühlberg vom 7. Nov., Weimar. Urkundenabachriften, Heft 14,
Bl. 54 ff. Müller, 8.92. Für die friedliche Gesinnung Georgs und Karlovritz’
sprechen auch Neudecker, Grk., 8. 331 ff. 334 ff.
3) Am 9. Dez. ließ er durch Hans v. Ponikau dem Georg v. Karlowitz eine
E>klärung vorlesen, daß es ihm gänzlich fern liege, nach Georgs Tode gegen dessen
8ohn, Lande und Leute etwas mit der Tat vorzunehmen und Herzog Heinrich
oder dessen Sohn einzusetzen. Würde es nach dem Tode eines der beiden Fürsten
zu Irrungen zwischen dem Ueberlebenden und den Söhnen des anderen kommen,
so werde er jedes fügliche Mittel zur Beilegung des Streites ergreifen und sich
gegen beide Teile so erzeigen, wie er es gegen Gott und die W'elt verantworten
könne. (Loc. 10041 „Instructiones und Schriften . . . 1506 — 1539“, Bl. 145.)
4) VergL etwa Kf. an Heinrich 1539 Jan. 30, Loc. 8498 „an Hz. Heinrich
zu Sachsen ergangene Schreiben , . . 1498 — 1539“, Bl. 3.
5) z. B. w^en des Antonius von Schönberg. VergL Seckendorf, III
8. 223.
6) Brandenburg, S. 175 ff. W.M. Bl. 13b zeigt, daß sich Johann Friedrich
schon 1542 nicht mehr klar darüber war, was Georg eigentlich an Ferdinand ver-
machen wollte. Er schreibt: Land, Leute und alle Barschaft, bemerkt aber am
Kandc, daß die Händel besehen werden müßten, damit recht geschrieben werda
Digitized by Google
Das Verhältnis Job. Friedrichs zu den Albertinern u. zum Kurf. v. Mainz. 489
November 1537 erteilte er wieder Ende März 1539 Herzog Heinrich
genaue Ratschläge, wie er sich im Falle des Todes seines Bruders
verhalten solle ‘), am 10. April verpflichteten sich der Landgraf und
er in einem Vertrage, den sie mit Moritz abschlossen, dessen Vater
bei der Verteidigung seines Erbrechts zu unterstützen, wogegen
Moritz für sich und die Seinen versprach, dem Evangelium und
dem schmalkaldischen Bunde treu zu bleiben *), und als dann Georg
starb, war der Kurfürst mit dem Landgrafen darin einig, daß man
es zur Verteidigung der Rechte Herzog Heinrichs auch auf einen
Krieg ankommen lassen müsse. Wir sahen, daß sie aus diesem
Grunde ihre Truppen nach dem Frankfurter Anstand noch eine
Zeitlang an der Hand behielten®). —
Die Befürchtungen, die sie anfangs gehegt hatten, erwiesen
sich als übertrieben. Heinrich konnte ohne größere Schwierig-
keiten von der Herrschaft Besitz ergieifen. Die Aufgabe des
Kurfürsten bestand daher jetzt nicht darin, ihn zu beschützen,
sondern nur darin, ihn zu leiten und die Schritte, die er auf
politischem und religiösem Gebiete tat, zu beeinflussen. Eine der-
artige Bevormundung entsprach sehr stark den Neigungen Johann
Fiiediichs, konnte aber bei der geistigen Schwäche Heimichs
auch als notwendig betrachtet werden^). Unser Urteil wird also
von der Art des Einflusses des Kurfürsten abhängig sein. Da mag
uns ja nun heute die Energie, mit der sofort an die Einführung
der Reformation im Herzogtum gegangen wurde, unsympathisch
erscheinen, den Zeitgenossen wird es durchaus gerechtfertigt vor-
gekommen sein, daß der neue HeiT seine Religion in dem ererbten
Lande zur Geltung brachte, und Johann Friedrich wird gewiß nicht
daran gezweifelt haben, daß er dem Nachbarstaate und seinen Be-
wohnern damit eine außerordentliche Wohltat erwies ®). Wir können
uns denken, welche Genugtuung es ihm gewährte, persönlich bei
diesem Werke mitzuwirken, gern stellte er auch als Prediger und
1) Brandenburg, S. 181.
2) Ebenda S. 179.
3) S. 195. Vergl. auch Brandenburg, S. 184. W. M. Bl. 15b/16a.
4) Vergl. Brandenburg, S. 187 f. lsgleib, a. a, Ü. S. 293ff.
5) \V. M. BI. 16b. Günstig urteilt Vetter in ZKG. XIII, 284ff. über
das Vorgehen des Kf. Der Landgraf wäre mehr für ein langsameres Vorgehen
gewesen. Brandenburg, 8. 188. Er läßt die Frage unentschieden, hebt aber
die Stärke der katholischen Gesinnungen der oberen Stände besonders hervor,
S. 192 ff.
Digitized by Google
490
Kapitel IV.
als Visitatoren seine namhaftesten Theologen zur Verfügung und
sorgte so dafür, daß die Wittenberger Gebräuche auch im Herzog-
tum als Muster dienten ').
Auch auf politischem Gebiete beruhten die ersten Schritte, die
Heinrich tat, auf den Ratschlägen, die der Kurfürst ihm schon vor
Georgs Tode gegeben hatte*). Des weiteren kam es vor allem
darauf an, eine zu starke Zurücksetzung der alten Räte und Kon-
spirationen gegen Heinrich, die leicht die Folge davon sein konnten,
zu verhüten*). Man darf es nicht als eine Schuld des Kurfürsten
bezeichnen, wenn in dieser Hinsicht manches versehen wurde. Die
Differenzen, die zwischen ihm und dem zu größter Vorsicht mah-
nenden Landgrafen in dieser Beziehung bestanden, waren doch nur
sehr unbedeutend, auch er war der Meinung, daß man die alten
Räte nicht hintansetzen dürfe, er empfahl sie zu Landsachen zu
gebrauchen, ihre Venvendung in Sachen der Religion und in Bandes-
angelegenheiten, sowie zu den täglichen Hofhändeln schien ihm
allerdings bei der Rolle, die sie unter Georg gespielt hatten, un-
möglich*). Es finden sich auch sonst Beispiele dafür, daß er
mäßigend und zurückhaltend auf Herzog Heinrich zu wirken suchte,
so bei der Behandlung der Witwe des Herzogs Friedrich *) und bei
der Georgs v. Karlowitz®). Gewiß ist ja sein Einfluß auf die
Regierung Heinrichs in den ersten Monaten groß gewesen \l, er
hatte aber durchaus nicht immer mit seinen Ratschlägen Erfolg*»,
und man darf die Fehler, die gemacht wurden, nicht alle ihm in
die Schuhe schieben.
1) Brandenburg, S. 242.
2) Brandenburg, S. 181 f.
3) Verbot der Abhaltung des Dreißigsten, durch den Kf. veranlaßt. Ebenda
S. 189. W. M. Bl. 16b, 17a hebt der Kf. hervor, daß er die ganze Schuld an
diesem Verbot auf sich genommen habe, unbekümmert um den Haß, den ihm
das erregte.
4) Brandenburg, S. 184 f. Issleib, a. a. O. S. 295 f.
5) Kf. an Hz. Heinrich Juni 23, Reg. Ä. No. 348, Konz.
6) Akten darüber in Keg. A. No. 346.
7) Vergl. Brandenburg, S. 241 f. und solche Stellen wieNB. IV, 561 ff.
oder den Brief Wolrabs vom 4. Juni in ZKG. XX, 252: Elector una cum sab
regnat regionem. Vergl. auch Spalatin bei Mcncken, II, Sp.2158. Interessant
ist auch, daß der Kf. seine Kats- und ICanzIeiordnung selbst für Heinrich um-
arbcitetc, Keg. Kr. p. 317, No. 1. 2b.
8) W. M. Bl. 16b klagt er, daß er wenig habe ausrichten können.
Digitized by Google
Das Verhältnis Joh. Friedrichs zu den Albertinem u. zum Kurf. v. Mainz. 491
Ein paar sehr wichtige Punkte gab es allerdings, in denen er
vollständig mit Heinrich einig war. Beide scheinen bei der ge-
waltsamen Einführung der Reformation in Meißen und bei der
Bekämpfung der Reichsstandschaftsgelüste des Bischofs zunächst
durchaus gemeinsam vorgegangen zu sein ’). Ferner war Johann
Friedrich völlig einverstanden mit der Haltung Heinrichs in dem
Streit über die Erbschaft Georgs. Da dessen Testament nicht zu
wirklichem VoUzug gelangt war, erhoben seine Tochter Christine,
die Gemahlin des Landgrafen von Hessen, und Kurfürst Joachim II.
von Brandenburg für die Kinder aus seiner Ehe mit Magdalena,
einer zweiten Tochter Georgs, .Anspruch auf die ganze AUodial-
erbschaft. Heinrich wies das auf Grund der Verzichtleistungen,
die die beiden Prinzessinnen bei ihren Vermählungen geleistet
hatten, und auf Grund der Gewohnheiten des Hauses Sachsen
zurück. Ebensowenig hatte er Lust, ihnen die 20000 fl. auszuzahlen,
die Georg in seinem Testament für jede der Töchter ausgesetzt
hatte. Heinrich sowohl wie Katharina fragten Johann Friedrich in
dieser Angelegenheit um Rat, und dieser hielt es für seine Pflicht,
die Gerechtigkeiten des Hauses Sachsen zu verteidigen und die
Ansprüche der beiden Töchter Georgs und ihrer Sachwalter zurück-
zuweisen, obgleich er sich darüber klar war, daß er dadurch bei
Brandenburg und Hessen UuwUlen erregte*). Politischer wäre es
jedenfalls gewesen, wenn er dem Herzog sofort zu einigem Ent-
gegenkommen geraten hätte, als er merkte, welchen Wert der
Landgraf und Joachim auf die Erbschaft legten, zumal da die
Rechtslage auch nicht so völlig klar war*). Erst im Herbst, nach-
dem schon viel böses Blut entstanden war, Anden wir Johann
Friedlich mit Eifer bemüht, Heinrich zur Bewilligung einer Ab-
findungssumme für die beiden Erbberechtigten zu bestimmen^).
Daß Herzog Heinrich diesen Ratschlägen nur wenig Gehör schenkte
und sich schließlich hinter dem Kücken des Kurfürsten unter viel
ungünstigeren Bedingungen mit Brandenburg verglich®), war ein
1) Brandenburg, 8. 264 ff. W. M. Bl. 18b. 19b.
2) W. M. Bl. 17b. 20b. 21a.
3) Vergl. Brandenburg, 8. 247 ff.
4) Ebenda 8. 253 ff.
5) Ebenda 8. 292. W. M. Bl. 24a betrachtet der Kurfürst diesen Vertrag
als ein Werk des Eustachius von 8chlieben und des Antonius von Schönberg,
die sich gegenseitig zum Nachteil ihrer Herren Bewilligungen machten. Bl. 24b
Digitized by Google
492
Kapitel IV.
Zeichen der Entfremdung, die allmählich auch zwischen dem neuen
Dresdener Hofe und dem Kurfürsten wieder entstand, und trug
mit dazu bei, sie zu steigern.
Mancherlei wirkte zusammen, um auch nach dem Regierungs-
wechsel keine dauernd guten Beziehungen zwischen Torgau und
Dresden entstehen zu lassen.
Da mußte zunächst der Kurfürst die unangeuehme Erfahrung
machen, daß Heinrich, nachdem seine Herrschaft gesichert war, wenig
Neigung zeigte, sich durch vollen Eintritt in den schmalkaldischen
Bund dankbar zu erzeigen. Es erwies sich nun als verhänguisvoll,
daß man früher auf die Annahme der „Verfassung zur Gegenwehr“
durch den Herzog verzichtet hatte. Die Forderungen, die mau jetzt
auf Grund dieser Verfassung an ihn stellte, erschienen ihm um so
unerfüllbarer, als seine Landschaft entschieden gegen jede solche
Verpflichtung war. Die Gegenforderungen, die er stellte, würden ihm
eine zur Verfassung des Bundes im Widerspruch stehende Ausnahme-
stellung verliehen haben. Wohl riet Johann Friedrich, dem Hei-zog
so weit wie nur irgend möglich entgegenzukommen, eine Einigung
ist trotz immer wieder erneuter Verhandlungen doch schließlich
nicht erzielt worden *). Heinrich verstand es, unter Benutzung des
Widerstandes seiner Landschaft sich jede Verpflichtung vom Leibe
zu halten, ohne daß er doch jemals seine Stellung mit voller Be-
stimmtheit präzisierte oder seinen Austritt aus dem Bunde erklärte *).
Noch ehe diese Erfahrung den Unwillen des Kurfürsten gegen
Heinrich erzeugt hatte, hatte man sich an die Beilegung der aus
der Zeit Georgs überkommenen nachbarlichen Streitigkeiten ge-
macht. Während der Kurfürst in Dresden weilte, hatte man ver-
abredet, sie in ein Verzeichnis zu bringen und sich gegenseitig
zuzusenden. Brück wurde auf kurfürstlicher Seite mit der Aus-
führung dieser Aufgabe beauftragt*); im September (Matthiä)
sollte der Austausch statttinden. Tatsächlich sandte der Kurfürst
am 21. September Hans von Pack und Jobst von Hain an Herzog
behauptet er, von herzoglicher Seite sei gegen Brandenburg und Heeeen auf ihn
die Schuld daran geschoben worden, daß man sich nicht schon lange vertragen
hätte.
1) Brandenburg, S. 255 ff. 280 ff.
2) Brandenburg, 8. 290 f.
3) Kf. an Brück Aug. 6, Brück an Kf. Aug. 10; Heinrich an Kf. Aug. 19,
^f. an Heinr. Aug. 19, 22, Reg. A. No. 273.
Digitized by Google
Das Verhältnis Joh. Friedrichs zu den Albertinern u. zum Kurf. v. Mainz. 49.3
Heinrich wegen der nachbarlichen Gebrechen. Als solche werden
jetzt die Münze, der Silberkauf auf den Bergstädten, Straßen-
streitigkeiten, die Verpflichtung des Herzogs gegen den Bund und
der Eintritt Mühlhausens in den Nürnberger Bund bezeichnet ‘).
Eine Einigung in allen diesen Dingen wurde aber nicht erzielt,
Herzogin Katharina war für Pack überhaupt nicht zu sprechen*),
und so dienten denn auch die nachbarlichen Gebrechen dazu, den
Gegensatz hervorzurufen.
Um dieselbe Zeit mußte Johann Friedrich erleben, daß die
Räte Heinrichs in der halleschen Angelegenheit auf einem Tage in
Naumburg gegen ihn stimmten®), auf kirchlichem Gebiete suchte
der Herzog sich von der Wittenberger Herrschaft zu emanzipieren *),
und auch die laueuburgische Angelegenheit war noch immer nicht
im Sinne des Kurfürsten entschieden*). Auch er mag allerdings
manchen Schritt getan haben, der in Dresden verletzen mußte.
Zwar wenn er der Vermählung des Herzogs Moritz mit der Tochter
des Landgrafen Schwierigkeiten in den Weg legte, weil ihm die
enge Verbindung zwischen den Albertinem und Hessen unerwünscht
schien®), so konnte dadurch eher eine Interessengemeinschaft
zwischen ihm und Katharina erzeugt werden, da auch sie jenem
Plane abhold war. Dem Herzog von Lauenburg aber ließ er in seinem
Lande nachstellen, so daß dieser durch die Lausitz nach Dresden reisen
mußte *), und auch mit Katharina und ihrem Hauptratgeber Antonius
von Schön berg wird er nicht immer sehr zart umgegangen sein.
Ihnen beiden schreibt er selbst jedenfalls die Hauptschuld an
der Uneinigkeit zu, die zwischen ihm und Heinrich entstand*). Sie
wuchs während des Jahres 1540. Verhandlungen, die über die
verschiedenen bestehenden Differenzen, die nachbarlichen Irrungen,
die Münzangelegenheiten, den Erbstreit u. a. im Dezember 15.39
in Naumburg und im Januar 1540 in Zeitz stattfanden, hatten nur
1) Instruktion des Kf. für Hans von Pack und Jobst von Hain an Hz.
Heinrich 1539 Sept. 21, Reg. H. p. 267, No. 113, Or.
2) W. M. Bl. 22a b.
3) Brandenburg, 8. 244 f. W. M. Bl. 22a.
4) Ebenda 8. 245 f.
5) Brandenburg, 8. 246. W. M. Bl. 23b, '24a.
6) M. P. C. I, 46 Anm. Kf. an Hzin. Elisabeth Dez. 4, Reg. D. No. 77,
eigenh. Konz.
7J W. M. Bl. 23b,'24a.
8) W. M. BL 22b/23a.
Digitized by Google
494
Kupitcl IV.
l?eringe Resultate. Man verabredete wohl, Ferdinand gegenüber in
der Frage der böhmischen Lehen zusammenzuhalten, war auch in
der Erbfrage noch einig, die Münzangelegenheiten aber wurden
auf einen neuen Tag, der Sonntag nach Fabiani in Naumburg
stattlinden sollte und später auf Sonntag Reminiscere verlegt wurde,
verschoben, ln der Frage der Zugehörigkeit Heinrichs zum Bunde
endlich kam man nicht von der Stelle ‘).
Mit unermüdlicher Geduld hat der Kurfürst auch in den
nächsten Monaten seine Versuche, Heinrich zu gewinnen, besonders
ihn beim Bunde festzuhalten, fortgesetzt, der Herzog blieb bei seinem
Widerstand *), und durch neue Zwistigkeiten, die sich immer wieder
einmischten, wurde eine Verständigung nicht erleichtert. Da war
man z. B. verschiedener Meinung über die den Bischöfen gegen-
über weiter zu beobachtende Haltung. Der Kurfürst wollte das
Kammergericht auch in dieser Sache als parteiisch rekusieren, Hein-
rich dagegen w’ollte die Sache als eine weltliche anerkennen und
die Rechtmäßigkeit seines Verfahrens vor dem Gerichte beweisen*).
Auch als dann die Bischöfe vom Kaiser zum Regensburger Reichs-
tag eingeladen wurden, drohte die sächsische Opposition dagegen
eine Zeitlang daran zu scheitern, daß der Kurfürst mit seiner Be-
zeichnung der Wettiner als „l^audesfürsten“ der Bischöfe in Dresden
Widerstand fand. Nur durch ein zweideutiges Kompromiß kam
man über diese Schwierigkeit noch einmal hinweg*). Anlaß zu
unangenehmen Erörterungen gab auch die Doppelehe des Land-
grafen'') u. dgl. m.
Unter den nachbarlichen Gebrechen traten in dieser Zeit die
Münzangelegenheiten in den Vordergrund. Infolge der Sendung
Packs und Hains im September 1539 war es im Februar 1.540 des-
wegen zu einem Tage in Naumburg gekommen. Dessen Beschlüsse
waren aber von Herzog Heinrich noch im Mai nicht angenommen
worden, so daß der Kurfürst ihu am Mai bat, sich entweder zu
fügen oder Münztrenuung vorzunehmen oder dem Grimmaischen
1) Akten über den Nauniburgcr Tag Reg. A. No. 259. Abschied vom
23. Dez. Akten über den Zeitzer Tag Reg. A. No. 261. Abschied vom 3. Jan.
1540. Brandenburg, S. 246.
2) Brandenburg, S. 2611., Reg. A. No. 273.
3) Brandenburg, S. 2951. Kf. an Brück 1541 März 17, Reg. H. p. 306,
No. 126, 1, Or.
4) Brandenburg, Ö. 295 ff. Akten darüber in Reg. B. No. 1045.
5) Brandenburg, 8. 275 ff.
Digitized by Google
Da» Verhältnis Joh. Friedrich» zu den Albertinern u. zum Kurf. v. Mainz. 495
Machtspruch entsprechend die Sache einem Austrag zu gütlicher,
eventuell rechtlicher Beilegung zu übertragen ‘). Nachdem der
Herzog diesen letzten Vorschlag angenommen hatte, fand Mitte
August wieder in Naumburg ein Tag der zwölf Niedergesetzten
statt. Ihre Aufgabe wäre gewesen, zunächst einen gütlichen Aus-
gleich zu versuchen, sie konnten sich aber nicht einmal unterein-
ander über die Form der Verhandlungen einigen, indem die herzog-
lichen nur einen von sich reden lassen woUten, während die kur-
fürstlichen meinten, daß jeder einzelne seine Meinung sagen sollte *).
Johann Friedrich, der die Verhandlungen aufmerksam verfolgte,
war über das Benehmen der Vertreter seines Vetters sehr ent-
rüstet*), würde auch nichts dagegen gehabt haben, wenn man jetzt
eine Münztrennung vorgenommen hätte *). Die versammelten Räte
aber beschlossen schließlich doch, daß am 28. Oktober ein neuer
Tag in Grimma stattflnden solle, um das Urteil zu fällen*). Einst-
weilen wurden Gutachten der juristischen Fakultäten zu Tübingen
und Heidelberg eingeholt®).
Zn einem wirklichen Urteil haben sich dann die Nieder-
gesetzten aber doch auch in Grimma nicht entschließen können.
Sie beschlossen vielmehr, die Akten der Kölner Juristen-
fakultät zuzuschicken und diese um ein Urteil zu bitten. Dieses
sollte dann auf einer neuen Versammlung der Zwölf in Gegen-
wart der Anwälte beider Fürsten verlesen werden 0- Es traf
schon Ende des Jahres ein®) und lief darauf hinaus, daß die
von Emestinischer Seite gewünschte Münztrennung zwar verworfen
wurde, die Albertiner aber verurteilt wurden, auf die übrigen Klagen
der anderen Linie zu antworten und sich dem Schiedsgericht zu
1) Reg. A. No. 273.
2) Kf. an Levin v. Embden, Konz. o. D., Reg. A. No. 273.
3) An Brück Aug. 17, Reg. A. No. 262.
4) An die Räte Aug. 18, Reg. A. No. 273. Dort und No. 263 überbaupt
Akten über die Verbandlungen. Vergl. auch Brandenburg, I, S. 329 f.
5) Abschied vom 26. Aug., Reg. A. No. 273.
6) Kf. an Brück Aug. 29, Keg. Gg. No. dlSi- I, meist eigenb. Konz. Die
Tübinger Fakultät schickte ihren Ratschlag am 13. Ükt., doch liegt er nicht bei
Reg. A. No. 273.
7) Abschied vom 5. Nov., Weimarer Kop. Buch F. 4, Bl. 103. Akten der
Verhandlungen in Reg. A. No. 273. Pooikau an Dölzig Nov. 24, Reg. H. p. 329.
No. 133, I, Hdbf.
8) Albrecht von Mansfeld an Kf. Dez. 26, Reg. A. No. 273.
Digitized by Google
496
Kapitel IV.
fügen *). Die Eröffnung des Urteils konnte erst am 27. April 1.541
erfolgen’), und die sich anschließenden Verhandlungen sind bei
Lebzeiten Heinrichs überhaupt nicht mehr zu Ende gekommen.
Johann Friedrich hatte an dem Kölner Spruch mancherlei auszu-
setzen und war geneigt, ihn nur als ein Gutachten, nicht als eine
Entscheidung zu betrachten’).
Den Verhandlungen über die Münzangelegenheiten sind noch
manche andere Beratungen und Zusammenkünfte der Räte wegen
anderer nachbarlicher Streitigkeiten zur Seite gegangen. So hören
wir von einem Tage, der in Naumburg im Oktober 1.540 stattfand
und auf dem vor allem wieder über die geistlichen Zinsen ver-
handelt wurde. Nicht weniger als 33 Streitpunkte wurden in dem
Abschied vom 24. Oktober erledigt, die sich anschließende Kor-
respondenz zeigt aber, daß immer noch manches übrig blieb ^). In
mehr unverbindlicher Weise trafen sich Haus v. Pack und An-
tonius V. Schönberg am 22. Februar 1541 in Strehlen und unter-
hielten sich über die Münzfrage, das Verhältnis Heinrichs zum
Bunde, den Erbstreit und die lauenbiugische Angelegenheit, ln
der Münzfrage verabredete mau, daß einstweilen vom Guldengroschen
24 Groschen gemünzt werden, jener aber nur 21 Groschen gelten
sollte, Erbstreitigkeiten wollte man dadurch für die Zukunft un-
schädlich machen, daß bei künftigen Heiraten von Töchtern des
Hauses Sachsen allen Mitgliedern des Hauses Verzichtbriefe ge-
geben werden sollten. Zwischen dem Kurfürsten und dem Herzog
von Lauenburg sollte durch Albertinische Vermittlung ein Verti-ag
zustande gebracht werden. Am 9. März wollte man die Verhand-
lungen in Leipzig fortsetzen ’).
Man kann alle diese eifrigen Bemühungen gewiß als einen Be-
weis dafür betrachten, daß man friedliche Erledigung der be-
stehenden Streitigkeiten wünschte, oft wurde aber gerade durch
die mehr oder weniger berechtigten Klagen über das Benehmen
der anderen Partei bei diesen Zusammenkünften die Erbitterung
1) Brandenburg, I, 8. 330.
2) Reg. A. No. 273.
3) Kf. an Albrecht von Man.sfeld und Andreas Pflug Mai 4, Heg. A. Na 273.
4) Brandenburg, Heinrich, S. 279f. Akten in Bog. A. No. 262. Der
Abschied bei G. A. Arndt, Neues Archiv der sächs. Gesch. I (1804), S. 259 ff.
Vergl. auch Müller, S. 95. Die weitere Korrespondenz in Reg. A. No. 268.
5) Gutachten Brücks und des Kf. für diese Strehlener Zusammenkunft o. D.,
Reg. A. No. 278. Akten über die Verhandlungen ebenda.
Digitized by Google
Das Verhältnis Job. Friedrichs zu den Albertinem u. zum Knrf. v. Mainz. 497
nur gesteigert. Besonders während des Naumburger Tages im
August 1540 trat das hervor. Beim Kurfürsten entstand daun
wohl der Gedanke, daß alle solche Bestrebungen aussichtslos seien.
Ich möchte es wenigstens aus solchen Stimmungen erklären, wenn
er gelegentlich versuchte, sich gewaltsam Recht zu verschaffen, so
im August 1540 durch einen Einfall in das Amt Kamburg und im
Laufe des Frühlings und Sommers 1541 durch einige ähnliche
Uebergriffe *).
Diese Ereignisse waren es, die schließlich den alten Herzog
Heinrich mit solcher Erbitterung gegen den Ernestiner erfüllten,
daß er seinem Sohn Moritz gewissermaßen als seinen letzten
Willen die Rache überließ*). Der Kurfürst scheint den Konflikt
mit dem Herzog weniger tragisch aufgefaßt zu haben als dieser*).
Sein Hauptbestreben war jetzt allerdings wohl schon auf die Ge-
winnung des jungen Moritz gerichtet. Schon seit dem Frühjahr
stand er diesem in den Streitigkeiten mit seinen Eltern mit seinem
Rate bei. Dabei handelte es sich besonders um das Testament,
durch das Heinrich unter dem Einfluß seiner Gemahlin den jüngeren
Bruder August Moritz gleichzustellen suchte. Die sich im einzelnen
nicht immer gleichbleibenden Ratschläge laufen alle darauf hinaus,
zu verhüten, daß Moritz sich in irgend einer Weise durch Anerkennung
des Testamentes binde ‘). Ranke hat mit Recht die üneigennützig-
keit im Benehmen des Kurfürsten betont®), dieser war sogar zu
dii-ekter Unterstützung des jungen Herzogs bei der .\ufrecht-
erhaltung der altväterlichen Erbfolgeordnung bereit ®). Eigene
Vorteile hatte er dabei wohl höchstens insofern im Auge, als er
auf die Dankbarkeit Moritzens rechnete und wohl auch darauf,
ihn bei seiner Jugend unter seinen Einfluß bringen zu können’).
Moritz verstand es, zum Teil vom Landgrafen beraten, sich nicht
1) Brandenburg, S. 279 f.
2) Brandenburg, 8. 280. Issleib, a. a. O. S. 325.
3) Er gab z. B. Heinrich auch jetzt noch Ratechlägc. Vergl. die Sendung
Löeers am 25. Juni, Brandenburg, 8. 294, Reg. H. p. 387, No. 147, Or. der
Instruktion.
4) M. P. C. I, 116-120. 137, 2. 139 Brandenburg, I, 8. 60. 67.
V. L a n g e n n , II, S. 209. Issleib, a. a. O. S. 304 f. 314.
5) IV, S. 196.
6) M. P. C. I, 148 f.
7) Eügene Betrachtungen des KI. über seine Anknüpfung mit Moritz in W. M.
Bl. 25b, 3a, 3b.
Beiträge zur neueren Geschichte Thüringens 1, a. 32
Digitized by Google
498
Kapitel IV.
allzusehr zu binden *), aber die ersten Monate nach seinem Re-
gierungsantritt brachten doch ein recht gutes Verhältnis zum Kur-
fürsten.
Schon als Moritz nur die Mitregierung neben seinem Vater
übernommen hatte, trat man in Verhandlungen über die nachbar-
lichen Gebrechen ein*), eine Anzahl von ihnen wurden in dem
Dresdener Vertrage vom 9. September erledigt, die noch uner-
ledigten versprach man sich bis Weihnachten zuzusenden*). Johann
Friedlich wurde durch den Dresdener Vertrag in eine sehr hoff-
nungsvolle Stimmung versetzt ‘) und brachte seine Versöhnlichkeit
zum Ausdruck, indem er sich Moritz z. B. in dessen Streit mit
seiner Mutter Kathaiina *) und in dem Prozeß gegen Antonius von
Schönberg*) gefällig erwies. Natürlich wird dabei aber auch mit-
gewirkt haben, daß er und der Landgraf den Herzog in der Frage
der Türkenhilfe und vor allem in der braunschweigischen Sache
für eine gemeinsame Politik zu gewinnen hofften *). Diesen beiden
Fragen sollte ja die Naumburger Zusammenkunft im Oktober 1541
dienen®). Daß die beiden Wettiner sich vorher in Leipzig ti-afen
und gemeinsam nach Naumburg reisten, konnte als ein Beweis des
guten Einvernehmens betrachtet werden ®). Auch auf diesem Tage
1) V. Langenn, II, 8. 210II. Brandenburg, I, 8. 67 f. M. P. C. I.
154 f. 158 ff. 160. lasleib, a. a. O. 8. 324.
2) Sendung Sebastian Pflugs an Kf. Aug. 7, Reg. A. No. 268, Or. der In-
struktion. (Nach W. M. Bl. 7b war der Kf. allerdings mit seinen Vorschlägen
sehr wenig zufrieden. Schönberg u. a. hofften dadurch Zank zu erregen.) Ant-
wort des Kf. vom 12. August. Sendung Brticks und Ponikaus an Moritz, Kopie
der Instruktion ebenda.
3) Müller, 8. 96. M. P. C. I, 212, Anm. 1. Brandenburg, 1,8. 166.
330. Or. des Vertrages Reg. A. Bl. 191, No. 4 •• o. 2. Die sich anschließenden
Korrespondenzen in Keg. A. No. 268.
4) An Ldgf. Sept. 21, Reg. H. p. 394, No. 149, I, Konz. Vergl. M. P. C.
I, 211. Anm. 1; W. M. B1.8b/9a Hier lobt er besonders die Haltung von Karlo-
witz und Fachs.
5) M. P. C. I, 219, 1, Reg. A. No. 277.
6) Nach W. M. 9a b, 10a b, 6a zogen die Räte Moritzens den Kf. in diese
Sache mit hinein, weU sie allein den Anhang Schönbergs, die alte Hzin. etc.
scheuten. Die Ernestinischen Räte und der Kf. gingen aus Freundschaft darauf ein.
7) Ixlgf. an Kf. Aug. 24, Kf. an Ldgf. Sept 1, Reg. H. p. 394, No. 149, I.
Vergl. M. P. C. I, 187, 1.
8) Siche S. 301. 308.
9) Moritz an Kf. Okt. 6, 8, Kf. an Moritz Okt 7, R^. A. No. 28S, Kf.
an Ponikau Okt. 7, Reg. A, No. 281.
Digitized by Google
Das Verhältnis Joh. Friedrichs zu den Albertinern u. zum Kurf. v. Mainz. 499
konnte man ja dann mit dem Verhalten des jungen Herzogs zu-
frieden sein, und am Ende des Jahres führte die von Moritz wie
von Johann Friedrich gehegte Ansicht, daß das Braunschweiger Unter-
nehmen wegen des Reichstages verschoben werden müsse, sogar zu
einer Interessengemeinschaft zwischen ihnen gegenüber dem Land-
grafen ‘). Andererseits machten sich aber doch schon in den letzten
Monaten des Jahres 1&41 bedenkliche Risse in der Freundschaft
beider Fürsten bemerkbar.
Schon die Verhandlungen über Schönberg und die über die
nachbarlichen Gebrechen nahmen keinen ganz glatten Verlauf, be-
sonders in der Münzpolitik lebte der alte Gegensatz bald wieder
auf*). Ferner zeigte Moritz ebensowenig Neigung, seinen Pflichten
gegen den schmalkaldischen Bund nachzukommen, wie sein Vater,
auch er ließ sich von der Abneigung der Landschaft und der alten
Räte Herzog Georgs gegen den Bund beeinflussen *), ja, bald nahm
er noch entschiedener Stellung als Heinrich, indem er am 24. Januai-
1542 dem Kurfürsten und Landgrafen eine förmliche Austritts-
erklärung aus dem Bunde zusandte. Nur den beiden Fürsten per-
sönlich wollte er helfen, wenn sie angegi ififen würden ‘). Trotzdem
gaben diese die Hoflnung, ihn zu halten, noch nicht auf, sie be-
schlossen, im Frühjahr 1542 eine Zusammenkunft mit ihm zu diesem
Zwecke zu veranstalten *). Sie hat durch den als Wurzener Fehde
bekannten Konflikt noch eine besondere Bedeutung erhalten.
Wenn man die Konespondenz Johann Friedrichs mit dem Land-
grafen und andere Aeußerungen des Kurfürsten und seiner Räte
aus dem März und April 1542 verfolgt®), wird man die Ueber-
1) Vergl. S. 309 f. M. P. C. I, 246 ff. Der Brief des Ldgfen. vom 25. Dez.,
den Brandenburg M. P. C. I, S. 276, 1 vermißt, findet sich Reg. H. p. 394,
No. 149, II, Or.
2) M. P. C. I. 240 ff. 320, 1, üeber allerhand kleinere nachbarliche Ge-
brechen von Ende 1.541 und Anfang 1542 vergl. Reg. A. No. 291/292. 268.
3) M. P. C. I, 234 ff. 237 ff. Brandenburg, I, S. 182ff. Kf. an Ldgf.
Dez. 10, M. P. C. I, 274, 1. Ldgf. an Kf. Dez. 25, ebenda S. 274 f.
4) M. P. C. I, 318.
.5) Ebenda S. 319, Anm., 325, Anm. 2. Brandenburg, I, S. 187.
6) Etwa die über die geplante Zusammenkunft mit Moritz. Noch am
18. März erklärt sich der Kf. einverstanden mit der Verschiebung der Reise des
Ldgfen. zu ihm bis in die Woche nach Judica, da sich auch das Verhältnis
Moritzens zum Bunde bis dahin klären könne. Reg. U. p. 452, No. 161, Konz.
Charakteristisch sind auch die durcliaus uneigennützigen Bedenken, die Johann
Friedrich am 31. März gegen den Plan Moritzens, in den Türkenkrieg zu ziehen,
32*
Digitized by Google
500
Kapit«! IV.
Zeugung gewinnen, daß man auf kurfürstlicher Seite das Unter-
nehmen gegen Wurzen nicht als einen irgendwie gegen die Albertiuer
gerichteten Schritt betrachtete, sondern nur die Rechte des Hauses
Wettin gegenüber den Bischöfen wahrnehmen wollte. Dabei war
man allerdings nicht ganz von dem Verdachte frei, daß man auf
Albertinischer Seite geneigt sei, sich Uebergriffe zu Ungunsten des
Kurfürsten zu erlauben *). Es muß ferner darauf hiugewiesen
werden, daß Johann Friedrich schon im Oktober 1541 ein gemein-
sames Vorgehen beider Linien in der Frage der Erhebung der
Türkensteuer angeregt hatte*). Das w'äre besonders dem Bistum
Meißen gegenüber ja das Korrekte gewesen. Wenn sich der Kur-
füi'st schließlich doch zu seinem verhängnisvollen Einzelvorgehen
im Amt Wurzen entschloß, so wurde er dabei vor allem von der
Ueberzeugung geleitet, daß er dort die Landesherrlichkeit besäße *).
Wie das schon von Ranke und Burkhardt ‘) benutzte „Bedenken“
Brücks vom 27. Februar zeigt, war die Absicht dabei nicht die,
geltend machte. ETentucU riet er aber, ihm das Kommando der protestantischen
Truppen zu übertragen. An Ijdgf. ebenda, Konz.
1) Das bringt z. 6. Brücks Denkschrift vom 27. Februar zum Ausdruck ; er
fürchtete, „es laufe ein Hund mit unter der Meißner halben, daß sie sich unter-
stehn werden, den Bischof zu Meißen ganz und gar an sich zu brmgen mit allen
seinen Gütern“. Reg. B. No. 1053.
2) Moritz an Kf. Okt. 4, Kf. an Moritz Okt. 6, Reg. Pp. No. 3. Auf dem
Naumburger Tage wollte man weiter über die Sache reden.
3) Immer wieder wird dieser Punkt von kursächsischer Seite betont. Brück
etwa leitet in dem Gutachten vom 27. Februar die Berechtigung zum Vorgehen
in Wurzen davon her, daß das Amt ,Jn und zu den Landen“ des Kf. „gelegen
und gehörig“ (Reg. B. No. 1053), und auch der Kf. schreibt am 21. März an
Moritz, daß das Amt Wurzen io seinem Fürstentum gelegen sei, M. P. 0. I,
350. Beweise dafür stellt er besonders in einer Denkschrift an den Ldgfen. vom
7. April zusammen. Vergl. Burkhardt, NASG. IV, S. 78. Sie ergeben aber
doch nur, daß in der Zeit Heinrichs öfters die Ausführung beschlossener Maß-
regeln im Amt Wurzen durch den Kf., im übrigen Stift durch den Hz. erfolgt
war. Festgelegt war aber nichts darüber. Brandenburg, I, S. 194. Uebrigens
beruhte die Hervorhebung der Landesherrlichkeit durchaus nicht nur auf einer
Privatmeinung des Kf. und Brücks. Aus den Landtagsakten ergibt eich, daß
auch der Ausschuß der Landschaft die Ansicht vertrat, daß die Grafen und
Herren mit ihren Gütern zur Türkensteuer herangezogen werden müßten, so-
weit diese im Kur- und Fürstentum gel^n seien. Der Ausschuß bat gleich-
zeitig den Kf., in gleicher Weise auch den Bischof von Meißen und die Verspruch-
städte, besonders Erfurt, heranzuziehen, „welche ane mittel in seinem fursten-
tumb zu Dhuringen bekraist und begriffen seien“. (R^. Q. No. 37, Bl. 135 f.)
4) Ranke, IV, S. 197. Burkhardt, a. a. O. S. 60.
Digitized by Google
DaB Verhältnis Joh. Friedrichs zu den Albertincm u. zum Kurf. v. Mainz. 501
das besetzte M’urzener Gebiet nun etwa auf die Dauer zu behalten,
man wollte nur zeitweilig die Verwaltung in die Hand nehmen,
um sich die Türkensteuer zu sichern, zugleich allerdings die Re-
formation in Wurzen durchzuführen'). Von einer Veranlassung des
Unternehmens durch militärische Erwägungen, durch die Erkenntnis
der Bedeutung der Muldepässe ist in den von kurfürstlicher Seite
ergangenen Aktenstücken nicht die Rede, nur Ossa, der selbst mit
dem Plan nicht übereinstimmte und bei den Beratungen meist nicht
zugezogen wurde, spricht davon*).
Auf Albertinischer Seite aber geriet man gerade aus solchen Er-
wägungen heraus in die höchste Aufregung, neigte auch dazu, in dem
Vorgehen des Kurfürsten System zu sehen, indem man die Wurzensche
Sache mit seinem Verfahren gegen Dobrüugk und gegen Erfurt in
Zusammenhang brachte®). Wir können aber wohl dem Kurfürsten
glauben, daß er die Besetzung Wurzens, die erfolgte, weil vom Bischof
Johann keine genügenden Erklärungen zu erhalten waren ‘), durchaus
nicht als einen feindseligen Schritt gegen Moritz betrachtete und sehr
verwundert über dessen GegenmalSregeln war®). Er sah sich da-
durch nun auch seinerseits zu Rüstungen genötigt®), war aber auch
1) Äehnlich auch Kf. an Ldgf. April 3, M. P. C. I, 387, 1 ; Reg. B.
No. 1053, Konz. ; P. A. Sachsen, Ernestinische Linie, 1542, Or. Der Kf. hebt hier
hervor, daß die Besetzung nur währen solle, bis er vom Bischof genügsame Ver-
sicherung erlange, daß er künftig als Landesförst genügenden Gehorsam bei ihm
finden werde und daß er dem heiligen Evangelium in Stadt und Stift Wurzen
seinen freien Gang ungehindert lasse. Vergl. auch Brück an Ldgf. April 10,
M. P. C. I, 412, Anm.
2) V. Langenn, 8. 32. Handelsbuch, 8. Cff. Auch Ossa erwähnt aber
nur, daß der Kf. die Muldepässe besetzt habe, als der Konflikt schon im Glange
war, sagt nicht, daß sein Vorgehen durch die Absicht auf eie veranlaßt worden
sei, 8. 10.
3) Moritz an Ldgf. März 2ö, M. P. C. I, 370 ff. ; an Kf. April 1, Langenn,
II, 8. 224 ff.
4) Auf Anfragen der kurfürstlichen Räte vom 4. März wq^n des Landtags-
besuchs und der Türkeneteuer antwortete der Bischof am 13. März in recht un-
bestimmter und nichtssagender Weise, Reg. B. No. 1053. Burkhardt, a. a. O.
S. 60/61. Ee fehlte allerdings auch auf kurfürstlicher Seite nicht an Verstößen in
dem Verkehr mit dem Bischof, war er dochzum Weimarer LandtagfJan. 1542) nicht
in korrekter Weise eingeladen worden. Brandenburg, I, 8. 194f. Burk-
hardt, 8. 59 f.
5) An die Räte in Speicr März 22, Reg. E. p. 51a, No. 103 I, Bl. 207 — 215;
März 31, 3 Zettel, ebenda Bl. 267 ; an Ldgf. April 3, siehe Anm. 1.
6) lieber die Vorgänge in Wurzen selbst vergl. Burkhardt, S. 63 — 72.
Digitized by Google
502
Kapitel IV.
bereit, die Sache durch die Käte oder vor den zwölf Niedergesetzten
verhandeln zu lassen *). Das hielt man aber auf der herzoglichen
Seite für unmöglich, solange der Kurfürst Wurzen besetzt hielt
Man verlangte, daß er es erst dem Bischof oder dem Landgrafen
übergebe*). Johann Friedrich zeigte dazu anfangs wenig Neigung'),
hat sich aber schließlich doch entschlossen, auf die Vermittluugs-
anträge des Landgrafen einzugehen. Neben den Ermahnungen, die
ihm von den verschiedensten Seiten, von der Herzogin Elisabeth*),
Luther ®), seinen Räten ”) zugingen, wird dabei gewiß auch seine
eigene Friedensliebe maßgebend gewesen sein ’).
Die Verhandlungen, die dann in Oschatz stattfanden, sind vom
Landgrafen mit außerordentlicher Gründlichkeit geführt w’orden.
Der Vertrag vom 10. April kann als ein W'erk aller drei beteiligten
Fürsten betrachtet w’erden*). Zunächst wurde darin die üeber-
gabe des Amts an den Landgrafen zur Rückgabe an den Bischof
festgesetzt. Ferner mußte sich Johann Friedrich dazu verstehen,
dem Herzog das Paßrecht in Wurzen, auf das es diesem am meisten
ankam, zuzugestehen. Dagegen wurde ihm im übrigen ein größerer
Einfluß in diesem westlichen Teile des Bistums gewährt, wogegen
er dem Vetter die entsprechenden Vorrechte in der Osthälfte über-
ließ. Bei Anlagen, Steuern u. dgl. sollte die Gesamtsumme ge-
teilt werden. Der Kurfürst erhielt auch freie Hand zur Durch-
führung der Visitation in Wurzen. Die Gemeinsamkeit der Sebutz-
herrschaft über das ganze Bistum wurde darin zum Ausdruck ge-
bracht, daß der Bischof die Landtage beider Staaten zu beschicken
hatte. Dagegen gelang es Johann Friedrich nicht, durchzusetzen,
1) An Moritz März 30, M. P. C. I, 383.
2) Moritz an Kf. April 1, Langcnn, II, S. 224 ff. Instruktion doe Ldgfea
für HiindclshauBcn April 1, M. P. C. I, 384, Anm.
3) Antwort an Hundelshausen April 4, ebenda S. 392, 3. Burkhardl,
S. 76 f. Kf. an Ldgf. AprU 5, M. P. C. I, 393, Anm.
4) Die Hzin. an Kf. April 4., 7, Loc. 9131 „Schriften der Hzin. von Roch-
litz . . . 1534“, Bl. 3. 1/2, Hdbf.; April 5, Langenn, II, S. 227.
5) Luther an Kf. April 9, Erl. 56, Llllf.; de Wette, VI, 8. 311 f. Vej^
M. P. C. 1, 400, Anm. 1.
6) Außer Ossa war z. B. auch Ponikau mit dem Verhalten dos Kf. nicht
ganz einverstanden, M. P. C. I, 388, 1.
7) Seiner Gemahlin spricht er am 10. April seine Freude über die Ver-
meidung des Krieges aus, Reg. L. p. 324, D, No. 3, Hdbf.
8) Näheres in M. P. C. I, S. 396 ff. Der Vertrag selbst ebenda, S. 407 fi
Digitized by Google
Das Verhältnis Joh. Friedrichs zu den Albertinem u. zum Kurf. v. Mainz. 503
daß der Herzog und er in dem Vertrage als Landesfürsten des
Bischofs bezeichnet würden.
Im ganzen hatte der Kurfürst Grund, mit Befriedigung auf das
Erreichte zurückzublicken. Daß es nur auf die Gefahr eines Krieges
hin erreicht worden war, wird ihm deswegen keine Sorge weiter
gemacht haben, weil er ja ein ganz reines Gewissen dabei hatte ‘).
Es fragt sich, ob auch wir ihn von Schuld freisprechen dürfen.
Ganz wird es nicht möglich sein. Er mußte wissen, daß man in
Dresden die Berechtigung seiner landesherrlichen Ansprüche be-
zweifelte, er mußte darauf gefaßt sein, daß sein einseitiges Zu-
greifen Moritz reizen würde*). Wenn solche Bedenken sich gar
nicht bei ihm regten, so wird man das als ein Zeichen einer ge-
wissen Unterschätzung der Albertinischen Regierung oder auch einer
Ueberschätzung der Dankespflicht des Herzogs gegen ihn betrachten
dürfen®). Und war er wirklich so kurzsichtig, alle diese Folgen
nicht zu ahnen, so hätten doch die Räte ihn von übereilten Schritten
zurilckhalten müssen ‘). Auf Albertinischer Seite dagegen hat man
offenbar zu weitgehende Befürchtungen über die .Absichten des
Kurfürsten gehabt und sich nun dadurch seinerseits zu Schritten
hinreißen lassen, die an sich nicht nötig gewesen wären, spannte
außerdem seine Ansprüche höher, als berechtigt war*).
Es war begreiflicli, daß der Landgraf, nachdem er die Wurzeusche
Fehde beigelegt hatte, die Gelegenheit benutzte, um auch gleich
noch für die Beseitigung anderer Anlässe zu Mißverständnissen und
1) Vergl. etwa die Rede, die der Kf. perRönlich am 12. April vor seiner Ritter-
schaft hielt, in der er erklärte, dafl er keine Ursache zu dem Konflikte gegeben
habe. (Reg.B. No. 1053; Burkhardt, 8. 80.) Ausführlicher hat er seine Ansicht
in einem Briefe an Markgraf Georg von Brandenburg vom 24. April ausgesprochen.
Nach diesem betrachtete er sich durchaus als den Angegriffenen, gab aber weniger
Hz. Moritz, als dessen alten Bäten die Schuld. (Reg. B. ebenda, Konz.) Im W. M.
bezeichnet er die „Vemrsachung des Teufels und die Anstiftung böser Leute“ als
Ursachen des Konfliktes, nimmt außerdem an, daß weitere Pläne dahinter gesteckt
hätten (Bl. la.).
2) Moritzens Brief vom 14. März hätte ihm als Warnung dienen müssen.
M. P. C. I, 344 f.
3) Vergl. Knrlowitz an Ldgr. April 4, M. P. C. I, 388.
4) Nach Ossas Tagebuch waren in einem Kronrat vom 9. März alle außer ihm
für Brücks aggressive Ratschläge, v. Langen n, 8. 32. Ossa, 8. 6 — 7.
5) Moritz an Kf. März 24, M. P. C. I, 361 ff. Burkhardt, 8.72f. Branden-
burg, 1, 8. 197.
Digitized by Google
504
Kapitel IV.
Zwistigkeiten tätig zu sein. So schlossen sich Verhandlungen über
die Münzfrage und über Erfurt an. lieber beides ist es in den
nächsten Monaten zu Vertragsabschlüssen gekommen.
ln der Münzfrage war durch den Dresdener Vertrag keine
Einigung erzielt worden. Moritz hatte vor allem über das vom
Kurfürsten gewünschte Fallen mit der kleinen Münze sich die Ent-
scheidung noch Vorbehalten. Der Kurfürst war mit Unrecht der
Meinung gewesen, daß Moritz dazu verpflichtet gewesen sei, der Herzog
hatte auf Wunsch seiner Landschaft das Fallen im März abgelehnt *).
Der Landgraf erreichte von ihm, daß er jetzt auf die Wünsche des
Vetters einging und wenigstens ein geringes Fallen mit der kleinen
Münze zugestand*).
Der Streit um Erfurt beruhte auf einer ähnlichen Veranlassung
wie der um Wurzen. Auch hier nahm der Kurfürst neben dem
Erbschutzrecht eine Landeshoheit in Anspruch und leitete daraus
allerhand Spezialrechte ab, z. 15. das Recht, die Türkensteuer von
den auswärtigen Lehen und anderen in seinem Fürstentum gelegenen
freien Gütern der Erfurter einzuziehen®). Der Landgraf hat am
8. Mai nur einen vorläuflgen Schiedsspruch fallen können, wonach
beide TeUe vorbehaltlich ihrer Rechte gestatteten, daß die Erfurter
die Türkensteuer diesmal in den gemeinen Kasten des Kreises
zahlten. Die definitive Entscheidung sollte, wenn keine gütliche
Einigung möglich wäre, durch das Oberhofgericht erfolgen ‘).
Durch die Wurzener Fehde war der ursprüngliche Zweck der
Zusammenkunft zwischen dem Kurfürsten, dem Landgrafen und
Moritz, der gewesen war, den Albertiner beim Bunde festzuhalten,
ganz in den Hintergrund gedrängt worden. Ganz aus den Augen
verloren hat der Landgraf die Sache zwar nicht, Moritz zeigte aber
jetzt noch weniger als früher Neigung, sich in eine engere Ver-
bindung mit den Schmalkaldenern einzulassen®). Dagegen konnte
Philipp mit seinen Erklärungen in der braunschweigischen Sache
zufrieden sein.
1) M. P. C. I, 367 und Anm.
2) Ebenda S. 437 f. und Anm.
3) Kf. an Ldgr. April 19, Reg. A. No. 290, Konz.
4) Arndt, Neues Arch. f. sächs. Geech. I, 137. M. P. C. I, 437,2. Kopie in
Cop. 4, Weimar.
5) JI. P. C. I, 421-423. Brandenburg, I, 8. 2071.
Digitized by Google
Das Verhältnis Job. Friedrichs zu den Albertinem u. zum Kurf. v. Mainz. 505
Es war unvermeidlich, daß der Groll, der durch die Wurzener
Fehde erzeugt worden war, nicht so schnell vorüberging. Die Bei-
legung der mannigfaltigen kleinen Differenzen, die es beständig
noch gab und die in den nächsten Monaten zu immer erneuten
Verhandlungen Anlaß gegeben haben, wird nach diesem Zusammen-
stoß eher schwerer als vorher gewesen sein '). Erst im Herbst
1542 gab es einen Moment, wo man von einem guten Verhältnis
der beiden Wettiner sprechen konnte’). Die Loyalität, mit der
Moritz sich in der braunschweigischen Sache benahm, mag dabei
mitgewirkt haben. Auch in der Frage der nachbarlichen Gebrechen
kam man in der nächsten Zeit einen bedeutenden Schritt weiter.
Beide Fürsten erteilten zwei Verträgen, die in Mühlberg und Dorn-
burg im Jahre 1542 geschlossen worden waren, ihre Genehmigung.
Wegen der noch unerledigten Punkte traten je di-ei Räte beider
Fürsten zu Verhandlungen zusammen, deren Resultat der Hainer
Vertrag vom 22. Februar 154.3 war, der wohl als einer der be-
deutenderen in diesen Streitigkeiten betrachtet werden kann. Die
Grenzen des beiderseitigen Leibgeleits wurden für verschiedene
Straßen genau festgesetzt, für die Erhebung der Türkensteuer wurde
das Herkommen als maßgebend bezeichnet, lieber eine Reihe anderer
Punkte sollten weitere Auseinandersetzungen stattfinden. .4us dem
Mühlberger Vertrage entnahm man die Bestimmung, daß rechtliclie
1) Eine Ende Mai geplante persönliche Zusammenkunft mußte wegen Er-
krankung dea Kf. unterbleiben. (M. P. C. I, 439, 1.) Ein zur Beilegung nachbar-
Ucher Gebrechen am 14. Mai geplanter Tag in Jena kam nicht zustande, weil
die herzoglichen Räte ausblieben. (Kf. an lAgf. Mai 20, Reg. A. No. 2C8.J Im
Juni fand dann der noch vom Landgrafen veranlagte Tag in Mügeln wegen der
Münzsache statt. (M. P. C. I, 439, 1.) Am 11. August 1542 wurde in Dornburg
ein Vertrag über Streitigkeiten zwischen dem Jungfrauenkloster in Jena und dem
Haus Lehesten geschlossen. (Or. Reg. A. Bl. 191, No. 4io, 4, ürk. Abschrift io
Cop. F. 4, Bl. 313 ff. Müller, S. 98.) Am 26. September kam wieder einmal
ein Vertrag über nachbarliche Gebrechen in Mühlberg zustande. Es bandelte
sich um 50 Funkte meist sehr lokaler Natur, doch kam es noch darauf an, daß
Moritz den Vertrag nach seiner Heimkehr aus dem Türkenkrieg bestätigte.
Einige Punkte, die rechtlich entschieden wenlen mußten, sollten durch das Oberhof-
gericht in der Invocavitsitzung erledigt werden. (Or. im Weim. Arch., Reg. A.
Bl. 191, No. 41.0, 3. Kopie in Cop. F. 4, Bl. 246ff. Vergl. Müller, S. 98.
Brandenburg, I, S. 218.)
2) Vergl. M. P. C. I, 491, 2. Am 17. November berichtet Ponikau dem
Dölzig über einen Besuch Moritzens in Lochau und den sehr freundschaftlichen
Verkehr bdder Fürsten. Reg. C. No. 882, Bl. 14/15, Hdbf.
Digitized by Google
506
Kapitel IV.
Erörterungen vor dem Oberhofgericlit erfolgen sollten, doch be-
stimmte man jetzt die Crucissitzung dafür ^).
lieber die Ausführung dieses Vertrages hat es in den nächsten
Monaten eine lange Korrespondenz gegeben, an der sich auch die
beiden Fürsten persönlich beteiligten *). Mit der Entgegennahme
aller der Handlungen, die vor das Oberhofgericht gehörten, wurde
vom Kurfürsten der Schösser zu Jena Wolf Töpfer beauftragt, die
Haupt- und Amtleute erhielten Befehl, ihm das Material zuzu-
schicken. Der Termin wurde am 25. Mai auf das Hofgericht Lueiae
verschoben. Auch manche gemeinsamen Ausschreiben und Befehle
ließen die Vettern in den nächsten Wochen ergehen. Kurz, man
war zu ähnlichen Verhältnissen zurückgekehrt, wie sie im Jahre
1534 bestanden hatten.
Es paßt durchaus in diesen Zusammenhang, wenn der Kurfürst,
der jetzt die Hoffnung aufgegeben hatte, Moritz noch im schmal-
kaldischen Bunde festzuhalten, im Februar 1.543 ein Sonderbündnis
zwischen dem Landgiafen, Moritz und ihm „der Religion halben"*
vorschlug, machte er doch selbst bei dieser Gelegenheit darauf auf-
merksam, daß durch den Landgrafen und durch die beiderseitigen
Räte alle Irrungen mit Ausnahme des Schutzes von Erfurt aus-
geglichen seien*). Aus diesem Sonderbündnis ist dann aber doch
nichts geworden^), und die eben geschlossene Freundschaft begann
schon sehr kurze Zeit nach der Ratifikation des Hainer Vertrages
wieder brüchig zu werden. Gerade die unerledigten Erfurter Ver-
hältnisse waren es, die den Stein des Anstoßes bildeten. Im Mai
hatten die beiderseitigen Räte ohne Erfolg darüber korrespondiert®),
im Juni hielten die Fürsten zwar noch in Buchholz und Annaberg
eine persönliche Zusammenkunft ab ®), im Juli aber war man schon
wieder so weit, daß sich Moritz an den Landgrafen wandte und
diesen um seine Vermittlung ersuchte, gleichzeitig aber in einem
1) Unterschriebenes, aber nicht besiegeltes Or. des Vertrages in Weimar,
Cop. F. 4, Bl. 289 ff. Beiabredo BL 307 ff. Vergl. Müller, S. 99.
2) Reg. A. No. 293a.
3) Kf. an Ldgf. Febr. 26, M. F. C. I. 623 Anm.
4) Ebenda.
5) M. P. C. I, 635 Anm.
6) M. P. C. I, 632, 1.
Digitized by Google
Das Verhältnis Job. PViedrichs zu den Albertinem u. zum Kurf. v. Mainz. 507
scharfen Brief die Uebergriffe, die der Kurfürst sich erlaubt habe,
zurückwies ^).
Die Ursache des Streites hatte mit der zur Wurzener Fehde
eine gewisse Verwandtschaft, indem es sich darum handelte, ob
dem Kurfürsten auf den Erfurter Straßen weiter gehende Rechte
Zuständen als dem Herzog. Dieser beanspruchte zwei der Erfurter
Straßen für sich und brachte diese Ansprüche durch Beschlagnahme
des Pferdes eines Friedbrechers zum Ausdiuck. Anstatt deswegen
nun den Weg der Klage zu beschreiten, hatte Johann Friedrich
zu Repressalien gegriffen, indem er „zur Gegenschanze“ vier Wals-
lebener Bauern, die an der Sache ganz unschuldig waren, fest-
nehmen ließ *). Daneben beschritt er allerdings den vorgeschriebenen
Weg der Verhandlungen, indem er zwei seiner Räte an zwei Räte
des Herzogs schreiben ließ. Es gelang aber nicht, die Sache auf
diese Weise beizulegen. Auch der Kurfürst bat darauf den Land-
grafen um seine Vermittlung, er war bereit, die Bauern freizulassen,
wenn das Pferd herausgegeben werde. Philipp bemühte sich durch
energische Friedensmahnungen für die Beilegung des Streites zu
wirken, seine eigne Vermittlung schien ihm unpraktisch, er empfahl,
die Sache durch die Räte beilegen zu lassen®). Moritz war mehr
für eine rechtliche Entscheidung durch vier Räte des Oberhofgerichts
und eine Universität. Das hatte dann wieder einen weiteren ge-
reizten Schriftwechsel zur Folge. Schließlich ging der Kurfürst
auf den Vorschlag ein, erklärte sich auch zur bedingten Freilassung
der Bauern bereit, d. h. auf Wiedereinstellen, wie [dann geschah.
Dadurch, daß der Verbleib des Pferdes nicht festzusteUen war,
wui'de der Fall kompliziert und war schließlich noch nicht erledigt,
als Moritz sich im Herbst zum Türkenzuge vorzubereiten begann*).
Er verschob schließlich am 26. September die weitere Erörterung
der Sache bis zu seiner Heimkehr®).
1) Moritz an Ldgf. Juli 1, M. P. C. I, 634 f. ; an Kf. Juli 3, ebenda S. 63.Ö, 1.
2) Brandenburg, I, 8. 362. Korrespondenzen in Reg. G. No. 16ab. Der
Kf. nahm anfangs an, daß die Beschlagnahme des Pferdes durch den Amtmann
zu Herbsleben Hans Vitztum von Eckstädt ohne Wissen des Hzs. erfolgt sei,
zur Gegenschanze riet Brück am 13. April. Die Bchuld schob er vor allem auf
die Erfurter, die vom Kf. unabhängiger werden wollten.
3) M. P. C. 1, 639 und Anm. 1.
4) Ebenda 641 und Anm. 2.
5) An Ldgf., Kopie in Reg. G. No. 16b. Dort überhaupt die auf die Ver-
mittlung des Ldgf. bezügliche Korrespondenz.
Digitized by Google
508
Kapitel IV.
Dem Laudgrafen waren diese Streitigkeiten um so unan-
genehmer, als er damals gerade wegen der allgemeinen Lage aufs
dringendste eine politische Verbindung mit Moritz wünschte und
zu diesem Zwecke den Plan des Kurfürsten vom Februar wieder auf-
nehmen wollte. Er riet diesem deswegen zur Nachgiebigkeit in jenen
kleinen Streitigkeiten. Johann Friedrich war aber jetzt so stark
gegen Moritz eingenommen, daß er Zweifel darüber aussprach, ob
der Herzog auch nur dem Landgrafen gegen den Kaiser helfen
tvürde. Er überließ jedenfalls die Initiative bei den geplanten
Verhandlungen ganz dem Landgrafen*). Auch gegen den Braun-
schweiger versprach der Kurfürst sich von Moritz jetzt nicht mehr
viel*), verfolgte auch dessen Reise nach den Niederlanden im
September mit Mißtrauen*). Im Oktober scheint sich dann das
Verhältnis etwas gebessert zu haben. Man trat wieder in aussichts-
voll erscheinende Verhandlungen über die Erfurter Streitfragen
ein*), der Kurfürst sowohl wie der Landgraf waren mit dem Vor-
gehen des Herzogs in der merseburgischen Angelegenheit sehr
einverstanden®), man hoffte sich auch in der braunschweigischen
Frage der Fürsprache des Herzogs beim Kaiser erfreuen zu können ®).
Seit dem Frühjahr 1544 begann dann aber ein neuer großer latent
schon längere Zeit vorhandener Gegensatz der beiden sächsischen
Linien wirksam zu werden, der hervorgerufen wurde durch ihre
einander widersprechenden oder wenigstens schwer in Einklang
zu bringenden Absichten auf die Stifter Magdeburg und Halber-
sta4t. Es wird sich empfehlen, bei dieser Gelegenheit die Ent-
wicklung des Verhältnisses des Kurfürsten zu .A.lbrecht von Mainz
im Zusammenhang zu verfolgen. —
Wir hatten früher Gelegenheit, auf das gute Verhältnis hinzu-
weisen, das 15.S.%'.^4 zwischen Johann Friedrich und dem Mainzer
Kurfürsteu bestand. Ifan hatte damals im Ernste an ein Bündnis
denken können, wiederholte Gesandtschaften und Zusammenkünfte
waren möglich, und gemeinsam hatten beide Fürsten sich der
1) Ldgf. an Kf. Juli 31, Kf. an Ldgf. Aug. 5, I.idgf. an Kf. Aug. 8, Kf. an Ldgf.
Aug. U, Reg. H. p. 546, No. 180 und p. 551, No. 181. Vergl. M. P. C. I, 650, 1.
2) M. P. C. I, 665, 1.
3) Brandenburg, I, S. 252.
4) M. P. C. I, 688 Anm. Kf. an Ijdgf. Okt 23.
5) Ldgf. an Kf. 1544 Jan. 18, Kf. an Ldgf. Jan. 26, Reg. H. p. 574, No. ISS, L
6) Kf. an Moritz 1543 Okt. 3, M. P. C. I, 688 Anm.
Digitized by Google
Das Verhältnis Joh. Friedrichs zu den Albertinem u. zum Kurf. v. Mainz. 509
Beilegunp: des Wüi-ttemberger Krieges annehmeu können •). Wenn
an die Stelle dieser guten Beziehungen seit dem Sommer 1534 eine
von Jahr zu Jahr sich steigernde Feindschaft trat, so ist die Ursache
dazu in erster Linie auf religiösem Gebiete zu suchen. Albrecht
begann bestimmter als bisher in der religiösen Frage Stellung zu
nehmen, er ging gegen das in Halle eiugedrungene Evangelium
vor, ließ protestantische Bürger, sogar Mitglieder des Rates, aus
der Stadt ausweiseu *) und geriet dadurch in Konflikt mit Luther,
der sich in einem Briefe an Joh. Friedrich vom 5. Juni 15.34 seiner
verfolgten Anhänger energisch annahm®). Nun wäre es nach den
Anschauungen, zu denen man sich sonst bekannte, für den
sächsischen Kurfürsten allerdings kaum möglich gewesen, in diese
Frage anders als durch Verwendungen bei Albrecht einzugreifen,
wenn Johann Friedrich nicht besondere Rechte in Halle für sich in
Anspruch genommen hätte. Er glaubte sich als Kuifürst von
Sachsen wie seine Vorgänger zur Führung des Titels eines Burg-
grafen von Magdeburg berechtigt und leitete aus diesem .\mte
Rechte auf die Gerichtsbarkeit in Halle ab, die ihm auch ein Ein-
greifen in jener religiösen Frage erlaubt erscheinen ließen, indem
er nämlich annahm, daß das Recht der .Ausweisung nur ihm als
Besitzer der Banngewalt zustände ®). Die aus Halle ausgewiesenen
Ratsherren machten ihn sogar selbst darauf aufmerksam, daß er als
Burggraf zu Magdeburg der oberste GerichtsheiT in Halle sei").
Auf Grund dieser Rechtsansprüche wandte sich Johann Friedrich
am 4. Dezember an den Rat und an Schultheiß und Schöffen zu
Halle ’), und als diese sich einfach auf den Erzbischof beriefen,
richtete er seine Beschwerden auch an diesen selbst®). .Albrecht
hat darauf zunächst durch Sendung zweier Räte nach Wittenberg
die Hand zu gütlichen Verhaudlungeu geboten“); als aber dann
1) VergL ö. 30 ff.
2) Hülße, S. 134 ff.
3) E n d e r 8 , X , S. 49 f.
4) Hülße, 8. 127 ff.
5) Jede Berechtigung des Vorgehens des Kf. bestreitet Hülße, S. 113.
120 f. 123 ff. 137 f. Auch Brandenburg, D. Z. f. G., N. F. I, 261 f. nimmt
an, daß der Kf. zum mindesten weit mehr beanspruchte, als berechtigt war.
6) Hülße, 8. 136.
7) Ebenda S. 136 f. Dreyhaupt, I, 8. 204f.
8) Hülße, ebenda.
9) Hülße, S. 137/38.
Digitized by Google
510
Kapitel IV.
Johann Friedrich noch eine zweite Zusammenschickung: der Räte
vorschlug, ging er nicht darauf ein, sondern erklärte, daß er ohne
Zustimmung seines Domkapitels nichts weiter in der Sache tun
könne *). Durch Herzog Georg, den er gleichzeitig um Rat gefrag^t
hatte, wurde er in dieser Haltung bestärkt -). Er benutzte die ge-
wonnene Frist, um mit seinen Verbündeten, dem Kurfürsten von
Brandenburg, den Herzögen Erich und Heinrich von Braunschweig,
in Verbindung zu treten’), dem Kurfürsten gab er auf wiederholte
Schreiben immer dieselbe Antwort, erzeugte aber dadurch bei diesem
nur die Ueberzeugung, daß man ihn hinhalten wolle*). Schließlich
hatte aber auch Johann Friedrich nichts dagegen einzuwenden, daß
die Sache vor den Kaiser oder vor die Erbeinungsfürsten und
andere Fürsten gebracht w'erde’).
Wie es seine .\rt war, gedachte er dann diese Gelegenheit zu
benutzen, um gleich noch allerhand weitere Beschwerden zur Er-
ledigung zu bringen ®), auch die Angelegenheit des Hans v. Schönitz ’)
nahm er dabei mit auf. Im Sommer 1535 setzte dann die Vermittlung
des Landgrafen ein. Seit dem Juni gingen seine Gesandten wieder-
holt zu den beiden Fürsten, im August gelang es ihm, die Zu-
stimmung beider dazu zu gewinnen, daß Joachim II. von Branden-
burg und er die Vermittlung übernahmen. Ein Tag, der zu diesem
Zwecke anfangs für den 6. Oktober in Nordhausen geplant war,
mußte allerdings mehrfach verschoben werden und hat schließ-
lich erst Ende Mai und .\nfang Juni 1536 in Naumburg statt-
gefunden *).
Schon seit dem Januar finden wii’ den Kurfürsten mit den vor-
bereitenden Schritten für diesen Tag beschäftigt, außer den Juristen
Brück, Schürf, Sindriuger und Pauli®) mußte auch Spalatin zu
1) Hüiße, 8. 139 f.
2) Albrecht an Georg lö35, Febr. 3, der Hz. Georg an Albrecht v. Mainz
Febr. 8, Loc. 10073 „Irrungen zwischen dem römischen König . . . 34/35“, Or.
und Konz.
3) Hüiße, S. 141.
4) Antwort des Kf. an Feige April 19, Reg. H. p, 92, No. 38, Bl. 69 — 75.
5) Hüiße, S. 1421.
6) Hüiße, 8. 14:i f.
7) Vergl. etwa Köstlin-Ka werau, II, 8. 419.
8) Hüiße, 8. 144«.
9) Brück an Kf. 1536 Jan. 2, Loc. 9650 „des Kf. zu Sachsen und Dr.
Gregorii Brücken . . . 1537“, Or. Kf. an Bruck Jan. 7, ebenda, Konz.
Digitized by Google
Das Verhältnis Job. Friedrichs zu den Albertinern u. zum Kurf. v. Mainz. 511
diesem Zwecke tätig sein ‘), am 17. Januar hatte Brück schon 21
„Verunruhigungen“ des Erzbischofs gegen den Kurfürsten zu-
sammengestellt’). Noch ehe es dann aber zu Verhandlungen vor
den Vermittlern kam, trat der magdeburgische Kanzler Türk an
Brück und Schürf mit dem Vorschlag heran, einen Versuch zu
gütlicher Beilegung der Sache zu machen®). Da man auf kur-
sächsischer Seite der Unpai-teilichkeit der Vermittler, besonders
des Brandenburgers, nicht traute, hielt man für ratsam, auf diesen
Vorschlag einzugehen*), und es kam Anfang Februar zu einer zu-
nächst ganz unverbindlichen Zusammenkunft der Räte in Leipzig ®).
Zu einer Einigung kam es nicht und ebensowenig auf einer zweiten
Tagung, die am 21. und 22. März wieder in Leipzig abgehalten
wurde. Sie bot aber Gelegenheit für beide Teile, ihren Rechts-
standpnnkt in sehr ausführlicher Weise darzulegen®).
Das Scheitern dieser Verhandlungen steigerte die Feindschaft.
In Schreiben an den Landgrafen brachten beide Teile ihre Be-
schwerden gegeneinander zum Ausdruck’); dessen Vermittlung
gewann nun an Bedeutung, vor allem der Kurfürst verließ sich ganz
auf sie und war der Meinung, daß zunächst eine gütliche Einigung
versucht werden, und wenn sie scheitere, ein rechtmäßiger „ver-
peent“ Kompromiß und rechtlicher Austrag bewirkt werden müsse.
Als Voraussetzung betrachtete er dabei aber, daß sich der Kardinal
inzwischen aller Eingriffe in seine Rechte enthalte und die An-
gelegenheit der Hallenser Bürger in ihren vorigen Stand setze®).
Im ganzen habe ich doch den Eindruck, daß er damals eine
Beilegung des Streites wünschte, suchte er doch im Mai das Er-
scheinen einer Schrift Luthers in der Schönitzschen .Angelegenheit
zu verhindern®), und daß es mehr die Schuld Albrechts war, wenn
1) Kt an Spalatin Jan. 15, Reg. 0, No. 56, Bl. 10, Or. Vergl. Hülße,
8. 150.
2) Brück an Kt Jan. 17, Loc. 9650 a. a. O., Or.
3) Ebenda.
4) Ebenda und Kt an Brück Jan. 25, ebenda, Konz.
5) Kf. an Brück Febr. 7, Ecg. N. No. 62, IV, Konz. Danach sollte die Zu-
sammenkunft am 8. oder 9. stattfinden. Vergt Hülße, 8. 148t
6) Hülße, 8. 149—151.
7) Brück an Kt April 13, Loc. 9650 a. a. O., Or.; Kt an Ldgt April 15,
ebenda, Konz., Or. P. A. Emestiner 1536; Hülße, 8. 151.
8) Ebenda.
9) Kf. an Brück Mai 14, Reg. H. p. 97, No. 41, Konz.
Digitized by Google
512
Kapitel IV.
die Naumburger Verhandlungen zu nichts führten. Er war nicht
selbst anwesend und lehnte auch alle Vorschläge, die ihm gemacht
wurden, ab *). Johann Friedrich folgerte daraus, daß sein Gegner
überhaupt keinen Vergleich wünsche, nahm seinerseits aber die
am 20. Juli vom Landgiafen und Joachim von neuem angebotene
Vermittlung an’). Daneben tat er allerdings Schritte, um seine
Rechte in Halle zu wahren. Durch eine Gesandschaft ließ er dort
am 7. August einen feierlichen Protest gegen die Weigerung des Erz-
bischofs, einen Vergleich anzunehmen, aussprechen ’). Der Mainzer
antwortete am 4. September, äußerte dabei den Gedanken, die
Sache vor den Kaiser und das Kammergericht zu bringen, erklärte
sich aber schließlich auch mit erneuter Vermittlung der beiden
Fürsten einverstanden ‘). Daneben wandte er sich allerdings auch
schon an das Kammergericht und an König Ferdinand und trug
diesen die Sache vor *), ja, es war sogar schon davon die Rede, daß
er rüste®).
Schließlich warteten beide Teile doch das Resultat der Ver-
mittlung ab. Sie ging mit Zustimmung der Parteien jetzt aus
den Händen des Landgrafen und Joachims II. allein in die aller
Erbeinigungsfürsten über’) und wurde, da sie in Verbindung mit
dem geplanten Erbverbrüderungstage stattfinden soUte, bis in den
Anfang des Jahres 1.537 verzögert, doch erfolgten schon vorher
einige Schritte, die als Vorbereitung der Vermittlung betrachtet
werden können. Da bemühten sich die HohenzoUern, zu bewirken,
daß der Kurfürst Luther zum Schweigen dem Mainzer gegenüber
veranlasse, und fanden bei ihm damit auch einiges Entgegen-
kommen ®). Da erschienen brandenburgische und herzoglich sächsi-
sche Räte bei Johann Friedrich, um ihn von allen Tätlichkeiten
1) Hülße, S. 261 f.
2) Kf. an Ldgf. Aug. 1, Keg. H. p. 112, No. 52, Konz.
3) Hülße, 8. 262f.
4) Ebenda 8. 263.
5) Hülße, S. 263 ff.
6) Ldgf. an Kf. Okt. 25, Kf. an Ldgf. Nov. 5, Loc. 9136 „des Kf. zn
Sachsen Beschwerung . . . 1536“.
7) Hülße, 8. 265.
8) Die Brandenburger an Kf. Okt. 24, Keg. N. No. 61, Or. Secken-
dorf, III, 8. 198. Kf. an die Brandenburger Nov. 6, Reg. N. ebenda. Konz.; an
Brück Nov. 6, ebenda; Luther an Brück Dez. 10, ErL 55, 157 ff. Enders, XI,
8. 142 f.
Digitized by Google
Dag Verhältnig Joh. Friedrichg zu den Albertinern u. zum Kurf. v. Mainz. 513
gegen Albrecht fernzuhalten '). Immerhin war die Stimmung
auch, als im März 1537 der Zeitzer Tag zusammentrat, noch sehr
gereizt, und man befürchtete einen kriegerischen Zusammenstoß,
■wenn es in Zeitz nicht gelang, einen Ausgleich zu finden*).
Tatsächlich kam dort ein Kompromiß zustande: 17 Räte der
sämtlichen beteiligten Fürsten sollten am 3. Juni in Zerbst Zusammen-
kommen, weiter über die Sache verhandeln und ein Urteü fäUen.
Auf einem Fürstentage in Zerbst am 3. Februar 1538 sollte dann
die endgültige Entscheidung stattfinden®). Nachdem die beiden
streitenden Fürsten sich einverstanden erklärt hatten, hat am
3. Juni die Verhandlung der Räte begonnen ‘). Sie haben ganz
außerordentlich gründliche und langwierige Beratungen vorge-
nommen, von beiden Seiten wurden Akten und Zeugen beigebracht,
der kurfürstliche Standpunkt wurde besonders durch Brück mit
großem Eifer vertreten®). An seiner jeweiligen Stimmung und
der des Kurfürsten können wir den Gang der Verhandlungen ver-
folgen. Im August hielt der Kanzler z. B. den Stand der Sache
für ziemlich ungünstig®), und Johann Friedrich war sogar nicht
abgeneigt, den Kompromiß zu sprengen Gegen Ende des Jahres
1) Kf. an Brück Nov. 18, Loc. 9050 a. a. O., Konz.; an Joachim und
Georg Nov. 26, Loc. 9650 „Gebrechen zwischen Herrn Albrecht . . . 1536“, Or.
Vom 29. Not. bis 7. Dez. war der Kf. in Wittenberg, die Gesandten waren während
dieser Zeit drei Nächte lang dort. Reg. Bb No. 5585.
2) Mila an Kf. 1537 Jan. 10, 13, Reg. H. p. 124, No. 56, Or. Kf. an
Mila Jan. 21, ebenda. Konz. Vorstius an Paul III. März. 2, Conc. Trident
IV, 87 f.
3) März 18 ff. Hülße, 8. 266 f.
4) HülQe, S. 267 ff. ‘Es ist noch hinzufügen, daß auch Zeugen, „ehrliche
alte Leute“ befragt wurden. Brück an Kf. Juni 16, Juli 7, 10, 19, 21, 23, Loc,
9650 „des Kf. zu Sachsen und Dr. Greg. Brück . . 1537“, Or. Die Briefe Brücks
zeigen, daß auch Spalatin wieder Nachforschungen anstellen mußte. Vergl. auch
Bcrbig, Q u. D. V, 29.
5) Besonders sein Brief an Kf. Juli 29 (Loc. 9650 a. a. O., Or.) zeigt,
wie unentbehrlich er war.
6) Besonders weil ein solcher Druck auf die Hallenser ausgeübt wurde, daß
sie nichts auszusagen wagten, an Kf. Aug. 12, Loc. 9650 a. a. O., Or., anderer
Brief von dems. Tage, Hdbf., ebenda.
7) An Brück Aug. 20, ebenda, Konz. Nicht angängig schien es ihm, das
Zeugenverhör für nichtig zu erklären, da man einem Kf. des Reichs doch nicht
vorwerfen könne, daß er die Zeugen beeinflusse; er batte aber nichts dagegen,
daß man eine so scharfe Schrift an die Vermittler richte, daß der Kardinal in-
folgedessen von dem Kompromiß abfiele.
Beiträge zur eeueren Geschichte Thüringens I, 2. 33
Digitized by Google
514
Kapitel IV.
finden wir Brück etwas müde, mißtrauisch gegen den Branden-
burger, zufrieden dagegen mit den Hessen *). Der Kurfürst rechnete
jetzt bestimmt auf Sieg*). Er bemühte sich außerdem, den Land-
grafen zu bestimmen, persönlich auf dem Zerbster Tage zu er-
scheinen. Dieser fügte sich nach einigem Widerstreben*).
Als so alles im besten Gange, das Urteil der Räte so gut wie
fertig war und es nur noch auf die Entscheidung des Fürstentages
ankam, wurde plötzlich durch das Eingreifen des Kaisers alles
wieder in Frage gestellt. Durch einen Brief vom 10. Juli, der
aber erst am 12. Januar 1538 durch Held aus Mainz an Joachim II.
gesandt wurde, untersagte er den beteiligten Fürsten, den hallischen
Streit weiter zu verhandeln, da er die Sache selbst entscheiden
wolle ‘). Er betrachtete den Streit als einen Streit um Reichslelm,
der vor sein Gericht gehöre*). Den beteiligten Fürsten erschien
es aber als etwas Ungewöhnliches, daß der Kaiser in solcher
Weise in ein Schiedsgerichtsverfahren eingrüF. Daher ließ sich
nur Herzog Georg von Sachsen dadurch beeinflussen und zog sich
aus den Verhandlungen zurück, während die anderen unbedenklich
zu der verabredeten Zeit in Zerbst zusammenkamen und vom
3. — 24. Februar dort tagten®). Trotz der Bedenken, die von
magdeburgischer Seite dagegen geäußert wmden, beschloß man
auf Grund einer kursächsischen Darlegung, ohne Rücksicht auf das
kaiserliche Mandat die Verhandlungen fortzusetzen, indem man
annahm, daß der Kaiser nicht genügend unterrichtet gewesen sei.
Auch die Vertreter Albrechts fügten sich diesem Beschluß, und
durch den Mund Türks und Brücks*) legten die Parteien noch
einmal ausführlich ihre Rechte dar. Am. 23. wurde das Urteil
gefällt, es lautete außerordentlich günstig für den Kurfürsten von
Sachsen, seine Ansprüche auf das Burggrafentum, Grafengedinge,
das Recht, in Halle dreimal im Jahre Gericht zu halten etc., wur-
1) Zahlreiche Briefe aus dem Nov. und Dez., Loc. 9650 a. a. O.
2) An Brück Dez. 20, Konz., ebenda.
3) Kf. an Ldgf. Nov. 2, P. A. Sachsen, Emestinische Linie, 1537 II, Hdbt
L<lgf. an Kf. Dez. 7, Beg. H. p. 139, No. 65, Or. Kf. an Ldgf. Der. 15, ebenda,
Konz. Ldgf. an Kf. Dez. 25, Reg. H. p. 211, No. 95, Or., Zettel.
4) HulOe, S. 269.
5) Brandenburg, DZG., N. F. I, S. 262 f., W. M. Bl. 4a.
6) Hülße, S. 270 ff. Ldgf. an Kf. 1538 Jan. 26, Reg. H. p. 191,
No. 88, Or.
7) Vergl. Kawerau, I, 8. 274 f.
Digitized by Google
Das Verhältnis Job. Friedrichs zu den Albertinem u. zum Kurf. v. Mainz. 5l5
den anerkannt, dagegen allerdings der eigentliche Ausgangspunkt
des Streites, die Frage der Ausweisungsbefugnis von Hallenser
Bürgern, zugunsten des Kardinals entschieden *). Am 24. Februar
einigten sich dann die Parteien, wohl um für die Zukunft aUe
Differenzen zu verhüten, dahin, daß der Erzbischof dem Kurfürsten
für die Abtretung aller seiner Rechte am 29. April 1538 das Amt
Dahme und am 24. April 1540 50000 11. zu übergeben habe, für
diese Summe sollten 50 Adlige und 4 Städte Bürgen sein, den aus
Halle vertriebenen Bürgern wurde eine Fi’ist zum Verkauf ihrer
Güter gewährt*).
Dieser Vertrag bedurfte aber, um gültig zu werden, noch der
Genehmigung Albrechts und des in Zerbst nicht vertretenen Herzogs
Georg und der Bestätigung des Kaisers. Auf ersteren haben die
beteiligten Fürsten in recht energischer Weise zu wirken gesucht,
indem sie ihm ankündigten, daß sie den sächsischen Kurfürsten
unterstützen müßten, wenn der Streit nicht beigelegt und ihm seine
Rechte weiter vorenthalten würden®). Albrecht ließ sich dadurch
aber nicht beeinflussen, sondern machte seine Genehmigung von
der des Kaisers abhängig ‘). Ein anderes Hindernis für die Aus-
führung des Vertrages lag iu der Weigerung Georgs, ihn anzu-
erkennen, da Johann Friedrich die fraglichen Rechte nicht gut ohne
Zustimmung des Gesamthauses Sachsen abtreten konnte. Auch
Georg machte aber seine Zustimmung von der des Kaisers abhängig®).
Auch die Stände der Stifter Magdeburg und Halberstadt machten
Schwierigkeiten®). Der Kurfürst war uicht ganz ohne Recht ge-
neigt, anzunehmen, daß hinter alledem der Mainzer stecke, und
begann daher an dessen ehrlicher Versöhnlichkeit immer mehr zu
zweifeln ’). Seine Stimmung wai' infolgedessen im Sommer 1538
eine ziemlich feindselige, er . hatte wenig Lust, Luther in der
1) Hülße, S. 273 f. Hortleder, I, 2, S. 1103 K.
2) Hülße, 8. 274 ff.
3) Hülße, 8. 279 f. Hortleder, a. a. O.
4) Hülße, 8. 280 f.
5) Hülße, 8. 277 f.
6) Hülße, 8. 282 f.
7) Ebenda. Brück an Kf. Mai 30, Reg. H. p. 175, No. 82, Hdbf., über die
Entetehung der Schrift der Stände der Stifter Magdeburg und Halbcrstadt. H o r t -
leder, 1,2, 8. 1105 — 1108. Kf. an Joachim II. Juli 4, Reg. N. No. 61, Konz. Vergl.
auch Brandenburg in DZG., N. F. I, 8. 263.
33*
Digitized by Google
516
Kapitel IV.
Lemniusscheu Angelegenheit den Mund zu verbieten ‘), auch der
Gedanke eines tätlichen Vorgehens gegen den Kardinal lag ihm
nicht ganz fern*). Andererseits dachte er allerdings auch darau.
in die Eisenacher Friedensartikel einen über die hallische Sache
mithineinzubringen, vor allem ein solches Eingreifen des Kaisers,
wie es diesmal erfolgt war, für die Zukunft unmöglich zu machen *).
Schließlich ging aber dann doch die brandenburgisch-hessische
Vermittlung weiter, vom Landgrafen wurden Vorschläge gemacht *).
Johann Friedlich legte dabei Wert darauf, daß in Zerbst infolge
der felllenden Zustimmung Georgs ein Vertrag nicht zustande ge-
kommen sei und daß daher jetzt neue Vorschläge möglich seien.
Er hat solche etwa im August gemacht, vielleicht auch einfach
die des Landgrafen übernommen. Sie liefen anscheinend darauf
hinaus, daß er jetzt Dahme und das Geld auf einmal haben wollte*).
Es scheint, daß der Landgraf diese Vorschläge an den Kurfürsten
von Brandenburg gelangen ließ. Dieser hätte es zwar lieber ge-
sehen, wenn man einfach an der Zerbster Abrede festgehalten
hätte, wollte aber eventuell auch auf der neuen Grundlage ver-
handeln*). Als dann der Erbeinigungstag in Naumburg stattfand,
mußten aUe Anwesenden zugestehen, daß die Auffassung des Kur-
fürsten über die Zerbster Tagung richtig sei*), nur die brandeu-
burgischen Gesandten waren nicht genügend für eine solche Er-
klärung bevollmächtigt, so daß es erst noch einer erregten Kor-
respondenz zwischen dem Kurfürsten und Joachim bedurfte, ehe
dieser die gewünschte „Kundschaft“ Unterzeichnete®). Es trug das
natürlich nicht dazu bei, die Stimmung Johann Friedrichs gegen-
über der brandenburgischen Vermittlung zu verbessern, und läßt
uns seine spätere Haltung in dieser Beziehung verstehen. Immer-
hin ging die Vermittlung weiter.
1) Brief an Joachim II. Juli 4. Vergl. Neudecker, Akteust.. B. 143 ff.
2) Ldgf. an Kf. Juli 15, Kf. an Ld^. JuU 18, Reg. H. p. 203, No. 93, Or.
und Konz.
3) Kf. an seine Räte in Eisenach Juli 31, Reg. H. p. 170, No. 80, Or. Ab-
schrift dce geplanten Artikels ebenda vol. II.
4) Kf. an Dölzig und Brück Aug. 7, Loc. 9655 ,Jjandgräfliche und Dr.
Luthers Schriften . . 1542“, Or.
5) Kf. an Ldgf. 8ept. 17, Reg. H. p. 207, No. 94, Konz.
6) Joachim an Ldgf. Aug. 30, Reg. H. p. 211, No. 95, Kopie.
7) Ldgf. an Feige Sept. 18, P. A. No. 498, Or. Akten über den Tag in
R^. A. No. 256.
8) Loc. 9655 „der Erbeinigungs-Kur- und Fürsten Räte . . . 1538/9“.
Digitized by Google
Das Verhältnis Joh. Friedrichs zu den Albertinem n. zum Knrf. v. Mainz. 517
Zunächst wurde die Frankfurter Zusammenkunft dazu be-
nutzt. Der Kurfürst verlangte wegen der langen Verzögerung
letzt eine üeldentschädigung von 70000 11. ‘), was wohl kaum
dem Werte dessen entsprach, was ihm durch die Verzögerung der
Abtretung des Amtes Dahme etwa entgangen war. Trotzdem
war der Kardinal bereit, mit geringen Aenderungen darauf ein-
zugehen, um so mehr, als er durch den Tod Herzog Georgs ja
einen wertvollen Verbündeten verloren hatte*). Johann Friedrich
aber zeigte, als im Mai weitere Verhandlungen in Weimar statt-
fanden, kein sehr großes Entgegenkommen. Zwar daraus, daß er
nicht selbst au den V^erhandlungen teilnahm, sondern nach Torgau
abreiste, kann man ihm keinen Vorwurf machen, da seine An-
wesenheit in Sachsen infolge des dortigen Thronwechsels ja dringend
nötig war, aber daß er die Vorschläge, die jetzt von den Ver-
mittlern gemacht wurden, ablehnte und durchaus nicht über die
Frankfurter Zugeständnisse hinausgehen wollte*), muß als kurz-
sichtig bezeichnet werden. Bot er doch dadurch dem Gegner Frist
und Gelegenheit, seine Bemühungen um das Eingreifen des Kaisers
fortzusetzen. Dieser hatte merkwürdigerweise den Bericht über
die Zerbster Verhandlungen, dessen Beförderung der Kurfürst von
Brandenburg übernommen hatte, erst sehr spät erhalten, oder er
nahm bei seinen weiteren Maßnahmen keine Kücksicht dai’auf.
Jedenfalls erließ er am 31. Januar 1539, wahrscheinlich unter dem
Einfluß des späteren Koadjutors von Magdeburg, Markgi-afen Johann
Albrecht und Dr. Heids, die damals in Spanien weilten, ein Mandat
an das Kammergericht, in dem er das Kompromiß nach wie vor
verw’arf und die Parteien im hallischen Streit an das Kammer-
geiicht wies. Am 20. März erging dann die entsprechende Auf-
forderung des Kaisers an die Parteien, doch wurde sie dem Kur-
fürsten erst am 10. August übergeben ‘).
Johann Friedrich hat es nun offenbar für unmöglich gehalten,
diese kaiserliche Erklärung einfach zu ignorieren, er beauftragte
Brück, einen genauen Bericht über die Sache zu verfassen, den man
dem Kaiser übersenden könne, zu Verhandlungen vor dem Kammer-
1) HülBe, S. 288.
2) Hülße, S. 361 f.
3) Ebenda S. 363 f.
4) Hülße, S. 2861. 364.
Digitized by Google
518
Kapitel IV.
gericht aber hatte er nicht die geringste Lust '). Höchst verdächtig
war ihm, daß der Kaiser den Bericht über die Zerbster Ver-
handlungen zur Zeit der Absendung seines Mandats vom 20. März
noch nicht gehabt hatte, sein schon erwähntes Mißtrauen gegen
den Brandenburger erwachte von neuem, er vermutete, daß Joachim
den Bericht absichtlich zurückgehalten habe *), und hielt für nötig,
die Erbeinungsverwandten auf den 26. September nach Naumburg zu
berufen, um sich darüber bei ihnen zu beklagen, sie außerdem aber
um ihren Rat darüber zu bitten, wie man sich gegenüber dem kaiser-
lichen Mandat verhalten solle*).
Seine Einladung zu dieser Versammlung kreuzte sich mit
einem Schreiben des Brandenbui-gers, das die Antwort des Kaisers
auf den Zerbster Belicht, die inzwischen eingetroffen war, beglei-
tete *). Joachim konnte daher auch den gegen ihn gerichteten V er-
dacht des Kurfürsten jetzt leicht zurückweisen*). Der Naumbui-ger
Tag aber fand vom 26. September bis 1. Oktober statt’). Die Er-
kläiungen, die der Kurfürst hier durch seine Gesandten Christoph
V. Taubenheim, Brück, Zoch und Jobst v. Hain abgeben ließ,
zeigen, daß sein Verdacht gegen den Brandenburger durchaus noch
nicht völlig gewichen war, daß er das Vorgehen des Kaisers nach
wie vor für rechtlich unbegründet hielt und der Meinung war, daß
man ihn durch eine Schickung besser aufklären müsse, daß er aber,
ehe darauf etwa eine kaiserliche Erklärung erfolgte, tätlich gegen
Albrecht vergehen wollte und die Hilfe der Erbverbrüderten dafür
beanspruchte. Nur unter der Bedingung wollte Johann Friedrich
sich noch auf eine gütliche Verhandlung einlassen, daß ihm Dahme
abgetreten würde und daß die Stifter Magdeburg und Halberstadt
sich dafür verschrieben, daß die 70000 Guldengroschen ihm zu
1) Kf. an Brück Aug. 10, Loc. 9Ö55 „derer Erbeinigungsfürsten . . 1538 39*,
BL 107—109, Konz.
2) Ebenda Zettel, Bl. 105 f.
3) Brück an Kf. Aug. 14, Loc. 9655 ebenda Bl. 98 — 102, Or. Kf. an Brück
Aug. 16, ebenda Bl. 92 — 97, Konz. Brück an Kf. Aug. 20, ebenda Bl. 111 — 114,
Or. Brück war eigentlich wenig mit diesem Verfahren einverstanden.
4) SepL 1, Loc. 9655 ebenda BL 116 — 120.
5) Joachim an Kf. Sept. 3, ebenda BL 130, mit Brief des Kaisers vom 31. Jan.
1539, BL 128 f.
6) Sept. 9, ebenda. Verdächtig bheb aber, daß der Kaiser in dem Brief
vom 20. März gesagt batte, er habe noch keinen Bericht über den Zerbster Tag.
7) Vergl. Brandenburg, Heinrich, S. 244.
Digitized by Google
Das Verhältnis Joh. Friedrichs zu den Älbertinem u. ziun Kurf. v. Mainz. 519
Osteru g^ezahlt würden. Erfolgte dann die Zahlung nicht, so soUte
die Sache wieder in den vorigen Stand kommen, Dahme aber sollte
als Strafe dem Kurfürsten bleiben*).
Mit alledem fanden die Kursachsen nun aber in Naumburg
sehr wenig Anklang. Die Vertreter der anderen Fürsten erkannten
eine Hilfsverpllichtung nicht an, da der Kurfürst vom Kardinal gar
nicht angegriffen sei; ein tätliches Vorgehen erschien ihnen um so
weniger angebracht, wenn man gleichzeitig eine Gesandtschaft an
den Kaiser schickte. Eine solche hielten sie für empfehlenswert,
mußten allerdings auch dafür erst noch den Bescheid ihrer Herren
einholen und empfahlen daher, am 2.ö. November in Zeitz von
neuem zu definitiven Beschlüssen darüber zusammenzukommen*).
Dieser Beschluß entsprach so wenig den Wünschen des Kui-
fürsten, daß dessen Vertreter ihn gar nicht annahmen*). Denn
ihrem Heirn kam es, wie auch sein weiteres Verhalten bei einem
Versuch der Markgrafen Georg und Albrecht, den Streit gütlich
beizulegen, zeigt, eben vor allem darauf an, daß die Erbvereinigten
die Hilfsverpflichtung anerkannten*). Auch der Gedanke, den er
im November einmal äußerte, daß er sich nur dann auf die Unter-
nehmung gegen den Braunschweiger einlasseu werde, wenn gleich-
zeitig auch der Erzbischof angegriffen würde ®), spricht für eine dii-ekt
kriegerische Stimmung. Infolge dieses Gegensatzes unter den Erb-
einungsfürsten ist aus dem Zeitzer Tage dann offenbar nichts ge-
worden, nur brandenburgische und hessische Räte kamen dort zu-
sammen *0, auch die Sendung an den Kaiser unterblieb *) und ebenso
eine Beschlußfassung über die Frage, wie sich der Kurfürst einem
etwaigen Verfahren des Kammergerichts gegenüber verhalten solle,
die Johann Friedrich auch schon in Naumburg hatte anregen
lassen.
1) Undatierte Instruktion dos Kf., Loc. 9655 a. a. O. Bl. 29 — 47.
2) Abschied vom 30. Sept., ebenda Bl. 69 — 76.
3) Ebenda Okt. 1, BL 59-67.
4) Kf. an die Mkgfen., Loc. 9655 a. a. O. Bl. 88 — 91.
.5) Kf. an Brück und Pack in Amstadt Nov. 22, R^. H. p. 248, No. 108,
I, Or.
6) Das zeigt Kf. an Ldgf. Jon. 15, Loc. 9655 ,dee Kf. zu Sachsen mit dem
Ldgfen. zu Heesen . . . 1540“, Konz.
7) Ldgf. an Kf. März 16 (Loc. 9655 ebenda) zeigt, daß eie damals noch
nicht erfolgt war, Kf. bat aber März 18 darum.
Digitized by Google
520
Kapitel IV.
Am 6. Dezember 1539 lud das Gericht den Kurfürsten tat-
sächlich auf den 5. März 1540 vor*). Da dieser in allen solchen
Schritten Machinationen seines Gegners sah, wui'de seine Stimmung
gegen diesen dadurch nicht besser, und er zeigte nicht die geringste
Neigung, im Anfang des Jahres 1540, wie der Landgraf wünschte,
in Kassel mit ihm zusammenzukommen*). Paßte doch die jetzt
wieder eingetretene Zuspitzung des Streites sehr wenig zu den da-
maligen Bestrebungen Philipps, allen den kleinen Fehden und
Gegensätzen in Norddeutschland ein Ende zu machen. Es gelang
ihm, in Kassel vom Kurfürsten zu erreichen, daß dieser sich wenig-
stens zu neuen Verhandlungen bereit erklärte. Die Vorschläge, die
er jetzt machte, liefen wieder auf die Abtretung von Dahme und
die Zahlung von 70000 fl. (-f 10000 fl. Peen), hinaus und zwar
sollte das Geld jetzt zu Michaelis 1540 bezahlt werden. Als Bürg-
schaft war jetzt die Verpfändung der Stadt Britzen [Treuenbrietzeu]
und des Amtes Litzke [Lieske?] durch den Kurfürsten von Branden-
burg an den von Sachsen ins Auge gefaßt. Manche Einzelheiten
wurden der Weimarer, andere der Frankfurter Verabredung ent-
nommen ®).
Die Schwierigkeit bei diesen Vorschlägen lag in dem frühen
Zahlungstermin. Albrecht war nämlich bereit, sie resp. ähnliche
ältere Vorschläge, die der Brandenburger ihm vorgelegt hafte*),
zu acceptieren, bat aber um ein Jahr Frist für die L'eber-
lieferung von Dahme sowohl wie die Zahlung des Geldes und ver-
langte außerdem, daß an die Stelle der brandenburgischen Bürg-
schaft eine solche der Stiftsstäude träte ®). Es wäre wohl klug ge-
wesen, wenn Johann Friedrich auf diese immer noch sehr annehm-
1) Hülße, S. 36(j. Or. der Vorladung Loc. 9655 ,dercrer Erbeinigungs-
fürsten . . . 1.538/39“, Bl. 27.
2) Ldgf. an Kf. 1540 Jan. 7, Or., Kf. an Ldgf. Jan. 11, Konz., Keg. H.
p. 344, No. 135. Vergl. , Rommel, II, S. 423. Kf. an Ldgf. Jan. 15, siehe
B. 519. Anm. 6. Darin staatsrechtliche Betrachtungen des Kf. über das Eingreifen
des Kaisers. Ldgf. an Kf. Jan. 16, Keg. H. p. 344, No. 135. Lenz, I, S. 414, 2.
Kf. an Ldgf. Jan. 22, Reg. H. ebenda, Konz.; Febr. 7, Loc. 9655 ,des Kf. zu
Sachsen mit dem Ldgf. . . . 1540“, Konz. Freude darüber, daß Zusammentreffen
mit dem Mainzer unmöglich.
3) Vorschläge des Kf. Febr. 16, Loc. 9655 a. a. O.
4) Offenbar die vom Ldgf. Trott Obergebenen. Ldgf. an Kf. Jan. 18, Zettel.
5) Hülße, S. 307 f. Febr. 24. Doch ist das eine Antwort auf ältere Vor-
schläge. Ldgf. au Kf. März 6, Loc. 9055 a. a. O. 1540, Or.
Digitized by Google
Da» Verhältnis Joh. Friedrichs zu den Albertinern u. zum Kurf. v. Mainz. 521
baren Bedingungen eingegangen wäre. Der Landgraf riet es ihm
aufs dringendste *). Der Sachse aber glaubte überhaupt nicht, daß
der Kardinal wü'klich ernstlich an einen Vergleich denke, er sah
in allen Schwierigkeiten, die dieser machte, nur Mittet, um Zeit zu
gewinnen und ihn „umzuführen“ *). Und für ausgeschlossen wird
mau eine solche Absicht Albrechts allerdings nicht erklären können,
stand doch damals die Verhandlung am Kammergericht unmittelbar
bevor. Sie erfolgte pünktlich am 5. März. Kursachsen erklärte
aber das Gericht für befangen und überreichte in der hallischen
Sache ein Rekusationslibell. Darauf wurde dem Kardinal zu
dessen Beantwortung 6 Wochen Frist gewährt. Kursachsen hielt
sich von allen weiteren Verhandlungen fern, trotzdem erging am
1. Oktober 1540 ein Spruch des Gerichts. Auch er brachte aber
keine Entscheidung des Falles, da er vom Kurfürsten nicht an-
erkannt wurde®). Später wurden Verzögerungen des Prozesses
öfter auch durch den vom Kaiser gewährten Stillstand der Prozesse
bewirkt.
So war also jeder Versuch gütlicher oder rechtlicher Erledigung
des Streites gescheitert, und die Gegner standen sich wieder ebenso
direkt, nur noch erbitterter, wie 5 Jahre früher gegenüber.
Jedenfalls trat nun eine Pause in den Verhandlungen ein. Der
Kardinal verließ sich wohl auf das Urteil des Kammergerichts, der
Kurfürst wartete ab. Ei st im Jahre 1541 wurden die Verhandlungen
wieder aufgenommen, und zwar ist es offenbar Albrecht gewesen,
der die Hand dazu bot. Er war durch seine finanzielle Bedrängnis
in .\bhängigkeit von seinen Ständen geraten, mußte die Regierung im
Erzstift Magdeburg dem Koadjutor Johann Albrecht überlassen und
konnte nicht so, wie er es wünschte, gegen die vordringende Refor-
mation Vorgehen. Ja, es scheint, daß er auf dem Landtage zu Kalbe
den Ständen sogar in irgend einer Weise die Reformation frei gegeben
hat *). Diese machte im Erzstift nun bedeutende Fortschritte, und
auch Halle fiel ihr allmählich völlig anheim®). Gerade in dieser
seiner Residenz würde Albrecht dieser Entwicklung gern Einhalt
getan haben, und als ein Mittel zum Einschreiten mag ihm nun
1) Ldgf. an Kf. März 6, 16, Loc. 965Ö a. a. O.
2) Kf. an Ldgf. März 18, ebenda, Konz.
3) Hülße, S. 368 ff.
4) Hertzberg, II, ö. 140 f.
5) Ebenda S. 147 ff.
Digitized by Google
522
Kapitel IV.
auch die Gewinnung des Burggrafentums erschienen sein. Infolge-
dessen war er jetzt bereit, mit dem Kurfürsten von neuem über
dessen Abtretung zu verhandeln. Andererseits hatte • aber auch
Johann Friedrich durch das Vordringen der Reformation erneutes
Interesse für Halle gewonnen. Er stand mit den Führern des
dortigen Protestantismus, vor allem Jakob Wahl, in regem Ver-
kehr*), und seit dem April 1541 weilte mit seiner Zustimmung Jonas
in der Stadt*); es war nicht zu erwarten, daß er jetzt noch in die
Abtretung der Burggrafenrechte willigen werde, wenn nicht die
neue Lehre in Halle auch für die Zukunft gesichert wurde, um so
weniger als sich Luther der Hallenser aufs wärmste annahm und
aufs dringendste vor einem Verkauf jener Rechte warnte*). Man
hoffte auf dieser Seite vielmehr, daß eine regere Verbindung des
Kurfürsten mit der Stadt in Form eines Schutzbündnisses möglich
sein werde.
So gehen denn seit dem Frühjahr diese beiden Pläne neben-
einander her und suchen Einfluß beim Kurfürsten zu gewinnen:
der eines möglichst günstigen Vertrages mit dem Erzbischof einer-
seits, der eines Vertrages mit Halle unter Ablehnung aller Vor-
schläge des Kardinals andererseits. Verfolgen wir beide noch etwas
genauer, so muß schon im Frühjahr von mainzischer Seite der Ge-
danke geäußert worden sein, dem Kurfürsten für die Abtretung
seiner Rechte außer Dalime als Pfand für die 70000 fl. das Amt
Jüterbog und das Kloster Zinna zu überlassen*). Aehnliche Vor-
schläge brachte dann auch Melchior Kling, der in Regensburg mit
Albrecht zunächst in der Schönitzschen Angelegenheit *) verhandelt
hatte, im August dem Kurfürsten. Da die beiden Aemter an Wert
jene Geldsumme überstiegen, sollte zum Ausgleich eine der sächsi-
schen Enklaven im Gebiet des Stiftes abgetreten werden. Gerade
1) Zahlreiche Briefe Wähle an den Kf. und Brück in Loc. 9656 „Dr. Gre-
gorii Brücken, Dr. Kilian Goldsteins . . . 1544/45“, Bl. 1 — 25. 28—49.
2) Daß der Kf. Jonas nach Halle geschickt habe, wie Kolde, II, S. 506
sagt, gebt aus Jonas’ Briefen eigentlich nicht hervor, er bat nachträglich am Ur-
laub, Kawerau, II, S. 2. 10. Ebers Brief an Melanchtbon vom 15. April
(C. ft. IV, 173) spricht allerdings von einem Befehle des Kf.
3) Luther an Brück Mai 1, DZG., N. F. I, 279 f.; an Jonas Mai 22, de
Wette, V, S. 359f.
4) Das zeigt Luthers Brief vom 1. Mai, d. h. er nennt nur Dahme und
Jüterbog.
5) Hertzberg, II, S. 141.
Digitized by Google
Das Verhältuis Job. Friedrichs zu den Älbcrtinern u. zum Kurf. v. Mainz. 523
darauf wollte man allerdings wieder von sächsischer Seite nicht
eingehen, sondern nur eine Geldentschädigung leisten. Diese Ver-
handlungen Klings waren aber ganz unverbindlich, erfolgten nicht
im offiziellen Auftrag des Erzbischofs, und ohne daß dieser der
Zustimmung seiner Landschaft sicher war. Es kam Kling, wie er
in einem Brief vom 2. September hervorhob, nur darauf an, zu-
nächst einmal die Geneigtheit beider Teile zu Verhandlungen fest-
zustellen. .\ußer jener Ditferenz über die .\btretuiig einer sächsi-
schen Enklave stellte sich dabei dann auch eine zweite Meinungs-
verschiedenheit heraus, die sich nun eben auf die hallischen Ver-
hältnisse bezog. Johann Friedrich wünschte, daß beide Teile religiös
ungebunden und in ihren alten Bündnisverpflichtungen blieben.
Kling hob darauf hervor, daß damit nicht etwa ein Bündnis zwischen
dem Kurfürsten und Halle gemeint sein dürfe, denn Albrecht werde
der Stadt nach .\btretung der Burggrafeiirechte Bündnisse mit
auswärtigen Fürsten nicht mehr gestatten, auch die Beibehaltung
ihrer Religion werde er ihr nur auf ihr untertäniges Ansuchen
erlauben ohne fremde Einmischung.
Es war eine Erklärung, die dem Kurfürsten schwerlich genügt
haben wii'd, da es ihm vor allem darauf ankam, volle Sicherheit
zu haben, daß .\lbrecht die Hallenser beim Evangelium auch daun
lassen werde, wenn zwischen ihm und dem Kurfürsten ein Vertrag
zustande käme *).
.Allerdings gingen auch seine Verhandlungen mit den Hallensern
nur langsam vorwärts. Durch Wahl und Jonas wurde zwar die
kurfürstliche Regierung über alle Vorgänge in Halle auf dem
Laufenden erhalten, auch erzielte mau dadurch, daß Kilian Gold-
stein das Syndikat der Stadt erhielt, einen bedeutenden Erfolg,
1) Vergl. über diese Verhandlungen Brandenburg in DZ(4., N. F.
I, S. 266; Loc. 9&j.5 „Jakob Wahlen, desgleichen Dr. Gregorii Brücken“,
Bl. 7 — 13. Brück an Kf. Aug. 13, ebenda Bl. 14. Brück und Ponikau an Kf.
Aug. 11, ebenda Bl. 29—31, Or. Den AnstoS zu Klings Aktion bat nach seinem
Brief vom 2. Sept. Dölzig gegeben (an Brück und Ponikau, ebenda Bl. 33—38
Hdbf.). Vergl. auch Dölzig aus Regensburg an Ponikau Aug. 2, Reg. E. p. 48,
No. 101, Bl. 417 f., eigenh. Konz. Kling an Ponikau, ebenda Bl. 421 f., Hdbf.
lieber die Kling erteilte Antwort vergl. Kf. an Brüek Aug. 14, Loc. 9655 a. a. O.
Bl. 15 f., Brandenburg, a. a. O., S. 267. „Bedenken, was Dr. Kling zu ant-
worten“, Loc. 9655 ebenda Bl. 26 f. Kling an Brück und Ponikau, Sept 2,
Bl. 33 ff.
Digitized by Google
524
Kapitel IV.
soust aber kam mau sehr langsam von der Stelle'). Wohl hatte
A\’ahl so viel Einfluß auf den Rat, daß dieser einen Vorschlag Kliugs
ablehnte, eine Gesandtschaft an den Erzbischof zu schicken und
um freie Predigt des Evangeliums zu bitten*), aber noch Ende
des Jahres mußte der Ausschuß der 32®) Brück und Ponikau mit-
teilen, daß er und die Gemeine zwar bereit seien, dem Kurfürsten
den Burggrafentitel zu gewähren, daß aber der Rat nicht dazu zu
bestimmen sei, weil es ihm der Kardinal ausdrücklich verboten
habe. Man werde daher die neue Ratswahl abwarten müssen,
doch baten sie einstweilen um Auskunft darüber, ob es eine Ver-
letzung der Eidespflicht des Rates sei, wenn er den Titel gegen
das Verbot des Bischofs gewähre, und ob Rat und .Ausschuß auf
Schutz rechnen könnten, wenn sie deswegen belangt würden').
Auch den drohenden braunschweigischen Krieg suchte mau auf
kurfürstlicher Seite zu benutzen, um die Stadt zu bestimmen, sich
unter den Schutz Kursachsens zu begeben. Der Rat aber wollte
erst eine Antwort des Erzbischofs abwarten®), wahrscheinlich auf
die Frage, ob sie in der Religion unbeschwert bleiben würden,
wenn sie sich ihm im übrigen fügten ®). Sie hatten eben offenbar
zwei Eisen im Feuer. Erst im April 1542 wurde endRch im Rat
der Titel dem Kurfürsten bewilligt’), wahrscheinlich war inzwischen
eine Neuwahl erfolgt, Wahl war wenigstens damals in den Aus-
schuß gekommen®), und im Sommer trat Halle dann mit einem
Gesuch um einen Schutzvertrag au den Kurfürsten heran. Die
Stadt hatte nämlich vom Erzbischof noch immer keine Antwort
erhalten, nur unverbindliche .\eußerungeu Klings lagen vor. Trotz-
dem traute mau ihr in Kursachseu noch nicht so recht Der Kur-
1) Wahl an Brück Juli 19, Ix)c. 9B56 „Dr. Gre^orii Brücks, Dr. Kilian Gold-
steins . . . 1544/45“, Bl. 39, Or., einer der wichtigeren Briefe Wähle.
2) Jonas an Brück Aug. 11, Loc. 9656 „Jakob Wahlen . . . 1541/42“, Bl. 19,
Hdbf.
3) lieber seine Entstehung siehe Hertzberg, S. 152 f.
4) An Brück und Ponikau Dez. 24, Loc. 9655 „Jakob Wahlen . . .“, Bl. 47 — 50.
5) Brück an Kf. 1542 Febr. 9, Loc. 9655 „des Kf. zu Sachsen mit Dr. Gre-
gorio Brück . . . 1542“, Bl. 121—124, Hdbf.
6) So scheint es nach Brücks Brief an Kf. vom 9. Juli 1542. Branden-
burg, a. a. O. S. 280 f.
7) Wahl an Brück April 14, Loc. 9655 „Jakob Wahlen . . . 1541/42“, Bl. 59>
Or.; an Kf. April 14, ebenda Bl. 51. Hertzberg, II, S. 185.
8) Ebenda.
Digitized by Google
Das Verhältnis Joh. Friedrichs zu den Albertinern u. zum Kurf. v. Slainz. 525
fürst war schon früher nicht sehr für einen solchen Schutzvertnig
gewesen. Man verhielt sich daher auch jetzt ziemlich kühl*), und
als dann gerade jetzt von seiten Albrechts und des Koadjutors
unter Vermittelung des Landgrafen die Verhandlungen wieder auf-
geiiommen und sehr günstige Bedingungen*) gestellt wurden, war
die Neigung bei Johann Friedrich groß, darauf einzugehen ®). Da-
gegen setzte dann aber eine energische Gegenaktion der Hallenser
ein. und es gelang Wahl durch die Unterstützung Luthers, Brück
für die Schutzherrschaft und die Annahme eines Schutzgeldes von
Halle an Stelle des Vertrages mit dem Mainzer zu gewinnen. Die
Sorge um die Erhaltung des Protestantismus in Halle war es, die
Luther neben seinem Mißtrauen gegen Albrecht zu diesem ver-
hängnisvollen Eingi'eifen in die Politik bestimmte*). Brück bot
nun seine ganze Beredsamkeit auf, um auch seinen Herrn für die
Sache Halles zu gewinnen. Er machte ihn dabei besonders auch
auf die religiösen Vorteile der Sache aufmerksam, auf die Möglich-
keit. später das ganze Erzstift zu gewinnen, eineu der Söhne des Kur-
fürsten zum Administrator des Erzstiftes zu machen etc ®). Johann
Friedrich war aber nicht so leicht zu überzeugen, hielt zunächst
vielmehr den Abschluß mit dem Erzbischof für empfehlenswerter*).
Längere Zeit gingen noch beide V erhandlungen, die mit dem Statt-
halter und die mit der Stadt nebeneinander her. Für den Kurfürsten
lag der größere Vorteil zunächst in finanzieller Hinsicht entschieden
auf der Seite des Vertrages mit Albrecht, er konnte hoffen, dabei
1) Brück an Kf. Juli 9, Brandenburg, a. a.O. S. 280 ff.; Juli 10, Loc. 96ü6
..Jakob Wahlen . . . 1.MD42, Or. Bl. 1. Jonas an Brück Juli 8, ebenda Bl. 2 — 3.
2) Dahme und 80000 — 90000 Taler, je nachdem der Kurfürst den Burg-
grafentitcl aufgab oder behielt.
3) Die ersten Anerbietungen des Koadjutors waren so ungenügend, daß der
Landgraf sie sofort zurückwies. Brandenburg, a. n. O. S. 270. Am 16. August
machte der Landgraf Oegenrorschläge (Hülße, 8. 374), sie wies aber Johann
Albrecht zurück (ebenda 8. 375, Brandenburg, 8.271). Der Kurfürst dachte
jetzt sogar an ein bewaffnetes Vorgehen, jedenfalls infolge des braunschweigischen
Sieges, fragte schon Luther deswegen um Rat (Brandenburg, 8. 271). Daun
erfolgten aber bessere Vorschläge der tiegner, und der Kurfürst hatte große Lust,
sie anzunchmen (ebenda 8. 272 f.). Vergl. auch Hülße, 8. 374 ff.
4) Brandenburg,8.273f. 291— 295. de Wette, V, 496 f. (VI, 8. 522, 4).
5) Brück an Kf. Sept. 8, Loc. 9655 ,des Kf. zu Sachsen . . .“, Bl. 112 — 116,
Or. Brandenburg, 8. 274.
6) Kf. an Brück Sept. 11, Loc. 9655 ebenda Bl. 12—13; Brandenburg,
8. 273; Sept. 14, ebenda Bl. 16 — 19; Brandenburg, 8. 275.
Digitized by Google
526
Kapitel IV.
auch genügende Garantien für die Erhaltung des Protestantismus
in Halle zu erhalten, und hatte außerdem den Vorteil, dabei inner-
halb des rechtlich Erlaubten zu bleiben, was bei dem Abschluß mit
der Stadt doch immerhin zweifelhaft war. Auf der anderen Seite
stand die größere Sicherheit für den Protestantismus und die Hoff-
nung, ihn auch auf weitere Teile des Erzstiftes auszudehnen. Da-
neben wirkten auch noch gewisse Befürchtungen, daß die Hallenser
durch die Ablehnung ihrer Vorschläge zur Verzweiflung und Herzog
Moritz in die Arme getrieben werden könnten, allerdings lag auch
bei Zurückweisung der Anerbietungen Albrechts die Gefahr vor, daß
er mit Moritz in Verbindung trat*). Ratsamer wäre wohl jeden-
falls die Annahme der Vorschläge des Landgi-afen gewesen, auch
Brück neigte Mitte September wieder zu dieser Ansicht, und selbst
Luther wurde trotz alles Drängens der Hallenser zweifelhaft*).
Anfang Oktober sprach er sich aber doch wieder entschieden gegen
den Abschluß mit dem Kardinal aus wegen der üblen Nachrede,
wegen der Unzuverlä.ssigkeit Albrechts und weil die Ehre dem
Geld vorgezogen werden müsse*). Auch Brück muß um diese
Zeit eine Schwenkung vollzogen haben*), und es ist ihm dann
offenbar gelungen, seinen Herrn von seiner anfänglichen exorbitanten
Forderung von 6(XX) fl. Schutzgeld abzubringeu *). Johann Fried-
rich selbst führte später außer der Einwirkung der Theologen
die wiederholten Bemühungen der Hallenser selbst und die ab-
lehnende Haltung des magdeburgischen Kapitels und der Land-
schaft gegen die Vorschläge des Landgrafen als Gründe an, die
ihn bestimmt hätten, mit Halle abzuschließen *). Jedenfalls ist am
1) Hrück an Kf. Scpt. 17, Loc. 9655 a. a. O. Bl. 39 — 48, Or.
2) Ebenda. Brandenburg, 8. 275—276. Vorschläge der Hallenser und
Randbemerkungen Brücks dazu ebenda BI. 22 — 27, ist Beilage zu seinem Brief
vom 17. Ueber die weiteren Verhandlungen Kf. an Brück Sept. 21, Loc. 9055
a. a. O. Bl. 49—53 ; Brück an Kf. Sopt. 29, ebenda Bl. 64—68; Kf. an Brück Ott. 2,
Bl. 71-74. Brandenburg, 8. 276-277.
3) Luther an KL Okt. 6. Brandenburg, S. 295 — 297.
4) Noch schwankend äußerte er sich am 4. Oktober, Loc. 9655 a. a. O.
Bl. 12.5 L, Or. In einem Brief von 1544 (Mai 15) schiebt Brück alle Schuld auf
die Theologen und behauptet, selbst für die Abstattung eingetreten zu sein (Loc.
9656 „Dr. Gregorii Brücken zum Teil von Speior aus . . . 1544“, Bl. 15 — 20).
5) Diese Forderung in dem Brief vom 21. Sept. Brandenburg, 8. 27b.
6) Eisenacher Bericht an den Ldgf. vom Juni oder Juli 1543, Loc, 9656
,des Landgrafen zu Hessen . . .“ Bl. 3 — 4. Ueber die ablehnende Haltung des
Kapitels und der Landschaft vergl. Hülße, S. 375, 377.
Digitized by Google
Das Verhältnis Job. Friedrichs zu den Albcrtinern u. zum Kurf. v. Mainz. 527
6. November der Vertrag mit der Stadt zum Abschluß gekommen.
Der Kurfürst versprach ihr Schutz, wenn sie wegen der Religion
oder wegen der Anerkennung seiner Burggrafeurechte angegriffen
oder im Gebrauch ihrer Freiheiten und Privilegien behindert würde,
er verpflichtete sich, seine burggräflichen Befugnisse nie zu ver-
kaufen oder zu verpfänden, die Stadt erkannte dafür seine Rechte
an und zahlte ihm und seinen Erben ein jährliches Schutzgeld von
1000 fl.‘).
Dieser Vertrag machte nun natürlich weitere Verhandlungen
mit der Gegenpartei unmöglich. So ist es begreiflich, daß der Kur-
fürst sich gegenüber neuen Vermittlungsanerbietungen des Land-
grafen in den ersten Monaten des Jahres l.')43 ablehnend verhielt,
wenn er auch die wahren Gründe dafür nicht angeben konnte, da
der Vertrag mit Halle geheim bleiben mußte’). Wichtiger als das
Verhältnis Johann Friedrichs zu dem Erzbischof wurde aller-
dings bald das zur anderen sächsischen Linie, da gerade seit dem
Anfang des Jahres 1543 eine kräftige Aktion der Albertiner ein-
setzte für eine Schutzherrschaft des Herzogs Moritz über das Erz-
stift und eine Koadjutorie seines Bruders August*). Damit trat
die Gefahr schwerer Konflikte zwischen den eben erst wieder in
ein leidliches Verhältnis zueinander gekommenen Linien ein. Der
Landgiaf erkannte sofort diese Gefahr und bemühte sich schon im
April 1.543, die Albertiner dazu zu bestimmen, daß sie den Kur-
fürsten durch ähnliche Abtretungen, wie .41brecht sie geplant hatte,
zufrieden stellen sollten, d. h. sie sollten ihm die Aemter Dahme,
Jüterbog und Zinna erblich abtreten, oder auch nur Dahme erb-
lich und die anderen beiden gegen das Recht, sie für 100 000 Taler
wieder einzulösen. Der Landgraf empfahl ferner, daß August
einen der Söhne des Kurfürsten zum Koadjutor machen solle.
Moritz scheint besonders gegen diesen letzten Gedanken Wider-
spruch erhoben zu habend).
Bald machte sich dann die Wirkung der Albertinischen Pläne
auf den Kurfürsten bemerklich. Er scheint gerade durch die Nach-
1) Dreyhaupt, I, S. 208f. Brandenburg, 8.278f.
2) Ldgf. an Kf. Jan. 18, Kf. an Ldgf. Febr. 15, M. P. C. I, 610, Anm. 1.
Brandenburg I, S. 229. Or. des Briefes des Kf. in P. A. Sachsen, Emest.
Linie. 1543. Ldgf. an Kf. Febr. 22, Kf. an Ldgf. März 4, R^. H. p. 525,
Xo. 176.
3) Vcrgl, M. P. C. I, 542-544. (Febr. 11.)
4) M. P. C. I, 608-611. 611, Anm. 1.
Digitized by Google
528
Kapitel IV.
rieht von ihnen seinerseits zu einei' entschiedeneren Politik dem
Erzstift gegenüber veranlaßt und jetzt erst für den Gedanken ge-
wonnen worden zu sein, es für sein Haus zu gewinnen. Durch
Bernhard von ilila bemühte er sich, in den Stiftern Beziehungen
anzuknüpfeu, und als ihm Mila dann Anfang Mai bei einer Zu-
sammenkunft in Gommern berichtete'), legte er ihm ein „vertrau-
liches Verzeichnis“, eine Art Aktiousplan, über die Sache vor.
Dieses Schriftstück begann mit der Erklärung, daß der Kur-
fürst seine burggräfliche Gerechtigkeit in Halle unter allen Um-
ständen behalten und keine .Abstattung für sie annehmen wolle,
wohl aber sei er bereit, über den Gebrauch und die Gerechtigkeit
des Burggrafentums einen Vertrag aufzurichten, um künftige Streitig-
keiten zu verhüten. Um so bereitwilliger würde er dazu sein,
wenn einer seiner Söhne znm Administrator des Stifts, mit Be-
willigung der drei Stände der Grafen, Ritter und Städte gewählt
würde. Der Kurfürst rechnete nicht darauf, daß auch die
Prälaten und Geistlichen, vor aUem das Kapitel zustimmen würden,
da sie nur einen Administrator päpstlicher Religion, den der Papst
bestätige, und der diesem Pflicht täte, würden haben wollen, der
Kurfürst aber keines davon für einen seiner Söhne bewilligen
würde, „und wenn es die ganze Welt belangte“. Johann Friedrich
entwickelte dann weiter gleich die .Absicht, die Wahl eines seiner
Söhne zu benutzen, um die päpstliche .Abgötterei in der Domkirche
abzustellen und im ganzen Stift den rechten und wahren Gottes-
dienst einzuführen. Er meinte, daß dem Administrator, der das
weltliche Regiment venvalten sollte, für die Predigt und die geist-
lichen -Angelegenheiten ein evangelischer Bischof zur Seite stehen
soUte, ebenso sollte das Kapitel fortbestehen und allmählich pro-
testantisiert werden. Es sollte dazu dienen, daß die Grafen und die
von der Ritterschaft ihre Söhne, wie früher in der päpstlichen Zeit,
besser uuterbringen könnten. Natürlich sollte dieser ^ Paragraph
ein Mittel sein, dem .Adel des Stifts die Sache plausibel zu machen,
doch sollten alle diese Punkte nur besprochen werden, wenn über
die .Adrainistratorfrage verhandelt würde, auch sollte die Verhand-
lung ohne Nennung des Kurfürsten stattflnden, der erst hervor-
treten wollte, wenn die Stände des Stifts die Sache an ihn brächten.
1) Aug Beg. ßb 5591 ergibt sich, daß der Kf. vom 2.-4. Mai in Gommern
war. Uel)er die Zugammenkunft dort Mila an Kf. Juni 18, Loo. 9656 „des Kf.
zu Bachacn mit Herrn Beruh, v. Milen . . . 1543/44‘\
Digitized by Google
Das Verhältnis Job. Friedrichs zu den Albertinem u. zum Kurf. r. Mainz. 529
Johann Friedrich hoffte sowohl den Kurfürsten Albrecht, wie den
Koadjutor für diese Pläne zu gewinnen, auch die Konfirmation der
Administration durch den Kaiser und König erschien ihm durch-
aus nicht so aussichtslos. Die Stiftsverwandten sollten besonders
auch darauf aufmerksam gemacht werden, daß der Kurfürst sich in
bezug auf seine Entschädigungsforderungen gnädig erweisen werde,
wenn etwas aus der Administratorschaft würde*).
Auf Grund dieses Verzeichnisses hat Mila dann mit Christoph
V. Steinberg, der schon an der Vermittlung des Landgrafen im
Jahre 1542 Anteil gehabt hatte ’), verhandelt, es ihm auch mit Bitte
um Geheimhaltung übergeben, Steinberg war bereit, weitere Schritte
zu tun, bat aber, nicht mit der Sache zu eilen*). Tatsächlich ver-
gingen Monate, ehe man wieder etwas von ihm hörte. Inzwischen
ist Mila noch einmal mit dem Kurfürsten zusammen gewesen*),
und auch sonst fanden mancherlei Verhandlungen über die Sache
statt. So benutzte Johann Friedrich die Zusammenkunft mit dem
Landgrafen in Eisenach im Juni und Juli, um ihm von dem Vertrag
mit Halle Mitteilung zu machen®). Man beobachtete ferner nach
Möglichkeit alle Maßnahmen der Gegenpartei®).
Außerdem setzte noch ein neuer Vermittlungsversuch des
Grafen Alhrecht von Mansfeld ein. Der Kurfürst hatte nichts
dagegen, darauf einzugehen, betonte aber, daß er von seinen Ge-
rechtigkeiten nichts aufgeben, nur über eine genaue Abgrenzung
seiner Rechte verhandeln wolle. Die Vorschläge, die dai-auf von
der gegnerischen Seite gemacht wurden, fanden aber nicht seinen
Beifall, und auch neue Bemühungen des Grafen im November
kamen nicht recht vorwärts’). Seit dem Anfang des Jahres 1544
1) Loc. 9656 „des Kf. zu Sachsen mit Herrn Bernhard von Milen 1542/43“,
Bl. 88—90.
2) Hülße, 8. 374.
3) Mila an Kf. Juni 18, Loc. 9656 „dee Kf. zu Sachsen mit Bernhard v.
Milen“. Dort überhaupt die Korrespondenz beider Männer. VergL Branden-
burg, I, 8. 266 — 269.
4) Kf. an Mila Juli 8, Mila an Kf. Aug. 14, Loc. 9656 „des Kf. zu
Sachsen mit Herrn Bernhard von Milen . . . 1542/43“.
5) Verzeichnis dee Berichts, so dem Ldgfen. . . . geschehen 1543 EUsenach.
Loc. 9656 „dee Ldgfen. zu Hessen . . . 1543/44“ Bl. 3/4.
6) Brück an Kf. Aug. 12, Beg. C. No. 760, Bl. 17 ff., Or.
7) Gi. Albrecht an Kl. Okt 12, Loc. 9656 „des Ldgfen. zu Hessen . . .
1543/44“, Bl. 19, Or. Kf. an den Ofen. Okt. 15, ebenda, Konz. Der Of. an Ki
Beiträge zur neueren Geschiclite Tbaringenz I, 2. 34
Digitized by Google
530
Kapitel IV.
trat dann allerdings eine gewisse Verbindung zwischen dieser Ver-
mittlung und der Tätigkeit Milas ein.
Mila hatte Gelegenheit erhalten, außer zu Steinberg, der durch
Reisen und Krankheit vielfach gehemmt wurde, noch zu den
Brüdern Achatius und Matthias v. Veltheim *) Beziehungen an-
zuknüpfen’). Der Kurfürst hatte zwar wegen deren streng
katholischer Gesinnung einige Bedenken, erlaubte Mila aber doch
wenigstens von sich aus mit jenen zu verhandeln ’). Mila betrachtete
sie als Angehörige einer Partei, die Türk und Eberhausen und
ihren auf Förderung der Albertiner hinauslaufenden Bestrebungen
feindlich gesinnt wäre ^), glaubte offenbar, ihnen vertrauen zu können,
und hat nun im November und Dezember 1543 teils mündliche,
teils schriftliche Verhandlungen geführt®). Eine Verzögerung ent-
stand dadurch, daß Steinberg die Gommernschen Artikel den Velt-
heims nicht gegeben hatte und Mila sie sich nun erst neu vom
Kurfürsten kommen lassen mußte*). Am 21. Dezember konnte er
berichten, daß er sie Achatius v. Veltheim vorgelegt habe, dieser
hatte damals schon mit dem Erzbischof und dem Koadjutor auch
über die Möglichkeit einer Verhandlung mit dem Kurfürsten ge-
sprochen, auch auf dessen Söhne hingewiesen. Albrecht hatte
darauf keine bestimmte Antwort gegeben, der Koadjutor dagegen
betonte, daß er noch in nichts gewilligt habe. Die Veltheims und
Mila waren einig darin, daß der Kurfürst weiter mit dem Kardinal,
dem Koadjutor und dem Stift verhandeln müsse und daß er dabei
ebenso viel gewähren müsse, wie die andere Partei, die Gommem-
schen Artikel erschienen ihnen als Grundlage ungeeignet 0-
Tatsächlich verstand sich Johann Friedrich zu einer Aenderung
seiner Artikel*). In der neuen, vom 18. Januar aus Weimar
Okt 23, HülBe, S. 379 f. Kf. an den Gfen. Dez. 12, Loc. 9656, ebenda Bl. 17/18,
Konz. Der Kardinal wollte verlangen, dafi der Of. erst mit dem Kapitel ver-
handle. Hüläe, S. 380.
1) Matthias v. Velthmm, Hanptmann der Moritzbarg in Halle, hatte auch
an der landgräfl. Vermittlung von 1542 schon Anteil gehabt Hülfie, S. 374 ft.
2) Of. Albrecht an Kf. Okt 25, Loc. 9656 „des Kf. tu Sachsen mit Bern-
hard V. Miien 1542/43“.
3) Kf. an Mila Okt 28, ebenda.
4) Mila an Kf. Nov. 4, ebenda.
5) MUa an Kf. Nov. 10, ebenda BL 50/51. Kf. an Mila Nov. 19, Bl. 52/53.
6) Mila an Kf. Xov. 25, Kf. an Mila Dez. 2, ebenda.
7) Mila an Kf. Dez. 22, ebenda Bl. 54 — 56.
8) An Mila, Zettel von 1544, ebenda Bl. 61.
Digitized by Google
Das VeTbältnis Job. Friedriobs zu den Albeitinern u. zum Kurf. v. Mainz. 531
datierten Fassung sind alle die Bestimmungen weggelassen, die
wegen ihres reformatorisch-propagandistischen Charakters Anstoß
erregen konnten, also die Aeußerungen, die sich auf die Reformation
in Magdeburg, die Gesinnung der Prälaten nnd Geistlichen, die
Abschaffung der Abgötterei im Stift und die allmähliche Umge-
staltung des Kapitels bezogen '). Auch jetzt konnte sich der Kur-
fürst aber nicht entschließen, Mila eine Vollmacht zu wirklich
offiziellen Verhandlungen zu geben. Nach wie vor durfte dieser nur
„als für sich und ohne Vorwissen und Befehl des Kurfürsten“ ver-
handeln. Dieser wünschte eben erst einmal eine Erklärung der
anderen Partei zu erzielen, ehe er sich selbst bestimmt äußerte,
durch ein solches Verhalten wurden die Verhandlungen aber natür-
lich nicht gefördert. Mila empfahl daher am 1. Februar, daß der
Kurfürst endgültige Erklärungen darüber abgeben solle, auf welche
Bedingungen hin er mit dem Mainzer abschließen wolle, weil man
nur so gegen die rege Tätigkeit der Gegner aufkommen könne. Er
glaubte, daß man die Stifter dem Erzbischof nnd dem Koadjntor mit
einer stattlichen Summe Geldes werde abkaufen können. Einstweilen
hatte er jedoch Achatins v. Veltheim die nenen Artikel des Kur-
fürsten übergeben zur Uebermittlung an seinen Bruder Matthias,
erlaubte auch, daß dieser sie dem Mainzer ohne Nennung des
Kurfürsten vorlege. Bei dieser Gelegenheit teilte Veltheim dem
sächsischen Ritter auch noch mit, daß auf ihre Veranlassung
Albrecht v. Mansfeld auf sein letztes Schreiben noch keine Antwort
erhalten habe, weil sie jetzt entschieden ablehnend gelautet haben
würde *).
Gerade die Vermittlung des Grafen war nun aber auch ein
Grund, weshalb der Kurfürst bei der Milaschen Unterhandlung im
Hintergrund bleiben wollte. Er beauftragte also am 7. Februar
1544 den Ritter von neuem, zunächst die Ansicht des Kardinals
über seine Artikel, auch über eine etwaige Zahlung an ihn
und den Koadjutor zu erkunden. Mila sollte ferner erneut darauf
hinweisen, daß die Administratorschaft eines der Söhne des Kur-
fürsten alle Verhandlungen sehr erleichtern würde, dabei aber be-
tonen, daß dieser auch dann nicht an ein Aufgeben seiner Burg-
grafengerechtigkeit denke, sondern nur an eine genaue Abgrenzung
1) Loc. 9656 a. a. O. Bl. 63—66.
2) Mila an Kf. 1544 Febr. 1, eb^da BL 1 — 4. 8ie würde wohl gelautet
haben wie die Erklärung bei HülSe, 8. 380.
34*
Digitized by Google
532
Kapitel IV.
seiner Rechte. Für weitere Verhandlungen empfahl er eine Ver-
sammlung vertrauter Personen von beiden Seiten^). Achatius er-
klärte sich besonders mit diesem letzten Gedanken einverstanden
und schlug Speier als Ort für die Verhandlungen vor*). Dort ist
man dann in der Tat von mainzischer Seite an Kursachsen heran-
getreten, allerdings nicht in der eben angegebenen offiziellen Form.
Albrecht unterhielt sich aber über diese Dinge mit dem kur-
sächsischen Gesandten Christoph v. Taubenheim und schlug dabei
eine persönliche Unterredung zwischen ihm und dem Kurfürsten,
ferner eine Zusammenkunft zwischen Brück und seinem Hofmeister
Eberhard Rüden vor*).
Von kursächsischer Seite ist man auf diese Anregungen an-
scheinend nicht allzu freudig eingegangen, weil man stets fürchtete,
daß der Mainzer doch wieder eine Abstattung der Burggrafenrechte
Vorschlägen würde und man sich auf eine solche auf keinen Fall
einlassen wollte*). Albrecht andererseits mag diese Verhandlungen
nur benutzt haben, um von den Albertinern bessere Bedingungen
zu erlangen, denn mit ihnen hat er sich ja dann schließlich auf
die Koadjutorschaft Herzog Augusts gegen namhafte Geldzahlungen
der Albertiner geeinigt®).
Johann Friedrich hat von dem Vertrag zwischen dem Mainzer
und Moritz schon am 9. April gehört. Nach seiner Art wurde er
sofort von dem größten Mißtrauen gegen seinen Vetter ergriffen
und hielt sogar für nötig, Vorkehrungen gegen einen etwaigen
Handstreich Moritzens gegen Halle zu treffen *). Aber selbst seine
intimstem Räte, wie Brück und Ponikau, waren mit den Schritten,
die er wünschte, nicht einverstanden, besonders Ponikau war ge-
ll Kf. an Mila Febr. 7, Loc. 9656 a. a. 0. Bl. 5 — 8, Konz.
2) Mila an Kf. Febr. 21, ebenda Bl. 17 — 19, Or.
3) Christoph v. Taubenheim an Kf. März 11, Loc. 9656 ,Dee I.Andgrafen m
Hessen . . . 1543/44“, Bl. 61 — 64. Vergl. Brandenburg, I, S. 269.
4) Ein Gutachten Brücks o. D., ebenda BL 73/74. Brück an Goldstein nod
Wahl. Speier März 11, Loc. 9656 „Dr. Gregorii Brücken . . . 1544/45“, Bl. 52
—55. Brück an Taubenheim März 16, Loc. 9656 „des Ldgfen. zu Hessen . .
Bl. 65, Or.
5) Verträge vom 2. April. M. P. C. II. 26 ff.
6) Kf. an Ponikau, Speier April 9, M. P. C. II, 43 — 15; an Statthalter und
Räte zu Weimar April 10, Loc. 9656 „des Kf. zu Sachsen mit dem Kimmerer
1544“, Bl. 65, Or. Daß tatsächlich Pläne g^en Halle bestanden, zeigt M. P. C.
II, 34 f., Ko. 3. Es handelte sich dabei aber nicht um die Religion.
Digitized by Google
Das Verhältnis Joh. Friedrichs zu den Albertinem u. zum Kurf. v. Mainz. 533
neigt, in der Festsetzung der Albertiner in Magdeburg und Halber-
stadt gar keine Gefahr weiter zu sehen, wenn nur die Burggrafen-
rechte des Kurfürsten gewahrt blieben. Beide waren davon
überzeugt, daß der Schutzvertrag mit Halle den Albertinem gegen-
über nicht in Frage käme *). Tatsächlich benahmen sich diese, nach-
dem sie den Vertrag vom 2. April in der Tasche hatten, durchaus
korrekt und ließen sowohl direkt wie durch den Landgrafen dem
Kurfürsten erklären, daß sie seiner Gerechtigkeit durchaus keinen
Abbmch tun würden. Die Aufregung und das Mißtrauen Johann
Friedrichs und seiner Räte wurden dadurch aber nicht beseitigt*).
Doch fanden sie bald darin einen Trost, daß der Vertrag des
Kardinals mit Moritz noch der Zustimmung des Kaisers, des
Koadjutors Johann Albrecht, des Kapitels und der Stiftsstände
bedurfte*), und betrachteten es nun als ihre Aufgabe, an diesen
Stellen den Albertinischen Wünschen entgegenzuwirken. Henning
Kracht und Wolf von Anhalt waren die Vermittler, deren man sich
dabei in den Stiftern bediente*), neben Jakob Wahl und Goldstein,
die in der alten Weise tätig waren, außerdem jetzt aber auch Be-
ziehungen in Magdeburg anknüpften und dabei schon im April in
Erfahrung brachten, daß die meisten Mitglieder des Kapitels von
den mainzisch-albertinischen Plänen noch gar nichts wußten*).
1) Brück an Ponikau April 27, Speier, M. P. C. II, 45, 1. Ponikau an Brück
Mai 8, ebenda 75, 1. Brück an Kf. [ca. Mai 15], Loc. 9656 „Dr. Gregorii Brücken
zum Teil von Speier aus . . . 1544“, Bl. 15 — 20, Or. Brück stellte geradezu die
Kabinettsfrage. Aktenst. No. 54.
2) Moritz an lAgf. April 9, M. P. C. II, 46 f. Brück an Kf., Speier April 10,
Loc. 9656 „Dr. Gr^rii Brücken zum Teil von Speier aus . . . 1.544“, Bl. 36;
April 11, M. P. C. II, 52—57. Brück an Goldstein und Wahl AprU 10, Loc.
9656 „Dr. Gi^orii Brücken, Dr. Kilian Goldsteins . . . 1544/45“, Bl. 56—59, Konz.
3) Kf. an Ponikau, Schwetzingen April 12, Loc. 9656 „dee Kfen. zu Sachsen
mit dem Kämmerer“, Bl. 1 — 4, M. P. C. II, 56, 2. 57, 1. Brück an Goldstein
und Wahl, Loc. 9656, ebenda Bl. 90—93, Or.
4) Kracht an Ponikau April 2, Loc. 9656 a. a. O. BI. 83/84. Kf. an Ponikau
April 12, ebenda Bl. 1—4. Ponikau au Kf. April 16, Bl. 31 — 35; April 26,
Bl. 24 — 29. Schriftlicher Bericht, den Kracht vorle^. Bl. 18/19. Ponikau an
Kf. April 29, Bericht über Verhandlungen mit Wolf von Anhalt, Bl. 5 — 15,
M. P. C. II, 67, 1.
5) Ponikau an Kf. April 19, Loc. 9656 „des Kfen. zu Sachsen mit dem
Kämmerer . . . 1544“, Bl. 57 — 64. 66 — 69, Hdbf. Wahl an Ponikau April 21,
Loc. 9656 „Dr. Gregorii Brücken, Dr. Kilian Goldsteine . . . 1544/45“, Bl. 76 — 81,
Or. Goldstein und Wahl an Brück April 25, ebenda Bl. 82 — 88.
Digitized by Google
534
Kapitel IV.
Inzwischen bemühte sich der Kurfürst selbst, durch Granvella
auf den Kaiser zu wirken, damit dieser den Konsens nicht erteile,
ehe er seiner Gerechtigkeit wegen gehört sei, erhielt aber zunächst
keine Antwort*). Es mag wohl sein, daJl das Entgegenkommen,
das er in den nächsten Wochen bei den Verhandlungen mit den
Habsburgern zeigte, auch durch die magdeburgische Sache mit-
veraulaßt wurde.
Auch in den nächsten Wochen verfolgte man eifrig die Haltung
des Magdeburger Kapitels und der Stände des Stifts*). Zuweilen
schien es, als gewännen die Albertiner Boden*), schließlich kam
aber doch der so entschieden gegen Moritz gerichtete Abschied
der Stände und Städte des Stifts vom 7. Juni und der Bund der
Grafen und Herren zustande , Ereignisse , dnivh die bewiesen
wurde, daß die Albertiner noch sehr weit vom Ziele waren *). Das
war geeignet, beruhigend auf die Stimmung am kurfürstlichen Hofe
zu wirken. Sie konnte natürlich jetzt keine freundschaftliche sein,
aber mau wünschte doch auch nicht gerade einen Konflikt. Man
wollte Zank nach Möglichkeit vermeiden, sich dabei aber auf keinen
Fall etwas vergeben *). Als ein Mittel, um Streitigkeiten zu ver-
meiden, hätte es betrachtet werden können, wenn noch vor einem
etwaigen Uebergang der Stifter an die Albertiner ein Vertrag
zwischen dem Kurfürsten und Albrecht über die Burggrafenrechte zu-
stande gekommen wäre. Wir finden auch im Sommer 1544 Albrecht
von Mausfeld wieder in dieser Beziehung tätig. Für den Kur-
fürsten waren aber seit dem Frühjahi- 1543 diese Verhandlungen
1) Kf. an Ponikau April 27, Loc. 9656 ..des Kfen. zu .Sachsen mit dem
Kämmerer . . . 1544“, Bl. 122 — 124, Or.
2) Ponikau an Kf. Mai 10, Loc. 9656 „des Kfen. zu Sachsen mit dem
Kämmerer . . , 1544“, BI. 126/27, Hdbf. Dazu Wolf von Anhalt an Ponikau
Mai 8, ebenda. Bl. 128/29. Wahl au Ponikau Mai 15, Loc. 9656, „Dr. Gregorii
Brücken, Dr. Kilian Qoldsteins . . . 1544/45“, Bl. 95 f., Or. Wolf von Anhalt an
Ponikau Mai 19, Eeg. H. p. 563, Ko. 183, Or.
3) Brück an Kf. Juni 5, Loc. 9656 „Dr. Gregorii Brücken zum Teil von
Speier . . . 1544“, Bl. 1. Brandenburg, I, 8. 274.
4) Brandenburg, I, S. 273 f. Der Abschied vom 7. Juni z. B. Reg. H.
p. 600, No. 193. Wolf V.' Anhalt an Kf. Juni 9, Hdbf., ebenda. Kracht an
Ponikau Juni 8, Loc. 9656 „des Kfen. zu Sachsen mit dem Kämmerer . . . 1544“,
Bl. 81.
5) Vergl. etwa Kf. an Burchard Mai 25, R^. E. p. 55, No. 110, Or.
Brück an Ponikau Sept. 13, M. P. C., II, 118, 1; an Kf. Dez. 11, Reg. H. p. 5K,
No. 190, II, Or.
Digitized by Google
Das Verhältnis Job. Friedrichs zu den Albertinern u. zum Kurf. v. Mainz. 535
aufs engste mit seinen eignen Plänen auf die Stifter verbunden.
Er hatte durchaus keine Lust, aus bloßer Friedfertigkeit und aus
Rücksicht auf seine Vettern auf seine eignen Absichten zu
verzichten. Auch der Graf sollte jetzt die Artikel zugrunde legen,
die Johann Friedrich einst an Mila gesandt hatte, und zwar auch
noch immer, ohne den Kurfürsten dabei zu nennen. Dieser
war bereit, wenn einer seiner Söhne zum Administrator ge-
wählt würde, dem Kapitel die freie Wahl zu garantieren. Ferner
entwickelte er dem Grafen jetzt auch schon den Plan einer Ver-
mittlung zwischen dem Kardinal und der Stadt Halle. Er glaubte,
daß die Stadt nach Beilegung aller übrigen Streitigkeiten bereit
sein werde, auf den Schutzvertrag mit ihm zu verzichten i).
Ueber das Resultat seiner Verhandlungen hat Graf Albrecht
dem Kurfürsten wahrscheinlich .4,nfang Oktober Bericht erstattet •),
doch habe ich nichts über den Inhalt seines Berichts feststellen
können. Bedeutende Resultate hat er wohl auf keinen Fall
erzielt. Auch sonst geschah monatelang nichts von Bedeutung.
Man unterhielt von kurfürstlicher Seite vor allem die Beziehungen
zu den Städten Halle und Magdebnrg, um mit ihrer Hilfe etwaigen
Eifolgen der Albertiner entgegenwirken zu können *). Ferner
dachte man daran, eventuell an den Kaiser zu gehen, um Augusts
Koadjutorschaft zu hindern*). Gelegentlich gab es sehr alarmierende
Nachrichten®), schließlich erkannte man aber, daß die Alber-
1) Am 12. Aug. war der Gf. beim Kfen. Kf. an Ponikau Aug. 12, Schweinitz,
Reg. Pp. No. 4, Or. Die Antwort des Kfen. an den Gfen. Aug. 18, Torgau,
Loc. 9^ „des Ldgf. von Heesen . . . 1543/44'-, Bl. 56 — 60, Konz., beruhend auf
einem Gutachten Brücke, ebenda Bl. 51 — 53, Or. Vergl. Brandenburg, I,
S. 273/74.
2) Gf. Albrecht an Kf. Sept. 28. Kf. an den Gfen. Sept 30, Loc. 9656 „dee
Ldgf. zu Hessen . . . 1543/44“, Bl. 47/48.
3) Deshalb ließ man auch Jonas in Halle. Kawerau, II, S. 134. 135 f.
136 f. Erl. 56, 117.
4) Goldstein und Wahl an Brück Nov. 21, Loc. 9656 ,J>r. Gregorii Brücken,
Dr. Kilian Goldsteins . . . 1544/45“, Bl. 64 f., Or. Brück an Goldstern und Wahl
o. D., ebenda Bl. 68 — 72, Konz.
5) Drohender Abschluß mit Johann Albrecht, Rüstungen Moritzens. Brück
an Kf. Dez. 14, Loc. 9656 .,Dr. Gr^orii Brücken zum TeU von Speier . . . 1544“,
Bl. 24 — 26. Ponikan an Kf. Dez. 15, Loc. 9656 „dee Kf. zu Sachsen mit dem
Kämmerer . . . 1544“, Bl. 47 — 49. Die Rüstungsgerüchte schon Dez. 20 durch
Taubenheim dementiert. Reg. H. p. 563, No. 183, Or. In die Zeit der Aufregung
gehört das Gutachten vom 21. Dez., das Brandenburg, I, S. 273 Brück
zuschreibt.
Digitized by Google
536
Kapitel IV.
tinischen Pläne an der Abneigung des Koadjutors, auf seine An-
sprüche zu verzichten, scheitern würden ^). So trat denn seit dem
Ende des Jahres 1544 völlige Beruhigung ein. —
Damit war die Möglichkeit für neue Verhandlungen gegeben,
um die noch vorhandenen oder neu entstandenen Streitigkeiten
zwischen den beiden sächsischen Linien beizulegen. Neu waren
z. B. seit Ende des Jahres 1544 Differenzen über die Jahrmärkte
in Beigem und Borna aufgetaucht*). Meinungsverschiedenheiten ent-
standen ferner über die Behandlung der Grafen. Auch ihnen
gegenüber war der Kurfürst wieder geneigt, landesfürstliche Rechte
geltend zu machen, während Moritz nur lehnsfürstliche anerkennen
wollte. Die Fragen der Erneuerung der Erbeinung mit Böhmen
und der Bewilligung des gemeinen Pfennigs für König Ferdinand
kamen als weitere Beratungsgegenstände hinzu. Ueber alles das
soUte auf einer Versammlung beiderseitiger Räte in Grimma am
17. März verhandelt werden*).
Auf diesem Tage ist man sich dann außerordentlich nahe
gekommen. Das kam weniger in den positiven Resultaten der
Verhandlungen zum Ausdruck, als in den Eindrücken, die man von-
einander hatte. Das wirkliche Ergebnis des Tages, das in dem
Abschied vom 24. März *) niedergelegt wurde, war nicht allzu groß.
Die Frage der Jahrmärkte blieb unerledigt, ebenso wurde die An-
gelegenheit des Erfurter Schutzes und der Steuer auf den Erfurter
Straßen und die Frage der Gesamtbelehnten künftigen Verhand-
lungen anheim gegeben, über deren äußerlichen Gang allerdings
sehr genaue Verabredungen getroften wurden, auch in der Frage
der böhmischen Erbeinung wollte man erst noch weiter korrespon-
dieren. Dagegen gelang es, wenn wir von Kleinigkeiten absehen,
über die Frage der Besteuerung der Bischöfe, Grafen, Herren und
Prälaten eine gemeinsame Politik zu verabreden; den gemeinen
Pfennig wollten beide Teile ablehnen.
1) Goldstern an Brück Dez. !J6, Loc. 9656 „Dr. Gregorii Brücken, Dr. Kilian
Goldsteins . . 1544/45, Bl. 133/34, Hdbf.
2) Ef. an Brück 1544 Dez. 31, Reg. A. No. 294, Konz.
3) Moritz an Kf. 1545 Jan. 20, Kf. an Moritz Febr. 9, Moritz an Kf.
Febr. 11, März 9, Kf. an Moritz März 12, Reg. A. No. 294; Brück an Kf. Jan.22,
Reg. H. p. 645, No. 199/200, vol. III. Vergl. Brandenburg, I, 8. 363. M. P.C.
II, 162 und Anm. 2.
4) Lünig, 8. 283 ff.
Digitized by Google
Das Verhältnis Joh. Friedrichs zu den Albertinem u. zum Kurf. v. Mainz. 537
Das, was unerledigt blieb, vor allem die Erfurter Fragen,
konnten noch zu vielem Streit Anlaß geben je nach der beider-
seitigen Versöhnlichkeit. Darum war es sehr wesentlich, daß man
mit guten Eindrücken voneinander schied ^). Das scheint vor allem
ein Verdienst Komerstadts gewesen zu sein, der zu einer ver-
traulichen Unterredung zwischen ihm und Brück den Anstoß gab.
Dabei wurden dann die mannigfaltigsten Dinge berührt, unter an-
derem auch die Gerüchte von Rüstungen Moritzens und die hallische
Frage. Brück gewann dabei die beruhigende Gewißheit, daß der
Kaiser den Albertinischen Plänen noch nicht zugestimmt habe*).
Bei den guten Eindrücken, die man in Grimma gehabt hatte,
schienen die Versuche des Landgrafen, eine völlige Versöhnung
der beiden Vettern herbeizuführen, Aussicht auf Erfolg zu haben.
.Angeregt durch einen Brief von Moritz über die Türkengefahr,
die Frage der geistlichen Güter und einen etwaigen Zusammen-
schluß des Kurfürsten, des Landgrafen und seiner selber *), empfahl
Philipp eine Zusammenkunft zwischen ihnen dreien*). Dazu
hatte aber Johann Friedrich wenig Neigung, er hielt eine solche
für unratsam , solange nicht alle Differenzen zwischen ihm und
Moritz, darunter auch die Streitigkeiten über Halle und Erfurt,
beseitigt seien, und ein Bund nur zwischen ihnen dreien erschien
ihm bedenklich, weil er in einem solchen von den anderen beiden
überstimmt zu werden fürchtete®).
Eher war er für eine Zusammenkunft mit Moritz allein zu
haben, doch meinte er, daß auch ihr erst noch eine Verhand-
lung Brücks mit Komerstadt vorausgehen müsse zur Erledigung
einiger Streitpunkte®). Diese Verhandlung hat am 14. April in
Mühlberg stattgefunden. Hier sowohl, wie bei einer neuen Zu-
sammenkunft in Leipzig im Mai haben beide Teile offenbar ihr
1) Vergl. Brandenburg, 1, 8. 363 ff. Brück und Ponikau an Kt. März 24,
Beg. A. Xo. 294. M. P. C. II, 180, Anm. 2.
2) Vergl. vor allem Komeretadta Bericht vom 22. März, M. P. C. II, 8. 174
— 180, dazu die Briefe Brucks in Beg. A, No. 294, benutzt M. P. C. ebenda, Anm.
3) März 10, Moritz an Ldgf., M. P. C. II, 166 — 169.
4) Ldgf. an Kf. März 17, Beg. H. p. 630, No. 197, I, Or. Vergl. M. P. C.
II, 166, Anm. 3. Lenz, II, 8. 319, Anm. 1.
5) Kf. an Brück und Ponikau März 23, Beg. A. No. 294. M. P. C. II,
221, 1. Kf. an Ldgf. März 29, M. P. C. II, 177, 1. 187, 1, und vor allem das
Bedenken des Kfen. ebenda 186—189.
6) Brück an Komerstadt März 27, M. P. C. II, 183.
Digitized by Google
538
Kapitel IV.
möglichstes getan, um eine allseitige Einigung zu erzielen. In Mühl-
berg ging man aus von der Frage der Leipziger Märkte und den
Pflichten der Gesamtbelehnten, sprach aber auch von der Religion,
z. B. der Frage einer Einrichtung gleichförmiger Konsistorien, von
Mitteln zur Verhütung künftiger Zwistigkeiten, vom Widerstand
gegen die Türken, von gemeinsamem Vorgehen in der Frage der
Türkensteuer u. s. w. In manchen Punkten konnte die Mühlberger
Zusammenkunft als eine Fortsetzung der Grimmaer Verhandlungen
betrachtet werden. So verabredete man z. B. die Uebersendung
einer gemeinsamen Instruktion in der Frage der Bischöfe und
Grafen an die beiderseitigen Vertreter auf dem Wormser Reichstag.
Auch über die hallisch-magdeburgischen Fi’agen wurde in Mühl-
berg gesprochen 1), allerdings war bei Brück damals keine große
Neigung zu einem Vertrag darüber vorhanden, da er erst das Re-
sultat der Verhandlungen mit dem großen Herrn d. h. dem Pfalz-
grafen Friedrich, der eine Vermittlung zwischen dem Kurfürsten und
Albrecht übernommen hatte, abwarten wollte *). Eine größere Rolle
hat die haUische Sache bei der Leipziger Zusammenkunft gespielt.
In der Zwischenzeit korrespondierte man über einen Entwurf für
einen Vertrag beider Linien, den Komerstadt verfaßt hatte ®). Die
Aenderungen, die der Kurfürst daran wünschte, bezogen sich in erster
Linie auf die Türkensteuer, er wollte vermeiden, daß Moritz Einblick
in sein „Vermögen“ gewänne *j. Auch über die Instruktion für die
Reichstagsgesandten einigte man sich bald, nachdem Johann Fried-
rich darauf verzichtet hatte, Moritz und sich als Landesherrn der
Bischöfe u. s. w. zu bezeichnen®).
Ehe man in Leipzig von neuem zusammenkam, wurde durch
Nachrichten von Rüstungen Moritzens einige Beunruhigung her-
vorgerufen, doch gelang es dem Landgrafen, den Kurfürsten durch
die Mitteilung, daß sie für ihn bestimmt seien, zu beruhigen*).
1) Vergl. M. P. C. II, 199 — 201, Brück an KT. April 15, nnd Anmerkungen dazo.
2) Loc. 9C56 „dee Kfen. zu Sachsen mit des Koadjutors Räten . BL 1T9,
Antidota. Vergl. M. P. C. II, 207, Anm. 3. Vergl. ebenda S. 240.
3) M. P. C. II, 204 ff.
4) M. P. C. II, 206. 208, Anm. 1.
5) Brück an Komerstadt April 19, M. P. C. II, 206, Anm. 1. Komerstadt
an Brück April 21, Brück an Komerstadt .\pril 26, M. P. C. II, 209, Atun.
Or. der Instruktion in Reg. E. p. 59a, N'o. 121, April 29.
6) Kf. an Brück April 29, Loc. 9656 ,.dee Kfen. zu Sachsen und des Koad-
jutors Räte . . 1545“, Bl. 120—122, Konz.; an Ldgf. April 30, M. P. C. II,
Digitized by Google
Das Verhältnis Joh. Friedrichs zu den Albertinem u. zum Kurf. t. Mainz. 539
Die am 4. Mai beginnende Leipziger Zusammenkunft diente
zunächst einer langwierigen Beratung von je vier Käten beider
Parteien über die Erfurter Straßenangelegenheit '). Brück und
Komerstadt benutzten aber die Gelegenheit, um sich auch über die
Frage der Stifter zu unterhalten. Vor allem in dieser Sache mußte
ja, wie Brück mit Recht hervorhob, Klarheit geschaffen werden,
wenn Streitigkeiten zwischen den beiden Fürsten vermieden werden
sollten. Komerstadt machte daneben allerdings noch auf andere
Punkte aufmerksam : den Kalkzoll in Borna und die Forderung der
Lehnspllicht von allen Mitbelehnten. Brück kehrte aber immer
wieder zur hallischen Sache zurück, da die anderen Dinge zu un-
wichtig seien, um großes Mißtrauen zu erzeugen. Es gelang ihm
schließlich, wenigstens einigermaßen faßbare Erklärungen zu er-
langen, denn da ja noch gai- nicht sicher war, ob Moritz seine Ab-
sichten in Magdeburg erreichen werde und was er erreichen werde,
war es schwer, eine Verabredung zu treffen, die für alle Fälle
paßte. Man faßte schließlich einen Eventualvertrag ins Auge, der voU-
streckt werden sollte, wenn Moritz in den Besitz der Stifter käme.
Brück dachte ihn sich so, daß der Herzog dem Kurfürsten seine
Gerechtigkeit in der Weise abkaufe, daß eine Gesamtbelehnung
festgehalten würde, und mit der Verpflichtung, die Gerechtigkeit
nie aus den Händen Sachsens kommen zu lassen. Komerstadt hatte
keine genügende Vollmacht, um auf diese Vorschläge zu ant-
worten, nur das versicherte er, daß Moritz nicht weiter Vorgehen
werde, ehe sich die Vettern über diesen Vertrag geeint hätten*).
Man kann es dem Kurfürsten bei der Un Verbindlichkeit der
Aeußerungen Komerstadts eigentlich nicht verdenken, wenn er
meinte, daß er ihnen nichts habe entnehmen können, worauf er
sich gewiß verlassen könne ^). Auch Brücks Ansicht ging dahin,
260, 1. Ldgf. an Ki. Mai 4, Loc. 9656 „des Efen. zu Bachsen mit dem Ldgf. .
Bl. 62 ; M. P. C. II, 255, Anm.
1) Akten in Reg. G. 1 — 8. C — F. Y. 1.
2) M. P. C. II, 234—244, Bericht Brücks vom 5. Mai.
3) An Brück Mai 5, Loc. 9666, „des Efen. zu Sachsen und des Eoad-
jutors Räte . . 1545“, Bl. 124, Eonz. Verschiedene Aeußerungen des EI. zeigen,
daß er damals nichts dagegen gehabt hätte, die Stifter den Vettern zu überlassen,
wenn nur seine Gerechtigkeiten gewahrt blieben (an Brück April 29, siehe S. 538,
Anm. 6; an Ldgf. Mai 3, M. P. C. II, 254 f. Aum.; Mai 12, ebenda 274, 1 ; die
Korrekturen sind übrigens von Brück, nicht vom Ef.). Er wünschte allerdings
eine genaue Bestimmung des Umfanges seiner Rechte, M. P. C. II, 274, 1.
Digitized by Google
540
Kapitel IV.
daß Komerstadt es zwar ehrlich meine, daß Herzog Moritz aber
nicht an seine Worte gebunden sei ‘). Immerhin war der Gesamt-
eindruck der Leipziger Verhandlungen nicht ungünstig*). Nur
allzubald schlug aber die Stimmung wieder um. Die Verhand-
lungen über Erfurt machten große Schwierigkeiten und der vom
Kurfürsten erhobene Kalkzoll und sein Plan, die „Eiche“ bei Leipzig
zu befestigen, verletzten die andere Partei*).
Mitte Mai war Brück wieder in einer sehr wenig friedlichen
Stimmung*), und wenn er auch unter dem Einfluß des Landgrafen
bald darauf wieder für die Versöhnung der feindlichen Vettern zu
wirken begann *), die Lust, in der Weise von Mühlberg und Leipzig
fortzuarbeiten, batte er vielleicht auch aus Gesundheitsrücksichten
verloren. Nur von der Vermittlung des Landgrafen versprach er
sich noch Erfolg*).
Für diesen war die Beilegung der Differenzen zwischen den
Wettinern damals Mittel zum Zweck, um eine einheitliche Politik
der Protestanten bei der Gefahr der Lage zu ermöglichen. Er war
von dieser ja so überzeugt, daß er bei einer Zusammenkunft mit
Moritz in Kassel schon einen großen Kriegsplan entwarf, bei dem
auch dem Herzog eine ausschlaggebende Bolle zugedacht war’)-
Auch an einem gemeinsamen Auftreten der Protestanten auf
dem Wormser Reichstag war ihm viel gelegen*). Und daß es
wesentlich gewesen wäre, Moritz bei der Sache des Protestantismus
festzuhalten, unterliegt keinem Zweifel. Als ein Mittel dazu be-
trachtete der Landgraf Nachgiebigkeit des Kurfürsten in den
kleinen territorialen Streitigkeiten. Immer wieder legte er das dem
Sachsen ans Herz“). Ferner versprach er sich viel von einer
1) Brück an Kf. Mai 6, Loc. 9666 a. a. O. BL 144/45; M. P. C. II, 245 Anm.
2) Brandenburg, I, S. 366 f.
3) Ldgf. an Brück Mai 13, Loc. 9656 „Dr. Gregorii Brücken, Dr. Kilian
Ooldsteins etc.. Bl. 216 f. M. P. C. II, 261, 1. v. Langenn, I, S. 192. Ueber
die „Eiche“ vergl. Seidemann, Beiträge, II, S. 29.
4) Brück an Kf. Mai 19, I^. 9656, ebenda BL 177, Or.
5) Brück an Kf. Mai 22, ebenda BL 170 — 176. v. Langenn, II, S. 235
(sehr nnvollständig). M. P. C. II, 274, 1. Vergl. auch Brandenburg, I, S. 386.
6) Brück an Ldgf. Mai 23, M. P. C. II, 274 Anm.
7) Christian Brück an Kf. o. D., B^. H. p. 589, No. 191, III, Hdbf.
8) An Kf. März 17, M. P. C. II, 166, Anm. 3.
9) Vergl. etwa Ldgf. an Kf. April 28, M. P. C. II, 253, Anm. 1; Mai 13,
M. P. C. II, 261, Anm. 1.
Digitized by Google
Daa Verhältnis Job. Friedrichs zu den Albertinern u. znm Kurf. t. Mainz. 54^
Zusammenkunft zwischen den beiden sächsischen Vettern und ihm
selbst*), fand nun aber gerade mit diesem Plane bei Johann
Friedrich wenig Anklang und vermochte ihn auch durch die
dringendste Einladung nicht von seinen Bedenken abzubringen.
Der Kurfürst bezeichnete als solche offiziell den Wunsch, daß die
noch bestehenden Gebrechen vorher erledigt würden*), es mag
aber wohl sein, daß eigentlich ausschlaggebend war, daß er sich
der Vereinigung des Landgrafen mit Moritz nicht gewachsen fühlte.
Philipp mußte sich schließlich damit zufrieden geben, daß dieser
allein am 9. Mai zu ihm nach Cassel kam*). Dessen Erklärungen
haben ihn im ganzen befriedigt, insofern als der Herzog sich
zur Versöhnung mit dem Kurfürsten geneigt zeigte, gegen
eine Zusammenkunft hatte allerdings auch er Bedenken, teils wegen
des Aufsehens, das es erregen würde, wenn sie alle drei zu-
sammenkämen, teils weil der Streit zwischen ihm und Johann
Friedrich über die Erfurter Straßen noch nicht beigelegt sei. Er
riet zur Verschiebung der Zusammenkunft, bis man nach Be-
endigung des Reichstages klarer über die Lage sehe.
Einem Wunsche des Kurfürsten entsprechend , sprach der
Landgraf mit Moritz auch über Halle. Dieser erklärte, daß er dem
Kurfürsten an seiner Gerechtigkeit nichts abbrechen wolle, wenn
es ,.zu den Fällen käme“, er benutzte dann aber die Gelegenheit,
um seinerseits allerhand Klagen vorzubringen über die Steigerung
der Münze in Halle und über die Neuerungen des Kurfürsten in
bezug auf die kleinen Märkte um Leipzig.
Alles in allem war der Landgraf mit dem Resultat der Zu-
sammenkunft sehr zufrieden. Noch entschiedener als bisher riet
er nun dem Kurfürsten zur Nachgiebigkeit in den nachbarlichen
Irrungen, um Moritz festzuhalten*), suchte Biücks Hilfe bei diesen
1) Zuletzt noch im Brief vom 28. April.
2) Kf. an Ldgf. Mai 3, M. P. C. II, 254 f. Anm.
3) VergL über die Zusammenkunft 51. P. C. II, 250 — 261 und den Bericht
Christian Brucks an Kf. Reg. H. p. 589, No. 191, III, o. D., erst aus dem Juni,
denn am 8. Juni schickte der Kf. Brück ab, um des Ldgf. geheimen Bericht
entgegenznnehmen. Kf. an Chr. Brück Juni 8, Loc. 9656 „Dr. Gr^rii
Brücken, Dr. Kilian Goldsteins . . . 1544/45“, Bl. 165 — 167, Or. Brandenburg,
I, 8. 371 ff.
4) Brief vom 13. Mai.
Digitized by Google
542
Kapitel IV.
Bestrebungen zu gewinnen und bot speziell in der magdebnrgischen
Sache seine Vermittlung an ^). Brück hat sich tatsächlich bemüht,
im Sinne des Landgrafen zu wirken, empfahl seinem Herrn be-
sonders in einigen ganz neu aufgetauchten Fragen, in der des
Kalkzolles z. B. und in der der Befestigung der Eiche, Nach-
giebigkeit. Die Gefahr eines bewaffneten Zusammenstoßes zwischen
den Vettern und die Unsicherheit der Lage bestimmten ihn zu diesen
Ratschlägen’). Wie schon oft trat er auch jetzt wieder dafür ein,
daß der Kurfürst die Stifter Magdeburg und Halberstadt dem
Herzog überlassen solle *). Speziell in dieser Frage suchte er dann
für eine Vermittlung des Landgrafen zu wirken, die ihm nützlicher
schien, als Gespräche zwischen ihm und Komerstadt. Er dachte
sich dabei den Vertrag ähnlich, wie er ihn in Leipzig Komerstadt
vorgeschlagen hatte *). Ein solcher Eventualvertrag wai’ nun aller-
dings nicht im Sinne des Kurfürsten, der als Bedingung eines
Vertrages betrachtete, daß Moritz zuvor seiner Sache beim Kardinal
gewiß sei. Auch er bat aber um die Vermittlung des Landgrafen,
betrachtete außer dieser hallischen Sache nur noch die Erfurter
Schutz- und Straßenfrage als ein Hindernis völliger Versöhnung
mit dem Vetter ‘). Auch zu einer Zusammenkunft mit Moritz war
er unter dem Eindruck der gefährlichen Nachrichten aus Worms
jetzt bereit Sie war im Erzgebirge geplant, kam aber jetzt nicht
zustande, da die beiderseitigen Reiseprogramme nicht zueinander
paßten *). Der Landgraf empfahl sie immer wieder dringend, nahm
sich auch der Vermittlung in der hallischen Sache an und stellte
sich dabei auf den Standpunkt des Kurfürsten, daß Moritz erst mit
dem Mainzer ins Reine kommen müsse ^); auch für die anderen
kurfürstlichen Bedingungen : die Bewahrung der Burggrafschaft beim
Hause Sachsen und eine Versicherung, daß Halle bei der protestan-
1) Ldgl. an Brück Mai 13, M. P. C. II, 261, Anm. 1.
2) Brück an Kf. Mai 22, Loo. 9656 „Dr. Oregorii Brücken. Dr. Kilian
GoldsteinB . . .“, Bl. 170 -176; M. P. C. II, 274, 1; v. Langenn, II, 8. 235.
3) Zettel zu dem Brief, erst vom 23. Hai, Loc. 9656 a. a. O. Bl. 175, zum
Teil bei Langenn.
4) Siehe den schon erwähnten Brief an Ldgf. vom 23. Mai.
5) Kf. an Ldgf. Mai 25, M. P. C. II, 275, Änm.; Loc. 9656 „Dr. Gregorii
Brücken. Dr. Kilian Goldsteins . . . 1545/46“, Bl. 222 — 224, Kopie.
6) Kf. an Brück Mai 26, Loc. 9656, ebenda Bl. 220/21, Konz.
7) Ldgf. an Kf. Jnni 2, M. P. C. II, 275, Anm.
Digitized by Google
Das Verhältnis Joh. Friedrichs zu den Albertinern u. zum Kurf. v. Mainz. 543
tischen Religion geschützt werden würde, suchte er den Herzog zu
gewinnen ‘).
Gerade als so alles im besten Gange zu sein schien und die
Hauptdifterenz die war, daß Moritz schon jetzt einen Vertrag für
möglich hielt, der Kurfürst dagegen einen Abschluß des Herzogs
mit dem Kardinal als Vorbedingung betrachtete, trafen Nach-
richten aus Worms über das sonderbare Verhalten der dortigen
Albertinischen Gesandten ein und ließen sofort das alte Mißtrauen
des Kurfürsten und Brücks gegen die Meißner wieder aufleben*).
Doch siegte auch jetzt noch die Friedlichkeit’), und auch Philipp
setzte seine Bemühungen fort. Da seine Vermittlung erst ein-
treten sollte, wenn Moritz bei Mainz sein Ziel erreicht hatte,
empfahl er, daß zunächst Brück und Komerstadt noch einmal
zusammenkämen*). Tatsächlich sind diese seit dem 20. Juni
wenigstens in schriftliche Verhandlungen miteinander getreten, aller-
dings nicht über Halle, sondern wegen des Brückenbaues über
die Gramma, wegen der gleichischen Lehen und des Tambacher
Straßenbaues’). Zu einer Zusammenkunft aber ist es, besonders
wegen der Abneigung Brücks dagegen, nicht gekommen. Man
kann diesem überhaupt den Vorwurf nicht ersparen, daß sein
Eifer für die Einigkeit schon Anfang Juli wieder stark erlahmt
war. Es scheint, daß er in einer Reihe der nachbarlichen Gebrechen,
z. B. in der Frage der gleichischen Lehen und der der Erfurter
Straßen, so sehr vom Rechte seines Herrn überzeugt war, daß ihn
die Haltung der anderen Partei in diesen Fragen erbitterte’).
1) Ldgf. an Moritz, Ldgf. an Komerstadt Juni 2, M. P. C. II, 273 — ^277 und
276, Anm. I.
2) Kf. an Ldgf. Juni 6, M. P. C. II, 285, Anm. 1. Brück an Kf. Juni 13,
Hdbf., Loc. 9138 „allerhand Sendschreiben . Bl. 26 — 31 ; unvollständig bei
V. Langenn, II, S. 237f.; M. P. C. II, 275, Anm. Am 15. Juni war die Stim-
mung Brücks schon etwas besser. Reg. G. No. 1—8, Z. 1.
3) Selbst in dem Brief Brücks vom 13. Juni.
4) Ldgf. an Komerstadt Juni 16, M. P. C. II, 285 f. Kf. an Ldgf. Juni 18,
Loc. 9656 „des Kf. zu Sachsen mit dem Ldgf. . . 1545“, Bl. 22/23; M. P. C. II,
286, 1. Moritz an Ldgi Juni 19, M. P. C. II, 287—289.
5) Brück an Komerstadt Juni 20, Reg. A. No. 295; vergl. M. P. C. U,
290 ff.
6) Besonders charakteristisch war, daß Brück den Brief Moritzens an Ldgf.
vom 19. Juni, den Philipp ihm am 27. sandte, damit er ihn vorsichtig und im
Auszug dem Kurfürsten mitteilte, diesem vollständig übermittelte, M. P. C. II,
289, 2.
Digitized by Google
544
Kapitel IV.
Werfen wir hier einen Blick speziell auf den Erfurter Straßen-
streit, so nahm der Kurfürst die Gerichtsbarkeit und das Geleits-
recht auf sämtlichen aus Erfurt führenden Straßen für sich in
Anspruch, während Moritz behauptete, daß diese Rechte ihm zu-
kämen für die beiden Straßen, die nach Herbsleben und AVeißensee
führten. Auf Grund einer in Grimma getroffenen A^erabredung
hatte man im Mai lange miteinander verhandelt und schließlich
Fakta ausgetauscht ‘). Die weiteren Erörterungen sollten vor dem
Oberhofgericht stattfinden. Am 24. Juni überreichten beide Teile
diesem ihre Petitionen, am 10. Juli 1545 begannen die Anwälte
beider Parteien in Erfurt auf dem Rathaus die Rechte ihrer Heiren
darzulegen. Dabei entstand aber sofort neuer Streit, indem
Moritz wünschte, daß außer über die Straßen von Erfurt nach
Herbsleben und AA'eißensee auch über die Tambacher Straße, die
Erfurt gar nicht berührte, verhandelt werde, während der Kur-
fürst das ablehnte, da seine Räte darauf nicht vorbereitet seien.
Doch erlaubte er schließlich, daß „alte und verlebte“ Zeugen
schon jetzt über die Tambacher Straße verhört wurden. Am
14. Juli begannen nämlich die Zeugenverhöre, 144 Zeugen waren
von kurfürstlicher Seite, 121 von herzoglicher vorgebracht worden,
ein paar hundert einzelne Fragen wurden ihnen vorgelegt, auch
durch Urkunden suchten beide Teile ihr Recht zu beweisen.
Dabei legte man von Ernestinischer Seite mehr AA'ert darauf, den
tatsächlichen Besitz des Geleits etc. nachzuweisen, während man
von .Albertinischer Seite die wirklichen Rechtsverhältnisse für das
Wesentliche hielt.
Der Streit darüber, ob auch die Tambacher Straßenangelegen-
heit jetzt miterledigt werden dürfe, bewirkte schließlich, daß auch
die anderen beiden Fälle nicht zu Ende kamen. Erst Anfang 1546
hat man sich dahin geeinigt, daß nur die Aussagen über die
Erfurter Straßen eröffnet wurden, die über die Tambacher Straße
geschlossen blieben. Man wird es aber, wenn man die Masse der
Akten, Deduktionen und Korrespondenzen durchblättert, die diese
Streitigkeiten hiuterlassen haben, begreifen, daß sich bei den Be-
teiligten eine große gegenseitige Erbitterung festsetzte, auch die
Stimmung, von der w’ir Brück gelegentlich erfüllt finden, wird uns
dann erklärlich erscheinen*). —
1) R^. G. No. 1 — 8, C. E. und Eeg. G. No. 27.
2) Akten in Reg. G. No. 1 — 8, K. L. M. Z. 1. la. 2. 4. 5; Eeg. G. No. 16.
Digitized by Google
Das VerhältniB Joh. Friedricha zu den Albertiuern u. zum Kurf. t. Mainz. 545
Als Hauptgrund, weshalb Sich bei dem Kurfürsten sowohl wie
bei Brück seit dem Juli 1545 eine etwas weniger versöhnliche
Stimmung bemerkbar machte, werden wir aber die Aussicht zu
betrachten haben, die sich damals den Emestinern eröffhete, den
Gegnern in der magdeburgischen Sache gänzlich den Rang abzu-
laufen. Von jetzt an wurde die Verschleppung der Verhandlungen mit
Moritz und dem Landgrafen ihr Ziel, was man ihnen für die vorher-
gehenden Wochen wohl noch nicht vorwerfen kann^), doch sind auch
schon Brücks „Antidota“ aus dem April bedenklich*). Und das eine
ist wohl nicht zu bezweifeln, man hatte in Kursachsen noch nie die
Pläne Moritzens irgendwie als sicher betrachtet, verließ sich nach
wie vor auf den Widerstand des Kaisers, des Koadjutors u. s. w.
Man erhielt daher auch die Verbindung mit den Hallensern stets
aufrecht*) und dachte auch wohl gelegentlich noch an einen Vertrag
mit dem Kardinal^). Doch dieser war eigentlich Moritz gegenüber
zu sehr gebunden. Er hatte dabei aber keinerlei Rücksicht auf
die Rechte des schon vorhandenen Koadjutors Johann Albrecht
genommen. Es war begreiflich, daß dieser sich verletzt fühlte und
mit dem Konkurrenten Moritzens, dem Kurfürsten in Verbindung trat.
Er bediente sich dabei der Vermittlung des Christoph v. Abs-
bei^ und Jakob Wahls, d. h. Absberg sprach am 25. Juni mit
Wahl und regte eine Zusammenkunft zwischen seinem Herrn und
dem Kurfürsten an. Da dieser schon früher durch einen seiner Räte
Aehnliches gehört hatte, war Wahl schon vorbereitet und konnte gleich
erwidei-n, daß der Kurfürst erst volle Sicherheit haben müsse,
daß der Koadjutor die Zusammenkunft wirklich wünsche. Absberg
sprach darauf noch einmal mit diesem und überbrachte Wahl nach
einigen Tagen so bestimmte Erklärungen Johann Albrechts, daß
Wahl die Anregung unbedenklich an den Kurfürsten weitergeben
konnte. Absberg hatte sich auch über den Zweck der Zusammen-
kunft schon etwas geäußert. Der Koadjutor hatte die Absicht, die
1) Brandenburg, I, S. 386 f. würde ich erst für den Juli völlig zustimmen.
2) Vergl. 8. 53a
3) Goldatein und Wahl an Brück April 25, Loc. 9656, „Dr. Gr^rii Brücken,
Dr. Kilian Goldsteins . . . 1544/45“, Bl. 116. Brück an Kf. April 28, ebenda
Bl. 129 f., Or. Kf. an Brück April 29, öfter erwähnt. Goldstein und Wahl an
Brück Mai 7, Reg. G. No. 27, Kopie. Wahl an Brück Mai 6, ebenda, Or.
4) Vergl. die pfälzische Vermittlung. Der Pfalzgraf sollte sich bemühen,
vom Kaiser die Elrlaubnis zur Eröffnung des Zerbster Urteils zu erlangen. Auch
mit Kracht imd W. v. Anhalt stand man in Verbindung, ebenda.
Bciuägv lur oeueren Geschichte ThOriDgetu I, 3. 35
Digitized by Google
1
546 Kapitel IV.
Stifter dem Eaxdinal abzukaufen und ao den Praktiken Moritzens
entgegenzuwirken. Es lag ihm daran, dabei an dem Kurfürsten
einen Rückhalt zu haben, und er war bereit, sich mit ihm über
die Gerechtigkeit in Halle zu vergleichen und in guter Nachbar-
schaft mit ihm zu leben ‘).
Man kann nun nicht sagen, daß man auf kursächsischer
Seite auf diese Anregungen vorbereitet gewesen sei *) , oder
auch daß man sie mit besonders großer Lebhaftigkeit aufge-
nommen habe. Brück hatte zunächst keine Ahnung, worum
es sich handelte^), war dann allerdings bald ziemlich für die
Sache eingenommen*), und der Kurfürst ging außerordentlich vor-
sichtig vor. Die Erklärungen, die Wahl ihm am 6. Juli abgab,
genügten ihm nicht. Er wünschte erst noch genaue Auskunft
darüber zu haben, ob das Gerücht, daß der Kaiser Moritz seine
Genehmigung zur Erwerbung der Stifter nach Albrechts Tode er-
teilt habe, wahr sei, da er dann nicht gut dagegen werde wirken
können; ferner wünschte er zu wissen, wie weit die Rechte des
Koadjutors auf die Stifter begründet seien®). Wahl begab sich
darauf noch einmal nach Halle zurück zu weiteren Verhandlungen
mit Absberg und auch mit dem Koadjutor persönlich und erhielt
von diesem über jene beiden zweifelhaften Punkte genügende Er-
klärungen. Außerdem war aber eine Folge der Zurückhaltung
des Kurfürsten, daß Absberg noch auf einige Punkte hinwies, die
diesem den Plan schmackhafter machen sollten. Er sprach nämlich
von den Söhnen des Kurfürsten und von der Bereitwilligkeit
Johann Albrechts, eventuell einem von ihnen die Koac^utorschaft
zu verschaffen, ferner von dessen religiöser Duldsamkeit ®). Alles
1) Eine Ao&eichnuDg üba die beiden Gespräche vom 25. und 29. Jnni in
Loc. 9656, „des Kfen. zu Sachsen und des Koadjutors Räte . . . 1545‘‘, BL 2.
Wahl an Brück Juni 29, Loc. 9656, ,4>r. Gregorii Brücken, Dr. Kilian Gold-
Steins . . . 1544/46“, Bl. 128, Or.
2) Abgesehen von der erwähnten Mitt^ung «nes kurfürstlichen Rates.
3) Dem Kfen. schrieb er am 1. Juli, er vermute, der Erzbischof sei tot. Loc. 9656
a. a. O. Bl. 127.
4) Brück an Kf. Juli 8 oder 9 (do. am Tage Kiliani), Loc, 9656 ,Dr.
Gregorii Brücken, Dr. Kilian Goldsteins . . . 1544/46“, Bl. 210, Or.
5) Antwort an Wahl Juli 6, Loc. 9656 „des Kfen. zu Sachsen und des Koad-
jutors Räte . . . 1645“, BL 10/11 Konz, mit Korrekturen Brücka,
6) Aufzeichnung über die Unterredung vom 9. Juli in Loc. 9656 .,des Kfen.
zu Sachsen und des Koadjutors Räte . . . 1545“, BL 3.
Digitized by Google
Das VerhiltaU Job. Friedrichs zn den Albertinern n. znm Euif. v. Mainz. 547
das genügte, um Johann Friedrich für die Einladung des Koad-
jutors zu der gewünschten Zusammenkunft zu gewinnen ‘). Nach
einigen weiteren Korrespondenzen’) wurde diese schließlich auf
den 30. Juli nach Eilenburg angesetzt und an diesem und den
folgenden Tagen gehalten.
ln der Zeit vor der Zusammenkunft sind sowohl vom Kur-
fürsten wie von Brück Erwägungen über die zu behandelnden
Fragen angestellt worden. Beide waren darin einig, daß man
Verpflichtungen des Koadjutors zur Duldung des Evangeliums
in Halle und sonst im Stift verlangen müsse. Brück legte dann
besonders darauf Wert, daß man durch die Verhandlungen Klarheit
darüber gewinnen werde, wie weit die Albertinische Handlung ge-
diehen sei. Ein großes Mißtrauen gegen die Albertiner kann man
wohl als Hauptmotiv seiner Gutachten betrachten. Er vermutete,
daß Moritz Verwalter der beiden Stifter im Namen des Kardinals
zu werden wünsche, wenn die Zeit der Statthalterschaft des Koad-
jutors abliefe, und daß er für diese Zeit seiner Verwaltung
keine Verpflichtungen über Halle dem Kurfürsten gegenüber über-
nehmen könne. Es schien ihm daher im Interesse seines Herrn
zu liegen, daß Johann Albrecbt bis znm Tode des Kardinals in
seiner Stellung gehalten würde, und er empfahl daher, ihm keine
zu weitgehenden Forderungen zu stellen. Daher wird er wohl auch
mit den Artikeln, die der Kurfürst der Unterredung zugrunde legen
wollte, nicht ganz übereingestimmt haben. Johann Friedrich dachte
danach daran, seine Rechte in Halle zu behalten, zum Ersatz für
die Nachteile, die er bisher gehabt hatte, aber einen seiner Söhne
zum Administrator des Stifts wählen zu lassen oder, wenn Kapitel
und Landschaft dafür nicht zu haben seien, eine Entschädigung
von 100000 Guldengroschen oder ein entsprechendes Pfand zu ver-
langen. Es scheint so, als habe er sich durch Brücks Erwägungen
dann aber doch eines Besseren belehren lassen. Ich vermute, daß
1) Zweite Antwort dee Kf. an Wahl Jnli 18, Loc. 0658 a. a. O. BL 16/17,
Konz. Kf. an den Koadjutor Juli 18, ebenda BL 18, BekreditiT. Wahl an Kf.
Jnli 21, ebenda. Nicht richtig ist ee, wenn Brandenburg (M. P. C. II, 347
Anm. und Moritz, I, 8. 360) behauptet, dafi der Kf. erst durch Gutachten
Brücks für die Zusammenkunft gewonnen worden sei. Wahls Mitteilungen ge-
nügten, seine auf Gewissenhaftigkeit und berechtigter Vorsicht beruhenden Be-
denken zu zerstreuen.
2) Loc. 9656 ebenda.
36*
Digitized by Google
548
Kapitel IV.
ein Zettel, auf dem die Grundgedanken des einen Gutachtens Brücks
verzeichnet sind, dem Kurfürsten bei den Verhandlungen mit dem
Koadjutor als Grundlage diente ‘), und der Eilenburger Vertrag
vom 1. August zeigt ja nichts von den weitgehenden Forderungen
des Kurfürsten, klingt dagegen vielfach an die Ratschläge Brücks
an. So entsprach es z. B. seinem einen Gutachten, wenn Johann
Albrecht den Zerbster Spruch von 1538 als verbindlich anerkennen
und sich verpflichten mußte, gemeinsam mit dem Kurfürsten beim
Kaiser für seine Publikation zu wirken. Im übrigen lief der Vertrag
auf eine Unterstützung des Koadjutors durch den Kurfürsten mit
einem zinslosen Darlehn von 20000 fl. hinaus, damit jener die
Regierungsrechte bei Lebzeiten des Kardinals erwerben könne. Als
Pfand für das Geld sollte das Amt Dahme dienen, ln allen
profanen Streitigkeiten unter den beiden Vertragschließem sollte
eine gütliche Auseinandersetzung stattflnden. Der Kurfürst wollte
die Rechte des Koadjutors an den Stiftern gegen jeden Bruch
des Landfriedens verteidigen, die Religion sollte dabei aber in all-
wege ausgeschlossen sein. Keiner sollte den Widersachen des an-
deren helfen*). Ueber die Frage der Koadjutorie eines Emestini-
schen Prinzen wurde anscheinend nur gesprochen, ohne daß es zu
einem Vertrage darüber kam*).
Durch den Abschluß des Eilenbnrger Vertrages hatte Johann
Friedrich einen bedeutenden Vorsprung vor den Albertinem ge-
wonnen und konnte nun mit Gemütsruhe den weiteren Verhand-
lungen mit ihnen entgegensehen. —
Schon die ersten Mitteilungen Wahls riefen bei ihm sowohl
wie bei Brück eine größere Schärfe in ihren Aeußerungen, eine
größere Bestimmtheit ihrer Forderungen hervor *). Der Gedanke einer
neuen Zusammenkunft Brücks und Komerstadts wurde auch jetzt
1) I»c. 9656 „des K£ Johann Friedrichs zu Sachsen mit dem Koadjutor
zu Eilenburg . . . 1545“, Bl. 43 und 46. Das Hauptgutachten Brücks ebenda
Bl. 2 ff. „Ungefährliche Artickel“ des Kf. über die Unterredung ebenda BL 19—24
30. Als eine Art Antwort darauf möchte ich ein zweites Gutachten Brücks. ebenda
61. 35 — 45, betrachten. Ueber die Unterredung selbst liegen nur zwei nicht sehr
belangreiche Aufzeichnungen, ebenda Bl. 11/12 und 27/28, vor.
2) Vergl. M. P. C. II, 347/48, Anm.; Brandenburg, I, S. 390f.
3) Brück an Kf. Dez. 17, M. P. C. II, 348, Anm.
4) Brück an Ldgf. Juli 10, M. P. C. II, 290, Anm. Kf. an Brück Juli 12,
Loc. 9656 „Dr. Gregorii Brücken, Dr. Kilian Goldsterns . . . 1544/45*, Bl. 204 — 209.
Brück an Kf. Juli 13, Beg. A. No. 282, Or. M. P. C. II, 290 f. Anm. 347 Anm.
Digitized by Google
Das Verhältnis Job. Friedrichs zu den Albertinem u. zum Kurf. v. Mainz. 549
wieder erörtert, doch wurde nichts daraus, dagegen kam es jetzt
zu der oft erwogenen Begegnung zwischen dem Kurfürsten und
Moritz. Vom 6. bis 12. August sind die Vettern in Torgau zusammen-
gewesen und haben sich gut miteinander vertragen ‘). Wichtiger
war allerdings, was bei den gleichzeitigen Konferenzen Brücks und
Komerstadts herauskam, und da läJlt sich nur sagen, daß sie wenig
befriedigend verliefen, daß weder in der magdeburgischen An-
gelegenheit noch in den Erfurter Streitigkeiten, noch sonst eine
Einigung erzielt wurde. In der magdeburgischen Frage bestand
die alte Schwierigkeit fort, daß man auf kursächsischer Seite
wünschte, daß der Herzog erat einmal seiner Sache sicher sei,
während Komerstadt schon jetzt einen Eventualvertrag für möglich
hielt >).
Das gute Verhältnis, das zwischen den Herren entstanden war,
eröffnete aber doch die Möglichkeit, über die noch bestehenden
Differenzen hinwegzukommen ’), und so sah man denn dem Gegen-
besuch Johann Friedrichs bei Moritz auf dem Schellenberge, der
Ende August stattfinden sollte, recht hofihungsvoll entgegen*).
Diese zweite Zusammenkunft ist ja nun besonders durch die
Exzesse in Baccbo berüchtigt geworden, die dabei stattfanden °) ;
auch sie scheint aber doch die guten Beziehungen zwischen Johann
Friedrich und Moritz gekräftigt zu haben. Wenigstens können wir
als Wirkung der Zusammenkunft feststellen, daß die beiden Fürsten
gemeinsam am 30. August den Landgrafen zu einer Zusammen-
kunft in brandenburgischen Angelegenheiten auf den 18. Oktober
nach Naumbui'g einluden“) und daß der Kurfürst am 7. September
empfahl, daß zwischen ihnen dreien dann ein „sonderlicher Verstand“
abgeschlossen werde ’). Auch in kleinen persönlichen Gefälligkeiten
1) M. P. C. II, 307, Anm. 2. Brandenburg, I, 8. 391. Moritz an
Ldgf. Aug. 16, M. P. C. II, 308—310 und Anm.
2) Aufzeichnungen Komerstadts darüber M. P. C. II, 309, Anm. 2. Leider
sehr aphoristisch. Zu bemerken ist, daß die Verhandlungen zum Teil mit Po-
nikau stattfanden.
3) Brück an Komerstadt Aug. 18, M. P. C. II, 310 f.
4) Komerstadt an Ldgf. Aug. 26, ebenda 8. 314, Anm. 2.
5) Miltitz und Komerstadt an Ldgf. Bept 3. M. P. C. II, 314 f. Ossas Tage-
buch, 8. 67. Zwickauer Chronik in Weimar. Bibi. fol. 156, 364. VergL Voigt,
Moritz, 8. 123 Anm.
6) M. P. C. II, 315, Anm. 2.
7) Neudecker, Urk., 8. 735 — 746, sehr korrekturbedürftig.
Digitized by Google
550
Kapitel FV.
kam das gute Verhältnis zwischen Moritz und dem Kurfürsten zum
Ausdruck ‘). Leider war nur der Herzog, ebenfalls infolge der
Schellenberger Zusammenkunft, so erkrankt, daß seine Aktions-
fähigkeit einige Wochen lang gelähmt war*), und aus der Naum-
burger Zusammenkunft wurde nichts, weil die braunschweigische
Angelegenheit dazwischenkam, die ja nun ihrerseits dazu beitrug,
Moritz seinen protestantischen Vettern zu entfremden.
Es scheint, daß während aller dieser Monate, ob das Verhältnis
nun gut oder schlecht war, beständig auch noch Verhandlungen
über nachbarliche Gebrechen stattgefunden haben®). Ein Vertrag
darüber ist einmal wieder am 11. November abgeschlossen worden*).
Am 28. November schickte dann Moritz ein Verzeichnis der Streitig-
keiten mit dem Kurfürsten an den Landgrafen und bat diesen um
seine Vermittlung®), regte gleichzeitig auch wieder ein Eingreifen
Philipps in der hallischen Sache an. Von den sonst noch bestehen-
den Streitigkeiten waren die um die Erfurter Straßen die wichtigsten.
Herzogliche Gesandte haben Mitte Dezember mit dem Landgrafen
verhandelt und dabei dem Kurfürsten besonders zum Vorwurf ge-
macht, daß er sich immer in einen Brauch zu setzen pflege und
diesen dann bekräftige, wenn man das ruhig hingehen lasse. Jetzt
handle es sich besonders um die Erfurter Straßen. Moritz wünsche
gütliche Handlung und bitte den Landgrafen, sie in der Weise an-
zubahnen, daß er an beide Fürsten gleichlautend schriebe, ent-
sprechend einem Entwürfe, den sie sofort vorlegten®).
Der Landgraf hat merkwürdigerweise vollständige Abschrift
dieser Verhandlungen an Johann Friedrich geschickt’), Anfang
Januar bot er sich ihm dann aber als Vermittler an®). Auf neue
Klagen des Herzogs hin über Uebergriffe, die sich der Kurfürst
1) Kf. lieh Moritz seinen Leibarzt Batzeberger und seinen Spaßmacher
Albrecht. M. P. O. II, 316, Anm. 1.
2) Moritz an Kf. Sept. 22, M. P. C. II, 324 f.
3) Vergl. Brück an Komerstadt Juli 28, B^. A. No. 295, Konz.; andere
solche Briefe ebenda.
4) Bcg. F. p. 206, F, No. 2, 12. Verw. Kasten, 3. Betrifft nur Kleinig-
keiten, auigenommen in den großen Vertrag vom 23. Juli 1567.
.5) M. P. C. n, 427 f.
6) M. P. C. II, 452.
7) Ldgf. an Kf. Dez. 23, Keg. EL p. 670, No. 209, I, Or. M. P. C. II,
456 Anm.
8) Ldgt an Kf. 1646 Jan. 3, Beg. H. p. 670, No. 209, U, Or.
Digitized by Google
Da« Verhältnis Joh, Friedrichs za den Albertinem a. znm Kurf. t. Mainz. 551
besonders in Erfurter Angelegenheiten erlaube, hat Philipp diesen
noch öfter zur Mäßigung ermahnt^).
Johann Friedrich war bereit, auf die Vermittlung des Land-
grafen einzugehen, wünschte aber, daß erst noch abgewartet werde,
ob eine geplante Zusammenkunft der Räte kein Resultat habe’).
Ende des Jahres waren ja die Verhandlungen im Erfurter Straßen-
streit wieder aufgenommen worden, und man hatte sich dahin ge-
einigt, daß am 16. Januar die Kundschaften über die beiden Er-
furter Straßen eröffiiet werden sollten, während die über die Tam-
bacher Straße noch geschlossen blieben. Der Kurfürst wollte
diesen Fall mit einem Streit über die Meißner Domkirche zu-
sammenkoppeln. Die Beschwerden, die man sonst gegeneinander
hatte, sollten am 1. Februar ausgetauscht und zu ihrer Erledigung
am 21. Februar ein Tag in Grimma eröffnet werden"). Die Zahl
der Beschwerdepunkte, die darauf Moritz dem Kurfürsten über-
sandte, betrug 19, Johann Friedrich aber brachte es fertig, den
Vetter mit 23 Punkten zu übertrumpfen ‘). In die sich an-
schließenden Verhandlungen ging man von beiden Seiten mit
keinen großen Hoffnungen hinein"), und das Resultat der vom
27. Februar bis 6. März dauernden Grimmaer Tagung ist dann
auch recht geringfügig gewesen. Wirklich erledigt wurden nur
eine Anzahl unwichtigerer Fi'agen , über einige andere sollten
weitere Verhandlungen stattffnden. So sollten sich z. B. die beiden
Fürsten bis Ostern gegenseitig mitteilen, was für Klostergüter ein
Teil im Fürstentum des anderen habe, damit man eine Ver-
gleichung treffen und künftige Irrungen verhindern könne. Aehn-
lich sollte mit den Pfarreien, Komtureien, Propsteien und geist-
lichen Lehen verfahren werden, über die ein Teil im Gebiet des
anderen zu verfügen hatte").
1) Moritz an Ldgf. Jan. 3, M. P. C. II, 484 f. Ldgf. an Kf. Jan. 11,
Beg. H. ebenda, voL I, Or.
2) Ki. an Ldgf. Jan. 11, Beg. H. p. 670, No. 209, II, Konz.
3) M. P. C. II, 489. 497 f. 536, 2 und Beg. Q. 1—8, Z. 1.
4) Moritz an Kf. Jan. 31, M. P. C. II, 536, 2. Kf. an Moritz Febr. 12,
ebenda, ln Beg. Q. 1 — 8, Z. 1 Or. der 19 Artikel dee Hz«., Konzept der 23
dee Kf. M. P. C. erwähnt nur 20.
5) Moritz an Ldgf. Jan. 16, M. P. C. II, 497 f. Brück an Kf. Febr. 14,
ebenda 536, 2.
6) Nach einem beeiegelten Exemplar der „grimmaischen Abrede" vom
6. März 1546 in Beg. A. No. 302.
Digitized by Google
552
Kapitel IV.
In Ausführung dieser Beschlüsse schickte Johann Friedrich
dem Vetter am 23. April die betreffenden Verzeichnisse zu, Moritz
war aber mit den seinen noch nicht fertig, bat um Verschiebung
des Termins bis zum 9. Mai und schickte das Verzeichnis des
Kurfürsten, da dieser sich Aenderungen Vorbehalten hatte, zurück *).
Johann Friedrich sandte es darauf zur Durchsicht und Verbesse-
rung an seinen Sekretär Antonius Pestei, was diesen zu einer sehr
interessanten Aeußerung vom 1. Mai veranlaßte. Er legte da dar,
daß die Aufstellung eines solchen Verzeichnisses überhaupt un-
möglich sei, da niemand genau wisse, was zum einen und was
zum anderen Fürstentum gehöre. Vor allem werde kein Teil Lust
haben, ein Verzeichnis als abschließend zu bezeichnen, da sonst
der andere schließen würde, daß alles nicht Genannte in seinem
Fürstentum gelegen sei. Das Ratsamste schien Pestei, daß
auch der Austausch der Verzeichnisse auf den Naumburger Tag
verschoben werde’). Vermutlich folgte der Kurfürst diesem
Rate, jedenfalls ist von den beiden Verzeichnissen nicht mehr die
Rede.
Eine ganze Reihe der wichtigsten Punkte war in Grimma un-
erledigt geblieben, so der Streit über den erfurtischen Schutz und
die Straßen, der über die gleichischen Leben, der über die Dom-
kirche zu Meißen und den Schutz des Bischofs, der über das Burg-
graftum zu Magdeburg und das Grafengeding zu Halle u. a. m.
Man beschloß, einem Vorschlag des Herzogs Moritz folgend, daß
beide Teile über diese Punkte dem Landgrafen berichten und diesem
die weiteren Verhandlungen überlassen sollten. Der Donnerstag
in der Osterwoche wurde als Termin für die Uebersendung der
Schriftstücke an Philipp festgesetzt. Eine persönliche Besprechung
wollte man vorläufig vermeiden®). Nur in der Form hielt Moritz
sie für ratsam, daß der Landgraf sich in Naumburg aufhielte, sie
beide aber nur in die Nähe dieser Stadt kämen und Räte hinein
schickten ‘). Philipp wies diesen Vorschlag aber zurück und empfahl.
1) Kf. an Moritz April 23, Moritz an Kf. April 25, R^. A. No. 301.
2) Festel an Kf. Mai 1, ebenda, Hdbf. Aktenst. No. 67.
3) Nach der Abrede in Reg. A. No. 302 und M. P. C. II, 536, 2. Moritt
an Ldgf. Jan. 16, ebenda S. 497 f,
4) Moritz an Ldgf. März 12, M. P. C. II, 537. Johann Friedrich aah in dv
Scheu dea Herzoga vor einer peraönlichen 2aaennmeokunft einai Beweta dafür, daS
deaaen Räte ihn nicht aua ihren Händen laaaen wollten. Daa betrachtete er auch
Digitized by Google
Das Verhältnis Joh. Friedrichs zu den Albertinem u. zum Kurf. v. Mainz. 553
daß sie alle drei am 9. oder 16. Mai zusammeokämen. Auch nach
seiner Meinung sollte aber der Zusammenkunft eine Einreichung
der Schriftsätze vorhergehen*).
Diese ist dann von beiden Seiten Ende April erfolgt*). Die
überreichten Stücke waren so lang, daß der Landgraf für not-
wendig hielt, den Tag am 4. Mai auf den 25, Mai zu ver-
schieben und eine achttägige Verhandlung in Aussicht zu nehmen *).
Während man sich nun auf kurfürstlicher Seite auf die Naum-
burger Versammlung vorbereitete*), kündigte Moritz schon am
9, Mai, ehe er den Brief des Landgrafen vom 4. erhalten hatte,
diesem seine Abreise nach Regensburg an und bat um Ver-
schiebung des Tages®). Der Landgraf hat dann über die Art
und Weise des nach Moritzens Rückkehr abzuhaltenden Tages
auch in der nächsten Zeit noch weiter korrespondiert®). Auf kur-
sächsischer Seite war man dagegen sehr empört, sah in der Regens-
burger Reise nur ein Mittel, um die Verhandlungen zu verhüten,
und versprach sich wenig mehr von dem Herzog*)- Dabei war
man aber durchaus nicht der Meinung, daß diese Streitigkeiten in
Rrofansachen ein Hindernis an gegenseitiger Unterstützung sein
könnten, wenn der Religion wegen Beschwerungen entständen*).
Der Landgraf beurteilte Moritz in dieser Beziehung richtiger und ließ
daher nicht ab, den Kurfürsten zur Nachgiebigkeit in den nachbar-
lichen Streitigkeiten zu ermahnen ®). Wie weit Moritz in der Annähe-
als den Hauptgrund, weshalb von herzoglich sächsischer Seite der Naumburger
Tag abgekündigt wurde. (Bericht an die Landräte vom 6. Juni, Reg. A. No. 307.)
1) Ldgf. an Moritz März 21, M. P. C. II, S. 547.
2) Der kurfürstliche Bericht wurde dem Landgrafen mit Brief vom 26. April
übersandt. P. A. Sachseu-Ernestinische Linie 1546.
3) Ldgf. an Moritz Mai 4, M. P. C. II, 593, Anm. 1.
4) Brück an Kf. Mai 11, Loc. 9656 ,Dr. Qregorii Brücken . . . 1546“, Bl.
33—35, Or. Ein Verzeichnis der Akten, die mitgenommen werden sollten, in Reg.
A. No. 311.
5) M. P. C. II, 589 f.
6) Ldgf. an Kf. Mai 15, an Moritz Mai 16, M. P. C. II, 600 f. und Anm. 1.
Moritz an Ldgf. Mai 27, M. P. C. II, 607. Ldgf. an Moritz Juni 6, ebenda S. 628.
7) Kf. an Ldgf. Mai 22, M. P. C. II, 600, 1. Brück an Kf. Mai 24, ebenda.
Brandenburg I, S. 443.
8) Kf. an Ldgf. Juni 10, Reg. H. p. 676, No. 210, II, Konz. Auch in seinem
Bericht für die Landschaft sagt der Kf., daß er noch auf Moritzens Hilfe ge-
rechnet habe (Loc. 9149 ,Kf. Moritz und Hz. Johann Friedrich betr. 1553“,
Bl. 109 ff.)
9) z. B. im Brief vom 30. Mai, Reg. H. a. a. O.. Or.; Juni 16, Reg. A.
No. 303, Or.
Digitized by Google
554
Kapitel IV.
rung an die Habsburger zu gehen bereit war und bald genug ging,
hat auch er allerdings nicht erkannt ‘). —
Dabei wurde Moritz nun ja vor allem durch die magdeburgische
Angelegenheit bestimmt. Auch sie war bei den Verhandlungen der
letzten Monate immer mitberührt worden, ohne daß natürlich jetzt
beim Kurfürsten Neigung vorhanden gewesen war, mit dem Vetter
abzuschließen. Hatte sich doch seit dem Eilenbuiger Vertrage
sein Verhältnis zu dem Koa^utor in im ganzen erwünschter Weise
weiter entwickelt. Wohl gab es hie und da auch kleine Reibungen,
etwa als der Kurfürst im Eberhausenschen Prozeß seine gericht-
lichen Ansprüche in Halle geltend machte*), oder als Johann Al-
brecht im braunschweigischen Krieg nicht sofort entschieden genug
Farbe bekannte ®), aber alle Versuche der Gegenpartei, den Koad-
jutor oder auch nur Christoph von Absberg zu sich herüberzuziehen,
blieben vergeblich ‘), nnd auch als Johann Albrecht dann durch den am
24. September erfolgten Tod des Kardinals in den Besitz der Stifter
Magdeburg und Halberstadt getreten war, konnte man mit seiner
Haltung zufrieden sein. Manche der Eilenburger Beschlüsse waren
dadurch ja nun obsolet geworden, zu einer Hauptfrage aber wurde bei
dem Alter und Gesundheitszustand des neuen Erzbischofs die Frage
seiner Nachfolge. Sowohl brandenburgische wie Albertinische Um-
triebe setzten sofort bei ihm ein. Johann Albrecht war aber bereit, an
seinen dem Kurfürsten gemachten Aussichten festznhalten *). Auch
jetzt noch brauchte er ja, wie sich bei einer Zusammenkunft zwischen
Brück und Absberg am 9. Oktober in Naumburg zeigte, die Hilfe
Johann Friedrichs, besonders in finanzieller Beziehung. Er hatte
sich gegenüber dem Kardinal kurz vor dessen Tode verpflichtet,
dessen Schulden, nämlich 10000 fl. beim Landgrafen von Leuchtenberg
und 7000 beim Markgrafen Albrecht nebst Zinsen zu übernehmen,
wogegen der Kardinal völlig hatte resignieren wollen. Die Zahlungs-
verpflichtung bestand auch nach Albrechts Tode fort, und der neue
1) Vergl. seioen Brief an Kf. vom 26. Juni, Reg. J. p. 636, Aa, No. 2;
M. P. C. II, 657, Anm. 1.
2) Hülße, S. 381 ff.
3) M. P. C. II, 348, 1. Brandenburg I, 8. 412.
4) Brück an Kf. Aug. 18, Loc. 9656 ,Dr. Qregorii Brücken, Dr. Küiao
Goldsteina . . .“, Bl. 137/38; M. P. C. II, 304, 4. Wahl an Brück Sept 21, Loc. 9656
a. a. O. BL Ulf.
5) Wahl an Brück Okt 4/5, Loc. 9656 „des Kf. zu Sachsen and des Koad-
jutors Räte . . . 1545“, BL 21/22, Or.
Digitized by Google
Das VerhSltnis Job. Friedrichs su den Albertmem n. zum Kurf. t. Mainz, 555
Erzbischof wollte die vom Kurfürsten versprochenen 20000 fl. nun
dazu verwenden und würde diese Summe am liebsten sofort gehabt
haben. Darauf konnte sich aber Brück nicht einlassen, da sofortige
Zahlung des Geldes für den Kurfürsten unmöglich war, und Abs-
herg stellte dann auch in Aussicht, daß sich der Landgraf von
Leuchtenberg vielleicht bis Neujahr gedulden werde und daß die
Schuld an den Markgrafen zum Teil gegen eine Schuld desselben
an Johann Albrecht aufgerechnet werden könne.
Natürlich sprach man in Naumburg auch über die Ausführung
der anderen Bestimmungen des Eilenburger Vertrages. Da war ja
unter anderem ein Ansuchen an den Kaiser um Bestätigung des
Zerbster Spruches verabredet worden. Absberg hielt wegen der
Stimmung in der Umgebung des Koadjutors und im Kapitel für
notwendig in dieser Sache nur ganz im geheimen vorzugehen, etwa
in der Form, daß der Koadjutor um Aufhebung der früheren kaiser-
lichen Inhibition und des Befehls an die Kapitel bitte. Brück war
mit diesem Vorschlag nicht ganz einverstanden, empfahl eine etwas
andere Fassung des Gesuchs und daß man sich auf eine gemein-
same Instruktion für die an den Kaiser zu schickenden Gesandten
einige.
Man sprach ferner auch über die Annahme eines kurfürstlichen
Dienstgeldes durch Absberg, der seinerseits dafür sorgen wollte, daß
kein Koadjutor ohne Wissen des Kurfürsten bestellt werde. Brück
hielt selbst nicht für ratsam, daß schon von den Söhnen des Kur-
fürsten gesprochen werde, da das nicht geheim bleiben und man
Moritz dadurch verletzen würde. Zu einer von Absberg gewünschten
Vermittlung zwischen Johann Albrecht und Halle sprach Brück
seine Zustimmung aus. Er seinerseits regte eine Zusammenkunft
zwischen den beiden Fürsten während des Winters an, der Ver-
treter des Erzbischofs lehnte das aber ans ärztlichen Gründen ab ^).
Ich gehe auf die Schwankungen in den Verhandlungen der
nächsten Wochen nicht weiter ein. Obgleich der Kurfürst infolge
des frühen Todes des Kardinals eigentlich zur Zahlung der 20000 fl.
nicht mehr verpflichtet war, ließ er sich doch dazu bereit finden.
Ein Hindernis entstand aber dadurch, daß Dahme schon stärker
belastet war, als man angenommen hatte. Johann Friedrich wünschte
daher, daß ihm auch noch Jüterbog und das Kloster Zinna verpfändet
1) Brück an Kf. Okt 10, M. P. C. II, 346-352.
Digitized by Google
556
Kapitel IV.
würden, und zwar mit Einwilligung des Domkapitels ‘). Doch gelang
es dann, diese Schwierigkeit dadurch zu beseitigen, daß der Erz-
bischof, der den Markgrafen Albrecht inzwischen selbst abgefunden
hatte, sich mit einem Darlehn von 10000 fl. begnügte*). Diese
Summe ist, nachdem vorher in Gräfenhainichen noch weitere Be-
sprechungen stattgefunden hatten“), am 3. Januar in Bitterfeld den
Vertretern Johann Albrechts überliefert worden*).
In Gräfenhainichen sprach man auch über alle sonst vorliegenden
Punkte. Absberg hielt für ratsamer, die Werbung beim Kaiser
einzeln vorzunehmen, auf kurfürstlicher Seite hielt man aber an dem
Gedanken des gemeinsamen Vorgehens noch fest, die Instruktion
dafür sandte Brück am 15. Januar an seinen Herrn“). Auch
dieser sprach sich in einem Brief vom 17. Januar an Johann
Albrecht dringend für die gemeinsame Werbung aus®). Die In-
struktion, die er dabei übersandte, lief darauf hinaus, daß der
Kaiser gebeten wurde, den Ausspruch der Kommissaiien in der
hallischen Sache wieder eröffnen zu lassen und Wolf von Anhalt
zu beauflagen, das mit Bäten beider Parteien in Zerbst zu tun ').
Der Erzbischof ist nun jedenfalls auf diese Vorschläge uicht
eingegangen, kündigte vielmehr eine Sendung Absbergs wegen der
Werbung an den Kaiser an*). Nach weiteren Korrespondenzen
entschloß sich Johann Friedrich im März auf Rat Brücks, von
seiner Forderung einstweilen abzustehen“). Wegen der burggräf-
lichen Rechte trat man in direkte Verbindung miteinander und
schloß zunächst am 5. Februar einen vorläuflgen Vertrag*®), um
sich dann im April definitiv zu einigen. Auch jetzt wird natür-
lich die Haltung des Kurfürsten in dieser Frage nicht unbe-
1) Kf. an Johann Albrecht Nov. 16, Loc. 9656 „dee Kf. cn Sachsen und d«i
Koadjutors Räte . . . 1545“, BL 30—32, Konz.
2) Johann Albrecht an Kf. Nov. 20, ebenda BL 36—38, Or.
3) Abschied vom 22. Dez., ebenda BL 75 — 76; Protokoll der Yerhandlungai
BL 78—81.
4) R^. Aa. p. 101, A. I, 14, Na 20’, Urk.
5) Brück an Kf. Jan. 15, Loc. 9656 a. a. O. BL 60 f.
6) Kf. an Johann Albrecht Jan. 17, Loa 8949 „Erzbischof Johann Albrechts
mit dem Kf.“, BL 24/25, Konz.
7) Ebenda BL 26- 29.
8) Job. Albrecht an Kf. Jan. 26, ebenda BL 43 f.
9) Loc. 9656 „des Erzbischofs und des Rats zu Halle . . . 1546“.
10) Brandenburg, I, S. 417, 1.
Digitized by Google
Das Verhältnis Joh. Friedrichs zu den Albertincm u. zum Kurf. v. Mainz. 657
einflußt gewesen sein von den Aussichten, die die Koa^utorie
resp. Administration eines seiner Söhne in den Stiftern hatte.
Noch Ende des Jahres 1545 scheint man sich in Kursachsen selbst
nicht darüber klar gewesen zu sein, ob man diesen Plan verfolgen
solle oder nicht. Brück stellte noch am 17. Dezember seine Be-
denken gegen eine solche Koadjutorie wenigstens für die Gegen-
wart zusammen. Er traute zunächst dem Erzbischof nicht recht,
von dem er vermutete, daß er sich bemühen werde, die Sache
hinzuziehen. Ferner machte er darauf aufmerksam, daß viel
wichtiger als die Zustimmung des Erzbischofs die des Kapitels sei,
daß an diese aber vorläufig gar nicht zu denken sei. Brück
fürchtete auch, daß es nur Gegenwirkungen des Domkapitels und
vielleicht auch des Kaisers hervorrufen werde, wenn jetzt viel von
der Sache gesprochen werde. Erneut betonte er dann, daß mit
der bloßen Zustimmung des Erzbischofs gar nichts für die Zeit
nach seinem Tode gewonnen sei. Wähle dann das Kapitel einen
anderen, so müßte man mit Schimpf und Spott abziehen oder
Gewalt gebrauchen, und dabei werde man nicht einmal der Unter-
stützung des ersten Standes des Stiftes sicher sein, da ja selbst
Wolf von .Anhalt und .Albrecht von Mansfeld gegen die Wahl
eines Mitgliedes eines mächtigen Hauses seien. Der Kanzler
machte ferner noch auf die Möglichkeit aufmerksam, daß der be-
trefi’ende Prinz, um sich zu behaupten, die Konfirmation vom
Papst nehme. Daran würden dann die schuld sein, die einen
jungen Fürsten in eine so gefährliche Lage gebracht hätten. Es
schien ihm auch ratsam, erst die Naumburger Sache beim Kaiser
zu erledigen und nicht eine beschwerliche Sache auf die andere
zu häufen. Man solle erst die bnrggräfliche Sache in Ordnung
bringen, später würden die Stiftsstände vielleicht geneigter sein.
Für jetzt solle man sich mit einer Versicherung begnügen, daß
der Erzbischof in keine Koadjutorie willigen werde ohne Ein-
willigung des Kurfürsten^).
Tatsächlich haben sich dann die kui fürstlichen Räte in Gräfen-
•hainichen mit dieser Forderung begnügt, der Kurfürst ließ nur
hinzufügen, daß der Erzbischof es ihm vertraulich zuschreiben, d. h.
also schriftlich versprechen solle. Johann .Albrecht hat dies durch
1) Brück an Kf. 1545 Dez. 17, Loc. 9656 .,des Kf. zu Sachsen und des
Koadjuton Räte“, BI. 55—59. Vergl. M. P. C. II, 348 Anm; Brandenbnrg,
I, 8. 391. 414.
Digitized by Google
558
Kapitel IV.
Brief vom 1. Jannar 1546 getan ‘) und auch dementsprechend ge-
handelt. Erst im April ist man dann doch weiter gegangen, and
es sind zwischen dem EurfOrsten and Johann Albrecht anch Ver-
einbamngen Ober die Annahme eines der Söhne des Earfflrsten,
in erster Linie Johann Wilhelms, znm Koadjutor getrofien worden *).
Wir wissen nicht, was diese Sinnesänderung der kursächsischen
Politiker herbeigeführt hat, vielleicht glaubte man nur, die günstige
Gelegenheit zur Erledigung der Sache nicht vorübergehen lassen
zu dürfen. Die Hanptursache der damaligen Verhandlungen war die
Vermittlung, die Johann Friedrich zwischen dem Erzbischof und
der Stadt Halle übernommen batte. Johann Albrecht hatte ja
sowohl bei Halle, wie bei Magdeburg, wie auch bei dem Kapitel
der Stifter nach seinem Regierungsantritt mit seiner Anerkennung
Schwierigkeiten gefunden und schon im November den Einflnß des
Kurfürsten zur Ueberwindung dieser Widerstände zu benutzen gesucht.
Der Vorschlag, daß Johann Friedrich zwischen dem Erzbischof und
Halle vermitteln solle, findet sich zuerst in einem Briefe Absbergs
vom 20. November’). Um dieselbe Zeit wandte sich auch die
Stadt beschwerdeführend an den Kurfürsten ’). Dieser scheint
seine Vermittlung dann an die Bedingung geknüpft zu haben, daß
der Erzbischof genügende Erklärungen in bezug auf die Religion
abgebe. Darauf versicherte Absberg bei den Verhandlungen in
Gräfenhainichen, daß Johann Albrecht dem Kurfürsten Brief und
Siegel darüber geben werde, daß er nichts gegen die Religion tnn
werde, denn es komme ihm nur darauf an, daß er selbst und die
Geistlichen unbeschwert blieben. Die kursächsischen Räte erklärten
darauf, daß ihr Herr gern zwischen dem Erzbischof und den Städten
Halle und Magdeburg vermitteln werde ’). Die in Aussicht gestellte
Versicherung Johann Albrechts ist mir nicht bekannt geworden, seine
Erklärungen müssen aber doch wohl genügt haben, da in den
1) M. P. C. II, 438, 1.
2) Hülße, 8. 386/87.
3) Absberg an Brück Not. 20, Loc. 9656 „Dr. Gregorii Brücken Schriften . . .
1546“, Bl. 25—27, Or.
4) Brück an Kf. Not. 20, Loc. 9656 „dee Kf. zu Sachsen und des Koad-
jutors Bäte . . . 1545“, Bl. 19, Or.
5) Nach dem Protokoll dee Tages Ton Ponikaua Hand, Loc. 9656 ,4ea Kfen.
zu SatÄsen . . . 1545“, Bl. 78 — 81, und dem Abschied Tom 22. Dez., dModa
Bl. 75/76.
Digitized by Google
Das Verhältnis Job. Friedrichs zu den Albertinem u. zum Kurf. t. Mainz. 559
Korrespondenzen über die Vermittlung aus dem März von der
Religion gar nicht mehr die Rede ist*).
Nachdem der Erzbischof erneut erklärt hatte, daß er mit der
Vermittlung einverstanden sei, wurden die Verhandlungen zunächst
durch die Räte in Schweinitz begonnen. Da sich bald herausstellte,
daß die persönliche Beteiligung der Fürsten notwendig sei, lud Johann
Friedrich den Erzbischof am 7. April auf den 8. nach Wittenberg
ein ’). Hier kam es dann bis zum 13. April zu den entscheidenden
Verträgen zwischen dem Erzbischof und der Stadt. Johann Albrecht
gewährte ihr volle Religionsfreiheit, der Rat leistete ihm dafür die
Huldigung®). Es war der definitive Sieg der Reformation in Halle.
Die erste Ursache der Differenzen zwischen Johann Friedrich und
Albrecht von Mainz war damit erledigt. Schon vorher wurden
auch die Streitigkeiten über die Burggrafenrechte im Sinne des
Kurfürsten beigelegt, und es gelang diesem auch, eine Aussicht
auf die künftige Herrschaft eines seiner Söhne in den beiden
Stiftern zu gewinnen.
Auch in manchen anderen Schwierigkeiten nahm der Erzbischof
in jenen Monaten die Vermittlung des Kurfürsten in Anspruch,
so vor allem gegenüber dem früheren magdebmgischen Kanzler
Türk, der sich in die Dienste Moritzens begeben hatte, und von
dem man mit Recht vermutete, daß er gegen den Kurfürsten und
gegen den Erzbischof intiiguieren und seinen Einfluß in den
Stiftern für die Koa^jutorschaft Augusts auf bieten werde*). So
machte sich denn auch eine Gegenwirkung Albertinischer Gesandten
geltend, als Johann Albrecht gegen Türk vorging®). Schließlich
übernahm Johann Friedrich zusammen mit dem Kurfürsten von
Brandenburg die Vermittlung in dem Streit, und beide baten Moritz,
Türk zu veranlassen, den vom Erzbischof angesetzten Tag zu be-
suchen, ohne daß ihm seine Güter vorher restituiert würden®).
1) Diese Korrespondenzen in Loc. 9656 „des Erzbischofs und des Rats zu
Halle . . . 1546“.
2) Loc. 9656 „des Erzbischofs und des Bats zu Halle . . . 1546“ und Brück
an Kf. März 25, B^. H. p. 664, No. 205, Or.
3) Dreyhaupt, I, S. 227 ff. Hülße, S. 385. Hertzberg, II, 8. 194 f.
4) Hertzberg, II, 8. 191 f.
5) M. P. C. II, 503 f. und Anmerkungen. Brück an Ef. Febr. 14 und März 26,
ebenda 8. 508 Anm.
6) Job. Albr. an Ef. März 24, Beg. J. p. 984, DD, No. 8, 8. Ef. an Joh.
Albr. März 29, ebenda No. 8, 11. Joh. Albr. an Ef. und Joachim II., März 30,
M. P. C. II, 561, 1. Die beiden Kfen. an Hz. Moritz April 5, ebenda 561 f.
Digitized by Google
560
Kapitel IV.
Moritz ließ sich aber darauf nicht ein, machte vielmehr Gegen-
vorschläge, wonach die Kapitel, die Ritterschaft, der Erzbischof
und er je 3 Vertreter zu einer Verhandlung entsenden sollten*).
Da Johann Albrecht diesen Vorschlag nicht annahm, sondern dabei
blieb, daß die beiden Kurfürsten und Moritz Schiedsrichter zwischen
ihm und Türk sein sollten, brach der Herzog die Verhandlungen ab’).
Gerade der Aufenthalt Türks am Dresdener Hofe wird die
Stimmung dort gegen Johann Friedrich nicht verbessert haben,
und wenn auch die Aprilverträge geheim gehalten wurden, so wird
man doch über die Verbindung zwischen dem Kurfürsten und
Johann Albrecht schwerlich ganz ohne Nachrichten gewesen sein*)
und war entschlossen, alles aufzubieten, um eine Ernestinische Nach-
folge in den Stiftern zu verhindern. Man rechnete dabei vor allem
auf die Unterstützung des Kaisers. Dessen Mandat vom 2. Juni,
das dem Erzbischof verbot, einen Koadjutor ohne seine Genehmigung
anzunehraen, darf vielleicht schon als eine Folge Albertinischer
Einwirkungen betrachtet werden*), und daß der Regensburger Ver-
trag vor allem möglich wurde durch die Zugeständnisse, die der
Kaiser Moritz in bezug auf Magdeburg-Halberstadt machte, ist
bekannt.
Auf kursächsischer Seite hat man sich durch das erste Mandat
des Kaisers nicht allzusehr beunruhigen lassen*). Man faßte bei
einer Zusammenkunft der Räte in Hainichen ziemlich mutige Be-
schlüsse, verließ sich vor allem darauf, daß die Sache nicht wirklich
bekannt sei*). Als dann das zweite Mandat des Kaisers erging,
1) Moritz an die beiden Kfen. AprU 12, M. P. C. II, 8. SSi.
2) Brück an Kf. April 22, Loc. 96.56 „Dr. Gregorii Brück Schriften . . .
1546“, Bl. 17 — 23. Joh. Albr. an die beiden Kfen. Mai 5, M. P. C. II, 594, 2.
Die Kfen. an Moritz Mai 13, ebenda B. 594 — 596. 594, 2 am Ende.
3) Bchon im November 1545 gingen den Albertinern Nachrichten von Be-
mühungen des Kf. um die Koadjutorschaft für einen seiner Böhne zu. M. P. C.
n, 421 f.
4) Kopie des Mandats in Loc. 8949 „Erzbischof Johann Albrechts . . . 1543
46. 47“, Bl. 35. M. P. C. II, 612, 1.
5) Brück schrieb neben die Drohung des Kaisers, er werde, wenn der Erz-
bischof nicht gehorche, das vornehmen, was ihm als römischem Kaiser von Obrig-
keit wegen gebühre: bene, was were das.
6) Joh. Albr. an Kf. Juni 14, 15, Loc. 8949 „Ehzbischof Joh. Albrechts
. .“, Bl. 58. 60, Or. Kf. an Joh. Albr. Juni 16, Bl. 67 f., Konz. Entwurf für
die Antwort an den Kaiser, ebenda Bl. 31 — 34; M. P. C. II, 715, 3. Brück sn
Kf. Juni 16, Loc. 9656 „des Kfen. zu Sachsen und des Koadjators Räte . .
Digitized by Google
Das VerhällnU Job. Friedrichs zn den Albertinern u. zum Enrf. v. Mainz. 561
durch das Moritz zum verordneten Konservator der Stifter ernannt ‘)
wurde, konnte der Ausbruch des Krieges schon als sicher be-
trachtet werden. —
Man wird nicht bezweifeln können, daß bei den verhängnis-
vollen Entschließungen Moritzens für diesen Krieg der Streit um die
beideu Stifter eine große Rolle gespielt hat. Man wird sich daher auch
zu fragen haben, wie weit Johann Friedrich selbst eine Mitschuld
an der Haltung seines Vetters getragen habe. Da werden wir ihm
nun nicht daraus einen Vorwurf machen können, daß er auch den
Albertinern gegenüber seine burggräflichen Rechte, von denen er
nun einmal überzeugt war, zu wahren suchte, noch daraus, daß er
darauf einging, als ihm die Vorschläge des Koadjutors eine Mög-
lichkeit eröffneten, die Stifter für sein Haus zu gewinnen. Zu
tadeln ist nur, daß er so gar kein Verständnis besaß für den Wert,
den Moritz auf diese .Dinge legte, und nie daran dachte, daß seine
Opposition gegen Moritzens Pläne diesen ganz auf die feindliche
Seite treiben könne. Sein Fehler war in erster Linie ein psycho-
logischer. Er glaubte, daß der Herzog ebenso wie er selbst ver-
stehen werde, diese weltlichen Angelegenheiten und Streitigkeiten
von der Religionssache zu trennen. Sonst hätte er doch wohl an
die Möglichkeit gedacht, trotz aUer seiner Ueberzeugtheit von
seinem Rechte *) in einigen Punkten dem Vetter entgegenznkommen
und ihn so vielleicht festzuhaJten. Statt dessen müssen wir be-
obachten, daß er gerade seit der Zeit, wo er in der magdeburgischen
Sache einen entschiedenen Vorsprung gewonnen hatte, weniger ent-
gegenkommend war, als vorher. So zeigt z. B. seine Haltung
gegenüber den Religionsvergleichungsbestrebungen das Herzogs im
November 1545 eine unnötige Schärfe’), und in den nachbarlichen
Streitigkeiten behielt er sein altes Verfahren der Herstellung eines
Bl. 175. Verhandlungen in Hainichen zwiachen Ababerg, Brück und Ponikan
Juni 19, Loc. 9656 a. a. O. Bl. 186 — 193, Protokoll. Vidieicht wurde hier die
Antwort an den Kaiaer aufgesetzt.
1) Juni 19, an Joh. Albr., R^. J. p. 254, N, No. 2, 2, Or.
2) Wie er sie z. B. in dem Bericht an die Landrfite vom 5. Juni 1546 zum
Ausdruck bringen ließ. Beg. A. No. 307.
3) An Ldgf. Dez. 9, M. P. C. H, 421, 1. Brandenburg, I, 8. 409. Man
mufi allerdings bedenken, dafi es gerade in diesen Dingen beim Kurfürsten kein
Flickwerk gab.
BshxitS« zur neuerao Geachicfate TbUriogaas I, t. 36
Digitized by Google
562
Kapitel IV.
vollzogenen Faktnms bei‘)- Anch den Bemühnngen, Moritz fflr
einen neuen Bund zu gewinnen, brachte er wenig Vertrauen ent-
gegen ’). In der Tat verliefen ja allerdings alle Versuche, Moritz
festzuhalten, ganz resultatlos *). Ueberhaupt werden wir uns natür-
lich auch davor hüten müssen, die Schuld an dem schließlichen
Ausgang allein dem Kurfürsten zuzuschieben. Offenbar hat auch
Moritz ihm die Sache schwer genug gemacht. Das Recht in den
nachbarlichen Streitigkeiten war stets zum mindesten zweifelhaft,
und in der magdeburgischen Sache ist eben doch trotz aller fried-
lichen Erklärungen Komerstadts der Herzog niemals für bestimmte
Versicherungen über die magdeburgischen Burggrafenrechte zu
haben gewesen. Auch ihm lag eben viel an Halle, wie er dem
Landgrafen einmal schrieb *), und er konnte sich nicht entschließen,
dem Kurfürsten dort so viel, wie dieser beanspruchte, einzuräumen,
obgleich er dafür etwa im Frühjahr 1545 dessen Zustimmung zu
allen seinen sonstigen Absichten auf die beiden Stifter hätte ge-
winnen können. So trieben denn die Vettern in eine immer er-
bittertere Feindschaft gegeneinander hinein zur Freude der Habs-
burger, zum Schaden ihres Hauses und des Protestantismus. Wenn
schließlich der Gewissenlosere, aber auch politisch Begabtere von
ihnen aus diesem Ringen als Sieger hervorging, so hat er das.
wenn wir den Verlauf des schmalkaldischen Krieges ins Auge fassen,
aber doch weniger seiner Ueberlegenheit, als dem militärischen
Uebergewicht des Kaisers über die Schmalkaldener zu danken ge-
habt. Auch für das künftige Verhältnis der beiden wettinischen
Linien ist ja der schmalkaldische Krieg ausschlaggebend gewesen.
1) Vergl. Moritzens Klagen vom 3. und 16. Jan., M. P. C. II, 4811 498.
Den Erneetinischen Standpunkt kann man aus den Akten in B^. G. No. 20 ent-
nehmen. Man hielt trotz aller Versöhnlichkeit, die z. B. Brück in einem Gut-
achten zum Ausdruck brachte, doch für nötig, gerade in StraOeniillen zuror-
zukommen, damit die G^enpartei nicht behaupten könne, daß sie in posseasione
der betreffenden Rechte sei.
2) An Ldgf. Jan. 30, Reg. H. p. 670, No. 209, 1. Hasenclever, I, 8. 198L
3) M. P. C. n, 543 ft 552 ff. Brandenburg, I, 8. 427.
4) Instruktion für Ges. an Ldgf. Nov. 28, M. P. C. II, 427 f.
FroBtB«ajueba BQob4ntekflrel (Htniuuui PoU«) li J«uu — SK8
Digitized by Google
Vorlatr ron Gnstav Fiacher ln Jena.
Fortseixung von SeiU 2 des Umschlagt.
ZcHsclirlft des Vereins fUr Thilringisebe Geseblehte und Altertnmsknnde.
Erstes Snppleraentlieft, Llobeskind, P., Oberpfarrer in Münchenbemsdorf. Die
Glocken des Neustndter Kreises. Ein Beitrag zur Glockenkunde. Mit 89 Text-
abbildungen 1905. Preis; 2 Mark 70 Pf.
Zweites Huppleinentbeft. OrtlofT, Hermann, Dr., lAndgerichtsrat o. D. in Weimar,
Die Verfassunncntwicklung im üroQherzogtnm Sachsen-Weimar-Eisenach.
Nebst fünf gesäichtlichen Anlagen. 1907. Preis: 3 Mark.
Codex Tliuringlae diplomntiens. Sammlung ungedruckter Urkunden zur Geschichte
Tharingens. Lieferung 1, hcrausgeg. von Michelsen. 1854. 12'/,^o^n^4“.
Elnert, E., Professor in Arnstadt, Johann JSger ans Oornheim ein Jugendfreund
Luthers. I. Teil. Festschrift zum 10. November 1883. 1 M. 20 Pf.
Gescblchtsqnellen, thttringische.
Bd. I. Ann. Reinhardsbr., hrsg. von Wegei e. 18.54. 22*/, Bogen. 6 M.
„ n. Nicolai de Siegen clironicon ecmesiasticum, hrsg. von Wegei e. 1855.
33 Bogen. 9 M.
„ lU. Joh. Rothe’s DOringische Chronik, hrsg. von v. Liliencron. 1859.
48 Bogen. 9 M.
„ rv. Crkundenbuch der Stadt Arnstadt 704—1495. Herausgegeben von Dr.
C. A. H. Burkhardt 1883. 32 Bogen. 12 M.
Bd. V, I. Teil, ürkundcnbuch der VOgto von Weida, Gera und Plauen, sowie
ihrer Hausklöster Mildenfurth, Cronschwitz, Weida und z. h. Kreuz bei
Saalburg. Erster Baud 1 122—1350. Heraus^goben von Dr. B er t h o 1 d
Schmidt 1885. 40 Bogen. 15 M.
Dazn Berichtigungen n. Ziishtze. Von Dr. 0. Dobenecker, Jena. 1885.
„ V, II. Teil. Urkundenbuch der Vögte von Weida, Gera und Planen, sowie
ihrer Hausklöster Mildenfurth, Cronschwitz, Weida und z. h. Kreuz bei
Saalburg. Zweiter Band. 1357—1427. Herausgegoben von Dr. Borthold
Schmidt 1892. 4G Bogen. 20 M.
Bd. VI, I. Teil. Urkundenbuch der Stadt Jena und ihrer geistl. Anstalten. I. Band
1182 — 1405. Horausg. von Dr. J. E. A. Martin. 18w. 42 Bogen. 15 M.
„ VI, n. Teil. Urkundenbucli der Stadt Jena und ihrer geistl. Anstalten. H. Band.
1400 — 1525. Mit Benutzung des Nachlasses von Dr. J. E. A. Martin
herausgeg. von Dr. Ernst Devrient 1903. 38 Bogen. 16 M.
„ Vn, I. Heft Urkundenbuch des Klosters Paulinzelle. I. 10G8 — 1314. Heraus-
gegeben von Dr. Ernst AnemQller, Gymnasialoborlehrer in Detmold.
1889. 10 Bogen. 4 M.
„ Vn, II. Heft Ürkundcnbuch des Klosters Paulinzolle. H. 1314 — 1534. Heraus-
gegeben von Prof. Dr. Ernst Anemüller, Gymnasialoberlehrer in
Detmold. 1905. 2G‘L Bogen. 11 M.
„ VIII, 1. Teil. Krnestinischo Landtagsakten. BandL Die Landtage von 1487 — 1532.
ßearboitot von Dr. C. A. II. Burkhardt 1902. 19 Bogen. 7 M. 50 Pf.
Regesta dipl. iiecnon op. hist. Tliuringlae. Herausg. von Otto Dobenecker
I. Bd. (ca. 500-1152). 1896. 30 M. II. Bd. (1152—1227). 1900. 30 M.
III. Rd., 1 (1228-1247). 1904. 15 M.
Bechtsdcnkmailo aus Thüringen, hersg. von Michelsen. Lief. 1 — 5. 1852 — 63.
Preis jed. Lief. (Ö — 8 Bog.) 1 M. 20 Pf.
Richter, Gustav, Moritz Seobeck. Eine Ged&chtnisredo, gehalten in der Rose zu Jena
am 3. Mära 1886. Mit Anmork. u. urkiindl. Beilagen. 1886. 1 M. 60 Pf.
und Nippold, G., Richani Adalbert Lipsius. Zwei Ged&clilnisredeit gehalten
in der Kose zu Jena am 5. Februar 1893. I. Lipsius Lebensbild, ll. Lipsius
historische Methode. 1893. 1 M.
Hiehelsen, Der Mainzer Huf zu Erfurt am Ausgange dos Mittelalters. 1853.
3’/, Rogen. I“. 1 M.
— Ueber die EhrenstOcke u. den Rautonkranz als historische Probleme der Heraldik.
1B54. 5*/, Bogen. 4». 1 M.
— Die Ratsverfassung von Erfurt im Mittelalter. 1855. 6 Bogen. 4*. 1 M.
— Urkundlicher Ausgang der Grafschaft Orlamflnde. 1856. 5 Rogen. 4". 1 M.
— Die lUtesten Wappenschildo der Landgrafen von ThOringon. Mit 1 Tafel in
Farbendr. 1857. 6*/, Bogon. 4". 1 M.
— Johann Friedrichs Stadtordnung fOr Jona. 1858. 12 Bogen. 4°. 2 M.
Die vorstehend vorzeichneten Schriften; Zoitachr. Bd. I — 5TII, Codex Thur,
diplom. Lief. I, Geschichtsquellen Bd. I — HI, Rechtsdenkmalo Lief. 1 — 5 u. die noch
vorrät. kleinen Schriften von Michelsen, wenn zusammen bezogen, erhalten Mitglieder
des Vereins, anstatt zum Ladenpreis von 70 Mark, für 30 llark.
Ü
I
Beiträge
zur
neueren GescWcMe Thüringens
Band I
Johann Friedrich der Grossmutige
1503—1554
Zweiter Teil
Vom Regierungsantritt
bis zum Beginn des Schmalkaldischen Krieges
Namens des Vereins
für Thüringische Geschichte und Altertumskunde
herausgegeben von
der thüringischen historischen Kommission
Bearbeitet von
Dr. Georg Mentz
a. o. Professor an der Universität Jena
Jena
Verlag von Gustav Fischer
if w«n.<4> Ui
PfR/OD
^eusb
BOOKS
*•"•*»0/« or
mn„ i.
"•c>>org„
^SSsJfTt
’£!5£^tion
BERKELEY
U C BERKELEV LIBRARIES
i
■ ■(
-J